Jurij/Pero Teil 4

Plötzlich konnte ich Schritte hören, drehte mich jedoch nicht um. Atmete ein letztes mal tief durch, machte mich bereit.
“ Jurij? Hey, was machst du denn hier? Schön dich zu sehen! “ Cene, Peros kleiner Bruder, wie ich an der Stimme erkennen konnte. Doch ich antwortete nicht, lockerte meinem Griff um die Stange und rutschte ein wenig nach vorne. Gleich würde alles vorbei sein.
“ Was zur… Du willst doch nicht… Jurij, nein!“ Ich ignorierte Cenes panischen Worte, die schnell näher kommenden Schritte. Rutschte weiter nach vorne, umfasste erneut die Stange um mich besser abstoßen zu können. Gleich würde ich frei sein. Ich schloss meine Augen.
War bereit zum fliegen, ein allerletztes Mal.

***

Von irgendwo her konnte ich Stimmen hören. Mein Kopf dröhnte, ein schmerzvolles Stöhnen kam leise über meine Lippen. Die Stimmen um mich herum verstummen.
“ Er wacht auf! Jurij? Jurij, kannst du uns hören? “
Ich versuche meine Augen zu öffnen, doch das Licht war zu hell, sodass ich sie sogleich wieder zusammen kniff. Ich spürte eine Berührung an meinem Arm, jemand strich mir über die Wange.
„Jurij?“ Die Stimme meiner Mutter. Erneut startete ich einen versuch die Augen zu öffnen. Das gleißende Licht verschwand, ich konnte verschwommene Gestalten erkennen. Dann wurde es etwas schärfer. Offensichtlich war ich in einem Krankenhaus, und um mich herum saßen meine Mutter und meine Schwester. Mein Kopf schmerzte leicht.

“ Was… was ist passiert?“, wollte ich wissen und begann, meine Schläfen zu massieren. Vielleicht würde das meine Kopfschmerzen etwas lindern. Mama und Anja sahen sich kurz ernst an, Mama seufzte.
“ Du… Du wolltest dir das Leben nehmen… von der Schanze springen. Cene konnte dich im letzten Moment vom Geländer ziehen. Allerdings hat du dich dabei schwer am Kopf verletzt, wir wussten lange nicht ob du es schaffst.“ Mamas Blick richtete sich gegen die Wand, ich merke wie sie gegen die Tränen kämpfte. Ich drückte ihre Hand, die noch immer meine festhielt. So langsam kamen auch bei mir die Erinnerungen zurück.

„Wie lange hab ich geschlafen? „, wollte ich dann wissen.
“ Fast drei Monate.“, meinte Anja und ergriff nun meine andere Hand. Also musste es nun irgendwas kurz vor Weihnachten sein und der Weltcup somit in vollem Gange.
Plötzlich ging die Zimmertür auf und eine Krankenschwester betrat das Zimmer. Sie sah mich überrascht an, wandte sich dann an meine Mutter und stürmte gleich darauf wieder aus dem Zimmer, um dann in Begleitung eines Arztes und zwei weiteren Schwestern wiederzukommen.
“ Wie fühlen sie sich?“, wollte der Arzt wissen, während er mit einer Lampe in mein Auge leuchtete. Die Schwestern man unterdessen meinen Blutdruck, den Puls ab und untersuchten einige andere Dinge.

“ Müde, und ich hab Kopfschmerzen. „, antwortete ich. Konnten die mich nicht einfach weiter schlafen lassen? Am liebsten für immer… Denn so langsam kamen die Erinnerungen zurück. An Pero, an Urban, an Pero und Urban. Am Dinge, die ich am liebsten vergessen hätte. Die der Grund waren wieso ich nun überhaupt hier lag. Ich wandte meinen Kopf ab und starrte zum Fenster. Der Arzt und die Schwestern verließen das Zimmer wieder. Erneute ergriff meine Mutter meine Hand und drücke sie leicht.
“ Pero und Urban haben uns erzählt was passiert ist.“, meinte sie nur. Ich nickte nur. Ich reagierte nur noch knapp auf das, was Anja und Mama sagten, und schließlich lesen Sie mich in Ruhe. Auch wurde mein Wunsch, außer von meiner Familie keinen Besuch zu erhalten, zum Glück respektiert. Obwohl ich am liebsten gar niemanden gesehen hätte.

Nach einigen Tagen, in denen ich beobachtet und zig mal untersucht wurde, wurde ich schließlich in eine psychiatrische Klinik verlegt. Begeistert war ich nicht, aber vielleicht konnten sie mir ja wirklich helfen. Und tatsächlich war es gar nicht so schlecht. Vor allem die Antidepressiva, die ich nun nicht mehr verweigerte, erfüllten ihren Zweck. Meine Karriere konnte ich nun wohl sowieso endgültig vergessen. Und irgendwie empfand ich das mittlerweile als gar nicht mehr so schlimm. Ich dachte nach, führte viele gute Gespräche, und schließlich schmiedete ich Pläne. Erstmal mein Studium beenden, nen Job suchen, und nebenbei als Hobby weiterhin freizeitmässig Autorennen und Rallyes fahren. Von Skispringen wollte ich eher Abstand halten, auch zu den Leuten die ich dadurch kannte. Das würde wohl erstmal das Beste sein.

So fuhr ich nach einigen Wochen nach hause und war voller neuen Hoffnungen. Tatsächlich verlief auch alles nach Plan, zumindest anfangs. Ich ging zur Uni, fuhr Auto, brach den Kontakt zu den Skispringleuten mehr oder weniger ab und lebte vor mich hin. Es war nicht perfekt, aber okay. Meine Familie unterstütze mich so gut es ihnen möglich war. Und dennoch -es fehlte einfach irgendwie was. Ich versuchte es zu ignorieren, mich abzulenken,doch so richtig klappte es irgendwie nicht. Ich begann vom Skispringen zu träumen, versuchte es zu ignorieren, konnte jedoch irgendwann kaum noch an etwas anderes denken. Was sollte ich tun? Ich redete mit meiner Familie, die mir schließlich riet es doch einfach zu versuchen. Und so griff ich schließlich zum Telefon und rief Goran an.

***

So mache ich mich einige Tage später auf den Weg nach Planica. Ich würde mit einigen Nachwuchsspringern trainierten und gucken was überhaupt noch ging. Ich hoffte ich würde überhaupt noch in meinen Sprunganzug passen. In meinem Bauch fing es an zu kribbeln, als die Schanzen in Sichtweite kamen. Ich stellte meinen Wagen auf den Parkplatz, beobachtet von einer Gruppe Jungs, die auf ihren Trainer warteten. Darunter auch Peros Bruder Domen, sowie einige andere, die ich vom sehen kannte.
Sie wirken überrascht, als ich auf sie zu ging. Domen kam mir entgegen.
“ Was machst du denn hier?“, wollte er wissen und schien sich zu freuen mich zu sehen. Etwas überrumpelt erwiderte ich seine Umarmung.

Ich erklärte ihnen kurz was ich vorhatte. Die „Kleinen“ waren begeistert, vor allem Domen hörte gar nicht mehr auf zu strahlen und wich mir nicht von der Seite. Während meiner Beziehung mit Pero hatte ich viel Zeit bei ihm Zuhause verbracht und mich auch immer sehr gut mit seinen Brüdern und dem Rest der Familie verstanden.
Schließlich tauchte der Trainer auf, und wir machen uns auf den Weg zur Schanze. Schnell stelle ich fest, dass meine Kondition auch schon besser gewesen war. Ansonsten verlief es aber gut, und dann ging es endlich ans springen. Auch dies verlief erstaunlich gut, ich konnte problemlos mit dem Nachwuchs mithalten, wenn auch noch nicht ganz an meine früheren Leistungen anknüpfen. Aber das war ja auch nicht verwunderlich.

So beendete ich zufrieden das erste Training und unterhielt mich danach noch kurz mit dem Trainer. Ich würde nun erstmal mit ihnen trainieren und dann weiter schauen. So mache ich mich auf den Weg zurück zu meinem Auto. Und es überraschte mich nicht wirklich, dass dort Domen auf mich wartete. Er grinste mich an.
„Nimmst du mich mit bis nach Selca?“, fragte er uns sah mich verlegen an. Ich zögerte kurz. Es wäre zwar nicht mal ein Umweg, ihm nach hause zu fahren, doch vermutlich würde mich der Kleine unterwegs komplett ausquetschen, und ich wusste nicht ob ich mir das antun wollte.
“ Bitte!“ Domens Dackelblick ließ mich weich werden, ich schloss den Wagen auf und deutete auf die Beifahrertür.
“ Spring rein. “

Zufrieden stieg Domen in den Wagen, ich tat es ihm gleich, und wir fuhren vom Parkplatz. Die ersten Kilometer fuhren wir schweigend, bis Domen sich schließlich räusperte.
„Ich finds cool dass du wieder trainierst. Und schade dass das mit Pero und dir nichts mehr ist.“
Ich klammerte mich am Lenkrad fest.
„Denkst du das könnte nochmal was werden? Also zwischen euch? Ich würde mich echt freuen.“
Ich zuckte mit den Schultern, schüttelte dann aber den Kopf.
„Schade…“
„Ist Pero noch mit Urban zusammen?“,wollte ich dann wissen. Domen schüttelte den Kopf.
„Waren sie eigentlich auch nie… Er sagt dass das eigentlich nur ein Unfall war und nie hätte passieren sollen. Ich glaube er liebt immer noch dich…“

Ich starrte auf die Straße.
„Und Cene macht sich Vorwürfe weil du dich wegen ihm so schwer verletzt hat.“
„Das braucht er nicht. Immerhin hat et mir das Leben gerettet.“
Domen nickte.
„Das sagen wir ihm auch immer, aber es bringt nichts. Vielleicht solltest du es ihm selber sagen. Er ist Zuhause, er hat sich letztens das Knie verletzt.“
Ich nickte, eigentlich keine schlechte Idee. So gesehen hatte ich ihm ja viel zu verdanken. Domen wirkte zufrieden und ließ mich die restliche Fahrt zu ihm nach Hause in Ruhe. Ich wurde etwas nervös, als wir schließlich das Haus der Familie Prevc erreichten. Domen sprang aus dem Wagen, und ich folgte ihm zur Haustür. Etwas zögernd folgte ich ihm hinein.

“ Mama? Jurij ist da.“, verkündete er fröhlich, während wir Jacken und Schuhe auszogen. Julijana, seine Mutter, kam aus der Küche und schloss mich erstmal fröhlich in die Arme. Ich war überrascht wie freudig ich hier immer noch begrüßt wurde, obwohl die Zeit, in der ich hier ein und aus gegangen war doch schon eine Weile her war. Wir wechselten einige Worte, als ich Schritte und das Geräusch von Krücken auf dem Laminatboden hörte. Ich sah mich um und erkannte Cene, der in der Wohnzimmertür aufgetaucht war. Er wirkte unsicher und schien nicht zu wissen wie er reagieren soll.
Ich ging schließlich auf ihn zu und umarmte ihn. Cene erwiderte die Umarmung nach kurzem zögern. Dann deutete ich auf sein Knie.
“ Was hast du angestellt?“, wollte ich wissen.

Cene grinste verlegen, und hinter uns begann Domen zu lachen.
„Was ähnliches wie du damals in Klingenthal. Ich musste mich etwas beeilen und bin zum Lift gerannt und dann ausgerutscht. Knie verdreht, Aussenband angerissen.“
Nun musste auch ich lachen. Tatsächlich hatte ich damals einen ähnlichen Unfall. Dieser hatte schlussendlich auch dazu geführt das alles war wie es jetzt war.
Julijana, die wieder zurück in die Küche gegangen war, steckte ihren Kopf in den Flur.
“ Jurij, bleibst du zum Abendessen?“, wollte sie wissen.
“ Okay, gerne.“ Irgendwie war es schön mal wieder hier zu sein. Ich verzog mich mit Cene und Domen ins Wohnzimmer, während sie das Essen fertig kochte. Kurz darauf kam auch Papa Dare mit Ema und Nika, den beiden jüngsten, nach Hause, welche mich ebenso herzlich begrüßten wie Julijana und die Jungs.

Als ich einige Stunden später nach Hause fuhr, war ich so gut drauf wie schon lange nicht mehr. Es war schön wieder einmal Zeit mit der Familie Prevc zu verbringen, auch ohne Pero. Ich trainierte weiterhin in Domens Gruppe mit, obwohl ich schon bald zu gut dafür wurde. Aber ich war unsicher ob ich wirklich wieder Wettkämpfe springen wollte. Diese Saison noch einzusteigen hätte sowieso nicht viel Sinn gemacht. Es wurde zur Gewohnheit Domen nach dem Training nach Hause zu fahren, manchmal auch abzuholen, und nach einiger Zeit trainierte und fuhr auch Cene mit uns mit.
Eines Tages kamen wir Wie gewohnt nach Hause . Es war niemand da, und so starteten Domen und ich direkt ins Wohnzimmer durch uns machten es uns auf dem Sofa gemütlich, während Cene in der Küche verschwand um etwas zu trinken zu organisieren. Die beiden hatten irgend einen neuen Film, den sie mir unbedingt zeigen wollten.

Wir hatten gerade einige Minuten geschaut, als wir die Haustür hörten, uns jedoch nicht wirklich Gedanken darum machten. Als ich jedocheine mir wohl bekannte stimme hörte erstarrte ich. Und tatsächlich erschien gleich darauf Pero in der Wohnzimmertür. Er erstarrte als er mich sah. Ebenso unbeweglich erwiderte ich seinen Blick. Auch Domen und Cene, die scheinbar nicht gewusst hatten dass ihr Bruder zurückkommen würde, wirkten leicht schockiert. Erst Julijana, die ebenfalls ins Wohnzimmer kam und uns fröhlich begrüßte, durchbrach die angespannte Stimmung. Wie ein Roboter stand ich auf, murmelte dass ich nach Hause müsse und ging dann zur Tür, in welcher Pero immer noch stand. Als ich mich an ihm vorbei quetschen wollte packte er mich jedoch am Arm.

Ich fühlte mich völlig wehrlos, als er mich hinter sich her die Treppe hoch zog, in sein Zimmer bugsierte und die Tür hinter uns abschloss. Dann blieb er davor stehen, damit ich auf keinen Fall flüchten konnte. Ich starrte auf den Boden.
„Jurij…“ Ich schaue auf. Ich erschrak fast etwas wegen seiner Stimme und die Art wie er meinen Namen aussprach. Er trat auf mich zu und blieb direkt vor mir stehen. Ich betrachtete meine Schuhe, unsicher was mich nun erwarten würde.
„Ich… es tut mir leid. Ich weiß nicht wie das passieren konnte, mir Urban. Ich wollte ihn eigentlich nur zur Rede stellen, weil ich wusste dass er dich betrügt. Ich hatte ihn zuvor beim knutschen mit nen anderen Kerl erwischt.“

Ich schwankte, mir war als hätte mir jemand einen Schlag verpasst. Ich wusste das Pero die Wahrheit sagte, wieso auch immer…
„Und dann mach ich selber mit ihm rum, ich bin so bescheuert.“, murmelte er dann, „Dabei liebe ich doch immer noch dich…“ Ich sah auf, nun war er es, der auf seine Füße starrte. Ich trat auf ihn zu bis ich direkt vor ihm stand. Pero schielte hoch. Irgendwie musste ich grinsen, dann legte ich Pero meine Hand auf die Wange. Nun hob auch er grinsend den Kopf. Für einen Moment sahen wir uns einfach nur in die Augen, wartete ab dass der andere etwas tat. Schließlich überwand ich mich, machte den letzten Schritt auf ihn zu und legte meine Lippen auf seine.

Es fühlte sich an wie bei unserem ersten Kuss, in meinem Bauch kribbelte es wie blöd und wir konnten gar nicht mehr aufhören. Ich schlang meine Arme um Pero, presste mich so nahe wie möglich an ihn und war erleichtert, dass ich die Nähe zu ihm wieder zulassen und sogar wieder genießen konnte. Vielleicht war unsere „Beziehungspause“ so gesehen gar nicht so schlecht gewesen.
Als wir einige Zeit später Hand in Hand, mit verwuschelten Haaren und roten Wangen, aus dem Zimmer kamen, fanden wir davor Domen und Cene, welche verlegen zurück sprangen und beteuerten, sie wären nur zu meiner Sicherheit geblieben um zu verhindern dass Pero mir etwas antun würde. Natürlich bedankte ich mich erst mal lachend dafür.

Kurz darauf erfuhren wir, dass Urban gekündigt hatte um als Physiotherapeut nur noch bei seinen Kanu- und K ajakfahrern arbeiten zu können. Ich beschloss schließlich doch wieder mit dem A-Team zu trainieren und hoffte die kommende Saison unfallfrei zu überstehen. Vor allem aber machen Pero und ich alles, damit unsere Beziehung nicht nochmal zerbrach. Und es schien zu klappen. Wie redeten mehr als zuvor, über alles was uns beschäftigte und das zwischen uns gefährden könnte. Dieses mal wollten wir es uns nicht nochmal kaputt machen lassen. Und es funktionierte. Wir zogen schließlich wieder zusammen, und es klappte besser als jemals zuvor.
So zogen wir im folgenden Jahr wieder gemeinsam in den Weltcup, um sowohl miteinander für unsere Beziehung als auch gegeneinander um den Gesamtweweltcup zu kämpfen. Und in Zukunft alle Höhen und Tiefen gemeinsam zu überstehen.

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Jurij/Pero Teil 3

Die Tür knallte ins Schloss, und ich liess mich seufzend auf die Bank zurücksinken. Kurz vergrub ich mein Gesich in den Händen, atmete tief durch und stand dann auf. Dann verliess ich die Umkleidekabine, aus welcher Pero wenige Sekunden vorher gestürmt war. So langsam verlor ich die Hoffnung daß es wieder so werden würde wie letzten Sommer. Wir konnten kaum noch miteinander reden ohne dass es aus irgend einem nichtigen Grund im Streit endete.v

Seit der Sache mit dem Physiotherapeuten fiel es mir schwer Nähe zuzulassen, obwohl das Ganze schon mehr als ein halbes Jahr her war. Die Psychologin half mir zwar das ganze im Kopf zu verarbeiten, doch gegen die Panik wenn mich irgendwer anfasste, leider auch bei Pero, konnte auch sie nichts machen… Logisch dass unser Liebesleben dadurch völlig eingeschlafen war… Küssen ging gerade noch so, auch durfte er mich mittlerweile wieder im Arm halten, doch alles was darüber hinaus ging klappte nicht. Ein paar mal hatte ich versucht es einfach über mich ergehen zu lassen, doch dabei kamen sofort Erinnerungen an da Geschehene zurück. Ich versuche zwar es auszuhalten, doch brach Pero das ganze dann ab weil es einfach keinen Sinn machte.

Und ich verstand natürlich daß diese Situation für ihn frustrierend war, doch tun konnte ich auch nichts dagegen. Ich merke daß er auch an sich zweifelte, auch wenn ich ihm noch so oft versicherte dass es nicht an ihm lag. Eigentlichüberraschte es mich fast dass wir überhaupt noch zusammen waren und er sich nicht schon länger jemanden anderes gesucht hatte. Andererseits war ich ihm mehr als dankbar dafür. Und ich hatte schreckliche Angst davor ihn zu verlieren. Doch so oft wie wir uns momentan stritten würde es wohl nicht mehr allzu lange dauern bis er doch genug von mir haben würde… was ich ja auch verstand. Trotzdem…

Als letzter betrat ich den Fitnessraum und schloss die Tür hinter mir so leise wie möglich. Bloss nicht auffallen. In letzter Zeit War es oft so dass ich mich am liebsten unsichtbar gemacht hätte. Ich fühle mich als ob mich alle anstarren würden, obwohl mir schon einige Leute versichert hatten dass ich mir das nur einbilde. Doch es half nichts, das komische Gefühl blieb. Hätte Pero mich nicht immer mitgeschleppt wär ich wohl kaum noch aus dem Haus gegangen… Auch das essen bereitete mit wieder Probleme, auch hier half mir Pero dass es nicht allzu schlimm wurde. Wie sollte es aber mit mir weiter gehen wenn er weg war…?

Da Training begann, wir sollten als erstes eine runde laufen gehen. So verließen wir das Gebäude und joggten los. Ich steckte mir meinen Ohrstöpsel ins Ohr und lief mit etwas Abstand hinter den anderen her. Diese hatten sich wohl bereits damit abgefunden dass ich lieber alleine war und versuchen gar nicht mehr wirklich Kontakt mit mir aufzunehmen. Natürlich wussten alle was passiert war, zum Glück fragte jedoch niemand danach. Ich wusste nicht ob Pero ihnen irgendetwas erzählt hatte; vermutlich schon…

Irgendwas war an diesem Tag seltsam, obwohl wir nur gemütlich vor uns hin joggten bekam ich kaum Luft, bekam Seitenstechen und fiel zurück. Irgendwann verlangsamte ich mein Tempo, versuche tief durch zu atmen und die Schmerzen durch dehnen weg zu bekommen, doch es half nicht. Mein Herz raste als ich einige Zeit nach dem restlichen Team am der Schanze ankam. Keiner schien wirklich bemerkt zu haben dass ich ein Problem hatte. Erst als mich unser Trainer besorgt musterte und fragte ob alles okay is, drehten sich einige Köpfe überrascht zu mir. Ich schüttelte nur den Kopf, eine Hand in die Seite gepresst und die Zähne zusammen gebissen.

Daraufhin wurde ich erst mal zu Urban geschickt. Etwas besorgt machte ich mich auf den Weg. Immerhin durfte mich nicht mal mein Freund wirklich anfassen, und unser Physiotherapeut würde wohl kaum drum herum kommen dies zu tun…Ich schlich geradezu zu seiner Praxis und zögerte, bevor ich anklopfte. Die Tür wurde geöffnet und Urban stand vor mir. Sein Grinsen verging ihm sogleich als er mich ansah.
„Komm rein, was ist passiert? „, wollte er wissen und ging zu seiner liege, auf welche er einladend klopfte. Noch immer zögernd betrat ich den Raum und setzte mich.

„Ich weiß nicht, wie waen joggen, und plötzlich hab ich Seitenstechen bekommen und konnte kaum noch atmen.“, erklärte ich leise und starrte auf meine Knie. Urban trat vor mich, ich fing an mich zu verkrampfen.
„Tut mir leid, da komme ich jetzt wohl nicht herum…“, murmelte er, bevor er vorsichtig seine Hände auf meine Seiten legte. Kurz zuckte ich zusammen, sah Urban jedoch gleich darauf überrascht an. Seltsamerweise machte mir seine Berührung überhaupt nichts aus, im Gegenteil, es begann sogar leicht zu kribbeln in meinem Bauch. Urban lächelte.

„Alles okay? „, wollte er wissen. Ich nickte nur leicht, zu sehr verwirrte mich diese Situation.
„Okay, das wird jetzt wohl kurz etwas weh tun.“, murmelte er. Gleich darauf biss ich erneut meine Zähne zusammen und warf meinen Kopf in den Nacken. Doch nach wenigen Sekunden war der Schmerz und mit ihm auch meine Atemprobleme und das Seitenstechen verschwunden. Urban strich kurz über meine Seiten, sah mich fragend an, ließ seine Hände dabei jedoch liegen.
„Es ist weg, oder?“, wollte er wissen. Ich nickte nur, noch immer etwas ungläubig. Auch Urban nickte.
„Hab ich mir gedacht. Das passiert manchmal, ist jedoch nicht schlimm, wenn auch schmerzhaft und nervig. Aber nichts dramatisches, sofern du es nicht öfter hast.“

„War das erste mal. „, murmelte ich nur. Er nickte.
„Okay, dann wars da eigentlich auch schon.“, meinte er, „Allerdings würde ich das Training heute ausfallen lassen. Und auch die nächsten Tage eher Schonprogram.“ Kurz ließ er seinen Blick über meinen Körper wanden.
„Und etwas mehr essen dürftest du auch wieder.“
Erwischt. Ich senkte meinen Blick, nickte dann und stand auf.
„Uns wenn das nochmal passiert komm einfach noch mal her.“
Ich nickte nur, bedanke mich und verließ dann noch immer verwirrt die Praxis.

Kurz ging ich zurück in den Fitnessraum, um meinem Trainer Bescheid zu sagen, und machte mich dann auf den Weg zu meinem Auto. Ich setze mich auf den Fahrersitz und schaltete den Radio ein. Nach hause fahren konnte ich zwar noch nicht, weil Pero noch mit mußte, doch hier war gerade der beste Platz um ungestört nachzudenken.
Wieso konnte Urban mich anfassen, ohne dass ich durchdrehte, aber Pero nicht? War es nur eine Art Schutzreaktion meines Körpers um mir die höchstwahrscheinliche Trennung von Pero zu vereinfachen? Oder hatte ich unbewusst irgendwelche Gefühle für Urban entwickelt? Eigentlich war ich mir ziemlich sicherdas ich Pero liebte – noch… Doch hatte dieser auch noch gefühlte für mich? Konnte ich mir vorstellen mit Urban zusammen zu kommen falls das zwischen Pero und mir zerbrach? Vielleicht wollte er ja gar nichts von mir…

Seufzend ließ ich mich in den Sitz sinken und schloss für einen Moment meine Augen. Vor meinem inneren Auge tauchte Peros Gesicht auf, was mich erstmal beruhigte. Vielleicht hatte es auch gar nichts mit Urban zu tun und ich konnte ganz allgemein wieder Körperkontakt zulassen. Ja, so würde das wohl sein. Für einen Moment döste ich ein. Irgendwann hörte ich im Halbschlaf, wie sich die Autotür öffnete.
„Jurij?“, hörte ich Peros Stimme und öffnete meine Augen. Ich blinzelte und drehte mich dann zu Pero, dermitleidig dem Beifahrersitz Platz genommen hatte. Er musterte mich etwas besorgt. Ich lächelte leicht.

„Hey“, murmelte ich, gähnte und versuche mich zu stecken, sofern es der geringe Platz in meinem Wagen zuließ. Ich rieb mir die Augen.
„Alles okay mit dir?, wollte Pero wissen. Ich nickte nur.
„Urbi konnte mir helfen. War nichts schlimmes, nur was eingeklemmt. Ich muß mich nun die nächsten Tage etwas schonen, aber sonst alles okay.“
Pero nickte und wirkte erleichtert. Dann griff er nach meiner Hand und drücke sie kurz.
„Tut mir übrigens Leid wegen vor dem Training. „, meinte er.
„Schon okay. „, ich lächelte ihn an. War ja immerhin auch meine Schuld gewesen. Pero grinste zurück, ich drücke kurz seine Hand, und dann startete ich den Wagen.
Ich war mit sicher dass nun alles wieder werden würde wie vorher.

Wir machten uns auf den Weg nach Hause, kauften unterwegs noch kurz ein und erreichten schließlich unsere Wohnung, welche wir seit einiger Zeit teilten.
Unterwegs redeten wir kaum, doch es war nicht unangenehm. Die Stimmung war eher so entspannt wie schon lange nicht mehr. Zu Hause finden wir an zu kochen. Während Pero am Herd stand saß ich am Küchentisch und schnippelte Gemüse. Irgendwann beschloss ich zu testen ob meine neue Erkenntnis was Körperkontakt betraf stimmte. Ich stand auf, stellte mich hinter Pero und legte meine Arme um ihn. Pero zuckte kurz zusammen und schielte über seine Schulter zurück.

Ich drückte mich etwas fester an seinen Rücken und vergrub mein Gesicht in seiner Halsbeuge. Kurz horchte ich in mich herein. Mein Herz klopfte, doch eher vor positiver Aufregung. Und in meinem Bauch kribbelte es angenehm. Pero war wie erstarrt. Ich liess meine Hände über seinen Oberkörper gleiten, bis sie den Bund seiner Jeans erreichten und sich am Gürtel zu schaffen machten. Nun drehte sich Pero ruckartig um, ein leichtes zittern ging durch seinen Körper, etwas unsicher sah er mir in die Augen. Ich lächelte nur, legte meine Lippen auf seine und war einfach nur erleichtert. Schließlich schob mich Pero leicht von sich, schaltete den Herd aus und zog mich an der Hand hinter sich her ins Schlafzimmer.

Doch dort folgte ziemlich schnell dir Ernüchterung. Es ging so lange gut bis Pero sich an meiner Hose zu schaffen machte. Und dann waren die Bilder in meinem Kopf wieder da. Ich erstarrte, begann zu zittern und schob Pero von mir. Dann drehte ich mich zur Seite und vergrub erstmal mein Gesicht im Kopfkissen. Tränen stiegen mir in die Augen.
“ Es tut mir leid, ich dachte wirklich es geht wieder. “ , flüsterte ich ohne Pero dabei anzusehen. Dieser strich über meinen Rücken.
“ Schon okay. „, meinte er, auch wenn ich hören konnte das es nicht wirklich okay war. Dann stand er auf, verließ das Zimmer und verschwand im Bad. Ich brauche einen Moment um mich zu beruhigen, stand dann auf und ging zurück in die Küche.

Ich schaltet den Herd wieder ein und setzte mich wie in Trance wieder an den Tisch um mein Gemüse weiter zu schneiden. Irgendwann hörte ich die Klospülung. Pero kam wieder in die Küche. Er wuschelte mir kurz durch die Haare und ging dann zurück zum Herd. Obwohl er sich nichts anmerken lassen wollte merke ich genau wie in die Situation von eben frustrierte. Und so beschloss ich anzusprechen, was mir schon so lange im Kopf herum schwirrte und ich bisher versucht hatte zu verdrängen.
“ Vielleicht ist es besser wenn wir da zwischen uns, zumindest für eine Weile, beenden…“

***

Einige Tage waren seither vergangen. Ich war erst mal vorübergehend zu meinen Eltern zurück gezogen, Pero blieb in der Wohnung. Im Gegensatz zu mir schaffte er es, sich kaum etwas anmerken zu lassen. Ich hingegen funktionierte einfach nur noch, verdrängte jegliche gefühlte. Ich trainierte, tat etwas für mein Studium, sogar das essen funktionierte fast automatisch. Ich zog mich zurück, reagierte kaum auf Versuche meiner Freunde, mit mir Kontakt aufzunehmen. Irgendwann ließen Sie mich schließlich in Ruhe. Das war zwar auch nicht wirklich was ich wollte, doch es fiel mir leichter als mich gezwungenermaßen mit ihnen zu unterhalten oder ähnliches.

Irgendwann machte mir mein Körper dann jedoch einen Strich durch die Rechnung. Nicht nur das Seitenstechen und die Atemprobleme kamen zurück, es kamen auch noch heftige Krämpfe in meinen Beinen dazu. So kam es, dass ich mich schließlich erneut auf Urbans Liege wiederfand. Dieser sah mich besorgt an und riet mir, besser mal zum Arzt zu gehen. Dann mache er sich an die Arbeit. Und wie schon beim letzten mal schienen mir seine Berührungen nichts auszumachen. Im Gegenteil. Anfangs unterhielten wir uns noch ein wenig, wobei er auch wissen wollte ob ich noch mit Pero zusammen wäre. Was ich verneinte. Irgendwann fielen mir schließlich die Augen zu.

Erst ein leichtes Rütteln an meiner Schulter und eine Stimme, die wie in weiter Entfernung meinen Namen sagte, ließ mich schließlich langsam wieder zu mir kommen. Ich blinzelte verwirrt. Urbans Gesicht war über mir, er grinste amüsiert.
“ Na, gut geschlafen? „, wollte er wissen. Ich konnte nicht antworten, viel zu sehr faszinierten mich seine Augen. Urbans grinsen wurde breitet.
“ Jurij? Alles okay? “
Ich nickte nur leicht. Wusste nicht was mich daraufhin ritt, als ich einfach meine Hand in seinen Nacken legte, in zu mir zog und meine Lippen auf seine legte. Zu meiner Überraschung erwiderte er den Kuss, und in meinem Bauch breitete sich ein angenehmes kribbeln aus.

Tatsächlich klappte mit Urban fast alles wieder, was mit Pero am Schluß nicht mehr funktioniert hatte. Ich konnte es mir selber nicht erklären woran es lag, es tat mir auch unheimlich leid wegen Pero. Dieser akzeptierte das ganze jedoch und versuche sich für mich zu freuen, auch wenn es ihm schwer fiel. Doch die Freude über mein neues Glück warstärker als das schlechte Gewissen. So langsam fing alles an, sich wieder normal anzufühlen, und irgendwann konnte ich mich auch wieder normal mit Pero unterhalten, wie es vor unserer Beziehung gewesen war. Urban war einfach ganz anders als er, viel geduldiger und einfühlsamer. Vermutlich war das genau das was es brauchte damit ich wieder „normal“ wurde.

Nur mein Körper wollte leider noch immer nicht so ganz wie ich. Die Krämpfe hielten an, auch der Arzt fand nicht wirklich einen Auslöser dafür. Sämtliche Bluttests und ähnliches waren ergebnislos. Urban schaffte es zwar jedes mal mir zu helfen, jedoch wäre es einfacher gewesen das ganze vorzubegen. Andererseits genoss ich es natürlich auch dadurch mehr zeit mit meinem neuen Freund verbringen zu können.
Leider litten unter dem ganzen meine Sprünge, und mir graute schon davor, dass ich zu Hause bleiben musste wärend Urban mit dem Team in die neue Saison startete. Zumal es dann schon die zweite Saison wäre die ich größtenteils verpassen würde. Und ob es danach nochmal klappen würde…

Mit diesen und ähnlichen Gedanken mache ich mich eines Abends nach dem Training auf den Heimweg. Urban hatte mich zuvor noch behandelt, auch mir ihm hatte ich wie so oft darüber geredet, und er hatte mir Mut gemacht. Doch so richtig half es nicht.
Er selber hatte noch einige andere Patienten zu behandeln und musste noch bleiben, während ich schon mal fuhr um das Abendessen vorzubereiten. Noch immer war ich in Gedanken versunken, als ich der Straße in Richtung Kranj folgte. Plötzlich fiel mir etwas ein. Hatte ich mein Handy eingepackt? Bei der nächsten Gelegenheit fuhr ich an dem Straßenrand und griff in meine Hosentasche. Leer. Also lag es wohl noch bei Urban in der Praxis.

Also nochmal zurück. Zwar hätte Urban es mir bestimmt mitgebracht, doch was wenn er es auch nicht bemerkte? Ich hielt es zwar durchaus eine Weile ohne mein Handy aus, doch mit war mir schon lieber… also wendete ich und fuhr zurück in Richtung Schanze. Zum Glück war ich noch nicht allzu weit weg. Ich stelle mein Auto zurück auf den Parkplatz und ging hinüber zu dem Gebäude, in welchem sich Urbans Praxis befand. Dessen Tür stand ein Stück weit offen, und es brannte Licht. Ich hob meine Hand um dennoch kurz anzuklopfen, falls er bereits am behandeln wäre. Doch das was ich im Innern des Zimmers erblicktehätte mich wohl umdrehen und die Flucht ergreifen lassen, wenn ich vor Schreck nicht völlig erstarrt wäre.

In der Praxis waren Urban und Pero, gerade in einen ziemlich leidenschaftlichen Kuss vertieft, ebenfalls befand sich Urbans Hand bereits in Peros geöffneter Hose. Offensichtlich hatte ich vor Schreck doch irgend ein Geräusch von mir gegeben, den nun lösten sie ihren Kuss und sahen mich ungefähr genauso erschrocken an wie ich sie. Urban stieß Pero nun von sich und trat auf mich zu.
„Jurij, ich kann das erklären…“, begann er. Ich schüttelte jedoch nur den Kopf, trat an ihm vorbei und griff nach meinem Handy, das auf einem Schrank lag. Mittlerweile hatte Pero seine Hose wieder geschlossen.

Dann verliess ich ohne ein weiteres Wort den Raum. Ich hörte Urban noch meinen Namen rufen, doch ignorierte es. Je nähert ich meinem Auto kam umso schneller lief ich. Dann sieh ich in mein Auto und fuhr davon, ohne noch einmal zurückschauen.
Erneut quartierte ich mich bei meinen Eltern ein. Dort verbarrikadiert ich mich erstmal in meinem Zimmer, reagierte weder auf klopfen noch auf einen der zahlreichen Anrufe von Urban und Pero. Noch immer befand ich mich in einer Art Schockstarre, starrte regungslos die Wand an, die Arme um meine Beine geschlungen. Irgendwann kippe ich in dieser Position schließlich zur Seite und schlief ein.

Auch die nächste Tage war ich nicht zu gebrauchen. Immerhin hatte ich mittlerweile meine Tür aufgeschlossen und einige Tröstbversuche von Anja und meiner Mutter über mich ergehen lassen. Da scheinbar sowohl Urban als auch Pero vor der Tür gestanden hatten um mit mir zu reden wussten sie nun was passiert war. Überhaupt schienen alle davon zu wissen, ich hatte einige Nachrichten erhalten ob es stimme was man sich erzählt. Ich antwortete jedoch nicht.
Ich tat überhaupt nichts, ging nicht ins Training, starrte hauptsächlich die Wand an und ließ mir gelegentlich einige Bissen Essen einflößen. Meine Gedanken kreisten um alles was passiert war, um Pero, um Urban…

Es verfolgte mich auch im Schlaf, ich schreckte mehrmals pro Nacht hoch und kam kaum noch zur Ruhe. So verging ungefähr eine Woche, bis ich es schließlich nicht mehr aushielt. Nun musste sich etwas ändern. Und so fasste ich schließlich einen Entschluss.
Meine Mutter sah mich erstaunt an, als ich eines morgens angezogen in die Küche kam, nachdem ich tagelang nur in Teainingshose und Shirt rumgesessen war.
„Wo willst du den hin? „, wollte sie wissen.
„Trainieren.“, antwortete ich nur, trank meine Kaffeetasse leer und verließ dann das Haus.

Ich war komplett ruhig und entspannt, als ich in Richtung Planica fuhr. Innerlich ging ich meinen Plan nochmal durch, ein leichtes lächeln legte sich auf meine Lippen. Schließlich erreichte ich die Schanzenanlage und stelle meinen Wagen auf den Parkplatz. Noch war wenig los, dass Training würde erst in etwa einer Stunde anfangen. Fröhlich pfeifend schloss ich meinen Wagen an und machte mich auf den Weg zu den Schanzen. Ich kam ordentlich ins schwitzen als ich die Treppe zur größten Schanze hinauf stieg. Oben angekommen ließ ich meinen Blick ein letztes mal über die ganze Anlage schweifen. Dann ging ich auf die andere Seite, auf welcher es ungefähr dreißig Meter senkrecht in die Tiefe ging. Nur ein niedriges Geländer war davor, auf dessen oberste Stange ich mich nun setzte.

Plötzlich konnte ich Schritte hören, drehte mich jedoch nicht um. Atmete ein letztes mal tief durch, machte mich bereit.
“ Jurij? Hey, was machst du denn hier? Schön dich zu sehen! “ Cene, Peros kleiner Bruder, wie ich an der Stimme erkennen konnte. Doch ich antwortete nicht, lockerte meinem Griff um die Stange und rutschte ein wenig nach vorne. Gleich würde alles vorbei sein.
“ Was zur… Du willst doch nicht… Jurij, nein!“ Ich ignorierte Cenes panischen Worte, die schnell näher kommenden Schritte. Rutschte weiter nach vorne, umfasste erneut die Stange um mich besser abstoßen zu können. Gleich würde ich frei sein. Ich schloss meine Augen.
War bereit zum fliegen, ein allerletztes mal.

Deathzone (Apocalyptica; Perttu/Mikko; P12-Slash

Wie aus grosser Entfernung hörte ich das Zuknallen einer Tür, was mich aus meinen Träumereien hochschrecken liess. Offensichtlich war ich eingedöst, hatte ich mich doch nur einige Minuten auf das Sofa im Bandraum setzen und verschnaufen wollen. Verwirrt sah ich mich im Proberaum um – offensichtlich waren die anderen bereits gegangen. War ihnen auch nicht zu verübeln, immerhin hatten wir die Probe ganz offiziell beendet. Doch langsam, als meine Gedanken wieder klarer wurden, überkam mich das ungute Gefühl, dass dieses Türknallen eben nichts Gutes zu bedeuten hatte.

Ich rieb mir kurz die Augen, streckte meine Arme aus und schüttelte meinen eingeschlafenen Fuss, in der Hoffnung, dadurch das nervige Kribbeln loszuwerden. Wieso musste ich mich auch immer so verknotet hinsetzen und –legen? Noch war das Gefühl in besagtem Fuss nicht ganz zurückgekehrt, sodass ich mehr zur Tür des Proberaums hinkte als wirklich ging. Ich verliess den eigentlichen Proberaum und folgte dem spärlich beleuchteten Flur zur Eingangstür. Probeweise drückte ich die Klinke hinunter.

Ein Fluch kam über meine Lippen, denn meine Befürchtung hatte sich bestätigt: Sie war abgeschlossen. Zum Schutz vor einigen aufdringlichen Fans hatten wir vor einiger Zeit ein Schloss einbauen lassen, welches die Tür von alleine abschloss wenn man sie zufallen liess. Natürlich besass jeder von uns einen Schlüssel, doch meiner lag natürlich – wie üblich – zu Hause. Bisher hatte es immer gepasst, dass ich genau mit einem der anderen hier war, weshalb ich es mir irgendwann abgewöhnt hatte, den Schlüssel mitzunehmen. Und dies schien mir hier gerade zum Verhängnis zu werden.

Noch immer vor mich hin fluchend rüttelte ich, auf ein Wunder hoffend, noch einige Male an der Tür. Natürlich ergebnislos. Wie sollte ich nun hier wieder rauskommen? Jemanden anrufen war auch keine Option, da sich unser Proberaum in einem super-schalldicht-isolierten Keller befand – Handyempfang gleich null… Natürlich hatten wir demnach auch keine Fenster… Vor meinem inneren Auge sah ich mich schon durch irgendwelche Lüftungsschächte klettern, als mich das Zufallen einer weiteren Tür heftig zusammenzucken liess.

Quietschend fuhr ich herum, um mir gleich darauf erleichtert die Hand aufs Herz zu legen. Vor der Klotür stand Mikko, welcher sich scheinbar nicht weniger erschrocken hatte als ich.
„Gott, hast du mich erschreckt!“, entfuhr es mir, „Ich wusste nicht, dass du auch noch hier bist.“ Mikko zuckte grinsend mit den Schultern.
„Jetzt weisst du es…“, meinte er nur und verschwand gleich darauf im Proberaum. Etwas beruhigter folgte ich ihm. Hoffentlich hatte er seinen Schlüssel dabei… Nichts gegen Mikko, aber es gab definitiv Leute, mit denen ich hier lieber festgesessen wäre, als mit ihm… Denn auch wenn ich ihn nun schon länger kannte, hatte ich doch irgendwie wenig mit ihm zu tun gehabt und wusste kaum etwas über ihn.

Noch einmal liess ich mich auf dem Sofa nieder und sah zu Mikko, welcher vor seinen Drums kniete und irgendwas daran rumschraubte. Kurz schielte er zu mir, bevor er sich wieder auf seine Arbeit konzentrierte. Ich räusperte mich.
„Du hast nicht zufällig deinen Schlüssel dabei, oder?“, wollte ich wissen und rutschte unruhig hin und her. Mikko hielt kurz inne, richtete sich auf und kramte in seiner Hosentasche.
„Nope.“, war seine knappe Antwort, bevor er sich wieder seinen Drums zuwandte – und gleich darauf wieder aufschreckte.

„Moment, du dann wohl auch nicht, oder…?“, schlussfolgerte er mit gerunzelter Stirn, „Und die Tür war eben zu… Ach du scheisse!“ Oh ja, definitiv. Mikko erhob sich und  ging aus dem Proberaum. Ich folgte ihm mit einigem Abstand. Vielleicht würde er ja das Wunder vollbringen können… Doch wie bei mir war sein Rütteln an der Tür erfolglos. Er zog sein Handy aus der Hosentasche, drückte einige Knöpfe.
„Fuck!“, entfuhr es ihm, wobei seine Faust gegen die Tür knallte, was mich ein weiteres Mal zusammenzucken liess.
„Und was jetzt?“, wollte ich vorsichtig wissen.
„Keine Ahnung, hier bleiben, nehm ich an. Im Kühlschrank sind bestimmt noch n paar Flaschen Bier. Wir könnten uns noch ne Pizza bestellen… Ach nee, geht ja gar nicht…“ Manchmal hasste ich seinen trockenen Humor. Er ging an mir vorbei, zurück in den Proberaum.
„Hoffen wir einfach mal dass sie uns rechtzeitig finden…“, meinte er und machte es sich auf dem Sofa gemütlich. Mit etwas Abstand und deutlich weniger entspannt als er, der mittlerweile seine Arme hinter dem Kopf verschränkt  und die Beine überschlagen hatte, setzte ich mich neben ihn.

***

So sassen wir da nun also. Und während ich meine Knie umklammerte, pfiff Mikko mittlerweile ein Liedchen vor sich hin, schaute sich die Raumdecke an und wechselte alle paar Minuten sein überschlagenes Bein. Dass er jedoch wohl nicht ganz so ruhig war wie er wirkte, bemerkte ich spätestens, als er ruckartig aufstand, zum Kühlschrank marschierte und diesen aufriss.
„Auch ein Bier?“, wollte er wissen, während er sich eine Dose griff. Ich schüttelte nur den Kopf.
„Ach, stimmt, du trinkst ja nichts, sorry…“, meinte er daraufhin nur und warf mir stattdessen eine Flasche Wasser zu, welche ich gerade so fangen konnte. Anschliessend warf er sich wieder neben mich aufs Sofa und öffnete sein Bier.

Wieder schwiegen wir uns an, vielleicht einige Minuten, vielleicht Stunden. Ich hatte längst jegliches Zeitgefühl verloren, nicht zuletzt durch fehlende natürliche Lichtquellen, welche mir die ungefähre Tageszeit mitgeteilt hätten. Irgendwann griff Mikko schliesslich noch einmal nach seinem Handy und irrte mit diesem in der Hand durch den Proberaum und den Flur, wohl auf der Suche nach Empfang. Ergebnislos, wie ihm anzusehen war, als er nach kurzer Zeit wieder zurückkam und sich wieder aufs Sofa setzte.
„Wartet eigentlich irgendjemand auf dich?“, wollte er schliesslich wissen. Ich schüttelte nur den Kopf.
„Und bei dir?“, fragte ich zurück, wobei mir mal wieder auffiel, wie wenig ich eigentlich über unseren Drummer wusste.

„Nö.“, kam es knapp zurück, „Doch, mein Abendessen wartet im Kühlschrank auf mich. Ich hab nen mordsmässigen Hunger.“ Wie zur Unterstützung knurrte in dem Moment sein Magen. Ich verkniff mir ein Grinsen.
„Demnach hast du momentan nichts am laufen? Keine Frauen?“, fragte er, und ich schüttelte den Kopf.
„Nein, keine Frauen.“, murmelte ich, erntete einen leicht irritierten Blick.
„Was dann, Männer?“ Mikko grinste. Ungewollt überzog ein leichter Rotschimmer meine Wangen.
„Wie jetzt, ernsthaft?!“, kam es überrascht von Mikko, der dies wohl bemerkt hatte.
„Dann stimmen die Gerüchte also, dass du… nun ja, für alles offen bist.“

Ich zuckte nur mit den Schultern, während ich mein Gesicht abwandte, um die stärker werdende Röte zu verstecken. Dann spürte ich eine Hand auf meiner Schulter.
„Hey, ist doch nichts schlimmes!“, meinte Mikko nur, „Ich hatte auch schon was mit nem Kerl, falls dich das beruhigt…“
„WAS?!“, entfuhr es mir, und um ein Haar wäre ich vom Sofa gefallen. Entgeistert starrte ich ihn an.
„Nun ja, nenne wir es Jugendsünde…“, meinte er nur und knetete seine Hände, „Ich war ziemlich betrunken und da waren einige Küsse. Nichts Wahnsinniges.“ Noch immer starrte ich ihn überrascht an.
„Das hätte ich jetzt nicht erwartet.“, meinte ich. Mikko grinste nur.

„Aber nein, zur Zeit wartet auch kein Mann auf mich.“, fügte ich schliesslich grinsend hinzu.
„Hmm…“, kam es nur von Mikko, während er sein Handy aus der Hosentasche holte und darauf herumzudrücken begann. Den Geräuschen nach zu schliessen, welche dieses von sich gab, spielte er irgendein Spiel. Mittlerweilen war mein ungutes Gefühl aufgrund der Situation mehr oder weniger verschwunden, woran wohl die vorangegangene Unterhaltung nicht ganz unschuldig war. Ich erhob mich vom Sofa, schnappte mir mein Cello und den Bogen und spielte ein wenig vor mich hin. Ich bildete mir zwar ein, Mikkos Blicke auf mir zu spüren, aber das musste definitiv Einbildung sein… Ich hielt meinen Kopf gesenkt und konzentrierte mich nur auf mein Instrument. Bis die Lichtröhre über unseren Köpfen plötzlich zu flackern begann. Gedämpft war von draussen ein Grummeln zu hören – offensichtlich war ein Gewitter im Anflug.

***

Obwohl das Licht mittlerweile wieder normal brannte, hielt ich inne und sah verunsichert zu Mikko, welcher mich ebenfalls ansah.
„Was war das?“, wollte er wissen.
„Nun ja, scheinbar ist draussen n Gewitter, und wir haben hier ziemlich schwache Stromleitungen, die bei solchem Wetter gerne mal etwas Wackelkontakt haben.“, erklärte ich, und wie zur Bestätigung flackerte das Licht in dem Moment erneut. In einem minimalen Anflug von Panik stellte ich mein Cello in seine Halterung zurück und setzte mich zurück aufs Sofa, diesmal mit deutlich weniger Abstand als zuvor.

„Kam es schon vor, dass der Strom komplett ausfiel?“, wollte Mikko wissen, und ich nickte.
„Ab und zu.“ Nur dass wir dann immer nen Schlüssel hatten, um den Raum in so einem Fall zu verlassen, auch weil sich der Sicherungskasten ausserhalb des Gebäudes befand… Schon alleine der Gedanke daran liess mich halb durchdrehen – hier auf unbestimmte Zeit in der Dunkelheit festzusitzen… Wann hatten wir nochmal die nächste Probe angesagt? Ich konnte mich nicht genau erinnern, jedenfalls fand sie definitiv NICHT am nächsten Tag statt… Dass Mikko noch hier war beruhigte mich nur minimal.
„Nun ja, hoffen wir einfach dass es dieses Mal nicht passiert.“ Wie konnte der Kerl eigentlich in so einer Situation so cool bleiben?

Schliesslich begann er zu grinsen, drückte erneut auf seinem Handy herum.
„Lass uns noch n Abschiedsfoto schiessen, falls sie uns wirklich erst finden wenn wir verrottet sind.“ Ich sah ihn entgeistert an, nickte dann aber. Vielleicht wirklich keine schlechte Idee. Leicht grinsend rutschte ich an ihn heran, er streckte sein iPhone vor uns weg.
„Und jetzt Cheese!“, meinte er grinsend, drückte auf den Auslöser – und zeitgleich mit dem Klickgeräusch des Handys wurde es stockdunkel im Raum. Während Mikko zu erstarren schien, sprang ich ihm kreischend regelrecht auf den Schoss. Und zu allem Überfluss durchzuckte nun auch noch der grelle Blitz der Handykamera die Dunkelheit, der die Szene für alle Ewigkeit festhielt…

Noch immer panisch umklammerte ich Mikkos Hals, bis mich dieser, aus seiner Schockstarre erwachend, leise lachend ein wenig von sich weg schob.
„Hey, Kleiner, nur weil ich mal mit nem Kerl rumgemacht habe heisst das noch lange nicht dass du mir gleich auf den Schoss springen musst!“ Ich spürte seinen Atem auf meiner Haut, während er redete. Und musste mir eingestehen, dass sich das ganze eigentlich gar nicht mal so schlecht anfühlte. Auch Mikko machte keine weiteren Anstalten, mich von sich runter zu schieben, stattdessen legte er leise seufzend seine Arme um mich.
„OK, n wenig Kuscheln wird wohl drin liegen, ist ja irgendwie auch saukalt hier drinn…“, meinte er schliesslich.

So sassen wir einige Minuten lang stumm da, bis ich irgendwann in einem Anflug von Leichtsinn meinen Kopf auf seine Schulter legte. Er wehrte sich nicht, und so schloss ich meine Augen – es war ja sowieso dunkel, also kam es nicht darauf an ob sie offen oder geschlossen waren… Ich wusste nicht, ob er es bewusst oder unbewusst tat, doch irgendwann hatte seine Hand angefangen, über meinen Rücken zu streicheln. Ich genoss es einfach nur. So nahe war ich unserem Drummer noch nie gewesen und war überrascht, wie wohl mich plötzlich bei, oder eher auf ihm fühlte…

Irgendwann begann er sich unter mir zu bewegen.
„Irgendwie müssen wir uns mal eben ne bequemere Position suchen…“, murmelte er, und mit einem Mal wurde ich gepackt und fand mich, ohne wirklich zu begreifen, was geschehen war, auf seiner Brust liegend wieder. Sein Handy hatte er auf der Rückenlehne des Sofas abgelegt, der Display leuchtete schwach vor sich hin, jedoch stark genug, um sein Gesicht ein wenig zu beleuchten. Er lächelte leicht vor sich hin, und ich konnte nicht anders als ihm in die Augen zu starren. Irgendwann verselbständigte sich irgendwie meine Hand und strich leicht über seine Wange.

Sein Grinsen wurde frecher, und plötzlich spürte ich seine Hand in meinem Nacken, welche mich näher an ihn heran zog, und gleich darauf seine Lippen auf meinen. Ich erstarrte, konnte erstmal nicht glauben, was gerade geschah. Als Mikko merkte, dass ich mich nicht wehrte, begann er seine Lippen leicht zu bewegen. Fühlte sich eigentlich gar nicht mal schlecht an. Also begann ich den Kuss vorsichtig zu erwidern, während von draussen noch immer gedämpftes Donnergrollen zu hören war. Doch besonders viel bekam ich davon nicht mehr mit, denn langsam intensivierte sich unser Kuss, unsere Zungen kamen ins Spiel und irgendwann schlich sich Mikkos Hand auf meinem Rücken unter mein Shirt, während meine dasselbe auf seinem Bauch tat.

Ein plötzliches Knarren und Quietschen liess uns schliesslich auseinander fahren, und gleich darauf glaubte ich zu erblinden, als mir ein sehr grelles Licht ins Gesicht zündete. Ich blinzelte einige Male, noch immer halb auf Mikko liegend, während sich der Lichtstrahl nun gegen die Decke richtete. Schliesslich erkannte ich Eicca, die Kapuze seiner Regenjacke hochgeklappt, tropfend und mit einer starken Taschenlampe, welche man durchaus auch als Mordwaffe hätte verwenden können, in der Hand. Sein Gesichtsausdruck zeigte eine Mischung aus Erschrockenheit, Überraschung und einem amüsierten Grinsen.

Mikko begann sich unter mir aufzurichten, schob mich vorsichtig von seinem Schoss.
„Ich störe wohl gerade!“, kam es von Eicca, mittlerweile breit grinsend, „Was macht ihr beiden überhaupt noch hier?“ Mikko war mittlerweile aufgestanden, streckte sich erstmal und griff dann nach seiner Lederjacke.
„Die Tür ist zugefallen, und wir hatten beide keinen Schlüssel dabei.“, meinte er nur, völlig cool und ohne dass man ihm anmerkte, ob ihm die Situation eben gerade irgendwie Peinlich war oder nicht, „Gut dass du gekommen bist, ich dachte schon, ich muss die ganze Nacht hier verbringen.“

Und mit diesen Worten verschwand er aus der Tür, während ich noch immer verdattert auf dem Sofa kniete. Hatte ich mir nur eingebildet, dass er mir eben noch kurz zu gezwinkert hatte? Eicca grinste immer noch breit vor sich hin, bevor er schliesslich zu einem kleinen Tisch hinüber ging und nach etwas griff.
„Hier bist du also.“, murmelte er nur und hielt schliesslich etwas hoch, was mich stöhnend meine Hand gegen meine Stirn klatschen liess. Im Licht der Taschenlampe glitzerte sein Schlüsselbund, an welchem sich neben seinem Hausschlüssel unter anderem – wie sollte es auch anders sein – natürlich auch der Schlüssel zum Proberaum befand. Hätten Mikko und ich uns nur ein wenig umgeschaut, hätten wir diesen bestimmt gefunden, denn daran baumelte ein fast unübersehbares pinkes Plüschtierchen.

„Na toll.“, murmelte ich nur und kletterte schliesslich vom Sofa. Eicca stand mittlerweile in der Tür.
„Was war das eben eigentlich?“, wollte er wissen. Ich zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung, ist einfach irgendwie… passiert…“, meinte ich nur, wobei der Gedanke an den Kuss eben mein Herz doch ziemlich stark klopfen liess. Gegen eine Wiederholung des Ganzen hatte ich definitiv nichts einzuwenden…
„Wie bist du eigentlich reingekommen, ohne Schlüssel?“, wechselte ich schliesslich schnell das Thema.
„Hab kurz bei Paavo vorbeigeschaut. Und jetzt komm, ich fahr dich nach Hause. Oder willst du die Nacht doch noch hier verbringen?“
„Nein, auf keine Fall!“ Ich drängelte mich an Eicca vorbei durch die Tür und stieg die Treppe hoch, erleichtert durchatmend.

Oben angekommen, drehte ich mich um und wartete auf Eicca, als ich mit einem Mal einen Pfiff hörte. Als ich mich umdrehte, sah ich Mikko, an seinen Wagen gelehnt und mit seinem Autoschlüssel herumspielend. Unterdessen war auch Eicca hochgekommen und blieb neben mir stehen.
„Nimmst du ihn mit? Ihr müsst ja sowieso in dieselbe Richtung.“, rief er Mikko schliesslich zu.
„Klar!“, antwortete dieser nur und öffnete die Fahrertür. Tzz, hatte ich da nicht auch noch ein Wörtchen mitzureden? Wobei ich nicht wirklich etwas dagegen hatte, mit Mikko zu fahren.
„OK, man sieht sich!“ Eicca klopfte mir auf die Schulter, bevor er sich ebenfalls auf den Weg zu seinem Wagen machte.

Ich machte mich auf den Weg zu Mikkos wagen und liess mich schliesslich auf den Beifahrersitz fallen. Schweigend startete Mikko den Motor, und wir fuhren vom Parkplatz. Ich schweifte gedanklich ab und sah aus dem Fenster und lauschte der Musik im Radio. Irgendwann zuckte ich heftig zusammen, als sich Mikkos Hand plötzlich auf meinen Oberschenkel legte. Ich sah zu ihm hinüber. Er grinste breit, schien sich jedoch noch immer auf die Strasse zu konzentrieren. Auf die Strasse, welche jedoch definitiv nicht in die Richtung führte, in die wir eigentlich mussten. Stattdessen hielt er auf einen kleinen Wald zu und fuhr schliesslich in die erstbeste Wegeinfahrt hinein, wo er den Wagen anhielt. Himmel, was sollte das den jetzt wieder werden? Im Auto, irgendwo im Wald?!

Aber mal ehrlich, war nicht alles besser als das schäbige Sofa in unserem Proberaum?


(c)Novy; 2012

Ohne Titel (Jurij Tepes, Cene Prevc, Peter Prevc)

Mein Kopf lehnte gegen die Fensterscheibe des Kleinbusses, während die verschneite Landschaft an mir vorbeizog, ohne dass ich es wirklich mitbekam. Auch das Rumgealbere meiner Teamkollegen – oder eher den Mitgliedern meiner Mannschaft – aus dem hinteren Teil des Busses hatte ich erfolgreich ausgeblendet. Bis vor einigen Wochen hätte ich dort noch fröhlich mitgemischt, doch nun war alles anders. Ich hatte mir das ganze zwar selber eingebrockt, hätte jedoch auch nicht damit gerechnet dass meine Teammitglieder so darauf reagieren würden…

Es war einige Wochen zuvor gewesen, Pero und ich hatten ein Interview mit der Moderatorin eines slowenischen Sportmagazins. Die Skispringsaison war bisher für uns Slowenen ein voller Erfolg gewesen, allen voran für uns beide. Wir hatten uns bisher bei praktisch jedem Wettkampf auf dem Podest wiedergefunden. Irgendwann wurden die Fragen dann etwas persönlicher, und ich beschloss, der Menschheit mein grosses Geheimnis Preis zu geben – viel zu lange schleppte ich es schon mit mir herum, ohne dass irgendjemand davon wusste. Und ausserdem – was sollte schon passieren?

Schliesslich kam sie – die von mir zugleich erhoffte und gefürchtete Frage nach meinem Liebesleben. Konkret wollte die Dame wissen, ob ich denn momentan eine Freundin habe. Wahrheitsgemäss verneinte ich dies und ergänzte, dass sich daran wohl auch nichts ändern würde. Wie erwartet hakte sie nach, und so verkündete ich, dass ich mit Mädchen nichts anfangen konnte. Ja, ich, Jurij Tepes, war schwul. Damit brachte ich die Moderatorin nun kurz aus dem Konzept, für eine kurze Zeit herrschte Schweigen. Pero sah mich entgeistert an. Nur ich grinste vor mich hin, nicht ahnend dass mir das Grinsen kurz darauf wieder vergehen würde.

Ich hatte beste Laune, als ich nach dem Interview nach Hause fuhr. Die Moderatorin hatte kurz darauf den Faden wiedergefunden und das Interview zu Ende gebracht. Schliesslich verliessen wir den Aufnahmeraum. Noch im Flur wollte Peter wissen, ob das eben ein Scherz gewesen wäre. Ich verneinte, woraufhin der Jüngere wortlos davon ging. Etwas irritiert sah ich ihm hinterher, bevor ich das Gebäude ebenfalls verliess und mich auf den Heimweg machte. Noch immer hatte ich sehr gute Laune, als ich zu Hause ankam und schlafen ging. Es würde die letzte so richtig erholsame Nacht für längere Zeit werden.

Am nächsten Morgen wurde ich davon geweckt dass Anja die Tür aufriss und in mein Zimmer stürmte. Erschrocken fuhr ich hoch.

„Stimmt das?!“, wollte sie wissen und warf sich neben mich auf mein Bett.

„Was denn?“, murmelte ich und rieb mir verschlafen die Augen. Ich war noch nicht wirklich wach genug um klar zu denken.

„Dass du Schwul bist.“ Ach, das. Sie sah mich erwartungsvoll an. Ich gähnte herzhaft und nickte dann nur. Gleich darauf hing meine Schwester quietschend an meinem Hals und ich durfte mir anhören wie stolz sie auf mich war. Und so schnell wie sie aufgetaucht war verschwand sie auch wieder, sodass ich mich noch einmal unter die Bettdecke kuschelte.

Einige Zeit, oder eher einige Stunden später beschloss ich schliesslich aufzustehen. Als ich hinunter in die Küche ging, fiel mein Blick als erstes auf die Tageszeitung. Tatsächlich hatte ich es mit meinem Outing sogar aufs Titelblatt geschafft. Für einen Moment wusste ich nicht, was ich davon halten sollte. War es wirklich so etwas Besonderes dass sich ein Skispringer als Schwul outete? Ich beschloss, erstmal zu frühstücken und mir keine weiteren Gedanken darüber zu machen. Kurz darauf kamen meine Eltern nach Hause, auch sie hatten keine Probleme mit der Sache. Lediglich Jon beobachtete mich anfangs etwas argwöhnisch, merkte jedoch ziemlich schnell dass ich immer noch der selbe Mensch war wie zuvor.

Ansonsten blieb es erstaunlich ruhig, nur einige Freunde fragten per Handynachricht nach ob das ganze wahr wäre. Ich bejahte es jeweils, woraufhin von ihnen nichts mehr kam. Daraus schloss ich, dass damit alles in Ordnung wäre. Dass ich mich damit jedoch irrte, merkte ich als ich nach unserer Pause wieder mit den anderen Skispringern traf um zu den nächsten Wettkämpfen zu fahren. Als ich am Treffpunkt eintraf, begannen die anderen zu tuscheln und betrachteten mich misstrauisch. Ich wurde kaum wirklich begrüsst, ignoriert, regelrecht ausgeschlossen. Ich hatte nicht damit gerechnet dass meine Teamkollegen solche homophoben asozialen Idioten waren.

Zwar sahen die älteren Semester – namentlich Jernej und Robert – das ganze etwas lockerer und versuchten zumindest halbwegs normal mit mir umzugehen. Doch auch ihnen war deutlich anzumerken dass sie ein Problem mit dem ganzen hatten, auch wenn sie es zu überspielen versuchten. Schliesslich trat mir Robbie sogar sein ihm sonst heiliges Einzelzimmer ab weil sich sonst keiner eines mit mir teilen wollte. Wenigstens behandelten mich unser Trainer und die restlichen Betreuer weiterhin normal.

Doch hätte ich es deshalb bereuen sollen, mich geoutet zu haben? Immerhin war ich dadurch doch immer noch der selbe…

Natürlich hatte das Ganze auch im restlichen Skispringzirkus die Runde gemacht, und hier stiess ich Gott sei Dank nicht nur auf Ablehnung. Die meisten behandelten mich einfach wie zuvor, vom einen oder anderen erntete ich sogar ein anerkennendes, aufmunterndes Nicken. Dadurch war es zumindest an der Schanze auszuhalten. Nur die Abende im Hotel, die Reiserei und irgendwelche Teamaktivitäten wurden zur Herausforderung. Ich versuchte gar nicht erst, mich irgendwie zu integrieren, es wäre sowieso sinnlos gewesen. Auch mein Vater beobachtete das Ganze mit wachsender Besorgnis, und irgendwann fing ich sogar an meine sonst einsamen Abende mit ihm zu verbringen.

So lief die Saison weiter, und trotz allem schaffte ich es weiterhin gute Sprünge zu zeigen und mich weit vorne zu klassieren. Im Moment konnte ich sogar noch auf einen Podestplatz im Gesamtweltcup hoffen. Nur die Situation im Team nahm mich je länger je mehr mit, bereitete mir schlaflose Nächte. Ich zog mich immer mehr zurück, mied den Kontakt zu den anderen und hatte eigentlich keine Hoffnung mehr dass sich daran noch etwas ändern würde. Doch ich sollte mich irren…

Bereits gegen Ende der Saison schickte Goran Nejc nach Hause, weil er es nicht mehr schaffte gute Leistungen zu zeigen. Stattdessen holte er Cene ins Team, Peros kleinen Bruder. Dieser freute sich riesig, im Weltcup mitspringen zu können und strahlte übers ganze Gesicht, als er in der Ankunftshalle auf uns zu kam und meine Teammitglieder begrüsste. Ich hatte mich wie immer etwas abseits von den anderen gehalten und erschrak beinahe, als der Kleine plötzlich strahlend vor mir stand um mit mir abzuklatschen. Noch immer irritiert ging ich darauf ein, wobei uns sein Bruder misstrauisch beobachtete.

Gleich darauf rief Pero Cene auch schon zu sich, zog ihn etwas abseits und begann auf ihn einzureden. Die beiden diskutierten eine Weile wild gestikulierend, bis Cene den älteren schliesslich einfach stehen liess und sich wieder neben mich stellte. Und gleich darauf anfing sich mit mir zu unterhalten. Ich war so perplex dass ich ihn erstmal nur irritiert anstarrte. Der Kleine wedelte schliesslich lachend mit der Hand vor meinem Gesicht herum, und nun stieg auch ich endlich auf das Gespräch ein. Und es tat richtig gut mich mal wieder einfach so mit jemandem zu unterhalten.

Auch im Flugzeug setzte sich der sieben Jahre jüngere geradezu demonstrativ neben mich, während Peters Blicke mich zu töten versuchten. Während der Fahrt ins Hotel lachten wir und alberten herum, während die restlichen Teammitglieder schwiegen und uns ungläubig zusahen. Schliesslich erreichten wir das Hotel, und es ging um die Zimmerverteilung. Ich hielt mich, wie ich es mir angewöhnt hatte, zurück und wartete auf den Schlüssel für mein Einzelzimmer. Peter wollte gerade den Schlüssel für das letzte Doppelzimmer entgegen nehmen, welches er sich ab sofort mit seinem Bruder teilen wollte, als ebendieser vortrat und Goran den Schlüssel aus der Hand nahm.

„Ich will mit Jurij ins Zimmer.“, verkündete er und trat zu mir. Alle, ich inklusive, sahen ihn überrascht an, wobei Peros Gesicht jedoch eher entsetzt wirkte.

„Cene, nein!“, meinte dieser und sah hilfesuchend zu Goran. Dieser zuckte jedoch nur mit den Schultern und konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen.

„Doch.“ Cene nahm meine Hand und zog mich mit sich. Noch immer überrascht stolperte ich hinterher, bis wir die Tür unseres Zimmers erreichten. Während Cene sich daran machte, die Tür aufzuschliessen, wurde ich plötzlich an der Schulter gepackt und gegen die Wand gedrückt. Ich sah in Peros wütendes Gesicht.

„Wenn du ihn anfasst bist du tot!“, zischte er nur. Cene hatte mittlerweile von der Tür abgelassen und versuchte seinen Bruder von mir wegzuzerren.

„Pero, lass ihn in Ruhe!“, meinte der Jüngere, doch sein Vorhaben war irgendwie chancenlos. Und irgendwie liess die ganze Situation nun das erste Mal Wut in mir aufsteigen. Ich packte nun meinerseits Peters Schultern und stiess ihn von mir. Er stolperte einige Schritte rückwärts. Ich sah ihm wütend in die Augen.

„Verdammt noch Mal, Pero! Was denkt ihr eigentlich von mir?! Nur weil ich schwul bin heisst das doch nicht dass ich gleich über jeden Kerl herfalle der mir über den Weg läuft! Wann begreift ihr das endlich? Ich bin doch immer noch der selbe Mensch wie vor meinen Outing, oder? Und überhaupt, was ist so schlimm an der ganzen Sache?“

Ich merkte, wie meine Wut langsam in Verzweiflung umschlug und senkte den Blick. Dann drehte ich mich um und verschwand in Cenes und meinem Zimmer. Ich ging quer durchs Zimmer und stellte mich ans Fenster, wo ich nach draussen starrend versuchte, die aufsteigenden Tränen runter zu schlucken. Als ich hörte wie die Tür ins Schloss fiel, schaute ich kurz über die Schulter. Cene war reingekommen und grinste.

„Das war eben echt cool!“, meinte er nur, zwinkerte mir zu und warf sich dann auf das grosse Doppelbett. Ich gesellte mich kurz darauf zu ihm, machte es mir mit grossem Abstand neben ihm bequem und starrte an die Zimmerdecke.

Irgendwann drehte sich der Kleine schliesslich zu mir und sah mich neugierig an.

„Und nun erzähl. Wie hast du gemerkt dass du auf Männer stehst? hattest du schon einen Freund? Auf was für Männer stehst du überhaupt?“

Ich musste lachen und begann dann seine Fragen so ausführlich wie möglich zu beantworten. Er hörte mir aufmerksam zu, stellte immer wieder neue Fragen und wollte scheinbar gar nicht mehr aufhören mich auszuquetschen. Irgendwann gab er sich dann jedoch zufieden und gähnte ausgiebig. Wir beschlossen schafen zu gehen, und es war die erste Nacht seit langem, in der ich durchschlief, keinen Mist träumte und mich richtig erholen konnte.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, erkannte ich als erstes einen Büschel dunkle Haare. Cene war im Schlaf zu mir gerutscht und hatte seinen Kopf auf meiner Brust abgelegt. Ich musste lächeln und wuschelte ihm kurz durch den schwarzen Haarschopf. Gleich darauf öffnete der Kleine seine Augen, sah mich irritiert an und schreckte dann hoch.

„Oh, sorry… Ich… Nicht dass du das nun falsch verstehst – ich stehe eigentlich auf Mädchen…“ Etwas rot um die Nase rutschte er zurück auf seine Seite des Betts. Ich lachte nur.

„Kein Problem – es scheint bei euch wohl in der Familie zu liegen dass ihr nachts mit mir kuscheln wollt.“

„Wie meinst du das?“ Cene rutschte nun wieder etwas näher zu mir.

„Naja, früher… hab ich mir das Zimmer ja jeweils mit Pero geteilt, und du glaubst gar nicht wie oft wir morgens so aufgwacht sind.“ Eigentlich war dieses „früher“ ja noch gar nicht lange her…

„Echt, Pero hat nachts auch mit dir gekuschelt?“ Der Jüngere sah mich überrascht an. Ich nickte nur. Ja, Pero, der sich mittlerweile mir gegenüber wie das grösste Arschloch aller Zeiten verhielt.

„Naja, aber wenn das so ist…“, Cene rutschte wieder zu mir und legte seinen Kopf wieder auf meinen Oberkörper, „…können wir ja noch etwas weiter kuscheln.“ Er seufzte zufrieden, als ich wieder anfing durch seine Haare zu streicheln.

„Hast du denn keine Angst? Dass ich plötzlich über dich herfallen könnte oder so?“, wollte ich wissen. Cene zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung, sollte ich? Vermutlich bin ich sowieso nicht dein Typ, oder?“

„Nicht wirklich. Und vor allem bist du doch etwas zu jung für mich.“

„Eben.“, meinte Cene nur und fing dann an zu grinsen, „Mann, wenn Pero das gerade sehen könnte – ich glaube der würde uns umbringen.“

„Er würde wohl mich umbringen.“, verbesserte ich ihn. Mit einem Mal wurde sein Grinsen noch breiter, er setzte sich hin und angelte sein Handy vom Nachttisch.

„Eigentlich könnten wir ihm ein Foto von uns schicken.“, meinte er und kuschelte sich wieder an mich.

„Bist du Lebensmüde?!“ Ich starrte ihn entsetzt an, während er sein Handy in Position brachte. Ich setzte mich auf und versuchte, ihm das Telefon zu entreissen, was zu einer Kabbelei überging und schliesslich damit endete, dass ich Cene auskitzelte, bis er vor Lachen kaum noch Luft bekam. In genau diesem Moment klopfte es an die Zimmertür.

„Pero, wetten?“, sprach Cene noch immer ausser Atem meine Gedanken aus. Ich nickte und liess von ihm ab. Während er zur Tür ging, machte ich mich bereit sogleich ins Bad zu flüchten, falls sich unser Verdacht bestätigen sollte. Und tatsächlich sprang ich sogleich auf, nachdem Cene die Tür geöffnet hatte.

Als ich einige Minuten später wieder aus dem Bad kam, waren die beiden Brüder verschwunden. Also zog ich mich an und machte mich auf den Weg in den Frühstücksraum, wo mein Team bereits am Tisch sass. Cene sass neben Peter und schnitt eine Grimasse, während Pero mich wieder mal versuchte mit seinem Blick zu ermorden. Ich setzte mich auf den letzten freien Platz zwischen Goran und Robbie.

Auch an der Schanze und auf dem Weg dorthin versuchte und schaffte es Pero, seinen kleinen Bruder erfolgreich von mir fern zu halten.

Sowohl Training als auch Qualifikation verliefen sehr gut, alle aus meinem Team inklusive Cene hatten sich für den Wettkampf qualifiziert, und ich hatte als vorqualifizierter den weitesten Sprung. Dazwischen schaffte ich es sogar, mich etwas mit Cene zu unterhalten ohne dass wir von seinem Auspasser gestört wurden.

Schliesslich packten wir unsere Sachen zusammen, um zurück zum Hotel zu fahren. Kurz vor der Abfahrt machte ich mich noch einmal kurz auf den Weg zurück ins Springerlager um aufs Klo zu gehen. Es war kaum noch jemand ausser uns auf dem Gelände, und irgendwann glaubte ich hinter mir Schritte zu hören.

Noch bevor ich mich umdrehen und nachsehen konnte, wurde ich auch schon gepackt und fand mich mit dem Rücken an der Wand wieder. Vor mir erkannte ich einen kräftigen Mann, den ich als Betreuer einer anderen Mannschaft identifizierte. Er hielt meine Hände über meinem Kopf an die Wand gedrückt und grinste breit. Er trat näher an mich heran, bis ich seinen Atem auf meinem Gesicht spüren konnte. Dann hielt er mit einer Hand meine Handgelenke fest, während die andere direkt in meiner Trainingshose verschwand. Ich erstarrte, war unfähig mich irgendwie zu bewegen oder zu wehren, während mir Tränen in die Augen stiegen und schliesslich über meine Wangen liefen. Und zu allem Überfluss fing mein Körper auch noch an auf seine Berührungen reagieren.

Ich kniff meine Augen zusammen und hoffte dass das Ganze einfach nur so schnell wie möglich vorbei gehen würde, während der Mann sich an mich presste und irgendwelchen perversen Mist in mein Ohr flüsterte. Doch plötzlich wurde er von mir weg gerissen. Mir sackten die Beine weg, ich rutschte an der Wand hinunter und blieb kraftlos dort sitzen. Erst nach einigen Sekunden realisierte ich, wer mir gerade zu Hilfe gekommen war. Es war nämlich ausgerechnet Peter, der den Mann nun anschrie und ihm sogar ein blaues Auge verpasste. Der Fremde machte sich daraufhin aus dem Staub, und Peter ging neben mir in die Hocke und zog mich schliesslich in seine Arme.

Nachdem er mich eine Weile einfach festgehalten und irgendwelche beruhigenden Worte gemurmelt hatte, stand er auf und zog mich auf meine noch immer wackeligen Beine. Er schlang seinen Arm um meine Hüfte und schleppte mich zurück zu unserem Team, wobei ich noch immer heulend neben ihm her stolperte. Ich bekam kaum mit, wie er Goran erklärte was passiert war und reagierte auch nicht wirklich, wenn mich irgendjemand ansprach. Ich war nicht in der Lage irgendeinen klaren Gedanken zu fassen. Noch immer spielten sich die Bilder vom eben passierten vor meinem inneren Auge ab. Irgendwann wurde ich zurück ins Auto verfrachtet, und wir fuhren zurück ins Hotel. Ich war auch den restlichen Tag nicht mehr wirklich zu gebrauchen und verbrachte den Abend grösstenteils die Zimmerdecke anstarrend in meinem Hotelbett.

Cene, der mir dabei Gesellschaft leistete, startete einige Versuche, mich aufzumuntern, was jedoch nicht so wirklich funktionieren wollte. Auch als der Jüngere schon längst tief und fest schlief, starrte ich noch immer in die Dunkelheit, und am Horizont waren bereits die ersten hellen Streifen zu erkennen, als auch ich endlich einschlief.

Viel zu schnell klingelte daraufhin schon wieder der Wecker, und ich fühlte mich mehr als gerädert. Aber wenigstens hatte sich mein Gedankenchaos ein wenig beruhigt. So entschied ich mich schliesslich, als Goran und mein Vater vor der Tür standen, es zumindest zu versuchen den heutigen Wettkampf zu bestreiten.

Als Cene und ich kurz darauf den Speisesaal betraten, spürte ich sogleich dass sich quasi über Nacht etwas geändert zu haben. Hatten mich meine Teammitglieder die letzten Wochen ignoriert, erntete ich nun besorgte Blicke, die Ablehnung war verschwunden. Und auch wenn sich noch keiner wirklich traute etwas zu sagen oder nach meinem Befinden zu fragen, vermutete ich dennoch, dass sich die ganze Situation in der nächsten Zeit wohl langsam wieder normalisieren würde.

Sogar den Wettkampf schaffte ich irgendwie und landete sogar vor Peter auf dem zweiten Platz auf dem Podest. Was mich allerdings noch mehr freute, war, dass dieser sich wie früher für mich freute, mich anstrahlte und mit mir abklatschte.

Und tatsächlich wurde je länger je mehr alles wieder normal. Auch meine Teamkollegen schienen nun bemerkt zu haben dass ich weil ich schwul war nicht zu einem männerfressenden Monster mutiert war. Leider verliess uns Cene kurz darauf wieder weil seine Sprünge einfach doch noch nicht ganz für den Weltcup reichten. An seiner Stelle zog sein grosser Bruder wieder zurück zu mir ins Zimmer, und nachdem die ersten paar Nächte noch etwas seltsam waren fanden wir auch hier wieder zur Normalität zurück. Überhaupt war es je länger je mehr so als ob ich mich gar nie geoutet hätte. Auch vor irgendwelchen Übergriffen wurde ich verschont, und wie ich erfuhr war mein Peiniger noch am gleichen Tag aus dem Team geworfen und nach Hause geschickt worden, sodass ich ihm nicht mehr über den Weg laufen musste.

Schliesslich schafften Pero und ich es tatsächlich in Planica zusammen aufs Podest, lange war es ein harter Kampf zwischen uns gewesen, doch schlussendlich hatte er mich doch noch mit einigen wenigen Punkten mehr geschlagen. Mittlerweile war zwischen uns alles wie früher, und ich war auch schon wieder des Öfteren mit seinem Kopf auf meiner Brust aufgewacht, ohne dass einem von uns beiden irgendwas daran seltsam vorkam.

Und schlussendlich fand ich auch noch privat mein Glück, glücklicherweise mit jemandem von ausserhalb des Springerzirkus. Dadurch war ich in den Augen meiner Teamkollegen wohl endgültig keine Gefahr mehr, jedenfalls liessen sie sich nichts mehr anmerken. Und obwohl es in der Anfangszeit nicht gerade einfach gewesen war, hatte ich es noch keine Sekunde lang bereut, der Öffentlichkeit mein grosses Geheimnis zu offenbaren.

Ohne Titel (Part 2) (Jurij Tepes/Peter Prevc, Slash)

Die Weltcupsaison stand irgendwie schon von Anfang an unter einem schlechten Stern. Es fing damit an, dass Pero und ich den Wecker überhörten und gerade noch so den Flug nach Deutschland erwischten. Natürlich gaben wir einander gegenseitig die Schuld daran, stritten uns auf der Fahrt zum Flughafen und hatten uns auch nach der Landung noch nicht wirklich versöhnt. Dazu kam, dass meine Skis irgendwo auf der Strecke geblieben waren und gerade noch so kurz vor der Quali wieder auftauchten. Als ob sie es geahnt hätten dass sie sowieso nicht mehr zum Einsatz kommen würden… Obwohl es an diesem Tag gar nicht so schlecht aussah, eigentlich.

Mittlerweile war zwischen Pero und mir wieder alles Ok, und obwohl ich beim Training nur hatte zuschauen können hatte ich recht gute Laune. Auch die kleineren Probleme wie zu Hause gebliebene Zahnbürsten und Handyladekabel hatte ich irgendwie lösen können. Und ich freute mich tierisch auf den ersten richtigen Wettkampf nach dem doch recht erfolgreichen Sommergrandprix. Aber Sprünge auf Schnee waren eben doch nochmal etwas völlig anderes, und meine bisherigen Trainingssprünge zu Hause waren vielversprechend gewesen.

Doch es sollte wohl nicht so sein. Im Nachhinein könnte man alles, was vorher passierte, wohl als schlechtes Omen sehen. Aber dass ich es nicht einmal mehr bis auf den Bakken schaffen würde… Ich war wie immer etwas spät dran und hetzte, Helm in der einen Hand, Skis auf der anderen Schulter, die Treppe hoch zum Lift. Peter, der von der letzten Saison her noch einigen Vorsprung auf mich hatte, war natürlich nicht ganz unschuldig an meiner Verspätung, konnte sich jedoch mehr Zeit lassen um nach oben zu kommen.

Die zweitoberste Treppenstufe wurde mir schliesslich zum Verhängnis. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern was passierte, ob ich auf der Schneeschicht ausrutschte, über meine Füsse stolperte oder einfach so mein Gleichgewicht verlor. Mir wurde erzählt, ich wäre einfach hinten über gekippt. Dabei drehte ich mich irgendwie und knallte mit Kopf und Rippen auf die Treppe. Die Skis, die ich noch immer umklammert hielt, zerschnitten mir die Handflächen, und während ich die restliche Treppe hinunterfiel verdrehte ich mir auch noch ziemlich böse das linke Knie.

Wäre jemand hinter mir gegangen, hätte ich ihn wohl sozusagen einfach überrollt, aber glücklicherweise war dies nicht der Fall. So fiel ich jedoch Peter vor die Füsse, der sich um einiges gemütlicher als ich gerade auf den Weg nach oben gemacht hatte. Ich blieb erstmal regungslos liegen und kam erst einige Zeit später im Sanitätszelt wieder zu mir, wo ich gerade für den Transport ins Krankenhaus vorbereitet wurde. Mein ganzer Körper, aber vor allem mein Kopf, schmerzte, und ich konnte mich erstmal nicht daran erinnern was passiert war. Die nächste richtige Erinnerung stammt erst wieder aus dem Krankenhauszimmer.

Dort lag ich schliesslich in meinem Bett, nachdem mein Kopf und meine Hand genäht, Knie und Rippen geröntgt und untersucht und ich mit Schmerzmitteln vollgepumpt worden war. Ansprechbar war ich noch immer nicht so wirklich, als einige Stunden später meine Teammitglieder und allen voran Pero das Zimmer stürmten.  Natürlich war ich die Lachnummer, der wohl erste Skispringer der sich das Knie schon vor dem Sprung schrottete. Von der Gehirnerschütterung und den gebrochenen Rippen reden wir gar nicht erst. Mir waren die dummen Sprüche jedoch erstmal völlig egal, ich klammerte mich an Peros Hand fest und wünschte mir, dass alle anderen verschwinden würden.

Doch kurz darauf wurden die Jungs von einer älteren Krankenschwester einfach aus dem Zimmer geschmissen. Eigentlich wäre ich gerne noch einige Minuten mit Pero alleine gewesen, doch ich war zu müde um mich mit der Dame anzulegen. Erst am nächsten Morgen erfuhr ich, dass ich ihn wohl für mehrere Wochen das letzte Mal gesehen hatte. Denn es war bereits alles für meine Heimreise vorbereitet worden. Ich wurde abgeholt und direkt vom Krankenhaus zum Flughafen gefahren. Da bereits ein Training lief hatte ich keine Möglichkeit mehr mich von meinen Teamkollegen zu verabschieden. Schmerzmitteln sei Dank verschlief ich den Flug grösstenteils, wurde in Ljubliana von meiner Mutter irgendwie ins Auto verfrachtet und nach Hause gefahren, wo ich auf dem Sofa den restlichen Tag verschlief.

Irgendwann landete ich in meinem Bett, kann mich jedoch nicht mehr daran erinnern wie und wann. Sogar mein Handy fand ich auf meinem Nachttisch, als ich am nächsten Morgen von Knieschmerzen geweckt wurde. Jedoch war weder eine neue Nachricht noch sonst irgendetwas Neues vorhanden – nicht einmal Pero hatte sich gemeldet. Dies versetze mir kurz einen Stich, der jedoch gleich grösstenteils von meinen Schmerzen überdeckt wurde. Zumal ich mein Handy trotzig in eine Ecke schmiss – ich würde Pero nun ganz bestimmt nicht schreiben, der sollte sich schön selber erkundigen wie es mir ging.

Ich versuchte noch etwas zu schlafen, doch so richtig wollte das nicht mehr klappen. Schliesslich begann mein Magen zu knurren, und so beschloss ich mich auf die Suche nach etwas essbarem und einer Schmerztablette zu machen. Ich angelte nach meinen Krücken und machte mich auf den Weg nach unten. Meine gebrochenen Rippen spürte ich bei jedem Schritt, doch ich kniff die Zähne zusammen und schaffte es irgendwie unfallfrei die Treppe hinunter. Unser Haus war wie ausgestorben, ich war wohl alleine zu Hause. Wenigstens lag die Tablettenschachtel auf dem Küchentisch, daneben einige frische Brötchen. Auf einem Bein hüpfend schaffte ich es auch irgendwie ein Glas und eine Flasche Wasser auf den Tisch zu befördern.

Die Brötchen erstmal ignorierend „frühstückte“ ich und hinkte dann aufs Wohnzimmer, wo ich es mir auf dem Sofa bequem machte und den Fernseher einschaltete. Die Tablette auf leeren Magen wirkte ziemlich schnell, sodass ich noch einmal eindöste. Irgendwann wachte ich auf weil mein Handy klingelte – oben auf meinem Nachttisch. Na ganz toll… Nicht nur dass es noch oben lag, ich würde es wohl auch nicht schnell genug hoch schaffen um den Anruf noch zu erwischen mit meinen Krücken. So blieb ich sitzen in der Hoffnung dass meine Mutter oder sonst jemand bald nach Hause kommen würde, damit sie es mir holen konnte. Doch bis dahin musste ich wohl noch etwas warten.

So zappte ich lustlos durch die Kanäle und döste immer mal wieder ein. Mittlerweile begann mein Magen zu rumoren, doch ich hatte keine Lust aufzustehen. Inzwischen hatte mein Handy ein zweites Mal geklingelt. Und irgendwann kam dann tatsächlich auch meine Mutter nach Hause. Nachdem sie mich dazu genötigt hatte ein Brötchen zu essen holte sie auch tatsächlich mein Handy. Zwei verpasste Anrufe von Pero. Doch als ich zurückrufen wollte, war sein Handy aus. Vermutlich waren sie bereits wieder an der Schanze oder sonst bei Training. Irgendwann fiel mir ein, dass ja heute ein Skispringwettkampf stattfand, und so schaltete ich irgendwann auf die entsprechende Übertragung.

Pero sprang schlecht, zumindest für seine Verhältnisse, und überhaupt merkte man – oder zumindest ich – dass ihn irgendwas beschäftigte. Schlussendlich schloss er auf Rang 8 ab und ärgerte sich sichtlich. Natürlich erwähnten die Moderatoren auch meinen Sturz und dass ich die restliche Saison nun wohl vergessen konnte.

Meine Laune stieg jedoch trotz Peros schlechtem Ergebnis während des Wettkampfs, denn nach dem ersten Sprung hatte er kurz die Innenseite seines Handschuhs in die Kamera gehalten, auf welchen er ein kleines Herz gekritzelt hatte. So grinste ich vor mich hin und hatte auch das erste Mal das Gefühl dass die Schmerztabletten etwas besser wirkten.

Etwas später schafften wir es dann tatsächlich noch, miteinander zu telefonieren. Pero war der Saisonauftakt irgendwie gründlich misslungen, was definitiv mit meinem Unfall zusammenhing, denn an seiner Form konnte es nicht liegen. Somit war er ziemlich deprimiert, auch weil wir uns nun wohl vor Weihnachten nicht mehr sehen würden. Ich schaffte es, ihn etwas aufzumuntern und versprach ihm, täglich mit ihm zu telefonieren und sonst in Kontakt zu bleiben sowie mir seine Springen im Fernsehen anzuschauen. Als wir irgendwann auflegten, hatte er tatsächlich schon etwas optimistischer geklungen. Und auch ich war glücklich, hatte gerade keine Schmerzen und legte mich schliesslich vor mich hin grinsend ins Bett, weil ich, obwohl ich den ganzen Tag nichts gemacht hatte, schon wieder todmüde war.

Am nächsten Tag ging es mir allgemein besser, ich krückte munter durchs Haus, schrieb den ganzen Tag mit Pero und fing irgendwann aus Langeweile an etwas für die Uni zu tun. Irgendwann klingelte mein Handy, es war ein Physiotherapeut, der seine Praxis in Kranj hatte und wohl von Goran oder sonst irgendwem informiert worden war. Er hatte früher mit den Skispringern zusammengearbeitet und wollte sich gerne mal mein Knie anschauen und sehen was sich machen lässt. So vereinbarten wir einen Termin. Als ich aufgelegt hatte, fiel mir jedoch ein, dass ich mit meinem kaputten Knie wohl schlecht Auto fahren konnte. Doch mir kam eine Idee, und ich fragte meine Mutter ob sie mit mir Auto tauschen würde. Sie fuhr seit einigen Jahren einen kleinen Automatikwagen, diesen würde ich auch nur mit dem rechten Fuss fahren können. Sie war zwar nicht glücklich darüber, stimmte dann jedoch zu. Lachend stand ich am Küchenfenster, als sie mit meinem Megane vom Hausplatz holperte und ihn immer wieder abwürgte, es dann aber doch irgendwie schaffte.

Einige Zeit später machte ich mich auf den Weg nach Kranj, auch ich musste mich umgewöhnen, fand es jedoch bald eher entspannend nicht ans Schalten denken zu müssen. Ich hatte lachen müssen als ich in den kleinen fuchsiafarbenen Citroen geklettert war.

„Schwulenfarbe!“, hatte ich damals gelästert, als Mama mit der Kiste angekommen war. Und nun hatte ich einen Freund. Auch wenn ich nicht sicher war ob mich andere Männer ausser Pero wirklich interessierten oder sich diese Neigung wirklich nur auf ihn bezog. Und eigentlich war es mir auch ziemlich egal, immerhin hatte ich ihn, alles andere würde ich möglicherweise noch herausfinden. Auch wenn ich eigentlich nicht hoffte dass es so weit kam.

Irgendwann erreichte ich die Praxis, parkte den Wagen so nahe wie möglich an der Tür des Gebäudes und stieg aus. Irgendwie hatte ich plötzlich aus dem Nichts ein ungutes Gefühl, wäre am liebsten wieder eingestiegen und nach Hause gefahren. Doch ich ignorierte es und krückte auf den Eingang zu. Noch immer hatte ich den Drang irgendwie zu flüchten, beachtete es jedoch nicht weiter als ich schliesslich an die Praxistür klopfte. Auch der Herr, der mir diese öffnete, war mir auf Anhieb unsympathisch. Doch vielleicht redete ich mir auch nur irgend nen Mist ein und er war ganz OK. Dennoch kletterte ich, nachdem ich ihm den Unfallhergang und die Folgen so gut wie möglich erklärt hatte, mit gemischten Gefühlen auf die Massageliege.

Und mein Gefühl sollte mich definitiv nicht täuschen.

Ich war wie in Trance, als ich etwa eine Stunde später fast fluchtartig die Praxis verliess. In meinem Kopf drehte sich alles, ich fiel mehrfach fast hin und erreichte schliesslich irgendwie den Wagen, woraufhin ich vom Parkplatz raste. Erst als vor meinen Augen alles anfing zu verschwimmen bremste ich ab und fuhr schliesslich in einen Waldweg, wo ich erstmal meine Arme auf dem Lenkrad verschränkte und meinen Kopf drauf legte. Ich atmete einige Male tief durch, während das eben geschehene sich noch einmal vor meinem inneren Auge abspielte. Nachdem ich mich auf die Liege gesetzt und meine Trainingshose ausgezogen hatte, hatte sich der Therapeut nur kurz mit meinem Knie befasst, bevor seine Hand langsam mein Bein hoch strich. Ich zuckte zusammen, doch er redete auf mich ein, dass ich es doch auch wollen würde und mir sowieso keiner glauben würde und ich mit meinen Verletzungen sowieso nicht fliehen konnte. Ich war wie erstarrt als er…

Ich riss die Fahrertür auf und stürzte mich ins nächstbeste Gebüsch, in welches ich mich übergab. Für die Krücken war keine Zeit geblieben, mein Knie dankte es mir mit einem stechenden Schmerz – von den Rippen reden wir gar nicht erst… Ich weiss nicht wie lange ich heulend im Busch hing, bevor ich mich zurück zum Auto schleppte. Als ich gerade wieder auf dem Fahrersitz sass erschrak ich heftig weil mein Handy auf dem Beifahrersitz klingelte. Peros Name wurde auf dem Display angezeigt. Dies trieb mir erneut die Tränen in die Augen. Ich konnte jetzt unmöglich mit ihm reden. Er würde sofort bemerken, dass etwas nicht stimmte. Aber es wird dir sowieso niemand glauben…

In Mamas Handschuhfach fand ich schliesslich einige Taschentücher, mit welchen ich versuchte die gröbsten Tränenspuren aus meinem Gesicht zu wischen. Dann machte ich mich auf en Nachhauseweg.

Zuhause angekommen, verschwand ich schnellstmöglich in meinem Zimmer, meine Mutter ignorierend, welche mir noch irgendwas hinterher rief. Von dort ging es weiter ins Bad, wo ich so lange unter der Dusche blieb bis kein warmes Wasser mehr übrig war. Meine Haut war krebsrot, und doch fühlte ich mich noch immer nicht sauber. Auf dem Rückweg in mein Zimmer begegnete ich auf dem Flur meiner Mutter.

„Alles in Ordnung?“, wollte sie wissen und musterte mich besorgt. Ich nickte nur und hinkte dann an ihr vorbei in mein Zimmer, wo ich die Tür abschloss und mich in mein Bett verkroch. Ich warf einen Blick auf mein Handy, mittlerweile waren es drei verpasste Anrufe von Pero.

Auch auf das Klopfen an der Tür und die Nachfrage meiner Mutter ob wirklich alles OK wäre ging ich nicht ein. Ich zog mir die Bettdecke über den Kopf und versuchte alles andere auszublenden. Jedoch schlief ich noch lange nicht ein, denn jedes Mal wenn ich meine Augen schloss spielten sich die Bilder des Geschehenen wieder vor meinem inneren Auge ab. Und wenn ich dann doch mal einnickte, schreckte ich kurz darauf wieder hoch.

Am nächsten Tag blieb ich im Bett bis ich das Gefühl hatte es nicht mehr ohne Schmerztablette auszuhalten. Ich versuchte das Passierte einfach zu verdrängen, doch so richtig wollte es nicht funktionieren. Ich schaffte es in die Küche, nahm die Tablette und ging dann zurück ins Bett. Nur kurz überlegte ich, wo wohl mein Handy abgeblieben war. Höchstwahrscheinlich lag es sogar noch im Auto. Aber eigentlich war es mir egal. Ich zog mir die Bettdecke über den Kopf und versuchte, noch einmal einzuschlafen und an nichts zu denken. Doch mit einem Mal flog meine Zimmertür auf und meine Mutter stürmte ins Zimmer. Während sie die Bettdecke wegriss, erklärte sie mir dass mein Physiotherapeut gerade angerufen habe, dass ich meinen Termin verpasst hätte und wir uns sofort auf den Weg nach Kranj machen müssten.

Ich zuckte zusammen, als das Wort Physiotherapeut fiel. Meine Mutter war mittlerweile zu meinem Schrank gestürmt und hatte mir Klamotten rausgesucht, die sie auf mein Bett legte.

„Ich fahr dich hin, du hast fünf Minuten!“, erklärte sie mir und stürmte dann aus dem Zimmer. Ich sass noch immer wie erstarrt da, begann dann aber mich anzuziehen. Was sollte ich denn sonst tun? Keiner wird es dir glauben… Schliesslich schleppte ich mich die Treppe hinunter. Meine Mutter wartete bereits im Auto. Tatsächlich fand ich auf dem Beifahrersitz auch mein Handy wieder. Natürlich hatte ich einige Anrufe in Abwesenheit und auch Nachrichten, vor allem von Pero, welcher etwas besorgt schien dass ich nicht antwortete.

Meine Mutter raste in Richtung Kranj, und ich hielt mich sicherheitshalber fest. Im Normalfall hätte ich mich wohl prächtig über ihren Fahrstil amüsiert, denn sonst war sie immer mehr als gemütlich unterwegs. Doch nun war die Angst vor dem Termin beim Physiotherapeuten zu gross, als dass ich darüber hätte lachen können. Ich schaffte es nicht mal Pero zu schreiben, starrte einfach nur schweigend vor mich hin. Hoffentlich gab es zwischen Šentvid und Kranj hundert Baustellen, rote Ampeln oder Unfälle, damit sich die Ankunft so lange wie möglich herauszögerte. Doch natürlich waren alle Strassen frei. Verhindern konnte ich die bevorstehende „Therapiesitzung“ sowieso nicht…

Meine Mutter fuhr mich vor die Praxistür und meinte dann, sie würde im Auto auf mich warten. Ich nickte nur, auch wenn ich sie am liebsten mit hinein gebeten hätte. Aber vermutlich hätte sie mich dan für völlig verrückt erklärt. In Zeitlupe hinkte ich in das Gebäude. Am liebsten hätte ich wieder umgedreht und wäre weggerannt. Schliesslich betrat ich den Raum, in welchem der Therapeut auf mich wartete. Bereits an seinem Blick erkannte ich, dass er wieder ganz andere Dinge im Kopf hatte als mein Knie zu behandeln…

Auf der Rückfahrt versuchte meine Mutter mehrfach, eine Unterhaltung mit mir anzufangen, doch ich war so sehr in Gedanken, dass ich es kaum mitbekam. Diese kreisten vor allem um meine Beziehung zu Pero – würde ich es nach dem, was gerade mit mir passierte noch auf die Reihe bekommen mit ihm zusammen zu sein?

Sollte ich es ihm sagen? Aber er würde es wohl sowieso nicht glauben, und auch niemand anderes. Ausserdem würde er danach sowieso nicht mehr mit mir zusammen sein wollen, ich ekelte mich ja schon selber vor mir…

Ich zuckte heftig zusammen, als sich eine Hand auf meine Schulter legte. Meine Mutter schaute mich besorgt an, während ich erleichtert aufatmete.

„Alles in Ordnung?“, wollte sie wissen. Ich nickte nur und versuchte so überzeugend wie möglich  zu wirken, was jedoch nicht so recht gelingen wollte. Erst jetzt bemerkte ich, dass wir bereits wieder zu Hause waren. Also stieg ich aus dem Wagen, angelte nach meinen Krücken und hinkte hinter meiner Mutter her zur Haustür.

Dort machte ich es mir auf dem Sofa gemütlich und starrte die Wohnzimmerdecke an. Später schrieb ich doch noch eine kurze Nachricht an Pero, dass alles OK wäre und ich nur mein Handy im Auto vergessen hatte. Irgendwann versuchte er mich anzurufen, doch ich ignorierte es einfach. Am Telefon hätte ich wohl nicht verheimlichen können dass irgendwas mit mir nicht stimmte. Doch vermutlich merkte er das schon alleine daran dass ich seine Anrufe einfach ignorierte. In fast jeder Nachricht fragte er mich ob alles OK wäre, was ich jedoch immer bejahte. Doch auch meiner Familie fiel auf, dass etwas nicht stimmte und es wohl nicht nur an meiner Verletzung lag. Ich ass kaum noch etwas, war gedanklich weit weg und kaum noch für irgendwas zu begeistern. Schliesslich fand mich Jon eines Tages heulend auf dem Sofa, ich hatte ihn nicht kommen gehört. Meine Mutter sprach mich später darauf an, und ich erklärte ihr dass es einfach an der Gesamtsituation lag und dass ich Pero vermisste. Sie hakte nicht weiter nach, auch wenn ich ihr ansah, dass sie mir nicht so ganz glaubte.

Irgendwann fiel ihr auch auf, dass mein Knie fast eher schlimmer wurde als besser, und das obwohl sie mich täglich höchst persönlich zur Physio fuhr. Immer wieder versuchte sie mit mir zu reden, mich zum essen zu bewegen oder sonst irgendwas mit mir zu unternehen. Ich hörte sie mehrfach völlig besorgt mit meinem Vater telefonieren, welcher ihr jedoch scheinbar auch nicht weiterhelfen konnte.

Schliesslich stand der Weltcup in Kranj bevor, und ich wusste, dass ich mich wohl nun nicht mehr länger vor Pero verstecken konnte. Da zuvor noch der Wettkampf in Nizhny Tagil stattfand, würden die Slowenen und auch alle anderen Springer erst am Vorabend der Quali mitten in der Nacht direkt anreisen. Somit verabredete ich mit Pero, dass wir uns dann direkt an der Schanze treffen würden. Pero schien sich riesig darauf zu freuen, ich hingegen hatte furchtbare Angst davor.

Dann kam der Tag, an dem ich mich mit Jon und meiner Mutter auf den Weg an die Schanze machte. Ich hatte in der Nacht zuvor noch schlechter geschlafen als sowieso schon, mich mal wieder erfolgreich geweigert etwas zu essen und war sowieso nicht wirklich ansprechbar. Hoffentlich würde unser Auto irgendwo auf dem Weg nach Kranj liegen bleiben… Aber das passierte natürlich nicht. Meine Mutter schmiss Jon und mich am Eingang des Schanzengeländes raus und machte sich auf die Suche nach einem Parkplatz. Noch war nichts los an der Schanze, nur einige wenige Fans, oder eher Familienangehörige der Springer. Mir war kotzübel, als ich auf das Gelände hinkte. Eigentlich hatte ich mit Pero ausgemacht, ihm zu schreiben wenn ich an der Schanze war. Doch nun wollte ich unsere Begegnung noch so lange wie möglich rauszögern.

Doch dann wurde auch schon mein Name quer über die Anlage geschrien. Ich sah mich um und sah dann Nejc und Jernej auf mich zu kommen. Ich hinkte ihnen ein Stück entgegen. Die beiden musterten mich kurz besorgt, gingen dann jedoch zum üblichen Smalltalk über und schleppten mich in Richtung Springerlager. Natürlich begegnete ich allen möglichen bekannten Gesichtern, welche mich begrüssten, nach meinem Befinden fragten und ähnliches. Gerade hatte mich wieder jemand angesprochen, als ich mitbekam, dass Pero gerade aus dem Slowenencontainer kam. Im selben Moment verabschiedete sich mein Gesprächspartner, und auch Nejc und Jernej machten sich aus dem Staub. Pero entdeckte mich, grinste und kam auf mich zu. Mein Herz raste noch mehr als zuvor, und es war, als hätte die Welt um mich herum den Ton ausgeschaltet.

Je näher Pero kam, umso mehr verschwand sein Lächeln und er wirkte besorgt. Obwohl ich mich völlig kraftlos fühlte, stolperte ich ihm einige Schritte entgegen. Ich hielt die Luft an, als Pero seine Arme ausbreitete, hatte Angst davor was gleich passieren könnte. Dann schloss er mich in seine Arme und drückte mich kurz an sich. Meine Gefühle fuhren Achterbahn. Ich wusste nicht ob ich wegrennen oder mich noch enger an Pero kuscheln wollte. Schliesslich löste er sich nach wenigen Sekunden wieder von mir – immerhin waren wir ja in der Öffentlichkeit – und sah mich besorgt an.

„Was ist los mit dir?“, wollte er dann wissen und liess seinen Blick über meinen Körper gleiten – ich war durch den schlechten Schlaf in der letzten Zeit total blass, hatte durch das Verweigern des Essens einiges an Gewicht verloren – „Und dein Knie scheint ja irgendwie fast schlimmer als am Anfang!“ Ich zuckte nur mit den Schultern, starrte auf meine Füsse.

„Komm mit!“ Pero ging auf den Container zu, und ich folgte ihm zögernd. Er hielt mir die Tür auf, und ich betrat den Raum, in welchem sich ausser uns nur Urban, unser Teamphysio befand. Dieser grinste mich an und kam auf mich zu, runzelte dann jedoch die Stirn als er mein Gehinke bemerkte.

„Das sieht aber gar nicht gut aus.“, meinte er nur, als er vor mir stehen blieb. Wieder senkte ich meinen Blick, starrte auf den Boden.

„Kannst du mal drauf gucken?“, kam es von Pero, der die Tür hinter uns schloss. Urban nickte nur und deutete auf eine Bank an der Wand. Ich liess mich darauf nieder, Pero setzte sich neben mich und Urban ging vor mir in die Knie. Bereits als er anfing meine Trainingshose hochzukrempeln zuckte ich heftigst zusammen, meine Hand krallte sich in die Bank. Pero sah mich besorgt an und legte den Arm um meine Schultern. Ich biss die Zähne zusammen. Mittlerweile hatte Urban mein Knie freigelegt. Schon die erste Berührung liess mich erneut zusammenzucken, ich schloss meine Augen, und sofort begann alles um mich herum zu verschwimmen.

Mit einem Mal befand ich mich nicht mehr im Container an der Schanze, sondern in der Praxis des anderen Physiotherapeuten. Mein ganzer Körper zitterte, unbewusst kam ein leises Wimmern über meine Lippen, ich war wie in Trance, und Tränen begannen über meine Wangen zu rinnen. Es war eine Art Schutzmechanismus, den ich mir in den letzten Wochen angewöhnt hatte und der sich auch jetzt nicht verhindern liess, obwohl sich Urban wirklich nur mit meinem Knie befasste. Irgendwann glaubte ich wie durch Nebel Peros Stimme zu hören. Und langsam kam ich auch wieder zu mir. Ich lag auf dem Boden des Containers, mein Kopf lag auf Peros Beinen, welcher mich besorgt ansah. Ruckartig setzte ich mich auf und strich mir durchs Gesicht, über welches noch immer Tränen liefen. Urban kniete neben mir und sah nicht weniger besorgt aus als Pero.

Irgendwie halfen mir die beiden zurück auf die Bank, auch wenn ich mich nicht daran erinnern konnte wie ich von dort auf den Boden gekommen war. Die Tränen versuchte ich gar nicht mehr zu unterdrücken, dafür war es nun eh zu spät. Dieses Mal war es Pero, der sich vor mich kniete und nach meinen Händen griff, während Urban sich neben mich setzte.

„Jurij… Was ist los mit dir? Was ist passiert?“, wollte Pero wissen und versuchte mir in die Augen zu schauen. Ich wandte den Blick ab.

„Es wird mir doch sowieso niemand glauben.“, kam es leise über meine Lippen, obwohl ich das eigentlich nur hatte denken wollen. Ich zuckte zusammen, als ich meine Stimme hörte, und fing wieder an zu zittern.

„Wir glauben dir!“, versicherte mir Pero, und Urban nickte zustimmend. Schliesslich setzte sich Pero wieder neben mich und zog mich in seine Arme. Ich zögerte kurz, bevor ich mich noch etwas näher an ihn kuschelte und leise anfing zu erzählen. Pero strich mir dabei beruhigend über den Rücken. Schliesslich hatte ich meine Erzählung beendet. Für einen Moment sassen wir schweigend dort, bis Pero plötzlich aufsprang. Ich zuckte zusammen und rutschte unbewusst ein Stück näher zu Urban. Pero raufte sich die Haare und ging im Container hin und her, trat einen Springschuh durch die Gegend, der ihm irgendwie in die Quere kam. Irgendwann blieb er stehen, dem Blick von uns abgewandt.

„Ich hab ja bemerkt dass irgendwas nicht stimmt.“, meinte er dann mit brüchiger Stimme, „Aber dass es gleich sowas ist…“

Irgendwann stand ich auf, hinkte auf ihn zu und legte von hinten meine Arme um ihn. Pero drehte sich um, auch ihm liefen Tränen übers Gesicht. Ich wischte einige davon weg, und Pero kuschelte sich in meine Hand. Schliesslich legte er seine Arme um mich, ich schmiegte mich an ihn und vergrub meinen Kopf in seiner Halsbeuge.

„Wieso hast du nicht schon früher was gesagt?“, wollte Pero wissen. Ohne mich von ihm zu lösen zuckte ich mit den Schultern.

„Ich hatte Angst… Dass mir keiner glaubt… Oder dass du mich eklig findest oder so… Dass es alles kaputt macht.“ Pero kam nicht mehr dazu irgendwas dazu zu sagen, denn die Containertür flog auf. Hinein kam ein vor Wut kochender Goran mit Handy am Ohr, gefolgt von Urban – wann hatte dieser eigentlich den Raum verlassen? Ich hatte zumindest nichts davon mitgekriegt…

Goran bellte einige letzte wütende Worte in sein Telefon, bevor er auflegte. Dann schien die Wut jedoch schlagartig von ihm abzufallen. Ich löste mich ein wenig von Pero, jedoch ohne ihn ganz loszulassen. Goran trat auf uns zu.

„Jurij, ich… es tut mir Leid, ich konnte ja nicht wissen…“, begann er und schien noch immer fassungslos, was sich jedoch gleich darauf zu ändern schien. Unser Trainer sah uns nun ernst an.

„OK, folgendermassen: Du -“ er sah zu Pero- „pfeifst heute auf die Quali, schnappst dir Jurij und ihr verschwindet irgendwo hin und rettet erstmal eure Beziehung. Aber ich will dich morgen auf dem Podest sehen.“ Pero nickte nur. Dann wandte sich unser Trainer an mich.

„Du erholst dich erstmal, lässt Urban morgen nochmal auf dein Knie gucken und für danach suchen wir dir einen fähigen Menschen hier in der Gegend. Unterdessen muss ich etwas telefonieren, und ich schwöre dir – ich gebe nicht auf bevor der Mistkerl hinter Gittern sitzt. Ich versuche dich bestmöglich rauszuhalten, kann aber für nichts garantieren. Und jetzt verschwindet.“ Bei den letzten Worten hatte Goran nun wieder leicht gegrinst und uns zugezwinkert, bevor er aus dem Container rauschte, das Handy bereits wieder am Ohr.

Pero und ich sahen uns kurz an, bevor er anfing seine Sachen zusammen zu packen und wir uns auf den Weg zu seinem Auto machten. Wir fuhren zu ihm nach Hause, wobei die Fahrt mehrheitlich schweigend verlief. Dann setzten wir uns in seinem Zimmer aufs Bett und begannen zu reden. Ich war beruhigt dass es mir leichter fiel als erwartet Nähe zu Pero zuzulassen, und zumindest für einen Moment war das Geschehene vergessen. Als wir alles besprochen hatten, blieben wir einfach im Bett liegen, kuschelten und sahen uns die Qualifikation im Fernseher an.

Natürlich dachte ich dabei auch über das Geschehene nach, doch Peros Anwesenheit machte es irgendwie erträglicher. Irgendwie schaffte er es sogar mich dazu zu bringen etwas zu essen.

Tatsächlich erfüllte Pero am nächsten Tag Gorans Forderung, aufs Podest zu springen, er gewann sogar beide Wettkämpfe auf seiner Heimschanze. Danach hiess es für uns auch schon wieder Abschied nehmen. Jedoch hatte ich das Gefühl dass unsere Bindung dadurch nur noch stärker geworden war.

So sehr Goran sich auch bemühte kam ich trotzdem nicht drum herum, das Passierte bei der Polizei noch einmal haarklein zu erzählen. Dies bescherte mir noch eine schlaflose Nacht, doch danach konnte der Täter endgültig hinter Gitter gesteckt werden. Mittlerweile waren sogar noch weitere ehemalige Patienten gefunden worden, an welchen er sich vergangen hatte.

Was mein Knie kam ich gerade noch so um eine Operation herum. Die ersten Behandlungen bei meiner Physiotherapeutin waren sehr schmerzhaft, doch mit der Zeit wurde es besser, ich brauchte die Krücken nicht mehr und konnte schon wieder anfangen leicht zu trainieren – vom Springen war ich allerdings noch ganz weit weg. Vermutlich würde ich aber bis zum Sommergrandprix wieder einsatzfähig sein.

Die Esserei war hingegen ein grösserer Kampf, und es kostete mich ziemlich viel Überwindung. Jedoch bekam ich auch hier von allen Seiten Unterstützung. Letztendlich begann ich sogar das Geschehene mit einer Psychologin aufzuarbeiten, was mir auch bei der Esserei irgendwie weiterhalf.

Alles in Allem nahm also alles ein gutes Ende. Pero und ich waren trotz der Krise noch immer zusammen und irgendwie hatte sich doch noch alles zum Guten gewendet. Zwar kann man nie wissen, was noch alles passieren wird, doch ich bin zuversichtlich dass Pero und ich auch in Zukunft alle Krisen erfolgreich meistern werden.

Ohne Titel (Part 1) (Skispringen, Jurij Tepeš/Peter Prevc, Slash)

„Jurij? Jurij! Hörst du überhaupt zu?“ Eine vor meinem Gesicht herum fuchtelnde Hand holte mich aus meinen Gedanken. Ich zuckte zusammen und sah direkt in Gorans verärgertes Gesicht. Meine Springerkollegen grinsten und konnten sich teilweise ein Kichern nicht verkneifen. Ich rief rot an, senkte meinen Blick auf den Boden und murmelte eine Entschuldigung.
„Ihr hattet lange genug Ferien, also reiss dich nun zusammen und konzentrier dich!“, herrschte unser Trainer mich an, bevor er sich wieder dem gesamten Team zuwandte und weiterredete. Doch so sehr ich es auch versuchte – ich bekam irgendwie nur die Hälfte davon mit, was er uns zu erklären versuchte. Die einzelnen Worte kamen zwar in meinem Hirn an, schienen jedoch keinen Sinn oder Zusammenhang mehr zu geben sobald sie in meinem Gehirn ankamen.

Es war das erste Training vor dem Sommer-Grand Prix. Das erste Mal dass ich nach einigen Wochen meine Teamkollegen wiedersah. Und einer von ihnen hatte eine Überraschung für uns gehabt: Peter Prevc hatte während der Pause seinen Kiefer operieren lassen, und irgendwie schien mich sein „neues Gesicht“ nun etwas aus der Bahn zu werfen.
Und dies bereitete mir irgendwie Sorgen. Klar sah er nun nach der OP um einiges besser aus als vorher. Schon allein weil er nun auch endlich diese hässliche Zahnspange los geworden war. Aber davon abgesehen, wieso beschäftigte mich das ganze so sehr?!

Gut, vermutlich war es einfach nur ungewohnt und würde vorbei gehen, wenn ich ihn einige Zeit jeden Tag sah. Dennoch war ich ziemlich verwirrt. Mit etwas Abstand schlurfte ich hinter den anderen her in den Fitnessraum. Goran wollte erst mal unsere allgemeine körperliche Verfassung prüfen, bevor er uns wieder auf die Schanze losliess. Die wenigsten von uns hatten während der Trainingspause weiterhin wirklich auf ihre Ernährung geachtet oder sich besonders oft sportlich betätigt – mich eingeschlossen. Wie die meisten anderen hatte ich mich mehrheitlich ausgeruht, von der anstrengenden Wintersaison erholt und einfach mal nichts gemacht…

Noch immer hatte ich den Kopf voller Chaos, als ich mich auf eines der Fahrräder schwang. Ich strampelte wie wild drauf los, bis ich vor lauter Anstrengung nicht mehr denken konnte. Nun bloss nicht aufhören… In meinen Ohren fing es an zu rauschen, und alles um mich herum schien im Nebel zu versinken. Ich kniff die Augen zusammen, wurde langsamer mit strampeln und liess meinen Kopf auf den kleinen Computer des Hometrainers sinken. Langsam versuchte ich, meinen Atem zu beruhigen, mein Herz raste. Wie aus weiter Entfernung hörte ich Stimmen. Als ich das Gefühl hatte, wieder gehen zu können, kletterte ich vom Fahrrad, mich mit einer Hand noch immer am Lenker festklammernd.

Meine Knie zitterten, erneut kniff ich meine Augen zusammen und versuchte einen Schritt zu gehen. Wieder vernahm ich weit entfernte Stimmen, spürte eine Berührung an meiner Schulter, bevor es schwarz um mich herum wurde und mir die Beine wegsackten.
Irgendwann schaffte ich es, die Augen wieder zu öffnen, und langsam klärte sich das erst verschwommene Bild. Ich schaute direkt in Roberts besorgtes Gesicht. Ich lag irgendwo auf dem Boden auf einer Gymnastikmatte. Vorsichtig setzte ich mich hin, mir war noch immer etwas schwindlig. Robbie hielt mir ein Glas mit einer dunklen Flüssigkeit, der Farbe nach zu schliessen Cola, hin.

Ein „Danke!“ murmelnd griff ich danach, in der Hoffnung der Zucker würde meinen immer noch etwas labilen Kreislauf wieder in Ordnung bringen. Robbie wirkte noch immer besorgt. „Geht’s wieder?“, wollte er wissen. Ich nickte nur, während ich langsam das Glas leerte. Langsam fühlte ich mich etwas besser, wenn auch noch nicht gut genug um aufzustehen. So blieb ich noch einige Minuten sitzen, während Robbie zurück in den Fitnessraum ging.
Was war das denn bitte gerade für eine Aktion?! Nicht nur dass mein Kopf nur Mist produzierte, jetzt machte auch noch mein Körper schlapp! Sicher hatte ich es möglicherweise etwas übertrieben auf dem Rad, doch so schlimm war das doch auch nicht! Aber irgendwie seltsam…

Dieser Meinung war auch Goran, der kurz darauf auftauchte, mich nach meinem Befinden fragte und mich direkt zu unserem Teamarzt schickte. Das fand ich zwar etwas überflüssig, machte mich dann aber auf den Weg. Mittlerweile war das Training beendet worden, als ich an die Tür der kleinen Praxis im Nebengebäude der Schanzenanlage klopfte. Wie erwartet konnte der Arzt nichts finden, er nahm mir jedoch sicherheitshalber etwas Blut ab, welches er untersuchen lassen wollte. Meinetwegen, vermutlich würde man auch dort nichts auffälliges finden… So machte ich mich schliesslich auf den Weg zu meinem Auto. Natürlich war ich der letzte. Umso besser, dann musste ich niemandem erklären was mit mir los war. Und auch demjenigen, dessen Gesicht immer noch ständig vor meinem inneren Auge auftauchte, würde ich nicht mehr über den Weg laufen. Zumindest bis morgen…

Leider hatte ich auf der Fahrt zurück nach Ljubljana viel zu viel Zeit um nachzudenken. Und mich über mich selber zu ärgern. Was faszinierte mich plötzlich so sehr an Pero? Immerhin kannte ich ihn mittlerweile schon ewig, wir waren zwar Freunde, oder eher Teamkollegen, aber eine „richtige“ Freundschaft hatte es nie zwischen uns gegeben. Und den Gedanken, dass es vielleicht eine andere Art von Gefühlen war, die ich für ihn empfand, liess ich gerade nicht zu. Ich, Jurij Tepes, war auf keinen Fall schwul! Niemals! Never! Ich stand zu 150% auf Frauen, und dafür gab es auch schon mehr als genug lebende Beweise. Den letzten hatte ich erst in der Woche davor verlassen, weil ich mal wieder festgestellt hatte, dass ich einfach nicht der Typ für feste Beziehungen war. Ob ich vielleicht deshalb so komisch drauf war?

Endlich zuhause angekommen, stellte ich nur kurz meine Tasche in mein Zimmer, schnappte mir meinen iPod und ging wieder nach draussen. Ich musste irgendwie meinen Kopf frei kriegen, und dafür war joggen gehen meine bevorzugte Art. Dass ich erst knappe zwei Stunden zuvor im Training einen Schwächeanfall erlitte hatte, verdrängte ich erfolgreich.
Ich schaltete meinen iPod ein und drehte die Musik so laut, dass meine Trommelfelle fast platzten und es mir kaum noch möglich war, an irgendwas zu denken. So rannte ich durch Sentvid, achtete auf nichts ausser darauf, irgendwie zu atmen und von keinem überfahren zu werden. Irgendwann landete ich schliesslich wieder vor meiner Haustür.

Beim Betreten des Hauses lief ich direkt meinem Vater in die Arme, welcher mich mit einer Mischung aus Besorgnis und Ärger ansah.
„Wo warst du denn noch?“, wollte er wissen.
„Joggen.“, antwortete ich nur, während ich das Kabel meiner Earphones um den iPod wickelte und mich an ihm vorbei drängeln wollte.
„Nachdem du im Training zusammengeklappt bist? Wolltest du dich umbringen?!“ War ja klar, dass Goran ihn schon angerufen hatte…
„Keine Sorge, ich bin OK. Sagte übrigens auch der Arzt.“ Ich drängte mich nun an ihm vorbei und lief die Treppe hoch. Ich brauchte nun unbedingt eine Dusche.
„Und was ist dann mit dir los?“, rief mir mein Vater hinterher, nun wieder besorgt klingend. Ich blieb stehen, ohne mich umzudrehen, dachte kurz nach.
„Gar nichts. Alles OK.“

War doch eigentlich auch so… Oder was hätte ich ihm erzählen sollen? „Pero hat sich den Kiefer operieren lassen und bringt mich nun irgendwie durcheinander“? Nee, auf gar keinen Fall! Das Verhältnis zu meinem Vater war sowieso schon nicht mehr das beste, seit meine Leistungen im Skispringen ohne erkennbaren Grund immer wie mehr abnahmen. Als ob seit meinem Sieg in Planica irgendwas blockiert war. Zwar gehörte ich immer noch zu den besseren meines Teams und wurde eingesetzt. Aber fragte sich nur wie lange noch – auch der Nachwuchs wurde immer stärker und würde wohl demnächst den einen oder anderen von uns aus dem Stammteam drängen – und ich hoffte dass ich noch keiner davon war. Allerdings wünschte ich es auch nicht Robbie, Jernej oder einem der anderen…

Sogleich verzog ich mich unter die Dusche, drehte das Wasser so heiss wie möglich auf und zuckte erst mal zusammen. Aber langsam gewöhnte ich mich an die Hitze, liess mich schliesslich an der Wand hinuntersinken und genoss, in der Dusche sitzend, das prasselnde Wasser. Tatsächlich schaffte ich es nun, einfach mal an nichts zu denken. Bis es schliesslich irgendwann an die Badezimmertür hämmerte.
„Jurij, lass noch etwas heisses Wasser übrig! Ich will auch noch duschen!“ Anja. Widerwillig erhob ich mich, stellte das Wasser ab und griff nach meinem Handtuch. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich keine sauberen Sachen mit ins Bad genommen hatte. Nun ja, egal. Also wickelte ich das Handtuch um meine Hüfte, nachdem ich mich notdürftig abgetrocknet hatte, packte meine getragenen Klamotten und öffnete die Tür. Anja stand im Bademantel davor und runzelte ihre Stirn.
„Alles klar mit dir?“, wollte sie wissen und sah mir hinterher, als ich meine Zimmertür ansteuerte.
„Klar, was soll sein?“, antwortete ich, bevor ich mein Zimmer betrat und die Tür hinter mir schloss.

Obwohl ich ziemlich schnell einschlief, konnte ich mich auch im Schlaf nicht wirklich erholen. Auch hier verfolgte mich Peters neues Gesicht, und nach ungefähr vier Stunden war ich schlagartig hellwach. Ungefähr eine Stunde wälzte ich mich herum und versuchte, wieder einzuschlafen. Doch es war hoffnungslos. Und mir fiel nichts bessers ein, als mich erneut in meine Laufklamotten zu werfen und loszuziehen. Als ich aus dem Haus trat, fiel mir auf, dass das Auto meiner Mutter nicht auf dem Parkplatz stand. Schon seit längerem kriselte es zwischen ihr und meinem Vater, und auch wenn sie versuchten, es vor uns Kindern zu verbergen, war es dennoch irgendwie unübersehbar. Ich vermutete, dass Mama offiziell mal wieder zu ihren Eltern gefahren war. Aber wo sie wirklich hinfuhr – ich wusste nicht ob ich das auch wirklich wissen wollte… Denn irgendwie war da immer noch die Hoffnung dass die beiden sich noch einmal berappelten und ihre Ehe retten konnten.

Ich joggte los, und erst nach einiger Zeit fiel mir auf dass ich meinen iPod gar nicht mitgenommen hatte. Doch nochmal zurück wollte ich auch nicht, also musste es ohne gehen. Im Wald angekommen realisierte ich die Geräusche der Nacht, und irgendwie mochte ich es. Ich lief kreuz und quer durch den Wald, genoss die Einsamkeit und dachte über alles Mögliche nach. Meine Familie, vor allem die Sache mit meinen Eltern, die Skispringerei, mein Kopfchaos und auch, was nach der Skispringerei mit mir passieren sollte.
Die Sache mit meinen Eltern würde vor allem Jon ziemlich mitnehmen, wie es schien war er auch der einzige der von der ganzen Sache noch nichts mitbekommen hatte. Anja und ich waren ja alt genug um einfach unsere Sachen zu packen und auszuziehen – wie wir das finanzieren würden war die andere Frage… Aber noch war das ja kein Thema.

Was die Sache mit Peter betraf, musste ich mir eingestehen, dass es ja eigentlich doch irgendwie gar nicht so schlimm wäre, sich in einen Jungen zu verlieben. Zumal ich mir ja auch überhaupt noch nicht sicher war, ob es wirklich Verliebtheit oder sonst irgendwas seltsames war. Und auch wenn es sowas wie Liebe wäre, wäre es sowieso hoffnungslos, denn die Chance, dass Pero etwas ähnliches fühlte wie ich, war sowieso gleich null… Vermutlich war es aber auch wirklich nur Gefühlschaos weil ich meine letzte Trennung noch nicht verkraftet hatte. Obwohl ich bisher gedacht hatte dass von meiner Seite her keine Gefühle dabei gewesen waren. Aber vielleicht hatte sich da ja unterbewusst irgendwas entwickelt… Vielleicht sollte ich sie einfach anrufen und noch einmal mit ihr reden…

Was das Skispringen betraf machte ich mir da schon eher Sorgen… Meine Ergebnisse waren in letzter Zeit mehr schlecht als recht, wer weiss wie lange Goran das noch mitmachen würde… Zumal ich ja nicht wusste woher genau es kam… Doch was würde danach kommen? Das Skispringen war so gesehen mein Leben, schon seit Jahren, ich konnte mir einfach nicht vorstellen irgendwas anderes zu machen, schon gar nicht den ganzen Tag irgend in einem Büro zu sitzen oder so. Klar, ich konnte auch nach meinem Karriereende weiter Skispringen, hobbymässig, doch mal ehrlich – das war doch nicht das selbe… Doch scheinbar war es wirklich Zeit mir so langsam Gedanken darüber zu machen, denn um mich einfach zurückzulehnen und nichts mehr zu machen hatte ich in meiner Skispringzeit definitiv zu wenig Geld verdient…

Am Horizont war bereits ein heller Streifen zu erkennen, als ich wieder bei unserem Haus ankam. Im Haus war jedoch noch alles ruhig und dunkel. So schlich ich mich zurück in mein Zimmer. Immerhin hatte die nächtliche Rennerei ihren Zweck erfüllt: Ich fühlte mich wieder müde genug um noch einige Stunden zu schlafen. Andererseits machte sich nun mein Magen bemerkbar. Das letzte Mal hatte ich am Mittag vor dem Training etwas gegessen, aus Zeitgründen nur ein Brot, bevor ich los musste. Ich war erst kurz davor aufgestanden, aus diesem Grund hatte es für mich auch kein Frühstück gegeben. Und nach dem Training und meiner ersten Joggingrunde hatte ich auch nichts mehr gegessen… Vielleicht sollte ich diesbezüglich etwas nachholen… Und so quälte ich mich, noch immer in vollständiger Joggingkluft samt Schuhen, wieder aus dem Bett und ging hinunter in die Küche.

Ich öffnete den Kühlschrank und holte alles heraus, was halbwegs essbar aussah. Schlussendlich war der halbe Tisch vollgestellt, und irgendwie endete das ganze in einer regelrechten Fressorgie. Ich stopfte alles wild durcheinander in mich hinein, konnte gar nicht mehr aufhören, und als die Sachen aus dem Kühlschrank aufgegessen waren, durchsuchte ich noch die Küchenschränke. Mein Bauch schmerzte bereits, doch ich bekam es kaum mit. Auch dass meine Fressorgie wohl nicht gerade leise ablief, bemerkte ich nicht. Allerdings schien ich damit bisher keinen Aufgeweckt zu haben. Als ich jedoch gerade dabei war, das dreckige Geschirr in die Abwaschmaschine einzuräumen, überkam mich schlagartig Übelkeit. Ich presste mir die Hand vor den Mund und schaffte es gerade noch die Treppe hoch ins Bad, wo ich vor der Kloschüssel auf die Knie fiel und das gesamte eben Gegessene in diese beförderte.

Irgendwann schob sich ein Glas mit Wasser in mein Blickfeld, und als ich mich umdrehte stand Anja neben mir. Sie sah mich besorgt an.
„Geht’s wieder?“, wollte sie wissen. Ich nickte nur, nahm ihr das Glas aus der Hand und spülte mir kurz mit einem Schluck den Mund aus, bevor ich es in einem Zug leerte. Ich lehnte meinen Kopf gegen die kühlen Fliesen, noch immer ausser Atem. Meine Schwester nahm mir das Glas ab, füllte es erneut und hielt es mir wieder hin. Erneut leerte ich es in einem Zug, sah sie dann dankbar an.
„Und nun zurück ins Bett!“, meinte sie nur und streckte mir ihre Hand hin. Ich griff danach, liess mich von ihr hochziehen und blieb dann schwankend stehen. Ich fühlte mich unheimlich schwach. Offensichtlich wirkte ich auch so, denn Anja schlang sicherheitshalber einen Arm um meine Hüfte und geleitete mich zurück in mein Bett.

Während ich mich inzwischen frierend unter meine Decke kuschelte, verschwand Anja kurz aus dem Zimmer, um gleich darauf mit einem Glas und einer Flasche Cola wiederzukommen. Sie setzte sich auf den Bettrand und wuschelte mir kurz durch die Haare.
„Mum ist schon wieder nicht da, oder?“, wollte sie wissen. Ich schüttelte nur den Kopf. Sie seufzte, hob dann die Bettdecke an und legte sich neben mich. Als Kinder hatten wir uns öfters ein Bett geteilt, aber das letzte Mal war nun wohl fast zwanzig Jahre her. Ich war erst überrascht, rutschte dann aber zu ihr. Anja griff nach dem Schalter der Nachttischlampe.
„Gute Nacht!“, murmelte sie nur, bevor sie die Lampe ausschaltete. Ich murmelte bereits im Halbschlaf irgendeine Antwort, kuschelte mich noch etwas näher an sie heran und schlief dann ein.

Als ich aufwachte, war Anja verschwunden. Die Sonne schien in mein Zimmer. Ich fühlte mich einigermassen erholt, zumindest geschlafen hatte ich die letzten Stunden ziemlich gut. Als ich aufstand, überkam mich jedoch leichter Schwindel, zudem schmerzte mein ganzer Körper. Ich schleppte mich erst mal ins Bad und stellte mich unter die Dusche. Das half, danach fühlte ich mich um einiges besser. Ich schankte zurück in mein Zimmer, wo mir ein Blick auf den Wecker sagte, dass ich schon fast wieder spät dran war, um rechtzeitig ins Training zu kommen. So zog ich mich an, schnappte mir meine noch vom Vortag gepackte Tasche und ging hinunter in die Küche.

Zu meiner Überraschung stand meine Mutter am Spülbecken und wusch gerade die geschirrlichen Überreste meiner nächtlichen Fressorgie. Sie Wünschte mir lächelnd einen guten Morgen, als ich durch die Tür trat, runzelte dann aber besorgt die Stirn.
„Alles in Ordnung? Du bist so blass.“, wollte sie wissen. Ich nickte nur und murmelte etwas von schlecht geschlafen. War ja auch nicht mal wirklich gelogen… Ich liess meine Tasche neben der Tür stehen und ging zur Kaffeemaschine, wo ich mir eine Tasse füllte, mir eine Scheibe Brot abschnitt und mich dann an den Küchentisch setzte. Mama hatte sich wieder dem Abwasch zugewandt, und die Art wie sie lächelte und vor sich hin summte war für mich fast schlimmer als ihre traurigen Augen in den Wochen zuvor.

Obwohl mir der Apetit vergangen war, sofern er überhaupt irgrndwann vorhanden war, würgte ich mein Brot hinunter, kippte den heissen Kaffee hinterher und sprang dann auf.
„Ich muss los.“, murmelte ich und flüchtete regelrecht aus der Küche. Ich schnappte mir meine Tasche, angelte meinen Autoschlüssel vom Schlüsselbrett und verliess das Haus. Nun war ich zwar sogar ein ganzes Stück zu früh dran, aber ich hätte es keine Sekunde länger mehr drinnen ausgehalten. So warf ich meine Tasche in den Kofferraum und setzte mich ins Auto. Während der Fahrt zur Schanze drehten sich meine Gedanken um alles mögliche, ich konzentrierte mich kaum auf die Strasse und hatte wohl Glück, dass gerade kaum Verkehr war. Schliesslich erreichte ich mein Ziel, wo ich erstmal meinen Kopf aufs Lenkrad sinken liess und die Augen schloss.

Irgendwann liess mich ein Klopfen an der Autoscheibe zusammenzucken. Als ich den Kopf hob, presste Nejc sein Gesicht dagegen und zog eine Grimasse. Ich rieb mir kurz die Augen, zog den Zündschlüssel aus dem Schloss und öffnete dann die Tür. Nejc sprang zur Seite.
„Du siehst scheisse aus!“, stellte er dann fest. Ich zuckte nur mit den Schultern, stand auf und wankte dann, kurz mit meinem Gleichgewicht kämpfend, in Richtung Kofferraum.
„Er hat Recht. Bist du sicher, dass du so wirklich springen willst?“ Ich erstarrte einen Moment, als ich Peters Stimme erkannte. Scheinbar stand er schon die ganze Zeit in der Nähe und ich hatte es nicht mal bemerkt.
„Wird schon irgendwie gehen.“, meinte ich, wobei meine Stimme beinahe versagte.

Noch immer sahen mich die beiden besorgt an, als ich meine Tasche aus dem Kofferraum holte. Wir machten uns auf den Weg in Richtung Umkleidekabine, vor welcher schon Goran und die anderen auf uns warteten. Auch dieser sah mich besorgt an, sagte jedoch nichts und schloss uns die Tür auf. Wir stürmten hinein, und ich liess mich auf der Bank nieder und versank wieder in Gedanken, während sich die anderen lachend und redend umzogen. Irgendwie schaffte auch ich es dabei, in meinen Anzug zu schlüpfen, liess mich dann aber wieder auf der Bank nieder.

Irgendwann spürte ich eine Hand auf meiner Schulter, sah auf – und direkt in Peters noch immer besorgtes Gesicht. Aus der Nähe sah er sogar noch besser aus, obwohl noch gewisse Spuren von der OP zu erkennen waren. Das wäre der perfekte Moment um ihn zu küssen!, schoss es mir durch den Kopf und hätte mich für den Gedanken am liebsten selber georfeigt. Ich senkte meinen Blick, was sich jedoch ebenfalls als schlechte Idee erwies, denn so kam nun Peters nackter Oberkörper in mein Sichtfeld.
„Irgendwas stimmt doch nicht mit dir!“, meinte Peter, und er ging in die Knie, um mir wieder in die Augen sehen zu können, „Was ist los, Stress mit deiner Freundin?“

„Welche Freundin?“, murmelte ich nur, stand auf und ging an ihm vorbei aus der Garderobe. Ich hörte ihn seufzen. Er ging einige Meter hinter mir, als wir das Gebäude verliessen, uns unterwegs unsere Skis aus dem Materialcontainer holten und dann die Treppe zur Schanze hoch kletterten. Dort warteten Goran und die anderen bereits auf uns. Wir waren spät dran, doch Goran wirkte nicht wütend, sondern immer noch besorgt. Schliesslich erklärte er uns das Ziel des heutigen Trainings, bevor er uns weiter hinauf auf die Schanze schickte. Als ich den anderen folgen wollte, hielt er mich jedoch kurz an der Schulter fest. Ich rollte mit den Augen.
„Du bist sicher dass du das packst?“, wollte er wissen, „Ich will deiner Familie nicht erklären müssen wieso du mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus liegst – oder schlimmeres…“

„Ich komme klar!“, versicherte ich ihm und versuchte dabei so überzeugend wie möglich zu klingen. Goran schien mir nicht so recht zu glauben, liess mich dann aber gehen.
Tatsächlich verlief das Training sogar ziemlich gut, und ich erntete ein anerkennendes Nicken für meinen ersten Sprung. Beim zweiten kam ich bei der Landung zwar etwas ins trudeln, jedoch war die Weite mehr als annehmbar. Auch der dritte Sprung war OK, wenn auch nicht ganz so gut wie die ersten beiden. Möglicherweise hing das auch damit zusammen, dass mich noch während des Sprungs ein leichter Schwindelanfall überkam und mein Sichtfeld bei der Landung etwas verschwamm. Eigentlich war es sogar fast ein Wunder, dass ich noch einen Telemark hinbekam.

Bevor ich meine Skis abschnallte, blieb ich einen Moment in der Hocke und wartete dass der Schwindel verflog, bevor ich den Auslauf verliess. Ich ignorierte die besorgen Blicke meiner Teamkollegen, als ich wieder die Treppe hinauf stieg und dabei stärker als sonst ins Schnaufen kam. Kurz blieb ich stehen um wieder zu Atem zu kommen. Als ich weiter ging, wartete oben an der Treppe Goran auf mich.
„Genug für heute, Jurij.“, meinte er nur, „Du bist gut gesprungen, fahr jetzt nach Hause und erhol dich. Bald geht der Sommetgrandprix los, dafür musst du fit sein!“

Im Normalfall hätte ich ihm widersprochen und auf weitere Sprünge bestanden, doch heute nickte ich nur und ging wieder nach unten, froh dass das Training vorbei war. Mein Magen rumorte, und ich konnte nicht genau sagen ob es Hunger war oder etwas anderes Schuld an der Übelkeit war. Ich stellte meine Skis zurück und ging zurück in die Garderobe. Beim umziehen vertrödelte ich irgendwie so viel Zeit, dass ich noch nicht fertig war, als die anderen Springer ihr Training beendet hatten und herein kamen.

Schliesslich schnappte ich mir meine Sachen und machte mich auf den Weg zu meinem Auto. Noch immer fühlte ich mich seltsam – hoffentlich würde ich die Fahrt nach Hause heil überstehen… Ich verfrachtete meine Tasche in den Kofferraum, setzte mich auf den Fahrersitz und wollte den Wagen starten. Dieser jedoch gab keinen Mucks von sich. Irritiert zog ich den Schlüssel noch einmal raus und versuchte es erneut. Doch wieder – keine Reaktion. Ein Blick aufs Armaturenbrett verriet mir, dass ich noch genug Benzin hatte und auch sonst kein Kontrollämpchen oder irgendetwas anderes darauf hinwies, wieso mein Auto nicht ansprang.

Ich fluchte und zuckte daraufhin heftigst zusammen, als ich einen Schatten am Fenster erkannte. Dann erkannte ich Peter, der vor der Tür stand. Hinter ihm erkannte ich, dass der Parkplatz, abgesehen von seinem und meinem Auto, leer war.
„Springt nicht an.“, murmelte ich, als ich ausstieg und nach vorne ging, wo ich die Kühlerhaube öffnete. Zwar kannte ich mich ein wenig mit Autos aus, konnte jedoch beim besten Willen nichts erkennen, was anders war.
„Vermutlich ist die Batterie am Arsch.“, sprach Peter meinen Gedanken aus, der sich neben mich gestellt hatte und sich nun ebenfalls hilflos das Innenleben meines Wagens ansah.

„Ich fahr dich nach Hause.“, meinte er daraufhin. Ich sah ihn ungläubig an.
„Du musst doch in ne komplett andere Richtung, das macht doch keinen Sinn!“, antwortete ich, doch Peter winkte ab.
„Und was willst du sonst machen? Hier übernachten? Ausser mir ist keiner mehr hier. Ich lass dich ganz bestimmt nicht alleine hier stehen, schon gar nicht in deinem Zustand!“ Meinem Zustand? Was wollte er mir denn jetzt damit sagen? Doch ich zuckte nur mit den Schultern und folgte Peter zu seinem Auto. Wir stiegen ein, und Peter setzt seine Sonnenbrille auf, bevor er den Wagen startete und vom Parkplatz fuhr.

Der Radio dudelte vor sich hin, und Peter klopfte auf dem Lenkrad den Takt des Liedes mit. Ich beobachtete ihn unauffällig, während ich in meinem Sitz hing und eine leichte Übelkeit in mir aufstieg. Schliesslich kamen einige Kurven, die Übelkeit wurde stärker und dann schlagartig so heftig, dass ich mir die Hand vor den Mund presste.
„Halt an!“, meinte ich nur. Ein Blick zu mir genügte, und Peter lenkte den Wagen in den nächstbesten Waldweg. Ich stürzte hinaus, fiel auf die Knie und erbrach mein spärliches Frühstück ins Gebüsch. Noch immer rebellierte mein mittlerweile leerer Magen, ich würgte und hatte plötzlich Angst zu ersticken.

Schliesslich tauchte eine offene Wasserflasche vor meinem Gesicht auf, und eine Hand strich über meinen Rücken. Dankbar ergriff ich die Flasche und nahm einige Schlucke, mit deren Hilfe ich schliesslich auch das letzte meinen Magen reizende Stückchen in die Büsche beförderte. Mittlerweile liefen mit Tränen übers Gesicht, und ich liess mich einfach gegen Peter sinken, fühlte mich zu schwach um mich jemals wieder zu bewegen. Zu meiner Überraschung zog er mich an sich und hielt mich fest, während ich heulte, irgendwann begann er wieder sanft über meinen Rücken zu streichen.

Obwohl mein Magen schmerzte und ich nicht aufhören konnte zu heulen, wünschte ich mir, dass es für immer so bleiben würde; dass ich in Peters Armen lag und er über meinen Rücken strich. Doch dann löste ich mich nach einer Weile widerwillig von ihm, stand schwankend auf. Peter folgte meiner Bewegung, bereit mich aufzufangen falls ich das Gleichgewicht verlieren sollte. Ich spülte mir den Mund aus und trank dann vorsichtig einige Schlucke Wasser, bevor ich mir die Tränen aus dem Gesicht wischte.
„Gehts wieder?“, wollte Peter wissen. Ich nickte nur und ging langsam zurück zum Wagen, wobei Peter hinter mir blieb und wartete, bis ich sass. Erst dann ging er zur Fahrertür und stieg ebenfalls ein, machte jedoch keine Anstalten den Wagen zu starten.

„OK, und nun erzähl mir mal was mit dir los ist!“, forderte er daraufhin und schaute mich eindringlich an. Ich zögerte einen Moment, und dann sprudelte alles aus mir heraus. Nun ja, fast alles, denn die Sache was das Gefühlschaos ihm gegenüber betraf wollte ich ihm dann doch nicht unter die Nase reiben. Aber vor allem die Sache mit meinen Eltern erzählte ich ihm, und kurz schnitt ich auch meine Zukunftsängste was das Skispringen betrifft an. Irgendwie half es mir, mir mal alles von der Seele zu reden, auch wenn schlussendlich wieder die Tränen flossen, ohne dass ich es wirklich wollte.

Auch jetzt strich Peter wieder über meinen Rücken, er hatte sich meine Erzählung schweigend angehört.
„Klingt ja nicht besonders gut, das ganze!“, meinte er daraufhin. Ich nickte nur und rieb mir die Augen.
„Jedenfalls, du kannst jederzeit zu mir kommen wenn was ist, OK?“ Ich sah überrascht auf.
„Okay, Danke!“, murmelte ich nur. Peter grinste nur, was meinen Bauch kurz kribbeln liess. Dann startete er seinen Wagen, und wir setzten unsere Heimfahrt fort. Irgendwann erreichten wir das Haus meiner Eltern.
„Danke… Für alles!“, meinte ich nur, als ich ausstieg.
„Kein Thema. Und wie gesagt, meld dich falls ich irgendwas für dich tun kann!“

Ich ging zur Haustür, und Peter fuhr davon. Als ich in die Küche trat, erwartete mich eine Situation, die ich nicht erwartet hatte: Meine gesamte Familie sas gemeinsam am Abendbrottisch, als ob zwischen meinen Eltern nie irgendwas passiert wäre. Ich blieb in der Küchentür stehen und konnte es kaum glauben. Jon erzählte gerade irgendwas, ansonsten klapperte nur das Besteck, und keiner schien mich bisher bemerkt zu haben. Irgenwann sah meine Mutter schliesslich auf und entdeckte mich. Sie lächelte.
„Hallo Jurij, willst du auch was essen?“ Ich zuckte zusammen, schüttelte dann den Kopf.
„Ich fühle mich nicht so gut, ich glaub ich leg mich gleich hin.“

Mit diesen Worten drehte ich mich um und ging zur Treppe. Ich hörte, wie meine Mutter mir noch irgend etwas hinterher rief, doch ich ignorierte es. Dann stieg ich die Treppe hoch, ging in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir ab. Dann setzte ich mich auf mein Bett, mein Körper fühlte sich unglaublich schwer an, und mein Kopf drohte zu platzen. Ich schälte mich aus meinen Klamotten und kroch unter die Decke. Dann schnappte ich mir meinen iPod vom Nachttisch und steckte mir die Stöpsel in die Ohren. Erst war die Musik leise, doch irgendwann klopfte es an die Tür und von draussen rief meine Mutter meinen Namen, woraufhin ich sie lauter drehte. Dennoch bekam ich mit, dass es später noch einmal klopfte. Auch das ignorierte ich. Irgendwann fielen mir schliesslich die Augen zu.

Als ich wieder aufwachte, war es mitten in der Nacht. Mir war ein wenig schwindlig, mein Kopf tat noch immer etwas weh, und ich musste aufs Klo. Also stand ich auf. Als ich die Tür öffnete, stolperte ich beinahe über ein Tablett mit einer Kanne Tee, einer Tasse und einem Schälchen mit Suppe. Zudem befanden sich darauf noch einige Scheiben Brot. Ich machte einen grossen Schritt darüber und ging dem Flur entlang in Richtung Bad. Dabei musste ich an der Schlafzimmertür meiner Eltern vorbei, welche einen Spalt offen stand. Kurz stellte ich mich davor und schielte hinein. Im schwachen Licht, das durchs Fenster drang, konnte ich meine Eltern erkennen, welche eng umschlungen im Bett lagen.

Ich stolperte zurück und hätte mich beinahe auf den Hosenboden gesetzt, konnte mich jedoch gerade noch fangen. Was sollte das denn jetzt? Erst sprachen sie monatelang kaum miteinander, ausser wenn sie sich gerade stritten, und nun machten sie wieder einen auf grosse Liebe?! Ich ballte meine Hände zu Fäusten und stürmte zurück in mein Zimmer. Eigentlich hätte ich mich ja freuen sollen dass sich meine Eltern wieder versöhnt hatten, doch irgendwie war ich einfach nur sauer. Wie in Trance fing ich an, mich anzuziehen und ging dann die Treppe hinunter. Als ich vor der Tür stand, fiel mir ein dass ich ja gar kein Auto hatte. Egal, ich musste hier weg. Also nahm ich mir den Schlüssel von Anjas Auto und verliess damit das Haus.

Ich stieg ein und fuhr vom Parkplatz, noch immer schien mein Körper einfach zu funktionieren, während mein Kopf wie leergefegt war. Und scheinbar ohne dass ich es irgendwie kontrollieren konnte fand ich mich irgendwann vor Peters Haus wieder. Ausgerechnet! So wörtlich hatte er das mit dem „Du kannst jederzeit zu mir kommen!“ wohl auch nicht gemeint… Einen Moment überlegte ich, einfach wieder weg zu fahren, doch in einem Zimmer im oberen Stock war das Licht angegangen. Man hatte meine Ankunft also vermutlich bereits bemerkt. Was nun?

Kurz darauf ging auch schon die Haustür auf, in welcher ein verpennter Peter in Shirt und Boxershorts erschien. Mir gedanklich die Hand gegen die Stirn klatschend öffnete ich schliesslich die Autotür und stieg aus.
„Was machst du denn mitten in der Nacht hier?“, rief Peter leise über den Parkplatz. Ich zuckte nur mir den Schultern, schloss so leise wie möglich die Autotür und ging dann auf ihn zu, ohne ihn dabei anzuschauen.
„Ich bin einfach losgefahren und… Naja, plötzlich war ich hier…“, versuchte ich zu erklären und schielte hoch. Peter lächelte nur.
„Na, dann komm mal rein!“

Ich folgte ihm die Treppe hinauf in sein Zimmer. Dort angekommen, schloss ich die Tür hinter uns, während sich Peter bereits auf den Bettrand gesetzt hatte. Nach kurzem zögern setzte ich mich schliesslich mit etwas Abstand neben mir, mit einem Mal überkam mich bleierne Müdigkeit, ich unterdrückte ein Gähnen und rieb mir die Augen. Peter grinste, wirkte jedoch nicht viel wacher als ich mich fühlte.
„Falls du noch über irgendwas reden willst mach das besser jetzt, sonst fallen mir die Augen zu.“, meinte er. Ich schüttelte den Kopf.
„Meinetwegen können wir schlafen. Ich habs zu Hause nur nicht mehr ausgehalten.“, erklärte ich.

Peter nickte nur und krabbelte ins Bett, klopfte neben sich auf die Matratze. Ich befreite mich von Schuhen und Jeans, liess sie einfach auf dem Boden liegen und legte mich neben ihn. Peter gab mir ein Stück seiner Bettdecke ab und löschte dann das Licht. So lagen wir dann im dunkeln nebeneinander, lauschten dem Atem des jeweils anderen. Irgendwie beruhigte mich das, und schon nach kurzer Zeit schlief ich tief und fest.
Als ich wieder aufwachte, spürte ich etwas auf meiner Brust und war im ersten Moment irritiert. Ich öffnete meine Augen und sah, dass sich Peter im Schlaf an mich gekuschelt und mich zu seinem Kopfkissen zweckentfremdet hatte.

Eine Hand hatte er dabei in den Stoff meines Shirts gekrallt. Er schien noch tief und fest zu schlafen. Ein Kribbeln stieg in meinem Bauch auf, und vorsichtig strich ich durch seine völlig verwuschelten Haare. Er seufzte im schlaf und kuschelte sich noch etwas näher an mich. Ich lächelte, während meine Finger immer noch mit seinen Haaren spielten, und genoss einfach nur die Nähe zu ihm. Sowas würde es in wachem Zustand wohl nicht mehr geben… Doch schon nach viel zu kurzer Zeit grummelte Peter, drehte sich und blieb, alle viere von sich gestreckt, auf dem Rücken neben mir liegen. Im Schlaf lächelte er leicht.

Ich drehte mich auf die Seite und stützte meinen Kopf auf die Hand, um ihn besser beim schlafen zusehen zu können. Meine Finger strichen dabei leicht durch sein Gesicht. Über Stirn, Wangen, schliesslich vorsichtig über seine Lippen. Ich wusste nicht genau, was mich plötzlich ritt, als ich meinen Kopf seinem näherte und vorsichtig meine Lippen auf seine legte. Ein Feuerwerk schien in meinem Kopf zu explodieren, ich schloss meine Augen und genoss es einfach nur. Und bekam dadurch nicht mit, wie Peter mit einem Mal entsetzt seine Augen aufriss.

Erst als seine Händen meine Schultern berührten und mich energisch von sich weg stiessen, zuckte ich zusammen und liess von ihm ab. Beide ungefähr gleich erschrocken starrten wir uns an, ich war einen Moment lang unfähig mich zu bewegen. Dann sprang ich hektisch auf, zog mich an, nahm den Autoschlüssel vom Nachttisch und stürmte aus dem Zimmer.
„Jurij, ich… Warte!“, rief Peter mir hinterher, doch ich ignorierte es. Vorbei an den irritierten Blicken seiner Familie, welche in der Küche beim Frühstück sass, rannte ich aus dem Haus.

Ich sprang in Anjas Auto, startete es und raste rückwärts aus der Einfahrt. Kurz sah ich Peter noch in der Haustür auftauchen, dann raste ich davon. Ich fuhr viel zu schnell, irrte Ziellos durch die Gegend und hätte mich selber dafür erschlagen können für das was eben passiert war. Wie war ich bloss auf die hirnrissige Idee gekommen ihn zu küssen?! Ich hatte doch eigentlich gewusst dass er nichts von mir will! Ich fluchte vor mich hin.
Kurz darauf fuhr ich viel zu schnell in eine enge Kurve und verlor einen Moment die Kontrolle über den Wagen. Zum bremsen war es zu spät, und ich fuhr in die Wiese neben der Strasse. Der Wagen hatte keinen Kratzer, doch mein Kopf knallte unsanft gegen das Lenkrad, und alles wurde schwarz um mich herum.

Als ich wieder zu mir kam, hörte ich leise Stimmen, und mein Kopf dröhnte. Ich öffnete meine Augen und kniff sie gleich wieder zusammen. Vorsichtig versuchte ich es erneut, mir dieses Mal sicherheitshalber die Hand vor die Augen haltend. Ich befand mich in einem Raum, den ich sogleich als Krankenhauszimmer idendifizierte, und schlagartig waren auch die Erinnerungen wieder da. Am liebsten wäre ich einfach wieder eingeschlafen und hätte nicht mehr daran gedacht. Doch scheinbar war mein Aufwachen bereits bemerkt worden, denn gleich darauf stand Anja an meinem Bett und sah mich böse an.

„Du verdammter Idiot! Erst klaust du mir mein Auto und dann fährst du es noch beinahe zu Schrott!“, herrschte sie mich an. Dann jedoch beugte sie sich zu mir hinunter, umarmte mich und murmelte: „Ich bin froh dass dir nichts schlimmeres passiert ist!“ Ich erwiderte die Umarmung und versuchte dann, mich aufzusetzen. Anja machte es sich auf der Bettkante gemütlich.
„Wieso bist du denn abgehauen? Und wo ist überhaupt dein Auto?“ Ich seufzte und wollte gerade angefangen alles zu erklären, als es an die Zimmertür klopfte.

Gleich darauf steckte Peter den Kopf ins Zimmer, und ich erschrak. Anja jedoch grinste nur wissend und stand auf.
„Ich lass eich dann mal alleine.“, meinte sie nur, zwinkerte mir zu und ging aus dem Zimmer. Ich sah ihr hinterher und flehte sie gedanklich an hier zu bleiben. Doch die Tür fiel hinter ihr ins Schloss und war mit ihm alleine im Zimmer. Ich richtete meinen Blick aufs Fenster, während ich Peters langsamen Schritten lauschte, die sich meinem Bett näherten. Und irgendwie konnte ich regelrecht spüren, wie er näher kam.

Schliesslich blieb er stehen, ich versuchte immer noch ihn zu ignorieren, doch mein Herz raste. Und dann zuckte ich leicht zusammen, als ich eine Berührung an meiner Stirn spürte, auf welcher ein Pflaster klebte.
„Tut das weh?“, wollte er wissen, ohne seine Hand wieder weg zu nehmen.
„Nicht mehr als der restliche Kopf.“, murmelte ich nur und versuchte, die Berührung zu geniessen. Peter lachte und nahm dann zu meiner Enttäuschung seine Hand wieder weg.

„Wegen heute morgen…“, begann er dann, doch ich unterbrach ihn, schüttelte den Kopf.
„Es tut mir Leid, ich… Keine Ahnung was mich da geritten hat… Aber du hast ja auch mitgekriegt wie ich in den letzten Tagen drauf war. War wohl irgrndwie alles etwas viel für mich… Und dann deine OP… Irgendwas… fasziniert mich seither…“ Ich schielte zu Peter, der nur seinerseits etwas verlegen aussah.
„Weisst du… Eigentlich hab ich ja nicht mal was dagegen wenn du mich küsst… Zumindest wenn ich wach bin…“ Ich sah ihn überrascht an, während er sich abwandte, und in meinem Kopf wirbelten die Gedanken wild durcheinander.

Für einen Moment sassen wir einfach nur schweigend da, bis ich irgendwann zögernd nach seiner Hand griff. Peter begann zu grinsen und drückte leicht meine Hand. Auch ich lächelte nur. Doch dann wurde er wieder ernst.
„Denkst du denn, dass du… Wirklich Gefühle für mich hast, oder glaubst du dass es nur irgendwie… Verwirrtheit oder sowas ist?“, wollte er wissen. Ich zucke mit den Schultern.
„Also irgendwie fühlt es sich schon ziemlich… echt an.“, meinte ich, „Ich könnte mir schon irgendwie vorstellen, dass da… mehr draus wird.“

Nun lächelte Peter wieder.
„Ich auch.“, meinte er. Wir sahen uns an und begannen zu grinsen. Dann legte sich Peters Hand auf meine Wange, er beugte sich zu mir runter – und kurz bevor sich unsere Lippen trafen flog die Zimmertür schwungvoll auf, und eine bilderbuchmässige ältere Krankenschwester betrat das Zimmer. Wir fuhren auseinander. Hinter der Schwester betrat Anja das Zimmer, welche die Situation richtig intepretiert hatte, breit grinste und uns ihren hochgestreckten Daumen zeigte.

Peter trat zurück, und die Krankenschwester begann an meinem Kopf rumzuwerkeln. Sie entfernte das Pflaster auf meiner Stirn, versorgte die Wunde und verpflasterte sie neu. Währenddessen durfte ich mir anhören, was für ein Idiot ich bin und dass ich Glück gehabt hätte dass ich mir nur die Wunde und eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen habe. Anja war mittlerweile neben Peter getreten, und die beiden betrachteten die Szene amüsiert, während ich ziemlich gequält vor mich hin starrte. Schliesslich war die Prozedur endlich beendet, und die Schwester rauschte wieder aus dem Zimmer.

Peter und Anja traten wieder zu mir, und Anja liess sich schwungvoll auf die Bettkante plumpsen.
„Und, habt ihr geredet?“, wollte sie wissen und sah uns erwartungsvoll an. Etwas irritiert sah ich von ihr zu Peter. Wusste sie irgendwas?
„Pero hat mir von dem Kuss erzählt.“, klärte Anja mich auf, „Und nun sagt schon!“
„Nun ja… Ja, wir haben geredet.“, meinte ich nur grinsend. Peter grinste und nickte nur. Anja rollte genervt mit den Augen, grinste dann aber ebenfalls.
„Dann nehme ich mal an dass das Ganze ein gutes Ende nimmt?“, wollte sie wissen. Wieder sah ich zu Peter, welcher grinste und nur meinte: „Joa, kann man wohl so sagen.“
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Und tatsächlich ging die ganze Sache gut weiter, denn von einem Ende konnte man noch lange nicht reden. Das mit Peter und mir schien tatsächlich etwas ernstes zu sein, und er half mir unheimlich die Krise, in der ich gerade steckte, zu überwinden. Sogar mit der Skispringerei schien es langsam wieder zu klappen, die ersten Sommerspringen verliefen für uns beide vielversprechend, und ich hoffte dass es auch im Winter für mich gut laufen würde – bei Peter machte ich mir darum nicht wirklich Sorgen.

Auch Zuhause beruhigte sich die Situation. Offensichtlich hatte mein Unfall einiges ins Rollen gebracht. Zwar hatten meine Eltern als dieser passierte den grössten Teil ihrer Ehekrise bereits überwunden, doch hatte die Sorge um mich den Prozess des wieder Zusammenfindens um einiges verschnellert. Auch sprachen sie endlich offen mit uns, was die ganze Familie wieder enger zusammenschweisste. Und dadurch und auch dank Peter verschwanden auch meine gesundheitlichen Probleme quasi von einem Tag auf den anderen.
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„Wo bist du denn schon wieder mit deinen Gedanken?“

Peters Stimme liess mich aufblicken. Wir waren die letzten in unserem Container, und er stand bereits in der Tür, bereit fürs Training vor dem Sommerspringen, welches gleich stattfinden würde. Ich schüttelte nur den Kopf, lächelte und stand auf. In wenigen Schritten war ich bei ihm, und bevor wir den Container verliessen, zog ich Peter noch einmal in die Arme und vergrub mein Gesicht in seiner Halsbeuge. Er schlang ebenfalls seine Arme um mich, legte seinen Kopf auf meine Schulter.

Für einen Moment blieben wir so stehen, bis mich Peter schliesslich widerwillig sanft von sich schob.
„Wir müssen los.“, meinte er nur, und ich nickte grummelnd. Doch Peter grinste schon wieder. Mit einer Hand öffnete er die Tür, die andere streckte er mir hin. Ich ergriff sie grinsend, und gemeinsam machten wir uns auf den Weg zur Schanze.

Fly into my arms (Skispringen, Marinus Kraus)

Hinweis:
Durch Zufall habe ich am Wochenende von Marinus‘ Geschichte erfahren, welcher erst seine Mutter und daraufhin noch seine Schwester Caroline durch Suizid verloren hat. Diese Geschichte hat mich ziemlich getroffen, die Geschichte hier ist ein Versuch, das ganze irgendwie zu verarbeiten.

Jedoch muss ich klarstellen, dass der Inhalt der Geschichte frei erfunden ist, lediglich was die Daten betrifft habe ich versucht mich möglichst an die Realität zu halten. Caro erzählt in einem Fussballvideo, dass der Tod ihrer Mutter 2.5 Jahre her ist – sie selber ist 15 als das Video gedreht wird. Da Caro wie ich Jahrgang 1989 hatte, wird der Suizid der Mutter also 2001/2002 gewesen sein. Caros Tod wird im November 2008 vermeldet. Dennoch sind alle Angaben ohne Gewähr, und ich gebe zu dass ich in Mathe schon immer ne Niete war… Aber nun weiter zur Story… Welche demnach übrigens ungefähr 2012 spielt – was wiederum mit der Sotschi-Sache keinen Sinn macht… Aber egal…

***

Der Wind pfeift mir um die Ohren, ich wickle mich etwas enger in die Wolldecke, während meine Augen ins Leere blicken. Vor mir klettert ein Springer auf den Bakken, doch ich bekomme es kaum mit. Eigentlich müsste ich mich auf meinen eigenen Sprung konzentrieren, der in wenigen Minuten stattfindet, doch meine Gedanken sind an einem ganz anderen Ort. Denn heute ist es genau zehn Jahre her.

Zehn Jahre, seit meine Mutter es nicht mehr ausgehalten hat und ihrem eigenen Leben ein Ende setzte.
Zehn Jahre, seit meine Schwester sie leblos in ihrem Bett gefunden hatte.
Zehn Jahre, seit mein Vater während dem Training plötzlich an der Schanze auftauchte und ich bei dem Ausdruck seines Gesichts sofort wusste, dass irgendetwas nicht stimmte.

Die Zeit damals war die schwerste meines Lebens. Mein Vater schien schnell über ihren Tod hinweg gekommen zu sein, fand eine andere Frau und begann ein neues Leben, in dem es für Caro und mich erstmal keinen Platz gab. Wir fanden Zuflucht bei unserer Tante und schafften es ziemlich schnell, zumindest äusserlich ein normales Leben zu führen. Tatsächlich redete ich mir ein, es überwunden zu haben. Zumindest bis Caro es nicht mehr aushielt und meiner Mutter folgte. Die schweren Zeiten hatten uns zusammengeschweisst, und es war, als ob ein Teil von mir mit ohr gestorben wäre.

Doch auch da ging mein Leben weiter, irgendwie. Ich lenkte mich ab, war im Abistress, und schliesslich kam auch meine Skispringkarriere ins Rollen. Grundsätzlich war ich ein glücklicher Mensch, kam auch meinem Vater langsam wieder näher und fand einige ganz tolle Freunde und eine Feundin, die ich über alles liebte. Doch in letzter Zeit schien mich meine Vergangenheit irgendwie einzuholen, ohne dass ich es mir so wirklich erklären konnte. Ich träumte komisches Zeug, schrak aus dem Schlaf hoch und kam nicht mehr so wirklich zur Ruhe. Auch tagsüber spukten Caro und meine Mutter immer öfters in meinen Gedanken herum.

Doch ich versuchte weiterhin, mir nichts anmerken zu lassen, mein Leben normal weiter zu führen und das ganze zu verdrängen. Doch so langsam schien auch den Menschen um mich herum aufzufallen dass irgendwas nicht OK war. Zumindest häuften sich die Fragen diesbezüglich. Doch ich stritt es ab – was sollte ich ihnen auch erzählen? Gerade auch weil die ganze Sache ja schon so lange her war…

Eine Hand legt sich auf meine Schulter. „Du bist dran.“ Ich nicke, erhebe mich von der Treppenstufe und befreie mich von der Decke. Ich atme tief durch, bevor ich auf den Bakken rutsche. Schneeflocken wirbeln mir um den Kopf, und in der Ferne verschwindet gerade die Sonne hinter den Bergen. Alles ist in blutrotes Licht getaucht. Ich setze die Brille auf. Dann springt die Ampel auf grün. Werner schwenkt sein Fähnchen. Ich stosse mich ab und gleite die Anlaufspur hinunter.

Währenddessen kommt es mir vor, als würde mein gesamtes Leben noch einmal an meinem inneren Auge vorbeiziehen. Bilder aus meiner Kindheit, von meinen Eltern, diverse Erlebnisse, an die ich mich bishser bewusst gar nicht mehr hatte erinnern können. Nun ist alles wieder da.
Der Schanzentisch kommt näher, ich springe ab. Scheine direkt ins wunderschöne Abendrot zu fliegen. Gleite durch die Luft, der Flug kommt mir endlos vor. Irgendwie scheine ich gar nicht mehr landen zu wollen.

Irgendwann werfe ich einen Blick nach unten und erschrecke. Anstelle dass der Schanzenauslauf näher kommt scheine ich mich immer weiter davon zu entfernen. Ich fliege nach oben, lasse die Schanze hinter mir, fliege immer weiter ins Abendrot. Egal was ich versuche, ich schaffe es nicht irgendetwas an der Flugbahn zu ändern oder runter zu kommen. Werde immer schneller. Irgendwann kann ich nichts mehr unter mir erkennen, scheine mich nur noch in einem Tunnel aus Licht zu bewegen.

Die Kälte um mich herum verschwindet, und ich habe das Gefühl ein wenig langsamer zu werden. Und plötzlich glaube ich, in der Ferne Gestalten zu erkennen. Ich komme zum Stillstand, mit einem Mal sind meine Sprungskis verschwunden, und ich scheine wieder festen Boden unter den Füssen zu haben. Zögernd mache ich einige Schritte vorwärts. Obwohl mir die Situation eigentlich seltsam vorkommen müsste, fühle ich mich ungewohnt leicht und habe keine Angst. So gehe ich weiternsuf die Personen in der Ferne zu.

Nach einer Weile erkenne ich, wie sich eine einzelne Person aus der Gruppe löst, mir entgegen kommt. Als ich ihr Gesicht erkennen kann, erstarre ich.
„M.. Mama?!“, kommt es überrascht über meine Lippen. Ihr Lächeln wird breiter, sie streckt ihre Arme nach mir aus. Ich kann es kaum glauben, renne ihr die letzten Meter entgegen und falle ihr in die Arme. Sie riecht genau wie früher, ich kuschle mich an sie und geniesse die Wärme, die sie ausstrahlt.

Nach einer Weile löse ich mich aus der Umarmung. Meine Mutter greift nach meiner Hand, und gemeinsam gehen wir auf die anderen Menschen zu.
„Aber… Wie ist das möglich?!“, entfährt es mir. Ich erkenne Caro, welche mich anstrahlt. Auch die anderen Menschen kommen mir irgendwie Bekannt vor. Alles alte Freunde, Verwandte und Bekannte, welche meines Wissens alle schon verstorben sind. Ungläubig schüttle ich den Kopf.

Nach und nach schütteln mir die Leute die Hände, klopfen mir auf die Schultern, ziehen mich teilweise in ihre Arme. Caro ergreift schliesslich meine eine Hand, meine Mutter die andere, und gemeinsam gehen wir davon, gefolgt von den anderen Menschen. Staunend schaue ich mich um, und so langsam fange ich an zu begreifen…

„Der Deutsche Skiverband trauert um Skispringer Marinus Kraus. Der 21-Jährige, der mit der deutschen Mannschaft in Sotschi die Goldmedaille im Teamspringen holte, ist gestern im Trainig vor einem Wettkampf überraschend verstorben. Wie die Gerichtsmedizin mitteilt, wird ein plötzlicher Herzstillstand während des Sprungs vermutet. Die Polizei wird weiterhin über den Vorfall informieren.“

Ohne Titel (Skispringen, Karl Geiger/Marinus Kraus)

Angefangen hatte es am Silvesterabend in Garmisch-Patenkirchen. Ich hatte mir eine leichte Erkältung eingefangen, welche mich für einige Tage ans Bett gefesselt hatte. Nun ging es mir jedoch wieder besser. Noch nicht gut genug um zu springen, aber definitiv zu gut um den ganzen Tag nur rumzuliegen. So kam es schliesslich, dass ich Claudia so lange nervte, bis sie schliesslich einwilligte, mit nach Garmisch zu fahren. Auch für sie hatte die Sache einen gewissen Vorteil, denn ihr Freund Marinus würde ebenfalls dort sein um am nächsten Tag am Neujahrsspringen teilzunehmen. Und ich… Nun ja, ich erhoffte mir davon dass es endlich was zwischen mir und Karle werden würde…

Marinus und ich kannten uns schon ewig, und obwohl er einige Jahre älter war als ich war er sowas wie mein bester Freund geworden. Ich war damals, als ich mit dem Skispringen anfing, schnell zu gut geworden um mit den Mädchen zu trainieren, sodass ich schliesslich in seine Trainingsgruppe kam. Wir verstanden uns auf Anhieb und fuhren öfters gemeinsam zum Training, da wir in die selbe Richtung mussten. Jedoch war nie mehr als Freundschaft zwischen uns gewesen, obwohl ich zeitweise mehr bei ihm übernachtete als bei mir zu Hause.

Denn was meine Familie beraf hatte ich nicht besonders viel Glück gehabt. Ich war eigentlich von Anfang an unerwünscht gewesen und hatte dies auch immer zu spüren gekriegt. Manchmal wunderte es mich dass ich überhaupt irgendwie gross geworden war. Meine Eltern scherten sich einen Dreck um mich, es sei denn mein Vater war mal wieder betrunken und brauchte ein Objekt um sich abzureagieren. Wohl aus denselben Gründen war mein zehn Jahre älterer Bruder geflohen sobald es ihm irgendwie möglich war, und wir hatten bereits seit Jahren keinen Kontakt mehr.

Schliesslich begann ich erfolgreich im Damenweltcup zu springen, wodurch ich schliesslich auch das erste Mal Karle über den Weg lief. Es war in Hinterzarten beim Sommerspringen, wo zum ersten Mal Damen und Herren am selben Wochenende an derselben Schanze sprangen. Auch ein Mixed-Wettkampf sollte stattfinden, in welchem ich voraussichtlich als beste deutsche Skispringerin ebenfalls eingesetzt werden sollte. Ich freute mich total, Marinus wiederzusehen und auch die anderen deutschen Springer persönlich kennen zu lernen, welche ich bisher nur aus dem Fernsehen und anderen Medien kannte.

Mit den Jungs verstand ich mich auf Anhieb sehr gut, und vor allem der schüchterne Karl, der zwar kaum etwas sagte, aber dafür um so süsser gucken konnte, faszinierte mich irgendwie. Am Abend sass ich bei Marinus im Zimmer und quetschte ihn über den Oberstdorfer aus. Mein Kumpel gab mir bereitwillig auskunft und versprach mir, mehr über ihn herauszufinden, unter anderem auch was er von mir hielt. Die grosse Überraschung kam dann am letzten Tag des Springens, als Karle mich tatsächlich nach meiner Handynummer fragte, welche ich ihm natürlich bereitwillig gab. Von da an waren wir in Kontakt, wenn auch eher oberflächlich, doch verstanden uns soweit sehr gut.

Doch kurz vor Jahresende teilte mir Marinus dann mit, dass er nochmal mit seinem Teamkollegen geredet hatte, welcher ihn gestanden hatte, dass er sich in mich verliebt hatte. Ich freute mich natürlich total, war jedoch zugleich enttäuscht weil sich in nächster Zeit keine Gelegenheit ergeben würde, mit ihm zu reden. Denn eigentlich hätte ich an den Damenweltcup nach Japan fahren sollen. Doch dies wurde dann durch meine Erkältung verhindert, was zwar schade war, mir nun aber ermöglichte, mit Karle zu reden. Tatsächlich fand Claudia noch jemanden, der ihren Dienst übernahm, und so machten wir uns am Mittag des 31. Dezembers mit ihrem Auto auf den Weg nach Garmisch.

Es dämmerte bereits und schneite leicht, als wir unseren Zielort erreichten. Marinus hatten wir per SMS vorgewarnt, für Karle würde es jedoch eine Überraschung werden. Da wir natürlich keine Hotelzimmer mehr bekommen würden, hatte Marinus bereits mit einigen Teamkollegen betreffend Zimmertauschs geredet, sodass er mit Claudia ein Zimmer teilen würde und ich – sofern nichts schief ging – mit Karle. Jedoch gab es auch eine Notlösung für mich, falls es nicht klappte.
Ich zitterte leicht, als wir vor dem Hotel des deutschen Teams aus dem Auto stiegen. Jedoch war es mehr die Aufregung als die Kälte, obwohl es einige Grad unter Null war.

Auf halbem Weg zum Hoteleingang blieb ich zögernd stehen. Ob wirklich alles so klappen würde wie ich es mir vorstellte? Schliesslich war ich selber nicht die mutigste… Claudia, welche Marinus noch kurz per SMS über unsere Ankunft benachrichtigt hatte, legte mir den Arm um meine Schultern und lächelte mich aufmunternd an. Natürlich wusste sie von der Sache mit Karl.
„Hallo Ladies!“ Marinus war in der Hoteltür erschienen und strahlte übers ganze Gesicht. Claudia eilte auf ihn zu und warf sich in seine Arme. Ich folgte ihr gemächlich und durfte mir ebenfalls eine Umarmung abholen.

„Na Kleine, alles bereit für heute Abend?“, wollte Marinus wissen und grinste mich aufmunternd an. Ich zuckte mir den Schultern, schaute auf den Boden. Marinus drückte mich nochmal kurz.
„Hey Kleine, das wird schon schief gehen! Er ist total in dich verknallt, glaub mir! Und ich hab schon angedeutet, dass du auch was von ihm willst, also keine Sorge!“ Er legte seinen einen Arm um Claudias Hüfte, den anderen um meine Schultern, und wir traten gemeinsam in die Hotellobby. Dort wurden wir auch schon von einigen seiner Teamkollegen erwartet; den beiden Andis, Severin und Ritchie.

Für einen Moment vergass ich Karl und alles, während die Jungs mich in die Hotelbar verschleppte und Marinus mit Claudia in sein Hotelzimmer verschwand. Wir machten es uns in den gemütlichen Ledersesseln bequem, orderten etwas zu trinken und unterhielten uns über die Qualifikation (welche Claudia und ich natürlich verpasst hatten, jedoch von Andi Wellinger gewonnen worden war; Karle, Ritchie und Marinus hatten sich ebenfalls unter den ersten zehn platziert und alle deutschen Springer hatten die Qualifikation geschafft), als ich zufällig zum Eingang schaute und sah, dass Karle gerade die Bar betrat und etwas verunsichert aussah, als er mich entdeckte. Schnell wandte ich mich ab, in der Hoffnung dass er nicht gesehen hatte dass ich ihn entdeckt hatte.

Er schlich sich beinahe zu uns, begrüsste seine Kumpel und wandte sich dann noch immer überrascht mir zu.
„Was machst du denn hier?“, wollte er wissen, klang jedoch nicht unglücklich darüber mich zu sehen und umarmte mich kurz. Ich erwiderte die Umarmung, vergrub mein Gesicht in seiner Halsbeuge und spürte die Schmetterlinge in meinem Bauch fliegen. Viel zu schnell löste er sich wieder von mir und setzte sich dann auf einen leeren Sessel zwischen Andi Wank und Sevi, ohne eine Antwort auf seine Frage zu erwarten. Das Gespräch der anderen war durch Karles Ankunft gar nicht unterbrochen worden, und so hörten wir einfach den anderen zu, nicht ohne uns immer mal wieder kurz anzusehen.

Schliesslich wurde ich noch in die Abendplanung eingeweiht: nach dem Abendessen würden wir uns auf den Weg in einen Club am Ortsrand machen, in welchem eine Silvesterparty stattfand, an welcher auch einige Skispringer aus anderen Nationen teilnehmen würden. Ich verabschiedete mich schliesslich von den Jungs, als diese zum Abendessen mussten, und ging hoch in Claudias und Marinus‘ Zimmer, um mich auf die Party vorzubereiten. Claudia freute sich total auf die Party, und ich liess mich schliesslich von ihrem Rumgehibbel anstecken. Wir liessen Musik laufen, tanzten herum und sangen mit, sodass Marinus erstmal einen Lachanfall bekam, als er nach dem Essen zurück ins Zimmer kam.

Etwa eine halbe Stunde später trafen wir uns mit dem restlichen Team in der Hotellobby und machten uns auf den Weg. Wieder fiel mein Blick als erstes auf Karl, der sich ebenfalls in Schale geworfen hatte, und wir lächelten uns kurz zu.
Der Club war in wenigen Minuten zu Fuss zu erreichen, lag am Dorfrand und hatte einen grossen, verschneiten Garten, welcher beleuchtet war und in dem einige Bänke standen. Sehr romantisch, wenn man von den mittlerweile mehr als 10 Grad minus absah. So gingen wir sogleich in den Innenbereich, in welchem die Party bereits im Gange war.

Hier hatte es mir definitv zu viele Leute, sodass ich mir nur eine Cola an der Bar holte und mich dann an einen der kleinen Tische in einer Ecke verzog. Hier verbrachte ich so ziemlich den ganzen Abend, wobei sich immer mal einer der deutschen Skispringer zu mir gesellte oder mich, was auch Springer anderer Nationen taten, zu einem Tanz entführten. Nur Karle liess sich nie blicken, überhaupt verlor ich ihn ziemlich schnell aus den Augen und sah ihn den ganzen Abend so gut wie gar nicht. Irgendwann um halb zwölf rum forderte mich schliesslich Marinus, der so ziemlich den ganzen Abend mit Claudia die Tanzfläche gerockt hatte, zum Tanzen auf. Ich hatte mittlerweile keine wirkliche Lust mehr auf die Party, war mutlos und rechnete nicht mehr damit dass es mit Karle was wurde, und hatte eigentlich vor mich nach Mitternacht zurück ins Hotel zu verziehen.

Während mich Marinus auf die Tanzfläche zog, entfeckte ich Karl am Rande der Tanzfläche. Er beobachtete uns, als Marinus mich an sich zog, und sah nicht besonders glücklich dabei aus. Auch Marinus entdeckte ihn, grinste breit und redete mir noch einmal Mut zu. Als das Lied zu ende war und wir uns lösten, konnte ich Karle jedoch nirgendwo mehr entdecken. Als ich so ziemlich den ganzen Club abgesucht hatte, stand ich schliesslich etwas verzweifelt in der Nähe des Eingangs. Dort sprach mich schliesslich Welli an.

„Falls du Karle suchst – der ist vor ner Weile hinaus in den Garten verschwunden, und er sah nicht sonderlich glücklich aus…“, erklärte er mir grinsend – vermutich wusste er bescheid. Ich wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen, entschied mich jedoch erstmal Karle zu suchen. Ich holte mir an der Garderobe meine Jacke ab und trat schliesslich in den Garten hinaus. Ich stapfte durch den Schnee. Hoffentlich war Karle wirklich noch irgendwo hier und nicht ins Hotel zurück gegangen, denn an seine Zimmertür zu klopfen würde ich mich definitiv nicht trauen…

Schliesslich entdeckte ich eine Gestalt, die mit dem Rücken zu mir auf einer Bank sass, und schlich mich vorsichtig näher heran. Tatsächlich war es Karl, und nach kurzem Überlegen ging ich schliesslich einfach hin und liess mich neben ihn fallen. Karl zuckte kurz zusammen und sah mich verwirrt an.
„Hey!“, meinte ich, und mit einem Mal war meine Unsicherheit weg, „Was machst du denn so alleine hier draussen?“ Karle sah aus, als ob er geweint hätte, er zitterte leicht und zuckte auf meine Frage hin nur mit den Schultern.

Ich atmete noch einmal tief durch und rutschte etwas näher an Karl heran, welcher in die Ferne starrte.
„Marinus… Hat mir gesagt, dass du mich magst…“, fing ich an. Karl starrte weiterhin vor sich hin, nickte nur und murmelte ein: „Tut mir Leid, ich hoffe das ist kein Problem für dich…“ Ich begann zu grinsen, rutschte noch näher zu ihn und legte meinen Arn um ihn.
„Nein! mir gehts doch genau so!“, antwortete ich lächelnd. Karl sah mich ungläubig an.
„Ernsthaft?“, wollte er wissen. Ich nickte nur. Auch Karle begann nun zu strahlen, legte seine Hand in meinen Nacken und seine Lippen auf meine.
Wir bekamen nichts mehr um uns herum mit. Merkten nicht, dass die anderen Partygäste ebenfalls in den Garten hinaus kamen, Raketen hochstiegen und das neue Jahr begann. Erst als irgendwann ein grinsender Marinus neben und stand und ein „Ich bin so stolz auf euch!“ rief, lösten wir uns grinsend voneinander.

Hand in Hand gingen wir schliesslich zu den anderen zurück, welche nur grinsten und uns beglückwünschten. Wir schnappten uns je ein Glas Sekt, stiessen etwas verspätet auf das neue Jahr an, und schliesslich gingen wir Hand in Hand zurück ins Hotel. Ich holte meine Tasche aus Marinus‘ Zimmer und ging damit in Karles. Dessen Mitbewohner Welli war natürlich eingeweiht und würde die Nacht bei Sevi und Andi Wank verbringen, in deren Zimmer sich noch ein Sofa befand.
So hatten Karle und ich unsere Ruhe, kuschelten und knutschten bis uns die Augen zufielen, und schliesslich schliefen wir eng aneinander gekuschelt ein.

Karles Wecker klingelte viel zu früh, dennoch war die Nacht verhältnissmässig erholsam gewesen, und es war einfach wunderbar in seinen Armen aufzuwachen. Ich blieb noch im Bett, während Karl bereits zum Training musste, und machte mich erst später mit Claudia auf den Weg zur Schanze. Wir bejubelten unsere Jungs, welche beide sehr gute Ergebnisse erreichten, schlichen uns ins Springerlager und genossen die Armosphäre. Zwar wäre ich am liebsten selber mitgesprungen, jedoch war es auch interessant das Springen einmal aus dieser Perspektive zu erleben. Abends fuhren wir dem Teambus hinterher nach Oberstdorf, wobei Karle und Marinus bei uns in Claudias Auto mitfahren durften.

In Oberstdorf lernte ich schliesslich auch Karls Eltern kennen, welche mich wie ein eigenes Kind aufnahmen und bei welchen ich mich sofort Zuhause fühlte. Auch hier verlief das Springen für unsere Jungs erfolgreich, und Karl bezeichnete mich mittlerweile als senen Glücksbringer, da er so gut sprang wie nie zuvor wenn ich dabei war.
Nach einer Nacht bei Karl zu Hause und einem spannenden Skispringwettkampf hiess es für mich und Claudia dann leider schon wieder Abschied nehmen. Es fiel uns mehr als schwer, ohne unsere Freunde weg zu fahren, doch sie musste arbeiten und ich war mittlerweile auch wieder gesund genug um selber zu springen.

Hätte ich geahnt, was auf der Rückfahrt noch passieren würde, wäre ich wohl einfach bei Karle geblieben und noch mit nach Österreich gefahren. Oder wäre mit dem Zug nach Hause gefahren. Claudia und ich hatten trotz des Abschieds und dass wir unsere Jungs nun wohl länger nicht sehen würden viel Spass auf der Heimreise. Und obwohl es einige Zusatzkilometer bedeutete, beschloss sie mich nicht nur an einer Bushaltestelle abzusetzen, sondern mich nach Hause zu fahren. Wieder schneite es leicht, die Strassen waren glatt. Und dann stand in einer unübersichtlichen Kurve plötzlich dieses dumme Reh auf der Fahrbahn. Claudia wich aus, der Wagen kam ins schleudern. Drehte sich mehrmals um die eigene Achse und wurde schliesslich über die Leitplanke katapultiert. Sich immer wieder überschlagend fiel das Auto den Abhang hinunter, wo es schliesslich unten im Fluss auf dem Dach liegen blieb.

8 Monate später

Ich wusste nicht, ob es ein Fehler war, als mein Taxi vor der Autohalle anhielt und ich zögernd aus dem Wagen kletterte. Heute würde die DSV-Einkleidung stattfinden, zu welcher ich als Skispringerin narürlich ebenfalls eingeladen worden war. Der Brief hatte mich sehr überrascht, denn seit dem Unfall hatte ich kein einziges Mal mehr auf meinen Springskiern gestanden, und überhaupt… Ich war mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht worden, lag drei Monate im Koma, und eigntlich war es ein Wunder dass ich keine bleibenden Schäden davongetragen hatte. Meinetwegen hätte ich sogar im Rollstuhl enden können, wenn dafür die restlichen Folgen des Unfalls ungeschehen geblieben wären. Denn als ich endlich aufwachte erfuhr ich, dass Claudia den Unfall nicht überlebt hatte.

Diese Nachricht traf mich sehr, ich machte mir schwere Vorwürfe und wurde schwer depressiv. Ich kam vom Krankenhaus direkt in eine psychiatrische Klinik, wo ich mit Antidepressiva vollgepumpt wurde und mehr oder weniger vor mich hin vegetierte. Karl, Marinus und auch einige andere Freunde und Freundinnen aus dem Skispringzirkus hatten mehrfach versucht, Kontakt zu mir aufzunehmen. Doch ich blockte ausnahmslos alles ab, fühlte mich einfach zu schuldig an dem Unfall, an Claudias Tod. Gerade Marinus gegenüber hatte ich ein extrem schlechtes Gewissen, hatte ich ihm doch seine grosse Liebe genommen…

Doch als der Brief vom Skiverband eintraf, schien etwas in mir aufzuwachen. Ich hatte wieder ein Ziel, wollte unbedingt dabei sein. Ich versuchte, mich auf die Therapie einzulassen, tat zumindest so als ob ich langsam über den Unfall hinweg kam und mir nicht mehr die Schuld daran gab. Wir fuhren die Medikamentedosis herunter, ich begann in Fitnessraum ein wenig zu trainieren, und schliesslich entliess ich mich am Vorabend der Einkleidung auf eigene Verantwortung aus der Klinik. Bereits am Bahnhof warf ich die restlichen Tabletten in den Müll. Ich fuhr mit dem Zug nach München, übernachtete dort in einem Hotel und machte mich am nächsten Morgen auf den Weg.

Das Taxi fuhr weg, und zögernd ging ich auf den Eingang der Halle zu. Dann hörte ich jemanden meinen Namen rufen und wurde auch schon in eine Umarmung gezogen.
„Mensch, mit dir hab ich ja jetzt mal überhaupt nicht gerechnet!“, murmelte die Stimme, die ich mittlerweile Andreas Wank zugeordnet hatte, nahe an meinem Ohr, „Wie gehts dir, Kleine?“
Er löste die Umarmung, liess seine Hände jedoch auf meinen Schultern liegen und schaute mich besorgt an. lch zuckte mit den Schultern.
„Ganz OK eigentlich. „, antwortete ich und versuchte mich an einem Lächeln, was jedoch nicht so wirklich funktionieren wollte. Wanki runzelte die Stirn, begann dann aber zu strahlen und legte mir den Arm um die Schultern.
„Ich geh dann mal rein, kommst du mit?“ Ich nickte nur, und noch immer mit seinem Arm um meine Schultern betraten wir die Halle.

Ich bildete mir ein, dass alle Augen auf uns gerichtet waren, als wir eintraten, und meinte auch, alle anwesenden Personen tuscheln zu hören. Andi bemerkte meine Unsicherheit und drückte mich kurz. Schon steuerte uns das erste Bekannte Gesicht an, Andreas Wellinger, und erneut wurde ich in eine Umarmung gezogen. Er war nicht der Letzte, und so kamen Wanki und ich kaum vorwärts, weil uns immer mal wieder jemand ansprach, sich nach mir erkundigte oder mich knuddelte. Nur Karle und Marinus hatten wir bisher nirgendwo entdeckt, worüber ich bisher auch nicht unglücklich war. Schliesslich standen Wanki und ich bei Sevi, als sich eine Hand auf meiner Schulter spürte.

Ich drehte mich um und sah direkt in Karles Augen, welcher mich mit einer Mischung aus Überraschung, Unsicherheit und Erleichterung ansah. Dann begann er zu lächeln und zog mich in seine Arme. Ich schlang meine Arme ebenfalls um ihn, schloss meine Augen und sog seinen Duft tief ein.
„Du hast gar nicht gesagt dass du her kommst!“, murmelte er, ohne dabei vorwurfsvoll zu klingen. Ich antwortete nicht darauf, was hätte ich auch sagen sollen. Irgendwie war es, als ob wir nur einige Stunden getrennt gewesen wären und uns nicht zehn Monate lang nicht gesehen hatten.

Kurz unterhielt sich Karle noch mit seinen Teamkollegen. Er hatte sich seine Sachen schon zusammengesucht und wollte mir nun helfen. Kurz brachten wir sein Zeug zu seinem Wagen und drehten dann Hand in Hand eine Runde durch die Halle, wo ich mir meine Teamklamotten und ähnliches bei den einzelnen Ständen abholte. Wir redeten kaum, genossen es einfach nur wieder zusammen zu sein. Für einen Moment vergass ich sogar den Unfall, Claudias Tod und alles, was passiert war in den letzten Monaten.

Und dann rammte ich abrupt meine Füsse in den Boden, als auf einmal Marinus in meinem Blickfeld auftauchte. Kurz hoffte ich, unbemerkt verschwinden zu können. Doch es war zu spät, er hatte uns bereits entdeckt und kam auf uns zu. Ich rechnete so ziemlich mit allem, aber nicht damit, dass er mich einfach in seine Arme zog und mich an sich drückte. Ich war wie erstarrt, bis er sich wieder von mir löste. Irgendwie war er nicht mehr derselbe wie vor dem Unfall, seine Augen hatten einiges an Glanz verloren und sein sonst immer fröhliches Gesicht war ernster geworden. Ich schluckte und starrte auf den Boden.

„Ich… Es tut mir so Leid… Mit Claudia… Alles…“, stammelte ich vor mich hin, und meine Augen füllten sich mit Tränen. Gleich darauf spürte ich Marinus‘ Hand an meinem Kinn, er hob meinen Kopf an, sodass ich direkt in seine Augen sah. Diese hatten sich ebenfalls mit Tränen gefüllt.
„Ist OK, Kleines, du kannst nichts dafür. „, meinte er nur und schenkte mir ein leichtes Lächeln.
„Aber wenn sie mich nicht nach Hause…“, begann ich verzweifelt, wurde jedoch von ihm unterbrochen indem er mir seinen Zeigefinger auf die Lippen legte und den Kopf schüttelte. Mittlerweile liefen mir die Tränen übers Gesicht, und er zog mich erneut an sich.

„Weisst du, es musste wohl einfach so kommen, auch wenn wir es nicht verstehen können. Das Schicksal wollte es wohl so… Vielleicht wäre ihr auch was passiert wenn sie… dich nicht gefahren hätte… Wir werden es nie erfahren… Aber wenn überhaupt jemand Schuld an dem Unfall har dann dieses verdammte Reh…“ Er sah an mir vorbei ins Leere und rang einen Moment mit seiner Fassung. Nun war ich es, die ihre Arme um ihn schlang und ihn an sich zog. Marinus liess seine Stirn gegen meine sinken, eine einzelne Träne rollte über seine Wange, und dennoch lächelte er schon wieder.

Schliesslich wischte er die Träne aus seinem Gesicht und trat einen Schritt zurück.
„Braucht ihr noch lange? Wir können ja noch was trinken gehen wenn ihr durch seid.“
Ich sah fragend zu Karle, welcher nickte. So holte ich noch meinen restlichen Kram, während Marinus seine Tasche wegbrachte, und schliesslich trafen wir uns vor dem Eingang der Halle. Unterdessen war ich auch meinem Trainer über den Weg gelaufen und war sogleich in ein Trainingslager eingeladen worden, welches die Skispringerinnen gemeinsam mit den Jungs in wenigen Wochen haben würden. Tatsächlich vergass ich nun meine Sorgen und Selbstvorwürfe, während ich mich mit Karl und Marinus in ein Café in der Nähe setzten und von ihnen alles erzählt bekam, was in den letzten paar Monaten alles so passiert war. Es gab sogar einies zu lachen, und ich freute mich von Minute zu Minute mehr, meinen Freund und meinen besten Kumpel wieder um mich zu haben.

Kurzfristig beschlossen Karle und ich, dass ich für die Zeit bis zum Trainingslager mit ihm nach Oberstdorf fahren würde, wo ich auch mit ihm trainieren konnte. Es gab nichts was mich dazu brachte freiwillig zu meinen Eltern zu fahren, zumal ich die meisten meiner Sachen sowieso schon in der Klinik dabei gehabt hatte. Also holten wir noch mein Gepäck aus dem Hotel, verabschiedeten uns von Marinus und machten uns dann auf den Weg zu Karle nach Hause. Wieder wurde ich von seiner Familie herzlich aufgenommen und fühlte mich bei ihnen mehr zuhause als irgendwo oder bei irgend jemandem zuvor. Jedoch merkte ich bald, dass es ohne meine Tabletten doch schwieriger war als ich es mir vorgestellt hatte. Ich träumte fast jede Nacht vom Unfall und wachte daraufhin schreiend auf, und oft war es für Karle schwer mich wieder zu beruhigen. Auch tagsüber hatte ich zwischendurch kleinere Krisen, die ich jedoch möglichst vor den anderen zu verbergen versuchte. Doch ich wollte unbedingt ohne die „Drogen“ auskommen, vor allem auch weil ich schnellstmöglich wieder im Weltcup mitspringen wollte.

Was das Springen betraf hatte ich zum Glück keine Probleme wieder reinzukommen. Obwohl ich einige Monate nicht gesprungen war, lief es nach einigen Sprüngen wieder wie zuvor. Die Sprünge gehörten zu den wenigen Situationen, in denen ich meine Gedanken ausschalten, mich nur auf diese eine Sache konzentrieren und den Unfall und seine Folgen für einen Moment vergessen konnte. Auch Karl und seine Familie schafften es, mich etwas abzulenken und aufzuheitern, tatsächlich schafften sie es, mich nach der schweren Zeit wieder zum Lachen zu bringen. Auch mit Marinus telefonierte ich öfters, es war fast wie früher, und so langsam fing ich an den Unfall etwas zu überwinden. Ich konnte ja noch nicht wissen, dass sich das im Trainingslager bald wieder ändern würde…
Viel schneller als erwartet waren die zwei Wochen bis zum Trainingslager um, und ich wusste nicht ob ich mich freuen sollte oder nicht. Einerseits freute ich mich riesig darauf, meine Mädels und überhaupt all die Leute wieder zu sehen, die Camps waren immer total genial. Andererseits hatte ich auch die Zeit bei Karle sehr genossen und würde mich wohl wieder daran gewöhnen müssen, nicht mehr in seinen Armen aufzuwachen. Was mir ebenfalls Sorgen bereitete, waren die immer noch gelegentlich vorkommenden Albträume. Vermutlich würde ich meine Zimmergenossinnen warnen müssen dass ich gelegentlich mitten in der Nacht das halbe Haus zusammenschrie, aber ob sie dann, zumindest mitten in der Nacht, Verständnis dafür haben würden…

Doch erstmal galt es all meine Springerkollegen und -kolleginnen zu begrüssen, sich mit allen zu unterhalten und mich knuddeln zu lassen. Denn natürlich war ich bei der Einkleidung längst nicht allen begegnet, und selbst die die ich bereits getroffen hatte liessen es sich nicht nehmen, mich noch einmal in die Arme zu schliessen. Wie ich später erfuhr, hatten sie nach dem Unfall lange um mein Leben gebangt, und für die meisten war es noch immer ein Wunder, dass ich nicht nur quieklebendig vor ihnen stand, sondern mich auch wieder furchtlos von den Schanzen stürzte.

Glücklicherweise blieben die Fragen nach dem Unfall erstmal aus, doch am zweitletzten Abend wollten meine Mädels schliesslich dann doch wissen was genau passiert war. Nicht ohne Tränen erzählte ich es ihnen schliesslich, und in dieser Nacht hatte ich auch das erste Mal während des Camps einen Albtraum. Es war mir ziemlich unangenehm, da ich damit nicht nur die Mädels in meinem Zimmer, sondern so ziemlich den ganzen Flur aufweckte, unter anderem auch Karle und Marinus, welche im Zimmer nebenan geschlafen hatten und nun hereingestürzt kamen. Zu guter Letzt standen schliesslich auch noch zwei verschlafene, verwirrte Trainer in unserer Zimmertür, was die Situation nun schon fast wieder komisch werden liess.

Schnell war die Situation geklärt, und nachdem sich alle versichert hatten, dass soweit alles in Ordnung war, verlief sich die Menschenansammlung langsam wieder. Karle blieb noch eine Weile bei mir und hielt mich unter den wachsamen Augen seines Trainers noch eine Weile im Arm, bevor dieser ihn höchstpersönlich in sein Zimmer zurückbrachte. In unserem Zimmer war an Schlaf erstmal nicht mehr wirklich zu denken, und so unterhielten wir uns noch eine Zeit lang leise, bis einer nach der anderen die Augen zufielen. Die restliche Nacht war ziemlich kurz, und im Frühstücksraum wimmelte es von verschlafenen und besorgten Gesichtern, und ich wurde ein Paar Mal gefragt ob ich in Ordnung bin. Natürlich hatte das ganze schon längst die Runde gemacht und alle schienen bescheid zu wissen.

Dennoch verlief der Tag wie geplant, während morgens etwas Fitness- und Krafttraining absolviert wurde, fand am Nachmittag ein gemischtes Trainingslager-Abschlussspringen statt. Auch hier gab es einges zu Lachen, und wir Mädels schlugen uns gar nicht so schlecht im Vergleich zu den Jungs. Ich lieferte mir sogar einen regelrechten Kampf mit Severin und schlug ihn ganz knapp, Marinus landete hinter uns auf Platz drei. Natürlich war es eine kleine Sensation dass ich die Jungs in Grund und Boden gesprungen hatte, und Sevi schien sich über seine Niederlage ziemlich zu ärgern, während Marinus nur grinste. Ich konnte noch nicht ahnen, dass seine Stimmung am Abend noch kippen würde.

Zum Abschluss des Camps war noch eine kleine Party organisiert worden, die Stimmung war toll und ich hatte eine Menge Spass, sodass mir erst gar nicht auffiel, dass Marinus fehlte. Erst als irgendjemand nach ihm fragte, bemerkte ich es. Die anderen schienen sich nicht wirklich Sorgen um ihn zu machen, doch ich hatte irgendwie ein ungutes Gefühl. Unter dem Vorwand, ich müsse mal aufs Klo, verliess ich den Raum. Kurz machte ich einen Abstecher nach oben, doch sein Zimmer war leer. Schliesslich holte ich meine Jacke und beschloss, draussen nach ihm zu suchen. Zuvor hatte ich bereits mehrfach erfolglos versucht, ihn telefonisch zu erreichen.

Ich verliess das Gebäude und trat in die kalte Nachtluft hinaus. Sofort kuschelte ich mich tiefer in meine Jacke, es war um einiges kälter als erwartet. Suchend schaute ich mich um, während ich durch den Schnee stapfte. Ich umrundete das Gebäude, und als ich Marinus nirgendwo entdecken konnte, machte ich mich schliesslich auf den Weg in Richtung Schanze. Irgendwie hatte ich ein ungutes Gefühl. Als ich bei der Schanze angekommen war und schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte ihn noch zu finden, entdeckte ich schliesslich in der Ferne auf einer Bank eine zusammengekauerte Gestalt. Ich beschleunigte meine Schritte und atmete erleichtert auf, als ich erkannte, dass es sich dabei tatsächlich um Marinus handelte. Er hatte nicht einmal eine Jacke an und sein Gesicht in den Händen vergraben.

Erleichtert liess ich mich neben ihn auf die Bank fallen und legte meinen Arm um ihn. Er zuckte zusammen, sah auf und wirkte erleichtert, als er erkannte dass es nur ich war, der neben ihm sass.
„Was machst du denn hier draussen, ohne Jacke? Du holst dir noch den Tod!“, meinte ich und zog ihn noch etwas näher an mich. Sein Körper war bereits eiskalt. Marinus kuschelte sich an mich und vergrub sein Gesicht an meinem Hals. Ich strich ihm über den Rücken, versuchte ihn dadurch ein wenig aufzuwärmen. Irgendwann schaute er schliesslich auf, strich sich die Tränen aus dem Gesicht und lächelte nun leicht.

„Weisst du, ich vermisse nur gerade Claudia so schrecklich.“, erklärte er leise, „Vor allem wenn ich dich und Karle so glücklich sehe…“ Ich nickte, liess meinen Blick in die Ferne schweifen und versuchte den Kloss, der sich in meinem Hals gebildet hatte, runterzuschlucken. Da waren sie wieder, die verdrängten Schuldgefühle und Selbstvorwürfe.
„Wenn ich bloss nicht mit ihr mitgefahren wäre…“, murmelte ich, den Blick auf meine Knie gerichtet.
„Ja…“

Ich zuckte leicht zusammen, es war das erste Mal dass jemand mir recht gab und nicht versuchte, mir das ganze auszureden und zu beteuern, dass ich nichts dafür konnte. Und das gerade von Marinus, der bisher wie alle anderen immer das Gegenteil behauptet hatte. Woher nun dieser plötzliche Sinneswandel? Irgendwie verwirrte mich das ganze. Nun stiegen auch mir Tränen in die Augen. Und mit einem Mal fühlte ich Marinus‘ Hand an meinem Kinn, er drehte mein Gesicht zu sich und presste seine eiskalten Lippen auf meine.

Ich war wie erstarrt, liess den Kuss über mich ergehen und starrte Marinus dann schockiert an. Irgendwie war ich wie paralysiert. Marinus hingegen lächelte leicht, obwohl sein Blick irgrndwie irr wirkte. Er hob seine Hand und strich mir über dir Wange.
„Weisst du, eigentlich hätte es ja verdient nun dich zu bekommen… Als Gegenleistung dafür, dass du mir mein Liebstes genommen hast…“ Die Gedanken in meinem Kopf fuhren Achterbahn, während ich Marinus noch immer anstarrte. Und irgendwie kam mein krankes Gehirn schliesslich zum Entschluss, dass er Recht hatte.

Also nickte ich zögernd. Marinus sah mich etwas überrascht an.
„Meinst du das ernst?“, wollte er wissen. Erneut nickte ich nur, mein Herz klopfte wie verrückt, und auch wenn es mir sagte, dass ich Karl liebte, sagte mir mein Kopf noch immer, dass Marinus im Grunde genommen Recht hatte. Dieser begann nun zu lächeln, er strich sanft über meine Wange. Ich zitterte leicht, als ich meine Hand auf seine legte und sich seine Lippen erneut auf meine legten. Ich redete mir krampfhaft ein, dass ich Marinus liebte, dass er mich verdient hatte und dass das ganze richtig war. Doch irgendwie tauchte vor meinem inneren Auge immer wieder Karls Gesicht auf, welches ich erfolglos aus meinen Gedanken zu verbannen versuchte.

Schliesslich beendete Marinus den Kuss, lächelte mich an und meinte dann: „Wir sollten wohl langsam mal zurück.“ Ich zwang mich ebenfalls zu einem Lächeln und nickte. Marinus stand auf, streckte mir seine Hand hin und zog mich auf die Beine. Dann legte er seinen Arm um meine Schultern, und so machten wir uns auf den Rückweg. Noch immer drehten sich die Gedanken in meinem Kopf, und noch immer kämpfte ich gegen sie an und versuchte mir einzureden, dass Marinus mich verdient hatte und auch ich Gefühle für ihn hatte.

Als wir uns dem Gebäude näherten, erkannte ich einige Leute, welche gerade raus kamen und sich suchend umblickten. Als wir näher kamen, konnte ich unter ihnen Karle ausmachen, und mein Herz zog sich kurz schmerzhaft zusammen. Er hatte uns mittlerweile entdeckt und kam uns entgegen. Sein Gesicht war besorgt.
„Seid ihr OK?“, wollte er wissen und blieb vor uns stehen. Wir nickten nur. Ich löste mich aus Marinus‘ Arm und trat einen Schritt auf ihn zu. Karl wollte mich in seine Arme ziehen, doch ich blockte ihn ab.

„Kann ich… kurz mit dir reden?“, fragte ich leise. Karl runzelte die Stirn, schien zu bemerken dass irgendwas nicht stimmte.
„Klar!“, meinte er nur. Ich schenkte Marinus kurz ein erzwungenes Lächeln, bevor ich mit Karle ein Stück von ihm weg ging. Alle anderen waren mittlerweile wieder im Gebäude verschwunden, vermutlich hatten sie das Verschwinden von Marinus und mir bemerkt und sich gerade auf die Suche nach uns machen wollen. Auch Marinus machte sich nun, leicht vor sich hin lächelnd, auf den Weg zur Eingangstür. Karle und ich setzten uns schliesslich auf eine Bank etwas abseits, wo wir ungestört waren.

Kurz sassen wir schweigend da, bevor Karle das Wort ergriff.
„Also, was ist los?“, wollte er wissen, und seinem Tonfall nach ahnte er bereits dass irgendwas überhaupt nicht stimmte.
„Ich… Das mit uns geht nicht mehr, Karl.“, begann ich schliesslich nach kurzem schweigen, obwohl alles in mir dagegen zu protestieren schien, „Ich habe bemerkt, dass ich Gefühle für Marinus habe, und seit eben weiss ich, dass es ihm genau so geht…“ Karls Augen weiteten sich, er sah mich ungläubig an.

„Ist das… dein ernst?“, wollte er wissen, wobei seine Stimme fast versagte. Ich musste schlucken, nickte dann und starrte auf meine Knie.
„Es tut mir Leid…“, murmelte ich und schielte zu Karle. Ich konnte sehen, wie irgendwas in seinem Inneren zerbrach, doch er versuchte gefasst zu wirken.
„Ist… Ist OK.“, meinte er dann und zwang sich zu einem Lächeln, „Du kannst ja nichts dafür… Gefühle ändern sich nun mal, auch wenn ich damit jetzt nicht gerechnet hätte…“ Ich nickte nur, versuchte ebenfalls zu lächeln, obwohl ich am liebsten laut geschrien hätte.

Ich hätte gerne noch irgendwas gesagt, doch mir fiel beim besten Willen nichts passendes ein, und ich wünschte mir, dass das ganze gerade gar nicht passierte. Doch es war zu spät um noch irgendwas an der Situation zu ändern. Schliesslich stand Karl auf.
„Naja, ich geh dann mal wieder rein.“, meinte er schliesslich. Ich nickte nur, unfähig etwas zu sagen oder mich zu bewegen. Ich sah zu, wie Karl mit gesenktem Kopf zurück in Richtung Tür ging, das Gebäude betrat und direkt nach rechts in Richtung Schlafräume abbog. Erst einige Minuten nachdem er verschwunden war, schaffte ich es wieder mich zu bewegen.

Ich erhob mich ebenfalls und ging in Richtung Tür. Mir war leicht schwindlig, und alles schien sich zu drehen. Am liebsten wäre ich auch direkt in mein Zimmer verschwunden. Dennoch betrat ich den Aufenthaltsraum, in dem noch immer die Party im Gange war. Kaum jemand beachtete mich, bis ich schliesslich Marinus entdeckte. Er lächelte, während er mit zwei vollen Gläsern auf mich zu steuerte.
„Alles Ok?“, wollte er wissen und hielt mir eines der Gläser hin. Ich nickte nur, lächelte mein falsches Lächeln und griff danach.

„Auf uns!“, meinte Marinus nur strahlend, während unsere Gläser leise klirrend gegeneinander stiessen. Ich nickte nur und leerte mein Glas in einem Zug. Noch immer lächelte Marinus.
„Los, lass uns tanzen!“, meinte er dann, griff nach meiner Hand und zog mich auf die Tanzfläche.

Die nächsten Tage erlebte ich wie in Trance. Ich funktionierte einfach, egal ob es ums essen, trainieren oder darum ging, Marinus Gefühle vorzuspielen. Karl ging mir zum Glück aus dem Weg, sodass wir uns höchst selten über den Weg liefen, und wenn doch unsere Begegnungen möglichst schnell vorbei gehen zu lassen ohne uns wirklich zu beachten. Natürlich machte die Sache die Runde, vor allem auch weil Marinus offensichtlich vor hatte der ganzen Welt zu zeigen dass ich nun zu ihm gehörte. Und auch ich versuchte mir noch immer einzureden dass ich ihn liebte – lieben musste – einfach nur weil er es verdient hatte. Weil ich ihm seine grosse Liebe genommen hatte.

Glücklicherweise startete bald darauf der Weltcup, wir hatten keine Möglichkeit mehr uns ständig zu sehen, und zum ersten Mal konnte ich die ganze Sache mit etwas Abstand betrachten. mir wurde klar, dass ich mir was meine Gefühle Marinus gegenüber etwas vormachte. Und dennoch waren da immer noch die Schukdgefühle, die mich diese Beziehung – oder eher Scheinbeziehung? – weiterführen liessen. Denn irgendwie vermutete ich, dass nicht nur ich mit etwas vormachte, sondern auch Marinus; ganz egal wie überzeugend er dabei wirkte. Doch irgendwie glaubte ich, kein Recht zu haben irgendwas daran zu ändern.

Marinus und ich wahren ständig irgendwie in Kontakt, während ich Karl und alles, was ihn betraf weiterhin versuchte zu ignorieren. Als ob er nie existiert hätte, ebenso unsere Beziehung. Natürlich klappte dies nicht wirklich. Er geisterte regelmässig durch meine Träume, und auch tagsüber war er fester Bestandteil meiner Gedanken und Träumereien. Stolperte ich zufällig über ein Foto von ihm oder wurde über ihn geredet, durchfuhr mich ein fast körperlich wirkender Schmerz, und ich versuchte aus der jeweiligen Situation zu flüchten. Doch es schien je länger je schwerer zu werden. Irgendwann begann ich den Schmerz im Inhalt der Minibar zu ertränken, was vom Team sehr wohl bemerkt, jedoch stillschweigend toleriert wurde, da meine Leistungen weiterhin konstant gut blieben.

Dann kam es, dass wir an einem Wettkampf wieder auf die Jungs trafen. Ich spielte allen meine Freude vor, Marinus wiederzusehen, ignorierte Karle weiterhin soweit irgendwie möglich und sprang sogar mit beiden zusammen in einem Mixed-Wettkampf. Irgendwie brachte ich den Tag so hinter mich. Wir beendeten den Mixed-Wettkampf auf dem Podest, auch in den Einzelwettkämpfen waren wir Deutschen ziemlich erfolgreich, und so beschloss man, am Abend im Hotel eine kleine Party zu organisieren. Ich hatte eigentlich überhaupt keine Lust auf feiern und wollte im Hotelzimmer bleiben, doch Marinus liess keine Wiederrede zu und schleppte mich mit.

So sass ich schliesslich in einer Ecke, wieder floss bei mir der Alkohol, während ich zusah, wie Marinus sich mit den anderen auf der Tanzfläche amüsierte. Irgendwann fiel mir jedoch auf, dass ich nicht die einzige war, die lustlos in einer Ecke sass. Karl schien es ähnlich zu ergehen. Ich beobachtete ihn, anfangs von ihm unbemerkt. Auch er schien schon reichlich Alkohol intus zu haben. Und schliesslich trafen sich unsere Blicke. Für einen Moment vergass ich Marinus und alles um mich herum, konzentrierte mich nur auf den Blickkontakt mit Karl, mein Herz klopfte wie wild. Irgendwann, wie auf ein unsichtbares Zeichen, erhoben wir uns schliesslich und verliessen den Raum.

Im Flur angekommen, standen wir erstmal nur einander gegnüber, sahen den jeweils anderen an. Irgendwann überwand Karl schliesslich die Distanz zwischen uns, ich fülte seine Hand an meiner Wange. Ich schloss meine Augen, schmiegte mich an sie. Und fand mich gleich darauf mit dem Rücken an die Wand gedrückt wieder. Ich öffnete meine Augen und sah direkt in die von Karl, welche sich nur wenige Zentimeter vor mir befanden. Und gleich darauf spürte ich seine Lippen auf meinen. Es fühlte sich an als ob ein Feuerwerk in mir explodieren würde, ich liess mich fallen, wir vertieften den Kuss und vergassen alles um uns herum.

Bis Karl plötzlich ruckartig von mir weg gerissen wurde und kurz mit seinem Gleichgewicht kämpfte. Ich lehnte mich erschrocken gegen die Wand und sah direkt in Marinus‘ Gesicht, welcher vor Wur kochte.
„Was soll diese Scheisse, verdammt noch mal?“, wollte er wissen. Bevor Karl oder ich darauf antworten konnten, wurde ich auch schon an der Hand gepackt und quer durchs Hotel in Marinus‘ Zimmer gezerrt. Und kaum war die Zimmertür hinter und zugefallen, traf seine Hand auch schon mit voller Wucht meine Wange, sodass ich einige Schritte zurück torkelte, an die Bettkante stiess und mich unfreiwillig darauf niederliess. Marinus trat vor mich, und eine Ohrfeige traf meine andere Wange. Längst waren mir Tränen in die Augen gestiegen, mein Gesicht brannte.

„Was sollte das eben?! Ich dachte du liebst mich!“, herrschte er mich an. Als ich nicht sogleich antwortete, schlug er mir erneut ins Gesicht.
„Sag es!“, verlangte er und erhob erneut drohend seine Hand. Ich zuckte zusammen.
„Ich… ich liebe dich.“, stammelte ich, „Es tut mir Leid!“ Marinus liess seine hand sinken, schaute mich zufrieden an. Dann kniete er sich über mich.
„Du gehörst mir, mir allein!“, meinte er, bevor er seine Lippen hart auf meine presste und seine Hände unter meine Kleider schob. Ich wehrte mich nicht, liess es einfach über mich ergehen.

Im kompletten Gegensatz dazu wurde ich am nächsten Morgen von sanften Küssen geweckt. Marinus lächelte mich an, als ob das am Vorabend niemals passiert wäre. Doch meine noch immer brennenden Wangen und Schmerzen am ganzen Körper sagten mir, dass es wirklich passiert war. Und auch Marinus sah besorgt aus, als er vorsichtig über mein Gesicht strich.
„Du siehst echt übel aus. Ich sag den Leuten beim Frühstück dass du dich nicht gut fühlst, OK?“
Ich nickte nur. Genau genommen war dies nicht einmal gelogen, mir war tatsächlich kotzübel, und ich war mehr als froh, als Marinus endlich das Zimmer verliess.

Und einmal mehr wünschte ich mir, dass das alles nie passiert wäre. Der Unfall, die Sache mit Karl und Marinus. Vielleicht sogar, dass ich die beiden nie kennen gelernt hätte. Oder am besten gar nicht erst geboren worden wäre. Aber mein grösster Wunsch war es, nun in Karles Arme liegen zu können, der mir über den Rücken strich und mir sagte, dass alles wieder gut werden würde. Doch es war nur Marinus, der eine gute halbe Stunde später wieder ins Zimmer kam, mit einem Brötchen in der einen und einer Tasse Tee in der anderen Hand für mich. Er legte sich zu mir und zog mich in seine Arme, was ich wie eine Puppe mit mir geschehen liess.

Den ganzen Tag, an dem sowieso keine Springen stattfanden, verbrachten wir so im Bett. Marinus hatte scheinbar ein schlechtes Gewissen und versuchte mir jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Ich selber dachte jedoch immer nur daran, was am Vorabend passiert war. Der Kuss mit Karl hatte sich einfach so richtig angrfühlt, und wieder einmal wurde mir klar, dass ich mir was meine Gefühle für Marinus betraf nur selber etwas vormachte. Marinus selber schien es jedoch egal zu sein was ich fühlte, und irgendwie zweifelte ich auch langsam daran dass er mich wirklich liebte. Er betrachtete mich einfach als sein Eigentum, sein Spielzeug, welches irgendwie notdürftig Claudia ersetzen sollte.

Am nächsten Tag mussten wir uns bereits wieder von den Jungs verabschieden, und wieder machte Marinus einen auf Superfreund, hielt bis zur letzten Sekunde meine Hand fest und wollte mich auch als wir uns defintiv voneinander verabschieden mussten fast nicht loslassen. Zwischendurch fiel mein Blick auf Karl, der das Ganze aus der Ferne zu beobachten schien. Auch ihm war durch unseren Kuss scheinbar klar geworden, dass mit der Sache zwischen mir und Marinus irgendwas faul war. Und tatsächlich piepste noch am selben Tag mein Handy, und mir wurde eine Nachricht von Karle angezeigt.

Mein Herz begann schon zu rasen, als ich nur den Namen auf dem Display las. Mit zitternden Fingern öffnete ich die SMS.
Okay, was war das zwischen uns am Samstag? Und vor allem, was ist das genau zwischen dir und Marinus?!
Ich erschrak einerseits, dass er die ganze Sache zu durchschauen schien, war andererseits erleichtert dass er bemerkt hatte dass irgendwas nicht stimmmte. Doch was sollte ich ihm darauf antworten? Ich überlegte lange, bevor ich ihm antwortete.
Ich kann dir das ganze gerade nicht so leicht erklären, es ist alles etwas kompliziert. Fakt ist, dass ich noch immer Gefühle für dich habe, aber das ändert nichts an der Sache zwischen mir und Marinus…

Narürlich kam daraufhin erstmal keine Antwort mehr von Karl; damit hatte ich gerechnet, dennoch schaute ich alle paar Minuten auf mein Handy in der Hoffnung auf eine Nachricht von ihm. Doch der einzige, der mir schrieb, war Marinus, dem ich gezwungenermassen antwortete.
Doch auch zwischen ihm und mir veränderte sich etwas. Marinus hatte immer häufiger schlechte Laune, welche er an mir ausliess, wobei ihm auch schon mal die Hand ausrutschte. Zwar bereute er es jeweils gleich darauf und war danach umso fürsorglicher, dennoch führte es dazu, dass ich in seiner Gegenwart immer unsicherer wurde. Was die Situation nicht gerade einfacher machte…

Der Höhepunkt der ganzen Sache fand schliesslich wieder an einer kleinen Party statt, an welcher wir wieder aufeinander trafen. Wieder floss der Alkohol bei mir in Strömen, und ich sass in einer Ecke. Bis zu meiner Überraschung irgendwann Karle vor mir stand, ebenfalls sichtlich angetrunken, und mich zum tanzen aufforderte. Ich sagte zu und liess mich von ihm auf die Tanzfläche ziehen. Gerade liefen einige ruhigere Lieder, und so bewegten wir uns eng umschlungen im Takt, sahen einander tief in die Augen, und ich vergass Marinus und alles was passiert war für einen Moment komplett.

Irgendwann spürte ich Karls Hand in meinem Nacken, auch er schien alles um sich herum vergessen zu haben. Wieder versanken wir in den Augen des jeweils anderen, und langsam näherten sich seine Lippen meinen. Doch kurz bevor sie sich trafen, wurde ich hart von ihm weg gerissen. Marinus stand bei uns, vor Wut kochend, und fing sogleich an mich anzumotzen. Er zerrte mich, noch immer vor sich hin fluchend aus dem Raum. Dort presste er mich an die nächstbeste Wand und holte aus. Ich kniff die Augen zusammen, konnte den Schlag schon beinahe spüren, als Marinus plötzlich von mir weg gerissen wurde.

Hinter ihm stand Andreas Wank, in etwas Entfernung konnte ich auch einige anderen aus dem Team erkennen, die die Szene ungläubig mit ansahen. Mich verliess die Kraft, meine Beine sackten weg und ich rutschte die Wand hinunter auf den Boden. Auch Karle kam nun aus dem Partyraum, sah sich suchend um und kam dann auf uns zu. Wanki faltete unterdessen Marinus zusammen, welchen das ganze jedoch kaum zu beeindrucken schien. Karl ging neben mir in die Knie, nahm meine Hände und zog mich auf die Beine. Noch immer zitterte ich und liess mich kraftlos gegen ihn sinken. Karl legte seinen Arm um mich und zog mich an sich.

Noch immer redete Andi auf Marinus ein, mittlerweile hatten sich auch die anderen um uns herum versammelt. Doch noch immer schienen seine Worte an ihm abzuprallen, ein leichtes, Feindsehliges Grinsen legte sich auf sein Gesicht.
„Ihr habt doch alle keine Ahnung!“, meinte er schliesslich und befreite sich von Wankis Händen, die ihn noch immer an den Schultern festgehalten hatten, „Sie ist schuld, dass ich meine grosse Liebe verloren habe. Nun muss sie Claudia ersetzen. Sie gehört mir, mir ganz allein!“ Alle starrten nun schockiert auf Marinus, dann zu mir.

„Das ist krank, Marinus! Du weisst genau dass niemand etwas für Claudias Tod kann, es war ein Unfall!“, meinte Andreas daraufhin. Marinus schluckte, presste seine Lippen aufeinander und schüttelte energisch den Kopf. Seine Augen füllten sich nun mit Tränen.
„Vor allem kannst du doch nicht verlangen… Ich meine… Hast du dir schon mal überlegt wie es Laura dabei geht?“, fuhr Wanki fort, sichtlich um seine Fassung ringend, „Das geht doch nicht, und vor allem nicht so! Du brauchst unbedingt professionelle Hilfe!“ Marinus starrte nun auf den Boden, Tränen liefen über seine Wangen.

Karl zog mich noch etwas näher an sich, und erst jetzt bemerkte ich, dass auch ich weinte. Mein Rausch war grösstenteils verflogen. Schliesslich verteilte Andi kurzerhand die Zimmer neu, er wollte bei Marinus schlafen, und ich wurde kurzerhand bei Karle einquartiert. So langsam löste sich die Menschentraube um uns herum auf, und schliesslich griff Karl nach meiner Hand und zog mich in Richtung Aufzug. Kurz holten wir meine Sachen aus Marinus‘ Zimmer und gingen damit in das von Karl. Dort angekommen, setzten wir uns aufs Bett und redeten, vergossen dabei unmengen von Tränen und schliefen schliesslich irgendwann eng aneinander gekuschelt ein.

Tatsächlich verliess Marinus am nächsten Tag das Team, um sich in therapeutische Behandlung zu begeben. Und auch ich nahm wieder professionelle Hilfe in Anspruch, um Den Unfall endgültig zu verarbeiten und auch mit den Geschehnissen der letzten Monaten klar zu kommen. Dabei hatte ich Karl an meiner Seite, der mir eine grosse Stütze war und mir sehr viel Kraft gab. Zwar kam es noch immer zu Situationen, in denen ich in Erwartung eines Marinus-artigen Wutanfalls in Panik geriet, doch Karl war definitiv nicht wie er und schaffte es auch in schwierigen Situationen, mich wieder zur Ruhe zu bringen.

Nach einigen Wochen nahm schliesslich auch Marinus wieder Kontakt zu mir auf, seine Therapie schlug an und ihm wurde klar, was er mir während unserer „Beziehung“ angetan hatte. Er entschuldigte sich immer wieder dafür, und als ich das Gefühl hatte dass er wieder der Alte war, entschied ich mich, ihm als Freund eine zweite Chance zu geben. Auch Karl näherte er sich schliesslich wieder an, obwohl die Freundschaft zwischen ihnen nie wieder so eng wurde wie vor der ganzen Sache. Schliesslich schaffte Marinus es sogar, sich neu zu verlieben, er fand eine tolle neue Freundin die er genau so liebte wie einst Claudia, und die ihm auch zur Seite stand wenn ihn die Vergangenheit mal wieder einholte.

Somit hatte sich schlussendlich doch noch alles zum guten gewendet, und ich hoffte dass weder meine Beziehung zu Karl noch die Freundschaft mit Marinus je wieder einer so harten Prüfung unterzogen werden würde.

Sound of Silence (Ville Liimatainen/Flinch/Negative, ca. 2010-2013)

Ein sanfter Luftzug, der ihm durch die Haare strich, sagte Ville, dass jemand den Raum betreten hatte. Seine Gesichtszüge verfinsterten sich, und er zog trotzig seine Beine an den Körper und starrte weiterhin aus dem Fenster, vor welchem er sass. Sah hinüber zu den Wäldern, welche in satten Herbstfarben leuchteten, und stellte sich vor, wie es sich angehört hatte, als er das Rauschen der Bäume noch hatte wahrnehmen können. Ein lautloses Seufzen kam über seine Lippen. Ungefähr im selben Moment legte sich eine Hand auf seine Schulter, welche ihn, trotz deren Wärme, erschauern liess. Gezwungenermassen schaute er auf, sah in das Gesicht seines Bruders, welcher ihm ein aufmunterndes Lächeln schenkte, und liess seinen Kopf sogleich wieder sinken. Hatte keine Lust, sich schon wieder dessen Belehrungen anzuhören, oder eher anzusehen – und hinunter in den Speisesaal, um mit den Anderen zu essen, wollte er erst recht nicht. Sich nicht noch weiter demütigen lassen, nicht mehr zu wissen, dass über ihn geredet wurde, obwohl sie genau wussten, dass er es nicht hören konnte…

Er verschränkte seine Arme, heftete seine Augen wieder an das Geschehen auf der anderen Seite der Glasscheibe. Doch sogleich wurde sein Kinn sanft aber bestimmt angehoben und in die entgegengesetzte Richtung gedreht. Jonne hatte bereits angefangen, mit seinen Händen zu gestikulieren.

Abendessen!

Bestimmt schüttelte der Jüngere den Kopf, wandte sich wieder ab. Nun legte sich wieder die Hand auf seine Schulter, rüttelte ihn sanft. Schliesslich wandte er sich genervt wieder dem anderen zu.

Keinen Hunger!, gab er zu verstehen, drehte sich zur Seite. Nun umschloss die Hand seinen Oberarm, zog ihn auf die Beine. Schwach wehrte sich Ville dagegen, schüttelte heftig seinen Kopf und erntete dafür einen strengen Blick seines Bruders, welcher ihm sagte, dass die Grenze von Jonnes Geduld erreicht war. Mit hängendem Kopf schlurfte er zur Tür, blieb davor stehen und wartete darauf, dass sein älterer Bruder vorausging. Widerwillig stapfte er hinter diesem die Treppe hinunter, welche zum Speisesaal führte.

 

***

Der weisse Kleinbus holperte durch ein Schlagloch, und Kaisas Kopf schlug dadurch leicht gegen die Fensterscheibe. Verschlafen öffnete sie die Augen. Im ersten Moment konnte sie sich nicht orientieren, sah sich etwas hilflos im fahrenden Auto um. Sie sass auf dem Rücksitz festgeschnallt, und gerade schienen sie einen Wald oder eine andere Ansammlung vieler Bäume zu  durchqueren. Ihr Gedächtnis arbeitete so schnell es die Beruhigungsmittel, mit denen sie voll gestopft worden war, zuliessen. Vorne im Wagen sassen zwei Ärzte der Psychiatrischen Klinik, in welcher sie die letzten Wochen verbracht hatte. Ach, stimmt ja, man wollte sie ja in eine andere Institution bringen. Immerhin galt sie momentan als „psychisch Stabil“, was auch immer das heissen mochte. Vermutlich, dass sie durch die vielen Medikamente zu belämmert war um erneut einen Versuch zu starten, ihrem Leben ein Ende zu setzen… Als ob es noch irgendetwas geben würde, was sie hier noch hielt…

Aber offensichtlich war es ihr nicht gegönnt, diese Welt jetzt schon zu verlassen; zwei Versuche waren gescheitert, und durch die bunten Pillen hatte sich die Umgebung in eine ebenso bunte Wunderwelt verwandelt. Auch wenn die Traurigkeit und Verzweiflung zeitweise noch immer durchbrach. Wenn auch längst nicht mehr mit so zerstörerischer Kraft wie zuvor.

Mittlerweile hatten sie Bäume hinter sich gelassen, stattdessen tauchten nun Felder, Bäche und vereinzelte Häuser um sie herum auf.

‚Muss ja ziemlich abgelegen sein!‘, ging es ihr durch den Kopf, doch im Grunde genommen war es ihr egal. Alles war egal. Bisher hatten sowieso alle nur geglaubt, was sie gesehen hatten – oder was andere gesehen hatten. Keiner hatte sie gefragt, wie es soweit gekommen war, was denn eigentlich passiert war. Immerhin hatte sie die letzten Monate hauptsächlich auf der Strasse verbracht, sich herumgetrieben und hatte sich vermutlich mit den falschen Leuten abgegeben… Was sie wirklich zu ihrer Tat getrieben hatte, war und blieb unwichtig… Sie war eine Mörderin, das war das einzige, was noch zählte…

Sie hatte gar nicht bemerkt, dass der Wagen angehalten hatte. Die Schiebetür des Busses wurde aufgerissen.

„Wir sind da!“, verkündete eine Stimme, und eine schwere Hand legte sich auf ihre Schulter. Kaisa löste den Sicherheitsgurt und kletterte etwas ungeschickt aus dem Wagen. Unsicher stolperte sie hinter ihrem Begleiter her, in Richtung des Gebäudes, welches nun für die nächste Zeit ihr Zuhause sein würde. Es handelte sich dabei um ein grosses, weisses Gebäude mit vielen grossen Fenstern, welches auf den ersten Blick gar nicht darauf hindeutete, dass es sich darin um ein Heim für psychisch beeinträchtigte, schwer erziehbare und teilweise gewalttätige Jugendliche handelte. Vorsichtig schob man sie auf die kleine Treppe zu, die zum aus einer Glasschiebetür bestehenden Eingangstür standen. Vor dieser standen eine etwas ältere, streng wirkende Dame und ein etwas jüngerer Mann; vermutlich die Heimleiter. Kaisas zweiter Begleiter unterhielt sich bereits mit den beide, hatte ihre Tasche vor ihren Füssen abgestellt.

Das Mädchen stolperte die Treppe hinauf, blieb stehen und senkte den Blick, um den abschätzigen Blicken zu entgehen.

„Dann mal rein mit dir.“, ertönte die Stimme der Frau und deutete auf die Schiebetür, während der Mann ihre Tasche hochhob. Unsicher betrat Kaisa den Vorraum und sah sich in diesem um, während sich ihre Begleiter mit den Heimleitern unterhielten. Links ging eine Tür ab, von welcher Stimmen, Gelächter und das Klappern von Geschirr zu hören war – wohl der Speisesaal oder etwas in der Art. Rechts war das Sekretariat, abgetrennt von einer Glasscheibe, und vor ihr befand sich ein Gang, der wohl zu Schlafzimmern führte, und eine Treppe, welche hinauf in den ersten Stock ging. Und obwohl alles noch so hell und freundlich wirkte, war sich Kaisa nicht sicher, ob sie sich hier wirklich würde wohlfühlen können – schon alleine wenn die anderen erfahren würden, wieso sie hier war… Sie senkte ihren Blick und starrte auf den steinernen Boden.

***

Ville stocherte lustlos in seinem Abendessen herum, den Kopf dabei auf eine Hand gestützt. Er starrte vor sich hin; hatte keine Lust, seinem Bruder beim Reden zuzusehen, und ebenso wenig hatte er Lust, gerade Zeit mit den anderen Heimbewohnern zu verbringen… Erst als sich Jonnes Hand auf seine Schulter legte, sah er kurz auf, schenkte ihm einen genervten Blick. Der ältere deutete zum Fenster, und Ville erkannte den Kleinbus der Psychiatrie, der wohl soeben vorgefahren war. Jonne hatte ihm gar nicht gesagt, dass wieder jemand neues kommen würde – oder vielleicht hatte er es auch einfach mal wieder nicht mitgekriegt…

Es war also wieder jemand neues gekommen, der sich mit den anderen zusammentun und ihn fertig machen können würde. Lautlos seufzte der Blonde an, während er seinem Bruder nachsah, der aufgestanden war und aus dem Speisesaal ging. Er wusste genau, dass man über ihn redete, und manchmal blieb es auch nicht bei den Worten, die er sowieso nicht hören konnte… Die Hoffnung, dass vielleicht irgendwann jemand kommen würde, der ihn mögen würde, ihm vielleicht sogar half, sich zu wehren, hatte er schon längst aufgegeben. Ohne den geringsten Hauch von Appetit schob er den Reis auf seinem Teller vom einen Rand zum anderen.

***

„Hey, ich bin Jonne! Ich bin hier erstmal deine Bezugsperson. Herzlich willkommen hier bei uns!“

Kaisa zuckte leicht zusammen und blickte direkt in ein Paar strahlend blaue Augen. Der junge Mann mit den blonden Haaren lächelte sie Freundlich an, und sein Strahlen schien tatsächlich echt zu sein. Sprachlos starrte sie ihn an, brachte kein Wort über ihre Lippen. Sie war es sich nicht mehr gewöhnt, völlig normal und freundlich behandelt zu werden. Ein schwaches „Hey!“ verliess ihre Lippen. Der Blonde lächelte nur und nahm ihrem Begleiter die Reisetasche ab.

„Ich zeig dir mal dein Zimmer, OK?“, meinte er und ging ohne eine Antwort abzuwarten los. Kaisa nickte nur hastig und folgte ihm die Treppe hinauf in den ersten Stock. Dort bog er nach links in einen Flur ab und öffnete schliesslich die erste Zimmertür links.

Während Jonne eintrat und Kaisas Tasche vor dem Bett abstellte, zögerte diese einen Moment, bevor sie ebenfalls das Zimmer betrat. Dieses war ebenso hell und freundlich wie das Gebäude von aussen wirkte und war mit einem Schreibtisch, einem Bett und einem Bücherregal eingerichtet. Neben der Zimmertür ging zudem eine Tür nach links ab, welche in ein kleines Badezimmer mit Klo und Dusche führte. Ausserdem hatte das Zimmer ein grosses Fenster, welches sich zu Kaisas Überraschung sogar öffnen liess – wenn auch nicht weit genug, als dass sich jemand hätte heraus stürzen können. Gerade hatte Jonne dieses aufgerissen, um die leicht abgestandene Luft aus dem Zimmer zu vertreiben.

Etwas verloren stand Kaisa im Zimmer, währen der Blonde die Lampen auf ihre Funktionalität prüfte. Schliesslich lächelte er ihr aufmunternd zu.

„Ich schlage vor, wir gehen erstmal runter was essen, und dann helf ich dir beim Auspacken, OK?“

„OK.“, antwortete die Angesprochene leise und versuchte, das Lächeln zu erwidern, was ihr jedoch mehr schlecht als recht gelang – sie war es sich einfach nicht mehr gewöhnt zu lächeln, wodurch ihr Gesicht wohl mehr einer Grimasse glich… Der Blonde nickte ihr zu und legte eine Hand auf ihre Schulter, von welcher eine unglaubliche Wärme ausging und sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Und so stiegen die beiden die Treppe wieder hinunter und betraten den Speisesaal.

In diesem ging es ziemlich chaotisch zu und her, alle schrien wild durcheinander, und die junge Frau, die bei ihnen sass, schien die ungefähr 15 Jugendlichen kaum unter Kontrolle zu haben. Villes Teller war noch immer nicht viel leerer als vorher, in sich zusammengesunken sass er auf seinem Stuhl. Erst als Jonne ihm seine Hand auf die Schulter legte, zuckte er heftig zusammen, liess seine Gabel fallen und sah erschrocken auf. Als er den Älteren neben sich erkannte, wechselte sein Gesichtsausdruck auf genervt, er rollte mit den Augen und begann weiter zu essen. Erst jetzt bemerkte er das schwarzhaarige Mädchen, welches sich ihm gegenüber niedergelassen hatte und irgendwie ziemlich verloren wirkte unter all den für sie fremden Menschen. Während er noch immer lustlos das Abendessen in sich hinein schaufelte, schielte er immer wieder unauffällig zu ihr hinüber. Wieso man sie wohl hierher gebracht hatte?

Mittlerweile hatte man auch Kaisa etwas zu Essen auf den Teller geladen, und mit eher geringem Appetit begann sie zu essen. Noch immer war es ziemlich laut im Raum, doch sie schaffte es, das Geschrei völlig auszublenden. Irgendwann hatte sie das Gefühl, Blicke auf sich zu spüren und sah auf, und tatsächlich wurde sie vom kleineren Blonden, der ihr gegenüber sass, möglichst unauffällig beobachtet. Er drehte sich jedoch sogleich wieder weg, als er bemerkte, dass sie ihn ertappt hatte. Kaisa runzelte die Stirn; irgendwie war der Kleine seltsam, hatte aber dennoch etwas an sich, das ihre Neugier geweckt hatte… Auch fiel ihr nun die Ähnlichkeit zwischen ihm und Jonne auf. Ob die beiden wohl Brüder waren oder so? Sie nahm sich vor, Jonne bei Gelegenheit danach zu fragen.

Gegen Ende des Essens wurde es ein wenig ruhiger, und die junge Betreuerin ergriff das Wort und verkündete, wer zum Abwaschen eingeteilt war. Dann wurde unter lautem Geschirrklappern der Tisch abgeräumt, und langsam verschwanden die Teenies aus dem Raum, bis schliesslich nur noch Jonne, Ville und Kaisa übrig blieben. Schnell schob sich Kaisa die letzte Gabel ihres Abendessens in der Mund und schaute dann zwischen den beiden blonden hin und her, welche mit ihren Händen wild in der Gegend herumfuchtelten. Etwas irritiert beobachtete sie das Schauspiel. Beide bewegten beim rumfuchteln ihre Lippen, als ob sie miteinander reden würden, dennoch kam kein Ton über ihre Lippen. Der Kleinere der beiden wirkte mittlerweile genervt, fast ärgerlich, schob schliesslich seinen Teller von sich, sprang auf und verliess den Speisesaal. Kaisa hörte Jonne leicht aufseufzen, bevor er sich,  nun wieder lächelnd, ihr zuwandte.

„Na, wollen wir mal dein Zeug auspacken?“ Das Mädchen nickte und folgte dem Betreuer mit ihrem Teller in die Küche, um diesen den Abwaschenden zu übergeben.

Wütend stampfte Ville die Treppe hinauf, unterwegs in den zweiten Stock, in welchem sein Zimmer lag. Er hatte das dringende Bedürfnis, irgendetwas kaputt zu machen – oder zumindest eine Tür zu zu knallen. Er wusste nicht, wieso es ihn so sauer machte, seinen Jonne plötzlich mit jemandem teilen zu müssen. Immerhin hatte ihn sein Bruder bereits darauf vorbereitet, dass er wohl schon bald nicht mehr nur seine Bezugsperson sein würde. Irgendwie war ihm ja auch klar, dass er für seine Ausbildung zum Sozialpädagogen mit verschiedenen Menschen zusammenarbeiten musste, aber dennoch beunruhigte ihn dieser Gedanke. Was, wenn er ihn dadurch nun auch noch verlieren würde, wie damals seine Eltern? Dieser Gedanke trieb ihm Tränen in die Augen, die ihm beinahe die Sicht nahmen, während er den Flur entlang taumelte zu seinem Zimmer. Als er dieses schon beinahe erreicht hatte, spürte er auf einmal einen harten Schlag, welcher ihn ins Stolpern brachte. Gerade noch konnte er sich fangen und fuhr erschrocken herum.

Seine schlimmste Vorahnung bestätigte sich, als er vor sich drei Jungs erkannte, welche ihn hämisch angrinsten.

Na du kleine Ratte, heute ohne Bodyguard unterwegs?, formten die Lippen des Anführers, welcher zugleich einen Schritt auf ihn zu machte. Reflexartig wich Ville einen Schritt zurück. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, sich einfach umzudrehen und in sein Zimmer zu flüchten. Aber dessen Tür liess sich nicht abschliessen, und ausserdem war gerade niemand in der Nähe, der ihm hätte helfen können… Jonne war wohl noch immer mit der Neuen beschäftigt, Tiina, die andere Betreuerin, beaufsichtigte wohl die Abwaschenden, und die anderen Heimbewohner hatten selber etwas gegen ihn oder zu viel Angst davor, ihm zu helfen… Denn mit Kai und seiner Bande legte man sich besser nicht an…

 

Ville wurde zu Boden geworfen, und sogleich prasselten Schläge und Tritte auf ihn ein. Er biss sich auf die Lippen, um nicht zu schreien. Er wusste nicht wie lange das Ganze dauerte, verfiel irgendwann in eine Art Trance und blendete dadurch sämtliche Schmerzen und alles andere um sich herum aus. Erst nach einiger Zeit realisierte er, dass er alleine im Flur war; die Bande hatte sich schon längst aus dem Staub gemacht. Auch die Tränen, die ihm über das Gesicht rannen, registrierte er erst jetzt. Vor Schmerz aufkeuchend stand er auf, hielt sich seine schmerzenden Rippen und ging in sein Zimmer. Er liess sich auf sein Bett fallen und vergrub sein Gesicht im Kopfkissen. Dabei kniff er seine Augen zusammen, versuchte, den Schmerz zu ignorieren. Ob Jonne wohl noch einmal nach ihm sehen würde? Und bei diesem Gedanken fühlte er auch eine Art Genugtuung – vielleicht würde sein Bruder ja jetzt sehen, dass Ville ihn brauchte und er somit keine Zeit hatte, um sich noch um weitere Leute zu kümmern…

 

***

 „So, geschafft!“, verkündete Jonne lächelnd, während er das letzte von Kaisas Shirt in den Schrank legte. Diese sass unterdessen auf ihrem Bett und schaute dem Betreuer dabei zu. Besonders viel hatte es nicht gegeben zum auspacken. Als man sie weggebracht hatte, hatte man einfach die nächstbesten Klamotten eingepackt, die man zu fassen bekommen hatte. Auch Jonne hatte aufgrund der seltsamen Kleiderzusammenstellung nur seine Stirn gerunzelt und „Wir müssen wohl mal zusammen shoppen gehn!“ gemurmelt. Über diese Aussage hatte Kaisa leicht grinsen müssen, jedoch erinnerte es sie auch wieder an den Grund, wieso sie hier war. Immerhin wurde sie beschuldigt, ihre halbe Familie ausgelöscht zu haben – wer würde mit jemandem wie ihr schon shoppen gehen wollen? Und überhaupt wäre das wohl sowieso unmöglich, bei ihrer Anklage…

 

Jonne schloss die Schranktür und liess sich dann neben Kaisa aufs Bett sinken, welche leicht in Gedanken versunken wirkte. Für einen Moment sassen sie schweigend da, bis zu seiner Überraschung das Mädchen das Wort ergriff.

„Der kleine Blonde von eben… Der dem ich gegenüber sass… Ist er dein Bruder? Ihr seht euch so ähnlich…“, kam es zögerlich über ihre Lippen. Jonne begann zu lächeln.

„Ja, Ville ist mein Bruder, das hast du richtig erkannt.“, erklärte er, „Und er ist so gesehen auch der Hauptgrund, wieso ich hier arbeite. Obwohl er eben nicht besonders begeistert davon war, dass ich nun nicht mehr seine alleinige Bezugsperson bin.“ Er grinste.

„Und er… er kann nichts hören, oder?“, fragte Kaisa weiter, woraufhin Jonnes Gesicht ernst wurde und er seufzend nickte.

 

„Ville hatte vor drei Jahren einen schweren Autounfall. Ich bin der Sänger einer Band, und er und meine Eltern waren auf dem Weg zu einem unserer Auftritte. Auf der Autobahn… wurde ihr Auto von einem Laster gerammt und gegen die Leitplanke gequetscht. Mein Dad, der am Steuer sass, war sofort tot, und meine Mum hatte schwere Verletzungen, sie starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus… Und Ville… Nun, er ist seitdem nicht mehr der Selbe… Nicht nur dass er taub ist. Sein ganzes Wesen hat einen Knacks abbekommen… Und auch wenn er nie etwas derartiges gesagt hat, glaube ich, dass er sich die Schuld am Unfall gibt, weil er damals unbedingt zu unserem Konzert wollte… Weisst du, organisch ist mit seinen Ohren eigentlich alles in Ordnung, es ist eher eine Art psychische Blockade, die ihn nichts hören lässt. Wir haben ihn nun schon so oft untersuchen lassen, doch es wurde nie etwas körperliches gefunden…“

 

„Oh…“, kam es leise über Kaisas Lippen, und sie starrte auf ihre Knie. Jonne sass noch immer schweigend neben ihr, ebenfalls auf seine Knie starrend.

„Tut mir Leid, dass ich…“, begann Kaisa, doch Jonne winkte ab, lächelte nun wieder leicht.

„Kein Problem, du konntest es ja nicht wissen…“, meinte er und legte dann seinen Arm um ihre Schulter.

„Ich kann mir vorstellen, dass du jetzt ziemlich kaputt bist, nach der langen Fahrt und allem.“, meinte er, und Kaisa nickte leicht.

„Okay, dann schaue ich jetzt eben nach Ville. Ich komme dann später nochmal zu dir, OK? Falls irgendwas ist, kannst du ruhig runter kommen. Tiina ist unten im Büro, und ich werde nachdem ich bei meinem Bruder war auch noch dort sein. Ich schlaf dann übrigens im Zimmer am Ende des Flurs, falls in der Nacht was sein sollte. Brauchst du gerade noch irgendwas?“ Kaisa schüttelte nur leicht den Kopf, und der Blonde schenkte ihr ein letztes Lächeln.

„Okay, dann bis später!“, meinte er und verliess dann das Zimmer.

 

Kaisa blieb noch einen Moment sitzen, bevor sie sich entschied, erstmal ihre Schlafklamotten anzuziehen. Daraufhin kuschelte sie sich in ihr Bett und starrte an die Zimmerdecke. Möglicherweise würde es hier ja doch nicht so schlimm werden wie sie gedacht hatte. Zumindest hatte sie zu Jonne sogleich ein wenig Vertrauen gefasst, und vielleicht würde sein kleiner Bruder ja auch noch ein wenig auftauen… Sie drehte sich auf die Seite und zog die Bettdecke etwas fester um sich. Ob sie dem Kleinen wohl irgendwie helfen können würde? Sie würde es zumindest versuchen! Und nachdem sie diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, fielen ihr, ohne dass sie es wollte, die Augen zu.

 

Jonne stieg die Treppe hinauf in den zweiten Stock, in welchem sich das Zimmer seines Bruders befand. Er war ziemlich überrascht von Kaisa, denn so hatte er sich eine potentielle Mörderin ganz bestimmt nicht vorgestellt. Klar war die Kleine momentan noch mit Medikamenten vollgepumpt, doch selbst in diesem Fall hätte sich doch bestimmt irgendwas davon bemerkbar gemacht… Nun ja, er musste Kaisa erstmal besser kennen lernen, dann würde er sich wohl ein besseres Bild über sie machen können…

Ohne anzuklopfen, da Ville dies ja sowieso nicht hören würde, betrat er dessen Zimmer. Etwas irritiert blieb er stehen, als er seinen Bruder zusammengerollt auf dem Bett liegen sah, das Gesicht in Richtung Wand gedreht. Schlief der Kleine etwa schon? Doch gleich darauf vernahm er ein leises Wimmern, was ihn dazu brachte, zu Ville hin zu gehen und sich auf den Bettrand zu setzen. War er etwa noch immer sauer auf ihn wegen Kaisa?

 

Erschrocken fuhr der Jüngere herum, verzog dabei schmerzvoll das Gesicht und wirkte zugleich erleichtert, dass es nur Jonne war, der bei ihm war. Dessen Blick fiel sofort auf Villes linkes Auge, um welches sich ein leichter Bluterguss gebildet hatte.

„Oh shit…“, murmelte er und streckte seine Hand aus, um diesen zu berühren, woraufhin der Kleine jedoch sogleich seinen Kopf wegdrehte.

Bin gleich wieder da!, sagte Jonne lautlos und ging dann aus dem Zimmer, um kurz darauf mit einigen Coolpads wieder zurückzukommen. Eines davon gab er Ville, der es sofort auf sein Auge drückte.

Sonst noch wo?, wollte er wissen, woraufhin der Jüngere sein Shirt hochschob und ihm einen ausgeprägten blauen Fleck an seinen Rippen präsentierte. Jonne strich kurz darüber, woraufhin sein Bruder zusammenzuckte, und legte dann vorsichtig das andere Coolpad darauf. Dann strich er Ville leicht über den Bauch und legte sich dann neben ihn, zog ihn vorsichtig an sich. Er wusste genau, dass es jetzt nichts bringen würde, ihn zu fragen, was passiert war – Ville würde sowieso nicht sagen was passiert war…

 

Nachdem sie einige Zeit aneinander gekuschelt da gelegen waren, löste sich Jonne vorsichtig von seinem Bruder. Dieser sah ihn etwas enttäuscht an, als sich der Ältere wieder an den Bettrand setzte.

Ich muss noch kurz ins Büro… Hab danach Nachtdienst; wenn was ist, du weisst ja wo du mich findest.,erklärte ihm dieser. Ville nickte nur leicht. Jonne strich ihm einige Haarsträhnen aus dem Gesicht und beugte sich dann über ihn, um ihm einen Kuss auf die Stirn zu hauchen.

Nacht Kleiner! Er schenkte seinem Bruder ein letztes Lächeln und ging dann aus dem Zimmer. Es war nicht das erste Mal, dass sein Bruder plötzlich irgendwelche blaue Flecken hatte, und bisher hatte er auch nie erzählt, wem er diese zu verdanken hatte. Klar hatte Jonne so seine Verdachte, doch so lange der Kleine nichts sagte, konnte er den „Verdächtigen“ auch nichts vorwerfen, geschweige denn nachweisen…

In Gedanken versunken stieg er die Treppe hinunter, und als er bereits auf der ersten Stufe hinunter ins Erdgeschoss stand, fiel ihm ein, dass er Kaisa ja versprochen hatte, noch kurz bei ihr reinzuschauen wenn er von Ville zurückkommen würde. Also drehte er noch einmal um und trat in den Flur, in dem ihr Zimmer lag. Leicht klopfte er an die Tür und trat ein, als keine Antwort kam. In Kaisas Zimmer brannte nur noch das kleine Nachttischlämpchen. Jonne trat in den Raum hinein und begann zu lächeln, als er seinen neusten Schützling friedlich schlafend auf dem Bett vor fand. Sie hatte dabei die Decke umklammert, welche sie sich bis zum Hals gezogen hatte, und wirkte allgemein völlig entspannt. Möglichst leise durchquerte Jonne den Raum, um das noch immer geöffnete Fenster zu schliessen. Daraufhin trat er vor das Bett und ging kurz in die Knie.

„Nacht Kleines!“, murmelte er und strich Kaisa eine Haarsträhne aus dem Gesicht, bevor er schliesslich das Nachttischlämpchen ausschaltete und im Dunkeln wieder aus dem Zimmer ging. 

Als Kaisa am nächsten Morgen aufwachte, war sie im ersten Moment verwirrt und orientierungslos. Erst langsam kamen die Erinnerungen an den Vorabend zurück. Sie war nicht mehr in der Klinik, in der sie die letzten Wochen – oder sogar Monate? – verbracht hatte. Sie hatte die meiste Zeit nicht wirklich etwas mitbekommen, war mit starken Beruhigungsmitteln vollgepumpt gewesen und dadurch immer leicht benebelt. Auch gestern hatte man sie wieder ruhiggestellt, doch langsam schien die Wirkung nachzulassen und sie fühlte sich schon fast wieder wie früher – was leider auch die gewohnten Depressionen mit sich brachte und die Erinnerungen daran, was sie getan hatte.

Wie automatisch stand sie auf und ging zum Fenster. Zwar wusste sie, dass dieses sich nicht voll öffnen liess, aber vielleicht liess sich diese Sperre ja irgendwie lösen. Doch es war fest verschraubt, keine Chance. Hektisch sah sie sich im Zimmer um, jedoch erfolglos. Bis ihr Blick schliesslich auf die Badezimmertür fiel. Sie stürmte in den kleinen Raum und schaltete das Licht ein, doch es schien ebenfalls aussichtslos. Die Zahnbecher waren aus Plastik, und der Spiegel über dem Waschbecken lediglich eine Spiegelfolie, die direkt an die Wand geklebt war. Sogar die Duschbrause war ohne Schlauch direkt an der Wand festgeschraubt.

Aus Wut und Verzweiflung liefen ihr mittlerweile Tränen über die Wangen, sie lehnte sich sich gegen die geflieste Wand und liess sich daran hinunter auf den Boden sinken. Ihre an den Körper gezogenen Beine umklammert begann sie vor und zurück zu wippen, wobei ihr Kopf immer wieder leicht gegen die Wand knallte. Das Wippen und der dumpfe Schmerz liessen sie in eine Art Trance fallen, sodass sie das Klopfen an der Zimmertür nicht hörte. Auch dass die Tür vorsichtig geöffnet wurde und gleich darauf Jonne im Raum stand, bekam sie nicht mit. Erst als dieser vor ihr in die Knie ging und sie an den Schultern nahm und leicht schüttelte, erwachte sie aus ihrer Starre, zuckte heftig zusammen und begann am ganzen Körper zu zittern.

„Komm, steh auf, Kleines!“, hörte sie Jonnes ruhige Stimme, während er ihr half, sie auf die Beine zu ziehen. Gleich darauf fand sie sich in seinen Armen wieder, er strich über ihren Rücken und murmelte irgendwelche beruhigenden Worte in ihr Ohr. Langsam beruhigte sie sich tatsächlich, löste sich aus Jonnes Umarmung und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Ich… tut mir Leid.“, murmelte sie und starrte auf den Boden. Jonne lächelte.

„Kein Problem. Aber wenn das nächste Mal was ist, kommst du zu mir, OK?“ Kaisa nickte.

„OK. Dann schlag ich dir vor, du ziehst dich erstmal an und kommst dann in ner halben Stunde runter frühstücken, OK? Und danach zeig ich dir mal das Heim und die Umgebung.“

„Okay.“ Noch immer überrascht über dessen Reaktion sah Kaisa Jonne an. Dieser nickte nur.

„Dann bis gleich… Ich bin dann mal mein Brüderchen aus dem Bett schmeissen… Könnte ein ziemlicher Kampf werden.“ Er verdrehte die Augen, zwinkerte Kaisa noch einmal zu und verliess dann das Zimmer. Kaisa blieb noch einen Moment leicht verwirrt im Bad stehen, bevor sie ins Zimmer zurück ging. Nach kurzem Zögern ging sie schliesslich zu ihrem Kleiderschrank und suchte sich einige halbwegs zusammenpassende Klamotten heraus. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, hierher gekommen zu sein. Jonne schien wirklich OK zu sein, und sie war wirklich gespannt darauf, was er ihr später noch alles zeigen würde.

Wie jeden Morgen versuchte es Jonne erstmal auf die sanfte Tour, auch wenn er wusste dass er damit wenig Erfolg haben würde. Ville schien noch tief und fest zu schlafen – oder tat zumindest so –, als er das Zimmer betrat. Als erstes ging er direkt quer durchs Zimmer und öffnete die Vorhänge. Danach setzte er sich zu Ville auf den Bettrand, der sich noch immer nicht rührte. Vorsichtig strich er ihm über den Rücken und schüttelte ihn leicht, was seinem kleinen Bruder jedoch nur ein unwililges Grummeln entlockte. Jonne verstärkte das rütteln und zog an Villes Bettdecke. Dieser klammerte sich daraufhin an dem Stück Stoff fest und wollte es sich über den Kopf ziehen. Doch Jonne war schneller und klaute ihm die Decke kurzerhand ganz.

Ville schenkte seinem Bruder einen bitterbösen Blick und begrub sein Gesicht noch einmal kurz im Kopfkissen, bevor er sich hinsetzte, erstmal gähnte und Jonne dann müde ansah.

Na, gut geschlafen? Tut dir noch was weh?, wollte dieser wissen. Ville zuckte mit den Schultern und kletterte dann aus dem Bett. Er wankte noch reichlich verschlafen ins Bad, aus welchem kurz darauf die Klospülung zu hören war, und kam dann wieder ins Zimmer zurück. Jonne sass noch immer auf dem Bett.

Ich bin dann mal wieder unten. Wir sehen uns beim Frühstück, meinte er und stand auf. Ville nickte und ging zu seinem Schrank, um gleich darauf mit einem Stapel frischer Klamotten im Bad zu verschwinden.

Auch Kaisa war mittlerweile fertig. Sie blieb noch einige Minuten auf ihrem Bett sitzen, bevor sie schliesslich aufstand und aus dem Zimmer ging. Im Haus war es noch ruhig, niemand zu sehen. Obwohl es noch ungefähr eine Viertelstunde dauerte, bis es Frühstück geben würde, stieg sie schon mal die Treppe hinunger und ging in den Speisesaal. Dort war Jonne gerade dabei den Tisch zu decken. Er schenkte ihr ein Lächeln, als sie den Raum betrat.

„Willst du mir helfen?“, fragte er, woraufhin Kaisa nickte, zugleich mit den Schultern zuckte und auf ihn zu ging. Jonne drückte ihr einige Messer in die Hand.

„Kannst du die verteilen?“

„OK.“ Sie machte sich an die Arbeit.

„Danke.“ Wieder lächelte Jonne sie an, „Setz dich ruhig noch aufs Sofa bis die anderen kommen.“ Kaisa folgte der Aufforderung und sah sich im Raum um. Kurz darauf betrat Jonnes kleiner Bruder den Raum, schien sie jedoch erst nicht zu bemerken. Neugierig sah sie ihm hinterher, wie er erstmal zum Tisch ging. Die beiden Brüder unterhielten sich kurz in ihrer Zeichensprache. Dann deutete Jonne in ihre Richtung und machte eine auffordernde Handbewegung. Ville sah kurz in ihre Richtung und kam dann ebenfalls auf das Sofa zu, jedoch ohne sie weiter zu beachten. Er liess sich mit grossem Abstand neben sie fallen. Immer wieder schielte Kaisa heimlich zu ihm rüber. Sie entdeckte eine Narbe neben seinem Ohr. Vermutlich vom Unfall, von welchem Jonne ihr erzählt hatte.

Vom Flur her waren nun Stimmen zu hören, und gleich darauf betraten einige Jungs den Essraum. Sie waren ziemlich laut, lachten und redeten und gingen direkt zum grossen Tisch zu. Kurz nach ihnen betraten in kleinen Grüppchen immer mehr Jugendliche den Raum. Jonne, der mittlerweile die restlichen Frühstückssachen auf den Tisch gestellt hatte, winkte Kaisa und Ville schliesslich heran. Etwas unschlüssig stand sie erst beim Tisch, setzte sich dann aber neben Jonne. Ville hatte auf der anderen Seite neben seinem Bruder Platz genommen. Schliesslich begrüsste Jonne die Jugendlichen und erklärte dann das Frühstück als eröffnet.

Kaisa starrte auf ihren leeren Teller, als Jonne ihr plötzlich die Hand auf die Schulter legte.

„Wir haben hier die Regel, dass alle zu jeder Hauptmahlzeit etwas essen. Du kannst dir ja ein Stückchen Brot nehmen oder so.“, meinte er. Kaisa nickte nur und suchte sich das kleinste Stückchen aus, welches sich noch im Korb befand. In der Klinik hatte man sie teilweise künstlich ernährt, weil sie sich geweigert hatte etwas zu essen. Doch hier war es irgendwie anders, sie wollte Jonne nicht enttäuschen. Immerhin war er der erste seit langem, der sie wie einen normalen Menschen behandelte…

Nach dem Frühstück erklärte Jonne noch, was an diesem Tag alles so anstehen würde, und dann machten sich die Jugendlichen auf den Weg zurück in ihre Zimmer, um sich für das bevorstehende Programm vorzubereiten. Nur Kaisa und Ville waren wieder sitzen geblieben. Jonne wandte sich zuerst an seinen Bruder und erklärte ihm etwas, woraufhin dieser das Gesicht verzog und schliesslich ebenfalls den Raum verliess.

„Und nun zu dir.“ Er schenkte Kaisa ein freundliches Lächeln.

„Ich schlage vor, wir treffen uns in einer halben Stunde wieder hier unten und ich zeig dir mal das Gebäude und alles hier.“ Kaisa nickte nur, stand dann auf und ging die Treppe hoch, um in ihr Zimmer zurück zu gehen.

Als sie jedoch im ersten Stock angekommen war, hörte sie jedoch vom Stock über ihr Gelächter und Gejohle. Irgendwas daran kam ihr seltsam vor, sie konnte sich zwar nicht genau erklären was, beschloss jedoch, nachzuschauen. Leicht zögernd stieg sie die Treppe hoch. Im Flur stand eine Gruppe Jungs – vermutlich so ziemlich alle, die zuvor auch beim Frühstück gewesen waren. Sie standen im Kreis um Ville herum, welcher ziemlich panisch wirkte und zwischen ihnen umher geschubst wurde. Die anderen waren zu zahlreich als das er sich hätte wehren können.

Wie automatisch begann Kaisas Körper zu reagieren. Die Fäuste ballend stapfte sie auf die Gruppe zu und blieb hinter einem etwas dickeren Jungen stehen, der die anderen immer wieder anfeuerte.

Als Kaisa ihm die Hand auf die Schulter legte, verstummte er überrascht und fuhr herum. Auch die anderen waren überrascht verstummt und schauten sie an.

„Lasst ihn in Ruhe!“, meinte sie nur vor Wut kochend und etwas lauter als geplant. Die Jungs brachen in Gelächter aus, und derjehnige, der sich zu ihr gedreht hatte, zog nur eine Augenbraue hoch und trat einen Schritt auf sie zu. Dadurch brannte irgendeine Sicherung in Kaisa durch. Der Junge verzog schmerzvoll das Gesicht, nachdem sie ihm ihr Knie zwischen die Beine gerammt hatte, und ging vor ihr zu Boden. Die Überraschung stand den anderen ins Gesicht geschrieben. Während einige zurücktraten, drängten sich nun drei von ihnen in den Vordergrund und bauten sich vor Kaisa auf.

„Du mischst dich hier gerade in Dinge ein, die dich nen Scheissdreck angehen!“, meinte schliesslich der Grösste von ihnen; der Anführer, wie Kaisa vermutete. Er trat so nahe an sie heran, dass sie seinen Atem in ihrem Gesicht spürte. Auch die beiden anderen traten nun näher an sie heran. Auch der andere Junge, der zuvor zu Boden gegangen war, hatte sich wieder aufgerappelt und betrachtete sich die Szene.

„Wieso sucht ihr euch nicht Opfer, die genauso stark sind wie ihr? Solche, die sich wehren können.“, sprudelte es aus Kaisa heraus. Die Jungs lachten.

„Zum Beispiel… dich?“, kam es Grinsend vom Grössten der drei Jungs. Erneut lachten die anderen, und Kaisa konnte sich nicht mehr zurückhalten. Sie holte aus und schlug ihm mit einer Kraft, die ihr keiner zugetraut hätte, ihre Faust mitten ins Gesicht. Der Grosse torkelte ein Stück zurück, hielt sich die Hand vor die Nase, aus welcher Blut lief.

Seine beiden Komplizen schauten sich nur kurz an und traten dann synchron auf Kaisa zu. Wieder reagierte diese sofort und wie automatisch. Während der rechte ebenfalls ihr Knie an seiner empfindlichsten Stelle zu spüren bekam, bekam der andere eine kräftige Ohrfeige verpasst, bevor sie ihn regelrecht ansprang, damit er gegen die Wand flog. Erneut stürzte sie sich auf ihn und umklammerte seinen Hals, woraufhin er zu röcheln begann. Sie bemerkte nicht, dass Jonne die Treppe hochgekommen war und nun ziemlich schockiert neben ihnen Stand.

„Was zum Teufel geht denn hier ab?“, schrie er und packte Kaisa an den Schultern. Erst nach einigen Sekunden lockerte sie ihren Griff und liess sich von ihm zurückziehen. Der Junge griff sich an den Hals, auf welchem deutlich Kaisas Handabdrücke zu erkennen waren, und schnappte nach Luft. Vor Kaisas Augen begann alles zu verschwimmen, sie füllten sich mit Tränen.

„Ihr verzieht euch erstmal in eure Zimmer. Und wehe, einer von euch erscheint nicht pünktlich zur Arbeit! Kaisa, du kommst mit mir.“ Er packte sie an den Schultern. Mittlerweile zitterte sie am ganzen Körper. Vorsichtig schob er sie die Treppe hinunter und ging mit ihr in ihr Zimmer.

„Sie sind auf Ville losgegangen, alle zusammen.“, sprudelte es aus Kaisa hinaus, nachdem Jonne sie auf den Bettrand und sich selber daneben gesetzt hatte.

„Das habe ich vermutet.“, meinte Jonne, mittlerweile wieder etwas ruhiger, und legte ihr den Arm um die Schulter, „Trotzdem: Das nächste Mal mischst du dich da nicht ein, sondern sagst mir Bescheid. Bedenke bitte: Du hast ne Anklage wegen Mord am Hals. Ich weis zwar nicht was damals wirklich passiert ist, aber dennoch. Sollte dann rauskommen, dass du hier auf Mitbewohner losgegangen bist – und wenn du noch so nen guten Grund dafür hattest – wird sich das wohl nicht gerade positiv auf das Gerichtsurteil auswirken.“ Kaisa reagierte nicht darauf.

„Ach Kleines…“, seufzte Jonne und zog sie in seine Arme.

Im selben Moment klopfte es an die Zimmertür, und gleich darauf stand Ville im Zimmer. Er sah zu Jonne und begann, mit seinen Händen rumzufuchteln. Jonne nickte und antwortete ihm auf dieselbe Weise, deutete ihm dann jedoch, das Zimmer wieder zu verlassen. Ville folgte der Aufforderung, drehte sich jedoch kurz vor der Tür nochmals um und suchte Blickkontakt zu Kaisa.

Danke!, formten seine Lippen stumm, bevor er aus dem Zimmer ging.

„Geht’s wieder?“, woltle Jonne nach einiger Zeit wissen. Als Villes grosser Bruder war er stolz darauf, dass Kaisa so selbstlos eingegriffen hatte, um seinem Bruder zu helfen. Doch als Sozialpädagoge hatte er das natürlich nicht zugeben dürfen, auch wenn es sich um seine beiden Schützlinge handelte.

Kaisa nickte nur und strich sich durchs Gesicht

„OK, dann lass uns mal nen Rundgang machen.“, meinte er dann und lächelte sie aufmunternd an. Kaisa nickte und stand auf. Jonne folgte ihrem Beispiel, und die beiden gingen aus dem Zimmer.

„Fangen wir oben an.“, meinte Jonne und deutete auf die Treppe, die in den zweiten Stock hinauf führte. Er ging voran, und Kaisa stieg hinter ihm die Treppe hoch.

„Das hier oben die Jungs wohnen, hast du ja vermutlich schon festgestellt.“, begann Jonne zu erklären, als sie oben angekommen waren. Dann steuerte er eine Glastür an. Er öffnete diese und liess Kaisa eintreten. Sie betraten einen grossen, hohen Raum mit hellem Parkettboden, durch dessen riesige Fenster die Sonne hineinschien. Vor den Fenstern war eine Art kleine Galerie, die zum hinsetzen einlud. An einer Wand stand ein grosser Tisch mit Stühlen.

„Das hier ist unser Ruheraum. Hier werden die hingeschickt, die gerade Ärger gemacht haben und ne Auszeit brauchen. Aber du kannst natürlich auch selber herkommen, wenn du zum Beispiel was lesen willst oder sonst irgendwie deine Ruhe haben willst.“, erklärte Jonne. Er liess Kaisa einen Moment lang Zeit, um sich umzuschauen, bevor er wieder die Tür ansteuerte. Sie stiegen die Treppe wieder runter in den ersten Stock.

Dort angekommen deutete Jonne auf einige Türen.

„Betreuerzimmer, Sanitätszimmer und…“, er steuerte erneut eine Glastür an, „Aufenthaltsraum.“ Dieser Raum war nicht ganz so hell wie der Ruheraum, aber mit zahlreichen gemütlichen Sofas, Sesseln und Sitzkissen ausgestattet. Zudem befanden sich auf einem Regal, in dem zahlreiche Bücher standen, noch ein kleiner Fernseher und eine Stereoanlage. Auch hier durfte sich Kaisa eine Weile umschauen, bevor Jonne sie hinunter ins Erdgeschoss führte.

„Den Esssaal und die Küche kennst du ja schon.“, meinte er, „Ausserdem ist hier vorne das Sekretariat, und hier hinten geht es zu den Ateliers.“ Er ging den Flur entlang, und Kaisa folgte ihm mit etwas Abstand. Auf jeder Seite befanden sich zwei offene Türe, aus welchen jeweils Gelächter und Stimmen zu hören waren.

„Vermutlich hat man dir ja erzählt, dass wir hier auch dinige Dinge herstellen und verkaufen.“ Kaisa zuckte mit den Schultern, sie konnte sich nicht daran erinnern.

„Jedenfalls, hier ist die Holzwerkstatt. Hier werden alle möglichen Dinge geschnitzt, zusammengehämmert und eigentlich alles gemacht, was man mit Holz machen kann. Hier gegenüber ist die Töpferei. Du hast verschiedene Materialien zur Verfügung, mit welchen du alles, was dir in den Sinn kommt, formen kannst. Ausserdem…“, Jonne ging zur nächsten Tür, „…haben wir hier noch das Malatelier – Erklärung erübrigt sich vermutlich – und die Kerzenwerkstatt. Hier wirst du dann ab morgen auch anfangen. Du wirst alle zwei Wochen einem neuen Atelier zugeteilt.“ Er betrat das Atelier, und Kaisa folgte ihm zögernd.

An den Tischen waren einige Jugendliche darin vertieft, irgendwelche bunten Wachsstäbchen in Glasröhrchen zu stopfen. Darunter auch Ville, wie Kaisa sofort bemerkte. Dieser schien jedoch mit den Gedanken ganz weit weg zu sein und nicht zu bemerken, was um ihn herum abging. Kaisa beobachtete ihn einen Moment lang, bevor schliesslich die Leiterin der Werkstatt zu ihr und Jonne herüber gewirbelt kam und sogleich fröhlich anfing, auf die beiden einzureden. Vom Redeschwall völlig überrumpelt, bekam Kaisa gar nicht wirklich mit, was die Dame sagte. Jonne zwinkerte ihr nur leicht grinsend zu, während er gelegentlich nickte, als würde er verstehen, was die Dame sagte. Schliesslich wechselte er einige Worte mit ihr, bevor er Kaisa die Hand auf die Schulter legte und sie sanft wieder aus der Werkstatt schob.

„OK, dann gehen wir mal raus, OK?“, meinte er dann zu ihr, während sie in Richtung Eingangstür gingen. Kaisa nickte nur. Sie gingen durch die automatische Glastür und stiegen die Treppenstufen hinunter. Jonne führte sie nach rechts über den asphaltierten Parkplatz, der nach einigen Metern in einen Schotterweg überging. Sie gingen um die Hausecke, hinter dieser sich ein Garten versteckte, in dem zahlreiche bunte Blumen blühten und scheinbar auch einiges an Gemüse angebaut war.

„Unser kleiner Garten.“, erklärte Jonne, „Hier werdet ihr auch teilweise eingesetzt um zu arbeiten, allerdings ist die zuständige Betreuerin gerade im Urlaub, weshalb ihr die nächsten zwei Wochen davon verschont bleiben werdet.“ Sie gingen weiter und um die nächste Ecke, hinter der sich ein teilweise gedeckter Sitzplatz mit Grillstelle befand, auf den man auch vom Essraum aus sah. Hinter diesem war eine riesige Wiese, welche vom Wald eingefasst war. Einige Meter hinter dem Sitzplatz befand sich zudem ein grosses Gehege, in welchem um die zehn Kaninchen rumhoppelten.

Jonne hatte bemerkt, wie Kaisas Augen beim Anblick dieser zu strahlen angefangen hatten, und ging deshalb direkt auf das Gehege zu, öffnete das Törchen und betrat mit ihr den Auslauf. Die Hasen kamen sogleich angehoppelt und beschnupperten Kaisas Hand, welche in die Knie gegangen war. Gleich darauf hatte sie auch schon eines der kleinen Kaninchen auf ihren Schoss gehoben und streichelte es, während das Tierchen vertrauensvoll sitzen blieb. Jonne beobachtete die Szene lächelnd und wartete, bis Kaisa das Tierchen von sich aus wieder auf den Boden setzte und aufstand.

„OK, gehen wir weiter?“, fragte er dann. Kaisa nickte nur, und sie verliessen das Gehege. Sie gingen um eine weitere Hausecke, hinter der sich noch ein kleiner Sportplatz mit Volleyballnetz befand, und waren danach wieder vorne beim Eingang angekommen.

„So, nun weißt du wies hier so aussieht.“, meinte Jonne lächelnd, „Ich schlage vor, wir gehen wieder rein. Ich muss dir noch einige Fragen stellen und n paar Formulare mit dir ausfüllen, und danach wird es wohl schon Zeit für die Pause sein…“ 

Tatsächlich waren sie genau vor der 10.00-Uhr-Pause fertig. Jonne hatte zusammen mit Kaisa einige Formulare ausgefüllt, sofern sie die benötigten Angaben wusste. Auch wurde sie gewogen und gemessen, und Jonne hatte besorg die Stirn gerunzelt, als die Waage lediglich 43 kg bei einer Grösse von 1.65 m angezeigt hatte – mit Kleidung. Diese hatten Kaisas geringes Gewicht bisher sehr gut verdecken können. Auch Kaisa selber schien etwas schockiert, wie leicht sie geworden war, und sah verlegen zu Boden, als Jonne die Zahl auf einem der Formulare vermerkte. Dieser sagte jedoch nichts dazu, sondern lächelte nur und meinte, dass es nun Zeit für die Pause wäre.

Sie waren unter den ersten, die im Speisesaal ankamen. Auf dem Tisch hatte man Schalen mit Obst sowie Teekrüge aufgestellt. Die Jugendlichen, die bereits am Tisch sassen, beachteten Jonne und Kaisa nicht, als diese den Raum betraten und sich an den Tisch setzten. Sie sass ihm gegenüber, und als sich der Betreuuer einen Apfel nahm, griff sie zögernd nach einer Orange und begann, diese in Gedanken versunken zu schlälen. Als der Stuhl neben ihr zurückgezogen wurde, zuckte sie erschrocken zusammen und sah direkt in Villes Gesicht, welcher sie leicht anlächelte und sich dann hinsetzte. Sie lächelte zurück und entfernte dann die letzten Stückchen der Schale. Neugierig beobachtete sie, wie sich Jonne und Ville wieder in ihrer Zeichensprache unterhielten und schob sich das erste Stück Orange in den Mund.

Ville schien aussergewöhnlich gute Laune zu haben, während er Jonne von der Arbeit in der Kerzenwerkstatt erzählte. Er war noch längst nicht fertig, als die Pause bereits wieder zu Ende war und er widerwillig in die Kerzenwerkstatt zurückkehrte. Grinsend sah Jonne ihm hinterher.

„Wow, so viel hat der schon lange nicht mehr gelabert!“, meinte er nur zu Kaisa, „Hat wohl gute Laune… Und ich denke, daran bist du nicht ganz unschuldig!“ Diese schaute überrascht zurück.

„Ich? Aber…“, sie verstummte, sah Jonne fragend an.

„Naja, bisher hat ihm noch nie irgendwer geholfen wenn diese Typen oder sonst wer ihm was getan haben… Damit hast du bei ihm wohl ziemlich gepunktet.“

„Aber… das ist doch selbstverständlich.“, meinte Kaisa leise, während sie leicht rot anlief.

„Leider nicht für alle…“, meinte Jonne, während sein Blick abschweifte, „Ville ist hier bisher wirklich der absolute Aussenseiter, einfach weil sich keiner die Zeit nimmt sich mit ihm zu beschäftigen. Er ist der Buhmann, das leichteste Opfer und überhaupt… Eigentlich mag ihn keiner hier. Keine Ahnung was wäre wenn nicht wenigstens ich hier wäre und mich ab und zu um ihn kümmern würde…“ Kaisa nickte nur. Und beschloss, dass sie das nun ändern würde. Sie hatte sich schon immer um die gekümmert, die sonst keiner mochte, und irgendwie war zwischen ihr und Ville sowieso schon etwas ganz besonderes. Sie konnte sich nur noch nicht genau erklären was und woher es kam. Und vor allem half es ihr, das Geschehene für einige Zeit zu vergessen.

Sie half Jonne noch, den Tisch wieder abzuräumen, und machte sich dann auf den Weg in ihr Zimmer. Jonne hatte ihr zwar noch angeboten, dass sie noch irgendwas zusammen machen können, doch sie war sich sicher, dass er noch wichtigeres zu tun hatte. Also war er im Sekretariat verschwunden, während sie die Treppe in den ersten Stock hinaufstieg. Kurz vor ihrer Zimmertür blieb sie jedoch stehen. Ihr war etwas eingefallen, und so drehte sie sich kurzentschlossen wieder um und stieg die Treppe in den zweiten Stock hoch. Dort betrat sie den Ruheraum und ging zu einer Wand, an der ein mit einem Tuch abgedecktes Möbelstück stand. Vorsichtig hob sie das Tuch an und begann zu lächeln. Sie hatte sich also nicht getäuscht – es war tatsächlich ein Klavier.

Kurzentschlossen zog sie das Tuch mit einem Ruck ganz weg und liess sich auf den runden Hocker, der zuvor ebenfalls verborgen gewesen war, sinken. Fasziniert liess sie ihre Hände über die elfenbeinfarbenen Tasten streichen, bevor sich ihre Finger selbstständig machten und zu spielen anfingen. Dabei legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Wie lange hatte sie schon nicht mehr Klavier gespielt? Viel zu lange… Ihre Finger spielten wie von selber sämtliche Melodien, die sie jemals gelernt hatte. Sie versank in einer Art Trance, während sie spielte und spielte. Bis sie irgendwann nicht mehr konnte, den letzten Ton ausklingen liess und erstmal durchatmete. Und gleich darauf beinahe vom Hocker fiel. Sie hatte nicht bemerkt, wie Jonne den Raum betreten hatte.

„Wow, ich wusste gar nicht, dass du Klavier spielen kannst!“, meinte dieser erstaunt, während Kaisa leicht verlegen auf ihre Knie schaute, „Echt toll, wirklich!“

„Danke!“, murmelte Kaisa nur, noch immer ohne ihn anzuschauen.

„Naja, ich bin dann jedenfalls wieder unten im Büro, falls du mich brauchst… Bleib ruhig noch hier und spiel weiter wenn du magst! Du hast es wirklich drauf!“

„Naja…“, murmelte Kaisa nur. Taiva konnte es noch tausendmal besser… Vor ihrem inneren Auge tauchten die Bilder auf, wie sie und ihre grosse Schwester zu Hause vor dem Klavier sassen und Taiva ihr alles erklärte. Sie hatte Talent gehabt, unglaublich viel Talent, galt als vielversprechende Nachwuchspianistin.

Und plötzlich veränderte sich das Bild. Mit einem Mal lag Taiva wieder auf ihrem Bett, blutüberströmt, während Kaisa das Messer umklammert hielt, welches in ihrer Brust steckte. Es mit aller Kraft versuchte rauszuziehen. Erfolglos. Und mit einem Mal die Tür aufflog und…

„Kaisa, ist alles in Ordnung?“ Sie zuckte heftig zusammen. Erst jetzt bemerkte sie die Tränen, die ihr über die Wangen liefen. Jonne stand direkt neben ihr und hatte ihr eine Hand auf die Schulter gelegt. Sie schüttelte nur den Kopf, sprang auf und stürmte regelrecht aus dem Raum. Beinahe wäre sie die Treppe hinunter gefallen, weil sie eine Stufe übersah. Mit tränenverschleierten Augen erreichte sie ihre Zimmertür, riss sie auf und knallte sie um einiges heftiger als beabsichtigt wieder hinter sich zu. Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen, sie torkelte in die Mitte des Zimmers, versuchte verzweifelt nicht hinzufallen.

Schliesslich wurde ihre Hand gepackt, sie hatte nicht bemerkt dass Jonne ihr Zimmer betreten hatte.

„Hey, ganz ruhig!“, meinte er beschwichtigend, während er versuchte, sie ein wenig in Richtung Bett zu schubsen. Doch Kaisa verlor völlig die Kontrolle über ihren Körper, ihre Knie gaben nach. Jonne konnte sie gerade noch in seine Arme ziehen, bevor sie das Bewusstsein verlor.

„Mist.“, murmelte er, während er sie vorsichtig zum Bett bugsierte und sie dort hinlegte. Noch immer rasten ihr Herz und ihr Atem, und nachdem er einige Minuten gewartet hatte, bis sie sich wieder ein wenig beruhigte, ging er aus dem Zimmer und rannte die Treppe hinunter ins Sekretariat.

Das erste, was Kaisa wieder mitbekam, war eine Hand, welche leicht durch ihre Haare strich. Sie öffnete ihre Augen, was ihr unheimlich schwer fiel. Kurz schaute sie sich um. Sie lag in ihrem Zimmer auf dem Bett, die Sonne schien ins Zimmer und neben ihr sass Jonne auf einem Stuhl. Er sah sie besorgt an, lächelte dann leicht.

„Na, geht’s wieder?“, fragte er und griff nach einem Glas mit Tee, das auf dem Nachttisch stand, „Hier, trink das.“ Kaisa setzte sich im Bett auf, griff nach dem Glas und trank es in einem Zug leer.

„Ich… es tut mir Leid.“, murmelte sie dann und liess sich wieder ins Kissen zurück fallen.

„Ist doch kein Problem!“, meinte Jonne nur, „Bleib ruhig noch nen Moment liegen… In ner halben Stunde gibt’s dann Mittagessen, ich komm dann kurz vorher hoch und hol dich. Mit nem Zusammenbruch ist nicht zu spassen…“

Nachdenklich stieg Jonne wenige Minuten später die Treppe hinunter. Was war passiert, dass Kaisa derart heftig zusammengebrochen war? Hatte er vielleicht irgendwas falsches gesagt? Doch es schien, als hätte es nicht unbedingt an seinen Worten gelegen… In wenigen Tagen würde er das erste Bezugspersonengespräch mit ihr führen müssen, in welchem er sie dann wohl oder übel auch auf die Tat, die ihr vorgeworfen wurde, ansprechen musste. Er hoffte, dass sie dann nicht völlig abblocken würde. Er wusste, dass sie eine Menge aufzuarbeiten hatte, auch aus der Zeit, in der sie auf der Strasse gelebt hatte, und er wusste gar nicht so recht, wo er anfangen sollte. Erstmal musste sie sowieso Vertrauen zu ihm fassen, und das wollte er dann nicht gleich wieder zerstören…

Er ging zurück ins Sekretariat und nahm sich dort noch einmal Kaisas Akte, las sie sich durch und suchte nach irgendwelchen Hinweisen, die auf ihre spätere Tat hindeuten könnten. Kaisa war zusammen mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Taiva bei ihrer Mutter aufgewachsen, ihr Vater war noch vor ihrer Geburt gestorben. Als Kaisa 12 war, hatte ihre Mutter wieder geheiratet, doch auch danach war nichts aussergewöhnliches zu finden, auch in der Schule hatte sie immer nur gute Noten gehabt. Bis sie dann mit 15 plötzlich ein halbes Jahr abgehauen war und auf der Strasse lebte. Und danach angeblich ihren Stiefvater und ihre Schwester ermordet haben sollte… Noch immer war der genaue Tathergang ungeklärt, doch Kaisa hatte von Anfang an nicht bestritten, dass sie es gewesen war – allerdings auch nie etwas gesagt, dass sie es war… Sie hatte von Anfang an geschwiegen was die ganze Sache betraf…

Überhaupt hatte sie von dem Tag an geschwiegen. Nichts mehr gegessen und schliesslich mehrfach versucht, sich das Leben zu nehmen. Immer war sie gerade noch rechtzeitig entdeckt worden. Man setzte sie schlussendlich unter starke Medikamente, begann, sie künstlich zu ernähren. Irgendwann stabilisierte sich ihr Zustand ein wenig, nachdem man aufgehört hatte, mehr über ihre Tat aus ihr herauszubekommen. Man hatte sie regelrecht ignoriert, die Mahlzeiten zu den einzigen festen Terminen gemacht und die Medikamentedosis nach und nach gesenkt. Und nun war sie hier, und Jonne war für sie verantwortlich. Und er hatte schreckliche Angst davor, in ihrem Fall zu versagen.

Er klappte den Ordner zu und warf einen Blick auf die Uhr. Es war noch genügend Zeit, um den Tisch zu decken, bevor er Kaisa zum essen holen musste. Als er aus dem Sekretariat kam, verliessen die anderen Jugendlichen gerade ihre Ateliers. Nur Ville war noch nirgendwo zu sehen, aber er wusste, dass dieser immer als letzter kam. Stiina, die Leiterin der Kerzenwerkstatt, kam gerade den Flur entlang.

„Und, wie liefs?“, wollte er von ihr wissen. Stiina lächelte nur.

„Wie immer. Aber irgendwie wirkte er ein wenig glücklicher als auch schon.“, meinte sie. Auch Jonne begann nun zu lächeln. Ob Kaisa wohl wusste, wie sehr sie Ville mit ihrem Einsatz geholfen hatte? Vielleicht würde sich ja nun eine Art Freundschaft zwischen den beiden entwickeln, sie konnten sich gegenseitig helfen und auch er selber würde leichter an Kaisa rankommen…

Während dieses Gedankengangs kam sein Kleiner Bruder gerade den Flur entlang. Tatsächlich wirkte Ville zufrieden, lächelte leicht vor sich hin. Als er Jonne sah, schaute er sich kurz suchend um.

Wo ist das Mädchen?, wollte er dann wissen.

Oben, antwortete Jonne, Ihr gings eben nicht so gut.

Ville runzelte kurz besorg die Stirn und drängte sich dann an seinem Bruder vorbei. Jonne sah ihm kurz hinterher, wie er die Treppe hochrannte. Wieder fing er an zu lächeln, bevor er in den Speisesaal ging und die letzten Vorbereitungen fürs Mittagessen traf.

Kaisa hörte, wie sich ihre Zimmertür öffnete und warf einen Blick auf den Wecker auf ihrem Nachttisch. Kurz vor zwölf. Vermutlich war es also Jonne, der sie zum Mittagessen abholen wollte. Sie setzte sich auf den Bettrand. Doch zu ihrer Überraschung war es nicht Jonne, sondern sein kleiner Bruder, der zögernd und besorgt dreinblickend ins Zimmer kam.

„Oh, hey!“, meinte sie nur und lächelte leicht, bevor ihr einfiel, dass Ville sie ja gar nicht verstehen konnte. Doch auch er begann leicht zu lächeln und fuchtelte mit seinen Händen.

„Oh, ich… ich kann leider keine Zeichensprache…“, meinte Kaya, bevor ihr eine Idee kam und sie nach ihrem noch unausgepackten Rucksack neben dem Bett griff. Kurz wühlte sie darin herum, bevor sie einen Block und einen Stift herauszog und Ville zu sich winkte.

Noch immer etwas zögernd setzte sich der Blonde auf den Bettrand, nahm die Sachen und begann zu schreiben. Kurz darauf gab er ihr den Block wieder zurück.

Geht’s dir wieder besser?, konnte Kaisa darauf in einer feinen, gut leserlichen Schrift lesen. Sie nickte nur leicht, und Ville nahm ihr den Block wieder aus der Hand.

Gefällt es dir hier? Hat dir Jonne die Hasen schon gezeigt?, schrieb er dann. Kaisa begann beim zweiten Satz zu lächeln, nahm dann den Stift und begann zu antworten.

Ja, hat er. Sind total süss., schribe sie und gab ihm den Block zurück. Ville nickte nur. Für einen Moment sassen die beiden nur auf dem Bett, als es plötzlich an der Tür klopfte. Gleich darauf stand Jonne im Zimmer und besah sich die Szene überrascht.

„Eigentlich dürfte Ville nicht zu dir ins Zimmer.“, meinte er dann gespielt streng, zwinkerte den beiden dann aber zu, „Ich habe allerdings nichts geshen… Aber das nächste Mal trefft ihr euch besser in einem der Aufenthaltsräume. Und jetzt los, es gibt Essen.“ Kaisa und Ville standen auf und folgten dem Betreuer daraufhin aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und in den Speisesaal. Wie selbstverständlich setzten sich die beiden nebeneinander, während Jonne ihnen gegenübersass. Nach einem kurzen Durchchecken, ob auch alle Jugendlichen anwesend waren, eröffnete dieser dann das Mittagessen.

„Ich habe heute Nachmittag frei, ich bin wohl noch so bis 14.00 Uhr hier.“, wandte er sich schliesslich an Kaisa, „Tarja…“, er deutete auf eine junge Frau, die weiter oben am Tisch sass und die Kaisa bisher noch nicht kannte, „…hat Dienst. Ihr werdet wohl in den Wald gehen, soweit ich weis. Ich bin dann ab morgen Mittag wieder hier.“

„Okay.“, meinte Kaisa nur und stocherte in ihrem Essen herum. Etwas misstrauisch beobachtete sie die Betreuerin, welche ziemlich streng wirkte und ihr überhaupt ziemlich unsympatisch war. Etwas widerwillig schob sie sich die letzten Gabeln Reis in den Mund und legte das Besteck dann auf dem Teller ab. Viele um sie herum waren bereits fertig mit essen, sie hatte für ihre Miniportion mal wieder ewig gebraucht, einige hatten sich noch eine weitere Ladung auf den Teller gepackt.

„Schon genug?“, wollte Jonne dann wissen, und zögernd nickte Kaisa.

„Naja, es gibt ja noch Nachtisch.“, meinte er daraufhin und leerte seinen eigenen Teller. Im selben Moment räusperte sich Tarja weiter oben am Tisch und ergriff das Wort.

„So, ihr räumt nun jetzt erstmal den Tisch ab, und danach gibt’s noch Nachtisch.“, meinte sie im Befehlston, wobei beim Wort Nachtisch ein freudiges Raunen durch die Menge ging, „Danach treffen wir uns um 14.00 Uhr wieder hier, wir gehen in den Wald. Ziet euch was an, bei dem es egal ist wenn es schmutzig wird. Und jetzt los.“ Sofort waren einige Jugendliche aufgesprungen und begannen, die Teller abzuräumen, während Kaisa etwas perplex sitzen blieb. Gleich darauf waren Teller, Besteck und Schüsseln verschwunden, und dann bekam sie ein Schälchen mit Schokocreme vor die Nase gesetzt.

Während die anderen um sie herum begeistert darüber herfielen, nahm sie sich nur zögernd zwei, drei Löffel der Creme und schob ihr Schälchen dann unauffällig zu Ville hinüber, der seines bereits geleert hatte und dann überrascht zu ihr sah. Lächelnd zog er es zu sich und schob das leere zu Kaisa. Jonne war gerade abgelenkt und hatte nichts von der Tauschaktion bemerkt. Als er wieder zu Kaisa sah, bemerkte er das leere Schälchen und nickte nur anerkennend. Kaisa verkniff sich ein Grinsen und trank ihr Glas leer.

Kurz darauf klatschte Tarja in die Hände.

„OK, räumt eure Schüsseln weg. Wir treffen uns um Punkt 14.00 Uhr draussen im Vorraum.“, meinte sie nur. Gleich darauf wurden Stühle herumgeschoben, alle redeten durcheinander und wieder blieben Kaisa, Ville und Jonne als letzte zurück. Jonne winkte schliesslich Tarja zu sich.

Kurz stellte er ihr Kaisa vor, woraufhin die Betreuerin nur nickte und sich direkt an sie wandte.

„Hast du Gummistiefel oder Wanderschuhe oder sowas?“, meinte sie sogleich ohne Begrüssung oder sonstwas. Etwas perplex schüttelte Kaisa den Kopf.

„Schuhgrösse?“

„38.“, kam es kleinlaut von Kaisa; bereits nach dieser ersten Begegnung war ihr klar, dass sie Tarja nicht mochte.

„OK, ich schaue was ich finde.“, meinte diese nur knapp und stolzierte dann aus dem Esssaal. Kaisa bemerkte, wie Ville ihr Grimassen schneidend hinterherschaute. Er erntete dafür einen bösen Blick von Jonne, der sich gleich darauf an sie wandte.

„Mach dir nichts draus, die ist einfach so. Im Grunde genommen ist sie gar nicht soo schlimm.“, erklärte er Augenzwinkernd. Kaisa nickte nur und stand dann auf.

Kaisas Motivation war gleich null, als sie kurz vor 14.00 Uhr die Treppe hinunter stieg. Auch die anderen, denen sie über den Weg lief, wirkten wenig begeistert von dem bevorstehenden Ausflug. Unten wurde sie sogleich von Tarja empfangen, welche ihr ein paar leuchtend pinke Gummistiefel hinstrecktel.

„Die sind zu gross…“, meinte Kaisa, als sie diese anprobierte und keinen wirklichen Halt fand.

„Für heute muss das gehen, wir haben keine anderen.“, war die harsche Antwort. Gleich darauf ging es auch schon los.

„Du bleibst in meiner Nähe!“, wurde sie von Tarja angefahren, als sie sich neben Ville stellte, der sich etwas zurückfallen liess. Kaisa zuckte mit den Schultern und ging fortan direkt hinter der Betreuerin. Bereits nach wenigen Metern bemerkte sie, wie sie durch das Herumrutschen Blasen an den Füssen bekam und trottete lustlos hinterher.

Mittlerweile waren sie auf einem Trampelpfad mitten im Wald. Es war total matschig, und Kaisa war schon ein paar Mal stecken geblieben und hätte dabei beinahe ihre Stiefel verloren. Ihre Füsse schmerzten bei jedem Schritt, und sie hatte Mühe mit Tarjas Tempo mitzuhalten. Irgendwann schaute sie kurz zurück, konnte Ville jedoch nirgendwo entdecken. Tarja war gerade abgelenkt, sodass sie sich unbemerkt zurückfallen liess. Noch immer war Ville nirgendwo zu entdecken, also drehte sie sich um, nachdem sie das Ende der Gruppe erreicht hatte, und ging ein Stück zurück. Nach einigen Metern konnte sie aus etwas Entfernung Stimmen und Gelächter hören. So schnell es ihre schmerzenden Füsse zuliessen ging sie in die Richtung, aus der sie die Geräusche hörte, und fand sich kurz darauf in der fast selben Situation wieder wie am Morgen.

Wieder hatten die Jungs Ville eingekesselt und schubsten ihn herum, und wieder schienen die selben Typen das Kommando über das ganze zu haben. In der Hoffnung, sich am Morgen etwas Respekt erkämpft zu haben, baute sie sich vor den Typen auf. „Ey, lasst ihn verdammt noch mal in Ruhe!“, schrie sie dann und stemmte die Arme in die Seiten. Tatsächlich erstarrten die Jungs und schauten sie überrascht an. Der Anführer trat auf sie zu, begann schliesslich zu grinsen. „Und was wenn nicht? Stichst du mich dann ab, wie du es mit deiner Schwester und deinem Vater getan hast?“, meinte er dann spöttisch. Kaisa sah nur noch rot und stürzte sich auf den Jungen. Dieser ging überrascht zu Boden, während Kaisa sich auf ihn stürzte und rasend vor Wut auf ihn einprügelte. Die anderen um sie herum beganne zu schreien, versuchten sie von dem Typen runter zu ziehen, doch sie hatten keine Chance.

Irgendwann wurde Kaisa hart von dem Jungen runtergezerrt und spürte gleich darauf einen brennenden Schmerz auf ihrer Wange. Vor ihr stand Tarja, zornerbrandt, hielt sie an den Schultern fest und schüttelte sie.

„Was fällt dir verdammt noch mal ein?!“, schrie sie Kaisa an, welche jedoch nicht reagierte, „Du bist eine Gefahr für die Menschheit! Sowas wie du gehört eingesperrt!“ Kaisa am Arm festhaltend, suchte sie in ihrer Jackentasche nach ihrem Handy. Ville, der ihr wohl zur Hilfe eilen wollte und wild rumfuchtelte, wurde mit einem bösen Blick zum stehen gebracht. Kaisa starrte auf den Boden, während sich Tarja mittlerweile das Telefon ans Ohr hielt und wartete.

Gleich darauf redete sie auf die Person am anderen Ende der Leitung ein, wovon Kaisa nur einzelne Worte und Satzteile wie „gemeingefährlich“, „psychopatisch“ und „eine Gefahr für die anderen“ raushörte und jedes Mal zusammenzuckte. Sie redete eine halbe Ewigkeit ins Telefon, bevor sie schliesslich mit einem entnervten „Danke!“ auflegte und das Handy wieder in die Tasche steckte.

„Ihr beide“, sie deutete auf Ville und Kaisa, sah beim Reden jedoch zu Ville, damit dieser von ihren Lippen ablesen konnte, „geht jetzt zurück ins Haus. Zum Glück habe ich Jonne noch erreicht… Er wartet dort auf euch. Und wehe, ihr versucht unterwegs abzuhauen oder sowas!“

Ville nickte, nicht unbedingt unglücklich darüber. Er nahm Kaisa vorsichtig am Arm, welche zusammenzuckte und aufsah. Ville lächelte sie leicht an, deutete ihr zu folgen und ging dann den Weg entlang zurück, den sie gekommen waren. In Gedanken versunken trottete Kaisa hinterher.

Was, wenn Tarja recht hatte? Wenn sie wirklich eine Gefahr für die Menschheit war? Was, wenn wieder etwas passieren würde? Man sie für immer wegsperrte?

Unbemerkt war sie stehen geblieben, während ihr Tränen über die Wangen liefen, die sie eigentlich unterdrücken wollte. Ville war einige Schritte weiter gegangen, bemerkte dann jedoch, dass Kaisa zurückgeblieben war. Ohne nachzudenken drehte er sich um, ging auf sie zu und zog sie in ihre Arme. Etwas überrascht starrte Kaisa ihn an, bevor sie schliesslich, erst noch zögernd, die Umarmung zu erwiedern begann.

Jonne wartete bereits auf der Treppe vor dem Haus auf seine beiden Schützlinge. Er hatte gerade seine Sachen gepackt gehabt und wollte gehen, als Tarja ihn angerufen hatte. Seine Stimmung schwankte von Sorge um die beiden über Ärger wegen seinem dadurch vermiesten Feierabend bis zu Erleichterung, dass die beiden der „bösen“ Betreuerin entkommen waren. Diese hatte ihm am Telefon nur gesagt, dass Kaisa einen Jungen angegriffen habe, doch er war sich sicher dass das nicht ohne Grund geschehen war.

Als Ville und Kaisa schliesslich um die Ecke bogen und er die Tränen auf Kaisas Wangen sah, ging er die Treppe hinunter und auf die beiden zu. Er schloss sie in die Arme.

„Hei, ganz ruhig!“, murmelte er ihr ins Ohr, während er Ville einen fragenden Blick zuwarf. Dieser erklärte ihm in Gebärdensprache, was im Wald vorgefallen war und dass Mikko, der Anführer der Bande, wohl irgendwas zu ihr gesagt haben musste dass Kaisa so auf ihn losgegangen war.

Jonne nickte nur und liess Kaisa wieder los.

„Lasst uns erstmal reingehen.“, meinte er dann, legte seinen Arm um Kaisa und deutete Ville, ihnen zu folgen. Er führte die beiden ins Gebäude und dann hoch in den Aufenthaltsraum im ersten Stock.

„Setzt euch, ich bin gleich wieder da!“, meinte er dann und verliess den Raum wieder. Kaisa liess sich auf eines der Sofas fallen, und Ville setzte sich ihr gegenüber. Kurz darauf kam Jonne auch schon mit einem Krug Tee und einigen Gläsern wieder. Er stellte es auf dem kleinen Tisch in der Mitte des Raums ab und setzte sich dann neben Kaisa, welche noch immer teilnahmslos vor sich hin starrte.

„Geht’s wieder?“, wollte er dann wissen. Kaisa zuckte nur mit den Schultern und starrte weiterhin auf ihre Knie. Jonne strich ihr leicht über den Rücken, dann wandte er sich an Ville, von dem er sich noch einmal genau erklären liess was im Wald vorgefallen war – zumindest soweit er es mitbekommen hatte.

„Was hat er gesagt, dass du so ausgerastet bist?“, wandte er sich dann an Kaisa, doch diese schüttelte nur den Kopf, während ihr wieder Tränen über die Wangen liefen. Lautlos seufzend griff Jonne nach einem Glas und füllte es mit Tee. Nachdem er einige Schlucke getrunken hatte, stellte er das Glas wieder auf den Tisch.

„Weißt du, ich kann später auch Tarja oder Mikko fragen, was genau vorgefallen ist, aber ich denke, sie werden mir nicht dasselbe erzählen wie du… Ich würde dir wirklich gerne helfen, nicht nur was diese Sache hier betrifft, und dazu musst du mir einfach vertrauen! Ich weiss, dass das nicht einfach für dich ist nach allem, was passiert ist, aber wie gesagt, ich will dir nichts Böses! Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du grundlos auf irgendwen losgehst…“ Er sah zu Kaisa, doch diese zeigte noch immer keine Reaktion.

„Okay.“, seufzte er und stand auf, „Du willst also nicht darüber reden. Gut, akzeptiere ich so. Allerdings kann ich dann wohl auch nicht verhindern dass das ganze wohl noch ein Nachspiel für dich haben wird…“

Nachdem Jonne den Raum verlassen hatte, sah Ville ihm kurz hinterher und dann besorgt zu Kaisa. Diese wirkte immer noch abwesend, und Ville überlegte krampfhaft, wie er sie wieder ein wenig aufheitern konnte. Schliesslich kam ihm eine Idee, er stand auf und nahm Kaisas Hand. Diese blickte ihn leicht irritiert an.

Komm mit!, formten seine Lippen stumm, und etwas zögerlich stand Kaisa auf. Ville zog sie regelrecht hinter sich her, aus dem Aufenthaltsraum, die Treppe hinunter und nach draussen. Kaisa hatte weiterhin auf den Boden gestarrt und nicht wirklich mitbekommen, wo er sie hinführte. Erst als er ihr auf einmal etwas flauschiges in die Arme drückte, sah sie etwas erschrocken auf und begann dann leicht zu lächeln.

Ville hatte sie nach draussen in das Kaninchengehege geführt und ihm nun eines der kleineren Häschen in den Arm gedrückt. Er selber hatte sich auf den Boden gesetzt, woraufhin sofort einige der Kaninchen auf seinen Schoss geklettert waren. Er beobachtete die Tierchen begeistert und strich ab und zu durch ihr weiches Fell. Kaisa ging in die Knie und setzte ihr Kaninchen wieder auf den Boden zurück, bevor sie sich ebenfalls zu Ville auf den Boden setzte. Auch auf ihr kletterten die Kaninchen gleich darauf fröhlich rum. Für einen Moment vergass sie ihre Sorgen und beobachtete die kleinen Tiere fasziniert. Kurz sah sie zu Ville, welcher sie angrinste und innerlich stolz war, dass sein Plan funktioniert hatte.

Auch Jonne, der am grossen Fenster im Esssaal stand und das ganze beobachtete, begann nun zu lächeln. Für einen Moment überlegte er, sich zu den beiden zu setzen und Kaisa noch einmal auf das Geschehene anzusprechen, doch dann beschloss er es zu lassen. Immerhin schien sie sich gerade wieder ein wenig beruhigt zu haben… Offensichtlich schienen sie und Ville einen guten Draht zueinander zu haben, und er freute sich für beide, dass sie nun scheinbar in einander einen Verbündeten gefunden hatten.

Kurz darauf kam Tarja mit den restlichen Jugendlichen ebenfalls ins Heim zurück. Die Betreuerin wirkte noch immer wütend, während die Jugendlichen fröhlich mit ihren schmutzigen Gummistiefeln durchs Haus gingen.

Die Putzfrau wird sich freuen…, ging es Jonne durch den Kopf, als er Tarja entgegen ging, die sich gerade ihrer Jacke entledigte.

„Wie liefs?“, wollte er wissen, nachdem die beiden das Sekretariat betreten und die Tür hinter sich geschlossen hatten.

„Gut, nachdem die beiden Störenfriede weg waren.“, kam es nur harsch von Tarja. Jonne verkniff sich jeden Kommentar. Er wusste, dass Tarja mit Ville überhaupt nichts anfangen konnte und auch deutlich ihre Lieblingskinder hatte – darunter auch Mikko und seine Bande, die in ihrer Gegenwart gerne mal einen auf Engel machten…

„Was ist denn genau passiert?“, wollte er dann wissen.

„Kaisa hat Mikko angegriffen. Ohne Grund.“, meinte Tarja nur, während sie ihren Computer einschaltete.

„Bist du sicher, dass es grundlos war?“, hakte Jonne nach. Tarja nickte nur.

„Mikko meinte, sie wäre ohne ersichtlichen Grund auf sie los gegangen.“, meinte sie nur und begann, etwas zu tippen.

„Allerdings ist Mikko scheinbar vorher auf Ville losgegangen.“, warf Jonne ein. Doch Tarja schüttelte den Kopf.

„Davon hätte ich nichts mitbekommen.“

Jonne zuckte mit den Schultern.

„Nun ja… Dann gehe ich mal.“, meinte er dann. Tarja sah auf.

„Nein! Ich bleibe auf keinen Fall alleine hier solange dieses… Monster hier ist.“, meinte sie dann, wobei sie jedoch eher wütend als panisch klang. Jonne versuchte, seine aufsteigende Wut runterzuschlucken.

„Sie ist doch kein Monster! Und ich habe mir meinen Feierabend wirklich verdient, immerhin arbeite ich nun schon seit zwei Tagen durch.“, meinte er leicht genervt.

„Klar ist sie ein Monster, immerhin hat sie ihre halbe Familie umgebracht.“

„Das ist doch gar nicht bewiesen, dass sie es wirklich war!“

„Ihrem momentanen Verhalten nach zu schliessen deutet aber alles darauf hin. Und ich habe keine Lust hier morgen früh irgendwen mit nem Messer im Rücken zu finden.“

„Ach, und du denkst, dass ausgerechnet ich verhindern kann dass sowas passiert? Nur durch meine Anwesenheit?“, beinahe hätte Jonne laut losgelacht.

„Ich fühle mich jedenfalls sicherer, wenn du auch noch hier bist.“, meinte Tarja daraufhin.

Und ausserdem bist du so deine beiden Problemkinder los, fügte Jonne gedanklich hinzu.

„Okay.“, gab er schliesslich seufzend nach, „Ich muss allerdings um 19.00 Uhr noch kurz für ne Stunde verschwinden, wir haben am Samstag ein Konzert und müssen Proben… Notfalls nehm ich Kaisa und Ville eben mit, damit es keinen Ärger gibt.“

„Darf Kaisa das Gelände denn überhaupt verlassen?“, kam es von Tarja, welche jedoch schon deutlich erleichtert klang.

„Ich denke schon. Noch ist sie ja nicht verurteilt… Vielleicht ist es gut für sie, mal wieder was Normales zu machen…“

Schliesslich stimmte Tarja zu, und Jonne ging aus dem Sekretariat, um seinen beiden Schützlingen die Entscheidung mitzuteilen. Die beiden sassen noch immer im Kaninchengehege, obwohl es mittlerweile leicht angefangen hatte zu regnen. Jonne ging zu ihnen hinüber. Beide waren tief in Gedanken versunken, und Kaisa zuckte leicht zusammen, als er das leicht quietschende Törchen öffnete.

„Na ihr zwei!“, meinte er lächelnd und ging vor den beiden in die Knie. Auch Ville hatte ihn nun bemerkt und sah ihn fragend an.

„Ihr könnt heute Abend mit mir zur Bandprobe.“, meinte er, während er Ville dasselbe in Gebärdensprache sagte. Dieser bekam leuchtende Augen und strahlte, während Kaisa ihn nur überrascht ansah.

Dann jedoch runzelte Ville die Stirn und sah Jonne fragend an.

Und warum?, wollte er dann wissen, Hättest du jetzt nicht eigentlich frei?

Kurz erklärte ihm Jonne, was er gerade mit Tarja besprochen hatte, woraufhin dieser zu grinsen begann, als er erwähnte, dass sie wohl Angst vor Kaisa hatte.

„So, und jetzt los, rein mit euch. Es regnet.“ Jonne klatschte in die Hände. Etwas widerwillig hob Kaisa das Kaninchen von ihrem Schoss und setzte es ab, bevor sie aufstand und sich ihre Hose abklopfte. Auch Ville stand auf, und die beiden trotteten hinter Jonne her ins Haus zurück.

Die beiden verkrümelten sich in ihre Zimmer, und Jonne zog sich noch einmal ins Sekretariat zurück, um einige liegengebliebene Büroarbeiten zu erledigen. Vielleicht war es wirklich keine schlechte Idee, die beiden mit zur Probe zu nehmen. Ville kannte die anderen Bandmitglieder gut und wurde immer herzlich von ihnen empfangen, und bestimmt würden sie auch Kaisa sofort ins Herz schliessen.

Tarja war ebenfalls in ihre Arbeit vertieft, und immer wieder schielte Jonne zu ihr rüber. Er konnte das Verhalten der Betreuerin einfach nicht verstehen. Lag es daran, dass er ihre Bezugsperson war oder Kaisa sich mit Ville angefreundet hatte, dass sie sie schon jetzt nicht zu mögen schien? Jedenfalls musste er ein wenig aufpassen – nicht dass Tarja Kaisa durch ihr Verhalten doch noch irgendwie dazu brachte, Mist zu bauen…

Schon beim Abendessen war Kaisa total hibbelig und konnte kaum stillsitzen vor lauter Vorfreude. Sie hatte seit Wochen nichts anderes mehr gesehen als die Klinik und nun das Haus hier. Unter „normalen“ Menschen war sie schon länger nicht mehr gewesen – obwohl man seine Bandmitglieder nach Jonnes Aussage wohl nicht unbedingt als Normal bezeichnen konnte…

Endlich war das Abendessen beendet, und als Jonne endlich meinte, dass es nun los gehe, sprang sie freudig auf und folgte ihm und Ville zu Jonnes Auto. Sie machte es sich auf dem Rücksitz bequem, Ville setzte sich auf den Beifahrersitz, und Jonne startete den Motor.

Es dauerte fast 20 Minuten, bis sie die Zivilisation erreichten, zuvor war alles Wald und Felder gewesen. Langsam wurden es mehr und mehr Häuser, und schliesslich kamen sie in die Innenstadt von Tampere.

Es hatte ziemlich viel Verkehr, zahlreiche rote Ampeln und jegliche weitere Gründe um sich aufzuregen, doch Jonne blieb ruhig, summte die Musik im Radio mit und bog schliesslich auf den Parkplatz eines alten Fabrikgeländes ein.

„So.“, meinte er nur und sah zu Kaisa, während Ville bereits die Tür geöffnet hatte und aus dem Wagen gesprungen war. Kaisa stieg ebenfalls aus und folgte den beiden zu einer unscheinbar wirkenden Tür. Jonne drückte prüfend die Türklinke runter und zog dann einen Schlüssel aus seiner Tasche. Dann traten sie ein und folgten erstmal einem mit grauem Spannteppich belegten Flur, bevor Jonne die letzte Tür rechts öffnete und das Licht einschaltete. Zum Vorschein kam ein gemütlich wirkender Proberaum, in welchem neben Instrumenten und Gitarrenkoffern auch ein kleiner Kühlschrank und einige bequem aussehende Sofas standen.

Kaisa sah sich staunend um, und schliesslich fiel ihr Blick auf das Keyboard. Wie magisch angezogen ging sie darauf zu, blieb stehen und strich über die Tasten. Sie hatte bisher nur auf ganz normalen Klavieren gespielt, doch im Vergleich mit diesem Ding waren die gar nichts. Ehe sie sich versah, hatte sie auch schon den Einschaltknopf betätigt, und das kleine Display begann zu leuchten. Schon hatten sich ihre Hände auf die Tasten gelegt und begannen zu spielen, und wieder einmal verlor sie sich völlig in ihrem Spiel, bekam nichts mehr um sich herum mit, auch nicht, wie die anderen Bandmitglieder den Raum betraten und Jonne und Ville begrüssten. Irgendwann realisierte sie wie durch Nebel, dass jemand neben ihr stand. Dadurch bekam sie die Kontrolle über ihre Hände zurück und beendete ihr Spiel.

Etwas verunsichert sah sie den jungen Mann mit den langen braunen Haaren an, der neben ihr Stand und sie neugierig musterte. Dann jedoch begann er zu lächeln.

„Respekt, du spielst echt gut!“, meinte er nur und legte ihr seine Hand auf die Schulter.

„Danke…“, murmelte Kaisa nur und trat einen Schritt zurück. Erst jetzt bemerkte sie die drei anderen, die neben dem Mann neben ihr noch reingekommen waren. Jonne schraubte bereits an seinem Mikrofonständer herum, während die anderen drei mit ihren Instrumenten beschäftigt waren und es sich Ville auf einem der Sofas bequem gemacht hatte.

„Ich bin übrigens Nakki, der Keyboarder.“, stellte sich derjenige neben ihr dann vor und streckte ihr die Hand hin. Noch immer zögernd nahm sie die Hand. „Kaisa.“, meinte sie dann und erwiderte sein Lächeln.

Kurz darauf hatten sich ihr auch die restlichen Bandmitglieder vorgestellt, und Kaisa hatte es sich neben Ville auf dem Sofa bequem gemacht und lauschte der beginnenden Bandprobe. Die Musik gefiel ihr aussergewöhnlich gut, und gedanklich spielte sie bereits selber Nakkis Keyboardparts. Umso überraschter war sie, als der Keyboarder sie mit einem Mal zu sich winkte und grinsend einen Schritt zurücktrat.

„Du hast gerade so aufmerksam zugehört… Da kannst du bestimmt den Song schon fast selber spielen, oder?“, meinte er grinsend. Kaisa sah ihn überrascht an, begann dann aber zu lächeln.

„Ich kanns versuchen…“, meinte sie nur und stellte sich ans Keyboard. Nakki blieb hinter ihr stehen und wandte sich dann an die Band.

„OK, noch mal In my heaven?“, fragte er und erntete von allen Seiten ein Nicken. Jay gab den Takt vor, und erst noch etwas zögernd, dann aber immer sicherer begann Kaisa zu spielen.

Die letzten Takte verklangen, und Kaisa wischte sich lächelnd den Schweiss von der Stirn. Bestimmt war ihr Spiel noch nicht perfekt gewesen, doch es hatte ihr unheimlich Spass gemacht. Sie warf einen Blick zu Nakki, der ebenfalls zufrieden wirkte.

„Du hast wirklich Talent!“, meinte dieser, „Klar, da waren jetzt noch zwei, drei kleine Fehler drinn, aber mit etwas Übung könntest du wohl durchaus mal ein Konzert für mich spielen.“ Er grinste, und Kaisa lächelte verlegen. Sie sah kurz zu Jonne, der ebenfalls strahlte und ihr den hoch gestreckten Daumen zeigte. Lächelnd ging sie wieder rüber zum Sofa und liess sich neben Ville fallen, der nur kurz von der Musikzeitschrift aufsah, in die er vertieft war. Er lächelte ihr nur zu und las dann weiter, während Kaisa aufmerksam die nächsten Songs mitverfolgte.

„Soo, Schluss für heute!“, meinte Jonne schliesslich nach etwa einer Stunde und liess sein Mikrofon sinken. Er steckte es zurück in den Ständer und liess sich dann neben Ville und Kaisa aufs Sofa sinken. Auch die anderen legten ihre Instrumente zur Seite und machten es sich gemütlich, während Antti noch kurz einen Abstecher zum Kühlschrank machte und aus diesem einige Dosen Bier und Cola für Ville und Kaisa holte. Die Bandmitglieder begannen sich über alles mögliche zu unterhalten, während Kaisa noch immer vor sich hin grinste und gelegentlich an ihrer Cola nippte.

„…ist das OK für dich?“, wandte sich plötzlich Jonne an sie, und sie sah ihn überrascht an.

„Äh… was?“, kam es etwas verwirrt von ihr, „Ich hab wohl grad nicht aufgepasst.“

„Dass Nakki dir ab und zu mal etwas „Nachhilfeunterricht“ gibt, damit du auch für ihn einspringen könntest falls er mal krank wäre bei nem Konzert. Wir müssen noch mit der Heimleitung schauen wann es am besten passt und so…“

Kaisa sah überrascht von ihm zu Nakki, der sie angrinste, und nickte dann begeistert.

„Ja, klar! Das wäre toll! Ich meine… natürlich nur wenn es dir nichts ausmacht…“, meinte sie dann und sah zu Nakki. Dieser strahlte zurück, und schliesslich leerte Jonne seine Dose und sah dann auf die Uhr.

„So, ich muss die zwei hier dann wohl langsam mal zurückbringen…“, meinte er dann und stand auf. Auch Kaisa sprang auf, doch Ville, der schon halb zu schlafen schien, blieb in Gedanken versunken sitzen. Jonne nahm ihn an den Händen.

„Los Kleiner, wir müssen zurück!“, meinte er und zog ihn auf die Beine. Sie verabschiedeten sich von den anderen, wobei alle Kaisa schon wie eine alte Bekannte in ihre Arme schlossen. Sie grinste noch immer vor sich hin, als sie zurück zum Auto gingen.

Ville stieg für die Rückfahrt freiwillig hinten ein, und so liess sich Kaisa auf den Beifahrersitz sinken.

„Na, hats dir gefallen?“, wollte Jonne wissen, als er vom Parkplatz fuhr, und Kaisa nickte heftig.

„Es war toll! Echt nett von Nakki, dass er mich gleich spielen liess! Und auch das mit dem Unterricht!“ Zufrieden grinste Jonne vor sich hin, wurde dann allerdings ernst.

„Allerdings musst du mir was versprechen.“, meinte er dann, wieder ernst geworden, und auch Kaisas Gesicht wurde ernst.

„Versprich mir, dass du dich nicht mehr von Mikko oder irgendwem anderes provozieren lässt. Denn sonst könnte es sein, dass sie dir den Unterricht und alles sofort wieder streichen… Du weißt ja, was für ne Tat dir angehängt wird – auch wenn ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass du es wirklich warst – und wenn du dann auf irgendwelche Mitbewohner los gehst wirkt sich das nicht gerade positiv auf das Urteil aus…“

„Weißt du Kleines, du musst mir vertrauen.“, meinte Jonne, als Kaisa neben ihm nicht reagiert hatte, „Ich weiss, dass das alles verdammt schwierig für dich sein muss. Dass du langsam nicht mehr weißt, wem du noch trauen kannst und wem nicht. Aber du musst eines wissen: Du kannst mir voll vertrauen! Du kannst mir alles erzählen, ohne das irgendwer was davon erfährt, so lange du einfach nur ehrlich bist. Nur so kann ich dir helfen, oder es zumindest versuchen. Vertrau mir, OK?“ Er griff nach Kaisas Hand und drückte sie leicht. Kaisa zeigte für einige Minuten keine Reaktion, bevor sie schliesslich nickte.

„Okay.“, meinte sie leise und erwiderte den Druck. Jonne begann zu lächeln und konzentrierte sich wieder auf die Strasse. Irgendwie hatte er nun das Gefühl, dass es gut werden würde. Mit Kaisa, mit Ville, einfach alles.

Die restliche Rückfahrt haderte Kaisa mit sich selber. Einerseits wollte sie Jonne voll vertrauen, ihm alles erzählen, auch davon, was bei ihr zu Hause passiert war. Andererseits hatte sie Zweifel. Was, wenn er ihr nicht glauben würde? Oder das ganze nicht ernst nahm? Bisher hatte ihr immerhin noch nie jemand geglaubt, dass sie nichts getan hatte. Nicht mal ihre eigene Mutter… Wieso sollte also gerade Jonne derjenige sein, der ihr glaubte?

Diese Gedanken schwirrten ihr auch eine Stunde später noch durch den Kopf, als sie in ihrem Bett lag und sich schlaflos hin und her wälzte. Ihre Begeisterung von der Bandprobe her war vergessen. Erst spät fiel sie schliesslich in einen unruhigen Schlaf und überhörte natürlich prompt am nächsten Morgen den Wecker. Erst, als es an ihre Zimmertür polterte und gleich darauf die Tür aufgerissen und das Licht eingeschaltet wurde, erwachte sie halbwegs und vergrub murrend ihr Gesicht im Kopfkissen.

Schliesslich wurde ihr grob die Decke weggerissen, und als sie aufsah, sah sie Tarja neben ihrem Bett stehen, welche wütend ihre Arme verschränkt hatte.

„Du hast gerade noch 15 Minuten Zeit bis du in die Kerzenwerkstatt musst. Frühstück hast du bereits verpasst. Also beeil dich!“ Die Betreuerin drehte sich um und ging zurück in Richtung Tür.

„Das mögen wir natürlich ganz besonders gerne – abends weggehen und morgens verschlafen.“, murmelte sie, als sie aus dem Zimmer stolzierte.

Genervt stöhnend drehte sich Kaisa noch einmal um und rieb sich die Augen. Bestimmt konnte sie den Keyboardunterricht nun vergessen.

Das hast du ja super hingekriegt!, schalt sie sich selber in Gedanken. Mit einem Mal zuckte sie leicht zusammen und sah auf, denn gerade hatte sie eine Hand auf ihrem Rücken gespürt. Sie sah direkt in Villes Gesicht, welcher auf dem Bettrand sass und sie frech angrinste. Gegen ihren Willen musste nun auch Kaisa lächeln und setzte sich gähnend im Bett auf. Dann warf sie einen Blick auf ihren Wecker.

„Oh, Mist.“, meinte sie nur und sprang aus dem Bett, um kurz im Bad zu verschwinden.

„Los, raus!“, meinte sie grinsend und deutete auf die Tür, als Ville kurz darauf immer noch auf dem Bett sass, „Ich muss mich anziehen!“ Grinsend stand dieser auf und ging aus dem Zimmer.

Tatsächlich schaffte sie es pünktlich in die Kerzenwerkstatt. Die Werkstattleiterin begrüsste sie mit einem strahlenden Lächeln, und auch Ville, der für sie einen Platz freigehalten hatte, grinste sie an. Tarja war sie glücklicherweise nicht mehr über den Weg gelaufen. Sie liess sich auf den freien Stuhl fallen, und kurz darauf kam auch schon die Werkstattleiterin zu ihr an den Tisch und erklärte ihr die Arbeit. Sie begann, die bunten Wachsstäbchen in ein Glasrohr zu setzen. Später würden diese mit weissem Wachs aufgefüllt werden. Schon nach kurzer Zeit hatte sie sich eingefummelt und hatte ziemlich rasch ihre vier Röhrchen gefüllt. Auch Ville neben ihr hatte schon einige fertig gemacht.

„Kommt Jonne heute auch her?“, wollte sie von diesem wissen, erntete jedoch nur einen irritierten Blick und bekam gleich darauf ein Blatt Papier vor die Nase geschoben.

Also schrieb sie die Frage auf, und Ville zog das Blatt zu sich und begann zu antworten.

Er kommt, aber erst mittags. Eigentlich hätte er schon hier sein sollen, aber ich denke er baut mal wieder Überstunden ab…  Mit einer Mischung aus Freude und Besorgnis nickte Kaisa und griff nach einem neuen Glasröhrchen, welches Kaisa ihr auf den Tisch gestellt hatte. Während sie dieses ebenfalls vorbereitete, versank sie in Gedanken. Ob Jonne sie wohl heute ausquetschen würde, nachdem sie ihm gestern versprochen hatte sich ihm anzuvertrauen? Und ob ihr der Keyboardunterricht nun wohl tatsächlich gestrichen würde, weil sie verschlafen hatte? Seufzend schob sie die fertig vorbereitete Kerze von sich.

Viel zu schnell wurde es Mittag, und als sie sich an den Tisch setzten, tauchte auch Jonne wieder auf und begrüsste sie lächelnd. Gezwungenermassen lächelte sie zurück und konzentrierte sich dann auf ihr Essen. Ville beobachtete sie fragend und sah dann zu Jonne, der nur mit den Schultern zuckte. Ob Kaisa wohl Angst vor einer Strafe hatte, weil sie verschlafen hatte? Oder hing es mit dem Versprechen zusammen, das er ihr am Vorabend abgenommen hatte? Er beschloss, später mal mit ihr zu reden. Der für den Nachmittag geplanten Ausflug war sowieso abgesagt worden, da es draussen in Strömen regnete, und so würden die Jugendlichen einen freien Nachmittag haben. 

Als alle aufgegessen hatten, ergriff Tarja schliesslich das Wort und verabschiedete sich, woraufhin von mehreren Jugendlichen ein erleichtertes Aufatmen zu hören war – offensichtlich gehörte sie wirklich nicht zu den beliebtesten Betreuerinnen… An ihrer Stelle war ein junger Mann aufgetaucht, der sich Kaisa als Juha vorstellte. Er hatte immer ein breites Grinsen im Gesicht und wirkte allgemein sehr locker und unkompliziert. Er und Jonne erklärten kurz, was für den Nachmittag geplant war – nämlich gar nichts – und lösten dann die Runde auf. Zu Villes Überraschung war Kaisa eine der ersten, die aufsprang und schnellen Schrittes den Speisesaal verliess. Er hatte die leise Ahnung, dass es irgendwie mit Jonne zusammenhing, und sah diesen fragend an.

Was hast du mit ihr gemacht?, wollte er wissen und sah seinen Bruder etwas wütend an. Dieser zuckte mit den Schultern.

Nichts. Ich habe sie gestern nur gebeten mir zu versprechen dass sie mir vertrauen soll…, meinte dieser, ebenfalls überrascht über Kaisas Abgang.

Kaisa war unterdessen im Aufenthaltsraum angekommen und hatte das Tuch vom Klavier gezogen, bevor sie es sich auf dem Hocker bequem machte. Sie wischte den Staub von den Tasten und versuchte dann, das Intro des Songs, den Nakki sie gestern hatte spielen lassen, nachzuspielen. Tatsächlich hatte sie einen Grossteil der Melodie noch im Kopf und konnte es beim dritten Versuch fehlerfrei durchspielen. Zufrieden liess sie den letzten Ton ausklingen und versuchte sich dann am nächsten Lied. Doch dieses Mal klappte es nicht ganz so gut, und nach einigen Versuchen gab sie auf. Sie würde Jonne oder Nakki wohl mal um eine CD bitten müssen, damit sie sich die Songs nochmals anhören konnte…

Plötzlich klopfte es leise gegen die Scheibe in der Tür, und als Kaisa erschrocken herumfuhr, erkannte sie Villes Gesicht dahinter. Lächelnd drehte sie sich in seine Richtung und winkte ihn hinein. Nun begann auch Ville zu lächeln und betrat den Raum. Er kam zum Klavier rüber und blieb neben Kaisa stehen. Er versuchte, ihr mit seinen Händen irgendwas zu erklären, erntete jedoch nur einen irritierten Blick. Schliesslich deutete Ville auf sich, dann auf den Hocker und tat dann so, als würde er Kaisa vom Stuhl schubsen. „Achso, Okay!“, meinte diese überrascht und stand auf, gespannt, was Ville nun vor hatte. Dieser setzte sich auf den Hocker, legte seine Hände auf die Tasten und begann zu Kaisas Überraschung zu spielen. Und das sogar ziemlich gut. Obwohl er selber nicht hören konnte, was er spielte, schlichen sich nur vereinzelt kleine Verspieler ein. Als er das Lied fertig gespielt hatte, sah er erwartungsvoll zu Kaisa. Diese wirkte noch immer überrascht, zeigte ihm aber den aufgestreckten Daumen, und Ville begann zu strahlen.

„Ich wusste gar nicht, dass du auch spielen kannst!“, meinte Kaisa, und Ville zuckte mit den Schultern. Er hob seine Hände, hielt dann aber in der Bewegung inne und sprang auf. Kurz lief er durch den Raum, blickte sich suchend um und schien dann plötzlich eine Idee zu haben. Er ging hinüber zum grossen Whiteboard an der Wand, nahm einen Stift und begann etwas an die Tafel zu schreiben. Kaisa ging zu ihm hinüber, um seine Botschaft zu lesen.

Ich spiele wohl nicht so gut wie du, aber ich habs auch mal gelernt. Habs früher ziemlich gerne gemacht, stand dort in grünser Farbe.

„Dafür, dass du es nicht hören kannst, spielst du aber wirklich toll!“, meinte Kaisa, und Ville blickte verlegen zu Boden. Dann wischte er sein geschriebenes mit der Hand weg und nahm den Stift erneut. Aber nicht so toll wie du!, konnte Kaisa daraufhin lesen.

„Wieso bist du dir da so sicher?“, wollte sie wissen, „Ich meine… naja…“

Sonst hätte dich Nakki niemals an sein Keyboard gelassen, schrieb Ville und zwinkerte ihr zu. Kaisa zuckte mit den Schultern.

„Spielst du nochmal was, für mich?“, wollte sie dann wissen, und Ville zuckte mit den Schultern, nickte dann aber und setzte sich wieder ans Klavier.

Kaisa nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben ihn, lauschte den Klängen, während Ville sich so gut wie möglich auf sein Spiel konzentrierte. Keiner der beiden bemerkte Jonne, der schon einige Minuten an der Glastür stand und das ganze beobachtete. Eigentlich hatte er zu ihnen rein gehen wollen, doch als er Ville zum Klavier gehen sah, war er überrascht stehen geblieben. Er hatte angefangen zu lächeln, als die ersten Klänge ertönten, während er versuchte, einige aufsteigende Freudentränen runterzuschlucken. Ville, der vor seinem Unfall begeistert Gitarre und Klavier gespielt hatte, hatte seit er nichts mehr hörte kein Instrument mehr angefasst. Jonne war sich sicher, dass er es noch gekonnt hätte, auch ohne zu hören was er spielte, doch Ville hatte sich strickt geweigert… Dabei hätte es ihm bestimmt gut getan. Schliesslich beendete Ville das Lied, stand wieder auf und ging hinüber zur Tafel.

Lass uns was anderes machen!, schrieb er, und Kaisa nickte.

„OK, aber was?“, fragte sie und warf einen Blick aus dem Fenster. Es regnete immer noch in Strömen. Doch Ville war bereits unterwegs zur Tür – Jonne hatte sich mittlerweile wieder auf den Weg nach unten gemacht – und Kaisa zuckte mit den Schultern und folgte ihm. Er bog nach links in Richtung Jungenschlafzimmer ab und verschwand kurz in seinem Zimmer, um gleich darauf mit einem Kartenspiel in der Hand wiederzukommen. Damit flitzte er zurück in den Aufenthaltsraum, gefolgt von Kaisa, und setzte sich in der Mitte des Raums auf den Boden. Kaisa setzte sich ihm gegenüber und angelte sich kurz die Anleitungskarte aus dem Stapel, während Ville bereits angefangen hatte, diese zu mischen und zu verteilen. Kurz warf er Kaisa einen auffordernden Blick zu, bevor sie loslegten und kurz darauf schon völlig in das Spiel vertieft waren.

„Gewonnen!“, verkündete Kaisa einige Zeit später freudig und legte ihre letzte Karte ab. Ville grinste, doch sie merkte ihm an, dass er sich innerlich ärgerte.

„Nochmal?“, fragte sie, und Ville nickte, griff sich die Karten und begann sie zu mischen. Kurz darauf verteilte er sie wieder, und sie begannen das Spiel von vorne. Dieses Mal war es ein harter Kampf, und schliesslich gewann erneut Kaisa, wenn auch sehr knapp. Ville sah sie ärgerlich an, während Kaisa vor sich hin grinste. Dann klopfte es an die Tür, und gleich darauf betrat Jonne den Raum, der die beiden anlächelte und neben ihnen in die Hocke ging.

„Die anderen schauen sich gleich nen Film an im Medienraum im Keller. Ihr könnt ja auch runterkommen, wenn ihr mögt.“

Kaisa und Ville sahen sich kurz an, woraufhin Ville mit den Schultern zuckte und Kaisa nickte.

„Okay.“, meinte sie dann, und sie fingen an, die Spielkarten zusammenzuräumen.

Sie trotteten hinter Jonne her die Treppe hinunter bis in den Keller. Hier unten war Kaisa noch nicht gewesen und sah sich interessiert um. Sie betraten einen recht grossen Raum, in welchem eine Leinwand und ein Beamer angebracht waren. Auf der Leinwand flackerte bereits der Vorspann eines Disneyfilms, und davor waren einige Reihen an Stühlen aufgestellt, welche grösstenteils schon besetzt waren. Noch brannte Licht im abgedunkelten Raum.

„Neiin, wir wollen nicht schon wieder mit Untertitel gucken.“, kam es aus einer Ecke, woraufhin ein Grummeln durch die Jugendlichen ging, als Ville und Kaisa den Raum betraten. Kaisa hatte die Stimme sogleich erkannt – sie gehörte zu Mikko, welcher zu Kaisas Schadenfreude ein blaues Auge aufwies. Sie warf ihm einen bösen Blick zu, was ihn jedoch nicht zu beeindrucken schien, da Juha und Jonne noch im Raum waren und sie ihm so sowieso nichts anhaben konnte…

Diese hatten den Ausruf einfach ignoriert, und schliesslich wurde der Film gestartet und das Licht gelöscht. Nach wenigen Minuten verliessen die beiden Betreuer schliesslich den Raum, und schliesslich stand Mikko von seinem Stuhl auf, ging zum DVD-Player und nahm sich die Fernbedienung, dabei immer beobachtet von Kaisa. Nach einigem Suchen hatte er die benötigte Taste gefunden und die Untertitel ausgeschaltet. Schon war Kaisa von ihrem Stuhl aufgesprungen – Ville hatte noch versucht ihre Hand zu nehmen und sie aufzuhalten – und in wenigen Schritten bei ihm.

„Mach das wieder an!“, herrschte sie Mikko an. Dieser grinste sie nur überlegen an, jedoch bemerkte sie, dass er innerlich nicht so cool war wie er sich gab.

„Machs doch selber!“, meinte er und hielt die Fernbedienung hoch, sodass Kaisa, die mindestens einen Kopf kleiner war als er, nicht mehr ran kam.

Obwohl sie genau wusste, dass er sie nur provozieren wollte, wuchs Kaisas Wut, und gerade als sie kurz davor war auf ihn loszugehen, stand mit einem Mal Ville neben ihr. Er hatte die Situation besorgt beobachtet und war jederzeit bereit, einzugreifen. Kurzentschlossen nahm er Kaisas Hand und zerrte sie hinter sich her aus dem Raum. Kaum war die Tür hinter ihnen zugefallen, begann Kaisa sich zu wehren und versuchte sich loszureissen.

„Lass mich los verdammt!“, fauchte sie, und Ville liess ihre Hand los, stellte sich dann jedoch vor die Tür des Raums, da er ahnte, dass Kaisa dorthin zurück stürmen würde.

„Lass mich da rein, Ville!“, meinte sie wütend, erntete jedoch nur ein Kopfschütteln. Ihre Wut stieg, und so packte sie ihn kurz darauf an den Händen und versuchte, ihn von der Tür wegzuzerren. Ville wehrte sich mit aller Kraft, schob Kaisa rückwärts von der Tür weg und war überrascht von der unglaublichen Kraft des Mädchens.

„Was ist denn hier los?“ Ville und Kaisa erstarrten in der Bewegung und drehten sich um, als sie mit einem Mal Jonnes überraschte Stimme hinter sich hörten. Kaisa nutzte sogleich die Gelegenheit, riss sich los und ging auf die Tür zu.

„Hey, Kaisa, warte mal!“, Jonne legte ihr die Hand auf die Schulter, doch sie wischte sie weg und griff nach der Türfalle. Jonne zog sie zurück, sodass sie beinahe das Gleichgewicht verlor, „Was ist los?“

„Nichts, gar nichts!“, meinte diese wütend.

„Mikko?“, wollte Jonne wissen. Kaisa zeigte keine Reaktion, also wandte er sich an Ville.

Er hat den Untertitel einfach ausgemacht., erklärte dieser. Jonne nickte nur und wandte sich an Kaisa.

„Ich regle das schon. Vielleicht gehst du besser erstmal in dein Zimmer und regst dich ab.“, meinte er. Ohne ein weiteres Wort drehte Kaisa um und rannte die Treppe hoch. Seufzend sah Jonne zu Ville, welcher mit den Schultern zuckte und sich dann umdrehte, um Kaisa hinterher zu gehen.

Kaisa hatte iher Zimmertür so heftig zugeknallt, das Jonne es noch unten im Keller hören konnte. Wütend ging sie erstmal in ihrem Zimmer auf und ab, bevor sich ihre Wut auf einmal aus unerklärlichen Gründen in Verzweiflung verwandelte und ihr Tränen über die Wangen liefen. Alles verschwamm vor ihren Augen, und sie lehnte sich gegen die Wand, um erstmal tief durchzuatmen. Dann liess sie sich daran runter auf den Boden rutschen und vergrub ihren Kopf in den Händen. Sie bekam nicht mit, wie Ville die Zimmertür öffnete, herein kam und schliesslich vor ihr in die Hocke ging. Erst als sie seine Hand auf ihrem Arm spürte, sah sie kurz auf und drehte dann beschämt ihren Kopf zur Seite. Ville setzte sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schulter. Vorsichtig zog er sie an sich, und nach kurzer Zeit liess sie ihren Kopf auf seine Schulter sinken. Er strich leicht übe ihren Rücken, was Kaisas Tränen jedoch nur noch stärker fliessen liess. Jonne und Ville waren so unglaublich lieb zu ihr, dass sie es manchmal kaum fassen konnte.

Nur langsam beruhigte sich Kaisa wieder, und Ville blieb die ganze Zeit neben ihr sitzen, hatte ihren Arm um sie gelegt und strich über ihren Rücken. Nach einer Weile klopfte es, und Jonne betrat das Zimmer. Als er die beiden am Boden entdeckte, lächelte er erstmal und ging vor den beiden in die Knie.

„Eigentlich dürfte Ville gar nicht in dein Zimmer.“, meinte er, und Kaisa nickte nur, „Aber ich nehme mal an, das hier gilt als Ausnahme… Geht’s wieder?“ Erneut nickte Kaisa nur und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Jonne wandte sich daraufhin kurz an Ville und erklärte ihm, dass er mal eben alleine mit Kaisa reden wolle. Dieser stand daraufhin auf und ging aus dem Zimmer. Jonne setzte sich dorthin, wo Ville zuvor gesessen war, und legte ebenfalls einen Arm um Kaisa.

„Auf wen bist du derart wütend, Kaisa?“, wollte er dann wissen und erntete einen überraschten Blick.

„Ich meine, es ist nicht nur Mikko, oder? Da ist sonst noch irgendwas, die Wut war schon vorher da. Du projezierst sie jetzt nur auf ihn, aber eigentlich ist es nicht Mikko, oder zumindest nicht nur. Habe ich Recht?“ Kaisa zeigte erstmal keine Reaktion, nickte dann aber nach einer Weile leicht. Jonne lächelte erleichtert – endlich schien Kaisa ein wenig Vertrauen zu ihr zu fassen.

„Okay. Und erzählst du mir auch, auf wen du noch so wütend bist?“, wollte er wissen, doch Kaisa wandte sogleich ihren Kopf ab, starrte zum Fenster und verkrampfte sich total.

Also hängt es mit ihrer Tat zusammen., schlussfolgerte Jonne aus diesem Verhalten. Er musste also langsamer vorgehen. Immerhin war Kaisa gerade mal den dritten Tag hier, es war klar dass sie noch nicht vollstes Vertrauen zu ihm hatte.

„Jedenfalls, versuch bitte, nicht immer gleich auf Mikko loszugehen, OK? Du machst dir damit nur alles selber kaputt. Geh aus dem Raum, hol nen Betreuer, aber versuch auf keinen Fall das ganze alleine zu regeln. Abgemacht?“ Wieder dauerte es eine Weile, bis Kaisa schliesslich zustimmend nickte.

Die nächsten Tage verliefen unspektakulär und ruhig. Sogar Ville wurde von Mikko und seiner Bande in Ruhe gelassen. Jonne versuchte, in den Gesprächen mit Kaisa mehr über sie zu erfahren, doch noch immer blockte diese ab. Mittlerweile waren sie und Ville fast nur noch gemeinsam anzutreffen. Auch wenn dies Jonne einerseits freute, machte er sich dennoch Sorgen, dass es für Kaisa nicht gut war wenn sie sich nur mit dem tauben Jungen abgab. So startete er schliesslich Versuche, die beiden zu trennen, doch der Erfolg hielt sich in Grenzen. Offensichtlich hatte Kaisas „Tat“ mittlerweile die Runde gemacht, und die anderen hatten wohl aus diesem Grund Angst vor ihr. Lediglich Ville schien dies nicht zu kümmern.

Kaisa hatte sich mittlerweile bei Jonne und Ville die wichtigsten Zeichen der Gebärdensprache abgeschaut, doch auch sonst schien sie sich mit Ville ohne Worte zu verstehen. Oft reichte ein Blick, um zu wissen, was der andere gerade wollte, brauchte oder fühlte. Jonne hatte das Gefühl, dass das Mädchen seinen Bruder jetzt schon fast besser kannte als er selber… Doch es freute ihn, Ville das erste Mal in den letzten Jahren wieder glücklich zu sehen.

Am Abend des dritten Tages, einem verregneten Mittwoch, stand zu Kaisas Überraschung plötzlich Nakki mit einem Keyboard unter dem Arm unten im Eingangsbereich. Nur Jonne hatte davon gewusst und ihr absichtlich nichts davon gesagt. Umso mehr freute er sich, als Kaisa strahlend die Treppe hinunter gerannt kam und dem Keyboarder um den Hals fiel.

„Na, bereit für etwas Unterricht?“, wollte dieser grinsend  wissen, und sofort nickte Kaisa heftig. Nakki warf einen fragenden Blick zu Jonne, der mittlerweile aus dem Sekretariat gekommen war, um seinen Kumpel zu begrüssen.

„Ihr könnt in den Aufenthaltsraum im zweiten Stock.“, meinte dieser, woraufhin Nakki Kaisa einen auffordernden Blick zuwarf und diese freudig voranstürmte. Nakki folgte ihr grinsend. Lediglich Ville, der noch immer im Erdgeschoss stand und den beiden nachschaute, schien sich nicht so sehr über den überraschenden Besuch zu freuen. Mit hängendem Kopf trottete er die Treppe hinauf und verbarrikadierte sich in seinem Zimmer.

Im Aufenthaltsraum angekommen, legte Nakki das Keyboard auf einem an der Wand stehenden Tisch ab, während er seinen Blick durch den Raum schweifen liess. Auch sein Blick fiel ziemlich schnell auf das Klavier, und er liess es sich nicht nehmen, zu diesem hin zu gehen und das Instrument kurz zum Erklingen zu bringen. Kaisa hatte mittlerweile zwei Stühle vor den Tisch mit dem Keyboard geschoben und hörte ihrem Lehrer aufmerksam zu, während sie es sich auf einem der Stühle bequem machte. Nakki gesellte sich kurz darauf zu ihr.

„Na, erinnerst du dich noch an irgendwas aus der Probe?“, wollte er wissen, und als Kaisa nickte, deutete er auf das Keyboard, „Dann leg mal los!“

Tatsächlich konnte Kaisa den Song, den sie bereits während der Probe hatte spielen dürfen, fast auf Anhieb wieder spielen, und dank einigen Tipps von Nakki schaffte sie es bereits im zweiten Versuch fehlerfrei. Daraufhin spielte ihr der Keyboarder einige weitere Songs vor und half ihr, diese nachzuspielen. Er war überrascht, wie schnell das Mädchen begriff und seine Tipps annahm und umsetzen konnte, sodass es nie mehr als drei Versuche brauchte, bis der Song sass. So spielten die beiden einen Song nach dem anderen, bis Kaisa irgendwann anfing zu gähnen und Nakki einen Blick auf seine Uhr warf, welche bereits kurz nach zehn zeigte.

„Schluss für heute?“, wollte er wissen, doch Kaisa schüttelte energisch den Kopf.

„Aber ne Pause wäre nicht schlecht.“, meinte sie, woraufhin Nakki nickte und hinüber zu den grossen Fenstern ging. Kaisa tat es ihm nach und setzte sich auf die Stufe. Nakki liess sich neben sie sinken. Nach einigen Minuten schweigen und durchatmen ergriff er schliesslich das Wort.

„Wo hast du derart gut spielen gelernt?“, wollte er wissen. Kaisa zuckte mit den Schultern.

„Meine Schwester… Taiva… Sie hat mir ne Menge beigebracht…“, meinte sie, und es überraschte sie, dass es ihr derart leicht fiel, über Taiva zu sprechen, „Sie hat sogar noch viel besser als ich gespielt. Überhaupt war sie eigentlich in allem besser als ich…“

„Bist du sicher? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie in allem besser war als du…“, hakte Nakki nach, woraufhin Kaisa nur mit den Schultern zuckte.

„Nun ja, eigentlich kommt es nun sowieso nicht mehr darauf an… Immerhin…lebt sie ja sowieso nicht mehr…“, erwiederte sie leise und starrte auf ihre Knie. Nakki, der merkte, dass er nun wohl auf einen heiklen Punkt gestossen war, rutschte etwas näher an sie heran und legte den Arm um ihre Schulter. Bisher hatte ihm Jonne nichts über das Mädchen erzählt, er wusste nicht, wieso sie sich in diesem Heim befand, und bisher war es ihm auch relativ egal gewesen – Kaisa war ihm eigentlich ganz normal vorgekommen.

„Was ist denn mit ihr passiert? Ich meine… woran ist sie gestorben? – Falls du überhaupt darüber reden willst…“, fragte er. Doch Kaisa starrte weiterhin auf ihre Knie, und er bemerkte, wie ihre Hände leicht zu zittern begannen. Und als er bereits nicht mehr damit rechnete, begann das Mädchen zu erzählen.

Die Worte begannen praktisch von selber, aus Kaisas Mund zu sprudeln, ohne dass sie es wirklich wollte.

„Eigentlich ist das ganze eine lange Geschichte…“, meinte sie leise und sank noch ein wenig mehr in sich zusammen, „Mein Vater starb als ich noch ganz klein war, drei oder vier – jedenfalls kann ich mich kaum noch an ihn erinnern. Taiva war zwei Jahre älter als ich, sie hat mir viel von ihm erzählt. Wie gesagt, Taiva war immer in allem besser als ich; in der Schule, im Sport, im Klavierspielen… Sie war beliebt, hatte viele Freunde, während ich eigentlich eher der einzelgängerische Typ war. Trotzdem, wir haben uns immer super verstanden. Und unser Verhältnis wurde noch enger, als unsere Mutter Ari kennenlernte…

Ari war bestimmt zehn Jahre älter als meine Mutter, und eigentlich war er gar nicht so toll, schaffte es aber irgendwie, meine Mutter so zu bezirzen und um den Finger zu wickeln, dass sie ihm hoffnungslos verfiel… Nur wenige Monate nachdem sie sich kennen gelernt hatten zog er bei uns ein, und kurz darauf heirateten die beiden auch schon. Taiva war damals vierzehn, und sie hat ihn regelrecht gehasst. Ich selber fand ihn ganz OK, immerhin machte er unsere Mutter glücklich, wir zogen in ein grösseres Haus und Mum musste weniger arbeiten, weil durch ihn noch zusätzliches Geld ins Haus kam… Erst etwa zwei Jahre später fand ich heraus, warum Taiva ihn so sehr hasste.

Es war einige Wochen nach meinem 14. Geburtstag, als er das erste Mal nachts in mein Zimmer kam. Er setzte sich auf den Bettrand, und wir redeten über irgendwas. Doch plötzlich packte er meinen Hals, begann zuzudrücken und drohte damit, mich zu erwürgen, wenn ich schreien oder sonst irgendeinen Laut von mir geben würde. Natürlich nickte ich heftig und bewegte mich keinen Millimeter, wähend er mich am ganzen Körper anfasste. Bevor er ging, umfasste er erneut meinen Hals und meinte, dass er Taiva und meine Mutter umbringen würde, wenn ich irgendwem davon erzählen würde, was an diesem Abend passiert war.

Fortan wiederholte sich dieses Schauspiel praktisch jeden Abend, und es blieb natürlich nicht dabei, dass er mich anfasste. Doch ich erzählte weiterhin niemandem davon. Meine Mutter schien sowieso überhaupt nichts davon mitzubekommen, und irgendwie schien mir, als würde Taiva, seit Ari mich jede Nacht besuchte, ein wenig aufzuleben. Sie spielte wieder fröhlichere Lieder, lachte öfter – und in Moment dem wusste ich, dass er mit ihr dasselbe gemacht hatte. Doch ich ertrug es weiterhin, hauptsächlich um meine Mutter und Taiva vor ihm zu schützen – und zu verhindern, dass er wieder dasselbe mit Taiva machte…

Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, schlich mich aus dem Haus und floh nach Helsinki, wo ich mich einer Gruppe Obdachloser anschloss, die mich wie eine neue Familie aufnahmen und mich schützten. Auch wenn mir bewusst war, dass ich ihm Taiva dadurch praktisch auslieferte… So lebte ich ein gutes halbes Jahr  auf der Strasse. Bis ich irgendwann auf die Idee kam, nach Hause zu fahren und nachzuschauen, was dort so abging. Ich fuhr mitten am Tag hin, in der Annahme, dass niemand zu Hause sein würde. Doch ich täuschte mich…“

Taiva rutschte ein Stück zurück und zog ihre Beine an den Körper. Noch immers starrte sie vor sich hin, als sie schliesslich wieder das Wort ergriff.

„Die Haustür war nicht abgeschlossen, und so schlich ich mich ins Haus. Es war alles Still, bis ich auf einmal ein Wimmern von oben Hörte – Taiva… Natürlich rannte ich ohne zu überlegen die Treppe hinauf in das Zimmer meiner Schwester. Es war dunkel in dem Raum, und als ich das Licht anmachte, sah ich Taiva auf dem Bett liegen – und in ihrer Brust steckte ein Messer. Wie in Trance ging ich zu ihr. Sie war noch mehr oder weniger bei Bewusstsein, wirkte Überrascht, mich zu sehen. Verzweifelt versuchte ich, das Messer aus ihrem Körper zu ziehen, doch es steckte einfach zu fest. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es sich selber in den Körper gerammt hatte oder ob es irgendjemand anderes war.

Irgendwann hörte ich es hinter mir rumpeln, und als ich mich umdrehte, stand Ari in der Tür. Er grinste breit, und man sah ihm an, dass er betrunken war. Er wankte auf mich zu, doch ich rannte an ihm vorbei aus dem Zimmer. Doch trotz dem Alkohol, den er intus hatte, war er schneller als ich dachte und schubste mich die Treppe hinunter. Ich weis nicht, wieso ich nicht einfach aus dem Haus rannte – jedenfallsf fand ich mich kurz darauf in der Küche wieder, sass in der Falle. Und natürlich stand gleich darauf Ari vor mir. Fast als Reflex griff ich mir ein Messer aus dem Messerblock, als er sich auf mich stürzte. Ich bekam nur noch mit, wie er plötzlich fast lautlos in sich zusammensank. Ich rannte sofort zurück zu Taiva, versuchte erneut, das Messer aus ihrer Brust zu ziehen, doch ich erkannte, dass es bereits zu spät war… Irgendwann fand mich meine Mutter am Bett meiner toten Schwester, wo ich das Messer noch immer umklammerte… Und sie dachte natürlich, dass ich sie… Umgebracht hatte…“

Keiner der beiden sagte ein Wort, als Kaisa ihre Erzählung beendet hatte. Mittlerweile liefen ihr die Tränen in Sturzbächen über die Wangen. Wieder hatte sie die Bilder vor Augen, wie Taiva tot auf dem Bett lag. Wie ihre Mutter sich schreiend auf sie gestürzt hatte, sie von Taiva weggerissen, sie geschlagen hatte. Wie die Polizei sie schliesslich abführte.

„Heilige Scheisse!“, entfuhr es Nakki schliesslich, der nicht an der Wahrheit von Kaisas Worten zweifelte. Durch die Stimme des Keyboarders erwachte Kaisa jedoch aus einer Art Trance. Wieso hatte sie ihm das erzählt? Er würde ihr doch sowieso nicht glauben. Und überhaupt… Sie sprang auf und rannte aus dem Raum. Stürzte sich die Treppe hinunter, währe dabei beinahe gefallen, weil ihr die Tränen die Sicht versperrten. Erreichte schliesslich die Tür des Hauses und durchquerte diese. Draussen schlug ihr kalte Nachtluft entgegen, die sie jedoch gar nicht wahrnahm. Nach kurzem Überlegen rannte sie schliesslich einfach los, mitten in den Wald hinein.

„Kaisa!“ Jonne, der seinen Schützling vom Sekretariat aus hatte rausstürmen sehen, war dem Mädchen bis hinaus auf den Parkplatz gefolgt, wo er sie gerade noch im Wald verschwinden sah. Irritiert ging er zurück in das Gebäude, wo Nakki, ziemlich niedergeschlagen wirkend, gerade die Treppe hinunter kam.

„Was ist passiert?“, wollte Jonne wissen. Nakki zuckte mit den Schultern.

„Naja, wir haben gespielt, und dann geredet… Sie hat mir von ihrer Schwester erzählt und was mit ihr passiert ist, und danach… ist sie einfach losgerannt…“

„Sie hat über ihre Tat geredet?“, entfuhr es Jonne überrascht, woraufhin Nakki ihn irritiert ansah und dann nickte.

„Sie hat noch nie darüber gerdet…“, murmelte Jonne und freute sich im ersten Moment darüber, dass Kaisa endlich jemandem zu vertrauen schien. Doch sogleich schlug seine Freude in Sorge um.

„Wir müssen sie suchen! Wer weiss… ob sie sich was antut… oder was auch immer!“, meinte er, während er hektisch ins Sekretariat stürmte.

„Wieso sollte sie…“, begann Nakki, wurde jedoch sogleich von Jonne unterbrochen.

„Erzähl ich dir gleich, hast du deinen Autoschlüssel hier?“ Nakki griff in seine Hosentasche und nickte gleich darauf. Mittlerweile war auch Ville ins Erdgeschoss hinunter gestürmt gekommen.

Was ist passiert?, wollte er wissen, da er sofort bemerkte, dass irgendwas überhaupt nicht stimmte. Jonne überlegte einen Moment, was er seinem Bruder sagen sollte, entschied sich dann jedoch für die Wahrheit.

Kaisa ist weg. Wir gehen sie suchen, erklärte er. Ville nickte nur.

Ich komme mit.

 

Kaisa stolperte unterdessen orientierungslos durch den Wald. Es war völlig dunkel, und die Tränen, die ihr noch immer übers Gesicht rannen, verbesserten ihre Sicht nicht gerade. Sie war bereits mehrfach gestolpert und auf die Knie gefallen, ihre Hose war zerrissen und ihre Hände brannten. Sie wusste nicht, wie weit sie schon gerannt war, wie tief sie in den Wald gelaufen war. Sie war völlig ausser Atem. Ob man schon nach ihr suchte? Wie würde es weitergehen, wenn man sie fand? Würde man sie zurück in die Psychiatrie bringen? Und ausserdem wusste Nakki nun, was damals passiert war. Ob er es weitererzählen würde? Ob er ihr die Sache überhaupt glaubte? Besonders realistisch klang das ganze ja irgendwie wirklich nicht…

Alles um sie herum begann sich zu drehen, und sie liess sich auf den feuchten und kalten Waldboden sinken. Sie zog die Beine an ihren Körper, umarmte diese und legte den Kopf auf ihren Knien ab. Noch immer raste ihre Atmung, und nach einigen Minuten wurde alles schwarz um sie herum.

Mittlerweile waren Nakki, Jonne und Ville sämtliche Waldwege abgefahren, in denen sie Kaisa vermuteten.

„So weit kann sie doch nicht gerannt sein…“, murmelte Jonne, als er Nakkis Wagen wieder auf dem Parkplatz des Heims abstellte, „Wartet hier, ich schaue nach ob sie wieder zurückgekommen ist.“ Nakki nickte, und er Sprang aus dem Auto zurück ins Gebäude. Doch schon wenige Minuten später kam er wieder raus und riss die Autotür auf.

„Nichts. Allerdings bringt es wohl nichts, wenn wir nochmal losfahren… Wir müssen zu Fuss suchen… Ich hab einige Taschenlampen mitgebracht.“ Schliesslich wandte er sich an Ville.

Nakki und ich suchen nun zu Fuss. Es ist besser wenn du hier bleibst und wartest, dass sie zurückkommt…, meinte er. Natürlich protestierte Ville aufs heftigste, gab schliesslich aber nach, während er seine eigenen Pläne schmiedete.

Er ging zurück ins Gebäude und wartete, bis Jonne und Nakki losgegangen waren. Schliesslich suchte er sich ebenfalls eine Taschenlampe. Draussen auf dem Parkplatz sah er sich um. Wo wäre er an Kaisas Stelle hingerannt? Schliesslich ging er los, instinktiv in die richtige Richtung und schliesslich in den Wald hinein. Nach einigen Metern schaltete er die Taschenlampe ein und sah sich um. Er fühlte sich überhaupt nicht wohl, so alleine in der Dunkelheit. Er glaubte sogar, das Rauschen der Bäume und Knacken der Äste hören zu können. Irgendwoher vernahm er den Ruf einer Eule… – Moment mal, das hatte er gerade wirklich gehört!

„Ich kann hören.“, murmelte er vor sich hin, wiederholte den Satz gleich darauf noch etwas lauter. Tatsächlich. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Er wollte sich eigentlich darüber freuen, doch die Sorge um seine Freundin war gerade zu gross dafür. Mittlerweile war er einfach weitergelaufen, leuchtete mit der Taschenlampe umher und zuckte bei jedem Knacken und Rascheln zusammen. Er wünschte sich schon fast, dass er wieder nicht mehr hören konnte… Mit einem Mal hielt er inne. Hatte er sich das leise Wimmern gerade nur eingebildet? Er leuchtete mit der Lampe um sich herum, erkannte schliesslich eine zusammengekauerte Gestalt wenige Meter von ihm entfernt.

„Kaisa?“ Zögernd ging er näher heran, bis er sich sicher war, dass es sich um Kaisa handelte. In wenigen Schritten war er bei ihr, sank vor ihr auf die Knie und griff nach ihren Händen. Das Mädchen zuckte zusammen, starrte ihn völlig entgeistert an. Ville atmete auf.

„Gott sei Dank, du bist OK! Ich meine… du bist doch OK, oder?“, sprudelte es aus ihm heraus, woraufhin Kaisas Augen nur noch grösser wurden.

„Du… du … kannst du wieder hören?“, kam es heiser über ihre Lippen, woraufhin Ville sie anstrahlte und heftig nickte, „Aber… wie…“ Doch Ville schüttelte nur den Kopf, stand auf und griff erneut nach ihren Händen.

„Erzähl ich dir später. Los, wir müssen zurück, Nakki und Jonne suchen nach dir… Wir waren alle schon ganz krank vor Sorge…“

Kurz zögerte Kaisa noch, bevor sie sich schliesslich von ihrem Freund auf die Beine ziehen liess.

Arm in Arm stapften Kaisa und Ville durch den Wald. Auch wenn Kaisa schreckliche Angst hatte, was ihr nun bevorstehen würde, wenn sie wieder beim Heim waren, war sie dennoch irgendwie froh, das Ville sie gefunden hatte –und nun scheinbar sogar wusste, wie sie wieder zurück kommen würden, denn das hätte sie alleine ganz bestimmt nicht geschafft… Allerdings war Ville selber nicht sicher, ob der von ihm eingeschlagene Weg stimmte… Umso erleichterter war er, als schliesslich die Lichter der Aussenbeleuchtung durch die Bäume schimmerten. Kurz blieb er stehen, woraufhin Kaisa ihn irritiert ansah.

„Hör mal, sag Jonne noch nichts davon dass ich wieder hören kann, OK?“, bat er seine Freundin. Kaisa nickte nur, auch wenn sie nicht ganz verstehen konnte wieso Villes Bruder das nicht wissen durfte. Doch sie war zu müde um nachzufragen, wollte gerade eigentlich nur noch in ihr Bett. Auch wenn sie wusste, dass sie um ein Gespräch mit Jonne wohl nicht herumkommen würde… Vermutlich würden ihre offenen Handflächen noch verarztet werden müssen, ihre Beine waren wohl auch ziemlich zerkratzt, und zudem hatte sie sich, wie sie erst bei der Rückkehr merkte, wohl auch noch den Knöchel verknackst und hinkte nun leicht.

Schliesslich traten sie aus dem Wald, und als sie langsam und noch immer Arm in Arm langsam auf das Gebäude zugingen, bog Nakkis Wagen auf den Parkplatz ein. Sogleich flog die Fahrertür auf, Jonne kam auf die beiden zugerannt. Eine Mischung aus Erleichterung und Besorgnis spiegelte sich auf seinem Gesicht wieder, und er zog seine Schützlinge in seine Arme und drückte sie erst mal fest an sich. Minutenlang standen die drei so da. Mittlerweile war auch Nakki aus dem Auto gestiegen und blieb, erleichternd aussehend, einige Schritte hinter ihnen stehen. Schliesslich löste Jonne die Umarmung.

„Bist du OK?“, wollte er von Kaisa wissen, welche nur auf den Boden starrte und nickte.

„Los, lasst uns reingehen.“, meinte er daraufhin, und sie folgten ihm zurück in das Gebäude.

Einige Minuten später sassen sie zusammen im Speisesaal. Jonne war in der Küche verschwunden, um Tee zu kochen, während sich Nakki Kaisa gegenüber gesetzt hatte und mit einem desinfektionsmittelgetränkten Wattestück ihre zerkratzten Hände abtupfte. Ein Zischen entfuhr Kaisa, da das Mittel ziemlich stark brannte.

„Tuts weh?“, wollte er wissen, woraufhin das Mädchen nickte. Noch immer starrt sie stumm vor sich hin. Ob Nakki Jonne wohl erzählt hatte, was sie ihm erzählt hatte? Ob der Keyboarder ihr glaubte?

Im selben Moment kam Jonne mit einer dampfenden Teekanne und vier Tassen auf einem Tablett aus der Küche und stellte dieses auf dem Tisch ab.

Dann ging er zu Nakki und Kaisa hinüber und nahm vorsichtig Kaisas Hand.

„Vielleicht binden wir das ganze über Nacht am besten ein.“, murmelte er, griff nach einer Gazebinde und einem Verband und machte sich an die Arbeit. Nakki erhob sich von seinem Stuhl.

„Ich mach mich dann langsam mal auf den Heimweg.“, meinte er, umarmte Kaisa kurz von hinten und winkte Ville kurz zu.

„OK, danke nochmal für alles!“, meinte Jonne lächelnd, „Wir sehen uns morgen.“ Nakki nickte nur und verliess daraufhin den Speisesaal. Mittlerweile hatte er auch Kaisas andere Hand eingebunden und wandte sich an Ville.

Geh schon mal in dein Zimmer, ich komme gleich zu dir, ich rede nur noch kurz mit Kaisa.

Ville nickte nur, stand auf und ging nach oben. Ihm war gerade etwas eingefallen, was er nun unbedingt noch ausprobieren wollte…

„Gehen wir kurz ins Büro?“, meinte Jonne, woraufhin Kaisa nickte und aufstand. Dabei knickte ihr linker Fuss weg, und sie konnte sich gerade noch am Tisch festhalten, um nicht hinhzufallen. Jonne sah sie besorgt an.

„Ohje, das müssen wir uns wohl gleich auch noch angucken…“, meinte er und stützte Kaisa vorsichtig, während sie hinüber ins Sekretariat gingen. Kaisa setzte sich auf einen Stuhl, noch immer vor sich hin starrend, und Jonne nahm sich einen weiteren Bürostuhl und setzte sich ihr gegenüber. Er griff nach Kaisas Händen, woraufhin diese zögerlich aufblickte. Jonne lächelte liebevoll.

„Kleines, jag mir nie wieder so nen Schrecken ein wie eben, OK?“, meinte er nur, „Wovor hattest du den Angst? Ich bin echt stolz auf dich dass du dich endlich jemandem anvertraut hast, ehrlich! Vielleicht schaffst du es ja irgendwann noch, mir die ganze Geschichte ebenfalls zu erzählen, dann wären wir schon nen grossen Schritt weiter… Aber nun gehst du besser erstmal ins Bett, OK? Ich helf dir noch eben die Treppe hoch und dann gucken wir uns noch kurz deinen Fuss an…“ Kaisa nickte erleichtert und erhob sich vom Stuhl.

Ville hatte unterdessen einen alten Radio sowie eine CD von Jonnes Band aus dem Schrank geholt und beides auf seinem Schreibtisch abgelegt. Schnell war der Radio an der Steckdose angeschlossen und die CD eingelegt, dann drehte er den Lautstärkeregler erstmal nach ganz unten – wenn er die letzten Male versucht hatte, Musik zu hören, hatte er immer voll aufgedreht und doch nichts gehört… Schliesslich drückte er auf Play und drehte den Regler langsam Millimeter für Millimeter hoch, bis die Musik leise aus den Boxen ertönte. Lächelnd setzte er sich auf den Stuhl und lauschte der Stimme seines Bruders, als auf einmal ein Geräusch von der Tür her ertönte und Ville zusammenzuckte.

Gleich darauf betrat Jonne das Zimmer. Sein Blick fiel erst auf den Radio und dann auf seinen Bruder, der mittlerweile aufgesprungen war und ihn leicht erschrocken ansah. Mitleidig lächelnd ging Jonne auf ihn zu und zog ihn in seine Arme.

„Hach Kleiner…“, murmelte er, was einen Schauer über Villes Rücken hinunterfahren liess. Er kuschelte sich an die Brust des grösseren, hörte Jonnes Herzsschlag mit dem einen und seinen Atem an seinem anderen Ohr. Mit einem Mal füllten sich seine Augen mit Tränen, die er weg zu blinzeln versuchte. Doch Jonne liess ihn bereits wieder los und schaute ihn aufmunternd an.

Das wird wieder, Kleiner. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber irgendwann bestimmt!, meinte er, Und jetzt schlaf gut, und wenn irgendwas ist komm einfach runter.

 

Ville nickte nur, und nun musste er sich ein Grinsen verkneifen. Wenn Jonne wüsste… Als sein Bruder das Zimmer verlassen hatte, setzte er sich wieder auf den Stuhl und drehte die Musik noch ein wenig lauter.

Unruhig wälzte sich Kaisa in ihrem Bett herum. Sie wusste nicht wie lange sie schon wach lag, doch es musste schon ziemlich spät – oder eher früh – sein. Doch die Gedanken drehten sich in ihrem Kopf, fuhren regelrecht Achterbahn, und sie konnte sie einfach nicht abschalten. Zudem pochten ihre Handflächen, ebenso wie ihr lädierter Knöchel. Wieso hatte sie Nakki erzählt, was passiert war? Hatte er ihr geglaubt? Irgendwie war er plötzlich so schnell verschwunden. Was er nun wohl von ihr dachte? Ob er nun noch etwas mit ihr zu tun haben wollte?

Und was war mit Ville? Wieso konnte er plötzlich wieder hören? Hatte er möglicherweise die ganze Zeit nur so getan als ob er nichts hörte? Nein, so gut konnte niemand schauspielern…

Sie warf einen Blick auf ihren Wecker. Die roten Leuchtziffern zeigten 02:33 Uhr. Ob Ville wohl ebenfalls noch wach war? Eigentlich war sie sich fast sicher. Sie schlug ihre Decke zurück und standauf. Nur in ihrem Schlafshirt und barfuss tapste sie zur Zimmertür, öffnete diese und trat auf den Flur hinaus. Nur der leichte Schimmer der Aussenbeleuchtung erhellte diesen ein wenig, doch sie sah auch so genug, um so leise wie möglich ins oberste Stockwerk zu gelangen.

Vor Villes Zimmertür blieb sie stehen, presste ihr Ohr gegen die Holztür und lauschte. Tatsächlich glaubte sie von drinnen leise Musik zu hören. Ob sie anklopfen sollte? Sie zögerte kurz, entschied sich dann für einen Kompromiss. Ganz leicht klopfte sie gegen die Tür und betrat gleich darauf das Zimmer. Es kam ihr vor, als ob das Geräusch beim Herunterdrücken der Türfalle unglaublich laut war.

Tatsächlich brannte im Zimmer noch Licht, Ville sass an seinem Schreibtisch und lauschte der leisen Musik aus dem Radio neben ihm. Überrascht hatte er aufgeblickt und lächelte Kaisa zu.

„Hey!“, meinte er leise.

„Hey!“, antwortete Kaisa und fügte ein entschuldigendes „Ich kann nicht schlafen…“ hinzu.

„Ich habs noch gar nicht versucht…“, erwiderte Ville grinsend und gähnte gleich darauf herzhaft. Kaisa liess sich auf dem Rand seines Bettes nieder.

„Was hast du gemacht, dass du wieder hören kannst?“, wollte sie wissen. Ville zuckte mit den Schultern, stand auf und setzte sich neben Kaisa aufs Bett.

„Keine Ahnung.“, meinte er dann und liess sich hinunter aufs Bett sinken. Kaisa tat es ihm gleich.

„Ich bin einfach in den Wald hinein gelatscht und hab mir vorgestellt, was ich nun wohl alles hören würde wenn ich könnte, und irgendwie ist es immer realer geworden. Und dann hab ich ne Eule schreien gehört…“

Für eine Weile schwiegen sich die beiden an, bis Ville erneut das Wort ergriff.

„Und wieso bist du weggerannt?“, wollte er wissen. Kaisa verkrampfte sich neben ihm, rutschte unruhig hin und her.

„Nakki hat dir doch nichts getan, oder?“ Sofort schüttelte Kaisa energisch den Kopf.

„Nein, keine Angst. Er hat mich nur was gefragt, zu… zum Grund dass ich hier bin, und ich war blöd genug es ihm zu erzählen… Und dann hab ich Panik gekriegt…“

„Und wieso bist du hier?“

Minutenlang kämpfte Kaisa mit sich selber, hin und her gerissen, ob sie es Ville erzählen sollte oder nicht.

„Ich meine, ich weiss was hier alles gelabert wird, Jonne hat auch schon Andeutungen gemacht, aber was stimmt denn nun? Du musst es mir natürlich nicht erzählen, wenn es nicht geht…“ Zögernd griff er nach Kaisas Hand, drückte diese kurz.

Kaisa schluckte die aufgestiegenen Tränen herunter.

„Ville, ich versprech dir dass ichs dir irgendwann erzähle, aber nicht jetzt, nicht heute, OK?“

Eine einzelne Träne rollte über ihre Wange, tropfte hinunter und verlor sich in Villes Bettdecke.

„Hey, ist doch OK!“ Noch einmal drückte Ville, der sich mittlerweile auf die Seite gedreht hatte, Kaisas Hand, „Nicht weinen, OK?“ Er wischte ihr die Tränenspur von der Wange, was Kaisa einerseits lächeln, andererseits noch einige weitere Tränen über ihre Wangen rollen liess. Schliesslich setzte Ville sich hin.

„Wir sollten wohl doch langsam mal schlafen.“, meinte er, „Ich bin mal eben im Bad.“

„OK.“, murmelte Kaisa und setzte sich ebenfalls hin. Während Ville kurz verschwand, kuschelte sie sich bereits unter die Decke. Sie hörte aus dem Badezimmer erst die Klospülung, dann den Wasserhahn laufen. Gleich darauf kam Ville zurück, blieb kurz zögernd vor dem Bett stehen und legte sich dann mit Abstand neben Kaisa.

„Nacht!“, murmelte er, während er nach dem Lichtschalter tastete.

„Nacht.“, antwortete Kaisa leise, und er löschte das Licht.

Die plötzliche Dunkelheit liess die beiden kurz erstarren, bevor sie wie automatisch näher zueinander rutschten. Erst von sich selber erschrocken, erstarrten sie erneut, bis sie feststellten, dass sich die Nähe zum jeweils anderen eigentlich gar nicht so schlecht anfühlte. Im Gegenteil. Und so kuschelten sie sich noch etwas näher aneinander. Bereits nach wenigen Minuten konnte Ville neben sich Kaisas regelmässigen Atem hören. Sie hatte sich im Schlaf gedreht und sich an Ville geklammert. Dieser lag noch etwas länger wach.

Hoffentlich wacht sie rechtzeitig auf, um in ihr Zimmer zurück zu gehen, bevor sie mich morgen früh wecken!, schoss es ihm durch den Kopf. Doch bevor er sich näher damit beschäftigen konnte, übermannte auch ihn der Schlaf.

 


Jonne, der am Abend nach der Suchaktion noch nach Hause gefahren war, hatte am nächsten Morgem eigentlich nichts anderes vorgehabt als einfach mal auszuschlafen. Er hatte schon wieder zahlreiche Überstunden in diesem Monat, welche er irgendwie abbauen musste. So hatte er einige seiner Dienste an andere Mitarbeiter abgegeben, unter anderem auch den Frühdienst an diesem Morgen. Natürlich war er alles andere als erfreut als ihn sein Handy kurz nach sieben aus dem Schlaf holte. Er hatte dieses zwar auf lautlos gestellt, doch das Vibrieren reichte aus, um ihm aufzuwecken.

Stöhnend zog er sich das Kissen über den Kopf, doch das kleine Gerät wollte und wollte nicht aufhören zu surren. Schliesslich tastete er widerwillig nach dem Schalter der Nachttischlampe, betätigte diesen und griff dann nach dem Handy. Auf dem Display blinkte ihm der Name seiner Arbeitsstelle entgegen. Oh nein, was war jetzt wieder los? In der Hoffnung, es wäre nur irgend ein Mitarbeiter krank oder ähnliches, ging er schliesslich ran. Doch natürlich, was hatte er auch anderes erwartet, war dem nicht so.

Am anderen Ende war Antero, ein recht junger Sozialpädagoge, der noch nicht sehr lange im Heim arbeitete. Zwar machte er seinr Sache gut und war auch bei den Jugendlichen beliebt, doch manchmal stiess er noch an seine Grenzen. So auch jetzt, als er Jonne ziemlich verzweifelt bat, doch bitte so schnell wie möglich zum Heim zu kommen. Jonne fragte gar nicht erst nach. Er wusste bereits, dass es wohl etwas mit Ville zu tun hatte. Oder mit Kaisa – was ihm beinahe noch grössere Sorgen bereitete.

Diese fand sich unterdessen eingeschlossen in einem der Besprechungszimmer im Erdgeschoss wieder. Noch immer trug sie lediglich ihre Schlafklamotten und ärgerte sich mittlerweile über sich selber. Wie war sie nur auf die dumme Idee gekommen mitten in der Nacht zu Ville zu gehen? Zwar hatte sie nicht geplant, gleich bei ihm zu übernachten, doch eigentlich hätte sie doch wissen müssen, dass das ganze schief gehen würde… Spätestens als sie sich zusammen in Villes Bett gelegt hatten…

Denn natürlich war sie nicht rechtzeitig aufgewacht, um noch in ihr Zimmer zurück zu gehen. Und so hatte Antero sie schliesslich morgens gefunden, friedlich schlafend bei Ville im Bett, welcher im Schlaf auch noch seinen Arm um sie gelegt hatte. Sogleich setzte der Betreuer dem friedlichen Zusammensein ein Ende, indem er Kaisa unsanft wach rüttelte, geradezu aus dem Bett zerrte und sie in ebendiesen Besprechungsraum brachte. Diese realisierte erst, was passiert war, als sie sich auf dem harten Holzstuhl wiederfand. Und ahnte, dass die Sache für sie und Ville wohl noch unangenehme Folgen haben würde…

Auch Ville sass noch immer völlig verdattert in seinem Bett und verstand nicht so recht, was denn nun passiert war. Nur langsam kehrten die Erinnerungen an den Vorabend zurück. Erst hatte er sich zu Tode erschrocken, als Antero hereingestürmt kam und Kaisa nicht gerade leise aus dem Zimmer brachte. Er hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass er wieder hören konnte. Und nun wusste er nicht so recht, wie er sich und vor allem Kaisa aus dieser Situation retten sollte. Er hatte Angst, sich sprichwörtlich zu verplappern, da er ja eigentlich nicht wollte, dass irgendwer ausser Kaisa wusste, dass er wieder hörte…

Jonne stellte wohl einen neuen Rekord auf, was die Fahrzeit von seiner Wohnung zum Heim betraf, und stürmte dann regelrecht ins Gebäude. Antero, welcher bereits auf ihn gewartet hatte, kam ihm schon im Eingangsbereich entgegen und erzählte ihm aufgeregt, was passiert war. Daraufhin rollte ihm erstmal eine ganze Steinlawine vom Herzen, denn nach dem aufgeregten Anruf hatte er mit dem Schlimmsten gerechnet.

„Wo sind die beiden jetzt?“, wollte er wissen und machte sich nach Anteros Erklärung als erstes auf den Weg ins Besprechungszimmer, in welches Kaisa gesperrt worden war. Er klopfte an, schloss die Tür auf und trat dann ein. Kaisa hatte sich auf ihrem Stuhl so klein wie möglich gemacht und ihre Knie an den Körper gezogen. Als sie Jonne erkannte, schien ein Teil ihrer Anspannung von ihr abzufallen, sie stand auf und ging auf ihn zu.

„Es ist nichts passiert, ich schwörs dir!“, begann sie sogleich, „Ich hab nur bei Ville geschlafen, aber es ist nichts zwischen uns gelaufen.“ Gegen seinen Willen musste Jonne nun grinsen, bevor er seinen Schützling erstmal in seine Arme zog und ihr beruhigend über den Rücken strich.

„Das glaub ich euch sogar!“, meinte er nur, „Aber was hast du überhaupt bei Ville gemacht?“ In wenigen Worten erklärte Kaisa ihm, was vorgefallen war. Jonne nickte nur verständnisvoll, bevor er sie zurück in ihr Zimmer schickte und sich auf den Weg zu seinem Bruder machte.

Dieser emfing ihn aufgeregt fuchtelnd, als er das Zimmer betrat. Mit einigen beschwichtigenden Handbewegungen beruhigte Jonne ihn jedoch schnell und brachte ihn dazu, sich auf den Bettrand zu setzen. Er selber schnappte sich den Schreibtischstuhl und setzte sich ihm gegenüber. Ohne Aufforderung erzählte auch Ville ihm, was vorgefallen war, und beruhigt stellte Jonne fest, dass diese Version mit Kaisas übereinstimmte.

Bitte, du darfst nicht zulassen dass sie sie hier wegholen! Ich brauche sie! Villes Verzweiflung war ihm ins Gesicht geschrieben. Verwirrt runzelte Jonne die Stirn.

Wieso sollten sie sie hier wegholen? Ich glaub euch doch dass nichts zwischen euch war!

Ville zuckte mit den Schultern.

Es darf einfach nicht passieren., meinte er nur, bevor sich seine Augen mit Tränen füllten und er seinen Blick abwandte.

Jonne rollte etwas näher ans Bett heran und legte seine Hände auf Villes Schultern, bis dieser ihn anblickte, das Gesicht noch immer Tränennass.

Hei, niemand hat vor euch zu trennen, OK? Ich merk doch dass ihr euch gut tut. Und wenn ihr in Zukunft solche Aktionen wie das letzte nacht sein lasst… Nun musste Ville grinsen, und auch Jonne lächelte aufmunternd.

 

„Ach, komm her, Kleiner!“, murmelte Jonne und zog seinen kleinen Bruder in seine Arme, „Ich hab dich lieb!“

„Ich… ich dich auch!“, murmelte Ville daraufhin eher als Reflex. Und blickte daraufhin ins überraschte, schon fast schockierte Gesicht seines Bruders.

 

Ungefähr eine Viertelstunde später sassen die beiden Brüder noch immer Arm in Arm nebeneinaner auf dem Bett.

„Oh mann, ich glaub das nicht!“, wiederholte Jonne immer wieder, während er gegen die Tränen kämpfte, „Kaisa hat in wenigen Wochen geschafft, was ich seit Jahren versuche…“ Ville schwieg, unsicher, was nun weiterhin mit ihm passieren würde. Ob er nun das Heim verlassen musste? Weg von Kaisa, welcher in den letzten Wochen wie eine Schwester für ihn geworden war? Er seufzte und liess sich nach hinten sinken.

„Was… was passiert denn nun mit mir? Und mit Kaisa?“, wollte er schliesslich wissen. Jonne zuckte mit den Schultern.

„Nun ja, erstmal wird sich für euch wohl gar nichts ändern…“, meinte er, „Kaisa hat ja noch immer nichts erzählt was mit ihr passiert ist, und du musst dich wohl auch erstmal zurecht finden, jetzt wo du wieder hörst…“

Hörbar atmete Ville auf.

„Gut!“, meinte er nur lächelnd, „Ich möchte sie nicht schon wieder verlieren – jetzt, wo ich endlich jemanden habe…“ Jonne nickte nur verständnisvoll, stand dann aber auf.

„So, aber nun fahr ich mal nach Hause, weiterschlafen.“, meinte er, „Ich sag Antero bescheid dass alles OK ist und du ziehst dich mal an und machst dass du in dein Atelier kommst, OK?“

„OK!“, stimmte Ville zu und stand ebenfalls auf.

„Und in der nächsten Nacht  bleibt ihr in euren eigenen Betten!“, befahl Jonne gespielt streng und verabschiedete sich schliesslich. Tatsächlich konnte er den immer noch nahe am Nervenzusammenbruch stehenden Antero beruhigend und fuhr wieder nach Hause.

 

Villes und Kaisas Verhältnis wurden in der nächsten Wochen nur noch enger als zuvor. Sie waren fast unzertrennlich. Und eines Abends fasste Kaisa schliesslich genügend Vertrauen, um Ville ihre Geschichte zu erzählen. Dieser war ziemlich geschockt, hatte jedoch keine Zweifel dass Kaisa die Wahrheit sagte und versuchte sie davon zu überzeugen, es auch Jonne zu erzählen. Seinerseits erzählte er Kaisa nun von dem Unfall, bei dem er seine Eltern und auch die Fähigkeit zu hören verloren hatte. Dadurch, dass er nun wieder hören konnte, schaffte er es auch endlich sich gegen die Angriffe der anderen zu wehren. Und nicht nur das – sein Selbstvertrauen war nun sogar stark genug dass er zudem Kaisa vor ihnen beschützte.

Auch Jonne war überglücklich über all die positiven Veränderungen seines Bruders, und auch bei Kaisa, welche richtig aufgeblüht war. Nur noch selten fiel sie in ein schwarzes Loch, aus dem sie Jonne und Ville aber jeweils schnell wieder rausholen konnten.

Irgendwann bat Ville seinen Bruder, ihm seine Gitarre mitzubringen, was Jonne auf eine Idee brachte. So setzte er alle Hebel in Bewegung, um eine Überraschung für Sonntag Nachmittag zu organisieren.

So kames, dass Ville und Kaisa im Aufenthaltsraum sassen und ein Kartenspiel spielten, als Jonne den Raum betrat, gefolgt von den Mitgliedern von Villes ehemaliger Band und einigen anderen Freunden.

Ville traute seinen Augen kaum als er seinen Besuch erblickte. Er sprang so hastig auf, dass sein Stuhl umfiel, und rannte ohne sich weiter darum zu kümmern zu seinen Freunden. Er wusste gar nicht, wen er zuerst umarmen und begrüssen sollte. So ausgelassen wie an diesem Nachmittag hatte Jonne seinen Bruder schon lange nicht mehr erlebt. Obwohl Ville seine Freunde über zwei Jahre nicht gesehen hatte war es, als ob sie erst am Tag zuvor das letzte Mal zusammen gewesen wären. Sogar Kaisa, welche noch immer am Tisch sass und die Karten in der Hand hielt, vergass er für einen Moment. Diese hatte unterdessen einen Entschluss gefasst und nutzte die Gelegenheit, um ungestört mit Jonnne zu reden.

Als Ville seine Freunde einige Stunden später wieder verabschiedet hatte, war er noch immer völlig aufgedreht. Er rauschte in Kaisas Zimmer, welche auf ihrem Bett lag und die Decke anstarrte. Er unterbrach den Redeschwall, mit welchem er das Zimmer betreten hatte, und sah seine Freundin fragend an.

„Hey, alles OK?“, wollte er wissen und setzte sich auf die Bettkante. Kaisa nickte nur und versuchte zu lächeln, was aber irgendwie nicht so wirklich funktionieren wollte.

„Was ist los?“, hakte Ville nach, während er Kaisa in seine Arme zog.

„Naja, ich… Ich hab Jonne erzählt was damals passiert ist.“, erzählte sie schliesslich.

„Aber das ist doch toll!“, meinte Ville und knuddelte seine Freundin. Kaisa nickte nur – offensichtlich ahnte Ville nicht, was das noch für Folgen für ihre Freundschaft haben konnte…

 

2 Monate später…

von: kaisa_p22@gmail.fi

an: ville-liimatainen@bsurf.fi

Betreff: ;0)

Hey Kleiner!

Nach etwas mehr als nem Monat schaff ichs nun endlich mal mich bei dir zu melden… Ich hatte in letzter Zeit totalen Stress mit Gesprächen, Gutachten und allem möglichen… Nun ist noch die Verurteilung in einigen Wochen, aber mein Anwalt und meine Sozialarbeiterin meinten, dass die Chancen gut stehen dass ich ohne Strafe davonkomme. Zwar lässt sich nicht jede meiner geschilderten Situationen der „Tat“ zweifelsfrei nachweisen, doch grundsätzlich wird es wohl gut ausgehen… Immerhin liessen sich sogar noch Missbrauchsspuren nachweisen, auch bei meiner Schwester, was mich schon mal stark entlastet…

Ich bin in einer total tollen Pflegefamilie gelandet mit zwei kleinen Mädchen, und alle behandeln mich völlig normal, obwohl sie natürlich wissen was ich angeblich getan habe… Sie haben sogar einen Hund. Aika, einen tollen Golden Retriever, mit dem man wunderbar kuscheln und stundenlang durch die Gegend streifen kann. Überhaupt ist das Haus hier mitten im Nirgendwo, ohne Auto kommt man hier nirgendwo hin. Aber erstaunlicherweise bin ich echt glücklich hier und hoffe, dass ich noch ne Weile hier bleiben kann. Auch wenn ich dich und Jonne echt vermisse… Aber irgendwie habe ich gesehen, wie glücklich du mit deinen Freunden warst, irgendwie war es an der Zeit für mich zu gehen… Du brauchst mich nicht mehr, sozusagen…

Natürlich habe ich immer noch meine Flashbacks und Krisen, das wird wohl nie ganz verschwinden. Kennst du ja vermutlich auch… Allerdings weiss ich nun, dass es Leute gibt die mir zuhören und mich trösten, wenn es mal wieder soweit ist. Manchmal reicht es auch einfach mal den Hund zu knuddeln damit alles wieder OK ist. Oder Klavier zu spielen, hier steht nämlich auch eins rum auf dem ich rumklimpern darf ;.)

Letztens hab ich mal mit Nakki telefoniert, er hat mir erzählt dass du nun auch wieder bei Jonne wohnst und sogar das mit deiner Band wieder läuft. Find ich echt toll! Sag mir doch bescheid wenn ihr mal irgendwo nen Auftritt habt, vielleicht schaff ichs ja zu kommen und euch zu sehen. Wäre überhaupt genial dich mal wieder zu sehen und vor allem knuddeln zu können ;0)

Jedenfalls freu ich mich total was von dir zu hören! Meld dich doch mal! :-*

Liebe Grüsse, auch an Jonne

Kaisa

Trying not to love you… (Skispringen, Wellinger/Geiger, Slash)

Prolog

 

Für einen Moment entglitten ihm seine Gesichtszüge, als er bemerkte, was ihm die Suchfunktion da genau ausgespuckt hatte. Nicht wissend, ob er schockiert sein oder einfach laut loslachen sollte, starrte er auf die Zeilen auf dem Bildschirm.

 

Wellinger/Geiger: Die Weltcup-Saison hat begonnen, und die beiden neuen deutschen Hoffnungsträger Andreas Wellinger und Karl Geiger teilen sich nachts ein Hotelzimmer. Doch Karls Gefühle gehen je länger je mehr über Freundschaft hinaus. Wird Andreas seine Gefühle erwidern?

 

Andreas zuckte heftig zusammen, als er mit einem Mal aus dem Augenwinkel einen Schatten war nahm und den Atem einer anderen Person an seiner Wange spürte. Karl hatte sich hinter seinen Stuhl gestellt, seinen Kopf mittlerweile auf Wellis Schulter platziert und starrte konzentriert auf den Bildschirm des Laptops. Gleich darauf breitete sich eine Mischung aus Entsetzen und eines Grinsens auf seinem Gesicht aus.

 

„Wie krank ist das denn bitte?!“, lachte er daraufhin laut los, klopfte Welli auf die Schulter und trat einen Schritt zurück, „Liest du diese Scheisse etwa?“ Andreas schüttelte nur den Kopf, während Karl sich noch immer lachend umgedreht hatte und sich auf das grosse Doppelbett fallen liess.

„Was haben wir bloss für seltsame Fans, wenn man das überhaupt so nennen kann!“

Noch längere Zeit konnte man den Älteren kichern hören. Welli hingegen starrte noch immer wie erstarrt auf den Bildschirm.

 

Lange zögerte er, warf sicherheitshalber noch einen Blick über die Schulter, und klickte schliesslich auf die FanFiction, deren Kurzbeschreibung er mittlerweile seit einer geschlagenen halben Stunde angestarrt hatte.

 

 

1

 

„Es war einer dieser Abende, an denen Karl wie so oft nicht einschlafen konnte. Nicht, dass er nicht müde war – eher im Gegenteil. Doch alleine die Tatsache, dass Andreas Wellinger mit weniger als einem halben Meter Abstand neben ihm im Bett lag und tief und fest schlief, reichte aus, um ihn wach zu halten. Seufzend drehte Karl sich auf die Seite. Das Mondlicht, welches durch das Fenster schien, erhellte das Gesicht des Jüngeren. Zögernd streckte Karl seine Hand aus, stoppte jedoch wenige Millimeter vor Andreas‘ Gesicht und zog sie schliesslich zurück. Wie Welli wohl reagieren würde, wenn Karl ihm seine wahren Gefühle offenbaren würde…?“

 

„Liest du etwa immer noch diesen Schund?“

 

Vor Schreck wäre Welli beinahe vom Stuhl gefallen, als er Karls Stimme mit einem Mal wieder ziemlich nahe an seinem Ohr hörte. Schnell klickte er die Seite weg.

„Quatsch, ich… Ich habe nur geguckt ob ich noch mehr komisches Zeug finde.“, stammelte er wenig überzeugend und senkte seinen Blick, um die Röte in seinem Gesicht vor Karl zu verbergen. Seltsamerweise schien sich sein Kumpel mit dieser Antwort zufrieden zu geben. Er wuschelte dem Jüngeren nur durch die Haare und meinte: „Verschieb das besser auf später, wir müssen zum Training.“ Mit diesen Worten ging Karl zur Zimmertür. Und Welli ertappte sich selber erschrocken dabei, wie er seinem Zimmergenossen auf den Hintern starrte. Schnell schüttelte der den Kopf. Vielleicht sollte er diese dummen Geschichten wirklich Geschichten sein lassen…

 

***

 

Etwas mehr als eine Stunde später stand Welli im Hotelzimmer unter der Dusche und liess sich das warme Wasser auf den Körper prasseln. Das Training war alles andere als gut verlaufen, weil ihn der Gedanke an diese blöde Geschichte einfach nicht mehr losliess. Wie kamen diese Fans überhaupt auf solche Ideen? Er und Karle?! Wie schwachsinnig… Kam er möglicherweise tatsächlich irgendwie rüber als ob er schwul wäre? Doch wie konnte er etwas daran ändern?

 

Ein Klopfen an der Badezimmertür holte ihn aus seinen Gedanken.

„Ey, lass mir auch noch etwas warmes Wasser übrig!“, kam Karls Stimme gedämpft durch die Tür. Andreas stellte das Wasser ab und griff nach seinem Handtuch. Er trocknete sich ab, rubbelte ein wenig seine Haare trocken und wickelte es sich daraufhin um die Hüfte. Er konnte gerade so die Tür öffnen, als Karl auch schon ins Bad gestürmt kam, ebenfalls nur mit einem Handtuch bekleidet. Wie automatisch wanderten Wellis Augen über seinen Körper, jedoch wendete er sogleich seinen Blick ab, als er es bemerkte. Er lief knallrot an und stürmte ins Zimmer. Karl schien glücklicherweise nichts bemerkt zu haben, denn er schloss einfach die Tür hinter sich. Gleich darauf war sein fröhliches Pfeifen und das Rauschen des Wassers zu hören.

 

Welli liess sich mit dem Gesicht nach unten aufs Bett fallen. Wie konnte ihn diese doofe Story derart aus dem Konzept bringen? Er kannte Karle nun schon so lange, sie waren Freunde, und er hatte den Älteren auch noch nie als etwas anderes als einen Kumpel betrachtet. Überhaupt noch nie irgendein männliches Wesen… Er stand doch auf Frauen! Es verwirrte ihn zutiefst.

Als er hörte, dass Karl das Wasser abstellte, erhob er sich schnell und zog sich die nächstbesten Klamotten an, welche er fand. Dann griff er nach seinem Laptop. Etwas Ablenkung würde ihm bestimmt gut tun… Doch als er den Bildschirm entsperrt hatte, stellte er fest, dass er noch immer die FanFiction geöffnet hatte.

 

Er setzte den Zeiger seiner Maus auf das kleine rote Kreuz oben in der Ecke, doch mit einem Mal war sein Zeigefinger wie gelähmt, als er die Seite schliessen wollte. Stattdessen liess er seinen Blick noch einmal über die Zeilen wandern. Sofort fand er die Stelle, an der er verblieben war, und las einfach weiter. In der Hoffnung, es irgendwie zu schaffen das Ganze nur als Scherz anzusehen und darüber lachen zu können…

 

Karls lautes Lachen liess ihn schliesslich zusammenzucken. Mittlerweile hatte er sich mehrere Kapitel durchgelesen und er fieberte regelrecht mit.

„Ich fass es nicht! Du liest das tatsächlich immer noch!“, hörte er seinen Zimmergenossen sagen.

„Ich will doch nur wissen ob wir zusammenkommen!“, entfuhr es ihm, was Karle jedoch nur noch lauter lachen liess. Doch Welli war bereits wieder in die FanFiction vertieft. Auch Karl schnappte sich sein Laptop und machte es sich auf dem Bett gemütlich.

 

Irgendwann war Andreas am Ende des vorerst letzten Kapitels angekommen, ihm schwirrte der Kopf. In der Geschichte waren sich Andreas und Karl schon etwas näher gekommen, und irgendwie fand er die Vorstellung mittlerweile gar nicht mehr so abwegig. Jedenfalls war er sehr gespannt auf das nächste Kapitel. Er speicherte die Seite in seinen Favoriten und klappte dann den Laptop zu. Zögernd warf er einen Blick zum Bett. Karl tippte munter auf seiner Tastatur herum und wirkte sehr konzentriert. Dennoch schoss Welli die Röte ins Gesicht. Seine Fantasie ging wohl gerade mit ihm durch, denn irgendwie kam es ihm gerade gar nicht mehr so abwegig vor, das gelesene in die Tat umzusetzen…

 

Nein, halt, Stopp! Das ging nun definitiv zu weit! Er war einfach nur müde, die ganze Reiserei stresste ihn, immerhin war das auch sein erster Weltcup… Kein Wunder dass er da ein wenig Verrückt spielte… Aber ernst zu nehmen war das ganze definitiv nicht… Er rieb sich die Schläfen und erhob sich dann von seinem Stuhl. Um sich gleich darauf wieder hinzusetzen mit dem Plan, die Story wieder aus den Favoriten zu löschen. Doch als er die Seite erneut öffnete, zögerte er. Denn ein kleiner Pfeil verriet, dass wohl soeben ein weiteres Kapitel online gestellt worden war.

 

2

 

Zu Wellis Entsetzen ging es im neusten Kapitel ordentlich zur Sache, doch er schaffte es einfach nicht, wegzuklicken – geschweige denn, einfach mit dem Lesen aufzuhören. Zu allem Überfluss begann auch sein Körper auf das Geschriebene zu reagieren… Wie durch Nebel hörte er Karl irgendetwas sagen. In seinem tranceartigen Zustand hatte er völlig vergessen, dass dieser sich noch immer im Raum befand… Und mittlerweile waren die Folgen der Fanfiction kaum noch zu übersehen. Sofort sprang er auf, stürzte ans andere Ende des Zimmers und verbarrikadierte sich im Bad, wo er sich an der geschlossenen Tür hinuntersinken liess. Sein Herz raste und er zwang sich, erst mal tief durchzuatmen.

 

Von draussen klopfte Karl gegen die Tür.

„Welli, bist du OK?“, drang es gedämpft durch die Tür. Der angesprochene nickte nur und realisierte erst, dass Karl das natürlich nicht sehen konnte, als dieser von aussen erneut an die Tür klopfte.

„A… alles klar.“, meinte er deshalb gerade laut genug dass es Karl draussen verstand.

„Wirklich?“ Karls Stimme klang misstrauisch. Andreas Schwieg. Und als ob die Situation nicht so schon peinlich genug war, füllten sich seine Augen auch noch mit Tränen, welche er nicht zurückhalten konnte. 

 

Obwohl er seine Hände gegen sein Gesicht presste, entfuhr ihm ein auch für Karl auf der anderen Seite der Tür hörbares Schluchzen. Dieser runzelte besorgt die Stirn.

„Kleiner, mach doch die Tür auf!“ Erneut klopfte er leicht. Zu seinem Erstaunen war daraufhin tatsächlich das Umdrehen eines Schlüssels zu hören. Vorsichtig drückte er die Türklinke hinunter und schob die Tür, soweit wie es der noch immer dahinter sitzende Welli zuliess, einen Spalt auf. Es reichte gerade so, um sich hindurch zu quetschen. Andreas hatte die Beine an seinen Körper gezogen und sein Gesicht in seinen Armen vergraben. Karl ging vor ihm in die Knie.

 

„Hey…“, murmelte er und legte seine Hand auf Wellis Arm. Dieser hob den Kopf. Sein Gesicht war vom Weinen ganz rot, und noch immer liefen Tränen über seine Wangen. Karl setzte sich neben seinen Kumpel, legte seinen Arm um ihn und zog ihn vorsichtig an sich. Dieser verkrampfte sich im ersten Moment, lehnte sich dann aber an den Älteren und liess seinen Kopf auf dessen Schulter sinken.

„Krise, hm?“, murmelte Karle und strich über Wellis Arm, „Keine Sorge, das geht jedem mal so… Das geht vorbei.“

Oder auch nicht…, dachte Andreas, nickte aber trotzdem leicht. Irgendwie fühlte es sich gerade zu gut an, so an Karl gekuschelt im Bad zu sitzen…

 

Doch nach einiger Zeit stand Karl ächzend auf, streckte sich und steckte Welli seine Hand hin.

„Los, komm, lass uns Fernsehen. Oder sonst irgendwas machen, was dich ablenkt. Heimweh geht vorbei…“, meinte er.

Heimweh… Wenn es nur das wäre…, dachte sich Welli, griff jedoch trotzdem nach Karls Hand und liess sich auf die Beine helfen. Er folgte ihm ins Zimmer und liess sich neben ihm aufs Bett fallen. Karl hatte sich unterdessen die Fernbedienung gegriffen und zappte wahllos durch das Programm. Irgendwann blieb er an einer Serie hängen, während Andreas gedanklich schon wieder ganz weit weg war.

 

Aus den Augenwinkeln beobachtete er den Älteren, welcher konzentriert auf den Fernseher starrte. Zwischendurch hallte immer mal wieder sein Lachen durchs Zimmer. Wieder erinnerte er sich an gewisse Szenen aus der FanFiction. Doch bevor das Ganze wieder Überhand nehmen konnte, schüttelte er heftig den Kopf, um die unerwünschten Gedanken zu vertreiben. Karle hatte recht, er musste sich ablenken. Und er wusste auch schon wie… Gleichzeitig würde ihm diese Idee auch weiterhelfen, rauszufinden, wie es um ihn stand…

 

Er stand auf und holte sich sein Laptop vom Tisch. Damit machte er sich auf den Weg zurück zum Bett, wo er sich die Ohrstöpsel seines iPods vom Nachttisch griff. Schnell waren diese ins Laptop gestöpselt, doch vorerst würden sie noch nicht gebraucht werden. Schnell hatte er eine Internetseite geöffnet, auf deren Startseite sich bereits wenig bis gar nicht bekleidete Damen tummelten. Und zu seiner Erleichterung reagierte sein Körper darauf. Gott sei Dank!

Neben ihm hatte Karl mittlerweile den Fernseher ausgeschaltet und sich von ihm weg gedreht in seine Bettdecke gekuschelt.

 

Schnell steckte sich Welli die Ohrstöpsel in die Ohren und klickte eine weitere Homepage an. Nun waren es nicht mehr nur Bilder, sondern Videos und natürlich auch die dazu gehörende Geräuschkulisse. Und auch dieses Mal reagierte sein Körper wie erhofft. Er warf einen Seitenblick zum mittlerweile schlafenden Karl, bevor sich seine Hand ihren Weg in seine Hose suchte. Bereits jetzt musste er seine Zähne zusammenbeissen, um nicht laut zu werden. Doch schon bald war er völlig ins Video versunken und schaffte es gerade noch so seinen Mund zu halten. Umso erschrockener war er, als er mit einem Mal eine zweite Hand in seiner Hose spürte.

 

Karls Hand.

 

 

3

 

Erschrocken schaute Andreas neben sich. Karl war ganz an ihn heran gerutscht, sein Blick auf den Laptopbildschirm gerichtet, und ihm war definitiv anzusehen, was das Video bei ihm auslöste. Eine Hand war in seiner eigenen Hose verschwunden, die andere in Wellis. Dieser schluckte schwer, denn nach dem anfänglichen Schrecken musste er sich eingestehen, dass ihn die Situation durchaus anmachte. Kurz zögerte er, bevor er seine Hand aus seiner Hose zog und sie zielstrebig in Karles verschwinden liess. Dieser grinste ihn nur kurz frech an, bevor er sich wieder auf das Video konzentrierte. Die Ohrstöpsel wurden aus dem Laptop gezogen, und nicht nur aufgrund der Geräuschkulisse vergassen die beiden gleich darauf wieder alles um sich herum.

 

Nur kurze Zeit später war alles vorbei. Noch immer raste Wellis Atem, er hatte sich zurückgelehnt und starrte ins leere. Karl neben ihm lag an ihn gelehnt daneben. Doch so langsam klarten Andreas‘ vernebelte Gedanken wieder auf, er begann sich zu verkrampfen.

Eigentlich hatte er sich mit der Sache doch nur klar machen wollen, dass er NICHT auf Männer stand, und nun hatte es damit geendet, dass er mit seinem Kumpel rumgemacht hatte… Und ebendieser Kumpel, wohl bereits im Halbschlaf, kuschelte sich gerade noch näher an ihn und umarmte ihn…

 

Schluss. Ende. Er musste hier weg. Innert Zehntelsekunden war Welli aufgesprungen. Irritiert sah Karl ihn an. Doch er war bereits in seine Turnschuhe geschlüpft, sah sich unsicher um und stürmte dann auf die Zimmertür zu.

„Welli!“, hörte er Karl noch rufen, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Zielstrebig und doch ohne klares Ziel stapfte er den Hotelflur entlang, stieg die drei Treppen hinunter und verliess das Hotel. Als die Schneeflocken seine nackten Arme berührten, fiel ihm auf, dass er nur T-Shirt und Trainingshose trug. Egal, nur weg hier.

 

Mit der Zeit fühlten sich seine Arme taub an, seine Schuhe waren durchgeweicht, und er hatte definitiv die Orientierung verloren. Der Schneefall war stärker geworden, er konnte kaum noch etwas erkennen. Die Häuser um ihn herum wurden weniger, offensichtlich kam er langsam aus dem Dorf heraus. Dennoch stapfte er weiter – vermutlich würde er das Hotel sowieso nicht wiederfinden… Irgendwann stellte er fest, dass ihn seine Beine ohne dass er es wollte zur Schanze getragen hatten. Seufzend blieb er stehen und sah daran hoch.

 

Natürlich war der kleine Gondellift ausgeschaltet, also kletterte er am Rande der Schanze nach oben und stieg schliesslich die Treppe hoch bis ganz oben. Dort setzte er sich hin. Durch den Schneefall waren die Häuser und Lichter des Dorfes nur schwach zu erkennen. Er zog die Beine an den Körper und rieb sich mit den kalten Händen die ebenso kalten Oberarme, was jedoch nicht gerade von Erfolg gekrönt war. Mittlerweile fand er die Idee, hier zu sitzen, nicht mehr ganz so toll – doch wo sollte er hin?

 

Hätte er doch seine Jacke mitgenommen… Oder wäre gar nicht erst losgerannt… Seinen Ursprünglichen Plan, sich wieder im Bad einzuschliessen, ausgeführt… Das hatte er nun davon… Er wusste nicht, wie kalt es genau war, aber definitiv mehrere Grad unter null. Ob er wohl erfrieren würde wenn er die ganze Nacht hier sass? Vielleicht sollte er doch versuchen, das Hotel wiederzufinden… Doch eigentlich fühlten sich seine Glieder schon viel zu starr an um aufzustehen… Er legte seinen Kopf in seine Arme. Die Schneeflocken, die auf seine Haut fielen, nahm er schon gar nicht mehr wirklich war.

 

Irgendwann – er wusste nicht mehr ob er erst Minuten oder schon Stunden dort sass, glaubte er, Schritte und Stimmen zu hören. Fing er nun schon an zu halluzinieren? Doch nun schien wieder irgendjemand seinen Namen zu rufen. Die Schritte kamen näher. Und dann zuckte er zusammen, als etwas um seine Schultern gelegt wurde und er gleich in die Arme von irgendjemandem gezogen wurde.

„Mensch, du kleiner Idiot, willst du dich umbringen?“ Es fiel Andreas unglaublich schwer, doch irgendwie schaffte er es, die Augen zu öffnen. Es war Karl, dessen Jacke er nun trug, der nun selber nur noch im Pulli neben ihm im Schnee kniete und ihn umarmte. Er glaubte, weitere Schatten und Stimmen um sich herum wahr zu nehmen, konnte sie jedoch nicht zuordnen. Also schloss er die Augen wieder. Er war unglaublich müde. Und gleich darauf wurde alles schwarz um ihn herum.

 

 

4

 

Das nächste, was Andreas wahr nahm, war, dass die Kälte um ihn herum verschwunden war. Wieder hörte er Stimmen in seiner Nähe, und er versuchte die Augen zu öffnen. Gleich darauf kniff er sie wieder zusammen. Es war wohl mittlerweile Tag geworden, denn die Sonne schien ihm direkt ins Gesicht. Ob er tot war?

Doch die Stimmen wurden deutlicher, eine davon gehörte definitiv zu seinem Trainer, die andere, weibliche, war ihm unbekannt. Vermutlich wäre der Tod die bessere Alternative gewesen… Wie sollte er denn nun diese Aktion den anderen erklären?

 

„…er ist nur ein wenig unterkühlt. Vermutlich hat er sich noch eine ordentliche Erkältung eingefangen, aber ansonsten wird er in Kürze wieder einsatzfähig sein. Gönnen sie ihm einige Tage frei, danach sollte alles wieder OK sein. Die Sache hätte auch schlimmer ausgehen können…“, hörte der die Stimme der Dame sagen. Noch einmal startete er einen Versuch, seine Augen zu öffnen. Langsam gewöhnte er sich an das Licht.

 

„Na, endlich ausgeschlafen?“

Welli zuckte zusammen, er schaute an und sah Werner Schuster direkt neben seinem Bett stehen. Er starrte auf seine Bettdecke, biss sich auf die Unterlippe und traute sich kaum, den Trainer anzusehen.

„Ich, es…“, begann er, doch sein Trainer winkte ab.

„Du brauchst mir nichts zu erklären, Karl hat mir schon alles erzählt.“ Ach du scheisse…

„Aber wenn er dich das nächste Mal ärgert, darfst du auch gerne bei mir anklopfen anstatt planlos in die Nacht hinaus zu rennen. Wer weiss was passiert wäre, wenn wir dich nicht gefunden hätte… Zum Glück kam irgendwer auf die Idee, an der Schanze nachzusehen…“

 

Häh? Was hatte Karle ihm erzählt? Doch hoffentlich nicht die Wahrheit…? Doch was war überhaupt die Wahrheit? Etwas unsicher schaute er den Trainer an, auf dessen Gesicht sich mittlerweile ein warmes Lächeln ausgebreitet hatte.

„Jedenfalls fährst du nun erstmal n paar Tage nach Hause und erholst dich. Sapporo wird halt für dich ausfallen, aber das ist ja nicht weiter schlimm… Und danach müssen wir die Hotelzimmerverteilung wohl nochmal überdenken… Ich denke ja nicht dass du weiterhin eins mit Karle teilen willst, oder?“

 

Welli zuckte nur mit den Schultern, nicht wissend was er darauf nun anworten sollte.

„Wir können das auch spontan entscheiden…“, fuhr Schuster fort, „Jedenfalls kannst du dich dann mal umziehen, ich hab dir n paar frische – warme – Sachen mitgebracht. Danach fahren wir erstmal ins Hotel zurück und dort wirst du dann abgeholt für die Heimreise. Ich warte draussen.“

Der Skispringer konnte nur nicken. Er wartete, bis sein Trainer das Zimmer verlassen hatte, und griff dann nach dem Rucksack, den dieser am Bettende abgestellt hatte.

 

Nur wenige Minuten später war er fertig und sprang auf. Erst mal musste er sich noch einmal hinsetzen, weil ihm leicht schwindlig war, doch der zweite Versuch klappte. Dennoch bewegte er sich recht vorsichtig zur Zimmertür und in den Flur hinaus. Werner Schuster, der sich auf einen Stuhl im Flur gesetzt hatte und eine Zeitung las, sah auf.

„Können wir?“, wollte er wissen. Welli nickte nur.

 

Die Fahrt zurück zum Hotel war kurz. Er hoffte, dass er Karl nicht mehr begegnen würde, als er den Flur entlang ging. Er öffnete die Tür. Doch das Schicksal war nicht auf seiner Seite, denn Karl lag auf dem Bett, neben ihm Wellis gepackte Reisetasche. Er sah auf, als der Jüngere das Zimmer betrat. Schon war er aufgesprungen und in wenigen Schritten bei Welli, den er sofort in die Arme schloss.

„Mensch Kleiner, es tut mir so leid!“, murmelte er. Andreas reagierte nicht darauf, musste sich jedoch eingestehen, dass es sich gar nicht so schlecht anfühlte, so an seinen Kumpel gekuschelt da zu stehen.

 

„Wenn ich gewusst hätte, was ich mit der Scheiss FanFiction auslösen würde…“, meinte Karl. Welli erstarrte, löste sich aus der Umarmung und trat einen Schritt zurück.

„Du?!“, entfuhr es ihm. Karl senkte seinen Blick und nickte leicht. Welli war sprachlos, seine Gedanken fuhren Achterbahn. Glücklicherweise klopfte es im selben Moment an die Zimmertür.

 

„Andreas? Bist du soweit? Wir müssen zum Flughafen…“

 

5

 

Ohne Karl noch eines Blickes zu würdigen, schnappte sich Welli seine Tasche und verliess das Zimmer. Bereits auf der Fahrt zum Flughafen begann sein Hals zu kratzen, die Nase lief und als er schliesslich in sein Flugzeug stieg, waren leichte Kopfschmerzen dazu gekommen. Er verschlief den grössten Teil des Flugs. Wieder gelandet, fühlte er sich definitiv krank und wurde zu Hause von seiner Mutter sogleich ins Bett gepackt. Das Positive daran war, dass er dadurch wenigstens mal nicht an Karl denken musste…

 

Erst beinahe 24 Stunden später wachte er wieder auf. Sein Magen knurrte, doch noch war ihm zu schwindelig um aufzustehen und sich etwas zu essen zu holen. Also liess er seinen Blick durch sein Zimmer schweifen. Es war irgendwie schon verdammt lange her, dass er das letzte Mal hier gewesen war. Irgendwie hatte er es vermisst. Andererseits wollte er auch die Erlebnisse mit dem Team nicht missen… Und nun kehrten auch die Sache mit Karl in seine Gedanken zurück…

 

Schnell griff er nach der Fernbedienung auf seinem Nachttisch und schaltete den Fernseher ein, doch auch dieser schaffte es irgendwie nicht so wirklich ihn abzulenken. Seufzend setzte er sich auf den Bettrand. Vorsichtig stand er auf, ging noch leicht schwankend zur Tür und dann die Treppe hinunter in die Küche. Dort machte er sich einige Brote, nahm sich etwas zu trinken und ging dann wieder nach oben. Unterwegs musste er einmal stehen bleiben und tief durchatmen, als der Schwindel zurückkam. Wieder oben angekommen, zappte er durchs Programm, fand jedoch nichts, was ihn interessierte.

 

Also griff er nach seiner Tasche, welche noch immer unausgepackt im Zimmer stand. Auf der Suche nach seinem Laptop fiel ihm sein Handy in die Hände. Er hatte einige neue Nachrichten, die meisten von seinen Teamkollegen, welche ihm eine gute Besserung wünschten. Auch Karl hatte geschrieben. Doch nach einigem Zögern legte Welli sein Handy wieder weg, ohne seine Nachricht gelesen zu haben. Gleich darauf fand er auch sein Laptop und startete es auf.

 

Nachdem er ein wenig herumgesurft hatte, fiel ihm Karls Geschichte wieder ein. Er zögerte kurz, dann klickte er den noch immer abgespeicherten Link an. Tatsächlich hatte Karle noch weiter geschrieben. Auch in der Geschichte hatten sich Karl und Andreas gestritten. Karl machte sich daraufhin ziemliche Vorwürfe, es ging ihm ziemlich schlecht, und er hatte Angst, dass Welli ihm nicht verzeihen würde. Tatsächlich schien es darauf hinauszulaufen. Das Kapitel endete damit, dass Karl darüber nachdachte, sich etwas anzutun.

 

Panik machte sich in Wellli breit. Wie ernst konnte er das ganze nehmen, wie ähnlich waren die Gedanken und Gefühle vom Karl in der Geschichte mit denen des echten Karls? Er griff nach seinem Handy und suchte die noch ungelesene Nachricht.

Bitte hass mich nicht! Ich konnte ja nicht ahnen, dass du das jemals lesen würdest… Ich kann doch auch nichts für meine Gefühle… Vergiss es einfach, OK? Vergiss alles, was passiert ist… K.

Fast dieselben Worte hatte der Karl in der FanFiction in seinem Abschiedsbrief verwendet…

 

Seine Hände zitterten, als er auf seinem Handy Karls Nummer suchte und versuchte ihn anzurufen. Er liess es gefühlte hundert Male klingeln, doch er ging nicht ran. Gleich darauf versuchte er, irgendjemanden anderes aus dem Team zu erwischen. Doch irgendwie ging keiner an sein Handy. Er zögerte, bevor er schliesslich Werner Schusters Nummer wählte. Es klingelte drei, vier Male, bevor der Trainer schliesslich ran ging.

„Andreas! Na, bist du wieder fit?“ Welli liess ihn kaum ausreden.

 

„Ist Karl in deiner Nähe?! Bitte, ich muss es wissen! Ist er OK?“, sprudelte es ohne irgendeine Begrüssung aus ihm heraus.

„Er fühlte sich heute nicht besonders gut und ist deshalb nicht im Training… Er müsste in seinem Hotelzimmer sein…¨, antwortete der Trainer.

„Kannst du bitte nachschauen? Ich erreiche ihn nicht, ich mach mir irgendwie Sorgen…¨

„Welli, ich denke nicht…“, begann Schuster, wurde jedoch sogleich wieder unterbrochen.

„Bitte!“

 

Tatsächlich hatte er den Trainer überreden können, nachzusehen. Dieser hatte ihm versprochen, ihn gleich darauf zurückzurufen. Nervös tigerte Welli in seinem Zimmer auf und ab, das Handy in der Hand. Es kam ihm vor, als hätte er seit Stunden gewartet, als dieses endlich wieder klingelte.

 

„Welli? Es ist alles in Ordnung! Er hat nur geschlafen. Ich hab ihm gesagt, er soll dich anrufen. Aber was ist eigentlich los mit euch beiden?“

Eine ganze Steinlawine fiel Welli vom Herzen, erleichtert setzte er sich auf den Bettrand.

„Gar nichts, alles OK. Ich dachte nur… Ach, egal. Danke dass du nachgeschaut hast.“

 

 

6

 

Natürlich rief Karl nicht an. Andreas hatte auch nichts anderes erwartet. Und genau genommen war es ihm auch lieber. Denn wie er sich eingestehen konnte, herrschte in ihm das totale Gefühlschaos. Was empfand er für Karl? Liebte er ihn? Oder hatte ihn diese dumme Geschichte einfach nur verwirrt, dass er nun so durchdrehte? Doch, was wenn er nun herausfinden würde, dass er Karl nicht liebte, dieser aber ihn? Oder umgekehrt, dass die Geschichte nur ein dummer Scherz war, er aber nichts für Welli empfand? Wie würden sie in einer solchen Situation miteinander umgehen?

 

Er war froh, dass er nun einige Tage frei hatte und darüber nachdenken konnte. Sogar im Traum verfolgten ihn die verschiedenen Situationen, wobei sich diese mit den positiven Ausgängen allerdings häuften. Ob das ein Zeichen war? Irgendwann wurde ihm allerdings klar, dass er wohl keine Entscheidungen treffen konnte, ohne mit Karl geredet oder ihn zumindest gesehen zu haben. Schliesslich kam der Tag, an dem er seine Sachen packte um zum Team zurück zu kehren. Er sah dem Ganzen mit gemischten Gefühlen entgegen.

 

Schliesslich fuhr sein Zug am Zielbahnhof ein. Ihm war etwas mulmig, als er auf den Bahnsteig hinaus trat und sich umsah. Glücklicherweise war nur einer der Betreuer zu erkennen, welcher auf ihn wartete. Auf dem Weg zum Hotel wurde nur wenig gesprochen, und zu Wellis Erleichterung war sein Team gerade beim Training, sodass er in Ruhe sein Hotelzimmer beziehen konnte. Vorerst sollte er es erstmal wieder mit Karl teilen, jedoch konnte er nach Aussage des Betreuers nur Bescheid sagen, falls es nicht funktionieren würde…

 

Nachdem er seinen Kram verstaut hatte, setzte er sich erstmal aufs Bett und sah sich im Zimmer um. Karl hatte sich bereits eingerichtet, überall lagen seine Sachen herum, sein Laptop stand auf der einen Bettseite, und auch im Bad hatte er sein Dusch- und anderes Kosmetikzeug bereits verteilt. Welli musste grinsen, obwohl das Zimmer wohl auch nicht ordentlicher ausgesehen hätte, wenn er alleine oder sie beide zusammen hier gewesen wären. Schliesslich stand er auf und ging zum Fenster. Dabei fiel sein Blick auf einen schwarzen Pullover, der an einem Stuhl hing.

 

Kurz zögerte er, bevor er nach dem Kleidungsstück griff und sein Gesicht in dem weichen Stoff vergrub. Der leichte Geruch nach Waschmittel, Deo und Duschgel – eben einfach nach Karl – stieg ihm in die Nase. Kurz schloss er die Augen, stellte sich den Älteren vor. Und im selben Moment wurde hinter ihm die Zimmertür geöffnet. Den Pulli noch immer an sich gedrückt, starrte er erschrocken zur Tür. Karl, der in der Tür stand, schaute ihn überrascht an. Welli merkte, wie sein Gesicht knallrot wurde. Schliesslich begannen Karls Mundwinkel zu zucken, bevor er laut loslachte. Und auch Welli konnte sich daraufhin ein Grinsen nicht mehr verkneifen. Die Situation war einfach irgendwie zu absurd.

 

Schliesslich durchquerte Karl mit wenigen Schritten das Zimmer, bis er vor Welli stand. Er zögerte kurz, bevor er sich einfach runterbeugte und den jüngeren umarmte. Wie sie es eigentlich immer zur Begrüssung machten. Nur dass Karl ihn dieses Mal länger als sonst festhielt.

„Ich freu mich dass du wieder da bist!“, murmelte der Ältere. Welli, der bisher noch wie erstarrt dagesessen hatte, liess schliesslich den Pulli fallen und legte ebenfalls vorsichtig die Arme um seinen Kumpel.

 

Erleichtert stellte Andreas fest, dass sich die beiden noch immer wie normal unterhalten und auch rumalbern konnten. Dennoch war er etwas unsicher und wusste, dass er die Sache mit der Geschichte und was diese alles so bewirkt hatte, unbedingt noch ansprechen musste. Schliesslich kam ihm Karl jedoch zuvor. Es war einige Stunden später, als die beiden auf dem Bett lagen. Der Fernseher lief, jedoch waren beide in ihre Gedanken vertieft, sodass sie nicht wirklich mitbekamen, was lief. Irgendwann räusperte sich Karl schliesslich.

 

„Welli?“, murmelte er schliesslich und drehte sich auf die Seite.

„Hmm?“, antwortete dieser, wobei er bereits ahnte, was nun kommen würde.

„Du bist doch nicht mehr sauer wegen der Sache mit der FanFiction, oder? Irgendwie hab ich damit so viel kaputt gemacht…“

„Ich war doch nie sauer…“, antwortete Welli, ohne den anderen anzuschauen, „Es hat mich nur irgendwie… verwirrt… Ich wusste nicht mehr, was ich denken – und vor allem fühlen sollte… Wir waren immer nur Freunde, aber jetzt… Irgendwie weiss ich gar nicht mehr, was wir jetzt sind…“

 

„Würdest du denn etwas anderes als Freundschaft wollen?“, kam es von Karl, der auf seine Bettdecke starrte und mit dem Finger die Muster von dieser nachzeichnete. Andreas zuckte mit den Schultern.

„Nun ja, ich könnte mir irgendwie schon… mehr vorstellen“, murmelte er, in der Hoffnung, nichts damit kaputt zu machen, „Aber ich weiss ja nicht, wie es dir geht und ob die Story vielleicht nur ein Scherz war, und überhaupt…“

„War es nicht!“, kam es sofort von Karl. Welli schielte zu seinem Kumpel, der noch immer eingehend die Bettdecke betrachtete, „Ich wusste halt irgendwie nicht… wohin mit meinen Gefühlen… Deshalb hab ich irgendwann angefangen das zu schreiben… Ich konnte ja nicht ahnen dass du das lesen würdest…“

 

„Wieso hast du denn nicht einfach was gesagt?“, fragte Welli, konnte sich die Antwort jedoch schon selber denken, „Dann hätte ich gar nicht wegrennen müssen und überhaupt…“

„Naja, wärst du denn ohne die Geschichte überhaupt mal auf die Idee gekommen, dass… Naja, du weisst schon…“, murmelte Karl. Ehrlich schüttelte Andreas den Kopf.

„Eben…“, meinte Karl nur.

„Und was jetzt?“, fragte Welli.

„Keine Ahnung…“, gestand Karl, „Würdest du es denn versuchen wollen? Mit mir? Ich meine… Wir müssen ja nicht gleich händchenhaltend durch die Gegend rennen… Und überhaupt… Wir können es ja auch… langsam angehen lassen… Nun ja…“

 

Andreas zögerte, dachte lange nach, was er nun antworte sollte, und als Karl schon fast nicht mehr damit rechnete, meinte er schliesslich: „Okay…“

Auf Karls Gesicht breitete sich ein Lächeln aus.

„Dann sind wir jetzt… zusammen?“, fragte er sicherheitshalber nach. Welli zuckte mit den Schultern, nickte dann aber und begann ebenfalls zu grinsen.

 

Ungefähr eine Stunde später lagen die beiden nebeneinander im Bett. Licht und Fernseher waren bereits aus, nur der Mond schien ins Zimmer. Noch immer strahlte Welli vor sich hin, irgendwie war er überhaupt nicht müde, und einschlafen würde er sowieso nicht können. Neben ihm wälzte sich Karl von einer Seite auf die andere, und sein Atem verriet ihm, dass sein Freund wohl auch noch nicht schlief. Er zögerte kurz, bevor seine Hand sich zu ihm hinüber tastete, unter die Decke schlich und schliesslich Karls Hand fand. Er hörte den älteren leise kichern, bevor seine Hand gedrückt wurde. Für einige Minuten lagen sie so reglos da. Bis Karl sich schliesslich auf die Seite drehte, hinüber zu Welli rutschte und sich an diesen kuschelte. Dieser drehte sich nun ebenfalls auf die Seite. Plötzlich überkam ihn die Müdigkeit. Mit Karls warmer Hand auf seinem Bauch und dessen ruhigem Atem im Nacken fand er schliesslich innert kürzester Zeit den Weg ins Land der Träume.