Ein sanfter Luftzug, der ihm durch die Haare strich, sagte Ville, dass jemand den Raum betreten hatte. Seine Gesichtszüge verfinsterten sich, und er zog trotzig seine Beine an den Körper und starrte weiterhin aus dem Fenster, vor welchem er sass. Sah hinüber zu den Wäldern, welche in satten Herbstfarben leuchteten, und stellte sich vor, wie es sich angehört hatte, als er das Rauschen der Bäume noch hatte wahrnehmen können. Ein lautloses Seufzen kam über seine Lippen. Ungefähr im selben Moment legte sich eine Hand auf seine Schulter, welche ihn, trotz deren Wärme, erschauern liess. Gezwungenermassen schaute er auf, sah in das Gesicht seines Bruders, welcher ihm ein aufmunterndes Lächeln schenkte, und liess seinen Kopf sogleich wieder sinken. Hatte keine Lust, sich schon wieder dessen Belehrungen anzuhören, oder eher anzusehen – und hinunter in den Speisesaal, um mit den Anderen zu essen, wollte er erst recht nicht. Sich nicht noch weiter demütigen lassen, nicht mehr zu wissen, dass über ihn geredet wurde, obwohl sie genau wussten, dass er es nicht hören konnte…
Er verschränkte seine Arme, heftete seine Augen wieder an das Geschehen auf der anderen Seite der Glasscheibe. Doch sogleich wurde sein Kinn sanft aber bestimmt angehoben und in die entgegengesetzte Richtung gedreht. Jonne hatte bereits angefangen, mit seinen Händen zu gestikulieren.
Abendessen!
Bestimmt schüttelte der Jüngere den Kopf, wandte sich wieder ab. Nun legte sich wieder die Hand auf seine Schulter, rüttelte ihn sanft. Schliesslich wandte er sich genervt wieder dem anderen zu.
Keinen Hunger!, gab er zu verstehen, drehte sich zur Seite. Nun umschloss die Hand seinen Oberarm, zog ihn auf die Beine. Schwach wehrte sich Ville dagegen, schüttelte heftig seinen Kopf und erntete dafür einen strengen Blick seines Bruders, welcher ihm sagte, dass die Grenze von Jonnes Geduld erreicht war. Mit hängendem Kopf schlurfte er zur Tür, blieb davor stehen und wartete darauf, dass sein älterer Bruder vorausging. Widerwillig stapfte er hinter diesem die Treppe hinunter, welche zum Speisesaal führte.
***
Der weisse Kleinbus holperte durch ein Schlagloch, und Kaisas Kopf schlug dadurch leicht gegen die Fensterscheibe. Verschlafen öffnete sie die Augen. Im ersten Moment konnte sie sich nicht orientieren, sah sich etwas hilflos im fahrenden Auto um. Sie sass auf dem Rücksitz festgeschnallt, und gerade schienen sie einen Wald oder eine andere Ansammlung vieler Bäume zu durchqueren. Ihr Gedächtnis arbeitete so schnell es die Beruhigungsmittel, mit denen sie voll gestopft worden war, zuliessen. Vorne im Wagen sassen zwei Ärzte der Psychiatrischen Klinik, in welcher sie die letzten Wochen verbracht hatte. Ach, stimmt ja, man wollte sie ja in eine andere Institution bringen. Immerhin galt sie momentan als „psychisch Stabil“, was auch immer das heissen mochte. Vermutlich, dass sie durch die vielen Medikamente zu belämmert war um erneut einen Versuch zu starten, ihrem Leben ein Ende zu setzen… Als ob es noch irgendetwas geben würde, was sie hier noch hielt…
Aber offensichtlich war es ihr nicht gegönnt, diese Welt jetzt schon zu verlassen; zwei Versuche waren gescheitert, und durch die bunten Pillen hatte sich die Umgebung in eine ebenso bunte Wunderwelt verwandelt. Auch wenn die Traurigkeit und Verzweiflung zeitweise noch immer durchbrach. Wenn auch längst nicht mehr mit so zerstörerischer Kraft wie zuvor.
Mittlerweile hatten sie Bäume hinter sich gelassen, stattdessen tauchten nun Felder, Bäche und vereinzelte Häuser um sie herum auf.
‚Muss ja ziemlich abgelegen sein!‘, ging es ihr durch den Kopf, doch im Grunde genommen war es ihr egal. Alles war egal. Bisher hatten sowieso alle nur geglaubt, was sie gesehen hatten – oder was andere gesehen hatten. Keiner hatte sie gefragt, wie es soweit gekommen war, was denn eigentlich passiert war. Immerhin hatte sie die letzten Monate hauptsächlich auf der Strasse verbracht, sich herumgetrieben und hatte sich vermutlich mit den falschen Leuten abgegeben… Was sie wirklich zu ihrer Tat getrieben hatte, war und blieb unwichtig… Sie war eine Mörderin, das war das einzige, was noch zählte…
Sie hatte gar nicht bemerkt, dass der Wagen angehalten hatte. Die Schiebetür des Busses wurde aufgerissen.
„Wir sind da!“, verkündete eine Stimme, und eine schwere Hand legte sich auf ihre Schulter. Kaisa löste den Sicherheitsgurt und kletterte etwas ungeschickt aus dem Wagen. Unsicher stolperte sie hinter ihrem Begleiter her, in Richtung des Gebäudes, welches nun für die nächste Zeit ihr Zuhause sein würde. Es handelte sich dabei um ein grosses, weisses Gebäude mit vielen grossen Fenstern, welches auf den ersten Blick gar nicht darauf hindeutete, dass es sich darin um ein Heim für psychisch beeinträchtigte, schwer erziehbare und teilweise gewalttätige Jugendliche handelte. Vorsichtig schob man sie auf die kleine Treppe zu, die zum aus einer Glasschiebetür bestehenden Eingangstür standen. Vor dieser standen eine etwas ältere, streng wirkende Dame und ein etwas jüngerer Mann; vermutlich die Heimleiter. Kaisas zweiter Begleiter unterhielt sich bereits mit den beide, hatte ihre Tasche vor ihren Füssen abgestellt.
Das Mädchen stolperte die Treppe hinauf, blieb stehen und senkte den Blick, um den abschätzigen Blicken zu entgehen.
„Dann mal rein mit dir.“, ertönte die Stimme der Frau und deutete auf die Schiebetür, während der Mann ihre Tasche hochhob. Unsicher betrat Kaisa den Vorraum und sah sich in diesem um, während sich ihre Begleiter mit den Heimleitern unterhielten. Links ging eine Tür ab, von welcher Stimmen, Gelächter und das Klappern von Geschirr zu hören war – wohl der Speisesaal oder etwas in der Art. Rechts war das Sekretariat, abgetrennt von einer Glasscheibe, und vor ihr befand sich ein Gang, der wohl zu Schlafzimmern führte, und eine Treppe, welche hinauf in den ersten Stock ging. Und obwohl alles noch so hell und freundlich wirkte, war sich Kaisa nicht sicher, ob sie sich hier wirklich würde wohlfühlen können – schon alleine wenn die anderen erfahren würden, wieso sie hier war… Sie senkte ihren Blick und starrte auf den steinernen Boden.
***
Ville stocherte lustlos in seinem Abendessen herum, den Kopf dabei auf eine Hand gestützt. Er starrte vor sich hin; hatte keine Lust, seinem Bruder beim Reden zuzusehen, und ebenso wenig hatte er Lust, gerade Zeit mit den anderen Heimbewohnern zu verbringen… Erst als sich Jonnes Hand auf seine Schulter legte, sah er kurz auf, schenkte ihm einen genervten Blick. Der ältere deutete zum Fenster, und Ville erkannte den Kleinbus der Psychiatrie, der wohl soeben vorgefahren war. Jonne hatte ihm gar nicht gesagt, dass wieder jemand neues kommen würde – oder vielleicht hatte er es auch einfach mal wieder nicht mitgekriegt…
Es war also wieder jemand neues gekommen, der sich mit den anderen zusammentun und ihn fertig machen können würde. Lautlos seufzte der Blonde an, während er seinem Bruder nachsah, der aufgestanden war und aus dem Speisesaal ging. Er wusste genau, dass man über ihn redete, und manchmal blieb es auch nicht bei den Worten, die er sowieso nicht hören konnte… Die Hoffnung, dass vielleicht irgendwann jemand kommen würde, der ihn mögen würde, ihm vielleicht sogar half, sich zu wehren, hatte er schon längst aufgegeben. Ohne den geringsten Hauch von Appetit schob er den Reis auf seinem Teller vom einen Rand zum anderen.
***
„Hey, ich bin Jonne! Ich bin hier erstmal deine Bezugsperson. Herzlich willkommen hier bei uns!“
Kaisa zuckte leicht zusammen und blickte direkt in ein Paar strahlend blaue Augen. Der junge Mann mit den blonden Haaren lächelte sie Freundlich an, und sein Strahlen schien tatsächlich echt zu sein. Sprachlos starrte sie ihn an, brachte kein Wort über ihre Lippen. Sie war es sich nicht mehr gewöhnt, völlig normal und freundlich behandelt zu werden. Ein schwaches „Hey!“ verliess ihre Lippen. Der Blonde lächelte nur und nahm ihrem Begleiter die Reisetasche ab.
„Ich zeig dir mal dein Zimmer, OK?“, meinte er und ging ohne eine Antwort abzuwarten los. Kaisa nickte nur hastig und folgte ihm die Treppe hinauf in den ersten Stock. Dort bog er nach links in einen Flur ab und öffnete schliesslich die erste Zimmertür links.
Während Jonne eintrat und Kaisas Tasche vor dem Bett abstellte, zögerte diese einen Moment, bevor sie ebenfalls das Zimmer betrat. Dieses war ebenso hell und freundlich wie das Gebäude von aussen wirkte und war mit einem Schreibtisch, einem Bett und einem Bücherregal eingerichtet. Neben der Zimmertür ging zudem eine Tür nach links ab, welche in ein kleines Badezimmer mit Klo und Dusche führte. Ausserdem hatte das Zimmer ein grosses Fenster, welches sich zu Kaisas Überraschung sogar öffnen liess – wenn auch nicht weit genug, als dass sich jemand hätte heraus stürzen können. Gerade hatte Jonne dieses aufgerissen, um die leicht abgestandene Luft aus dem Zimmer zu vertreiben.
Etwas verloren stand Kaisa im Zimmer, währen der Blonde die Lampen auf ihre Funktionalität prüfte. Schliesslich lächelte er ihr aufmunternd zu.
„Ich schlage vor, wir gehen erstmal runter was essen, und dann helf ich dir beim Auspacken, OK?“
„OK.“, antwortete die Angesprochene leise und versuchte, das Lächeln zu erwidern, was ihr jedoch mehr schlecht als recht gelang – sie war es sich einfach nicht mehr gewöhnt zu lächeln, wodurch ihr Gesicht wohl mehr einer Grimasse glich… Der Blonde nickte ihr zu und legte eine Hand auf ihre Schulter, von welcher eine unglaubliche Wärme ausging und sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Und so stiegen die beiden die Treppe wieder hinunter und betraten den Speisesaal.
In diesem ging es ziemlich chaotisch zu und her, alle schrien wild durcheinander, und die junge Frau, die bei ihnen sass, schien die ungefähr 15 Jugendlichen kaum unter Kontrolle zu haben. Villes Teller war noch immer nicht viel leerer als vorher, in sich zusammengesunken sass er auf seinem Stuhl. Erst als Jonne ihm seine Hand auf die Schulter legte, zuckte er heftig zusammen, liess seine Gabel fallen und sah erschrocken auf. Als er den Älteren neben sich erkannte, wechselte sein Gesichtsausdruck auf genervt, er rollte mit den Augen und begann weiter zu essen. Erst jetzt bemerkte er das schwarzhaarige Mädchen, welches sich ihm gegenüber niedergelassen hatte und irgendwie ziemlich verloren wirkte unter all den für sie fremden Menschen. Während er noch immer lustlos das Abendessen in sich hinein schaufelte, schielte er immer wieder unauffällig zu ihr hinüber. Wieso man sie wohl hierher gebracht hatte?
Mittlerweile hatte man auch Kaisa etwas zu Essen auf den Teller geladen, und mit eher geringem Appetit begann sie zu essen. Noch immer war es ziemlich laut im Raum, doch sie schaffte es, das Geschrei völlig auszublenden. Irgendwann hatte sie das Gefühl, Blicke auf sich zu spüren und sah auf, und tatsächlich wurde sie vom kleineren Blonden, der ihr gegenüber sass, möglichst unauffällig beobachtet. Er drehte sich jedoch sogleich wieder weg, als er bemerkte, dass sie ihn ertappt hatte. Kaisa runzelte die Stirn; irgendwie war der Kleine seltsam, hatte aber dennoch etwas an sich, das ihre Neugier geweckt hatte… Auch fiel ihr nun die Ähnlichkeit zwischen ihm und Jonne auf. Ob die beiden wohl Brüder waren oder so? Sie nahm sich vor, Jonne bei Gelegenheit danach zu fragen.
Gegen Ende des Essens wurde es ein wenig ruhiger, und die junge Betreuerin ergriff das Wort und verkündete, wer zum Abwaschen eingeteilt war. Dann wurde unter lautem Geschirrklappern der Tisch abgeräumt, und langsam verschwanden die Teenies aus dem Raum, bis schliesslich nur noch Jonne, Ville und Kaisa übrig blieben. Schnell schob sich Kaisa die letzte Gabel ihres Abendessens in der Mund und schaute dann zwischen den beiden blonden hin und her, welche mit ihren Händen wild in der Gegend herumfuchtelten. Etwas irritiert beobachtete sie das Schauspiel. Beide bewegten beim rumfuchteln ihre Lippen, als ob sie miteinander reden würden, dennoch kam kein Ton über ihre Lippen. Der Kleinere der beiden wirkte mittlerweile genervt, fast ärgerlich, schob schliesslich seinen Teller von sich, sprang auf und verliess den Speisesaal. Kaisa hörte Jonne leicht aufseufzen, bevor er sich, nun wieder lächelnd, ihr zuwandte.
„Na, wollen wir mal dein Zeug auspacken?“ Das Mädchen nickte und folgte dem Betreuer mit ihrem Teller in die Küche, um diesen den Abwaschenden zu übergeben.
Wütend stampfte Ville die Treppe hinauf, unterwegs in den zweiten Stock, in welchem sein Zimmer lag. Er hatte das dringende Bedürfnis, irgendetwas kaputt zu machen – oder zumindest eine Tür zu zu knallen. Er wusste nicht, wieso es ihn so sauer machte, seinen Jonne plötzlich mit jemandem teilen zu müssen. Immerhin hatte ihn sein Bruder bereits darauf vorbereitet, dass er wohl schon bald nicht mehr nur seine Bezugsperson sein würde. Irgendwie war ihm ja auch klar, dass er für seine Ausbildung zum Sozialpädagogen mit verschiedenen Menschen zusammenarbeiten musste, aber dennoch beunruhigte ihn dieser Gedanke. Was, wenn er ihn dadurch nun auch noch verlieren würde, wie damals seine Eltern? Dieser Gedanke trieb ihm Tränen in die Augen, die ihm beinahe die Sicht nahmen, während er den Flur entlang taumelte zu seinem Zimmer. Als er dieses schon beinahe erreicht hatte, spürte er auf einmal einen harten Schlag, welcher ihn ins Stolpern brachte. Gerade noch konnte er sich fangen und fuhr erschrocken herum.
Seine schlimmste Vorahnung bestätigte sich, als er vor sich drei Jungs erkannte, welche ihn hämisch angrinsten.
Na du kleine Ratte, heute ohne Bodyguard unterwegs?, formten die Lippen des Anführers, welcher zugleich einen Schritt auf ihn zu machte. Reflexartig wich Ville einen Schritt zurück. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, sich einfach umzudrehen und in sein Zimmer zu flüchten. Aber dessen Tür liess sich nicht abschliessen, und ausserdem war gerade niemand in der Nähe, der ihm hätte helfen können… Jonne war wohl noch immer mit der Neuen beschäftigt, Tiina, die andere Betreuerin, beaufsichtigte wohl die Abwaschenden, und die anderen Heimbewohner hatten selber etwas gegen ihn oder zu viel Angst davor, ihm zu helfen… Denn mit Kai und seiner Bande legte man sich besser nicht an…
Ville wurde zu Boden geworfen, und sogleich prasselten Schläge und Tritte auf ihn ein. Er biss sich auf die Lippen, um nicht zu schreien. Er wusste nicht wie lange das Ganze dauerte, verfiel irgendwann in eine Art Trance und blendete dadurch sämtliche Schmerzen und alles andere um sich herum aus. Erst nach einiger Zeit realisierte er, dass er alleine im Flur war; die Bande hatte sich schon längst aus dem Staub gemacht. Auch die Tränen, die ihm über das Gesicht rannen, registrierte er erst jetzt. Vor Schmerz aufkeuchend stand er auf, hielt sich seine schmerzenden Rippen und ging in sein Zimmer. Er liess sich auf sein Bett fallen und vergrub sein Gesicht im Kopfkissen. Dabei kniff er seine Augen zusammen, versuchte, den Schmerz zu ignorieren. Ob Jonne wohl noch einmal nach ihm sehen würde? Und bei diesem Gedanken fühlte er auch eine Art Genugtuung – vielleicht würde sein Bruder ja jetzt sehen, dass Ville ihn brauchte und er somit keine Zeit hatte, um sich noch um weitere Leute zu kümmern…
***
„So, geschafft!“, verkündete Jonne lächelnd, während er das letzte von Kaisas Shirt in den Schrank legte. Diese sass unterdessen auf ihrem Bett und schaute dem Betreuer dabei zu. Besonders viel hatte es nicht gegeben zum auspacken. Als man sie weggebracht hatte, hatte man einfach die nächstbesten Klamotten eingepackt, die man zu fassen bekommen hatte. Auch Jonne hatte aufgrund der seltsamen Kleiderzusammenstellung nur seine Stirn gerunzelt und „Wir müssen wohl mal zusammen shoppen gehn!“ gemurmelt. Über diese Aussage hatte Kaisa leicht grinsen müssen, jedoch erinnerte es sie auch wieder an den Grund, wieso sie hier war. Immerhin wurde sie beschuldigt, ihre halbe Familie ausgelöscht zu haben – wer würde mit jemandem wie ihr schon shoppen gehen wollen? Und überhaupt wäre das wohl sowieso unmöglich, bei ihrer Anklage…
Jonne schloss die Schranktür und liess sich dann neben Kaisa aufs Bett sinken, welche leicht in Gedanken versunken wirkte. Für einen Moment sassen sie schweigend da, bis zu seiner Überraschung das Mädchen das Wort ergriff.
„Der kleine Blonde von eben… Der dem ich gegenüber sass… Ist er dein Bruder? Ihr seht euch so ähnlich…“, kam es zögerlich über ihre Lippen. Jonne begann zu lächeln.
„Ja, Ville ist mein Bruder, das hast du richtig erkannt.“, erklärte er, „Und er ist so gesehen auch der Hauptgrund, wieso ich hier arbeite. Obwohl er eben nicht besonders begeistert davon war, dass ich nun nicht mehr seine alleinige Bezugsperson bin.“ Er grinste.
„Und er… er kann nichts hören, oder?“, fragte Kaisa weiter, woraufhin Jonnes Gesicht ernst wurde und er seufzend nickte.
„Ville hatte vor drei Jahren einen schweren Autounfall. Ich bin der Sänger einer Band, und er und meine Eltern waren auf dem Weg zu einem unserer Auftritte. Auf der Autobahn… wurde ihr Auto von einem Laster gerammt und gegen die Leitplanke gequetscht. Mein Dad, der am Steuer sass, war sofort tot, und meine Mum hatte schwere Verletzungen, sie starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus… Und Ville… Nun, er ist seitdem nicht mehr der Selbe… Nicht nur dass er taub ist. Sein ganzes Wesen hat einen Knacks abbekommen… Und auch wenn er nie etwas derartiges gesagt hat, glaube ich, dass er sich die Schuld am Unfall gibt, weil er damals unbedingt zu unserem Konzert wollte… Weisst du, organisch ist mit seinen Ohren eigentlich alles in Ordnung, es ist eher eine Art psychische Blockade, die ihn nichts hören lässt. Wir haben ihn nun schon so oft untersuchen lassen, doch es wurde nie etwas körperliches gefunden…“
„Oh…“, kam es leise über Kaisas Lippen, und sie starrte auf ihre Knie. Jonne sass noch immer schweigend neben ihr, ebenfalls auf seine Knie starrend.
„Tut mir Leid, dass ich…“, begann Kaisa, doch Jonne winkte ab, lächelte nun wieder leicht.
„Kein Problem, du konntest es ja nicht wissen…“, meinte er und legte dann seinen Arm um ihre Schulter.
„Ich kann mir vorstellen, dass du jetzt ziemlich kaputt bist, nach der langen Fahrt und allem.“, meinte er, und Kaisa nickte leicht.
„Okay, dann schaue ich jetzt eben nach Ville. Ich komme dann später nochmal zu dir, OK? Falls irgendwas ist, kannst du ruhig runter kommen. Tiina ist unten im Büro, und ich werde nachdem ich bei meinem Bruder war auch noch dort sein. Ich schlaf dann übrigens im Zimmer am Ende des Flurs, falls in der Nacht was sein sollte. Brauchst du gerade noch irgendwas?“ Kaisa schüttelte nur leicht den Kopf, und der Blonde schenkte ihr ein letztes Lächeln.
„Okay, dann bis später!“, meinte er und verliess dann das Zimmer.
Kaisa blieb noch einen Moment sitzen, bevor sie sich entschied, erstmal ihre Schlafklamotten anzuziehen. Daraufhin kuschelte sie sich in ihr Bett und starrte an die Zimmerdecke. Möglicherweise würde es hier ja doch nicht so schlimm werden wie sie gedacht hatte. Zumindest hatte sie zu Jonne sogleich ein wenig Vertrauen gefasst, und vielleicht würde sein kleiner Bruder ja auch noch ein wenig auftauen… Sie drehte sich auf die Seite und zog die Bettdecke etwas fester um sich. Ob sie dem Kleinen wohl irgendwie helfen können würde? Sie würde es zumindest versuchen! Und nachdem sie diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, fielen ihr, ohne dass sie es wollte, die Augen zu.
Jonne stieg die Treppe hinauf in den zweiten Stock, in welchem sich das Zimmer seines Bruders befand. Er war ziemlich überrascht von Kaisa, denn so hatte er sich eine potentielle Mörderin ganz bestimmt nicht vorgestellt. Klar war die Kleine momentan noch mit Medikamenten vollgepumpt, doch selbst in diesem Fall hätte sich doch bestimmt irgendwas davon bemerkbar gemacht… Nun ja, er musste Kaisa erstmal besser kennen lernen, dann würde er sich wohl ein besseres Bild über sie machen können…
Ohne anzuklopfen, da Ville dies ja sowieso nicht hören würde, betrat er dessen Zimmer. Etwas irritiert blieb er stehen, als er seinen Bruder zusammengerollt auf dem Bett liegen sah, das Gesicht in Richtung Wand gedreht. Schlief der Kleine etwa schon? Doch gleich darauf vernahm er ein leises Wimmern, was ihn dazu brachte, zu Ville hin zu gehen und sich auf den Bettrand zu setzen. War er etwa noch immer sauer auf ihn wegen Kaisa?
Erschrocken fuhr der Jüngere herum, verzog dabei schmerzvoll das Gesicht und wirkte zugleich erleichtert, dass es nur Jonne war, der bei ihm war. Dessen Blick fiel sofort auf Villes linkes Auge, um welches sich ein leichter Bluterguss gebildet hatte.
„Oh shit…“, murmelte er und streckte seine Hand aus, um diesen zu berühren, woraufhin der Kleine jedoch sogleich seinen Kopf wegdrehte.
Bin gleich wieder da!, sagte Jonne lautlos und ging dann aus dem Zimmer, um kurz darauf mit einigen Coolpads wieder zurückzukommen. Eines davon gab er Ville, der es sofort auf sein Auge drückte.
Sonst noch wo?, wollte er wissen, woraufhin der Jüngere sein Shirt hochschob und ihm einen ausgeprägten blauen Fleck an seinen Rippen präsentierte. Jonne strich kurz darüber, woraufhin sein Bruder zusammenzuckte, und legte dann vorsichtig das andere Coolpad darauf. Dann strich er Ville leicht über den Bauch und legte sich dann neben ihn, zog ihn vorsichtig an sich. Er wusste genau, dass es jetzt nichts bringen würde, ihn zu fragen, was passiert war – Ville würde sowieso nicht sagen was passiert war…
Nachdem sie einige Zeit aneinander gekuschelt da gelegen waren, löste sich Jonne vorsichtig von seinem Bruder. Dieser sah ihn etwas enttäuscht an, als sich der Ältere wieder an den Bettrand setzte.
Ich muss noch kurz ins Büro… Hab danach Nachtdienst; wenn was ist, du weisst ja wo du mich findest.,erklärte ihm dieser. Ville nickte nur leicht. Jonne strich ihm einige Haarsträhnen aus dem Gesicht und beugte sich dann über ihn, um ihm einen Kuss auf die Stirn zu hauchen.
Nacht Kleiner! Er schenkte seinem Bruder ein letztes Lächeln und ging dann aus dem Zimmer. Es war nicht das erste Mal, dass sein Bruder plötzlich irgendwelche blaue Flecken hatte, und bisher hatte er auch nie erzählt, wem er diese zu verdanken hatte. Klar hatte Jonne so seine Verdachte, doch so lange der Kleine nichts sagte, konnte er den „Verdächtigen“ auch nichts vorwerfen, geschweige denn nachweisen…
In Gedanken versunken stieg er die Treppe hinunter, und als er bereits auf der ersten Stufe hinunter ins Erdgeschoss stand, fiel ihm ein, dass er Kaisa ja versprochen hatte, noch kurz bei ihr reinzuschauen wenn er von Ville zurückkommen würde. Also drehte er noch einmal um und trat in den Flur, in dem ihr Zimmer lag. Leicht klopfte er an die Tür und trat ein, als keine Antwort kam. In Kaisas Zimmer brannte nur noch das kleine Nachttischlämpchen. Jonne trat in den Raum hinein und begann zu lächeln, als er seinen neusten Schützling friedlich schlafend auf dem Bett vor fand. Sie hatte dabei die Decke umklammert, welche sie sich bis zum Hals gezogen hatte, und wirkte allgemein völlig entspannt. Möglichst leise durchquerte Jonne den Raum, um das noch immer geöffnete Fenster zu schliessen. Daraufhin trat er vor das Bett und ging kurz in die Knie.
„Nacht Kleines!“, murmelte er und strich Kaisa eine Haarsträhne aus dem Gesicht, bevor er schliesslich das Nachttischlämpchen ausschaltete und im Dunkeln wieder aus dem Zimmer ging.
Als Kaisa am nächsten Morgen aufwachte, war sie im ersten Moment verwirrt und orientierungslos. Erst langsam kamen die Erinnerungen an den Vorabend zurück. Sie war nicht mehr in der Klinik, in der sie die letzten Wochen – oder sogar Monate? – verbracht hatte. Sie hatte die meiste Zeit nicht wirklich etwas mitbekommen, war mit starken Beruhigungsmitteln vollgepumpt gewesen und dadurch immer leicht benebelt. Auch gestern hatte man sie wieder ruhiggestellt, doch langsam schien die Wirkung nachzulassen und sie fühlte sich schon fast wieder wie früher – was leider auch die gewohnten Depressionen mit sich brachte und die Erinnerungen daran, was sie getan hatte.
Wie automatisch stand sie auf und ging zum Fenster. Zwar wusste sie, dass dieses sich nicht voll öffnen liess, aber vielleicht liess sich diese Sperre ja irgendwie lösen. Doch es war fest verschraubt, keine Chance. Hektisch sah sie sich im Zimmer um, jedoch erfolglos. Bis ihr Blick schliesslich auf die Badezimmertür fiel. Sie stürmte in den kleinen Raum und schaltete das Licht ein, doch es schien ebenfalls aussichtslos. Die Zahnbecher waren aus Plastik, und der Spiegel über dem Waschbecken lediglich eine Spiegelfolie, die direkt an die Wand geklebt war. Sogar die Duschbrause war ohne Schlauch direkt an der Wand festgeschraubt.
Aus Wut und Verzweiflung liefen ihr mittlerweile Tränen über die Wangen, sie lehnte sich sich gegen die geflieste Wand und liess sich daran hinunter auf den Boden sinken. Ihre an den Körper gezogenen Beine umklammert begann sie vor und zurück zu wippen, wobei ihr Kopf immer wieder leicht gegen die Wand knallte. Das Wippen und der dumpfe Schmerz liessen sie in eine Art Trance fallen, sodass sie das Klopfen an der Zimmertür nicht hörte. Auch dass die Tür vorsichtig geöffnet wurde und gleich darauf Jonne im Raum stand, bekam sie nicht mit. Erst als dieser vor ihr in die Knie ging und sie an den Schultern nahm und leicht schüttelte, erwachte sie aus ihrer Starre, zuckte heftig zusammen und begann am ganzen Körper zu zittern.
„Komm, steh auf, Kleines!“, hörte sie Jonnes ruhige Stimme, während er ihr half, sie auf die Beine zu ziehen. Gleich darauf fand sie sich in seinen Armen wieder, er strich über ihren Rücken und murmelte irgendwelche beruhigenden Worte in ihr Ohr. Langsam beruhigte sie sich tatsächlich, löste sich aus Jonnes Umarmung und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Ich… tut mir Leid.“, murmelte sie und starrte auf den Boden. Jonne lächelte.
„Kein Problem. Aber wenn das nächste Mal was ist, kommst du zu mir, OK?“ Kaisa nickte.
„OK. Dann schlag ich dir vor, du ziehst dich erstmal an und kommst dann in ner halben Stunde runter frühstücken, OK? Und danach zeig ich dir mal das Heim und die Umgebung.“
„Okay.“ Noch immer überrascht über dessen Reaktion sah Kaisa Jonne an. Dieser nickte nur.
„Dann bis gleich… Ich bin dann mal mein Brüderchen aus dem Bett schmeissen… Könnte ein ziemlicher Kampf werden.“ Er verdrehte die Augen, zwinkerte Kaisa noch einmal zu und verliess dann das Zimmer. Kaisa blieb noch einen Moment leicht verwirrt im Bad stehen, bevor sie ins Zimmer zurück ging. Nach kurzem Zögern ging sie schliesslich zu ihrem Kleiderschrank und suchte sich einige halbwegs zusammenpassende Klamotten heraus. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, hierher gekommen zu sein. Jonne schien wirklich OK zu sein, und sie war wirklich gespannt darauf, was er ihr später noch alles zeigen würde.
Wie jeden Morgen versuchte es Jonne erstmal auf die sanfte Tour, auch wenn er wusste dass er damit wenig Erfolg haben würde. Ville schien noch tief und fest zu schlafen – oder tat zumindest so –, als er das Zimmer betrat. Als erstes ging er direkt quer durchs Zimmer und öffnete die Vorhänge. Danach setzte er sich zu Ville auf den Bettrand, der sich noch immer nicht rührte. Vorsichtig strich er ihm über den Rücken und schüttelte ihn leicht, was seinem kleinen Bruder jedoch nur ein unwililges Grummeln entlockte. Jonne verstärkte das rütteln und zog an Villes Bettdecke. Dieser klammerte sich daraufhin an dem Stück Stoff fest und wollte es sich über den Kopf ziehen. Doch Jonne war schneller und klaute ihm die Decke kurzerhand ganz.
Ville schenkte seinem Bruder einen bitterbösen Blick und begrub sein Gesicht noch einmal kurz im Kopfkissen, bevor er sich hinsetzte, erstmal gähnte und Jonne dann müde ansah.
Na, gut geschlafen? Tut dir noch was weh?, wollte dieser wissen. Ville zuckte mit den Schultern und kletterte dann aus dem Bett. Er wankte noch reichlich verschlafen ins Bad, aus welchem kurz darauf die Klospülung zu hören war, und kam dann wieder ins Zimmer zurück. Jonne sass noch immer auf dem Bett.
Ich bin dann mal wieder unten. Wir sehen uns beim Frühstück, meinte er und stand auf. Ville nickte und ging zu seinem Schrank, um gleich darauf mit einem Stapel frischer Klamotten im Bad zu verschwinden.
Auch Kaisa war mittlerweile fertig. Sie blieb noch einige Minuten auf ihrem Bett sitzen, bevor sie schliesslich aufstand und aus dem Zimmer ging. Im Haus war es noch ruhig, niemand zu sehen. Obwohl es noch ungefähr eine Viertelstunde dauerte, bis es Frühstück geben würde, stieg sie schon mal die Treppe hinunger und ging in den Speisesaal. Dort war Jonne gerade dabei den Tisch zu decken. Er schenkte ihr ein Lächeln, als sie den Raum betrat.
„Willst du mir helfen?“, fragte er, woraufhin Kaisa nickte, zugleich mit den Schultern zuckte und auf ihn zu ging. Jonne drückte ihr einige Messer in die Hand.
„Kannst du die verteilen?“
„OK.“ Sie machte sich an die Arbeit.
„Danke.“ Wieder lächelte Jonne sie an, „Setz dich ruhig noch aufs Sofa bis die anderen kommen.“ Kaisa folgte der Aufforderung und sah sich im Raum um. Kurz darauf betrat Jonnes kleiner Bruder den Raum, schien sie jedoch erst nicht zu bemerken. Neugierig sah sie ihm hinterher, wie er erstmal zum Tisch ging. Die beiden Brüder unterhielten sich kurz in ihrer Zeichensprache. Dann deutete Jonne in ihre Richtung und machte eine auffordernde Handbewegung. Ville sah kurz in ihre Richtung und kam dann ebenfalls auf das Sofa zu, jedoch ohne sie weiter zu beachten. Er liess sich mit grossem Abstand neben sie fallen. Immer wieder schielte Kaisa heimlich zu ihm rüber. Sie entdeckte eine Narbe neben seinem Ohr. Vermutlich vom Unfall, von welchem Jonne ihr erzählt hatte.
Vom Flur her waren nun Stimmen zu hören, und gleich darauf betraten einige Jungs den Essraum. Sie waren ziemlich laut, lachten und redeten und gingen direkt zum grossen Tisch zu. Kurz nach ihnen betraten in kleinen Grüppchen immer mehr Jugendliche den Raum. Jonne, der mittlerweile die restlichen Frühstückssachen auf den Tisch gestellt hatte, winkte Kaisa und Ville schliesslich heran. Etwas unschlüssig stand sie erst beim Tisch, setzte sich dann aber neben Jonne. Ville hatte auf der anderen Seite neben seinem Bruder Platz genommen. Schliesslich begrüsste Jonne die Jugendlichen und erklärte dann das Frühstück als eröffnet.
Kaisa starrte auf ihren leeren Teller, als Jonne ihr plötzlich die Hand auf die Schulter legte.
„Wir haben hier die Regel, dass alle zu jeder Hauptmahlzeit etwas essen. Du kannst dir ja ein Stückchen Brot nehmen oder so.“, meinte er. Kaisa nickte nur und suchte sich das kleinste Stückchen aus, welches sich noch im Korb befand. In der Klinik hatte man sie teilweise künstlich ernährt, weil sie sich geweigert hatte etwas zu essen. Doch hier war es irgendwie anders, sie wollte Jonne nicht enttäuschen. Immerhin war er der erste seit langem, der sie wie einen normalen Menschen behandelte…
Nach dem Frühstück erklärte Jonne noch, was an diesem Tag alles so anstehen würde, und dann machten sich die Jugendlichen auf den Weg zurück in ihre Zimmer, um sich für das bevorstehende Programm vorzubereiten. Nur Kaisa und Ville waren wieder sitzen geblieben. Jonne wandte sich zuerst an seinen Bruder und erklärte ihm etwas, woraufhin dieser das Gesicht verzog und schliesslich ebenfalls den Raum verliess.
„Und nun zu dir.“ Er schenkte Kaisa ein freundliches Lächeln.
„Ich schlage vor, wir treffen uns in einer halben Stunde wieder hier unten und ich zeig dir mal das Gebäude und alles hier.“ Kaisa nickte nur, stand dann auf und ging die Treppe hoch, um in ihr Zimmer zurück zu gehen.
Als sie jedoch im ersten Stock angekommen war, hörte sie jedoch vom Stock über ihr Gelächter und Gejohle. Irgendwas daran kam ihr seltsam vor, sie konnte sich zwar nicht genau erklären was, beschloss jedoch, nachzuschauen. Leicht zögernd stieg sie die Treppe hoch. Im Flur stand eine Gruppe Jungs – vermutlich so ziemlich alle, die zuvor auch beim Frühstück gewesen waren. Sie standen im Kreis um Ville herum, welcher ziemlich panisch wirkte und zwischen ihnen umher geschubst wurde. Die anderen waren zu zahlreich als das er sich hätte wehren können.
Wie automatisch begann Kaisas Körper zu reagieren. Die Fäuste ballend stapfte sie auf die Gruppe zu und blieb hinter einem etwas dickeren Jungen stehen, der die anderen immer wieder anfeuerte.
Als Kaisa ihm die Hand auf die Schulter legte, verstummte er überrascht und fuhr herum. Auch die anderen waren überrascht verstummt und schauten sie an.
„Lasst ihn in Ruhe!“, meinte sie nur vor Wut kochend und etwas lauter als geplant. Die Jungs brachen in Gelächter aus, und derjehnige, der sich zu ihr gedreht hatte, zog nur eine Augenbraue hoch und trat einen Schritt auf sie zu. Dadurch brannte irgendeine Sicherung in Kaisa durch. Der Junge verzog schmerzvoll das Gesicht, nachdem sie ihm ihr Knie zwischen die Beine gerammt hatte, und ging vor ihr zu Boden. Die Überraschung stand den anderen ins Gesicht geschrieben. Während einige zurücktraten, drängten sich nun drei von ihnen in den Vordergrund und bauten sich vor Kaisa auf.
„Du mischst dich hier gerade in Dinge ein, die dich nen Scheissdreck angehen!“, meinte schliesslich der Grösste von ihnen; der Anführer, wie Kaisa vermutete. Er trat so nahe an sie heran, dass sie seinen Atem in ihrem Gesicht spürte. Auch die beiden anderen traten nun näher an sie heran. Auch der andere Junge, der zuvor zu Boden gegangen war, hatte sich wieder aufgerappelt und betrachtete sich die Szene.
„Wieso sucht ihr euch nicht Opfer, die genauso stark sind wie ihr? Solche, die sich wehren können.“, sprudelte es aus Kaisa heraus. Die Jungs lachten.
„Zum Beispiel… dich?“, kam es Grinsend vom Grössten der drei Jungs. Erneut lachten die anderen, und Kaisa konnte sich nicht mehr zurückhalten. Sie holte aus und schlug ihm mit einer Kraft, die ihr keiner zugetraut hätte, ihre Faust mitten ins Gesicht. Der Grosse torkelte ein Stück zurück, hielt sich die Hand vor die Nase, aus welcher Blut lief.
Seine beiden Komplizen schauten sich nur kurz an und traten dann synchron auf Kaisa zu. Wieder reagierte diese sofort und wie automatisch. Während der rechte ebenfalls ihr Knie an seiner empfindlichsten Stelle zu spüren bekam, bekam der andere eine kräftige Ohrfeige verpasst, bevor sie ihn regelrecht ansprang, damit er gegen die Wand flog. Erneut stürzte sie sich auf ihn und umklammerte seinen Hals, woraufhin er zu röcheln begann. Sie bemerkte nicht, dass Jonne die Treppe hochgekommen war und nun ziemlich schockiert neben ihnen Stand.
„Was zum Teufel geht denn hier ab?“, schrie er und packte Kaisa an den Schultern. Erst nach einigen Sekunden lockerte sie ihren Griff und liess sich von ihm zurückziehen. Der Junge griff sich an den Hals, auf welchem deutlich Kaisas Handabdrücke zu erkennen waren, und schnappte nach Luft. Vor Kaisas Augen begann alles zu verschwimmen, sie füllten sich mit Tränen.
„Ihr verzieht euch erstmal in eure Zimmer. Und wehe, einer von euch erscheint nicht pünktlich zur Arbeit! Kaisa, du kommst mit mir.“ Er packte sie an den Schultern. Mittlerweile zitterte sie am ganzen Körper. Vorsichtig schob er sie die Treppe hinunter und ging mit ihr in ihr Zimmer.
„Sie sind auf Ville losgegangen, alle zusammen.“, sprudelte es aus Kaisa hinaus, nachdem Jonne sie auf den Bettrand und sich selber daneben gesetzt hatte.
„Das habe ich vermutet.“, meinte Jonne, mittlerweile wieder etwas ruhiger, und legte ihr den Arm um die Schulter, „Trotzdem: Das nächste Mal mischst du dich da nicht ein, sondern sagst mir Bescheid. Bedenke bitte: Du hast ne Anklage wegen Mord am Hals. Ich weis zwar nicht was damals wirklich passiert ist, aber dennoch. Sollte dann rauskommen, dass du hier auf Mitbewohner losgegangen bist – und wenn du noch so nen guten Grund dafür hattest – wird sich das wohl nicht gerade positiv auf das Gerichtsurteil auswirken.“ Kaisa reagierte nicht darauf.
„Ach Kleines…“, seufzte Jonne und zog sie in seine Arme.
Im selben Moment klopfte es an die Zimmertür, und gleich darauf stand Ville im Zimmer. Er sah zu Jonne und begann, mit seinen Händen rumzufuchteln. Jonne nickte und antwortete ihm auf dieselbe Weise, deutete ihm dann jedoch, das Zimmer wieder zu verlassen. Ville folgte der Aufforderung, drehte sich jedoch kurz vor der Tür nochmals um und suchte Blickkontakt zu Kaisa.
Danke!, formten seine Lippen stumm, bevor er aus dem Zimmer ging.
„Geht’s wieder?“, woltle Jonne nach einiger Zeit wissen. Als Villes grosser Bruder war er stolz darauf, dass Kaisa so selbstlos eingegriffen hatte, um seinem Bruder zu helfen. Doch als Sozialpädagoge hatte er das natürlich nicht zugeben dürfen, auch wenn es sich um seine beiden Schützlinge handelte.
Kaisa nickte nur und strich sich durchs Gesicht
„OK, dann lass uns mal nen Rundgang machen.“, meinte er dann und lächelte sie aufmunternd an. Kaisa nickte und stand auf. Jonne folgte ihrem Beispiel, und die beiden gingen aus dem Zimmer.
„Fangen wir oben an.“, meinte Jonne und deutete auf die Treppe, die in den zweiten Stock hinauf führte. Er ging voran, und Kaisa stieg hinter ihm die Treppe hoch.
„Das hier oben die Jungs wohnen, hast du ja vermutlich schon festgestellt.“, begann Jonne zu erklären, als sie oben angekommen waren. Dann steuerte er eine Glastür an. Er öffnete diese und liess Kaisa eintreten. Sie betraten einen grossen, hohen Raum mit hellem Parkettboden, durch dessen riesige Fenster die Sonne hineinschien. Vor den Fenstern war eine Art kleine Galerie, die zum hinsetzen einlud. An einer Wand stand ein grosser Tisch mit Stühlen.
„Das hier ist unser Ruheraum. Hier werden die hingeschickt, die gerade Ärger gemacht haben und ne Auszeit brauchen. Aber du kannst natürlich auch selber herkommen, wenn du zum Beispiel was lesen willst oder sonst irgendwie deine Ruhe haben willst.“, erklärte Jonne. Er liess Kaisa einen Moment lang Zeit, um sich umzuschauen, bevor er wieder die Tür ansteuerte. Sie stiegen die Treppe wieder runter in den ersten Stock.
Dort angekommen deutete Jonne auf einige Türen.
„Betreuerzimmer, Sanitätszimmer und…“, er steuerte erneut eine Glastür an, „Aufenthaltsraum.“ Dieser Raum war nicht ganz so hell wie der Ruheraum, aber mit zahlreichen gemütlichen Sofas, Sesseln und Sitzkissen ausgestattet. Zudem befanden sich auf einem Regal, in dem zahlreiche Bücher standen, noch ein kleiner Fernseher und eine Stereoanlage. Auch hier durfte sich Kaisa eine Weile umschauen, bevor Jonne sie hinunter ins Erdgeschoss führte.
„Den Esssaal und die Küche kennst du ja schon.“, meinte er, „Ausserdem ist hier vorne das Sekretariat, und hier hinten geht es zu den Ateliers.“ Er ging den Flur entlang, und Kaisa folgte ihm mit etwas Abstand. Auf jeder Seite befanden sich zwei offene Türe, aus welchen jeweils Gelächter und Stimmen zu hören waren.
„Vermutlich hat man dir ja erzählt, dass wir hier auch dinige Dinge herstellen und verkaufen.“ Kaisa zuckte mit den Schultern, sie konnte sich nicht daran erinnern.
„Jedenfalls, hier ist die Holzwerkstatt. Hier werden alle möglichen Dinge geschnitzt, zusammengehämmert und eigentlich alles gemacht, was man mit Holz machen kann. Hier gegenüber ist die Töpferei. Du hast verschiedene Materialien zur Verfügung, mit welchen du alles, was dir in den Sinn kommt, formen kannst. Ausserdem…“, Jonne ging zur nächsten Tür, „…haben wir hier noch das Malatelier – Erklärung erübrigt sich vermutlich – und die Kerzenwerkstatt. Hier wirst du dann ab morgen auch anfangen. Du wirst alle zwei Wochen einem neuen Atelier zugeteilt.“ Er betrat das Atelier, und Kaisa folgte ihm zögernd.
An den Tischen waren einige Jugendliche darin vertieft, irgendwelche bunten Wachsstäbchen in Glasröhrchen zu stopfen. Darunter auch Ville, wie Kaisa sofort bemerkte. Dieser schien jedoch mit den Gedanken ganz weit weg zu sein und nicht zu bemerken, was um ihn herum abging. Kaisa beobachtete ihn einen Moment lang, bevor schliesslich die Leiterin der Werkstatt zu ihr und Jonne herüber gewirbelt kam und sogleich fröhlich anfing, auf die beiden einzureden. Vom Redeschwall völlig überrumpelt, bekam Kaisa gar nicht wirklich mit, was die Dame sagte. Jonne zwinkerte ihr nur leicht grinsend zu, während er gelegentlich nickte, als würde er verstehen, was die Dame sagte. Schliesslich wechselte er einige Worte mit ihr, bevor er Kaisa die Hand auf die Schulter legte und sie sanft wieder aus der Werkstatt schob.
„OK, dann gehen wir mal raus, OK?“, meinte er dann zu ihr, während sie in Richtung Eingangstür gingen. Kaisa nickte nur. Sie gingen durch die automatische Glastür und stiegen die Treppenstufen hinunter. Jonne führte sie nach rechts über den asphaltierten Parkplatz, der nach einigen Metern in einen Schotterweg überging. Sie gingen um die Hausecke, hinter dieser sich ein Garten versteckte, in dem zahlreiche bunte Blumen blühten und scheinbar auch einiges an Gemüse angebaut war.
„Unser kleiner Garten.“, erklärte Jonne, „Hier werdet ihr auch teilweise eingesetzt um zu arbeiten, allerdings ist die zuständige Betreuerin gerade im Urlaub, weshalb ihr die nächsten zwei Wochen davon verschont bleiben werdet.“ Sie gingen weiter und um die nächste Ecke, hinter der sich ein teilweise gedeckter Sitzplatz mit Grillstelle befand, auf den man auch vom Essraum aus sah. Hinter diesem war eine riesige Wiese, welche vom Wald eingefasst war. Einige Meter hinter dem Sitzplatz befand sich zudem ein grosses Gehege, in welchem um die zehn Kaninchen rumhoppelten.
Jonne hatte bemerkt, wie Kaisas Augen beim Anblick dieser zu strahlen angefangen hatten, und ging deshalb direkt auf das Gehege zu, öffnete das Törchen und betrat mit ihr den Auslauf. Die Hasen kamen sogleich angehoppelt und beschnupperten Kaisas Hand, welche in die Knie gegangen war. Gleich darauf hatte sie auch schon eines der kleinen Kaninchen auf ihren Schoss gehoben und streichelte es, während das Tierchen vertrauensvoll sitzen blieb. Jonne beobachtete die Szene lächelnd und wartete, bis Kaisa das Tierchen von sich aus wieder auf den Boden setzte und aufstand.
„OK, gehen wir weiter?“, fragte er dann. Kaisa nickte nur, und sie verliessen das Gehege. Sie gingen um eine weitere Hausecke, hinter der sich noch ein kleiner Sportplatz mit Volleyballnetz befand, und waren danach wieder vorne beim Eingang angekommen.
„So, nun weißt du wies hier so aussieht.“, meinte Jonne lächelnd, „Ich schlage vor, wir gehen wieder rein. Ich muss dir noch einige Fragen stellen und n paar Formulare mit dir ausfüllen, und danach wird es wohl schon Zeit für die Pause sein…“
Tatsächlich waren sie genau vor der 10.00-Uhr-Pause fertig. Jonne hatte zusammen mit Kaisa einige Formulare ausgefüllt, sofern sie die benötigten Angaben wusste. Auch wurde sie gewogen und gemessen, und Jonne hatte besorg die Stirn gerunzelt, als die Waage lediglich 43 kg bei einer Grösse von 1.65 m angezeigt hatte – mit Kleidung. Diese hatten Kaisas geringes Gewicht bisher sehr gut verdecken können. Auch Kaisa selber schien etwas schockiert, wie leicht sie geworden war, und sah verlegen zu Boden, als Jonne die Zahl auf einem der Formulare vermerkte. Dieser sagte jedoch nichts dazu, sondern lächelte nur und meinte, dass es nun Zeit für die Pause wäre.
Sie waren unter den ersten, die im Speisesaal ankamen. Auf dem Tisch hatte man Schalen mit Obst sowie Teekrüge aufgestellt. Die Jugendlichen, die bereits am Tisch sassen, beachteten Jonne und Kaisa nicht, als diese den Raum betraten und sich an den Tisch setzten. Sie sass ihm gegenüber, und als sich der Betreuuer einen Apfel nahm, griff sie zögernd nach einer Orange und begann, diese in Gedanken versunken zu schlälen. Als der Stuhl neben ihr zurückgezogen wurde, zuckte sie erschrocken zusammen und sah direkt in Villes Gesicht, welcher sie leicht anlächelte und sich dann hinsetzte. Sie lächelte zurück und entfernte dann die letzten Stückchen der Schale. Neugierig beobachtete sie, wie sich Jonne und Ville wieder in ihrer Zeichensprache unterhielten und schob sich das erste Stück Orange in den Mund.
Ville schien aussergewöhnlich gute Laune zu haben, während er Jonne von der Arbeit in der Kerzenwerkstatt erzählte. Er war noch längst nicht fertig, als die Pause bereits wieder zu Ende war und er widerwillig in die Kerzenwerkstatt zurückkehrte. Grinsend sah Jonne ihm hinterher.
„Wow, so viel hat der schon lange nicht mehr gelabert!“, meinte er nur zu Kaisa, „Hat wohl gute Laune… Und ich denke, daran bist du nicht ganz unschuldig!“ Diese schaute überrascht zurück.
„Ich? Aber…“, sie verstummte, sah Jonne fragend an.
„Naja, bisher hat ihm noch nie irgendwer geholfen wenn diese Typen oder sonst wer ihm was getan haben… Damit hast du bei ihm wohl ziemlich gepunktet.“
„Aber… das ist doch selbstverständlich.“, meinte Kaisa leise, während sie leicht rot anlief.
„Leider nicht für alle…“, meinte Jonne, während sein Blick abschweifte, „Ville ist hier bisher wirklich der absolute Aussenseiter, einfach weil sich keiner die Zeit nimmt sich mit ihm zu beschäftigen. Er ist der Buhmann, das leichteste Opfer und überhaupt… Eigentlich mag ihn keiner hier. Keine Ahnung was wäre wenn nicht wenigstens ich hier wäre und mich ab und zu um ihn kümmern würde…“ Kaisa nickte nur. Und beschloss, dass sie das nun ändern würde. Sie hatte sich schon immer um die gekümmert, die sonst keiner mochte, und irgendwie war zwischen ihr und Ville sowieso schon etwas ganz besonderes. Sie konnte sich nur noch nicht genau erklären was und woher es kam. Und vor allem half es ihr, das Geschehene für einige Zeit zu vergessen.
Sie half Jonne noch, den Tisch wieder abzuräumen, und machte sich dann auf den Weg in ihr Zimmer. Jonne hatte ihr zwar noch angeboten, dass sie noch irgendwas zusammen machen können, doch sie war sich sicher, dass er noch wichtigeres zu tun hatte. Also war er im Sekretariat verschwunden, während sie die Treppe in den ersten Stock hinaufstieg. Kurz vor ihrer Zimmertür blieb sie jedoch stehen. Ihr war etwas eingefallen, und so drehte sie sich kurzentschlossen wieder um und stieg die Treppe in den zweiten Stock hoch. Dort betrat sie den Ruheraum und ging zu einer Wand, an der ein mit einem Tuch abgedecktes Möbelstück stand. Vorsichtig hob sie das Tuch an und begann zu lächeln. Sie hatte sich also nicht getäuscht – es war tatsächlich ein Klavier.
Kurzentschlossen zog sie das Tuch mit einem Ruck ganz weg und liess sich auf den runden Hocker, der zuvor ebenfalls verborgen gewesen war, sinken. Fasziniert liess sie ihre Hände über die elfenbeinfarbenen Tasten streichen, bevor sich ihre Finger selbstständig machten und zu spielen anfingen. Dabei legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Wie lange hatte sie schon nicht mehr Klavier gespielt? Viel zu lange… Ihre Finger spielten wie von selber sämtliche Melodien, die sie jemals gelernt hatte. Sie versank in einer Art Trance, während sie spielte und spielte. Bis sie irgendwann nicht mehr konnte, den letzten Ton ausklingen liess und erstmal durchatmete. Und gleich darauf beinahe vom Hocker fiel. Sie hatte nicht bemerkt, wie Jonne den Raum betreten hatte.
„Wow, ich wusste gar nicht, dass du Klavier spielen kannst!“, meinte dieser erstaunt, während Kaisa leicht verlegen auf ihre Knie schaute, „Echt toll, wirklich!“
„Danke!“, murmelte Kaisa nur, noch immer ohne ihn anzuschauen.
„Naja, ich bin dann jedenfalls wieder unten im Büro, falls du mich brauchst… Bleib ruhig noch hier und spiel weiter wenn du magst! Du hast es wirklich drauf!“
„Naja…“, murmelte Kaisa nur. Taiva konnte es noch tausendmal besser… Vor ihrem inneren Auge tauchten die Bilder auf, wie sie und ihre grosse Schwester zu Hause vor dem Klavier sassen und Taiva ihr alles erklärte. Sie hatte Talent gehabt, unglaublich viel Talent, galt als vielversprechende Nachwuchspianistin.
Und plötzlich veränderte sich das Bild. Mit einem Mal lag Taiva wieder auf ihrem Bett, blutüberströmt, während Kaisa das Messer umklammert hielt, welches in ihrer Brust steckte. Es mit aller Kraft versuchte rauszuziehen. Erfolglos. Und mit einem Mal die Tür aufflog und…
„Kaisa, ist alles in Ordnung?“ Sie zuckte heftig zusammen. Erst jetzt bemerkte sie die Tränen, die ihr über die Wangen liefen. Jonne stand direkt neben ihr und hatte ihr eine Hand auf die Schulter gelegt. Sie schüttelte nur den Kopf, sprang auf und stürmte regelrecht aus dem Raum. Beinahe wäre sie die Treppe hinunter gefallen, weil sie eine Stufe übersah. Mit tränenverschleierten Augen erreichte sie ihre Zimmertür, riss sie auf und knallte sie um einiges heftiger als beabsichtigt wieder hinter sich zu. Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen, sie torkelte in die Mitte des Zimmers, versuchte verzweifelt nicht hinzufallen.
Schliesslich wurde ihre Hand gepackt, sie hatte nicht bemerkt dass Jonne ihr Zimmer betreten hatte.
„Hey, ganz ruhig!“, meinte er beschwichtigend, während er versuchte, sie ein wenig in Richtung Bett zu schubsen. Doch Kaisa verlor völlig die Kontrolle über ihren Körper, ihre Knie gaben nach. Jonne konnte sie gerade noch in seine Arme ziehen, bevor sie das Bewusstsein verlor.
„Mist.“, murmelte er, während er sie vorsichtig zum Bett bugsierte und sie dort hinlegte. Noch immer rasten ihr Herz und ihr Atem, und nachdem er einige Minuten gewartet hatte, bis sie sich wieder ein wenig beruhigte, ging er aus dem Zimmer und rannte die Treppe hinunter ins Sekretariat.
Das erste, was Kaisa wieder mitbekam, war eine Hand, welche leicht durch ihre Haare strich. Sie öffnete ihre Augen, was ihr unheimlich schwer fiel. Kurz schaute sie sich um. Sie lag in ihrem Zimmer auf dem Bett, die Sonne schien ins Zimmer und neben ihr sass Jonne auf einem Stuhl. Er sah sie besorgt an, lächelte dann leicht.
„Na, geht’s wieder?“, fragte er und griff nach einem Glas mit Tee, das auf dem Nachttisch stand, „Hier, trink das.“ Kaisa setzte sich im Bett auf, griff nach dem Glas und trank es in einem Zug leer.
„Ich… es tut mir Leid.“, murmelte sie dann und liess sich wieder ins Kissen zurück fallen.
„Ist doch kein Problem!“, meinte Jonne nur, „Bleib ruhig noch nen Moment liegen… In ner halben Stunde gibt’s dann Mittagessen, ich komm dann kurz vorher hoch und hol dich. Mit nem Zusammenbruch ist nicht zu spassen…“
Nachdenklich stieg Jonne wenige Minuten später die Treppe hinunter. Was war passiert, dass Kaisa derart heftig zusammengebrochen war? Hatte er vielleicht irgendwas falsches gesagt? Doch es schien, als hätte es nicht unbedingt an seinen Worten gelegen… In wenigen Tagen würde er das erste Bezugspersonengespräch mit ihr führen müssen, in welchem er sie dann wohl oder übel auch auf die Tat, die ihr vorgeworfen wurde, ansprechen musste. Er hoffte, dass sie dann nicht völlig abblocken würde. Er wusste, dass sie eine Menge aufzuarbeiten hatte, auch aus der Zeit, in der sie auf der Strasse gelebt hatte, und er wusste gar nicht so recht, wo er anfangen sollte. Erstmal musste sie sowieso Vertrauen zu ihm fassen, und das wollte er dann nicht gleich wieder zerstören…
Er ging zurück ins Sekretariat und nahm sich dort noch einmal Kaisas Akte, las sie sich durch und suchte nach irgendwelchen Hinweisen, die auf ihre spätere Tat hindeuten könnten. Kaisa war zusammen mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Taiva bei ihrer Mutter aufgewachsen, ihr Vater war noch vor ihrer Geburt gestorben. Als Kaisa 12 war, hatte ihre Mutter wieder geheiratet, doch auch danach war nichts aussergewöhnliches zu finden, auch in der Schule hatte sie immer nur gute Noten gehabt. Bis sie dann mit 15 plötzlich ein halbes Jahr abgehauen war und auf der Strasse lebte. Und danach angeblich ihren Stiefvater und ihre Schwester ermordet haben sollte… Noch immer war der genaue Tathergang ungeklärt, doch Kaisa hatte von Anfang an nicht bestritten, dass sie es gewesen war – allerdings auch nie etwas gesagt, dass sie es war… Sie hatte von Anfang an geschwiegen was die ganze Sache betraf…
Überhaupt hatte sie von dem Tag an geschwiegen. Nichts mehr gegessen und schliesslich mehrfach versucht, sich das Leben zu nehmen. Immer war sie gerade noch rechtzeitig entdeckt worden. Man setzte sie schlussendlich unter starke Medikamente, begann, sie künstlich zu ernähren. Irgendwann stabilisierte sich ihr Zustand ein wenig, nachdem man aufgehört hatte, mehr über ihre Tat aus ihr herauszubekommen. Man hatte sie regelrecht ignoriert, die Mahlzeiten zu den einzigen festen Terminen gemacht und die Medikamentedosis nach und nach gesenkt. Und nun war sie hier, und Jonne war für sie verantwortlich. Und er hatte schreckliche Angst davor, in ihrem Fall zu versagen.
Er klappte den Ordner zu und warf einen Blick auf die Uhr. Es war noch genügend Zeit, um den Tisch zu decken, bevor er Kaisa zum essen holen musste. Als er aus dem Sekretariat kam, verliessen die anderen Jugendlichen gerade ihre Ateliers. Nur Ville war noch nirgendwo zu sehen, aber er wusste, dass dieser immer als letzter kam. Stiina, die Leiterin der Kerzenwerkstatt, kam gerade den Flur entlang.
„Und, wie liefs?“, wollte er von ihr wissen. Stiina lächelte nur.
„Wie immer. Aber irgendwie wirkte er ein wenig glücklicher als auch schon.“, meinte sie. Auch Jonne begann nun zu lächeln. Ob Kaisa wohl wusste, wie sehr sie Ville mit ihrem Einsatz geholfen hatte? Vielleicht würde sich ja nun eine Art Freundschaft zwischen den beiden entwickeln, sie konnten sich gegenseitig helfen und auch er selber würde leichter an Kaisa rankommen…
Während dieses Gedankengangs kam sein Kleiner Bruder gerade den Flur entlang. Tatsächlich wirkte Ville zufrieden, lächelte leicht vor sich hin. Als er Jonne sah, schaute er sich kurz suchend um.
Wo ist das Mädchen?, wollte er dann wissen.
Oben, antwortete Jonne, Ihr gings eben nicht so gut.
Ville runzelte kurz besorg die Stirn und drängte sich dann an seinem Bruder vorbei. Jonne sah ihm kurz hinterher, wie er die Treppe hochrannte. Wieder fing er an zu lächeln, bevor er in den Speisesaal ging und die letzten Vorbereitungen fürs Mittagessen traf.
Kaisa hörte, wie sich ihre Zimmertür öffnete und warf einen Blick auf den Wecker auf ihrem Nachttisch. Kurz vor zwölf. Vermutlich war es also Jonne, der sie zum Mittagessen abholen wollte. Sie setzte sich auf den Bettrand. Doch zu ihrer Überraschung war es nicht Jonne, sondern sein kleiner Bruder, der zögernd und besorgt dreinblickend ins Zimmer kam.
„Oh, hey!“, meinte sie nur und lächelte leicht, bevor ihr einfiel, dass Ville sie ja gar nicht verstehen konnte. Doch auch er begann leicht zu lächeln und fuchtelte mit seinen Händen.
„Oh, ich… ich kann leider keine Zeichensprache…“, meinte Kaya, bevor ihr eine Idee kam und sie nach ihrem noch unausgepackten Rucksack neben dem Bett griff. Kurz wühlte sie darin herum, bevor sie einen Block und einen Stift herauszog und Ville zu sich winkte.
Noch immer etwas zögernd setzte sich der Blonde auf den Bettrand, nahm die Sachen und begann zu schreiben. Kurz darauf gab er ihr den Block wieder zurück.
Geht’s dir wieder besser?, konnte Kaisa darauf in einer feinen, gut leserlichen Schrift lesen. Sie nickte nur leicht, und Ville nahm ihr den Block wieder aus der Hand.
Gefällt es dir hier? Hat dir Jonne die Hasen schon gezeigt?, schrieb er dann. Kaisa begann beim zweiten Satz zu lächeln, nahm dann den Stift und begann zu antworten.
Ja, hat er. Sind total süss., schribe sie und gab ihm den Block zurück. Ville nickte nur. Für einen Moment sassen die beiden nur auf dem Bett, als es plötzlich an der Tür klopfte. Gleich darauf stand Jonne im Zimmer und besah sich die Szene überrascht.
„Eigentlich dürfte Ville nicht zu dir ins Zimmer.“, meinte er dann gespielt streng, zwinkerte den beiden dann aber zu, „Ich habe allerdings nichts geshen… Aber das nächste Mal trefft ihr euch besser in einem der Aufenthaltsräume. Und jetzt los, es gibt Essen.“ Kaisa und Ville standen auf und folgten dem Betreuer daraufhin aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und in den Speisesaal. Wie selbstverständlich setzten sich die beiden nebeneinander, während Jonne ihnen gegenübersass. Nach einem kurzen Durchchecken, ob auch alle Jugendlichen anwesend waren, eröffnete dieser dann das Mittagessen.
„Ich habe heute Nachmittag frei, ich bin wohl noch so bis 14.00 Uhr hier.“, wandte er sich schliesslich an Kaisa, „Tarja…“, er deutete auf eine junge Frau, die weiter oben am Tisch sass und die Kaisa bisher noch nicht kannte, „…hat Dienst. Ihr werdet wohl in den Wald gehen, soweit ich weis. Ich bin dann ab morgen Mittag wieder hier.“
„Okay.“, meinte Kaisa nur und stocherte in ihrem Essen herum. Etwas misstrauisch beobachtete sie die Betreuerin, welche ziemlich streng wirkte und ihr überhaupt ziemlich unsympatisch war. Etwas widerwillig schob sie sich die letzten Gabeln Reis in den Mund und legte das Besteck dann auf dem Teller ab. Viele um sie herum waren bereits fertig mit essen, sie hatte für ihre Miniportion mal wieder ewig gebraucht, einige hatten sich noch eine weitere Ladung auf den Teller gepackt.
„Schon genug?“, wollte Jonne dann wissen, und zögernd nickte Kaisa.
„Naja, es gibt ja noch Nachtisch.“, meinte er daraufhin und leerte seinen eigenen Teller. Im selben Moment räusperte sich Tarja weiter oben am Tisch und ergriff das Wort.
„So, ihr räumt nun jetzt erstmal den Tisch ab, und danach gibt’s noch Nachtisch.“, meinte sie im Befehlston, wobei beim Wort Nachtisch ein freudiges Raunen durch die Menge ging, „Danach treffen wir uns um 14.00 Uhr wieder hier, wir gehen in den Wald. Ziet euch was an, bei dem es egal ist wenn es schmutzig wird. Und jetzt los.“ Sofort waren einige Jugendliche aufgesprungen und begannen, die Teller abzuräumen, während Kaisa etwas perplex sitzen blieb. Gleich darauf waren Teller, Besteck und Schüsseln verschwunden, und dann bekam sie ein Schälchen mit Schokocreme vor die Nase gesetzt.
Während die anderen um sie herum begeistert darüber herfielen, nahm sie sich nur zögernd zwei, drei Löffel der Creme und schob ihr Schälchen dann unauffällig zu Ville hinüber, der seines bereits geleert hatte und dann überrascht zu ihr sah. Lächelnd zog er es zu sich und schob das leere zu Kaisa. Jonne war gerade abgelenkt und hatte nichts von der Tauschaktion bemerkt. Als er wieder zu Kaisa sah, bemerkte er das leere Schälchen und nickte nur anerkennend. Kaisa verkniff sich ein Grinsen und trank ihr Glas leer.
Kurz darauf klatschte Tarja in die Hände.
„OK, räumt eure Schüsseln weg. Wir treffen uns um Punkt 14.00 Uhr draussen im Vorraum.“, meinte sie nur. Gleich darauf wurden Stühle herumgeschoben, alle redeten durcheinander und wieder blieben Kaisa, Ville und Jonne als letzte zurück. Jonne winkte schliesslich Tarja zu sich.
Kurz stellte er ihr Kaisa vor, woraufhin die Betreuerin nur nickte und sich direkt an sie wandte.
„Hast du Gummistiefel oder Wanderschuhe oder sowas?“, meinte sie sogleich ohne Begrüssung oder sonstwas. Etwas perplex schüttelte Kaisa den Kopf.
„Schuhgrösse?“
„38.“, kam es kleinlaut von Kaisa; bereits nach dieser ersten Begegnung war ihr klar, dass sie Tarja nicht mochte.
„OK, ich schaue was ich finde.“, meinte diese nur knapp und stolzierte dann aus dem Esssaal. Kaisa bemerkte, wie Ville ihr Grimassen schneidend hinterherschaute. Er erntete dafür einen bösen Blick von Jonne, der sich gleich darauf an sie wandte.
„Mach dir nichts draus, die ist einfach so. Im Grunde genommen ist sie gar nicht soo schlimm.“, erklärte er Augenzwinkernd. Kaisa nickte nur und stand dann auf.
Kaisas Motivation war gleich null, als sie kurz vor 14.00 Uhr die Treppe hinunter stieg. Auch die anderen, denen sie über den Weg lief, wirkten wenig begeistert von dem bevorstehenden Ausflug. Unten wurde sie sogleich von Tarja empfangen, welche ihr ein paar leuchtend pinke Gummistiefel hinstrecktel.
„Die sind zu gross…“, meinte Kaisa, als sie diese anprobierte und keinen wirklichen Halt fand.
„Für heute muss das gehen, wir haben keine anderen.“, war die harsche Antwort. Gleich darauf ging es auch schon los.
„Du bleibst in meiner Nähe!“, wurde sie von Tarja angefahren, als sie sich neben Ville stellte, der sich etwas zurückfallen liess. Kaisa zuckte mit den Schultern und ging fortan direkt hinter der Betreuerin. Bereits nach wenigen Metern bemerkte sie, wie sie durch das Herumrutschen Blasen an den Füssen bekam und trottete lustlos hinterher.
Mittlerweile waren sie auf einem Trampelpfad mitten im Wald. Es war total matschig, und Kaisa war schon ein paar Mal stecken geblieben und hätte dabei beinahe ihre Stiefel verloren. Ihre Füsse schmerzten bei jedem Schritt, und sie hatte Mühe mit Tarjas Tempo mitzuhalten. Irgendwann schaute sie kurz zurück, konnte Ville jedoch nirgendwo entdecken. Tarja war gerade abgelenkt, sodass sie sich unbemerkt zurückfallen liess. Noch immer war Ville nirgendwo zu entdecken, also drehte sie sich um, nachdem sie das Ende der Gruppe erreicht hatte, und ging ein Stück zurück. Nach einigen Metern konnte sie aus etwas Entfernung Stimmen und Gelächter hören. So schnell es ihre schmerzenden Füsse zuliessen ging sie in die Richtung, aus der sie die Geräusche hörte, und fand sich kurz darauf in der fast selben Situation wieder wie am Morgen.
Wieder hatten die Jungs Ville eingekesselt und schubsten ihn herum, und wieder schienen die selben Typen das Kommando über das ganze zu haben. In der Hoffnung, sich am Morgen etwas Respekt erkämpft zu haben, baute sie sich vor den Typen auf. „Ey, lasst ihn verdammt noch mal in Ruhe!“, schrie sie dann und stemmte die Arme in die Seiten. Tatsächlich erstarrten die Jungs und schauten sie überrascht an. Der Anführer trat auf sie zu, begann schliesslich zu grinsen. „Und was wenn nicht? Stichst du mich dann ab, wie du es mit deiner Schwester und deinem Vater getan hast?“, meinte er dann spöttisch. Kaisa sah nur noch rot und stürzte sich auf den Jungen. Dieser ging überrascht zu Boden, während Kaisa sich auf ihn stürzte und rasend vor Wut auf ihn einprügelte. Die anderen um sie herum beganne zu schreien, versuchten sie von dem Typen runter zu ziehen, doch sie hatten keine Chance.
Irgendwann wurde Kaisa hart von dem Jungen runtergezerrt und spürte gleich darauf einen brennenden Schmerz auf ihrer Wange. Vor ihr stand Tarja, zornerbrandt, hielt sie an den Schultern fest und schüttelte sie.
„Was fällt dir verdammt noch mal ein?!“, schrie sie Kaisa an, welche jedoch nicht reagierte, „Du bist eine Gefahr für die Menschheit! Sowas wie du gehört eingesperrt!“ Kaisa am Arm festhaltend, suchte sie in ihrer Jackentasche nach ihrem Handy. Ville, der ihr wohl zur Hilfe eilen wollte und wild rumfuchtelte, wurde mit einem bösen Blick zum stehen gebracht. Kaisa starrte auf den Boden, während sich Tarja mittlerweile das Telefon ans Ohr hielt und wartete.
Gleich darauf redete sie auf die Person am anderen Ende der Leitung ein, wovon Kaisa nur einzelne Worte und Satzteile wie „gemeingefährlich“, „psychopatisch“ und „eine Gefahr für die anderen“ raushörte und jedes Mal zusammenzuckte. Sie redete eine halbe Ewigkeit ins Telefon, bevor sie schliesslich mit einem entnervten „Danke!“ auflegte und das Handy wieder in die Tasche steckte.
„Ihr beide“, sie deutete auf Ville und Kaisa, sah beim Reden jedoch zu Ville, damit dieser von ihren Lippen ablesen konnte, „geht jetzt zurück ins Haus. Zum Glück habe ich Jonne noch erreicht… Er wartet dort auf euch. Und wehe, ihr versucht unterwegs abzuhauen oder sowas!“
Ville nickte, nicht unbedingt unglücklich darüber. Er nahm Kaisa vorsichtig am Arm, welche zusammenzuckte und aufsah. Ville lächelte sie leicht an, deutete ihr zu folgen und ging dann den Weg entlang zurück, den sie gekommen waren. In Gedanken versunken trottete Kaisa hinterher.
Was, wenn Tarja recht hatte? Wenn sie wirklich eine Gefahr für die Menschheit war? Was, wenn wieder etwas passieren würde? Man sie für immer wegsperrte?
Unbemerkt war sie stehen geblieben, während ihr Tränen über die Wangen liefen, die sie eigentlich unterdrücken wollte. Ville war einige Schritte weiter gegangen, bemerkte dann jedoch, dass Kaisa zurückgeblieben war. Ohne nachzudenken drehte er sich um, ging auf sie zu und zog sie in ihre Arme. Etwas überrascht starrte Kaisa ihn an, bevor sie schliesslich, erst noch zögernd, die Umarmung zu erwiedern begann.
Jonne wartete bereits auf der Treppe vor dem Haus auf seine beiden Schützlinge. Er hatte gerade seine Sachen gepackt gehabt und wollte gehen, als Tarja ihn angerufen hatte. Seine Stimmung schwankte von Sorge um die beiden über Ärger wegen seinem dadurch vermiesten Feierabend bis zu Erleichterung, dass die beiden der „bösen“ Betreuerin entkommen waren. Diese hatte ihm am Telefon nur gesagt, dass Kaisa einen Jungen angegriffen habe, doch er war sich sicher dass das nicht ohne Grund geschehen war.
Als Ville und Kaisa schliesslich um die Ecke bogen und er die Tränen auf Kaisas Wangen sah, ging er die Treppe hinunter und auf die beiden zu. Er schloss sie in die Arme.
„Hei, ganz ruhig!“, murmelte er ihr ins Ohr, während er Ville einen fragenden Blick zuwarf. Dieser erklärte ihm in Gebärdensprache, was im Wald vorgefallen war und dass Mikko, der Anführer der Bande, wohl irgendwas zu ihr gesagt haben musste dass Kaisa so auf ihn losgegangen war.
Jonne nickte nur und liess Kaisa wieder los.
„Lasst uns erstmal reingehen.“, meinte er dann, legte seinen Arm um Kaisa und deutete Ville, ihnen zu folgen. Er führte die beiden ins Gebäude und dann hoch in den Aufenthaltsraum im ersten Stock.
„Setzt euch, ich bin gleich wieder da!“, meinte er dann und verliess den Raum wieder. Kaisa liess sich auf eines der Sofas fallen, und Ville setzte sich ihr gegenüber. Kurz darauf kam Jonne auch schon mit einem Krug Tee und einigen Gläsern wieder. Er stellte es auf dem kleinen Tisch in der Mitte des Raums ab und setzte sich dann neben Kaisa, welche noch immer teilnahmslos vor sich hin starrte.
„Geht’s wieder?“, wollte er dann wissen. Kaisa zuckte nur mit den Schultern und starrte weiterhin auf ihre Knie. Jonne strich ihr leicht über den Rücken, dann wandte er sich an Ville, von dem er sich noch einmal genau erklären liess was im Wald vorgefallen war – zumindest soweit er es mitbekommen hatte.
„Was hat er gesagt, dass du so ausgerastet bist?“, wandte er sich dann an Kaisa, doch diese schüttelte nur den Kopf, während ihr wieder Tränen über die Wangen liefen. Lautlos seufzend griff Jonne nach einem Glas und füllte es mit Tee. Nachdem er einige Schlucke getrunken hatte, stellte er das Glas wieder auf den Tisch.
„Weißt du, ich kann später auch Tarja oder Mikko fragen, was genau vorgefallen ist, aber ich denke, sie werden mir nicht dasselbe erzählen wie du… Ich würde dir wirklich gerne helfen, nicht nur was diese Sache hier betrifft, und dazu musst du mir einfach vertrauen! Ich weiss, dass das nicht einfach für dich ist nach allem, was passiert ist, aber wie gesagt, ich will dir nichts Böses! Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du grundlos auf irgendwen losgehst…“ Er sah zu Kaisa, doch diese zeigte noch immer keine Reaktion.
„Okay.“, seufzte er und stand auf, „Du willst also nicht darüber reden. Gut, akzeptiere ich so. Allerdings kann ich dann wohl auch nicht verhindern dass das ganze wohl noch ein Nachspiel für dich haben wird…“
Nachdem Jonne den Raum verlassen hatte, sah Ville ihm kurz hinterher und dann besorgt zu Kaisa. Diese wirkte immer noch abwesend, und Ville überlegte krampfhaft, wie er sie wieder ein wenig aufheitern konnte. Schliesslich kam ihm eine Idee, er stand auf und nahm Kaisas Hand. Diese blickte ihn leicht irritiert an.
Komm mit!, formten seine Lippen stumm, und etwas zögerlich stand Kaisa auf. Ville zog sie regelrecht hinter sich her, aus dem Aufenthaltsraum, die Treppe hinunter und nach draussen. Kaisa hatte weiterhin auf den Boden gestarrt und nicht wirklich mitbekommen, wo er sie hinführte. Erst als er ihr auf einmal etwas flauschiges in die Arme drückte, sah sie etwas erschrocken auf und begann dann leicht zu lächeln.
Ville hatte sie nach draussen in das Kaninchengehege geführt und ihm nun eines der kleineren Häschen in den Arm gedrückt. Er selber hatte sich auf den Boden gesetzt, woraufhin sofort einige der Kaninchen auf seinen Schoss geklettert waren. Er beobachtete die Tierchen begeistert und strich ab und zu durch ihr weiches Fell. Kaisa ging in die Knie und setzte ihr Kaninchen wieder auf den Boden zurück, bevor sie sich ebenfalls zu Ville auf den Boden setzte. Auch auf ihr kletterten die Kaninchen gleich darauf fröhlich rum. Für einen Moment vergass sie ihre Sorgen und beobachtete die kleinen Tiere fasziniert. Kurz sah sie zu Ville, welcher sie angrinste und innerlich stolz war, dass sein Plan funktioniert hatte.
Auch Jonne, der am grossen Fenster im Esssaal stand und das ganze beobachtete, begann nun zu lächeln. Für einen Moment überlegte er, sich zu den beiden zu setzen und Kaisa noch einmal auf das Geschehene anzusprechen, doch dann beschloss er es zu lassen. Immerhin schien sie sich gerade wieder ein wenig beruhigt zu haben… Offensichtlich schienen sie und Ville einen guten Draht zueinander zu haben, und er freute sich für beide, dass sie nun scheinbar in einander einen Verbündeten gefunden hatten.
Kurz darauf kam Tarja mit den restlichen Jugendlichen ebenfalls ins Heim zurück. Die Betreuerin wirkte noch immer wütend, während die Jugendlichen fröhlich mit ihren schmutzigen Gummistiefeln durchs Haus gingen.
Die Putzfrau wird sich freuen…, ging es Jonne durch den Kopf, als er Tarja entgegen ging, die sich gerade ihrer Jacke entledigte.
„Wie liefs?“, wollte er wissen, nachdem die beiden das Sekretariat betreten und die Tür hinter sich geschlossen hatten.
„Gut, nachdem die beiden Störenfriede weg waren.“, kam es nur harsch von Tarja. Jonne verkniff sich jeden Kommentar. Er wusste, dass Tarja mit Ville überhaupt nichts anfangen konnte und auch deutlich ihre Lieblingskinder hatte – darunter auch Mikko und seine Bande, die in ihrer Gegenwart gerne mal einen auf Engel machten…
„Was ist denn genau passiert?“, wollte er dann wissen.
„Kaisa hat Mikko angegriffen. Ohne Grund.“, meinte Tarja nur, während sie ihren Computer einschaltete.
„Bist du sicher, dass es grundlos war?“, hakte Jonne nach. Tarja nickte nur.
„Mikko meinte, sie wäre ohne ersichtlichen Grund auf sie los gegangen.“, meinte sie nur und begann, etwas zu tippen.
„Allerdings ist Mikko scheinbar vorher auf Ville losgegangen.“, warf Jonne ein. Doch Tarja schüttelte den Kopf.
„Davon hätte ich nichts mitbekommen.“
Jonne zuckte mit den Schultern.
„Nun ja… Dann gehe ich mal.“, meinte er dann. Tarja sah auf.
„Nein! Ich bleibe auf keinen Fall alleine hier solange dieses… Monster hier ist.“, meinte sie dann, wobei sie jedoch eher wütend als panisch klang. Jonne versuchte, seine aufsteigende Wut runterzuschlucken.
„Sie ist doch kein Monster! Und ich habe mir meinen Feierabend wirklich verdient, immerhin arbeite ich nun schon seit zwei Tagen durch.“, meinte er leicht genervt.
„Klar ist sie ein Monster, immerhin hat sie ihre halbe Familie umgebracht.“
„Das ist doch gar nicht bewiesen, dass sie es wirklich war!“
„Ihrem momentanen Verhalten nach zu schliessen deutet aber alles darauf hin. Und ich habe keine Lust hier morgen früh irgendwen mit nem Messer im Rücken zu finden.“
„Ach, und du denkst, dass ausgerechnet ich verhindern kann dass sowas passiert? Nur durch meine Anwesenheit?“, beinahe hätte Jonne laut losgelacht.
„Ich fühle mich jedenfalls sicherer, wenn du auch noch hier bist.“, meinte Tarja daraufhin.
Und ausserdem bist du so deine beiden Problemkinder los, fügte Jonne gedanklich hinzu.
„Okay.“, gab er schliesslich seufzend nach, „Ich muss allerdings um 19.00 Uhr noch kurz für ne Stunde verschwinden, wir haben am Samstag ein Konzert und müssen Proben… Notfalls nehm ich Kaisa und Ville eben mit, damit es keinen Ärger gibt.“
„Darf Kaisa das Gelände denn überhaupt verlassen?“, kam es von Tarja, welche jedoch schon deutlich erleichtert klang.
„Ich denke schon. Noch ist sie ja nicht verurteilt… Vielleicht ist es gut für sie, mal wieder was Normales zu machen…“
Schliesslich stimmte Tarja zu, und Jonne ging aus dem Sekretariat, um seinen beiden Schützlingen die Entscheidung mitzuteilen. Die beiden sassen noch immer im Kaninchengehege, obwohl es mittlerweile leicht angefangen hatte zu regnen. Jonne ging zu ihnen hinüber. Beide waren tief in Gedanken versunken, und Kaisa zuckte leicht zusammen, als er das leicht quietschende Törchen öffnete.
„Na ihr zwei!“, meinte er lächelnd und ging vor den beiden in die Knie. Auch Ville hatte ihn nun bemerkt und sah ihn fragend an.
„Ihr könnt heute Abend mit mir zur Bandprobe.“, meinte er, während er Ville dasselbe in Gebärdensprache sagte. Dieser bekam leuchtende Augen und strahlte, während Kaisa ihn nur überrascht ansah.
Dann jedoch runzelte Ville die Stirn und sah Jonne fragend an.
Und warum?, wollte er dann wissen, Hättest du jetzt nicht eigentlich frei?
Kurz erklärte ihm Jonne, was er gerade mit Tarja besprochen hatte, woraufhin dieser zu grinsen begann, als er erwähnte, dass sie wohl Angst vor Kaisa hatte.
„So, und jetzt los, rein mit euch. Es regnet.“ Jonne klatschte in die Hände. Etwas widerwillig hob Kaisa das Kaninchen von ihrem Schoss und setzte es ab, bevor sie aufstand und sich ihre Hose abklopfte. Auch Ville stand auf, und die beiden trotteten hinter Jonne her ins Haus zurück.
Die beiden verkrümelten sich in ihre Zimmer, und Jonne zog sich noch einmal ins Sekretariat zurück, um einige liegengebliebene Büroarbeiten zu erledigen. Vielleicht war es wirklich keine schlechte Idee, die beiden mit zur Probe zu nehmen. Ville kannte die anderen Bandmitglieder gut und wurde immer herzlich von ihnen empfangen, und bestimmt würden sie auch Kaisa sofort ins Herz schliessen.
Tarja war ebenfalls in ihre Arbeit vertieft, und immer wieder schielte Jonne zu ihr rüber. Er konnte das Verhalten der Betreuerin einfach nicht verstehen. Lag es daran, dass er ihre Bezugsperson war oder Kaisa sich mit Ville angefreundet hatte, dass sie sie schon jetzt nicht zu mögen schien? Jedenfalls musste er ein wenig aufpassen – nicht dass Tarja Kaisa durch ihr Verhalten doch noch irgendwie dazu brachte, Mist zu bauen…
Schon beim Abendessen war Kaisa total hibbelig und konnte kaum stillsitzen vor lauter Vorfreude. Sie hatte seit Wochen nichts anderes mehr gesehen als die Klinik und nun das Haus hier. Unter „normalen“ Menschen war sie schon länger nicht mehr gewesen – obwohl man seine Bandmitglieder nach Jonnes Aussage wohl nicht unbedingt als Normal bezeichnen konnte…
Endlich war das Abendessen beendet, und als Jonne endlich meinte, dass es nun los gehe, sprang sie freudig auf und folgte ihm und Ville zu Jonnes Auto. Sie machte es sich auf dem Rücksitz bequem, Ville setzte sich auf den Beifahrersitz, und Jonne startete den Motor.
Es dauerte fast 20 Minuten, bis sie die Zivilisation erreichten, zuvor war alles Wald und Felder gewesen. Langsam wurden es mehr und mehr Häuser, und schliesslich kamen sie in die Innenstadt von Tampere.
Es hatte ziemlich viel Verkehr, zahlreiche rote Ampeln und jegliche weitere Gründe um sich aufzuregen, doch Jonne blieb ruhig, summte die Musik im Radio mit und bog schliesslich auf den Parkplatz eines alten Fabrikgeländes ein.
„So.“, meinte er nur und sah zu Kaisa, während Ville bereits die Tür geöffnet hatte und aus dem Wagen gesprungen war. Kaisa stieg ebenfalls aus und folgte den beiden zu einer unscheinbar wirkenden Tür. Jonne drückte prüfend die Türklinke runter und zog dann einen Schlüssel aus seiner Tasche. Dann traten sie ein und folgten erstmal einem mit grauem Spannteppich belegten Flur, bevor Jonne die letzte Tür rechts öffnete und das Licht einschaltete. Zum Vorschein kam ein gemütlich wirkender Proberaum, in welchem neben Instrumenten und Gitarrenkoffern auch ein kleiner Kühlschrank und einige bequem aussehende Sofas standen.
Kaisa sah sich staunend um, und schliesslich fiel ihr Blick auf das Keyboard. Wie magisch angezogen ging sie darauf zu, blieb stehen und strich über die Tasten. Sie hatte bisher nur auf ganz normalen Klavieren gespielt, doch im Vergleich mit diesem Ding waren die gar nichts. Ehe sie sich versah, hatte sie auch schon den Einschaltknopf betätigt, und das kleine Display begann zu leuchten. Schon hatten sich ihre Hände auf die Tasten gelegt und begannen zu spielen, und wieder einmal verlor sie sich völlig in ihrem Spiel, bekam nichts mehr um sich herum mit, auch nicht, wie die anderen Bandmitglieder den Raum betraten und Jonne und Ville begrüssten. Irgendwann realisierte sie wie durch Nebel, dass jemand neben ihr stand. Dadurch bekam sie die Kontrolle über ihre Hände zurück und beendete ihr Spiel.
Etwas verunsichert sah sie den jungen Mann mit den langen braunen Haaren an, der neben ihr Stand und sie neugierig musterte. Dann jedoch begann er zu lächeln.
„Respekt, du spielst echt gut!“, meinte er nur und legte ihr seine Hand auf die Schulter.
„Danke…“, murmelte Kaisa nur und trat einen Schritt zurück. Erst jetzt bemerkte sie die drei anderen, die neben dem Mann neben ihr noch reingekommen waren. Jonne schraubte bereits an seinem Mikrofonständer herum, während die anderen drei mit ihren Instrumenten beschäftigt waren und es sich Ville auf einem der Sofas bequem gemacht hatte.
„Ich bin übrigens Nakki, der Keyboarder.“, stellte sich derjenige neben ihr dann vor und streckte ihr die Hand hin. Noch immer zögernd nahm sie die Hand. „Kaisa.“, meinte sie dann und erwiderte sein Lächeln.
Kurz darauf hatten sich ihr auch die restlichen Bandmitglieder vorgestellt, und Kaisa hatte es sich neben Ville auf dem Sofa bequem gemacht und lauschte der beginnenden Bandprobe. Die Musik gefiel ihr aussergewöhnlich gut, und gedanklich spielte sie bereits selber Nakkis Keyboardparts. Umso überraschter war sie, als der Keyboarder sie mit einem Mal zu sich winkte und grinsend einen Schritt zurücktrat.
„Du hast gerade so aufmerksam zugehört… Da kannst du bestimmt den Song schon fast selber spielen, oder?“, meinte er grinsend. Kaisa sah ihn überrascht an, begann dann aber zu lächeln.
„Ich kanns versuchen…“, meinte sie nur und stellte sich ans Keyboard. Nakki blieb hinter ihr stehen und wandte sich dann an die Band.
„OK, noch mal In my heaven?“, fragte er und erntete von allen Seiten ein Nicken. Jay gab den Takt vor, und erst noch etwas zögernd, dann aber immer sicherer begann Kaisa zu spielen.
Die letzten Takte verklangen, und Kaisa wischte sich lächelnd den Schweiss von der Stirn. Bestimmt war ihr Spiel noch nicht perfekt gewesen, doch es hatte ihr unheimlich Spass gemacht. Sie warf einen Blick zu Nakki, der ebenfalls zufrieden wirkte.
„Du hast wirklich Talent!“, meinte dieser, „Klar, da waren jetzt noch zwei, drei kleine Fehler drinn, aber mit etwas Übung könntest du wohl durchaus mal ein Konzert für mich spielen.“ Er grinste, und Kaisa lächelte verlegen. Sie sah kurz zu Jonne, der ebenfalls strahlte und ihr den hoch gestreckten Daumen zeigte. Lächelnd ging sie wieder rüber zum Sofa und liess sich neben Ville fallen, der nur kurz von der Musikzeitschrift aufsah, in die er vertieft war. Er lächelte ihr nur zu und las dann weiter, während Kaisa aufmerksam die nächsten Songs mitverfolgte.
„Soo, Schluss für heute!“, meinte Jonne schliesslich nach etwa einer Stunde und liess sein Mikrofon sinken. Er steckte es zurück in den Ständer und liess sich dann neben Ville und Kaisa aufs Sofa sinken. Auch die anderen legten ihre Instrumente zur Seite und machten es sich gemütlich, während Antti noch kurz einen Abstecher zum Kühlschrank machte und aus diesem einige Dosen Bier und Cola für Ville und Kaisa holte. Die Bandmitglieder begannen sich über alles mögliche zu unterhalten, während Kaisa noch immer vor sich hin grinste und gelegentlich an ihrer Cola nippte.
„…ist das OK für dich?“, wandte sich plötzlich Jonne an sie, und sie sah ihn überrascht an.
„Äh… was?“, kam es etwas verwirrt von ihr, „Ich hab wohl grad nicht aufgepasst.“
„Dass Nakki dir ab und zu mal etwas „Nachhilfeunterricht“ gibt, damit du auch für ihn einspringen könntest falls er mal krank wäre bei nem Konzert. Wir müssen noch mit der Heimleitung schauen wann es am besten passt und so…“
Kaisa sah überrascht von ihm zu Nakki, der sie angrinste, und nickte dann begeistert.
„Ja, klar! Das wäre toll! Ich meine… natürlich nur wenn es dir nichts ausmacht…“, meinte sie dann und sah zu Nakki. Dieser strahlte zurück, und schliesslich leerte Jonne seine Dose und sah dann auf die Uhr.
„So, ich muss die zwei hier dann wohl langsam mal zurückbringen…“, meinte er dann und stand auf. Auch Kaisa sprang auf, doch Ville, der schon halb zu schlafen schien, blieb in Gedanken versunken sitzen. Jonne nahm ihn an den Händen.
„Los Kleiner, wir müssen zurück!“, meinte er und zog ihn auf die Beine. Sie verabschiedeten sich von den anderen, wobei alle Kaisa schon wie eine alte Bekannte in ihre Arme schlossen. Sie grinste noch immer vor sich hin, als sie zurück zum Auto gingen.
Ville stieg für die Rückfahrt freiwillig hinten ein, und so liess sich Kaisa auf den Beifahrersitz sinken.
„Na, hats dir gefallen?“, wollte Jonne wissen, als er vom Parkplatz fuhr, und Kaisa nickte heftig.
„Es war toll! Echt nett von Nakki, dass er mich gleich spielen liess! Und auch das mit dem Unterricht!“ Zufrieden grinste Jonne vor sich hin, wurde dann allerdings ernst.
„Allerdings musst du mir was versprechen.“, meinte er dann, wieder ernst geworden, und auch Kaisas Gesicht wurde ernst.
„Versprich mir, dass du dich nicht mehr von Mikko oder irgendwem anderes provozieren lässt. Denn sonst könnte es sein, dass sie dir den Unterricht und alles sofort wieder streichen… Du weißt ja, was für ne Tat dir angehängt wird – auch wenn ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass du es wirklich warst – und wenn du dann auf irgendwelche Mitbewohner los gehst wirkt sich das nicht gerade positiv auf das Urteil aus…“
„Weißt du Kleines, du musst mir vertrauen.“, meinte Jonne, als Kaisa neben ihm nicht reagiert hatte, „Ich weiss, dass das alles verdammt schwierig für dich sein muss. Dass du langsam nicht mehr weißt, wem du noch trauen kannst und wem nicht. Aber du musst eines wissen: Du kannst mir voll vertrauen! Du kannst mir alles erzählen, ohne das irgendwer was davon erfährt, so lange du einfach nur ehrlich bist. Nur so kann ich dir helfen, oder es zumindest versuchen. Vertrau mir, OK?“ Er griff nach Kaisas Hand und drückte sie leicht. Kaisa zeigte für einige Minuten keine Reaktion, bevor sie schliesslich nickte.
„Okay.“, meinte sie leise und erwiderte den Druck. Jonne begann zu lächeln und konzentrierte sich wieder auf die Strasse. Irgendwie hatte er nun das Gefühl, dass es gut werden würde. Mit Kaisa, mit Ville, einfach alles.
Die restliche Rückfahrt haderte Kaisa mit sich selber. Einerseits wollte sie Jonne voll vertrauen, ihm alles erzählen, auch davon, was bei ihr zu Hause passiert war. Andererseits hatte sie Zweifel. Was, wenn er ihr nicht glauben würde? Oder das ganze nicht ernst nahm? Bisher hatte ihr immerhin noch nie jemand geglaubt, dass sie nichts getan hatte. Nicht mal ihre eigene Mutter… Wieso sollte also gerade Jonne derjenige sein, der ihr glaubte?
Diese Gedanken schwirrten ihr auch eine Stunde später noch durch den Kopf, als sie in ihrem Bett lag und sich schlaflos hin und her wälzte. Ihre Begeisterung von der Bandprobe her war vergessen. Erst spät fiel sie schliesslich in einen unruhigen Schlaf und überhörte natürlich prompt am nächsten Morgen den Wecker. Erst, als es an ihre Zimmertür polterte und gleich darauf die Tür aufgerissen und das Licht eingeschaltet wurde, erwachte sie halbwegs und vergrub murrend ihr Gesicht im Kopfkissen.
Schliesslich wurde ihr grob die Decke weggerissen, und als sie aufsah, sah sie Tarja neben ihrem Bett stehen, welche wütend ihre Arme verschränkt hatte.
„Du hast gerade noch 15 Minuten Zeit bis du in die Kerzenwerkstatt musst. Frühstück hast du bereits verpasst. Also beeil dich!“ Die Betreuerin drehte sich um und ging zurück in Richtung Tür.
„Das mögen wir natürlich ganz besonders gerne – abends weggehen und morgens verschlafen.“, murmelte sie, als sie aus dem Zimmer stolzierte.
Genervt stöhnend drehte sich Kaisa noch einmal um und rieb sich die Augen. Bestimmt konnte sie den Keyboardunterricht nun vergessen.
Das hast du ja super hingekriegt!, schalt sie sich selber in Gedanken. Mit einem Mal zuckte sie leicht zusammen und sah auf, denn gerade hatte sie eine Hand auf ihrem Rücken gespürt. Sie sah direkt in Villes Gesicht, welcher auf dem Bettrand sass und sie frech angrinste. Gegen ihren Willen musste nun auch Kaisa lächeln und setzte sich gähnend im Bett auf. Dann warf sie einen Blick auf ihren Wecker.
„Oh, Mist.“, meinte sie nur und sprang aus dem Bett, um kurz im Bad zu verschwinden.
„Los, raus!“, meinte sie grinsend und deutete auf die Tür, als Ville kurz darauf immer noch auf dem Bett sass, „Ich muss mich anziehen!“ Grinsend stand dieser auf und ging aus dem Zimmer.
Tatsächlich schaffte sie es pünktlich in die Kerzenwerkstatt. Die Werkstattleiterin begrüsste sie mit einem strahlenden Lächeln, und auch Ville, der für sie einen Platz freigehalten hatte, grinste sie an. Tarja war sie glücklicherweise nicht mehr über den Weg gelaufen. Sie liess sich auf den freien Stuhl fallen, und kurz darauf kam auch schon die Werkstattleiterin zu ihr an den Tisch und erklärte ihr die Arbeit. Sie begann, die bunten Wachsstäbchen in ein Glasrohr zu setzen. Später würden diese mit weissem Wachs aufgefüllt werden. Schon nach kurzer Zeit hatte sie sich eingefummelt und hatte ziemlich rasch ihre vier Röhrchen gefüllt. Auch Ville neben ihr hatte schon einige fertig gemacht.
„Kommt Jonne heute auch her?“, wollte sie von diesem wissen, erntete jedoch nur einen irritierten Blick und bekam gleich darauf ein Blatt Papier vor die Nase geschoben.
Also schrieb sie die Frage auf, und Ville zog das Blatt zu sich und begann zu antworten.
Er kommt, aber erst mittags. Eigentlich hätte er schon hier sein sollen, aber ich denke er baut mal wieder Überstunden ab… Mit einer Mischung aus Freude und Besorgnis nickte Kaisa und griff nach einem neuen Glasröhrchen, welches Kaisa ihr auf den Tisch gestellt hatte. Während sie dieses ebenfalls vorbereitete, versank sie in Gedanken. Ob Jonne sie wohl heute ausquetschen würde, nachdem sie ihm gestern versprochen hatte sich ihm anzuvertrauen? Und ob ihr der Keyboardunterricht nun wohl tatsächlich gestrichen würde, weil sie verschlafen hatte? Seufzend schob sie die fertig vorbereitete Kerze von sich.
Viel zu schnell wurde es Mittag, und als sie sich an den Tisch setzten, tauchte auch Jonne wieder auf und begrüsste sie lächelnd. Gezwungenermassen lächelte sie zurück und konzentrierte sich dann auf ihr Essen. Ville beobachtete sie fragend und sah dann zu Jonne, der nur mit den Schultern zuckte. Ob Kaisa wohl Angst vor einer Strafe hatte, weil sie verschlafen hatte? Oder hing es mit dem Versprechen zusammen, das er ihr am Vorabend abgenommen hatte? Er beschloss, später mal mit ihr zu reden. Der für den Nachmittag geplanten Ausflug war sowieso abgesagt worden, da es draussen in Strömen regnete, und so würden die Jugendlichen einen freien Nachmittag haben.
Als alle aufgegessen hatten, ergriff Tarja schliesslich das Wort und verabschiedete sich, woraufhin von mehreren Jugendlichen ein erleichtertes Aufatmen zu hören war – offensichtlich gehörte sie wirklich nicht zu den beliebtesten Betreuerinnen… An ihrer Stelle war ein junger Mann aufgetaucht, der sich Kaisa als Juha vorstellte. Er hatte immer ein breites Grinsen im Gesicht und wirkte allgemein sehr locker und unkompliziert. Er und Jonne erklärten kurz, was für den Nachmittag geplant war – nämlich gar nichts – und lösten dann die Runde auf. Zu Villes Überraschung war Kaisa eine der ersten, die aufsprang und schnellen Schrittes den Speisesaal verliess. Er hatte die leise Ahnung, dass es irgendwie mit Jonne zusammenhing, und sah diesen fragend an.
Was hast du mit ihr gemacht?, wollte er wissen und sah seinen Bruder etwas wütend an. Dieser zuckte mit den Schultern.
Nichts. Ich habe sie gestern nur gebeten mir zu versprechen dass sie mir vertrauen soll…, meinte dieser, ebenfalls überrascht über Kaisas Abgang.
Kaisa war unterdessen im Aufenthaltsraum angekommen und hatte das Tuch vom Klavier gezogen, bevor sie es sich auf dem Hocker bequem machte. Sie wischte den Staub von den Tasten und versuchte dann, das Intro des Songs, den Nakki sie gestern hatte spielen lassen, nachzuspielen. Tatsächlich hatte sie einen Grossteil der Melodie noch im Kopf und konnte es beim dritten Versuch fehlerfrei durchspielen. Zufrieden liess sie den letzten Ton ausklingen und versuchte sich dann am nächsten Lied. Doch dieses Mal klappte es nicht ganz so gut, und nach einigen Versuchen gab sie auf. Sie würde Jonne oder Nakki wohl mal um eine CD bitten müssen, damit sie sich die Songs nochmals anhören konnte…
Plötzlich klopfte es leise gegen die Scheibe in der Tür, und als Kaisa erschrocken herumfuhr, erkannte sie Villes Gesicht dahinter. Lächelnd drehte sie sich in seine Richtung und winkte ihn hinein. Nun begann auch Ville zu lächeln und betrat den Raum. Er kam zum Klavier rüber und blieb neben Kaisa stehen. Er versuchte, ihr mit seinen Händen irgendwas zu erklären, erntete jedoch nur einen irritierten Blick. Schliesslich deutete Ville auf sich, dann auf den Hocker und tat dann so, als würde er Kaisa vom Stuhl schubsen. „Achso, Okay!“, meinte diese überrascht und stand auf, gespannt, was Ville nun vor hatte. Dieser setzte sich auf den Hocker, legte seine Hände auf die Tasten und begann zu Kaisas Überraschung zu spielen. Und das sogar ziemlich gut. Obwohl er selber nicht hören konnte, was er spielte, schlichen sich nur vereinzelt kleine Verspieler ein. Als er das Lied fertig gespielt hatte, sah er erwartungsvoll zu Kaisa. Diese wirkte noch immer überrascht, zeigte ihm aber den aufgestreckten Daumen, und Ville begann zu strahlen.
„Ich wusste gar nicht, dass du auch spielen kannst!“, meinte Kaisa, und Ville zuckte mit den Schultern. Er hob seine Hände, hielt dann aber in der Bewegung inne und sprang auf. Kurz lief er durch den Raum, blickte sich suchend um und schien dann plötzlich eine Idee zu haben. Er ging hinüber zum grossen Whiteboard an der Wand, nahm einen Stift und begann etwas an die Tafel zu schreiben. Kaisa ging zu ihm hinüber, um seine Botschaft zu lesen.
Ich spiele wohl nicht so gut wie du, aber ich habs auch mal gelernt. Habs früher ziemlich gerne gemacht, stand dort in grünser Farbe.
„Dafür, dass du es nicht hören kannst, spielst du aber wirklich toll!“, meinte Kaisa, und Ville blickte verlegen zu Boden. Dann wischte er sein geschriebenes mit der Hand weg und nahm den Stift erneut. Aber nicht so toll wie du!, konnte Kaisa daraufhin lesen.
„Wieso bist du dir da so sicher?“, wollte sie wissen, „Ich meine… naja…“
Sonst hätte dich Nakki niemals an sein Keyboard gelassen, schrieb Ville und zwinkerte ihr zu. Kaisa zuckte mit den Schultern.
„Spielst du nochmal was, für mich?“, wollte sie dann wissen, und Ville zuckte mit den Schultern, nickte dann aber und setzte sich wieder ans Klavier.
Kaisa nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben ihn, lauschte den Klängen, während Ville sich so gut wie möglich auf sein Spiel konzentrierte. Keiner der beiden bemerkte Jonne, der schon einige Minuten an der Glastür stand und das ganze beobachtete. Eigentlich hatte er zu ihnen rein gehen wollen, doch als er Ville zum Klavier gehen sah, war er überrascht stehen geblieben. Er hatte angefangen zu lächeln, als die ersten Klänge ertönten, während er versuchte, einige aufsteigende Freudentränen runterzuschlucken. Ville, der vor seinem Unfall begeistert Gitarre und Klavier gespielt hatte, hatte seit er nichts mehr hörte kein Instrument mehr angefasst. Jonne war sich sicher, dass er es noch gekonnt hätte, auch ohne zu hören was er spielte, doch Ville hatte sich strickt geweigert… Dabei hätte es ihm bestimmt gut getan. Schliesslich beendete Ville das Lied, stand wieder auf und ging hinüber zur Tafel.
Lass uns was anderes machen!, schrieb er, und Kaisa nickte.
„OK, aber was?“, fragte sie und warf einen Blick aus dem Fenster. Es regnete immer noch in Strömen. Doch Ville war bereits unterwegs zur Tür – Jonne hatte sich mittlerweile wieder auf den Weg nach unten gemacht – und Kaisa zuckte mit den Schultern und folgte ihm. Er bog nach links in Richtung Jungenschlafzimmer ab und verschwand kurz in seinem Zimmer, um gleich darauf mit einem Kartenspiel in der Hand wiederzukommen. Damit flitzte er zurück in den Aufenthaltsraum, gefolgt von Kaisa, und setzte sich in der Mitte des Raums auf den Boden. Kaisa setzte sich ihm gegenüber und angelte sich kurz die Anleitungskarte aus dem Stapel, während Ville bereits angefangen hatte, diese zu mischen und zu verteilen. Kurz warf er Kaisa einen auffordernden Blick zu, bevor sie loslegten und kurz darauf schon völlig in das Spiel vertieft waren.
„Gewonnen!“, verkündete Kaisa einige Zeit später freudig und legte ihre letzte Karte ab. Ville grinste, doch sie merkte ihm an, dass er sich innerlich ärgerte.
„Nochmal?“, fragte sie, und Ville nickte, griff sich die Karten und begann sie zu mischen. Kurz darauf verteilte er sie wieder, und sie begannen das Spiel von vorne. Dieses Mal war es ein harter Kampf, und schliesslich gewann erneut Kaisa, wenn auch sehr knapp. Ville sah sie ärgerlich an, während Kaisa vor sich hin grinste. Dann klopfte es an die Tür, und gleich darauf betrat Jonne den Raum, der die beiden anlächelte und neben ihnen in die Hocke ging.
„Die anderen schauen sich gleich nen Film an im Medienraum im Keller. Ihr könnt ja auch runterkommen, wenn ihr mögt.“
Kaisa und Ville sahen sich kurz an, woraufhin Ville mit den Schultern zuckte und Kaisa nickte.
„Okay.“, meinte sie dann, und sie fingen an, die Spielkarten zusammenzuräumen.
Sie trotteten hinter Jonne her die Treppe hinunter bis in den Keller. Hier unten war Kaisa noch nicht gewesen und sah sich interessiert um. Sie betraten einen recht grossen Raum, in welchem eine Leinwand und ein Beamer angebracht waren. Auf der Leinwand flackerte bereits der Vorspann eines Disneyfilms, und davor waren einige Reihen an Stühlen aufgestellt, welche grösstenteils schon besetzt waren. Noch brannte Licht im abgedunkelten Raum.
„Neiin, wir wollen nicht schon wieder mit Untertitel gucken.“, kam es aus einer Ecke, woraufhin ein Grummeln durch die Jugendlichen ging, als Ville und Kaisa den Raum betraten. Kaisa hatte die Stimme sogleich erkannt – sie gehörte zu Mikko, welcher zu Kaisas Schadenfreude ein blaues Auge aufwies. Sie warf ihm einen bösen Blick zu, was ihn jedoch nicht zu beeindrucken schien, da Juha und Jonne noch im Raum waren und sie ihm so sowieso nichts anhaben konnte…
Diese hatten den Ausruf einfach ignoriert, und schliesslich wurde der Film gestartet und das Licht gelöscht. Nach wenigen Minuten verliessen die beiden Betreuer schliesslich den Raum, und schliesslich stand Mikko von seinem Stuhl auf, ging zum DVD-Player und nahm sich die Fernbedienung, dabei immer beobachtet von Kaisa. Nach einigem Suchen hatte er die benötigte Taste gefunden und die Untertitel ausgeschaltet. Schon war Kaisa von ihrem Stuhl aufgesprungen – Ville hatte noch versucht ihre Hand zu nehmen und sie aufzuhalten – und in wenigen Schritten bei ihm.
„Mach das wieder an!“, herrschte sie Mikko an. Dieser grinste sie nur überlegen an, jedoch bemerkte sie, dass er innerlich nicht so cool war wie er sich gab.
„Machs doch selber!“, meinte er und hielt die Fernbedienung hoch, sodass Kaisa, die mindestens einen Kopf kleiner war als er, nicht mehr ran kam.
Obwohl sie genau wusste, dass er sie nur provozieren wollte, wuchs Kaisas Wut, und gerade als sie kurz davor war auf ihn loszugehen, stand mit einem Mal Ville neben ihr. Er hatte die Situation besorgt beobachtet und war jederzeit bereit, einzugreifen. Kurzentschlossen nahm er Kaisas Hand und zerrte sie hinter sich her aus dem Raum. Kaum war die Tür hinter ihnen zugefallen, begann Kaisa sich zu wehren und versuchte sich loszureissen.
„Lass mich los verdammt!“, fauchte sie, und Ville liess ihre Hand los, stellte sich dann jedoch vor die Tür des Raums, da er ahnte, dass Kaisa dorthin zurück stürmen würde.
„Lass mich da rein, Ville!“, meinte sie wütend, erntete jedoch nur ein Kopfschütteln. Ihre Wut stieg, und so packte sie ihn kurz darauf an den Händen und versuchte, ihn von der Tür wegzuzerren. Ville wehrte sich mit aller Kraft, schob Kaisa rückwärts von der Tür weg und war überrascht von der unglaublichen Kraft des Mädchens.
„Was ist denn hier los?“ Ville und Kaisa erstarrten in der Bewegung und drehten sich um, als sie mit einem Mal Jonnes überraschte Stimme hinter sich hörten. Kaisa nutzte sogleich die Gelegenheit, riss sich los und ging auf die Tür zu.
„Hey, Kaisa, warte mal!“, Jonne legte ihr die Hand auf die Schulter, doch sie wischte sie weg und griff nach der Türfalle. Jonne zog sie zurück, sodass sie beinahe das Gleichgewicht verlor, „Was ist los?“
„Nichts, gar nichts!“, meinte diese wütend.
„Mikko?“, wollte Jonne wissen. Kaisa zeigte keine Reaktion, also wandte er sich an Ville.
Er hat den Untertitel einfach ausgemacht., erklärte dieser. Jonne nickte nur und wandte sich an Kaisa.
„Ich regle das schon. Vielleicht gehst du besser erstmal in dein Zimmer und regst dich ab.“, meinte er. Ohne ein weiteres Wort drehte Kaisa um und rannte die Treppe hoch. Seufzend sah Jonne zu Ville, welcher mit den Schultern zuckte und sich dann umdrehte, um Kaisa hinterher zu gehen.
Kaisa hatte iher Zimmertür so heftig zugeknallt, das Jonne es noch unten im Keller hören konnte. Wütend ging sie erstmal in ihrem Zimmer auf und ab, bevor sich ihre Wut auf einmal aus unerklärlichen Gründen in Verzweiflung verwandelte und ihr Tränen über die Wangen liefen. Alles verschwamm vor ihren Augen, und sie lehnte sich gegen die Wand, um erstmal tief durchzuatmen. Dann liess sie sich daran runter auf den Boden rutschen und vergrub ihren Kopf in den Händen. Sie bekam nicht mit, wie Ville die Zimmertür öffnete, herein kam und schliesslich vor ihr in die Hocke ging. Erst als sie seine Hand auf ihrem Arm spürte, sah sie kurz auf und drehte dann beschämt ihren Kopf zur Seite. Ville setzte sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schulter. Vorsichtig zog er sie an sich, und nach kurzer Zeit liess sie ihren Kopf auf seine Schulter sinken. Er strich leicht übe ihren Rücken, was Kaisas Tränen jedoch nur noch stärker fliessen liess. Jonne und Ville waren so unglaublich lieb zu ihr, dass sie es manchmal kaum fassen konnte.
Nur langsam beruhigte sich Kaisa wieder, und Ville blieb die ganze Zeit neben ihr sitzen, hatte ihren Arm um sie gelegt und strich über ihren Rücken. Nach einer Weile klopfte es, und Jonne betrat das Zimmer. Als er die beiden am Boden entdeckte, lächelte er erstmal und ging vor den beiden in die Knie.
„Eigentlich dürfte Ville gar nicht in dein Zimmer.“, meinte er, und Kaisa nickte nur, „Aber ich nehme mal an, das hier gilt als Ausnahme… Geht’s wieder?“ Erneut nickte Kaisa nur und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Jonne wandte sich daraufhin kurz an Ville und erklärte ihm, dass er mal eben alleine mit Kaisa reden wolle. Dieser stand daraufhin auf und ging aus dem Zimmer. Jonne setzte sich dorthin, wo Ville zuvor gesessen war, und legte ebenfalls einen Arm um Kaisa.
„Auf wen bist du derart wütend, Kaisa?“, wollte er dann wissen und erntete einen überraschten Blick.
„Ich meine, es ist nicht nur Mikko, oder? Da ist sonst noch irgendwas, die Wut war schon vorher da. Du projezierst sie jetzt nur auf ihn, aber eigentlich ist es nicht Mikko, oder zumindest nicht nur. Habe ich Recht?“ Kaisa zeigte erstmal keine Reaktion, nickte dann aber nach einer Weile leicht. Jonne lächelte erleichtert – endlich schien Kaisa ein wenig Vertrauen zu ihr zu fassen.
„Okay. Und erzählst du mir auch, auf wen du noch so wütend bist?“, wollte er wissen, doch Kaisa wandte sogleich ihren Kopf ab, starrte zum Fenster und verkrampfte sich total.
Also hängt es mit ihrer Tat zusammen., schlussfolgerte Jonne aus diesem Verhalten. Er musste also langsamer vorgehen. Immerhin war Kaisa gerade mal den dritten Tag hier, es war klar dass sie noch nicht vollstes Vertrauen zu ihm hatte.
„Jedenfalls, versuch bitte, nicht immer gleich auf Mikko loszugehen, OK? Du machst dir damit nur alles selber kaputt. Geh aus dem Raum, hol nen Betreuer, aber versuch auf keinen Fall das ganze alleine zu regeln. Abgemacht?“ Wieder dauerte es eine Weile, bis Kaisa schliesslich zustimmend nickte.
Die nächsten Tage verliefen unspektakulär und ruhig. Sogar Ville wurde von Mikko und seiner Bande in Ruhe gelassen. Jonne versuchte, in den Gesprächen mit Kaisa mehr über sie zu erfahren, doch noch immer blockte diese ab. Mittlerweile waren sie und Ville fast nur noch gemeinsam anzutreffen. Auch wenn dies Jonne einerseits freute, machte er sich dennoch Sorgen, dass es für Kaisa nicht gut war wenn sie sich nur mit dem tauben Jungen abgab. So startete er schliesslich Versuche, die beiden zu trennen, doch der Erfolg hielt sich in Grenzen. Offensichtlich hatte Kaisas „Tat“ mittlerweile die Runde gemacht, und die anderen hatten wohl aus diesem Grund Angst vor ihr. Lediglich Ville schien dies nicht zu kümmern.
Kaisa hatte sich mittlerweile bei Jonne und Ville die wichtigsten Zeichen der Gebärdensprache abgeschaut, doch auch sonst schien sie sich mit Ville ohne Worte zu verstehen. Oft reichte ein Blick, um zu wissen, was der andere gerade wollte, brauchte oder fühlte. Jonne hatte das Gefühl, dass das Mädchen seinen Bruder jetzt schon fast besser kannte als er selber… Doch es freute ihn, Ville das erste Mal in den letzten Jahren wieder glücklich zu sehen.
Am Abend des dritten Tages, einem verregneten Mittwoch, stand zu Kaisas Überraschung plötzlich Nakki mit einem Keyboard unter dem Arm unten im Eingangsbereich. Nur Jonne hatte davon gewusst und ihr absichtlich nichts davon gesagt. Umso mehr freute er sich, als Kaisa strahlend die Treppe hinunter gerannt kam und dem Keyboarder um den Hals fiel.
„Na, bereit für etwas Unterricht?“, wollte dieser grinsend wissen, und sofort nickte Kaisa heftig. Nakki warf einen fragenden Blick zu Jonne, der mittlerweile aus dem Sekretariat gekommen war, um seinen Kumpel zu begrüssen.
„Ihr könnt in den Aufenthaltsraum im zweiten Stock.“, meinte dieser, woraufhin Nakki Kaisa einen auffordernden Blick zuwarf und diese freudig voranstürmte. Nakki folgte ihr grinsend. Lediglich Ville, der noch immer im Erdgeschoss stand und den beiden nachschaute, schien sich nicht so sehr über den überraschenden Besuch zu freuen. Mit hängendem Kopf trottete er die Treppe hinauf und verbarrikadierte sich in seinem Zimmer.
Im Aufenthaltsraum angekommen, legte Nakki das Keyboard auf einem an der Wand stehenden Tisch ab, während er seinen Blick durch den Raum schweifen liess. Auch sein Blick fiel ziemlich schnell auf das Klavier, und er liess es sich nicht nehmen, zu diesem hin zu gehen und das Instrument kurz zum Erklingen zu bringen. Kaisa hatte mittlerweile zwei Stühle vor den Tisch mit dem Keyboard geschoben und hörte ihrem Lehrer aufmerksam zu, während sie es sich auf einem der Stühle bequem machte. Nakki gesellte sich kurz darauf zu ihr.
„Na, erinnerst du dich noch an irgendwas aus der Probe?“, wollte er wissen, und als Kaisa nickte, deutete er auf das Keyboard, „Dann leg mal los!“
Tatsächlich konnte Kaisa den Song, den sie bereits während der Probe hatte spielen dürfen, fast auf Anhieb wieder spielen, und dank einigen Tipps von Nakki schaffte sie es bereits im zweiten Versuch fehlerfrei. Daraufhin spielte ihr der Keyboarder einige weitere Songs vor und half ihr, diese nachzuspielen. Er war überrascht, wie schnell das Mädchen begriff und seine Tipps annahm und umsetzen konnte, sodass es nie mehr als drei Versuche brauchte, bis der Song sass. So spielten die beiden einen Song nach dem anderen, bis Kaisa irgendwann anfing zu gähnen und Nakki einen Blick auf seine Uhr warf, welche bereits kurz nach zehn zeigte.
„Schluss für heute?“, wollte er wissen, doch Kaisa schüttelte energisch den Kopf.
„Aber ne Pause wäre nicht schlecht.“, meinte sie, woraufhin Nakki nickte und hinüber zu den grossen Fenstern ging. Kaisa tat es ihm nach und setzte sich auf die Stufe. Nakki liess sich neben sie sinken. Nach einigen Minuten schweigen und durchatmen ergriff er schliesslich das Wort.
„Wo hast du derart gut spielen gelernt?“, wollte er wissen. Kaisa zuckte mit den Schultern.
„Meine Schwester… Taiva… Sie hat mir ne Menge beigebracht…“, meinte sie, und es überraschte sie, dass es ihr derart leicht fiel, über Taiva zu sprechen, „Sie hat sogar noch viel besser als ich gespielt. Überhaupt war sie eigentlich in allem besser als ich…“
„Bist du sicher? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie in allem besser war als du…“, hakte Nakki nach, woraufhin Kaisa nur mit den Schultern zuckte.
„Nun ja, eigentlich kommt es nun sowieso nicht mehr darauf an… Immerhin…lebt sie ja sowieso nicht mehr…“, erwiederte sie leise und starrte auf ihre Knie. Nakki, der merkte, dass er nun wohl auf einen heiklen Punkt gestossen war, rutschte etwas näher an sie heran und legte den Arm um ihre Schulter. Bisher hatte ihm Jonne nichts über das Mädchen erzählt, er wusste nicht, wieso sie sich in diesem Heim befand, und bisher war es ihm auch relativ egal gewesen – Kaisa war ihm eigentlich ganz normal vorgekommen.
„Was ist denn mit ihr passiert? Ich meine… woran ist sie gestorben? – Falls du überhaupt darüber reden willst…“, fragte er. Doch Kaisa starrte weiterhin auf ihre Knie, und er bemerkte, wie ihre Hände leicht zu zittern begannen. Und als er bereits nicht mehr damit rechnete, begann das Mädchen zu erzählen.
Die Worte begannen praktisch von selber, aus Kaisas Mund zu sprudeln, ohne dass sie es wirklich wollte.
„Eigentlich ist das ganze eine lange Geschichte…“, meinte sie leise und sank noch ein wenig mehr in sich zusammen, „Mein Vater starb als ich noch ganz klein war, drei oder vier – jedenfalls kann ich mich kaum noch an ihn erinnern. Taiva war zwei Jahre älter als ich, sie hat mir viel von ihm erzählt. Wie gesagt, Taiva war immer in allem besser als ich; in der Schule, im Sport, im Klavierspielen… Sie war beliebt, hatte viele Freunde, während ich eigentlich eher der einzelgängerische Typ war. Trotzdem, wir haben uns immer super verstanden. Und unser Verhältnis wurde noch enger, als unsere Mutter Ari kennenlernte…
Ari war bestimmt zehn Jahre älter als meine Mutter, und eigentlich war er gar nicht so toll, schaffte es aber irgendwie, meine Mutter so zu bezirzen und um den Finger zu wickeln, dass sie ihm hoffnungslos verfiel… Nur wenige Monate nachdem sie sich kennen gelernt hatten zog er bei uns ein, und kurz darauf heirateten die beiden auch schon. Taiva war damals vierzehn, und sie hat ihn regelrecht gehasst. Ich selber fand ihn ganz OK, immerhin machte er unsere Mutter glücklich, wir zogen in ein grösseres Haus und Mum musste weniger arbeiten, weil durch ihn noch zusätzliches Geld ins Haus kam… Erst etwa zwei Jahre später fand ich heraus, warum Taiva ihn so sehr hasste.
Es war einige Wochen nach meinem 14. Geburtstag, als er das erste Mal nachts in mein Zimmer kam. Er setzte sich auf den Bettrand, und wir redeten über irgendwas. Doch plötzlich packte er meinen Hals, begann zuzudrücken und drohte damit, mich zu erwürgen, wenn ich schreien oder sonst irgendeinen Laut von mir geben würde. Natürlich nickte ich heftig und bewegte mich keinen Millimeter, wähend er mich am ganzen Körper anfasste. Bevor er ging, umfasste er erneut meinen Hals und meinte, dass er Taiva und meine Mutter umbringen würde, wenn ich irgendwem davon erzählen würde, was an diesem Abend passiert war.
Fortan wiederholte sich dieses Schauspiel praktisch jeden Abend, und es blieb natürlich nicht dabei, dass er mich anfasste. Doch ich erzählte weiterhin niemandem davon. Meine Mutter schien sowieso überhaupt nichts davon mitzubekommen, und irgendwie schien mir, als würde Taiva, seit Ari mich jede Nacht besuchte, ein wenig aufzuleben. Sie spielte wieder fröhlichere Lieder, lachte öfter – und in Moment dem wusste ich, dass er mit ihr dasselbe gemacht hatte. Doch ich ertrug es weiterhin, hauptsächlich um meine Mutter und Taiva vor ihm zu schützen – und zu verhindern, dass er wieder dasselbe mit Taiva machte…
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, schlich mich aus dem Haus und floh nach Helsinki, wo ich mich einer Gruppe Obdachloser anschloss, die mich wie eine neue Familie aufnahmen und mich schützten. Auch wenn mir bewusst war, dass ich ihm Taiva dadurch praktisch auslieferte… So lebte ich ein gutes halbes Jahr auf der Strasse. Bis ich irgendwann auf die Idee kam, nach Hause zu fahren und nachzuschauen, was dort so abging. Ich fuhr mitten am Tag hin, in der Annahme, dass niemand zu Hause sein würde. Doch ich täuschte mich…“
Taiva rutschte ein Stück zurück und zog ihre Beine an den Körper. Noch immers starrte sie vor sich hin, als sie schliesslich wieder das Wort ergriff.
„Die Haustür war nicht abgeschlossen, und so schlich ich mich ins Haus. Es war alles Still, bis ich auf einmal ein Wimmern von oben Hörte – Taiva… Natürlich rannte ich ohne zu überlegen die Treppe hinauf in das Zimmer meiner Schwester. Es war dunkel in dem Raum, und als ich das Licht anmachte, sah ich Taiva auf dem Bett liegen – und in ihrer Brust steckte ein Messer. Wie in Trance ging ich zu ihr. Sie war noch mehr oder weniger bei Bewusstsein, wirkte Überrascht, mich zu sehen. Verzweifelt versuchte ich, das Messer aus ihrem Körper zu ziehen, doch es steckte einfach zu fest. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es sich selber in den Körper gerammt hatte oder ob es irgendjemand anderes war.
Irgendwann hörte ich es hinter mir rumpeln, und als ich mich umdrehte, stand Ari in der Tür. Er grinste breit, und man sah ihm an, dass er betrunken war. Er wankte auf mich zu, doch ich rannte an ihm vorbei aus dem Zimmer. Doch trotz dem Alkohol, den er intus hatte, war er schneller als ich dachte und schubste mich die Treppe hinunter. Ich weis nicht, wieso ich nicht einfach aus dem Haus rannte – jedenfallsf fand ich mich kurz darauf in der Küche wieder, sass in der Falle. Und natürlich stand gleich darauf Ari vor mir. Fast als Reflex griff ich mir ein Messer aus dem Messerblock, als er sich auf mich stürzte. Ich bekam nur noch mit, wie er plötzlich fast lautlos in sich zusammensank. Ich rannte sofort zurück zu Taiva, versuchte erneut, das Messer aus ihrer Brust zu ziehen, doch ich erkannte, dass es bereits zu spät war… Irgendwann fand mich meine Mutter am Bett meiner toten Schwester, wo ich das Messer noch immer umklammerte… Und sie dachte natürlich, dass ich sie… Umgebracht hatte…“
Keiner der beiden sagte ein Wort, als Kaisa ihre Erzählung beendet hatte. Mittlerweile liefen ihr die Tränen in Sturzbächen über die Wangen. Wieder hatte sie die Bilder vor Augen, wie Taiva tot auf dem Bett lag. Wie ihre Mutter sich schreiend auf sie gestürzt hatte, sie von Taiva weggerissen, sie geschlagen hatte. Wie die Polizei sie schliesslich abführte.
„Heilige Scheisse!“, entfuhr es Nakki schliesslich, der nicht an der Wahrheit von Kaisas Worten zweifelte. Durch die Stimme des Keyboarders erwachte Kaisa jedoch aus einer Art Trance. Wieso hatte sie ihm das erzählt? Er würde ihr doch sowieso nicht glauben. Und überhaupt… Sie sprang auf und rannte aus dem Raum. Stürzte sich die Treppe hinunter, währe dabei beinahe gefallen, weil ihr die Tränen die Sicht versperrten. Erreichte schliesslich die Tür des Hauses und durchquerte diese. Draussen schlug ihr kalte Nachtluft entgegen, die sie jedoch gar nicht wahrnahm. Nach kurzem Überlegen rannte sie schliesslich einfach los, mitten in den Wald hinein.
„Kaisa!“ Jonne, der seinen Schützling vom Sekretariat aus hatte rausstürmen sehen, war dem Mädchen bis hinaus auf den Parkplatz gefolgt, wo er sie gerade noch im Wald verschwinden sah. Irritiert ging er zurück in das Gebäude, wo Nakki, ziemlich niedergeschlagen wirkend, gerade die Treppe hinunter kam.
„Was ist passiert?“, wollte Jonne wissen. Nakki zuckte mit den Schultern.
„Naja, wir haben gespielt, und dann geredet… Sie hat mir von ihrer Schwester erzählt und was mit ihr passiert ist, und danach… ist sie einfach losgerannt…“
„Sie hat über ihre Tat geredet?“, entfuhr es Jonne überrascht, woraufhin Nakki ihn irritiert ansah und dann nickte.
„Sie hat noch nie darüber gerdet…“, murmelte Jonne und freute sich im ersten Moment darüber, dass Kaisa endlich jemandem zu vertrauen schien. Doch sogleich schlug seine Freude in Sorge um.
„Wir müssen sie suchen! Wer weiss… ob sie sich was antut… oder was auch immer!“, meinte er, während er hektisch ins Sekretariat stürmte.
„Wieso sollte sie…“, begann Nakki, wurde jedoch sogleich von Jonne unterbrochen.
„Erzähl ich dir gleich, hast du deinen Autoschlüssel hier?“ Nakki griff in seine Hosentasche und nickte gleich darauf. Mittlerweile war auch Ville ins Erdgeschoss hinunter gestürmt gekommen.
Was ist passiert?, wollte er wissen, da er sofort bemerkte, dass irgendwas überhaupt nicht stimmte. Jonne überlegte einen Moment, was er seinem Bruder sagen sollte, entschied sich dann jedoch für die Wahrheit.
Kaisa ist weg. Wir gehen sie suchen, erklärte er. Ville nickte nur.
Ich komme mit.
Kaisa stolperte unterdessen orientierungslos durch den Wald. Es war völlig dunkel, und die Tränen, die ihr noch immer übers Gesicht rannen, verbesserten ihre Sicht nicht gerade. Sie war bereits mehrfach gestolpert und auf die Knie gefallen, ihre Hose war zerrissen und ihre Hände brannten. Sie wusste nicht, wie weit sie schon gerannt war, wie tief sie in den Wald gelaufen war. Sie war völlig ausser Atem. Ob man schon nach ihr suchte? Wie würde es weitergehen, wenn man sie fand? Würde man sie zurück in die Psychiatrie bringen? Und ausserdem wusste Nakki nun, was damals passiert war. Ob er es weitererzählen würde? Ob er ihr die Sache überhaupt glaubte? Besonders realistisch klang das ganze ja irgendwie wirklich nicht…
Alles um sie herum begann sich zu drehen, und sie liess sich auf den feuchten und kalten Waldboden sinken. Sie zog die Beine an ihren Körper, umarmte diese und legte den Kopf auf ihren Knien ab. Noch immer raste ihre Atmung, und nach einigen Minuten wurde alles schwarz um sie herum.
Mittlerweile waren Nakki, Jonne und Ville sämtliche Waldwege abgefahren, in denen sie Kaisa vermuteten.
„So weit kann sie doch nicht gerannt sein…“, murmelte Jonne, als er Nakkis Wagen wieder auf dem Parkplatz des Heims abstellte, „Wartet hier, ich schaue nach ob sie wieder zurückgekommen ist.“ Nakki nickte, und er Sprang aus dem Auto zurück ins Gebäude. Doch schon wenige Minuten später kam er wieder raus und riss die Autotür auf.
„Nichts. Allerdings bringt es wohl nichts, wenn wir nochmal losfahren… Wir müssen zu Fuss suchen… Ich hab einige Taschenlampen mitgebracht.“ Schliesslich wandte er sich an Ville.
Nakki und ich suchen nun zu Fuss. Es ist besser wenn du hier bleibst und wartest, dass sie zurückkommt…, meinte er. Natürlich protestierte Ville aufs heftigste, gab schliesslich aber nach, während er seine eigenen Pläne schmiedete.
Er ging zurück ins Gebäude und wartete, bis Jonne und Nakki losgegangen waren. Schliesslich suchte er sich ebenfalls eine Taschenlampe. Draussen auf dem Parkplatz sah er sich um. Wo wäre er an Kaisas Stelle hingerannt? Schliesslich ging er los, instinktiv in die richtige Richtung und schliesslich in den Wald hinein. Nach einigen Metern schaltete er die Taschenlampe ein und sah sich um. Er fühlte sich überhaupt nicht wohl, so alleine in der Dunkelheit. Er glaubte sogar, das Rauschen der Bäume und Knacken der Äste hören zu können. Irgendwoher vernahm er den Ruf einer Eule… – Moment mal, das hatte er gerade wirklich gehört!
„Ich kann hören.“, murmelte er vor sich hin, wiederholte den Satz gleich darauf noch etwas lauter. Tatsächlich. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Er wollte sich eigentlich darüber freuen, doch die Sorge um seine Freundin war gerade zu gross dafür. Mittlerweile war er einfach weitergelaufen, leuchtete mit der Taschenlampe umher und zuckte bei jedem Knacken und Rascheln zusammen. Er wünschte sich schon fast, dass er wieder nicht mehr hören konnte… Mit einem Mal hielt er inne. Hatte er sich das leise Wimmern gerade nur eingebildet? Er leuchtete mit der Lampe um sich herum, erkannte schliesslich eine zusammengekauerte Gestalt wenige Meter von ihm entfernt.
„Kaisa?“ Zögernd ging er näher heran, bis er sich sicher war, dass es sich um Kaisa handelte. In wenigen Schritten war er bei ihr, sank vor ihr auf die Knie und griff nach ihren Händen. Das Mädchen zuckte zusammen, starrte ihn völlig entgeistert an. Ville atmete auf.
„Gott sei Dank, du bist OK! Ich meine… du bist doch OK, oder?“, sprudelte es aus ihm heraus, woraufhin Kaisas Augen nur noch grösser wurden.
„Du… du … kannst du wieder hören?“, kam es heiser über ihre Lippen, woraufhin Ville sie anstrahlte und heftig nickte, „Aber… wie…“ Doch Ville schüttelte nur den Kopf, stand auf und griff erneut nach ihren Händen.
„Erzähl ich dir später. Los, wir müssen zurück, Nakki und Jonne suchen nach dir… Wir waren alle schon ganz krank vor Sorge…“
Kurz zögerte Kaisa noch, bevor sie sich schliesslich von ihrem Freund auf die Beine ziehen liess.
Arm in Arm stapften Kaisa und Ville durch den Wald. Auch wenn Kaisa schreckliche Angst hatte, was ihr nun bevorstehen würde, wenn sie wieder beim Heim waren, war sie dennoch irgendwie froh, das Ville sie gefunden hatte –und nun scheinbar sogar wusste, wie sie wieder zurück kommen würden, denn das hätte sie alleine ganz bestimmt nicht geschafft… Allerdings war Ville selber nicht sicher, ob der von ihm eingeschlagene Weg stimmte… Umso erleichterter war er, als schliesslich die Lichter der Aussenbeleuchtung durch die Bäume schimmerten. Kurz blieb er stehen, woraufhin Kaisa ihn irritiert ansah.
„Hör mal, sag Jonne noch nichts davon dass ich wieder hören kann, OK?“, bat er seine Freundin. Kaisa nickte nur, auch wenn sie nicht ganz verstehen konnte wieso Villes Bruder das nicht wissen durfte. Doch sie war zu müde um nachzufragen, wollte gerade eigentlich nur noch in ihr Bett. Auch wenn sie wusste, dass sie um ein Gespräch mit Jonne wohl nicht herumkommen würde… Vermutlich würden ihre offenen Handflächen noch verarztet werden müssen, ihre Beine waren wohl auch ziemlich zerkratzt, und zudem hatte sie sich, wie sie erst bei der Rückkehr merkte, wohl auch noch den Knöchel verknackst und hinkte nun leicht.
Schliesslich traten sie aus dem Wald, und als sie langsam und noch immer Arm in Arm langsam auf das Gebäude zugingen, bog Nakkis Wagen auf den Parkplatz ein. Sogleich flog die Fahrertür auf, Jonne kam auf die beiden zugerannt. Eine Mischung aus Erleichterung und Besorgnis spiegelte sich auf seinem Gesicht wieder, und er zog seine Schützlinge in seine Arme und drückte sie erst mal fest an sich. Minutenlang standen die drei so da. Mittlerweile war auch Nakki aus dem Auto gestiegen und blieb, erleichternd aussehend, einige Schritte hinter ihnen stehen. Schliesslich löste Jonne die Umarmung.
„Bist du OK?“, wollte er von Kaisa wissen, welche nur auf den Boden starrte und nickte.
„Los, lasst uns reingehen.“, meinte er daraufhin, und sie folgten ihm zurück in das Gebäude.
Einige Minuten später sassen sie zusammen im Speisesaal. Jonne war in der Küche verschwunden, um Tee zu kochen, während sich Nakki Kaisa gegenüber gesetzt hatte und mit einem desinfektionsmittelgetränkten Wattestück ihre zerkratzten Hände abtupfte. Ein Zischen entfuhr Kaisa, da das Mittel ziemlich stark brannte.
„Tuts weh?“, wollte er wissen, woraufhin das Mädchen nickte. Noch immer starrt sie stumm vor sich hin. Ob Nakki Jonne wohl erzählt hatte, was sie ihm erzählt hatte? Ob der Keyboarder ihr glaubte?
Im selben Moment kam Jonne mit einer dampfenden Teekanne und vier Tassen auf einem Tablett aus der Küche und stellte dieses auf dem Tisch ab.
Dann ging er zu Nakki und Kaisa hinüber und nahm vorsichtig Kaisas Hand.
„Vielleicht binden wir das ganze über Nacht am besten ein.“, murmelte er, griff nach einer Gazebinde und einem Verband und machte sich an die Arbeit. Nakki erhob sich von seinem Stuhl.
„Ich mach mich dann langsam mal auf den Heimweg.“, meinte er, umarmte Kaisa kurz von hinten und winkte Ville kurz zu.
„OK, danke nochmal für alles!“, meinte Jonne lächelnd, „Wir sehen uns morgen.“ Nakki nickte nur und verliess daraufhin den Speisesaal. Mittlerweile hatte er auch Kaisas andere Hand eingebunden und wandte sich an Ville.
Geh schon mal in dein Zimmer, ich komme gleich zu dir, ich rede nur noch kurz mit Kaisa.
Ville nickte nur, stand auf und ging nach oben. Ihm war gerade etwas eingefallen, was er nun unbedingt noch ausprobieren wollte…
„Gehen wir kurz ins Büro?“, meinte Jonne, woraufhin Kaisa nickte und aufstand. Dabei knickte ihr linker Fuss weg, und sie konnte sich gerade noch am Tisch festhalten, um nicht hinhzufallen. Jonne sah sie besorgt an.
„Ohje, das müssen wir uns wohl gleich auch noch angucken…“, meinte er und stützte Kaisa vorsichtig, während sie hinüber ins Sekretariat gingen. Kaisa setzte sich auf einen Stuhl, noch immer vor sich hin starrend, und Jonne nahm sich einen weiteren Bürostuhl und setzte sich ihr gegenüber. Er griff nach Kaisas Händen, woraufhin diese zögerlich aufblickte. Jonne lächelte liebevoll.
„Kleines, jag mir nie wieder so nen Schrecken ein wie eben, OK?“, meinte er nur, „Wovor hattest du den Angst? Ich bin echt stolz auf dich dass du dich endlich jemandem anvertraut hast, ehrlich! Vielleicht schaffst du es ja irgendwann noch, mir die ganze Geschichte ebenfalls zu erzählen, dann wären wir schon nen grossen Schritt weiter… Aber nun gehst du besser erstmal ins Bett, OK? Ich helf dir noch eben die Treppe hoch und dann gucken wir uns noch kurz deinen Fuss an…“ Kaisa nickte erleichtert und erhob sich vom Stuhl.
Ville hatte unterdessen einen alten Radio sowie eine CD von Jonnes Band aus dem Schrank geholt und beides auf seinem Schreibtisch abgelegt. Schnell war der Radio an der Steckdose angeschlossen und die CD eingelegt, dann drehte er den Lautstärkeregler erstmal nach ganz unten – wenn er die letzten Male versucht hatte, Musik zu hören, hatte er immer voll aufgedreht und doch nichts gehört… Schliesslich drückte er auf Play und drehte den Regler langsam Millimeter für Millimeter hoch, bis die Musik leise aus den Boxen ertönte. Lächelnd setzte er sich auf den Stuhl und lauschte der Stimme seines Bruders, als auf einmal ein Geräusch von der Tür her ertönte und Ville zusammenzuckte.
Gleich darauf betrat Jonne das Zimmer. Sein Blick fiel erst auf den Radio und dann auf seinen Bruder, der mittlerweile aufgesprungen war und ihn leicht erschrocken ansah. Mitleidig lächelnd ging Jonne auf ihn zu und zog ihn in seine Arme.
„Hach Kleiner…“, murmelte er, was einen Schauer über Villes Rücken hinunterfahren liess. Er kuschelte sich an die Brust des grösseren, hörte Jonnes Herzsschlag mit dem einen und seinen Atem an seinem anderen Ohr. Mit einem Mal füllten sich seine Augen mit Tränen, die er weg zu blinzeln versuchte. Doch Jonne liess ihn bereits wieder los und schaute ihn aufmunternd an.
Das wird wieder, Kleiner. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber irgendwann bestimmt!, meinte er, Und jetzt schlaf gut, und wenn irgendwas ist komm einfach runter.
Ville nickte nur, und nun musste er sich ein Grinsen verkneifen. Wenn Jonne wüsste… Als sein Bruder das Zimmer verlassen hatte, setzte er sich wieder auf den Stuhl und drehte die Musik noch ein wenig lauter.
Unruhig wälzte sich Kaisa in ihrem Bett herum. Sie wusste nicht wie lange sie schon wach lag, doch es musste schon ziemlich spät – oder eher früh – sein. Doch die Gedanken drehten sich in ihrem Kopf, fuhren regelrecht Achterbahn, und sie konnte sie einfach nicht abschalten. Zudem pochten ihre Handflächen, ebenso wie ihr lädierter Knöchel. Wieso hatte sie Nakki erzählt, was passiert war? Hatte er ihr geglaubt? Irgendwie war er plötzlich so schnell verschwunden. Was er nun wohl von ihr dachte? Ob er nun noch etwas mit ihr zu tun haben wollte?
Und was war mit Ville? Wieso konnte er plötzlich wieder hören? Hatte er möglicherweise die ganze Zeit nur so getan als ob er nichts hörte? Nein, so gut konnte niemand schauspielern…
Sie warf einen Blick auf ihren Wecker. Die roten Leuchtziffern zeigten 02:33 Uhr. Ob Ville wohl ebenfalls noch wach war? Eigentlich war sie sich fast sicher. Sie schlug ihre Decke zurück und standauf. Nur in ihrem Schlafshirt und barfuss tapste sie zur Zimmertür, öffnete diese und trat auf den Flur hinaus. Nur der leichte Schimmer der Aussenbeleuchtung erhellte diesen ein wenig, doch sie sah auch so genug, um so leise wie möglich ins oberste Stockwerk zu gelangen.
Vor Villes Zimmertür blieb sie stehen, presste ihr Ohr gegen die Holztür und lauschte. Tatsächlich glaubte sie von drinnen leise Musik zu hören. Ob sie anklopfen sollte? Sie zögerte kurz, entschied sich dann für einen Kompromiss. Ganz leicht klopfte sie gegen die Tür und betrat gleich darauf das Zimmer. Es kam ihr vor, als ob das Geräusch beim Herunterdrücken der Türfalle unglaublich laut war.
Tatsächlich brannte im Zimmer noch Licht, Ville sass an seinem Schreibtisch und lauschte der leisen Musik aus dem Radio neben ihm. Überrascht hatte er aufgeblickt und lächelte Kaisa zu.
„Hey!“, meinte er leise.
„Hey!“, antwortete Kaisa und fügte ein entschuldigendes „Ich kann nicht schlafen…“ hinzu.
„Ich habs noch gar nicht versucht…“, erwiderte Ville grinsend und gähnte gleich darauf herzhaft. Kaisa liess sich auf dem Rand seines Bettes nieder.
„Was hast du gemacht, dass du wieder hören kannst?“, wollte sie wissen. Ville zuckte mit den Schultern, stand auf und setzte sich neben Kaisa aufs Bett.
„Keine Ahnung.“, meinte er dann und liess sich hinunter aufs Bett sinken. Kaisa tat es ihm gleich.
„Ich bin einfach in den Wald hinein gelatscht und hab mir vorgestellt, was ich nun wohl alles hören würde wenn ich könnte, und irgendwie ist es immer realer geworden. Und dann hab ich ne Eule schreien gehört…“
Für eine Weile schwiegen sich die beiden an, bis Ville erneut das Wort ergriff.
„Und wieso bist du weggerannt?“, wollte er wissen. Kaisa verkrampfte sich neben ihm, rutschte unruhig hin und her.
„Nakki hat dir doch nichts getan, oder?“ Sofort schüttelte Kaisa energisch den Kopf.
„Nein, keine Angst. Er hat mich nur was gefragt, zu… zum Grund dass ich hier bin, und ich war blöd genug es ihm zu erzählen… Und dann hab ich Panik gekriegt…“
„Und wieso bist du hier?“
Minutenlang kämpfte Kaisa mit sich selber, hin und her gerissen, ob sie es Ville erzählen sollte oder nicht.
„Ich meine, ich weiss was hier alles gelabert wird, Jonne hat auch schon Andeutungen gemacht, aber was stimmt denn nun? Du musst es mir natürlich nicht erzählen, wenn es nicht geht…“ Zögernd griff er nach Kaisas Hand, drückte diese kurz.
Kaisa schluckte die aufgestiegenen Tränen herunter.
„Ville, ich versprech dir dass ichs dir irgendwann erzähle, aber nicht jetzt, nicht heute, OK?“
Eine einzelne Träne rollte über ihre Wange, tropfte hinunter und verlor sich in Villes Bettdecke.
„Hey, ist doch OK!“ Noch einmal drückte Ville, der sich mittlerweile auf die Seite gedreht hatte, Kaisas Hand, „Nicht weinen, OK?“ Er wischte ihr die Tränenspur von der Wange, was Kaisa einerseits lächeln, andererseits noch einige weitere Tränen über ihre Wangen rollen liess. Schliesslich setzte Ville sich hin.
„Wir sollten wohl doch langsam mal schlafen.“, meinte er, „Ich bin mal eben im Bad.“
„OK.“, murmelte Kaisa und setzte sich ebenfalls hin. Während Ville kurz verschwand, kuschelte sie sich bereits unter die Decke. Sie hörte aus dem Badezimmer erst die Klospülung, dann den Wasserhahn laufen. Gleich darauf kam Ville zurück, blieb kurz zögernd vor dem Bett stehen und legte sich dann mit Abstand neben Kaisa.
„Nacht!“, murmelte er, während er nach dem Lichtschalter tastete.
„Nacht.“, antwortete Kaisa leise, und er löschte das Licht.
Die plötzliche Dunkelheit liess die beiden kurz erstarren, bevor sie wie automatisch näher zueinander rutschten. Erst von sich selber erschrocken, erstarrten sie erneut, bis sie feststellten, dass sich die Nähe zum jeweils anderen eigentlich gar nicht so schlecht anfühlte. Im Gegenteil. Und so kuschelten sie sich noch etwas näher aneinander. Bereits nach wenigen Minuten konnte Ville neben sich Kaisas regelmässigen Atem hören. Sie hatte sich im Schlaf gedreht und sich an Ville geklammert. Dieser lag noch etwas länger wach.
Hoffentlich wacht sie rechtzeitig auf, um in ihr Zimmer zurück zu gehen, bevor sie mich morgen früh wecken!, schoss es ihm durch den Kopf. Doch bevor er sich näher damit beschäftigen konnte, übermannte auch ihn der Schlaf.
Jonne, der am Abend nach der Suchaktion noch nach Hause gefahren war, hatte am nächsten Morgem eigentlich nichts anderes vorgehabt als einfach mal auszuschlafen. Er hatte schon wieder zahlreiche Überstunden in diesem Monat, welche er irgendwie abbauen musste. So hatte er einige seiner Dienste an andere Mitarbeiter abgegeben, unter anderem auch den Frühdienst an diesem Morgen. Natürlich war er alles andere als erfreut als ihn sein Handy kurz nach sieben aus dem Schlaf holte. Er hatte dieses zwar auf lautlos gestellt, doch das Vibrieren reichte aus, um ihm aufzuwecken.
Stöhnend zog er sich das Kissen über den Kopf, doch das kleine Gerät wollte und wollte nicht aufhören zu surren. Schliesslich tastete er widerwillig nach dem Schalter der Nachttischlampe, betätigte diesen und griff dann nach dem Handy. Auf dem Display blinkte ihm der Name seiner Arbeitsstelle entgegen. Oh nein, was war jetzt wieder los? In der Hoffnung, es wäre nur irgend ein Mitarbeiter krank oder ähnliches, ging er schliesslich ran. Doch natürlich, was hatte er auch anderes erwartet, war dem nicht so.
Am anderen Ende war Antero, ein recht junger Sozialpädagoge, der noch nicht sehr lange im Heim arbeitete. Zwar machte er seinr Sache gut und war auch bei den Jugendlichen beliebt, doch manchmal stiess er noch an seine Grenzen. So auch jetzt, als er Jonne ziemlich verzweifelt bat, doch bitte so schnell wie möglich zum Heim zu kommen. Jonne fragte gar nicht erst nach. Er wusste bereits, dass es wohl etwas mit Ville zu tun hatte. Oder mit Kaisa – was ihm beinahe noch grössere Sorgen bereitete.
Diese fand sich unterdessen eingeschlossen in einem der Besprechungszimmer im Erdgeschoss wieder. Noch immer trug sie lediglich ihre Schlafklamotten und ärgerte sich mittlerweile über sich selber. Wie war sie nur auf die dumme Idee gekommen mitten in der Nacht zu Ville zu gehen? Zwar hatte sie nicht geplant, gleich bei ihm zu übernachten, doch eigentlich hätte sie doch wissen müssen, dass das ganze schief gehen würde… Spätestens als sie sich zusammen in Villes Bett gelegt hatten…
Denn natürlich war sie nicht rechtzeitig aufgewacht, um noch in ihr Zimmer zurück zu gehen. Und so hatte Antero sie schliesslich morgens gefunden, friedlich schlafend bei Ville im Bett, welcher im Schlaf auch noch seinen Arm um sie gelegt hatte. Sogleich setzte der Betreuer dem friedlichen Zusammensein ein Ende, indem er Kaisa unsanft wach rüttelte, geradezu aus dem Bett zerrte und sie in ebendiesen Besprechungsraum brachte. Diese realisierte erst, was passiert war, als sie sich auf dem harten Holzstuhl wiederfand. Und ahnte, dass die Sache für sie und Ville wohl noch unangenehme Folgen haben würde…
Auch Ville sass noch immer völlig verdattert in seinem Bett und verstand nicht so recht, was denn nun passiert war. Nur langsam kehrten die Erinnerungen an den Vorabend zurück. Erst hatte er sich zu Tode erschrocken, als Antero hereingestürmt kam und Kaisa nicht gerade leise aus dem Zimmer brachte. Er hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass er wieder hören konnte. Und nun wusste er nicht so recht, wie er sich und vor allem Kaisa aus dieser Situation retten sollte. Er hatte Angst, sich sprichwörtlich zu verplappern, da er ja eigentlich nicht wollte, dass irgendwer ausser Kaisa wusste, dass er wieder hörte…
Jonne stellte wohl einen neuen Rekord auf, was die Fahrzeit von seiner Wohnung zum Heim betraf, und stürmte dann regelrecht ins Gebäude. Antero, welcher bereits auf ihn gewartet hatte, kam ihm schon im Eingangsbereich entgegen und erzählte ihm aufgeregt, was passiert war. Daraufhin rollte ihm erstmal eine ganze Steinlawine vom Herzen, denn nach dem aufgeregten Anruf hatte er mit dem Schlimmsten gerechnet.
„Wo sind die beiden jetzt?“, wollte er wissen und machte sich nach Anteros Erklärung als erstes auf den Weg ins Besprechungszimmer, in welches Kaisa gesperrt worden war. Er klopfte an, schloss die Tür auf und trat dann ein. Kaisa hatte sich auf ihrem Stuhl so klein wie möglich gemacht und ihre Knie an den Körper gezogen. Als sie Jonne erkannte, schien ein Teil ihrer Anspannung von ihr abzufallen, sie stand auf und ging auf ihn zu.
„Es ist nichts passiert, ich schwörs dir!“, begann sie sogleich, „Ich hab nur bei Ville geschlafen, aber es ist nichts zwischen uns gelaufen.“ Gegen seinen Willen musste Jonne nun grinsen, bevor er seinen Schützling erstmal in seine Arme zog und ihr beruhigend über den Rücken strich.
„Das glaub ich euch sogar!“, meinte er nur, „Aber was hast du überhaupt bei Ville gemacht?“ In wenigen Worten erklärte Kaisa ihm, was vorgefallen war. Jonne nickte nur verständnisvoll, bevor er sie zurück in ihr Zimmer schickte und sich auf den Weg zu seinem Bruder machte.
Dieser emfing ihn aufgeregt fuchtelnd, als er das Zimmer betrat. Mit einigen beschwichtigenden Handbewegungen beruhigte Jonne ihn jedoch schnell und brachte ihn dazu, sich auf den Bettrand zu setzen. Er selber schnappte sich den Schreibtischstuhl und setzte sich ihm gegenüber. Ohne Aufforderung erzählte auch Ville ihm, was vorgefallen war, und beruhigt stellte Jonne fest, dass diese Version mit Kaisas übereinstimmte.
Bitte, du darfst nicht zulassen dass sie sie hier wegholen! Ich brauche sie! Villes Verzweiflung war ihm ins Gesicht geschrieben. Verwirrt runzelte Jonne die Stirn.
Wieso sollten sie sie hier wegholen? Ich glaub euch doch dass nichts zwischen euch war!
Ville zuckte mit den Schultern.
Es darf einfach nicht passieren., meinte er nur, bevor sich seine Augen mit Tränen füllten und er seinen Blick abwandte.
Jonne rollte etwas näher ans Bett heran und legte seine Hände auf Villes Schultern, bis dieser ihn anblickte, das Gesicht noch immer Tränennass.
Hei, niemand hat vor euch zu trennen, OK? Ich merk doch dass ihr euch gut tut. Und wenn ihr in Zukunft solche Aktionen wie das letzte nacht sein lasst… Nun musste Ville grinsen, und auch Jonne lächelte aufmunternd.
„Ach, komm her, Kleiner!“, murmelte Jonne und zog seinen kleinen Bruder in seine Arme, „Ich hab dich lieb!“
„Ich… ich dich auch!“, murmelte Ville daraufhin eher als Reflex. Und blickte daraufhin ins überraschte, schon fast schockierte Gesicht seines Bruders.
Ungefähr eine Viertelstunde später sassen die beiden Brüder noch immer Arm in Arm nebeneinaner auf dem Bett.
„Oh mann, ich glaub das nicht!“, wiederholte Jonne immer wieder, während er gegen die Tränen kämpfte, „Kaisa hat in wenigen Wochen geschafft, was ich seit Jahren versuche…“ Ville schwieg, unsicher, was nun weiterhin mit ihm passieren würde. Ob er nun das Heim verlassen musste? Weg von Kaisa, welcher in den letzten Wochen wie eine Schwester für ihn geworden war? Er seufzte und liess sich nach hinten sinken.
„Was… was passiert denn nun mit mir? Und mit Kaisa?“, wollte er schliesslich wissen. Jonne zuckte mit den Schultern.
„Nun ja, erstmal wird sich für euch wohl gar nichts ändern…“, meinte er, „Kaisa hat ja noch immer nichts erzählt was mit ihr passiert ist, und du musst dich wohl auch erstmal zurecht finden, jetzt wo du wieder hörst…“
Hörbar atmete Ville auf.
„Gut!“, meinte er nur lächelnd, „Ich möchte sie nicht schon wieder verlieren – jetzt, wo ich endlich jemanden habe…“ Jonne nickte nur verständnisvoll, stand dann aber auf.
„So, aber nun fahr ich mal nach Hause, weiterschlafen.“, meinte er, „Ich sag Antero bescheid dass alles OK ist und du ziehst dich mal an und machst dass du in dein Atelier kommst, OK?“
„OK!“, stimmte Ville zu und stand ebenfalls auf.
„Und in der nächsten Nacht bleibt ihr in euren eigenen Betten!“, befahl Jonne gespielt streng und verabschiedete sich schliesslich. Tatsächlich konnte er den immer noch nahe am Nervenzusammenbruch stehenden Antero beruhigend und fuhr wieder nach Hause.
Villes und Kaisas Verhältnis wurden in der nächsten Wochen nur noch enger als zuvor. Sie waren fast unzertrennlich. Und eines Abends fasste Kaisa schliesslich genügend Vertrauen, um Ville ihre Geschichte zu erzählen. Dieser war ziemlich geschockt, hatte jedoch keine Zweifel dass Kaisa die Wahrheit sagte und versuchte sie davon zu überzeugen, es auch Jonne zu erzählen. Seinerseits erzählte er Kaisa nun von dem Unfall, bei dem er seine Eltern und auch die Fähigkeit zu hören verloren hatte. Dadurch, dass er nun wieder hören konnte, schaffte er es auch endlich sich gegen die Angriffe der anderen zu wehren. Und nicht nur das – sein Selbstvertrauen war nun sogar stark genug dass er zudem Kaisa vor ihnen beschützte.
Auch Jonne war überglücklich über all die positiven Veränderungen seines Bruders, und auch bei Kaisa, welche richtig aufgeblüht war. Nur noch selten fiel sie in ein schwarzes Loch, aus dem sie Jonne und Ville aber jeweils schnell wieder rausholen konnten.
Irgendwann bat Ville seinen Bruder, ihm seine Gitarre mitzubringen, was Jonne auf eine Idee brachte. So setzte er alle Hebel in Bewegung, um eine Überraschung für Sonntag Nachmittag zu organisieren.
So kames, dass Ville und Kaisa im Aufenthaltsraum sassen und ein Kartenspiel spielten, als Jonne den Raum betrat, gefolgt von den Mitgliedern von Villes ehemaliger Band und einigen anderen Freunden.
Ville traute seinen Augen kaum als er seinen Besuch erblickte. Er sprang so hastig auf, dass sein Stuhl umfiel, und rannte ohne sich weiter darum zu kümmern zu seinen Freunden. Er wusste gar nicht, wen er zuerst umarmen und begrüssen sollte. So ausgelassen wie an diesem Nachmittag hatte Jonne seinen Bruder schon lange nicht mehr erlebt. Obwohl Ville seine Freunde über zwei Jahre nicht gesehen hatte war es, als ob sie erst am Tag zuvor das letzte Mal zusammen gewesen wären. Sogar Kaisa, welche noch immer am Tisch sass und die Karten in der Hand hielt, vergass er für einen Moment. Diese hatte unterdessen einen Entschluss gefasst und nutzte die Gelegenheit, um ungestört mit Jonnne zu reden.
Als Ville seine Freunde einige Stunden später wieder verabschiedet hatte, war er noch immer völlig aufgedreht. Er rauschte in Kaisas Zimmer, welche auf ihrem Bett lag und die Decke anstarrte. Er unterbrach den Redeschwall, mit welchem er das Zimmer betreten hatte, und sah seine Freundin fragend an.
„Hey, alles OK?“, wollte er wissen und setzte sich auf die Bettkante. Kaisa nickte nur und versuchte zu lächeln, was aber irgendwie nicht so wirklich funktionieren wollte.
„Was ist los?“, hakte Ville nach, während er Kaisa in seine Arme zog.
„Naja, ich… Ich hab Jonne erzählt was damals passiert ist.“, erzählte sie schliesslich.
„Aber das ist doch toll!“, meinte Ville und knuddelte seine Freundin. Kaisa nickte nur – offensichtlich ahnte Ville nicht, was das noch für Folgen für ihre Freundschaft haben konnte…
2 Monate später…
von: kaisa_p22@gmail.fi
an: ville-liimatainen@bsurf.fi
Betreff: ;0)
Hey Kleiner!
Nach etwas mehr als nem Monat schaff ichs nun endlich mal mich bei dir zu melden… Ich hatte in letzter Zeit totalen Stress mit Gesprächen, Gutachten und allem möglichen… Nun ist noch die Verurteilung in einigen Wochen, aber mein Anwalt und meine Sozialarbeiterin meinten, dass die Chancen gut stehen dass ich ohne Strafe davonkomme. Zwar lässt sich nicht jede meiner geschilderten Situationen der „Tat“ zweifelsfrei nachweisen, doch grundsätzlich wird es wohl gut ausgehen… Immerhin liessen sich sogar noch Missbrauchsspuren nachweisen, auch bei meiner Schwester, was mich schon mal stark entlastet…
Ich bin in einer total tollen Pflegefamilie gelandet mit zwei kleinen Mädchen, und alle behandeln mich völlig normal, obwohl sie natürlich wissen was ich angeblich getan habe… Sie haben sogar einen Hund. Aika, einen tollen Golden Retriever, mit dem man wunderbar kuscheln und stundenlang durch die Gegend streifen kann. Überhaupt ist das Haus hier mitten im Nirgendwo, ohne Auto kommt man hier nirgendwo hin. Aber erstaunlicherweise bin ich echt glücklich hier und hoffe, dass ich noch ne Weile hier bleiben kann. Auch wenn ich dich und Jonne echt vermisse… Aber irgendwie habe ich gesehen, wie glücklich du mit deinen Freunden warst, irgendwie war es an der Zeit für mich zu gehen… Du brauchst mich nicht mehr, sozusagen…
Natürlich habe ich immer noch meine Flashbacks und Krisen, das wird wohl nie ganz verschwinden. Kennst du ja vermutlich auch… Allerdings weiss ich nun, dass es Leute gibt die mir zuhören und mich trösten, wenn es mal wieder soweit ist. Manchmal reicht es auch einfach mal den Hund zu knuddeln damit alles wieder OK ist. Oder Klavier zu spielen, hier steht nämlich auch eins rum auf dem ich rumklimpern darf ;.)
Letztens hab ich mal mit Nakki telefoniert, er hat mir erzählt dass du nun auch wieder bei Jonne wohnst und sogar das mit deiner Band wieder läuft. Find ich echt toll! Sag mir doch bescheid wenn ihr mal irgendwo nen Auftritt habt, vielleicht schaff ichs ja zu kommen und euch zu sehen. Wäre überhaupt genial dich mal wieder zu sehen und vor allem knuddeln zu können ;0)
Jedenfalls freu ich mich total was von dir zu hören! Meld dich doch mal! :-*
Liebe Grüsse, auch an Jonne
Kaisa