Toms Sicht:
Während wir im Team langsam den Flur entlang in Richtung Umkleidekabinen schlenderten, warf ich immer wieder Seitenblicke zu meinem Nebenmann. Wir gingen nahe nebeneinander, jedoch nicht nahe genug, dass es auffallen würden, und gelegentlich stiessen unsere Hände beim Laufen aneinander. Kenny hatte ein breites Grinsen im Gesicht, und auch ich konnte meine gute Laune kaum verbergen. Wir gingen hinter den anderen her, und aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie Kennys Grinsen breiter wurden, je näher wir der Tür des Männerklos kamen. Oh-oh, der Kerl plante was, da war ich mir sicher… Und tatsächlich…
Auf der Höhe der Tür wurde ich auf einmal am Arm gepackt und ins Klo gezogen. Ehe ich mich versah, fand ich mich auch schon an die geflieste Wand gedrückt wieder, Kennys Nase nur wenige Millimeter von meiner eigenen entfernt. Er hatte noch immer ein breites Grinsen im Gesicht. Auch ich konnte mir ein Grinsen nun nicht mehr verkneifen, während meine Hand ihren Weg in seine blonden Haare fand und diese leicht durchwuschelte. Auch seine eine Hand, welche mich bisher sanft gegen die Wand gedrückt hatte, wanderte nun in meinen Nacken und begann diesen zu kraulen, bevor er seine Lippen sanft auf meine legte.
Mit einem fast unhörbaren Seufzen begann ich den Kuss zu erwidern, noch immer durch seine Haare streichelnd, während seine eigenen sich langsam ihren Weg über meine Oberkörper bahnten. Ich liess meine nun über seinen Rücken gleiten, und während seine Lippen langsam an meinem Hals entlang wanderten, fiel mein Blick wieder auf die Tür, durch die wir soeben gekommen waren, und etwas erschrocken umfasste ich Kennys Handgelenke und schob ihn von mir weg. Irritiert sah er mich an.
„Was… wenn jemand reinkommt?“, meinte ich noch immer atemlos vom Kuss. Wieder legte sich ein Spitzbübisches Grinsen auf sein Gesicht, ich wurde erneut an den Schultern gepackt und in eine der Klokabinen gezerrt, wo ich mich erneut mit dem Rücken zur Wand vor fand und sogleich wieder die Lippen meines Freundes auf meinen spürte.
„Warte, aber…Hmpf.“ Bevor ich meinen Satz beenden konnte, befand ich Kennys Hand auf meinem Mund. Er sah mir direkt in die Augen, und während ich diesen Blick erwiderte, vergass ich für einen Moment, was ich hatte sagen wollen. Mein Gegenüber lächelte.
„Du denkst zu viel, eindeutig!“, nuschelte er, bevor er seine Lippen erneut auf meine legte. Wieder vergass ich für einen Moment alles um mich herum, bevor ich den jüngeren erneut von mir schob.
„Wir müssen…“, begann ich, doch seine Lippen brachten mich erneut zum Schweigen. Seine eine Hand hielt meine Handgelenke fest und pinnte sie über meinem Kopf an die Wand, während sich die andere erneut ihren Weg über meinen Oberkörper suchte und mich leise in den Kuss seufzen liess. Dennoch schwirrten die Gedanken an das bevorstehende Training noch immer in meinem Hinterkopf herum, drängten sich langsam wieder in den Vordergrund. Erneut startete ich einen Versuch, Kenny von mir zu drücken, doch im selben Moment rutschte seine Hand unter mein T-Shirt und strich über meinen Bauch, was meine Sinne noch einmal völlig vernebelte.
Gerade als seine Hand dabei war, unter den Bund meiner Hose zu rutschen, hörte ich, wie sich die Tür zur Männertoilette öffnete, und bevor ich auch nur darüber nachdenken konnte, hatte ich Kenny unsanft an die gegenüberliegende Wand befördert. Ich hielt die Luft an, was sich jedoch aufgrund der vorherigen Küsse gar nicht so einfach gestaltete.
„Tom? Kenny? Seit ihr hier?“, fragte eine Stimme leise. Ich atmete auf – es war nur Bardal, der als einziger, wenn auch unbeabsichtigt, von der Sache wusste. Dennoch war ich unfähig, ihm zu antworten, und auch Kenny wirkte noch immer ziemlich erschrocken und gab keinen Ton von sich.
„Jedenfalls – wir sollten in drei Minuten auf der Schanze sein, beeilt euch!“ Die Toilettentür fiel mit einem quietschen ins Schloss, und ich riss erschrocken meine Augen auf.
„Scheisse.“, meinte auch Kenny, und nach einem kurzen Blickwechsel stürmten wir aus dem Klo. Wie erwartet war die Umkleidekabine bereits leer, und wir zwängten uns so schnell wie möglich in unsere Trainingsklamotten, was sich in der Eile nicht gerade als einfach erwies. Zu allem Übel klemmte ich auch noch ein Stück Stoff beim Reissverschluss meiner Jacke ein, sodass sich dieser keinen Millimeter mehr bewegen liess. Ich zog und zerrte daran rum, jedoch erfolglos. Bis schliesslich zwei Hände meine Handgelenke umfassten, diese vom Reissverschluss wegzogen und es schliesslich schafften, diesen innerhalb einiger Sekunde wieder zu lösen. Ich blickte auf und schaute direkt in Kenneths breit grinsendes Gesicht. Für einige Augenblicke blieben wir so stehen, jeweils in die Augen des Gegenübers versunken, bevor Kenny einen leichten Kuss auf meine Lippen hauchte und dann aus der Garderobentür verschwand.
Kenneths Sicht:
Ich rannte die Treppe zur Schanze hoch und war völlig ausser Atem, als ich oben ankam. Doch mein Plan schien aufgegangen zu sein – unser Trainer hatte nichts davon mitbekommen, dass ich erst jetzt hier war. Ich versuchte, so schnell wie möglich meine Atmung zu normalisieren, nicht dass mein zu spät kommen doch noch auffallen würde… Kurz warf ich einen möglichst unauffälligen Blick zurück und sah, wie sich auch Tom, wenn auch einiges langsamer als ich zuvor, die Treppe hoch kämpfte. Schnell wandte ich meinen Blick jedoch wieder nach vorne, nicht dass es auffällig würde… Ich versuchte mich wieder auf den Trainer zu konzentrieren, bis ich einige Zeit später eine leichte Berührung an meiner Hand spürte. Kurz drehte ich meinen Kopf und sah Tom neben mir stehen, mit hochrotem Kopf und verzweifelt versuchend, seine Atmung unter Kontrollen zu bekommen.
Vor mich hin grinsend wandte ich mich wieder von ihm ab, während ich gedanklich einige Tage zurück schweifte. Damals hätte ich mir noch nicht vorstellen können, dass das zwischen mir und Tom gerade eben irgendwann wirklich passieren würde. Er hatte mich schon seit einiger Zeit fasziniert (ich hatte mich damals strickte geweigert, mir einzugestehen, dass ich in ihn verliebt war), doch irgendwie begann diese Faszination mit der Zeit abnormale Formen anzunehmen. Ich bekam kein Wort mehr raus ohne zu stottern, wenn er in der Nähe war, blamierte mich in einer Tour und vergeigte zudem sämtliche Sprünge, wenn er zusah. So auch an jenem Tag…
Ich hatte mal wieder jeden Sprung des Trainings verbockt, und ich sah Mika an dass er langsam nicht mehr wusste, was er mit mir machen sollte. Er hatte mich bereits mehrmals auf meine momentane Verfassung angesprochen, doch ich hatte jeweils abgeblockt – was sollte ich ihm auch sagen?
So kam es, dass er mich nach dem Training noch auf der Schanze behielt – zusammen mit Tom, der an diesem Tag mit Abstand die besten Sprünge gezeigt hatte und mir nun dabei helfen sollte, ebenso gut zu werden. So standen der Trainer und ich also oben und sahen zu, wie Tom sprang, während mir Mika dabei einiges erklärte, doch davon bekam ich kaum etwas mit, war zu sehr damit beschäftigt, Tom einfach nur anzustarren, bis er für einen Moment aus meinem Blickfeld verschwand und kurz darauf unten im Auslauf wieder auftauchte.
„Jetzt du!“, forderte mich Mika auf, und schon allein die Tatsache, dass Tom nun unten auf mich wartete, liess meine Knie zittern, während ich meine Skier befestigte und auf den Balken stieg. Trotz allen Versuchen liessen sich meine Gedanken nicht ausschalten, was bei mir für einen Sprung so dringend nötig wäre, und so schaffte ich wieder nur ein paar Meter, bevor ich wieder Boden unter den Füssen hatte.
Natürlich musste ich nochmal springen, natürlich ging Tom als gutes Vorbild heran, und natürlich versuchte Mika erneut, mir zu erklären was ich falsch machte. Und natürlich ging der Sprung erneut schief… Erneuter Versuch, selbes Ergebnis. Schliesslich kam der vierte Sprung. Ich war langsam aber sicher am Ende meiner Kräfte. Ich fuhr die Rampe hinunter, vermasselte den Absprung und bemerkte bereits während des Flugs, dass die Landung vermutlich schief gehen würde. Tatsächlich berührte lediglich mein rechter Ski kurz den Boden, und dann drehte sich auch schon alles um mich herum. Mit der Schulter zuerst kam ich auf dem harten Schnee auf, als nächstes fühlte ich einen Schlag gegen den Kopf und bekam dann für einen Moment gar nichts mehr mit. Erst als ich bemerkte, dass meine Rutschpartie scheinbar ein Ende hatte, öffnete ich vorsichtig die Augen, setzte mich auf und blieb erstmal belämmert sitzen, wo ich war. Irgendwann hatten sich offensichtlich auch meine Skis verabschiedet. Ich war völlig fertig, mein Körper schmerzte, und ich umklammerte meine Beine und starrte ins Nichts, während sich meine Augen langsam mit Tränen füllten.
Erst, als sich Arme um mich legten, nahm ich wieder irgendwas wahr. Ich blickte auf und sah direkt in Toms besorgtes Gesicht, dessen Hand nun angefangen hatte meinen Rücken auf und ab zu streicheln.
„Alles OK?“, wollte er wissen, und während ich nickte, verschwamm alles vor meinen Augen und die ersten Tränen bahnten sich ihren Weg über meine Wangen.
„Hey…“, hörte ich Tom murmeln, während er mich vorsichtig an sich zog und weiterhin meinen Rücken streichelte. Ich liess meinen Kopf vorsichtig gegen seine Schulter sinken und liess meinen Tränen freien Lauf, während Tom irgendwelche für mich unverständliche, aber beruhigende Wörter murmelte. Ich weiss nicht, wie lange wir so dort sassen, bis schliesslich Mika auf uns zugerannt kam.
„Bist du OK?“, wollte er ausser Atem wissen, woraufhin ich nickte.
„OK, wir machen Schluss für heute. Wir sehen uns morgen.“ Und mit diesen Worten drehte sich unser Trainer um und ging davon.
Ich merkte, wie Toms Arme um meinen Körper verschwanden, er stand auf und streckte mir dann seine Hände hin. Ich ergriff sie und liess mich von ihm auf die Beine ziehen. Erst jetzt bemerkte ich einen leichten Schmerz im rechten Knöchel beim auftreten. Auch Tom schien mein leichtes zusammenzucken bemerkt zu haben, legte seinen Arm um mich und stützte mich, während ich langsam zu den Kabinen zurück hinkte. Ich liess mich auf die Bank sinken, während Tom sich vor mich kniete und vorsichtig damit begann, meine Skischuhe zu öffnen. Dennoch brachten wir das ganze nicht ganz schmerzlos hinter uns. Als alle Schnallen geöffnet waren und er mir den Schuh vorsichtig vom schmerzenden Fuss gezogen hatte, stand er wieder auf und schaute noch immer leicht besorgt auf mich runter. Ich weiss nicht genau, was mich überkam, als ich meine Hand mit einem Mal in seinen Nacken legte, sein Gesicht näher zu mir zog und meine Lippen sanft auf seine legte.
Toms Sicht:
Noch immer bekam ich kaum Luft, als ich bereits einige Minuten oben stand und mich eigentlich hätte auf Mikas Worte konzentrieren sollen. Doch neben dem um Luft ringen war ich verzweifelt damit beschäftigt, mich dazu zu zwingen, nicht ständig Kenny anzugucken oder meine Hand leicht gegen seine schwingen zu lassen. Und ich vermutete, dass es ihm nicht viel anders ging… Erst eine Woche war es her, seit er mich damals in der Umkleidekabine einfach geküsst hatte. Irgendwie hatte sich das ganze damals so richtig angefühlt, dass ich den Kuss ohne zu überlegen einfach erwidert hatte. Und als er mich danach völlig geschockt über sich selber angeschaut hatte, konnte ich einfach irgendwie nicht anders als ihn nochmals zu küssen… Dies brachte dann endlich auch den Glanz in Kennys Augen zurück, welche in der letzten Zeit ziemlich trüb gewesen waren…
Irgendwie hatten wir nie wirklich darüber geredet, was damals nach dem Training passiert war – dennoch passierte es immer wieder, dass wir uns plötzlich knutschend auf irgend nem Klo oder sonstwo wiederfanden, ohne dass wir wirklich etwas dagegen tun konnten. Zuvor hatte ich eigentlich nie besonders viel mit Kenny gemacht, er war einfach nur ein Teamkollege, den ich im Training sah. Wobei sich, wenn ich so darüber nachdenke, auch jetzt nicht viel daran verändert hatten – nur dass wir nun eben des öfteren mal rumknutschten und so… Dieser Gedankengang liess mich grinsen. Hätte mir irgendjemand vorher gesagt, dass ich mal was mit Kenneth Gangnes anfangen würde, hätte ich dieser Person wohl völlig schockiert den Vogel gezeigt…
Eigentlich hatte ich noch nie darüber nachgedacht, was das zwischen uns eigentlich genau war, welche Art von Gefühlen dabei im Spiel waren – wenn überhaupt. Es stimmte einfach irgendwie… Dieses unglaubliche Kribbeln, wenn er mich küsste oder berührte, hatte ich noch nie bei irgendjemandem zuvor gespürt, und ich konnte einfach nicht genug davon bekommen… Aus den Augenwinkeln schielte ich kurz zu ihm rüber, bevor ich nach seiner Hand griff, diese kurz drückte, wenige Sekunden festhielt und dann losliess, als ob nichts gewesen wäre. Wieder schielte ich kurz zu ihm, bemerkte, wie er angefangen hatte selig zu grinsen. Im selben Moment klatschte unser Trainer auffordernd in die Hände, was mich kurz zusammenzucken liess. Irgendwie hatte ich überhaupt nichts davon mitgekriegt, was er uns soeben erzählt hatte, und schaute mich etwas hilflos um, während langsam Bewegung in meine Freunde kam.
Ich warf einen kurzen Blick zu Kenny, welcher ebenso ahnungslos aussah wie ich. Wir zuckten mit den Schultern und schlossen uns dann einfach unseren Teamkollegen an, welche die Treppe langsam wieder hinunterstiegen. Ich bemerke, dass wir uns langsam wieder in Richtung Umkleidekabinen bewegen, und wie erwartet begann Kenny neben mir wieder zu grinsen. Auch meine Mundwinkel fingen an zu zucken. Kurz blieb er stehen, warf einen Blick von der Klotür zu mir und zog vielsagend die Augenbrauen hoch. Schnell nickte ich, und als die anderen vor uns um die Ecke verschwunden waren, huschten wir schnell hinein. Ich wurde am Ärmel gepackt und fand mich gleich darauf auch schon wieder an eine Klotrennwand gedrückt wieder. Kenny grinste mich triumphierend an, während er seine Hände über meinem Kopf festpinnte. Oh nein, so nicht, mein Kleiner!
Ehe er sich versah, hatte ich uns auch schon umgedreht, und nun war er es, der mit dem Rücken zur Wand stand und mich etwas überrascht ansah. Ich grinste nur, stupste mit meiner Nase kurz gegen seine und wandte mich dann seinem Hals zu, welchen ich mit sanften Küssen bedeckte und mich schliesslich kurz festsaugte. Ein unterdrücktes Stöhnen kam über Kennys Lippen, welches einen Schauer über meinen Körper jagte, und er legte seinen Kopf in den Nacken. Mich noch immer mit seinem Hals beschäftigend schielte ich kurz nach oben und sah, dass er seine Augen geniesserisch geschlossen hatte, sich völlig fallen liess und mir scheinbar voll vertraute. Ein warmes Gefühl flammte in meinem Bauch auf, während ich meine Hände von seinen Handgelenken löste und sie über seinen Oberkörper streicheln liess.
Ich bemerkte, wie sein Atem schneller wurde, als ich den Bund seines Shirts ertastete und meine Finger darunter gleiten liess. Langsam suchten sie sich ihren weg weiter nach oben, und erneut entlockte ich ihm ein leises Keuchen, als sie seine Brustwarzen erreichten. Ich grinste gegen seinen Hals, bevor ich mehrmals sanft zubiss, mich gegen seinen schon leicht bebenden Körper drückte und das Spiel meiner Finger etwas intensivierte. Kennys Arme schlangen sich um mich, strichen langsam meinen Rücken hinab und verweilten kurz auf meiner Hüfte. Gleich darauf rutschen sie zu meinem Hintern zu und drücken mich noch etwas fester an sich, was uns beiden ein leises Stöhnen entlockte. Meine Lippen liessen von seinem Hals ab, legten sich auf seine, und sofort verwickelten sich unsere Zungen in einen heissen Kampf. Auch meine Hände liessen nun von seinen Nippeln ab, rutschte zum Bund seiner Hose und spielten mit diesem. Ich löste mich kurz von ihm, grinste ihn dreckig an und liess meine rechte Hand endgültig in seiner Hose verschwinden.
Kennys Sicht:
Das Tropfen eines Wasserhahns was das erste, was von der Realität langsam wieder zu mir durchdrang. Noch wehrte ich mich dagegen, diese Störung zuzulassen, und kniff meine Augen zusammen. Ich drehte leicht meinen Kopf und vergrub meine Nase in Toms Haaren, konzentrierte mich voll und ganz auf seinen warmen Körper, der sich an mich schmiegte. An meinem Rücken nahm ich irgendwas kaltes wahr, was mich nun doch leicht verwirrt die Augen öffnen liess. Etwas Orientierungslos blickte ich mich um, während Tom in meinen Armen leise seufzte und sich noch etwas näher an mich kuschelte. Ich hauchte ihm einen Kuss auf den Kopf und versuchte, mich langsam wieder daran zu erinnern, wo wir waren und wie wir hierhin gekommen waren… Und gleich darauf machte sich leichte Panik in mir breit. Wir hatten doch eigentlich Training!
„Tom?“ Vorsichtig stupste ich ihn an, was er jedoch nur mit einem unwilligen Brummeln quittierte und sich noch etwas näher an mich kuschelte.
„Tohom, wir müssten zu Training!“, quengelte ich und schüttelte ihn leicht, wovon er sich jedoch wieder nicht beirren liess und seine Nase nur noch tiefer in meinem Shirt vergrub.
„VERFRLUCHTE SCHEISSE TOM! WIR HÄTTEN SEIT 20 MINUTEN TRAINING!“, entfuhr es mir, was ihn zumindest mal dazu brachte, seinen Kopf zu heben.
„Was ist los?“, murmelte er verwirrt und sah sich genauso Orientierungslos um wie ich mich einige Minuten zuvor. Mittlerweile kurz vor der Krise verdrehte ich nur die Augen. Und endlich schien auch Tom die Situation zu realisieren, sein Gesicht wurde kurz ernst, dann jedoch grinste er wieder und zog seine Hose wieder hoch.
Ich tat es ihm völlig hektisch nach und stürmte aus der Klokabine.
„Jetzt warte doch mal!“, hörte ich Tom hinter mir rufen. Entnervt blieb ich stehen.
„Beeil dich!“, meinte ich und wunderte mich, wie er in dieser Situation so ruhig bleiben konnte, immerhin würden wir vermutlich gleich so richtig Ärger kriegen. Er grinste vor sich hin und kam nach einer gefühlten Ewigkeit endlich aus dem Klo. Ich wollte gerade auf den Flur rennen, als ich am Arm zurückgehalten wurde. Kurz blieb ich stehen und sah Tom fragend an. Als er Anstalten machte, mich an sich zu ziehen, stiess ich ihn energisch von mir.
„Nicht jetzt! Los, wir müssen in die verdammte Turnhalle!“ Ich packte ihn am Handgelenk und zerrte ihn hinter mir her. Tausende Gedanken schwirrten durch meinen Kopf, während wir schnellen Schrittes durch das Gebäude marschierten.
Bei der Turnhallentür angekommen, hielt mich Tom zurück. Er sah mich kurz prüfend an.
„OK, überlass das Reden einfach mir, OK? Blass bist du schon, jetzt versuch noch ein wenig so zu gucken als ob du jeden Moment sterben würdest.“ Ich sah ihn völlig entgeistert an, woraufhin ich nur ein zustimmendes Nicken erntete.
„Genau so! Und nun langsam.“ Er griff erneut nach meinem Arm und öffnete die Hallentür, sodass ich hinter ihm hineinstolperte. Natürlich zog unser Auftauchen sofort Mikas Aufmerksamkeit auf sich, während die anderen Springer in ein Fussballspiel vertieft waren. Seinem Blick nach zu schliessen war er alles andere als erfreut darüber, dass wir erst so spät auftauchten. Meine Knie begannen leicht zu zittern, während er sich langsam in unsere Richtung bewegte. Hilfesuchend sah ich kurz zu Tom, welcher jedoch nur leicht grinste und mir aufmunternd zuzwinkerte.
Kurz darauf war Mika bei uns angekommen, verschränkte seine Arme und zog auffordernd seine Augenbraue hoch. Reflexartig richtete sich mein Blick auf den Boden und ich überliess, wie befohlen, Tom das erklären. Und dies liess auch nicht lange auf sich warten. Kurz schielte ich zu ihm rüber und bemerkte, wie ernst sein Gesicht mit einem Mal geworden war.
„Kenny hat sich eben auf dem Klo die Seele aus dem Leib gekotzt. Ich glaub das wird heute nichts mehr mit trainieren. Ich glaub, ich fahr ihn nach Hause, wenn das okay ist…“, erklärte er, und ich musste zugeben, dass es durchaus glaubwürdig rüberkam. Kurz spürte ich Mikas prüfenden Blick auf mir.
„Hmm, du siehst wirklich nicht besonders gut aus.“, murmelte er und wandte sich dann an Tom.
„OK, du kannst ihn nach Hause fahren. Und sorg dafür, dass er sich gleich hinlegt, damit er morgen wieder fit ist.“
„Geht klar.“, hörte ich Tom sagen und wunderte mich, wie er immer noch so sachlich bleiben konnte, während ich bereits mit einem aufsteigenden Lachanfall kämpfte. Gleich darauf fühlte ich seine Hand auf meinem Rücken, und wir gingen wieder zur Hallentür. Ich starrte zwanghaft auf den Boden – ein Blick zu Tom hätte genügt, um mich in lautes Lachen ausbrechen zu lassen. Die zehn Meter bis zur Hallentür kamen mir regelrecht endlos vor. Schliesslich hatten wir endlich die dicke blaue Tür hinter uns geschlossen, lehnten uns kurz dagegen und sahen uns an. Toms Mundwinkel begannen zu zucken, und auch ich konnte meinen Lachanfall nicht mehr länger zurückhalten. Ich presste mir die Hand vor den Mund, damit man drinnen nicht doch noch etwas hörte, während Tom vor lauter Lachen Träne über die Wangen liefen. Nur langsam beruhigten wir uns wieder, und Tom sah mich grinsend an.
„Soo, dann aber los, mein armer kranker Spatz. Schwester Tom wird sich nun wohl darum kümmern müssen dass du bald wieder auf den Beinen bist“, meinte Tom grinsend, packte meinen Ärmel und schleifte mich daran zurück in die Umkleidekabine.
Toms Sicht:
„Soll ich dich wirklich nach Hause fahren?“, wollte ich grinsend wissen, als wir ungefähr eine Viertelstunde später in meinem Auto sassen und ich gerade dabei war, auszuparken. Natürlich war die Umziehaktion eben nicht ohne eine weitere Knutscherei von Statten gegangen… Kenny grinste nur breit und schüttelte leicht den Kopf.
„Okay…“, grinste ich nur und fuhr vom Parkplatz. Eigentlich hatte ich keine wirkliche Ahnung, wo wir nun hin sollten, und so nahm ich wahllos irgendwelche Abzweigungen, fuhr kreuz und quer durch Lillehammer und landete schliesslich irgendwann an einem Waldrand. Noch immer grinste ich vor mich hin, woran jedoch Kennys Hand, welche auf meinem Oberschenkel umher wanderte, nicht ganz unschuldig war. Schliesslich bog ich irgendwann in einen Waldweg ab, folgte diesem bis nach der ersten Kurve und hielt dort an.
Ohne Kennys leicht irriterten Blick zu beachten, löste ich meinen Sicherheitsgurt, packte seine nun regungslos auf meinem Bein liegende Hand mit meiner einen und legte meine andere Hand in seinen Nacken, um ihn zu einem ziemlich wilden Kuss heranzuziehen. Dieser wurde nach dem ersten Überraschungsmoment auch sogleich erwidert, und ich liess nun meinerseits meine Hände über Kennys Oberkörper und seine Beine wandern. Er legte seine Hände auf meine Schultern und schob mich langsam in meinem Sitz zurück, ohne unseren Kuss zu lösen. Kurz öffnete er seinen Sicherheitsgurt, drehte sich ein wenig und kniete sich auf seinen Sitz, um daraufhin über die Mittelkonsole zu klettern und sich über mich zu knien. Kurz sah ich etwas in seinen Augen aufblitzen, bevor er neben meinem Sitz vorbeifasste, sich von mir löste, und ich kurz darauf, begleitet von einem überraschten aufquieken, samt der Lehne des Sitzes nach hinten kippte.
Noch immer etwas überrumpelt von dieser Aktion schaute ich zu ihm hoch. Er grinste dreckig vor sich hin, und dem Glitzern in seinen Augen nach schien es ihm zu gefallen, die „Macht“ über mich zu haben. Für einige Sekunden sahen wir uns nur an, bevor sich Kenny schliesslich wieder zu mir hinunter beugte und mich leidenschaftlich küsste. Meine Hände legten sich auf seinen Rücken und rutschten unter sein Shirt, während seine langsam meinen Oberkörper hinunter strichen und sich irgendwann am Knopf meiner Hose zu schaffen machten. Seine Lippen liessen unterdessen von meinen ab und wandten sich meinem Hals zu, knabberten leicht daran rum, begleitet von einigen etwas festeren Bissen. Ich keuchte leise auf, als seine Hand in meine Boxershorts rutschte, schloss meine Augen und streichelte eher automatisch als gewollt weiterhin leicht seinen Rücken.
Eigentlich war ich ziemlich überrascht, dass Kenny mit einem mal so ranging, bisher war irgendwie immer alles von mir aus gekommen. Doch nun genoss ich es, mich einfach zurücklehnen und geniessen zu können. Mittlerweile beschäftigte sich Kennys einen Hand intensiv mit meiner Erregung, während die andere mein T-Shirt nach oben schob und sich dort zu schaffen machte. Noch immer waren seine Lippen an meinem Hals, suchten jedoch gelegentlich meine Lippen und wandten sich schliesslich meinen Brustwarzen zu.
Meine Hand legte sich in seinen Nacken und kraulten diesen leicht, während er auch schon wieder von meinen Nippeln abliess und sich langsam meinen Oberkörper hinunter küsste, soweit es aus seiner Position heraus möglich war.
Irgendwann fasste ich nicht gerade sanft in seine Haare und zog ihn zu mir hoch.
„Nicht hier… nach hinten… zu eng“, keuchte ich abgehackt zwischen einigen Küssen, doch Kenny verstand sofort und öffnete grinsend die Tür. Ich musste mich erstmal sammeln, bevor ich die Rückenlehne wieder in ihre Ursprungsposition brachte und mit zitternden Knien ebenfalls aus dem Auto stieg. Kenneth stand bereits grinsend bei der hinteren Tür und öffnete diese, nachdem ich ihn noch einmal für einen Kuss an mich gezogen hatte. Noch immer grinsend versetzte er mir einen Stoss, sodass ich auf den Rücksitz fiel und daraufhin noch ein Stück nach hinten krabbelte. Kenny sah mich, noch immer draussen stehend, mit glänzenden Augen an, bevor er ebenfalls in den Wagen kletterte und die Tür hinter sich schloss.
Ehe ich mich versah, war ich auch schon mein T-Shirt los. Kenny presste erneut seine Lippen auf meine, während er mir meine Jeans von der Hüfte schob. Auch ich befreite ihn von seinem Oberteil und machte mich an seiner Hose zu schaffen, während wir uns immer noch leidenschaftlich küssten. Kenny liess sich langsam auf meinen Schoss sinken, was uns beide synchron aufstöhnen liess. Wieder zog ich ihn zu einem Kuss heran, während er anfing, auf mir herumzurutschen, was uns beide immer wieder leise aufkeuchen liess. Meine Hände strichen über seinen Rücken und rutschten in seine Boxershorts, drückten ihn noch etwas stärker an mich. Wir waren völlig darin vertieft, als etwas die Stimmung schlagartig zertstörte – das Klingeln meines Handys.
Kennys Sicht:
Entnervt verdrehte ich die Augen, als Tom mich plötzlich leicht von sich schob und wie erstarrt dalag.
„Lass es doch einfach klingeln“, murmelte ich und begann wieder, seinen Hals zu küssen. Ich bemerkte, wie er sich kurz wieder entspannte, mich dann jedoch doch wieder aufhielt
„Vielleicht ist es wichtig…“, meinte er und richtete sich auf, während ich seufzend zurückrutschte und mein T-Shirt vom Boden angelte. Tom quetschte sich unterdessen zwischen den Vordersitzen durch und angelte nach seinem Handy. Sobald er dieses erwischt hatte, liess er sich wieder auf den Rücksitz fallen. Stirnrunzelnd schaute er auf den Handydisplay, bevor er dieses aufklappte und sich ans Ohr hielt.
„Wehe es ist nicht wichtig!“, hörte ich ihn ins Telefon grummeln. Ich verkniff mir ein grinsen und rutschte an ihn heran, woraufhin sich meine Hand auf seinen Oberschenkel legte und diesen langsam hinaufstrich. Toms genervter Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein Grinsen, und er zwinkerte mir kurz zu, bevor er sich wieder auf das Telefonat konzentrierte – oder es zumindest versuchte. Denn meine Hand hatte sich unterdessen in seine Boxershorts geschlichen, und ich sah ihm an, wie er um Fassung rang. Schliesslich griff er nach meinem Handgelenk und hielt es kurz fest, während er den Anrufer abwimmelte, sein Handy wieder zuklappte und dieses nach vorne auf den Beifahrersitz warf.
„Und, wars wichtig?“, wollte ich wissen, während ich meine Hände an Toms Seiten legte und daran leicht auf und ab strich. Schon spürte ich Toms Hand in meinem Nacken und gleich darauf seine Lippen auf meinen.
„Nicht wichtig genug.“, nuschelte er, küsste mich erneut und drückte mich vorsichtig nach hinten auf die Rückbank. Grinsend schob er mein Shirt hoch.
„Wieso hast du dich eigentlich wieder angezogen? Ist es so toll, von mir ausgezogen zu werden?“, fragte er, bevor er seine Lippen auf meinen Oberkörper senkte und anfing, diesen mit federleichten Küssen zu bedecken. Meine Hand krallte sich in seine Haare und ich schloss die Augen, ohne auf seine Frage einzugehen.
***
Ich wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, als Tom den Wagen wendete und auf dem Waldweg wieder zurück zur Strasse fuhr. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, doch im Grunde genommen war es mir auch total egal. Tom hatte den Radio aufgedreht und klopfte auf dem Lenkrad mit den Fingern den Tackt mit, während seine rechte Hand auf meinem Oberschenkel ruhte. Wir hatten beide ein breites Grinsen im Gesicht, waren einfach nur glücklich, und wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir noch ewig einfach so durch die Gegend fahren können. Viel zu schnell kamen wir schliesslich auch schon bei mir zuhause an, woraufhin das Grinsen aus meinem Gesicht verschwand. Tom setzte den Blinker und hielt vor unserem Wohnblock. Kurz quiekte ich auf, als er mich plötzlich in die Seite kniff.
„Jetzt guck doch nicht so! Wir sehen uns morgen im Training wieder, die paar Stunden wirst du doch wohl ohne mich aushalten!“, meinte er grinsend, und ich starrte leicht verlegen auf meine Knie. Seine Hand legte sich auf meine Schulter, wanderte in meinen Nacken und zog mich näher an sich heran. Ich genoss den Kuss in vollen Zügen und hätte mich am liebsten gar nicht mehr von Tom gelöst. Er war es schliesslich auch, der den Kuss beendete und mich aufmunternd anlächelte.
„Dann bis Morgen Kleiner, und träum was schönes.“, meinte er, wobei sein Grinsen bei den letzten Worten noch etwas breiter wurde. Auch ich begann nun zu grinsen, denn ich wusste genau was er mit „was schönes“ meinte.
Ich widerstand dem Drang, ihn noch einmal an mich zu ziehen, und löste meinen Sicherheitsgurt.
„Bis morgen, und gleichfalls.“, antwortete ich grinsend und öffnete dann die Autotür. Schliesslich kletterte ich aus dem Wagen und wollte die Tür gerade wieder schliessen, als Tom anfing rumzufuchteln. So zog ich die Tür also nochmal auf und sah ihn fragend an.
„Das Training beginnt morgen eine Stunde später, soll ich dir ausrichten. Und liebe Grüsse und gute Besserung von Bardal.“ Ein fettes Grinsen schlich sich auf meine Lippen, während ich ein „Okay.“ von mir gab und dann die Beifahrertür schloss. Tom hob zum Abschied kurz die Hand, bevor er den Blinker setzte und vom Parkplatz fuhr. Ich sah seinem Wagen hinterher, bis er um die nächste Kurve verschwunden war, und machte mich dann auf den Weg in meine Wohnung.
Toms Sicht:
Schon als ich morgens aufgestanden war, hatte ich das dumpfe Gefühl, dass an diesem Tag noch irgendwas passieren würde, und auch als ich mich am Nachmittag auf den Weg zum Training machte, war es noch immer so. Irgendwas würde schief gehen, ich wusste nur noch nicht genau wann und was… Mir war etwas mulmig, als ich, bei der Schanze angekommen, aus meinem Wagen stieg und langsam in Richtung Schanze schlenderte. Vor der Tür hatten sich bereits einige meiner Teamkollegen versammelt, doch Kenny war noch nicht aufgetaucht. Wieder beschlich mich dieses ungute Gefühl, doch kurz darauf kam er auch schon um die Ecke, woraufhin mir ein Stein vom Herzen fiel und das doofe Gefühl etwas schwächer wurde. Ich zwinkerte ihm nur kurz zu, was ein breites Lächeln auf sein Gesicht zauberte.
Kurz darauf tauchte auch schon Mika auf, und wir machten uns auf den Weg zu den Umkleideräumen. Heute war Sprungtraining angesagt, was mein mulmiges Gefühl wieder etwas stärker werden liess. Kurz fing ich Kennys Blick auf, als wir uns den Klotüren näherten, schüttelte jedoch nur den Kopf als ich seine Absichten erkannte. Heute nicht… Ich bemerkte, wie sich sein Blick etwas verwirrt dem Boden zuwandte. Später würde ich es ihm erklären, aber ob er es verstehen würde… Gut möglich dass dieses ungute Gefühl mit uns zusammenhing… Lieber nichts unnötiges riskieren. Endlich erreichten wir die Umkleidekabine, und ich zog mich so schnell wie möglich um und machte mich auf den Weg auf die Schanze. Vermutlich verstand Kenny die Welt nun überhaupt nicht mehr…
Nach und nach trudelten auch meine Teamkollegen auf der Schanze ein, und wir begannen mit dem Trainig. Wieder wurde mein seltsames Gefühl stärker, ich konnte mich kaum auf meine Sprünge konzentrieren und beobachtete die von Kenny voller Sorgen. Bei ihm ging jedoch alles gut, und auch ich brachte meine Sprünge zwar unfallfrei, jedoch nicht besonders erfolgreich hinter mich. Natürlich war ich mit meiner Leistung nicht zufrieden und erntete auch einige besorgte Blicke von den anderen Springern und vor allem von Kenny.
„Schluss für heute!“, kam schliesslich endlich der erlösende Satz von Mika, und erleichtert machte ich mich mit den anderen auf den Weg zurück in die Umkleidekabinen. Im Gegensatz zu vor dem Training liess ich mir nun richtig schön Zeit mit dem Umziehend, Kenny immer wieder heimliche Blicke zuwerfend.
Dieser schien zu verstehen, sodass wir tatsächlich nach einer Weile die beiden letzten waren, die sich noch in der Umkleidekabine sassen. Noch immer wirkte der Kleine verwirrt und starrte vor sich hin. Lautlos seufzend stand ich schliesslich auf und liess mich neben ihn auf die Bank fallen. Kenny hob den Kopf und sah mich kurz unsicher an, woraufhin ich ihn liebevoll anlächelte und meinen Arm um ihn legte.
„Tut mir Leid dass ich so komisch war… Aber irgendwie… Ich hatte einfach das Gefühl, dass irgendwas schief gehen würde und wollte nichts riskieren, verstehst du?“, versuchte ich zu erklären, und nach einigen Augenblicken nickte Kenny leicht, starrte jedoch noch immer auf den Boden.
„Ach, komm her!“, murmelte ich, schlang meinen zweiten Arm auch noch um ihn und zog ihn an mich. Kenny liess seinen Kopf auf meine Schultern sinken, und nach kurzem legte sich wieder ein Lächeln auf seine Lippen.
Ich hauchte einige kleine Küsse auf seine Wange, woraufhin er seinen Kopf zu mir drehte und sich unsere Lippen nach einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder trafen. Ich löste meine Umarmung und legte meine Hände an Kennys Schultern, um ihn vorsichtig rückwärts auf die Bank hinunter zu drücken, wobei er mich mit sich zog. Sofort fanden unsere Lippen wieder zueinander, wollten sich gar nicht mehr voneinander lösen, und meine Hände spielten mit dem Bund seines T-Shirts, bevor sie darunter rutschten und über seinen Bauch strichen. Kennys Hände strichen über meinen Rücken, landeten auf meinem Hintern und drückten mich noch etwas fester an sich, was uns beide leise in den Kuss keuchen liess. Langsam schob ich sein T-Shirt nach oben, begann seine Brustwarzen zu necken, während sich unsere Lippen immer wieder trafen.
Mittlerweile achteten wir nicht mehr darauf, wie laut wir waren, liessen unseren Gefühlen freien lauf und bekamen dadurch auch nicht mit, wie die Türklinke langsam runtergedrückt wurde und die Tür aufschwang. Ich hatte mich mittlerweile Kennys Hals zugewandt, welchen ich mit vielen kleinen Küssen bedeckte, als ich bemerkte, wie dieser plötzlich unter mir erstarrte. Leicht verwirrt liess ich von ihm ab, sah erst ihn fragend an und dann zur Tür, zu welcher er starrte. Und gleich darauf hatte ich das Gefühl, dass sich alles um mich herum drehte, und für einen Augenblick wurde mir schwarz vor Augen. Sofort stieg ich von Kenny runter und setzte mich noch immer völlig unter Schock stehend neben ihn auf die Bank, während er sich ebenfalls hinsetzte, sein T-Shirt richtete, und wir daraufhin beide leicht Panisch zu Mika starrten, der in der Tür stand und den Eindruck machte, als ob er uns am liebsten jeden Moment die Köpfe abreissen würde.
Kennys Sicht:
Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, während ich meinen Blick auf den Boden richtete und meine Hände am Saum meines Shirts rumspielten. Am liebsten hätte ich Toms Hand ergriffen, doch ich fürchtete, dass dies Mika endgültig zum Explodieren gebracht hätte – okay, das würde vermutlich sowieso in den nächsten Minuten passieren, aber ihn noch unnötig dazu anstacheln musste nun doch nicht sein…
„Könnt ihr mir mal erklären, was das eben gerade war?“, donnerte er im nächsten Augenblick auch schon los, und Tom und ich zuckten synchron zusammen.
‚Wonach sah es denn aus?‘, ging es mir durch den Kopf, doch natürlich wagte ich es nicht, es auszusprechen. Stattdessen krallten sich meine Hände noch etwas tiefer in mein Shirt.
Kurz schiele ich zu Tom, welcher ebenfalls schweigend vor sich hin starrt, während Mikas Atem immer schneller wird und schon fast den Geräuschen einer Dampflock ähnelt.
„Ich warte! Was läuft da zwischen euch?“, wollte er gereizt wissen, was mich erneut zusammenzucken liess. Ja, was war das zwischen uns? Waren da irgendwelche Gefühle im Spiel? Liebte ich Tom? Ich musste ehrlich zugeben, dass ich es in dem Moment nicht wusste, mir jedoch bisher auch nie Gedanken darüber gemacht hatte… Es war irgendwie einfach passiert, und ich musste zugeben, dass es sich nicht gerade schlecht anfühlte…
„Wie lange läuft das überhaupt schon?“, hörte ich Mika fragen, wobei er jedoch etwas ruhiger wirkte als zuvor.
„Keine Ahnung, paar Wochen…“, hörte ich Tom neben mir murmeln, welcher auf der Bank rumrutschte. Ihm war die Situation sichtlich unangenehm und er kaute auf seiner Lippe herum.
„Ihr müsst es beenden.“, meinte Mika bestimmt, „Ganz egal was es ist und warum, aber es geht nicht. Ihr springt beide im Weltcup; stellt euch mal vor, was passieren würde wenn die Presse davon erfahren würde! Ihr könntet eure Karrieren vergessen!“ Von Tom und mir kam keine Reaktion.
„Ich meine, das ist alles Spielerei, oder? Es sind keine Gefühle im Spiel, oder doch?“, meinte Mika, wobei er den letzten Satz in einem Tonfall ausstiess, der keine Widerrede zuliess. Wieder sagte keiner von uns ein Wort.
„Oder, Tom?“, wandte er sich direkt an diesen, welcher zusammenzuckte, für einen Moment erstarrte und dann ein leises „N…nein“ über die Lippen brachte. Auch wenn ich mit der Antwort gerechnet hatte, hatte ich dennoch das Gefühl, dass in meinem Inneren etwas zerbrach. Mir stiegen Tränen in die Augen, doch ich versuchte so schnell wie möglich, sie wegzublinzeln.
„Kenny?“, hörte ich Mika in noch immer strengem Tonfall sagen. Auch ich zögerte kurz und schüttelte dann, auf meine Füsse starrend, leicht den Kopf, wobei meine Augen zu brennen begannen. Ich kniff sie zusammen, um meine Tränen zu unterdrücken. Nach einer Weile schielte ich zu Mika, welcher mit verschränkten Armen vor uns stand und anerkennen nickte.
„Gut so. Glaubt mir, es ist das Beste so. Immerhin wollt ihr ja wirklich nicht eure Karrieren aufs Spiel setzen, oder?“, wollte er wissen, woraufhin Tom und ich synchron den Kopf schüttelten. Ein leichtes Lächeln legte sich auf Mikas Lippen.
„Und jetzt ab mit euch, verschwindet. Kenny, ich fahr dich nach Hause – sicher ist sicher. Und wenn ich euch noch einmal bei sowas erwische…“, meinte er und klang beim letzten Teil so drohend, dass ich gar nicht wissen wollte, wie der Satz ausgehen würde. Für eine Weile sassen wir regungslos da, bevor Tom schliesslich aufsprang, sich seine Tasche schnappte und fast fluchtartig aus der Umkleidekabine stürmte.
Ich starrte noch immer vor mich hin, konnte meine Tränen kaum noch zurückhalten. Meine Hände fingen an zu zittern, während ich mir auf die Lippen biss und die Augen zusammenkniff. Ich zuckte heftigst zusammen, als ich mit einem Mal Mikas Hand auf meiner Schulter spürte. Zögernd sah ich auf, konnte dabei nicht verhindern dass mir eine Träne über die Wange rollte.
„Nimm es dir nicht so zu Herzen. Es ist wirklich das beste, vor allem für dich! Du weisst ja wie Tom zu Beziehungen steht – Treue ist für ihn ein Fremdwort und überhaupt… Er hat ja selber zugegeben, dass ihm das Ganze nichts bedeutet hat.“, meinte er, nun in eher liebevollem Tonfall, und ich nickte nur und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Mika lächelte mich warm an.
„Und nun komm, ich fahr dich nach Hause.“
Er drehte sich um und ging langsam zur Tür, woraufhin ich mich ebenfalls erhob, nach meiner Tasche griff und ihm zögerlich folgte. Vor meinem inneren Auge tauchten Bilder auf von all den Dingen, die Tom und ich in der letzten Zeit zusammen angestellt hatten, und alles verschwamm vor meinen Augen. Ich stolperte hinter ihm die Treppe hinunter und liess mich, bei seinem Wagen angekommen, kraftlos auf den Beifahrersitz fallen. Die ganze Fahrt lang wagte ich es nicht, Mika anzuschauen, starrte entweder auf meine Knie oder aus dem Fenster, auch, damit er meine Tränen nicht sah, welche ich nun endgültig nicht mehr zurückhalten konnte. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, bis er endlich vor meinem Wohnblock anhielt. Wortlos griff ich nach meiner Tasche und flüchtete regelrecht aus dem Wagen.
Toms Sicht:
Meine Hände zitterten so sehr, dass es kaum schaffte, den Autoschlüssel ins Schloss zu stecken. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte ich es dennoch irgendwie, stieg ein, schloss die Tür und liess erstmal meinen Kopf auf das Lenkrad sinken. Ich atmete einige male tief ein, bevor ich mich wieder hinsetzte, mir die Augen rieb und dann meinen Wagen startete. Das eben erlebte geisterte noch immer in meinem Kopf herum, doch ich versuchte verzweifelt, es erstmal in den Hintergrund zu verdrängen. Noch immer zitternden meine Hände leicht, woraufhin ich sie etwas fester um das Lenkrad schloss. Mit viel zu hoher Geschwindigkeit raste ich durch Lillehammer, wollte einfach nur noch nach Hause. In ungefähr der Hälfte der Zeit, die ich normalerweise dafür brauchte, hatte ich den Wohnblock auch schon erreicht.
Ohne wirklich darauf zu achten, wie und wo, stellte ich meinen Wagen irgendwo ab und stieg aus. Meine Knie drohten nachzugeben, und erst als ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht streichen wollte, bemerkte ich, dass mir Tränen über die Wangen liefen. Mit noch immer zitternden Knien schaffte ich es irgendwie ins Haus, die Treppe hoch und in meine Wohnung, wo ich mich erstmal gegen die Wohnungstür lehnte und mich schliesslich, die Hände vors Gesicht pressend, daran runterrutschen liess. Mit einem Mal drang die verdängte Situation von eben schlagartig wieder in mein Bewusstsein, ich begann am ganzen Körper zu zittern und versuchte verzweifelt, nicht einfach loszuheulen.
Wieder spielte sich die Szene von eben vor meinem inneren Auge ab. Sofort schwenkten meine Gedanken zu Kenny ab. Ob es ihm wohl gerade genauso scheisse ging wie mir? Reflexartig holte ich mein Handy aus der Jackentasche und war schon fast dabei, ihn anzurufen, liess das Telefon dann jedoch wieder sinken und neben mir auf den Boden fallen. Was würde es jetzt noch bringen? Immerhin hatte Mika eben sowieso schon alles zerstört – und ich hatte keine Zweifel daran, dass er seine – wenn auch nicht ausgesprochenen – Drohungen durchaus wahr machen würde… Ich versuchte, mir einzureden, dass es die Wahrheit gewesen war, als ich gesagt hatte, dass mir die ganze Sache mit Kenny nichts bedeutet hatte. Dass mein Herz eine andere Geschichte erzählte, versuchte ich konsequent zu ignorieren.
Irgendwann, ich wusste nicht, wie lange ich so dagesessen hatte, schaffte ich es, mich aufzurappeln und mich zumindest bis ins Wohnzimmer zu schleppen. Mit einem Mal war mir schrecklich kalt, und alles schien zu drehen. Ich wickelte mich in eine Wolldecke und liess mich aufs Sofa sinken, wo ich meine Augen schloss und in eine Art Dämmerzustand verfiel.
Irgendwann fühlte ich, wie mich etwas anstupste und öffnete meine Augen, was mir ungewohnt schwer fiel. Langsam wurde das verschwommene Bild vor meinen Augen klarer, und ich sah direkt in das belustigte Gesicht meines Mitbewohners. Ich grummelte nur irgendwas, was Villis Grinsen noch etwas breiter werden liess.
„Naa, hast dus nicht mehr bis ins Bett geschafft?“, fragte er, doch gleich darauf schlich sich ein Hauch von Besorgnis in sein Gesicht.
„Hast du geheult?“, wollte er wissen und sah mich prüfend an.
„Quatsch!“, murmelte ich nur und zuckte erschrocken zusammen, als er seine eiskalte Hand auf meine Stirn klatschte und gleich darauf die Stirn runzelte.
„Du hast Fieber!“, stellte er fachmännisch fest, und ich verkroch mich noch ein Stück tiefer unter der Decke.
„Ach was, ich bin nur mü…“, begann ich, wurde dann jedoch von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt, welcher mich beinahe vom Sofa warf, hätte Villi nicht nicht rechtzeitig reagiert und mich gerade noch festgehalten.
„Nur müde.“, meinte er und sah mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an, „Ich glaube eher, das ist ne fette Grippe im Anzug.“
Wieder murmelte ich nur irgendwas, das ich selber nicht verstand, und schloss meine Augen. Doch gleich darauf wurde ich von ihm leicht geschüttelt.
„OK, ich versteh ja dass du pennen willst, aber ist wohl doch besser wenn du das in deinem Bett machst.“, hörte ich ihn sagen, doch ich kniff meine Augen nur noch etwas fester zusammen.
„Ich kann mich nicht mehr bewegen.“, murmelte ich nur und zog mir die Decke über den Kopf. Villi seufzte genervt auf und packte mich an den Schultern.
„Los jetzt.“, meinte er energisch, und tatsächlich schaffte ich es mit seiner Hilfe, mich aufzurichten. Kurz darauf machten wir uns auch schon auf den Weg in mein Zimmer, wobei er mich jedoch mehr schleppte als dass ich selber ging. Im Zimmer angekommen, liess ich mich sofort auf mein Bett fallen.
„Ausziehen musst du dich dann allerdings schon selber.“, hörte ich Villi sagen. Ich grummelte wieder nur irgendwas und streifte mir die Schuhe von den Füssen.
„Nja, ich bin dann mal wieder weg… Wenn was ist, schrei einfach, OK?“, meinte Villi, und ich nickte nur leicht. Gleich darauf fiel die Tür hinter ihm ins Schloss, und ich fühlte mich wie ein neunzigjähriger Opa, als ich mich vorsichtig aufrichtete, um mich von meinen restlichen Klamotten zu befreien. Gleich darauf krabbelte ich unter meine Bettdecke, rollte mich zusammen und versuchte zu schlafen. Doch trotz aller Müdigkeit schaffte ich es aufgrund der Gedanken, die noch immer in meinem Kopf Achterbahn fuhren, erst nach einigen Stunden endlich einzuschlafen.
Kenneths Sicht:
Ich merkte, wie meine Schritte immer kleiner wurden, je näher ich der Schanze kam. Die Nacht zuvor hatte ich kaum ein Auge zugekriegt und fühlte mich nun dementsprechend schlapp. Vor der Schanze sah ich bereits einige meiner Teamkollegen stehen, wobei mein Herz wild zu klopfen begann. Doch als ich bei ihnen angekommen war, stellte ich fest, dass Tom noch nicht da war – und wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht. Immer wieder schaute ich mich unsicher um, ob er vielleicht gerade um die Ecke kam, doch Fehlanzeige. Langsam beschlich mich ein ungutes Gefühl, als Mika auftauchte und uns die Tür aufschloss. Während wir hinter ihm her in Richtung Umkleidekabinen trotteten, fing ich langsam an, mir Sorgen zu machen wo Tom abblieb. Doch ich traute mich nicht, nach allem, was gestern passiert war, Mika danach zu fragen.
Auch als wir uns umgezogen hatten und uns auf den Weg auf die Schanze machten, war Tom noch nicht aufgetaucht, und ich begann unruhig von einem Bein aufs andere zu treten.
„Wo ist eigentlich Tom?“, hörte ich Johan mit einem Mal fragen, scheinbar war ich also nicht der einzige, der sich darum Gedanken gemacht hatte.
„Krank.“, kam es nur knapp von Mika, wobei er in meine Richtung schielte, woraufhin ich meinen Blick zu Boden senkte und anfing, auf meiner Lippe rumzukauen. Gestern hatte er doch eigentlich noch ganz gesund gewirkt, ob ihm wohl die ganze Sache, die passiert war, auf den Magen geschlagen hatte? Andererseits hatte er ja selber gesagt, dass ihm das Ganze nichts bedeutet hatte… In meinem Bauch bildete sich ein Kloss, der mich auch während des Trainings immer wieder an seine Worte erinnerte.
Meine Sprünge verliefen dementsprechend schlecht, doch erstaunlicherweise schien Mika gar nicht sonderlich unglücklich darüber zu sein.
„Du trainierst ab sofort wieder mit dem COC-Team.“, meinte er zu mir, und erst jetzt wurde mir klar, dass er die ganze Sache vermutlich geplant hatte, damit Tom und ich uns nur noch so wenig wie möglich über den Weg liefen. Ich ballte meine Faust, während sich Wut und Enttäuschung in mir breit machten. Ohne irgendwas dazu zu sagen, drehte ich mich um, schulterte meine Skier und stieg die Treppe hinunter.
„Ey, Kenny, warte mal!“, hörte ich Bardal hinter mir rufen, als ich schon fast unten an der Treppe angekommen war. Ich reagierte jedoch nicht darauf, bis ich seine Hand auf meiner Schulter spürte und ich mich ruckartig umdrehte, wobei er gerade noch so seinen Kopf einziehen konnte, um nicht von meinen Skis erschlagen zu werden.
„Vorsicht!“, grinste er, wurde jedoch gleich wieder ernst und zog mich ein wenig von der Tür weg ins Abseits.
„Was ist denn los mit dir; gabs Ärger mit Tom?“, wollte er schliesslich wissen, woraufhin ich meinen Blick auf den Boden richtete und mit meinem Springschuh im Schnee rumscharrte. Anders drückte mein Schulter ein wenig.
„Nun komm schon, was ist los?“, fragte er.
„Ich…“, begann ich zögernd und noch immer ohne aufzublicken, „Mika hat uns erwischt.“ Sofort hatte ich wieder die Bilder des Vortages vor Augen.
„Oh nein, wie konnte das denn passieren?“, fragte Anders mit dem Anflug eines Schmunzelns, wurde dann jedoch wieder ernst.
„Naja, eigentlich wars dieselbe Situation wie damals, als du es mitgekriegt hast…“, murmelte ich, „Wir waren in der Garderobe am… rummachen und er ist reingekommen… Wollte wohl nachschauen ob noch irgendjemand drinn ist, bevor er unten abschliesst…“ Bardal nickte nur.
„Und er hat es nicht gut aufgenommen, nehme ich an?“
„Nein. Er hat uns… gezwungen, das Ganze zu beenden, weil es nur unsere Karrieren kaputt machen würde, und überhaupt, es würde uns ja sowieso nichts bedeuten und wäre nur eine Spielerei…“ Ich fühlte Tränen aufsteigen und biss die Zähne zusammen, um sie zurückzuhalten.
„Ist das denn so?“, wollte Bardal wissen und musterte mich prüfend an. Ich überlegte einen Moment, zuckte dann aber hilflos mit den Schultern und konnte nun die aufsteigenden Tränen nun kaum noch zurüchalten.
„Hey… Komm her!“ Bardal trat einen Schritt auf mich zu und zog mich in seine Arme, was ich einfach geschehen liess und meinen Kopf gegen seine Schulter sinken.
Doch schon nach kurzem befreite ich mich wieder aus seinen Armen und wischte mit die Tränen weg.
„Wenn Mika das sieht…“, murmelte ich nur, schenkte Bardal dann aber einen dankbaren Blick.
„Hey, lasst euch von Mika nicht kaputt machen! Es ist euer Leben, OK?“
„Und was wenn er recht hat? Wenn es unsere Karriere kaputt macht, weil irgendjemand es rausfindet und schliesslich die ganze Welt davon erfährt? Und ausserdem hat Tom ja gesagt, dass es ihm nichts bedeutet hat.“, schrie ich schon fast, woraufhin Bardal abwehrend die Hände hob und einen Schritt zurücktrat.
„Hey, ganz ruhig, Kenny!“, meinte er beschwichtigend, „Wie gesagt, es ist dein Leben und deine Entscheidung, und wenn du denkst, dass Mika recht hat und es so okay für dich ist, dann ist es ja gut… Allerdings denke ich nicht, dass Tom es ernst gemeint hat, als er sagte, dass es ihm nichts bedeutet.“ Und mit diesen Worten zwinkerte er mir kurz zu, drehte sich um und verschwand in Richtung Umkleidekabinen.
Toms Sicht:
Am nächsten Morgen – oder eher Mittag, denn es war bereits nach 13.00 Uhr, als ich aufwachte, fühlte ich mich noch immer nicht viel besser als am Vorabend. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er gleich platzen, mein Hals brannte wie Feuer, und ich hatte das Gefühl als würde ich jeden Moment erfrieren. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, aufzustehen und mir eine Wärmeflasche und nen Tee zu machen, doch als sich alles anfing zu drehen, als ich versuchte, mich aufzurichten, verwarf ich diese Idee sogleich wieder und kroch stattdessen etwas tiefer unter die Decke. Natürlich wurde mir dadurch nicht wirklich wärmer als vorher, aber sicher war sicher… Ich schloss meine Augen und versuchte noch einmal einzuschlafen. Doch sobald ich meine Augen schloss, hatte ich Kenny vor Augen, und die verdrängten Erinnerungen an den Vorabend drängten sich langsam wieder in mein Bewusstsein, was ich jedoch sofort zu verhindern versuchte.
Trotz Schwindel und Schmerzen beschloss ich nun doch, mich auf den Weg in die Küche zu machen. Vorsichtig setzte ich mich auf den Bettrand, wobei meine Knie schon heftig zitterten, und stand langsam auf. Alles drehte sich, als ich schliesslich stand, und langsam wankte ich in Richtung Tür, klammerte mich an der Falle fest und öffnete diese, um gleich darauf auf den Flur hinaus zu torkeln. Ich versuchte mich irgendwie an der Wand festzuhalten, was gerade so funktionierte, und tastete mich daran zur Küche. In dieser angekommen, stütze ich mich kurz am Tisch ab und schloss meine Augen, um tief durchzuatmen, bevor ich mich wieder aufrichtete und zum Waschbecken rüber ging. Mir war noch immer total kalt, obwohl mich diesen paar Meter zwischen Bett und Küche völlig ausser Atem gebracht hatten. Noch immer war mir total schwindlig, als ich nach dem Wasserkocher angelte und diesen anfing, mit Wasser zu füllen.
Villi betrat die Küche, und als ich kurz den Kopf in seine Richtung drehte, rutschte ich mit den Händen von der Küchenkombination ab und verlor das Gleichgewicht. Nur ein beherzter Schritt seinerseits verhinderte, dass ich nicht auf den Boden knallte, sondern stattdessen in seinen Armen landete.
„Mein Retter!“, versuchte ich heiser zu scherzen, doch Villi musterte mich nur vielsagend.
„Du siehst absolut scheisse aus!“, stellte er fest und verfrachtete mich vorsichtig auf den nächstbesten Stuhl. Daraufhin schaltete der den Wasserhahn aus und schüttete etwas Wasser des mittlerweile überlaufenden Wasserkochers ab, bevor er diesen auf die Station stellte und einschaltete. Ich hatte mittlerweile meine Arme um mich geschlungen und sah ihm mit klappernden Zähnen zu.
„Ohje, dich hats ja richtig erwischt…“, meinte Villi und flitzte aus der Küche.
Kurz darauf kam er mit einer Wärmeflasche zurück und füllte diese mit dem mittlerweile kochenden Wasser aus dem Wasserkocher, woraufhin er sie mir in die Hand drückte.
„Wolltest du noch Tee oder so?“, fragte er daraufhin. Mein Hals protestierte schon, als ich nur den Mund öffnete, und so beliess ich es bei einem Nicken und schloss gleich darauf kurz die Augen, um den Schwindel zu vertreiben. Ich hörte Villi herumklappern.
„So, und nun mal zurück ins Bett mit dir!“, meinte er schliesslich, und ich öffnete schwerfällig die Augen. In der einen Hand meinen Tee haltend, packte mich Villi mit der anderen am Oberarm, und ich stand vorsichtig auf. Langsam torkelten wir zu meinem Zimmer zurück, wobei er immer direkt hinter mir her ging, um mich notfalls auffangen zu können, falls ich das Gleichgewicht verlieren sollte.
Doch wir erreichten mein Zimmer ohne Zwischenfall (von einigen Teeflecken auf dem Flurteppich mal abgesehen), und ich liess mich sofort darauf sinken und verkroch mich, die Wärmeflasche fest an mich gepresst, wieder unter die Decke. Villi stellte meine Tasse auf dem Nachttisch ab.
„Und das nächste Mal schreist du, wenn du irgendwas brauchst.“, meinte er, was ich nur mit einem Grummeln kommentierte. Ich hörte seine Schritte und gleich darauf, wie meine Zimmertür quietschend zugezogen wurde. Ich zog mir die Decke unter den Kopf und schob die Wärmeflasche unter mein T-Shirt, um möglichst viel der Wärme abzubekommen. Trotzdem fror ich noch immer an den Stellen, an denen sie nicht auflag.
‚Wenn jetzt irgendjemand hier wäre, der mich noch zusätzlich wärmen könnte…‘, schoss es mir durch den Kopf, und natürlich hatte ich dabei sogleich jemanden bestimmtes vor Augen.
‚Nicht daran denken!‘, befahl ich mir und versuchte, mich beinahe um die Wärmeflasche zu wickeln, was jedoch nicht so richtig funktionieren wollte. Seufzend zog ich mir die Decke vom Kopf und griff kurz nach meiner Teetasse. Beim ersten Schluck verbrannte ich mir erstmal die Zunge, und das Schlucken gestaltete sich als ziemlich schmerzhaft, doch zumindest zeigte die Wärme des Getränks seine Wirkung und ein klein wenig wärme bereitete sich in meinem Körper aus. So schüttete ich auch den Rest in mich hinein und verkroch mich dann wieder unter die Decke. Wieder kuschelte ich mich an die Wärmeflasche und in mir wuchs der Wunsch, dass mich ein menschlicher Körper zusätzlich wärmen würde. Und dieses Mal liess ich den Gedanken zu – etwas Träumen würde ja wohl noch erlaubt sein… Und so schloss ich meine Augen und schlummerte langsam ein, während ich mir vorstellte, dass Kenny hinter mir lag, sich an mich gekuschelt hatte und mir immer mal wieder sanft über den Bauch strich.
Kenneths Sicht:
Ich blieb noch einige Augenblicke stehen und dachte über Bardals Worte nach, während dieser schon längst im inneren des Gebäudes verschwunden war. Ob er recht hatte? Hatte Tom wirklich nur gesagt, dass es ihm nichts bedeutet hatte, weil Mika ihn quasi dazu gezwungen hatte? Immerhin hatte ich dasselbe gesagt, auch aus diesem Grund. Und so schnell wie Tom danach verschwunden war… Klar, vielleicht war ihm die Situation einfach nur peinlich, aber dass er mich dabei nicht einmal mehr angesehen hatte, fand ich doch irgendwie seltsam. Aber wieso hatte er sich dann nicht mehr bei mir gemeldet? OK, klar, Mikas Worte waren ziemlich hart gewesen, aber von sowas hatte sich Tom bisher nie beeindrucken lassen…Und dass er wirklich krank war, und dazu noch so todkrank, dass er nicht einmal mehr eine SMS getippt bekam, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen…
Ich seufzte und trottete langsam in Richtung Umkleidekabinen. Als ich diese erreichte, waren die meisten meiner Teamkollegen bereits gegangen. Schnell zog ich mich um, packte meinen Kram und verliess das Gebäude. Eigentlich hatte Mika mir wieder angeboten, mich mitzunehmen, doch diesmal hatte ich diesen Vorschlag abgelehnt. Ich brauchte dringend noch ein wenig frische Luft, und so lief ich langsam die Strasse hinunter. Immerhin hatte ich schon am Vortag den ganzen Abend in meinem Zimmer gesessen, während das Geschehene durch meinen Kopf gespukt war. Zumal es mich überhaupt nicht reizte, nun alleine zu Hause rumzusitzen, jedoch auch keinen Bedarf hatte, irgendwen einzuladen – wen auch? Der einzige Mensch, den ich im Moment gerne gesehen hätte, war… Schnell schüttelte ich meinen Kopf, um gar nicht an ihn zu denken. So irrte ich weiterhin ziellos durch Lillehammer.
Ich wusste nicht genau, wie das passieren konnte, doch nach einiger Zeit – oder auch Stunden, denn ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren – fand ich mich plötzlich vor Toms Wohnblock wieder. Für einen Moment blieb ich davor stehen, und plötzlich wurde ich unheimlich wütend. Dieser verdammte Feigling! Selbst wenn das ganze nur Spass oder was auch immer für ihn war, hätte er sich doch trotzdem bei mir melden können, mir das wenigstens sagen können und sich nicht heute einfach mit irgend einer dummen Ausrede vor dem Training drücken müssen. Ohne dass ich es kontrollieren konnte, trugen mich meine Beine zum Hauseingang, die Treppe hoch in den dritten Stock, wo ich mich vor Toms Wohnungstür wiederfand und bereits meine Hand ausgestreckt hatte, um zu klingeln. Doch sogleich verliess mich der Mut auch schon wieder. Was, wenn er mir nun sagen würde, dass es wirklich nichts für ihn war? Würde ich das verkraften?
Ich wollte mich gerade wieder umdrehen, als plötzlich die Wohnungstür geöffnet wurde und mit einem Mal Villi vor mir stand. Wir sahen uns beide für einen Moment perplex an, bevor Villi zu grinsen begann.
„Hey! Wolltest du zu uns?“, fragte er und sah mich an, während ich auf den Boden starrte und auf meiner Lippe herumkaute.
„Ich… also… ähm… eigentlich… schon.“, stammelte ich hilflos vor mich hin, was Villi nur noch breiter grinsen liess, „Ich wollte eigentlich… zu Tom.“ Villi nickte nur, wieder ernst geworden, und für einen Moment kam mir der Gedanke, ob Tom ihm vielleicht von der ganzen Sache erzählt hatte.
„Der liegt im Bett, es geht ihm ziemlich mies. Eben hat er noch geschlafen, aber ich denke, du kannst ruhig zu ihm.“, meinte er dann und fing wieder an zu grinsen, „Ich glaube, eben hat er sogar mal deinen Namen gemurmelt im Schlaf, als ich nach ihm geguckt hab. Aber ich muss jetzt los, steck dich bloss nicht an!“
Ich sah ihn leicht schockiert an, während alles in mir zu kribbeln begann. Er hatte im Schlaf meinen Namen gesagt?
Und schon drängte sich Villi an mir vorbei und flitzte die Treppe hinunter, während ich noch kurz stehen blieb und dann zögernd die Wohnung betrat. Ich war schon öfters hier gewesen und näherte mich nun langsam Toms Zimmertür. In der Wohnung war es absolut still, die ganze Situation hatte irgendwie etwas unheimliches, und ich kam mir ein wenig vor wie ein Einbrecher, als ich vorsichtig Toms Tür aufschob. Zögerlich ging ich aufs Bett zu, auf welchem deutlich eine Person zu erkennen war, die sich vollständig unter der Decke verkrochen hatte. Vorsichtig setzte ich mich auf die Bettkante und musste leicht lächeln, als von Tom nur ein Büschel Haare zu erkennen waren, während alles andere unter der Bettdecke verborgen war. Vorsichtig zog ich die Decke etwas zurück, damit ich wenigstens sein Gesicht sehen konnte, sofern das durch das spärliche vom Flur ins Zimmer einfallende Licht möglich war. Tom war totenblass, sein Wangen jedoch knallrot, und das Atmen schien ihm schwer zu fallen.
Vorsichtig streckte ich meine Hand aus und strich ihm über die Stirn, welche regelrecht zu glühen schien, und legte sie daraufhin in seinen Nacken, um diesen leicht zu kraulen, was ihm ein leises Seufzen entlockte. Mittlerweile tat es mir Leid, ihm unterstellt zu haben, dass er nur hatte das Training schwänzen wollen, als ich nun sah wie schlecht es ihm wirklich ging. Ob es ihn wohl wirklich nur wegen der Sache mit Mika nun so schlecht ging?
Ich nahm eine leichte Bewegung war, und als ich Tom wieder ansah, bemerkte ich, dass er seine Augen geöffnet hatte.
„K…Kenny?“, kam es heiser über seine Lippen, was sogleich einen Hustenanfall auslöste. Ich nickte nur leicht und griff nach seiner Hand.
„Hey!“, meinte ich mit einem leichten lächeln und drückte seine Hand leicht. Er umklammerte meine daraufhin mit beiden Händen und zog sie an seine Brust. Ich befreite mich so gut es ging von meiner Jacke und liess mich zur Seite kippen, da es sonst etwas unbequem geworden wäre. Tom rutschte näher an mich heran, bis seine Stirn an meiner Brust anlehnte. Ich strich mit meiner anderen Hand leicht über seinen Rücken.
„Geh nicht weg, OK?“, hörte ich ihn fast flehend flüstern, während er sich noch etwas näher an mich ran kuschelte und mir sein ruhiger Atem kurz darauf verriet, dass er vermutlich wieder eingeschlafen war.
Kenneths Sicht:
Während sich Tom im Schlaf noch etwas näher an mich ran kuschelte, blieb ich mit offenen Augen liegen und starrte in die Dunkelheit. Ich hatte eigentlich nicht vor, einzuschlafen – was, wenn Villi nach Hause kommen würde und uns hier so aneinander gekuschelt vorfinden würde… So wie ich ihn kannte würde er das bestimmt nicht für sich behalten können, und bald würde das gesamte Team davon wissen – und dadurch auch Mika… Der Gedanke an diesen liess mich leise seufzen. Vielleicht hatte Anders ja wirklich recht gehabt mit dem was er gesagt hatte… Toms Verhalten und dass er im Schlaf meinen Namen geflüstert hatte, sprach definitiv dafür, dass es ihm zumindest nicht gar nichts bedeutet hatte… Aber sollten wir es wirklich riskieren, unsere… Beziehung, oder als was auch immer man das bezeichnen wollte, heimlich weiterzuführen, auf die Gefahr hin dass es unsere Karrieren kaputt machen würde – oder besser gesagt dass wir damit seinen Zorn auf uns zogen…?
Überhaupt, was bedeutete mir das ganze überhaupt? Liebte ich Tom? Liebte er mich? Ich wusste zwar, dass ich noch nie solche Gefühle für einen anderen Menschen gespürt hatte, aber konnte man dabei schon von Liebe reden? Konnte es vielleicht sein, dass ich mich einfach in irgendwas verrannt hatte, weil ich einfach endlich eine Beziehung wollte? Aber wieso hatte ich dann ausgerechnet mit Tom sowas angefangen? Was, wenn er vielleicht sogar mehr für mich empfand als ich für ihn? Denn auch wenn er äusserlich immer nur der kleine dauerfröhliche Frechdachs war, wusste ich, dass er dennoch ziemlich sensibel war und sich manche Dinge sehr zu Herzen nahm, die ihn daraufhin noch lange beschäftigten… Wollte ich ihm wirklich so weh tun? Nein, ich musste dem ganzen ein Ende setzen; Mika hatte wohl doch Recht gehabt…
Und so löste ich meine Hand vorsichtig aus Toms Umklammerung, wenn möglich ohne ihn dabei aufzuwecken. Zwar grummelte Tom im Schlaf etwas, schien jedoch noch immer zu schlafen. Vorsichtig setzte ich mich auf den Bettrand, angelte nach meiner Jacke, stand auf und ging zur Tür. Dort angekommen, schaute ich noch einmal zurück. Toms Schlaf war unruhig geworden, er wälzte sich hin und her und grummelte vor sich hin. Der Anblick liess mich leicht Lächeln und gleichzeitig den Kopf schütteln. Nein, ich konnte ihm unmöglich noch mehr wehtun, ich musste es beenden. Besser jetzt, als wenn wir dort noch tiefer reingerutscht waren und er sich nur unnötige Hoffnungen machte… Schnell wendete ich meinen Blick ab, schloss die Zimmertür hinter mir und verliess fast fluchtartig die Wohnung.
Noch einmal irrte ich einige Zeit ziellos durch Lillehammer, bevor ich mich schliesslich auf den Heimweg machte. Mittlerweile war es schon ziemlich spät – oder eher früh, auch wenn ich mich noch nicht wirklich müde fühlte. Doch immerhin würde es noch eine Weile dauern, bis ich meine Wohnung erreichen würde… So stapfte ich fast zwei Stunden durch die Dunkelheit und Kälte, doch viel schien es nicht zu bringen, denn ich fühlte mich immer noch viel zu wach, um zu schlafen. Und da ich bereits in wenigen Stunden wieder hätte aufstehen müssen, beschloss ich, mich gar nicht mehr hinzulegen und setzte mich stattdessen im Wohnzimmer vor den Fernseher. Wahllos zappte ich durch die Programme, wanderte zwischendurch zu meinem Kühlschrank oder aufs Klo und schlug so irgendwie die Zeit tot.
Als ich mich schliesslich auf den Weg ins Training machte, machte sich mein fehlender Schlaf langsam bemerkbar. Jedoch hatte es den Vorteil, dass ich mich so sehr auf alles konzentrieren musste, was ich machte, – und war es auch nur geradeaus zu gehen – dass ich keine Gelegenheit mehr dazu hatte über die ganze Sache mit Tom nachzudenken. So brachte ich schliesslich auch irgendwie das Training hinter mich, wenn auch mit mässigem Erfolg. Mir fielen mit der Zeit immer öfters für kurze Zeit die Augen zu und ich gähnte im Minutentakt. Gelegentlich versuchten einige Teamkollegen, mich in Gespräche zu verwickeln, gaben es jedoch sogleich wieder auf, da ich es nicht hinkriegte, dem Gespräch zu folgen und irgendwelche Zusammenhänge zu begreifen. Mittlerweile wollte ich einfach nur noch schlafen, alles andere war mir egal.
So schlurfte ich nach dem Training nach Hause, meine Beine schienen mit jedem Schritt schwerer zu werden, und bei jeder Parkbank, an der ich vorbeikam, überlegte ich mir, ob ich mich nicht einfach auf dieser hinlegen und schlafen könnte. Doch irgendwie schaffte ich es nach Hause. Während mir schon fast die Augen zufielen, schälte ich mich noch kurz aus Jacke und Schuhen, bevor ich ins Wohnzimmer schlurfte, mich aufs Sofa fallen liess und fast augenblicklich einschlief.
Toms Sicht:
Ein Klirren und ein darauf folgendes Fluchen waren das erste, was am nächsten Morgen zu mir durchdrang. Grummelnd drehte ich mich noch einmal um und tastete reflexartig die Matratze neben mir ab, konnte jedoch nichts fühlen. Etwas verwirrt schlug ich meine Augen auf und blickte mich verwirrt im Zimmer um. Dunkel tauchte ein Bild von Kenny auf, welcher neben mir im Bett lag. Ob ich mir das nur eingebildet hatte? Fieberbedingte Halluzunationen? Zumindest momentan schien alles dafür zu sprechen… Kurz vergrub ich mein Gesicht im Kopfkissen, bevor ich mich vorsichtig an den Bettrand setzte. Noch immer fühlte ich mich schlapp, doch ansonsten schien es mir, von einem leichten Druck hinter der Stirn abgesehen, wieder gut zu gehen. Kurz packte mich ein Anflug von Schwindel, als ich aufstand, welcher jedoch genauso schnell wieder verschwand, als ich langsam zur Zimmertür tapste.
Ich trat auf den Flur hinaus, dabei herzhaft gähnend, und erreichte kurz darauf die Küchentür, in welcher ich stehen blieb und mit einer hochgezogenen Augenbraue Villi zusah, welcher, sein Hinterteil mir zugewandt, mit Schaufel und Besen bewaffnet auf dem Boden rumkroch. Noch immer fluchte er dabei leise vor sich hin und bemerkte mich erst, als er zufällig einmal in Richtung Küchentür schaute.
„Hey! Na, wieder unter den Lebenden?“, meinte er grinsend, während er sich erhob und sich den Staub von seiner Jeans klopfte.
„Mehr oder weniger.“, murmelte ich leise und betrat, vorsichtig auf den Boden achtend, nachdem ich auf der Schaufel die Einzelteile von Villis Lieblingstasse erkannt hatte, die Küche. Ich liess mich auf einen Stuhl fallen und zog die Beine an meinen Körper.
„Siehst jedenfalls schon um einiges besser aus als gestern.“, bemerkte er und nahm sich eine neue Tasse aus dem Schrank, „Auch nen Kaffee? Ach, übrigens, Kenny war gestern Abend noch hier, wollte eigentlich zu dir, keine Ahnung ob du was davon mitgekriegt hast.“ Ich zuckte leicht zusammen, als der Name fiel, und war froh, dass Villi gerade mit dem Rücken zu mir stand, sonst hätte es nun bestimmt einige unangenehme Fragen gegeben, worauf ich eigentlich nicht gerade scharf war.
„Hat er… gesagt, was er wollte?“ Mit einem Mal hörte sich meine Stimme wieder heiser an. Also war das ganze doch kein Traum gewesen?
„Nur, dass er zu dir wollte“, meinte Villi und stellte mir meinen Kaffee vor die Nase, welche ich sofort ergriff, „Übrigens hast du im Schlaf zuvor mal seinen Namen gemurmelt.“
Im Nu war mir die Tasse aus der Hand gerutscht, kippte um und ihr Inhalt verteilte sich auf dem Küchentisch und tropfte auf der anderen Seite auf den Boden. Villi gluckste.
„Wohl noch etwas schwach, Herr Hilde?“, grinste er, während er nach einem Lappen griff und die Überschwemmung zu stoppen versuchte.
„Scheint so.“, murmelte ich nur und stellte meine noch immer auf dem Tisch liegende Tasse wieder hin.
„Vielleicht sollten wir das mit dem Kaffee zukünftig besser lassen.“, meinte Villi immer noch kichernd, als er den Lappen auswusch, „Ab sofort gibts zum Frühstück nur noch Wasser, das gibt keine Sauerei – und am besten nur noch aus Plastikbechern.“
Ich nickte nur abwesend und starrte meine Tasse an.
„Soo, ich bin dann jedenfalls mal weg. Wir sehen uns heute Abend.“ In einem Zug leerte Villi seine Tasse, nahm seine Jacke von der Stuhllehne und verliess die Küche. Gleich darauf fiel die Wohungstür ins Schloss.
Ich starrte noch immer vor mich hin, während meine Gedanken um das kreisten, was mir Villi eben erzählt hatte. Was hatte Kenny hier gewollt? Und vor allem, wieso war er dann einfach wieder abgehauen? Ich musste unbedingt mit ihm reden! Mein Herz begann wie wild zu klopfen, als ich daran dachte, wie er letzte Nacht an mich gekuschelt hatte. Ob vielleicht doch noch ein Funke Hoffnung bestand für das, was zwischen uns war? Selbst wenn wir uns nur heimlich treffen konnten und noch vorsichtiger sein mussten als zuvor…
Kurzentschlossen stand ich auf und stellte meine Tasse in den Spültrog, um gleich darauf in mein Zimmer zu verschwinden und mit einem Stapel frischer Klamotten und Handtüchern wiederzukommen. Damit verbarrikadierte ich mich fast eine ganze Stunde im Bad und fühlte mich wie neu geboren, als ich daraufhin wieder rauskam. Kurz warf ich einen Blick auf die Uhr. Vermutlich würde ich kurz vor dem Trainingsende bei der Schanze ankommen – zum mittrainieren fühlte ich mich sowieso noch nicht fit genug. Und dagegen, dass ich zuschauen wollte, konnte Mika ja eigentlich nichts einwenden… Voller Vorfreude schlüpfte ich in meine Jacke, holte mein Handy und verliess dann fröhlich vor mich hin pfeifend die Wohnung.
Toms Sicht:
Je näher ich der Schanze kam, umso grösser wurde meine Vorfreude, und ich musste mich zwingen, nicht zu rennen. Ich würde mich anfangs einfach nur neben die Schanze setzen und abwarten, und mich nach dem Training dann irgendwie unauffällig mit Kenny absprechen und ihn treffen. Ich sehnte mich danach, ihn endlich wieder in meine Arme schliessen zu können und seine Lippen auf meinen zu spüren… Schon allein der Gedanke daran liess mich breit grinsen, und mein Herz begann ein wenig schneller zu schlagen. Ich war zuvor eigentlich noch nie verliebt gewesen, doch dieses Mal war ich mir sicher, dass ich es war…
Endlich hatte ich die Schanze erreicht, sah mich kurz um und schlich mich dann möglichst unauffällig neben die Schanze. Obwohl, eigentlich konnte es Mika und den anderen ja egal sein, wenn ich mich hier rumtrieb…
So sass ich also neben dem Auslauf der Schanze und wechselte ab und zu ein paar Worte mit meinen Teamkumpels, welche an mir vorbeigingen, doch irgendwann begann das ganze mir komisch vorzukommen. Mittlerweile waren bestimmt alle Springer an mir vorbeigekommen, einige sogar schon zwei Mal, doch Kenny war bisher nicht aufgetaucht. Etwas verwirrt blieb ich noch sitzen, doch tatsächlich tauchten nur immer wieder dieselben Jungs auf, aber kein Kenny. Ob er wohl krank war? Vielleicht hatte ich ihn ja angesteckt… Also beschloss ich, Bardal das nächste Mal danach zu fragen, wenn er an mir vorbeikam, und winkte ihn heran.
„Naa, wieder fit?“, wollte er wissen, und ich nickte nur schnell, um ihm gleich darauf meine Frage zu stellen.
„Weisst du wo Kenny ist? Ist er krank oder so?“, wollte ich wissen und rutschte dabei auf der Bank herum, auf der ich es mir bequem gemacht hatte.
„Ach, du hast das ja noch gar nicht mitgekriegt…“, meinte Bardal und zupfte an seiner Jacke herum, „Mika hat nach dem letzten Training beschlossen, dass er nun wieder mit den COC-Leuten trainieren soll, nicht mehr mit dem Weltcupteam. Vermutlich, damit ihr euch möglichst wenig begegnet.“ Ich schluckte hart, diese Worte waren wie ein Schlag in die Magengrube für mich.
„O…okay.“, stammelte ich und stand schnell von der Bank auf. Bardal sah mich leicht besorgt an.
„Habt ihr eigentlich schon miteinander geredet?“, wollte er dann wissen, woraufhin ich nur den Kopf schüttelte.
„Ich hab gar nicht mehr mit ihm geredet, seit uns Mika damals erwischt hat…“, nuschelte ich und starrte auf meine Füsse, „Er war letzte Nacht zwar bei mir als ich krank war, aber als ich aufgewacht bin war er schon wieder weg.“
„Er war bei dir?“, hakte Bardal noch einmal nach und grinste, als ich ihm das, woran ich mich noch erinnern konnte, erzählte.
„Dann besteht also doch noch Hoffnung.“, meinte er nur, „Vielleicht solltest du mal zu ihm nach Hause und dich mit ihm aussprechen; wie es scheint bedeutet euch das ganze doch mehr als ihr zugeben wollt…“ Ich nickte nur heftig und strahlte ihn an.
„OK, dann mach ich mich mal auf den Weg!“, meinte ich nur und grinste ihn noch einmal an, „Danke!“ Und mit diesen Worten drehte ich mich um und verliess genauso kribbelig die Schanze wie ich zuvor hergekommen war, wenn ich mich nicht sogar noch etwas mehr beeilte. Immerhin hatte ich dieses Mal nichts zu befürchten, keine Teamkollegen oder Trainer, vor denen wir uns verstecken mussten.
Wieder musste ich mich dazu zwingen, nicht loszurennen, dennoch ging ich ziemlich schnell, und die Strecke bis zu Kennys Haus kam mir endlos lang vor. Schliesslich war ich endlich angekommen, öffnete die Haustür, welche nur angelehnt war, und stieg beinahe hüpfend die Treppe hoch zu Kennys Wohnung. Vor der Tür atmete ich kurz tief durch, bevor ich auf die Klingel drückte. Drinnen war nach einigen Sekunden ein Poltern zu hören, und wieder einige Zeit später wurde schliesslich endlich die Tür geöffnet, und ein völlig verwuschelter und verpennter Kenny stand vor mir, offensichtlich nicht gerade begeistert über meinen Besuch. Dennoch hätte ich am liebsten losgequietscht und ihn geknuddelt, weil er einfach zu knuffig aussah.
„Hey!“, meinte ich begeistert, während mich Kenny nur weiterhin ernst anstarrte.
„Was willst du denn hier?“, kam es überraschend kühl über seine Lippen, woraufhin sich mein Magen kurz zusammenzog und ich ihn leicht irritiert ansah. „Ähm…“, begann ich, durch seine abweisende Reaktion etwas aus der Fassung gebracht, „Mit dir reden?“
„Und worüber?“, kam es immer noch im selben Tonfall zurück, was meine Zuversicht langsam schwinden liess.
„Naja, über das, was war… über uns…“, stammelte ich und fühlte mich immer unwohler in meiner Haut. Kenny atmete kurz tief durch und sah mich dann an.
„Tom, es gibt kein uns.“, begann er sachlich, und ich sah ihn leicht irritiert an, „Weisst du, ich glaube, Mika hatte recht. Wir sollten uns hier nicht in irgendwas verrennen, wenn keine Gefühle im Spiel sind. Mir ist meine Karriere zu wichtig, um sie für sowas aufs Spiel zu setzen. Und jetzt ist es wohl besser, wenn du gehst.“ Ich starrte ihn nur völlig schockiert an, war nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.
„Wir sehen uns beim Training.“, meinte Kenny nur und verschwand wieder in seiner Wohnung, vor deren Tür ich noch immer völlig perplex stehen blieb.
Kenneths Sicht:
Kaum war die Wohnungstür hinter mir zugefallen, liess ich mich dagegen sinken und schloss für einige Sekunden meine Augen, versuchte angestrengt, das Gemisch zwischen Wut auf mich selber und Trauer darüber, dass es nun wohl endgültig vorbei war, zu verdrängen. Ich hätte mich für das, was ich gerade getan hatte, am liebsten erschlagen, redete mir jedoch immer wieder ein, dass es das Richtige gewesen war, vor allem für Tom. Das mein Herz hingegen schrie, dass ich die Tür wieder aufreissen, Tom um Verzeihung beten und mich in seine Arme werfen solle, ignorierte ich soweit möglich. Für einen Moment blieb ich noch an der Tür stehen und lauschte angestrengt, ob noch irgendwas von Tom zu hören war, was jedoch – leider? – nicht der Fall war.
Irgendwann ging ich zurück ins Wohnzimmer, wo ich mich aufs Sofa setzte und erstmal einfach gar nichts tat, ausser jegliche Gedanken in Richtung Tom und dem, was zwischen uns gewesen war, zu verdrängen. Doch ich befürchtete, dass dies nicht den ganzen Abend funktionieren würde; ich musste irgendwas unternehmen. Und so erhob ich mich irgendwann vom Sofa und stapfte in mein Zimmer. Für längere Zeit stand ich unschlüssig vor meinem Kleiderschrank, bevor ich schliesslich einfach irgendwas nahm und mich umzog. Kurz verschwand ich im Bad, und gleich darauf schnappte ich mir auch schon Handy und Geld und verliess meine Wohnung.
Die kalte Nachtluft schlug mir entgegen, und ich ging zügig vorwärts, wenn auch ohne wirkliches Ziel. Schliesslich zog es mich in den erstbesten, nicht allzu schlimm wirkenden Nachtclub, wo ich es mir irgendwo mit einem Bier bequem machte und mich nach einem geeigneten… Ablenkungsobjekt umsah. Doch irgendwie liess sich nichts passendes finden, und erst da fiel mir auf, dass ich im Grunde genommen eine Kopie von Tom suchte, welche jedoch natürlich nicht zu finden war… Und natürlich ärgerte ich mich bei dieser Feststellung wieder mal über mich selber. Ich musste diese ganze Sache endlich hinter mir lassen… Zum Glück schien das Schicksal derselben Meinung zu sein, denn im selben Moment tippte mir jemand auf die Schulter.
Überrascht fuhr ich herum und sah direkt in das strahlende Gesicht eines dunkelhaarigen Mädchens, welches ungefähr in meinem Alter sein musste. Mein Kopf sagte mir, dass sie theoretisch genau in mein Beuteschema passte – oder es zumindest vor Tom getan hatte –, doch mein Körper zeigte keinerlei Interesse. Kein Kribbeln im Bauch, kein Herzklopfen, gar nichts. Und das, obwohl die Kleine wirklich sehr hübsch war…
„Hey!“, meinte sie lächelnd und liess sich auf den freien Stuhl neben mir sinken.
„Hey!“, antwortete ich und versuchte, zumindest ein wenig interessiert zu wirken. Wenn ich meine Augen etwas zusammenkniff, hatte sie sogar ein wenig Ähnlichkeit mit Tom – und einige weitere Biere, nachdem mein erstes geleert war, halfen mir, diese Ansicht zu verstärken.
Irgendwann fand ich mich in eine heftige Knutscherei verwickelt halb auf ihren Oberschenkeln sitzend wieder und stellte zufrieden fest, dass zumindest mein Körper nun auf sie reagierte, auch wenn mein Kopf sich noch immer nicht eingestehen wollte dass ich sie toll fand. Aber darüber konnte ich ja auch später noch nachdenken – denn in dem Moment war mein Gehirn sowieso zu vernebelt als dass ich mich noch auf etwas anderes als die Knutscherei hätte konzentrieren können… Meine Hände begaben sich auf Wanderschaft, erkundeten ihren Körper – und mit einem Mal wurde ich plötzlich von ihr weggerissen. Ärgerlich fuhr ich herum und wollte protestieren, wobei ich in Bardals Gesicht sah, welches eine Mischung aus Wut, Enttäuschung und Verständnislosigkeit widerspiegelte.
Ohne dass ich mich wirklich dagegen wehrte liess ich mich von ihm quer durch das Lokal und hinaus auf den Gehsteig zerren, wo mich die Kälte erstmal zusammenzucken liess. Etwas unsanft stiess mich Bardal mit dem Rücken gegen die Wand, wo ich erstmal mit gesenktem Blick stehen blieb. Es war, als wäre ich durch die frische Luft schlagartig nüchtern geworden, und ein regelrechtes Gefühlschaos brach in mir los.
„Sag mal, hast du jetzt nen Vollknall? Ich dachte, du hättest mit Tom geredet, und nun knutschst du hier mit irgend so ner Tussi rum?!“, schimpfte Bardal los, wobei ich bei jedem Wort aufs neue zusammenzuckte und mir langsam Tränen in die Augen stiegen. Mein gefasster Entschluss begann langsam zu bröckeln, und in dem Moment wünschte ich mich gerade nirgendwo anders hin als in Toms Arme… Ohne dass ich es verhindern konnte schniefte ich los, und mir liefen Tränen über die Wangen.
„Hey…“, hörte ich Bardal murmeln und fühlte, wie er seinen Arm um mich legte, „Jetzt erzähl mir erstmal, was du hier machst und was überhaupt passiert ist.“ Ich nickte nur und versuchte ihm, in Kurzfassung meine Gedankengänge und gefassten Entschlüsse zu erklären, wobei mich Bardal ab und zu ansah, als ob ich nicht ganz dicht wäre oder den Kopf schüttelte. Schliesslich hatte ich ihm alles erzählt und erklärt und stand noch immer tränenüberströmt neben ihm. Ein leichtes Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er mich kurz an sich drückte.
„Du bist ein echter Chaot, weisst du das?“, meinte er grinsend, woraufhin ich ebenfalls leicht lächeln musste und nickte.
„So, und nun fahr ich dich erstmal nach Hause. Und morgen gehst du zu Tom und erklärst ihm das, OK?“
„OK.“, murmelte ich nur, während wir uns langsam auf den Weg zu seinem Auto machten.
Toms Sicht:
Für einen Moment blieb ich noch stehen und starrte die geschlossene Tür an. Erst als das Licht im Hausflur ausging, schien ich aus meiner Starre zu erwachen und drehte mich wie mechanisch um, um im Dunkeln die Treppe hinunter zu steigen und das Haus zu verlassen. Irgendwie drang das Geschehene gerade gar nicht richtig zu mir durch, und ich stapfte durch die Strassen Lillehammers, bis ich mich mit einem Mal vor meinem Wohnblock wiederfand. Erst dort erwachte ich halbwegs aus meiner Trance, versuchte das ganze jedoch noch so gut wie möglich in den Hintergrund zu drängen, während ich die Treppe hochstieg. Erst als ich versuchte, die Tür aufzuschliessen, bemerkte ich, wie stark ich eigentlich zitterte, sodass es eine Weile dauerte, bis ich endlich das Schlüsselloch traf. Ich ging hinein, liess die Tür hinter mir zufallen und stapfte ins Wohnzimmer, wo ich mich aufs Sofa warf, während Kennys Worte in meinem Kopf herum schwirrten.
Ich war so in meinen Gedanken gefangen, dass ich gar nicht bemerkte, dass Villi nach Hause gekommen war und nun, mich dabei irritiert und besorgt anschauend, vor dem Sofa stand. Irgendwann stupste er mich leicht an der Schulter an, was mich heftig zusammenzucken liess. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich noch immer Jacke, Mütze und Schuhe anhatte. Ich setzte mich hin und begann, mit noch immer zitternden Fingern den Reissverschluss meiner Jacke zu öffnen. Noch immer stand Villi vor mir und beobachtete mich.
„Mit dir stimmt doch irgendwas nicht…“, meinte er und zog eine Augenbraue hoch. Ich zuckte nur mit den Schultern und beugte mich dann vor, um meine Schuhe zu öffnen. Villi liess sich neben mich sinken und sah mir aufmerksam zu.
„So, und nun erzählst du mir was los ist, Hilde.“, meinte er schliesslich in einem Tonfall, der keine Widerrede zuliess. Doch ich reagierte nicht darauf, zog mir die Mütze vom Kopf und machte mich dann wieder auf den Weg in den Flur, um meinen Kram zu verstauen. Villi folgte mir und blieb mit verschränkten Armen im Türrahmen stehen.
„Nun sag schon!“, drängte er, doch ich quetschte mich nur, ein „Nein“ murmelnd, an ihm vorbei und verzog mich in mein Zimmer. Ich warf mich auf mein Bett und vergrub mein Gesicht in einem meiner Kopfkissen, zuckte jedoch dann leicht zusammen, als ich mir zumindest einbildetet, dass dieses ganz leicht nach Kenny roch. Ohne dass ich irgendwas dagegen tun konnte, liefen mir nun Tränen übers Gesicht und ich drückte mein Gesicht wieder ins Kissen, während ich versuchte mich wieder unter Kontrolle zu bekommen.
Denn wie erwartet wurde kurz darauf auch schon meine Zimmertür aufgerissen und Villi polterte ins Zimmer.
„Ohje…“, hörte ich ihn murmeln und fühlte kurz darauf, wie sich die Matratze neben mir leicht senkte. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte er mich noch nie weinen gesehen, und überhaupt – wann hatte ich eigentlich das letzte Mal geweint? Das musste Jahre her sein… Und damals bestimmt nicht wegen… sowas… Allerdings hatte mir bisher auch noch nie irgend eine Beziehung, oder wie man das, was ich zuvor mit einigen Mädels gehabt hatte, auch immer bezeichnen wollte, so viel – oder überhaupt etwas – bedeutet… Er war wohl sowas wie meine erste grosse Liebe, auch wenn ich diesen Gedanken nun so schnell wie möglich wieder aus meinem Kopf verdrängen wollte… Es machte ja nun sowieso keinen Sinn mehr…
Ich fühlte Villis Hand auf meinem Rücken, welche zögerlich auf und ab strich.
„Komm schon, was ist passiert?…“, hörte ich ihn fragen, und nun klang seine Stimme wirklich besorgt. Wieder schüttelte ich nur den Kopf, ohne aufzublicken. Ich wusste ja nicht, wie Villi reagieren würde… Und überhaupt, was sollte ich ihm überhaupt sagen? „Ach weisst du, ich bin schwul und hatte was mit Gangnes, und nun hat er Schluss gemacht, deshalb heul ich mir hier gerade die Augen aus dem Kopf…“ Ganz toll! Zumal ich ja eigentlich gar nicht schwul war, sondern einfach nur Kenny toll fand, als Menschen und überhaupt… Aber egal, Villi würde es sowieso nicht verstehen…
Also reagierte ich nicht auf seine Frage, sondern blieb einfach nur liegen. Und auch er hakte nicht mehr weiter nach, sondern streichelte weiterhin über meinen Rücken, was irgendwie etwas beruhigend auf mich wirkte. Nach einiger Zeit versiegten meine Tränen endlich, ich setzte mich – von Villi abgewandt – hin und fuhr mir erstmal durchs Gesicht.
„Ich… es ist wirklich alles OK.“, fing ich an, wobei meine Stimme von der Heulerei noch etwas heiser klang, „Ich war grad einfach irgendwie etwas fertig, keine Ahnung wieso.“
„Okay…“, meinte Villi, wobei er nicht unbedingt klang, als ob er mir glauben würde. Schliesslich stand er auf und blieb vor meinem Bett stehen.
„Na ja, jedenfalls – wie wärs mit nem DVD-Abend oder so?“, wollte er wissen und grinste mich an. Dies liess mich nun ebenfalls wieder lächeln – er hatte sofort erkannt, dass etwas Ablenkung wohl nicht schlecht wäre.
„OK!“, meinte ich also. Villi strahlte mich an und verschwand dann mit einem „OK, ich bin dann mal Popcorn machen…“ aus meinem Zimmer.
Kenneths Sicht:
Ich sitze schweigend auf dem Beifahrersitz, während Bardal durch die Strassen Lillehammers kurvte. Zum Glück hatte er den Radio eingeschaltet, sodass die Tatsache, dass wir uns anschwiegen, nicht allzu bedrückend wirkte. Mittlerweile hatte ich mich wieder halbwegs gefasst und versuchte, das eben passierte zu analysieren. OK, es war also definitiv so, dass meine Gefühle für Tom stärker waren als ich mir gedacht hatte – oder als ich mir einreden wollte, dass sie sind. Aber wenn mich das ganze jetzt schon so fertig machte, wie würde es dann erst werden, falls das ganze mal zerbrechen würde? Würde ich das verkraften? Irgendwie musste ich das ganze beenden, aber nicht einfach so… Ich musste irgendwie damit abschliessen können, dann würde sicher auch Tom besser damit klarkommen… Und dann kam mir eine Idee.
„Kannst du mich auch direkt zu Tom fahren?“, wandte ich mich schliesslich an Bardal.
„Klar…“, kam es überrascht von ihm, und mit einem leicht misstrauischen Blick schaute er mich an, doch ich setzte nur mein Pokerface auf und schaute weiterhin aus dem Fenster.
„Du planst was.“, hörte ich Bardal murmeln, doch ich reagierte nicht darauf. Je näher wir Toms Wohnblock kamen, umso unruhiger wurde ich und begann auf dem Sitz herumzurutschen. Schliesslich setzte Bardal den Blinker und fuhr auf den Parkplatz.
„Danke.“, murmelte ich und löste meinen Sicherheitsgurt.
„Kein Thema.“, meinte Bardal, „Aber versaus diesmal nicht wieder! Ich will euch beide endlich mal wieder lachen sehen!“ Ich erstarrte für einen Moment, bevor ich die Tür öffnete.
„Geht klar.“, murmelte ich und rutschte schnell aus dem Wagen, da ich wusste, dass das wohl gerade nicht besonders überzeugend rübergekommen war…
Zielstrebig stapfte ich auf den Hauseingang zu und ging die Treppe hoch. Vor Toms Wohnungstür blieb ich einen Moment lang zögernd stehen, bevor ich schliesslich die Hand ausstreckte und klingelte. Nur kurze Zeit später wurde die Tür geöffnet und Villi stand vor mir, der mich etwas verwundert musterte und dann kurz einen Blick auf seine Uhr warf. Ich sah ihn nur kurz entschuldigend an.
„Ähm… ist Tom da?“, wollte ich dann wissen, woraufhin Villi nickte und mich reinwinkte.
„Wir gucken gerade DVDs, komm ruhig rein.“, meinte er, und ich trat in den Flur hinein. Kurz schlüpfte ich aus Schuhen und Jacke und folgte ihm dann leicht zögerlich. In der Wohnzimmertür angekommen, musste ich bei dem Anblick, der sich mir bot, erstmal grinsen. Tom sass mit angezogenen Beinen auf dem Sofa, hatte sich in eine Decke gewickelt und hielt eine Schüssel mit Popcorn umklammert. Dabei starrte er auf den Fernsehbildschirm und schien davon völlig gefesselt zu sein. Wie mechanisch steckte er sich immer mal wieder ein Popcorn in den Mund, ohne seinen Blick vom Fernseher zu lösen.
Villi liess sich neben ihn fallen und stupste ihn leicht an, woraufhin Tom widerwillig zu ihm sah.
„Besuch für dich!“, meinte Villi nur und nickte zur Tür, in der ich stehen geblieben war. Tom sah kurz zu mir, und für einen Moment erstarrte sein Gesicht, als er mich im Türrahmen stehen sah. Schnell drückte er sein Popcorn Villi in die Hand, befreite sich aus seiner Decke und kam dann völlig verunsichert auf mich zu getapst. Ich trat einen Schritt zurück und liess ihn an mir vorbei, woraufhin ich ihm dann in sein Zimmer folgte, wo er sich mit gesenktem Blick auf den Bettrand setzte. Ich schloss die Zimmertür hinter mir und liess mich dann mit etwas Abstand neben ihn fallen. Für einige Zeit sassen wir einfach nur dort und schwiegen uns an, bis ich schliesslich irgendann anfing, Stückchen für Stückchen näher an ihn heran zu rutschen. Irgendwann stiess mein Knie leicht gegen seines, was ihn leicht zusammenzucken liess. Noch immer etwas verschüchtert sah er auf, wobei sich unsere Blicke trafen.
Ich bemerkte, wie mein Herz schneller zu klopfen begann und vermutete, dass es Tom genauso ging. Schliesslich fasste ich den Mut, meine Hand in seinen Nacken zu legen und ihn für einen Kuss an mich zu ziehen. Tom wehrte sich nicht dagegen, begann den Kuss schliesslich sogar zu erwidern. In mir begann alles zu kribbeln, unser Kuss wurde immer leidenschaftlicher, und irgendwann legten sich meine Hände auf Toms Schultern und drückten ihn vorsichtig rückwärts runter aufs Bett. Schliesslich legte ich mich halb auf ihn, während meine Hände an seinen Seiten entlang streichelten. Nach einigen Augenblicken schlangen sich schliesslich auch Toms Arme um mich, drückten mich fest an sich und strichen leicht über meinen Rücken. Ich schaffte es endlich, an gar nichts mehr zu denken, es zählte nur noch der Moment, Tom und ich, nichts anderes. Auch die Tatsache, dass es das letzte Mal war dass wir uns so nahe kamen, konnte ich in diesem Moment völlig ausblenden.
Erst einige Stunden später kehrten diese Gedanken wieder zurück. Toms Kopf ruhte auf meinem nackten Oberkörper, er schlief bereits, und ich strich leicht durch seine Haare. Ich selber fand keinen Schlaf, wollte es eigentlich auch gar nicht. Doch ich war froh, dass er schlief, denn so sah er nicht, wie ich gegen die Tränen kämpfte. Auch wenn es mir unheimlich schwer fiel, gerade in diesem Moment – ich wollte meinen Plan durchziehen. Und so hob ich Tom vorsichtig von mir runter. Er murrte leicht, wachte jedoch nicht auf. So leise wie möglich kletterte ich aus dem Bett und zog mich erstmal wieder an, bevor ich mich durch seine Schreibtischschubladen wühlte und nach einem Stift und einem Blatt Papier suchte. Ich überlegte lange, was ich schreiben sollte, und nun liefen mit die Tränen endgültig über die Wangen. Es tat weh, doch es war das Beste… Als der Brief fertig war, ging ich noch einmal kurz zum Bett. Strich Tom noch einmal durch die Haare und hauchte ihm einen leichten Kuss auf die Stirn, bevor ich den Brief neben ihn aufs Kopfkissen legte und mich leise aus der Wohnung schlich.
Toms Sicht:
„Jetzt komm schon!“ Muffi wedelte mit einem Croissant vor meinem Gesicht herum, doch ich wandte mich nur ab und schüttelte den Kopf.
„Tom!“, kam es leicht vorwurfsvoll, doch ich reagierte nicht, starrte nur auf den Tisch vor mir und griff schliesslich nach meiner Tasse, um einen Schluck Kaffee zu trinken.
„Was ist nur los mit dir…“, hörte ich meinen Kumpel murmeln, doch ich starrte weiterhin vor mich hin. Mal wieder spürte ich die besorgten Blicke meiner Teamkollegen auf mir, wie schon so oft in den letzten beiden Wochen. Aber irgendwie bekam ich einfach kaum noch etwas essbares runter, seit – nein, ich wollte gar nicht mehr daran denken. Schnell schüttelte ich den Kopf, um den Gedanken daran zu vertreiben. Ich spürte, dass mir die unerwünschte Erinnerung mal wieder Tränen in die Augen trieb, und schnell leerte ich meine Tasse, stand auf und verliess fast fluchtartig den Speisesaal. Wie schon so oft in den letzten Wochen.
Anfangs hatten meine Kumpels noch versucht, mich aufzuhalten, doch mittlerweile hatten sie scheinbar bemerkt, dass es keinen Sinn machte. Ab und zu konnten sie mich dazu zwingen, etwas zu essen, und ohne sie wäre ich möglicherweise schon längst irgendwo zusammengeklappt. Immer wieder versuchten sie rauszufinden, was mit mir los war, wollten mit mir reden oder mich irgendwie ablenken, doch ich blockte alles soweit möglich ab. Natürlich liess es sich nicht verhindern, dass sie ab und zu etwas mitbekamen, vor allem wenn ich nachts im Hotelzimmer, das ich mit Muffi teilte, mal wieder einen Heulkrampf bekam. Zwar versuchte ich mich in solchen Momenten noch schnell ins Bad zu verziehen, doch vermutlich hatte er dennoch ab und zu mal etwas mitbekommen, seinen besorgten Blicken nach zu urteilen…
So schnell wie möglich lief ich die Treppe hoch, musste unterwegs einmal kurz stehen bleiben, weil mir so schwindlig wurde, und legte dann schnell die letzten Stufen zurück. Endlich im Zimmer angekommen, warf ich mich aufs Bett und vergrub erstmal mein Gesicht in meinen Armen.
Nun liess ich meinen Tränen freien lauf und bemerkte gar nicht, dass sich die Zimmertür öffnete und Muffi rein kam. Erst als ich eine Hand auf meinem Rücken spürte, zuckte ich erschrocken zusammen und sah ihn mit meinem verheulten Gesicht an. Muffis Stirn legte sich in Falten, und ehe ich reagieren konnte, hatte er mich auch schon an den Schultern gepackt und mich wie ein kleines Kind auf seine Oberschenkel gezogen. Ich liess es geschehen, legte meinen Kopf auf seine Schulter und schloss meine Augen, während mir die Tränen noch immer über die Wangen liefen und Muffi leicht über meinen Rücken streichelte.
„Willst du mir nicht endlich mal erzählen was lost ist, hm?“, hörte ich meinen Kumpel murmeln, „Es kann doch nicht sein, dass du dich hier so kaputt machst und dir nicht von uns helfen lässt. Wir sind doch Freunde, oder?“ Ich nickte nur leicht.
„Ihr könnt mir nicht helfen.“, meinte ich nur mit erstickter Stimme.
„Und wieso bist du dir da so sicher?“, wollte Muffi wissen, „Du versuchst es ja nichtmal…“ Ich zuckte nur mit den Schultern und stand auf, um meine restlichen Sachen zusammenzupacken.
Die Fahrt zum nächsten Springen verbrachte ich damit, schweigend aus dem Fenster zu starren und mit meinem iPod Musik zu hören. Die Stimmung im Team war allgemein ein wenig bedrückt, offensichtlich hatte meine Stimmung auf die anderen abgefärbt. Eigentlich wollte ich nicht, dass sie sich Sorgen machten, doch so tun als ob nichts wäre war für mich in dem Moment auch nicht wirklich möglich… Und seit der Essenssache war sowieso allen aufgefallen, dass irgendwas nicht stimmte… Der Einzige, der sich scheinbar darüber freute, dass ich keinen Appetit mehr hatte, war Mika, denn natürlich hatte ich dadurch einiges an Gewicht verloren. Ironischerweise waren dadurch, dass es mir gerade nicht gut ging, meine Sprünge um einiges besser geworden und ich hatte schon einige Springen gewonnen seither. Auch wenn ich mich nicht so richtig darüber freuen konnte…
Überhaupt gab es im Moment nichts, worüber ich mich wirklich freute, ich versuchte einfach irgendwie die Tage hinter mich zu bringen. Konnte mich für nichts mehr wirklich begeistern und lag oft einfach nur in meinem Hotelbett rum, während die anderen noch um die Häuser zogen und Party machten. Oft fühlte ich mich sowieso zu schwach dazu, konnte mich dennoch nicht dazu aufraffen, irgendwas zu essen… Eigentlich schaffte ich es momentan nur in den wenigen Sekunden, in denen ich durch die Luft flog, für einige Sekunden alles zu vergessen.
Ich bemerkte, wie mich jemand anstupste und löste meinen Blick kurz vom Fenster; im Grunde genommen hatte ich sowieso nicht mehr erkannt, was draussen war und ins Leere gestarrt. Kurz drehte ich meinen Kopf und sah in Muffis Gesicht, welcher mir bittendem Gesichtsausdruck die Hälfte eines Sandwichs hinhielt. Ich zögerte kurz, bevor ich, dabei ein „Danke“ murmelnd, danach griff und etwas zögerlich anfing, daran rumzuknabbern. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass wir an einer Raststätte angehalten hatte. Nach und nach trudelten auch die anderen Springer wieder ein, und die Fahrt ging weiter. Mein Blick wandte sich wieder nach draussen, während ich eher lustlos an dem Sandwich rumknabberte, bis wir schliesslich die Schanze erreichten.
Kenneths Sicht:
Schon als ich mich vom Balken abstiess, wusste ich, dass dieser Sprung schiefgehen würde. Wie eigentlich so ziemlich jeder in den letzten Wochen… Tatsächlich verpasste ich mal wieder den Absprung und schaffte nur ein paar Meter, wobei ich bei der Landung auch noch das Gleichgewicht verlor und mich gerade noch so wieder fangen konnte, um nicht auf dem Bauch durch den Auslauf zu schlittern. Ich warf nur einen kurzen Blick zum Trainer, welcher jedoch nur den Kopf schüttelte. Es war, als ob ich das Springen verlernt hatte… Verärgert über mich selber schulterte ich meine Skier und verliess den Auslauf. Eigentlich hätte ich nochmal springen sollen, doch das kam mir gerade so sinnlos vor, dass ich mich direkt auf den Weg zu den Umkleideräumen machte. Wütend schmiss ich meine Sachen in eine Ecke, bevor ich mich vor mich hin grummelnd auf die Bank setzte und mich daran machte, meine Springklamotten auszuziehen.
Daraufhin schulterte ich meine Tasche und verliess schnellen Schrittes das Schanzengelände. Noch immer war ich total wütend auf mich selber, rannte schon fast durch Lillehammer und versuchte, mich abzureagieren, indem ich sämtliche Mülltonnen, Bäume und andere Dinge attackierte, welchen ich begegnete. Zum Glück beobachtete mich keiner dabei…
Schliesslich erreichte ich endlich meine Wohnung, knallte die Tür hinter mir zu und verteilte meine Tasche, Jacke und Schuhe irgendwo zwischen Flur und Wohnzimmer, wo ich mich schliesslich aufs Sofa warf. Blind griff ich nach der Fernbedienung, schaltete die Flimmerkiste ein und zappte wahllos durchs Programm. Schliesslich blieb ich an einer Skispringübertragung hängen, schaute jedoch nicht wirklich hin. Bis schliesslich mit einem Mal Toms Name fiel, was mich aufblicken liess.
Wie automatisch sprang ich auf und ging näher an den Fernseher ran, ging direkt vor dem Bildschirm in die Knie. Ich starrte Tom an, welcher auf dem Balken sass, kurz vor dem Sprung. Bildete ich es mir nur ein oder war er um einiges dünner geworden in den letzten Wochen? Kurz blickte Tom direkt in die Kamera, und ich erschrak regelrecht. Seine Augen wirkten unglaublich leer und trüb, der freche Schimmer von früher war daraus verschwunden, und überhaupt wirkte sein Gesicht einfach nur völlig ausdruckslos. Auch seine Begeisterung für das Springen schien völlig verschwunden zu sein, er machte den Eindruck, als wollte er es einfach nur noch hinter sich bringen.
Ich betrachtete seinen Sprung genau, es verlief alles perfekt, wie aus dem Lehrbuch, aber dennoch, ohne Begeisterung, gar nichts. Doch er setzte sich dennoch erstmal an die Spitze. Doch wieder – keine Begeisterung. Ein gestelltes Lächeln, ein müdes Winken in die Kamera. Was war aus dem Tom, den ich kennen gelernt hatte – meinem Tom – geworden?
Die in den letzten Wochen verdrängten Erinnerungen an das, was zwischen Tom und mir gewesen war, drängten sich langsam wieder in mein Bewusstsein. Ich setzte mich dort, wo ich war, auf den Boden und bekam langsam aber sicher ein schlechtes Gewissen. War ich schuld daran, dass aus Tom so ein… Wrack geworden war? Mein Herz schien sich regelrecht zusammen zu ziehen. Und langsam dämmerte mir, dass ich wohl mit allem, was ich getan hatte, ein riesiger Fehler war… Wieso hatten wir eigentlich nicht darum gekämpft, wieso hatte ich alles einfach so hingeworfen? Wieso musste es erst soweit kommen, bis mir klar wurde, wie ernst das ganze wirklich gewesen war? Würde es jetzt noch was bringen, zu versuchen das ganze zu retten, oder war schon alles verloren?
Ich blickte nur kurz auf und erkannte, dass wohl mittlerweile der zweite Durchgang angefangen hatte.
Ich versuchte, mich so halbwegs darauf zu konzentrieren, doch im Grunde genommen wartete ich nur darauf, dass Tom springen würde. Er war als einer der letzten an der Reihe, und wieder bestätigte sich mir, was ich schon vorher erkannt hatte – er wirkte völlig fertig, desinteressiert und es schien, als wollte er das ganze einfach nur hinter sich bringen… Und irgendwie kam er mir noch etwas blasser vor als beim ersten Sprung. Irgendwie hatte ich ein ungutes Gefühl.
Wieder beobachtete ich ihn genau, während er los fuhr, und noch wirkte alles normal. Er sprang wieder genau zum richtigen Zeitpunkt ab und segelte durch die Luft. Doch mit einem Mal schien sämtliche Spannung aus seinem Körper zu weichen, er erschlaffte regelrecht und kippte geradezu vorne über, ohne noch irgendwas dagegen tun zu können. Noch einmal verdrehte er sich in der Luft, kippte zur Seite und schlug schliesslich hart auf der Schanze auf. Sofort lösten sich seine Skibindungen, und wie ein nasser Sack rutschte er in den Auslauf hinunter, wo er regungslos liegen blieb.
Ich hatte das Gefühl, dass mein Herz stehen bleiben würde, als Tom dort regungslos liegen blieb.
„Steh auf, bitte steh auf!“, flehte ich ihn leise an, obwohl ich wusste, dass er mich nicht hören konnte. Doch nichts geschah. Mittlerweile kamen von allen Seiten Leute angerannt, Sanitäter, unsere Teamkollegen inklusive Mika und einige andere. Noch immer zeigte Tom keine Reaktion auf irgendwas, und ich musste zusehen, wie sie seinen leblosen Körper aus dem Auslauf trugen. Nun konnte ich nicht mehr ruhig bleiben, ich sprang auf und ging im Zimmer auf und ab, während der Wettkampf weiterging als ob nichts gewesen wäre.
Schliesslich rannte ich in den Flur und holte mein Handy aus meiner Jacke, zögerte dann jedoch, irgendeinen von meinen Teamkollegen anzurufen. Und so rannte ich, nun mit dem Handy in der Hand, weiterhin im Wohnzimmer auf und ab, konnte mich jedoch nicht mehr auf den restlichen Wettkampf, der noch immer lief, konzentrieren. Hoffentlich war Tom okay… Was hatte ich da nur angerichtet?
Toms Sicht:
Das erste was ich mitbekam war ein Schmerz in meinem Rücken, während das verschwommene Bild vor meinen Augen langsam deutlicher wurde. Ich konnte mich nicht mehr wirklich daran erinnern, was passiert war, wo ich war und wie ich hierher gekommen war. Ich erkannte schliesslich Muffi, welcher sich über mich beugte und mich besorgt musterte. Wie ich nun feststellte, befand ich mich wohl in einer Art Zelt oder so. Ach stimmt, wir hatte ja einen Wettkampf… Aber…
„Was ist passiert?“, murmelte ich verwirrt und sah Muffi fragend an, während der Schmerz in meinem Rücken vor sich hin pochte.
„Du hast während des Flugs das Bewusstsein verloren und bist voll auf den Rücken geknallt.“, erklärte dieser mir, „Der Arzt meinte, dass dein Kreislauf schlapp gemacht hat weil du in letzter Zeit so wenig gegessen hast. Du bist soweit OK, aber dein Rücken ist stark geprellt und du musst wohl die nächsten paar Springen ausfallen lassen…“
Ich nickte nur und wandte meinen Blick ab. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass ich mir wohl am besten das Genick gebrochen hätte, dann hätte diese Scheisse endlich ein Ende, doch schnell schüttelte ich den Kopf, um diese Gedanken zu verdrängen, denn eigentlich war sowas überhaupt nicht meine Art… Aber was war in den letzten Wochen schon noch normal an mir gewesen…? Ich seufzte leicht und setzte mich dann vorsichtig auf, wobei mein Rücken protestierte, was mich jedoch nicht aufhalten konnte.
„Fahren wir bald zurück ins Hotel?“, wollte ich wissen, woraufhin Muffi nur nickte.
„Voraussichtlich.“, meinte er nur und packte meinen Arm, als ich aufgestanden war und nun leicht schwankend mitten im Zelt stand, „Warte, ich helf dir!“ Ich nickte nur mit verzogenem Gesicht, denn nun spürte ich den Schmerz erst so richtig und konnte mir nur mühevoll ein leises Aufstöhnen verkneifen.
Mit Muffis Hilfe schafften wir es irgendwie in unseren Bereich, wo ich mich aus dem Sprunganzug quälte und in meine normalen Klamotten schlüpfte. Mittlerweile spürte ich nicht mehr nur den Schmerz, sondern mir war auch total kalt geworden und wieder ein wenig schwindlig. Nicht mal der warme Tee, den mir Muffi daraufhin holte, konnte mir dabei richtig helfen. Irgendwer drückte mir schliesslich irgendwann ein Stück Schokolade in die Hand, welche ich regelrecht verschlang.
„Habt ihr noch mehr?“, wollte ich daraufhin wissen, in mir hatte sich ein regelrechter Heisshunger breit gemacht. Meine Teamkollegen begannen zu grinsen, und gleich darauf bekam ich von allen Seiten her Schokolade und anderes Zeug zugesteckt, das ich in mich hereinstopfte. Als alles verputzt war, machte sich Übelkeit in mir breit, mein Magen begann zu rebellieren, doch ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Am liebsten hätte ich den ganze Kram gleich wieder ausgekotzt, doch meine Kumpels schienen sich so sehr darüber zu freuen, dass ich mal wieder ass, dass ich angestrengt versuchte, mich zurückzuhalten.
Schliesslich machten wir uns endlich auf den Weg zurück zu unserem Bus, wobei mir jemand meinen Kram abgenommen hatte, da ich mit meinem schmerzenden Rücken – und meinem Magen – schon genug zu kämpfen hatte… Ich liess mich schliesslich ein Stück zurückfallen und beförderte meinen Mageninhalt hinter den nächstbesten Busch. Danach wurde mir wieder ziemlich schwindlig, als ich das letzte Stück zum Bus wankte und hineinklettertre.
„Ist alles OK?“, wollte Muffi wissen, als ich mich neben ihn auf den Sitz sinken liess. Ich nickte nur, während mir schon wieder übel wurde und ich meinen Kopf gegen die kühle Fensterscheibe sinken liess. Muffi hielt mir eine kleine Flasche Cola hin.
„Hier, trink was!“, meinte er, während ich zögerlich danach griff, „Dir ist übel, oder?“ Ich nickte nur, woraufhin er irgendwas von Gehirnerschütterung murmelte. Ich schloss meine Augen und versuchte, mich irgendwie von meiner Übelkeit abzulenken, was jedoch nicht so wirklich funktionieren wollte.
Irgendwann drehte sich mir schliesslich erneut der Magen um, und ich konnte mir gerade noch die Hand vor den Mund pressen.
„Ohje…“, hörte ich Muffi nur murmeln, bevor er nach vorne rief, dass wir anhalten müssen. Ich konnte gerade noch so die Tür aufreissen und heraus springen, bevor sich mein Körper erneut heftigst gegen die Nahrungsmittel in meinem Bauch wehrte. Muffi war mir gefolgt und hielt mich fest, damit ich nicht einfach vorne über kippte. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis sich mein Körper endlich wieder beruhigte.
„Gehts wieder?“, wollte Muffi wissen, und ich nickte nur kraftlos, währen er mich wieder zurück in den Wagen schleppte und auf meinen Platz bugsierte. Die restliche Fahrt zum Hotel hing ich in den Gurten, mein Schwindel war noch einmal stärker geworden, und nun kamen starke Kopfschmerzen dazu. Irgendwie bugsierten mich meine Teamkollegen ins Hotelzimmer, wo ich in eine Art Dämmerzustand verfiel. Irgendwann wachte ich auf und sah Mika über mir stehen und au mir runter schauend.
„Du brauchst definitiv ne Pause.“, meinte er besorgt, „Ich werde dafür sorge, dass du morgen zurückfährst.“
Kenneths Sicht:
Nach einer Weile hielt ich es nicht mehr länger aus und klappte mein Handy auf. Kurz sah ich mir mein Telefonbuch durch, war mir jedoch nicht sicher, wem ich am besten schreiben sollte. Bardal ganz bestimmt nicht – der wusste vermutlich schon längst Bescheid und würde wohl nicht gerade gut auf mich zu sprechen sein… Schliesslich beschloss ich, erst mal die Nachricht zu schreiben und mich dann zu entscheiden, wem ich schreiben sollte. Ich fing an zu tippen, löschten den Text jedoch noch ungefähr drei Mal wieder, bevor ich schlicht und einfach „Ist Tom OK?“ tippte und es kurz entschlossen an Muffi schickte. Auf eine Antwort wartend, ging ich wieder im Wohnzimmer auf und ab, doch es tat sich nichts. Ob nun wohl mittlerweile das ganze Team wusste, was zwischen Tom und mir vorgefallen war? Seufzend liess ich mich aufs Sofa sinken, um gleich darauf wieder aufzuspringen und in die Küche zu gehen.
Dort angekommen, wusste ich jedoch schon nicht mehr, was ich dort eigentlich wollte, und stapfte wieder zurück ins Wohnzimmer, wo ich seufzend mitten im Raum stehen blieb. Ich musste mich ablenken, und zwar dringend. Schliesslich schnappte ich mir meine Jacke und zog meine Schuhe an. Mein Handy liess ich auf dem Küchentisch zurück, da ich sonst sowieso alle paar Minuten draufgeguckt hätte… Schliesslich verliess ich meine Wohnung, schloss ab und ging schnellen Schrittes – man konnte es schon fast als Rennen bezeichnen – durch Lillehammer. Wieder wurden einige Bäume und Mülltonnen attackiert, weil ich mich mal wieder über mich selber aufregte, wenn auch nun aus anderen Gründen. Was, wenn sich Tom nun meinetwegen – und ich vermutete, dass ich an der ganzen Sache Schuld war – schwer verletzt hatte? Was, wenn er möglicherweise sogar… nein, daran wollte ich gar nicht denken.
Ständig fühlte ich den Drang, umzukehren und nachzugucken, ob Muffi schon geantwortet hatte, kämpfte jedoch dagegen an. Schliesslich waren beinahe drei Stunden vergangen, als ich wieder vor meinem Wohnhaus stand und schliesslich die Treppe hoch rannte. Es brauchte mehrere Anläufe, bis ich den Wohnungsschlüssel fluchend ins Schloss bekam, wo ich ihn auch stecken liess und weiter in die Küche hetzte. Tatsächlich, eine neue Nachricht. Wieder griff ich einige Male daneben, bis ich die SMS schliesslich geöffnet hatte. Während des Lesens liess ich mich auf einen Küchenstuhl sinken.
Hat sich den Rücken geprellt, ansonsten unverletzt. Es geht ihm aber z.Z. allgemein Scheisse, er kommt morgen zurück.
Ich atmete erstmal auf und schmiss mein Handy wieder auf den Tisch. Wenigstens war ihm nichts allzu schlimmes passiert – nun ja, schlimm genug, dass es überhaupt so weit hatte kommen müssen…
Das Knurren meines Magens machte mich darauf aufmerksam, dass ich noch kaum etwas gegessen hatte, und so begab ich mich erstmal zum Kühlschrank und holte eine Pizza aus dem Gefrierfach. Für mehr fehlte mir zur Zeit gerade der Nerv, und so schmiss ich den Backofen an und machte mich dann wieder auf den Weg ins Wohnzimmer. Tom würde also morgen zurückkommen. Wie es ihm bis dahin wohl gehen würde? Ob er mich wohl sehen wollte? Wie würde er wohl reagieren, wenn ich plötzlich vor seiner Tür stehen würde? Vermutlich würde er mich gleich wieder rausschmeissen… Immerhin hatte ich ihm im Brief damals geschrieben, dass es keine Hoffnung mehr gab für eine Beziehung oder ähnliches, da das ganze einfach zu kompliziert werden würde… Doch mittlerweile wären mir alle möglichen Lösungen eingefallen und das ganze wirkte total einfach… Ob er mir verzeihen würde, der Sache noch eine Chance geben? Zwar würde es möglicherweise Probleme mit Mika geben, aber ich war mir sicher, dass die anderen Springer hinter uns stehen würden.
Ich beschloss, es zu versuchen. Vielleicht nicht gerade morgen, er würde wohl erst mal nach Hause kommen müssen – falls ich es aushielt, zu wissen dass er wieder in Lillehammer war und NICHT zu ihm zu gehen… Aber was sollte ich sagen? Vermutlich würde er es mir nicht so einfach machen wie die letzten Male, ich hatte ihn wohl nun zu oft enttäuscht… Aber was hatte ich schon zu verlieren? Noch schlimmer als es jetzt schon war konnte es sowieso kaum mehr werden… Aber vielleicht gab es ja wirklich noch irgendwo ein Fünkchen Hoffnung…
Dennoch waren meine Gefühle noch immer gemischt, als ich einige Zeit später meine Pizza aus dem Ofen holte und diese verspeiste. Auch als ich mich einige Zeit später ins Bett verkroch, stellte ich mir noch immer alle möglichen Arten vor, wie Tom reagieren könnte. Aber das würde ich wohl noch früh genug erfahren… Dennoch dauerte es noch ziemlich lange, bis ich endlich in einen unruhigen Schlaf fiel.
Toms Sicht:
Die Nacht war sowohl für mich als auch für Muffi nicht sonderlich erholsam. Immer wieder wurde mir aufs neue schlecht und ich schaffte es gerade noch so zum Klo, war danach jedoch zu schwach um wieder zurück ins Bett zu kommen. Muffi, der dann jeweils ebenfalls aufwachte, half mir daraufhin, gab mir etwas zu trinken, versuchte mich zu beruhigen und schleppte mich zurück ins Bett. Erst als es bereits dämmerte, schlief ich schliesslich für kurze Zeit ein, wurde jedoch wach, als Muffis Wecker klingelte und er anfing, im Zimmer rumzuwuseln. Mir war mittlerweile nicht mehr schlecht, nur noch schwindlig, ich fühlte mich im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich ausgekotzt und mein Rücken pochte vor sich hin. Grummelnd drehte ich mich vorsichtig um und zog mir die Decke über den Kopf.
„Ich bin dann mal unten, frühstücken. Bleib einfach liegen, ich hab deinen Kram auch schon zusammengepackt.“, hörte ich nach einer Weile Muffis Stimme, „Ich bring dir dann was zu essen und nen Tee hoch.“ Ich brummte nur zustimmend, obwohl ich nicht wusste, ob essen so eine gute Idee war; möglicherweise würde das Zeug dann gleich fliegend wieder den Rückweg antreten…
Ich döste noch einmal kurz weg, doch nach gefühlten zwei Minuten kam Muffi auch schon wieder ins Zimmer gepoltert und stellte scheppernd ein Tablett auf dem Nachttisch ab. Gleich darauf wurde mir auch die Decke vom Kopf gezogen, was mich aufmurren liess.
„Versuch, was zu essen.“, hörte ich Muffi sagen, „Ich pack so lange noch den restlichen Kram zusammen.“ Widerwillig setzte ich mich langsam im Bett auf und besah mir das Brötchen und den Tee, den er mir mitgebracht hatte. Trotz allem gab mein Magen bei dem Anblick ein leises Knurren von sich, sodass ich schliesslich zögernd nach dem Brötchen griff und anfing, daran rumzuknabbern. Nach den ersten Bissen wartete ich kurz ab, um rauszufinden, ob mein Magen vielleicht doch noch rebellieren wollte. Dies schien jedoch nicht der Fall zu sein, und so ass ich vorsichtig weiter. Auch der Tee hatte inzwischen eine trinkbare Temperatur, und als ich ihn ausgetrunken hatte, machte sich ein recht angenehmes Gefühl in meinem Magen breit. Nun fühlte ich mich schon um einiges besser als zuvor, wenn auch noch nicht so, dass ich es als „gut“ bezeichnet hätte.
Vorsichtig stand ich auf und wankte dann erst mal langsam ins Bad, wo ich mich kurz unter die Dusche stellte. Daraufhin ging ich zurück ins Zimmer und holte möglichst bequeme Klamotten aus meinem Koffer. Immerhin hatte Mika gesagt, dass er mich heute zurückschicken würde, und ich wusste nicht genau, wie lange diese Reise dauern würde. Auch nicht, wie ich überhaupt zurückkommen würde. Vermutlich fliegen.
Diese Vermutung bestätigte sich kurz darauf, als ich mit Mika und dem restlichen Team unten in der Hotellobby traf. Sie würden mich auf dem Weg zur nächsten Schanze am Flughafen absetzen, von wo ich dann zurück nach Norwegen fliegen würde. In Oslo würde mich Villi dann abholen. Und dann wäre ich diesem wohl endgültig eine Erklärung schuldig… „Mir gehts nur grad nicht so gut“ würde er mir wohl nicht mehr ohne Grund abnehmen… Obwohl ich noch immer ziemliche Angst vor seiner Reaktion hatte… Doch mit viel Glück würde er mich heute mit seiner Fragerei noch in Ruhe lassen… Hoffentlich.
Am Flughafen angekommen, begleitete mich Mika sicherheitshalber noch bis ins Flughafengebäude, um zumindest halbwegs vorzubeugen, dass ich nicht in den falschen Flieger stieg. Wenigstens hatte ich kaum Gepäck mitzuschleppen, dieses ging mit dem Team vorerst noch etwas auf Reise. Immerhin hatte ich noch genug Klamotten zu Hause…
Mittlerweile war mir wieder ziemlich schwindlig, und ich war froh, mich im Wartebereich etwas hinsetzen zu können, bis ich schliesslich endlich mein Flugzeug besteigen konnte.
Den Flug verschlief ich mehrheitlich, auch wenn es nicht gerade bequem war und ich ziemlich froh war, als wir endlich landeten und ich kurz darauf wieder festen Boden unter den Füssen hatte. Mir war wieder ziemlich schwindlig, und der Gedanke, nun noch 4 Stunden Autofahrt vor mir zu haben, war alles andere als erfreulich. Hoffentlich würde ich diese Fahrt auch wieder verschlafen…
Sofort kam Villi auf mich zu gerannt, als ich aus dem Landebereich kam, und nahm mir erstmal meinen Rucksack ab, bevor er mich kurz an sich drückte. Sein Gesicht war voller Sorge.
„Mann, was machst du denn für Sachen?“, murmelte er, woraufhin ich nur mit den Schultern zuckte. Und gleich darauf zusammenzuckte, als ich einige Meter hinter Villi Kenny stehen sah, welcher in dem Getümmel etwas verloren wirkte und verlegen zu Boden starrte. Er versuchte sich an einem Lächeln und kam näher, wobei ein leises „Hey!“ über seine Lippen kam.
„Hey.“, erwiderte ich fast tonlos, ich hatte mich völlig verkrampft und spürte, wie wieder leichte Übelkeit in mir aufsteigen. Was wollte er – ausgerechnet er – hier? Mir einfach nur wehtun? Oder wieso sollte er sonst mit Villi hergefahren sein? Dachte er wirklich, ich wäre schon über die ganze Sache weg?
„Ich… können wir losfahren?“, wandte ich mich an Villi, Kenny dabei soweit möglich ignorierend, woraufhin Villi nickte und wir uns langsam auf den Weg zum Auto machten.
Kenneths Sicht:
Tom hatte sich auf dem Rücksitz zusammengerollt, während ich vorne auf dem Beifahrersitz sass und ihn im Rückspiegel beobachtete. Villi konzentrierte sich unterdessen auf die Strasse, und keiner vor uns sagte ein Wort. Tom tat so, als würde er schlafen, doch ich sah, dass er immer mal wieder die Augen öffnete und die Vordersitze anstarrte. Er hatte sich in seine Jacke gewickelt und war ziemlich blass, und tatsächlich hatte ich mich nicht getäuscht, dass er ziemlich abgemagert war.
Schliesslich bemerkte ich, wie Villi den Blinker setzte und zur nächsten Raststätte abbog.
„Ich hol mir mal was zu essen, wollt ihr auch was?“, wollte er wissen, während er seinen Sicherheitsgurt löste, und sah mich fragend an.
„Nur was zu trinken, wenn das OK ist…“, meinte ich. Villi nickte und drehte sich dann nach hinten.
„Tom?“ Dieser schüttelte nur den Kopf.
„Ich bring dir trotzdem was.“, meinte Villi und stieg aus dem Auto.
Tom und ich blieben schweigend im Auto zurück. Ich starrte vor mich hin, er vermutlich auch, und mit einem Mal begann es hinter mir zu rascheln. Kurz drehte ich den Kopf und sah, wie Tom sich, sichtlich frierend, noch etwas fester in seine Jacke kuschelte.
„Ist dir kalt?“, fragte ich und kam mir dabei etwas blöd vor. Tom nickte nur, und wie automatisch lösten meine Hände den Sicherheitsgurt.
„Du kannst meine Jacke auch noch haben…“, meinte ich nur und begann, diese auszuziehen.
„Geht schon…“, murmelte Tom, doch ich liess mich nicht aufhalten. Und anstelle sie ihm einfach nach hinten zu reichen, öffnete ich die Beifahrertür, stieg aus und hinten wieder ein, wo ich sie gleich persönlich über ihn ausbreitete. Dabei berührten sich kurz Toms und meine Hand, was sich anfühlte wie ein Stromschlag. Ich zuckte zurück, er ebenfalls, doch am liebsten hätte ich ihn in diesem Moment gepackt, an mich gezogen und ihm ins Ohr gemurmelt, dass nun alles wieder gut werden würde.
Doch stattdessen blieb ich nur wie erstarrt sitzen, während Tom ein „Danke“ murmelte.
„Kein Thema.“, murmelte ich, begann nun jedenfalls meinerseits etwas zu frösteln, da Villi beim Rausgehen die Heizung nicht hatte laufen lassen. Ich zog meine Beine an den Körper und schlang die Arme darum.
„Jetzt ist dir aber kalt.“, hörte ich Tom leise sagen, woraufhin er sich hinsetzte, an mich rutschte und mir meine Jacke wieder über die Schultern legte. Wieder hatte ich das Gefühl, dass mich ein Stromschlag durchzuckte, als er mich berührte, doch diesmal zuckte ich nicht zurück, und auch er liess seinen Arm einfach um meine Schulter liegen. Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung, und für einige Minuten schauten wir uns einfach nur in die Augen. Schliesslich legte ich meine Arme um Tom und zog ihn an mich. Er lehnte seinen Kopf auf meine Schulter, und ich hielt ihn einfach nur fest. Seine Stirn lag an meiner Wange und schien regelrecht zu glühen.
„Du bist heiss!“, kam es mir über die Lippen, was Tom Glucksen liess.
„Äh, also, ich meine, deine Stirn…“, stammelte ich und schielte nach unten, wobei ich feststellte, dass Tom noch immer vor sich hin grinste. Dies liess nun auch mich kurz lächeln, doch gleich darauf wurde ich wieder ernst.
„Ich hab Mist gebaut.“, meinte ich schliesslich und spürte, wie sich Tom neben mir bewegte.
„Ja, hast du.“, meinte er nur, blieb jedoch an mich gekuschelt sitzen.
„Ich… Denkst du, da lässt sich noch irgendwas retten?“, nuschelte ich, während meine Hand leicht über Toms Rücken strich, welcher daraufhin leicht zusammenzuckte, „Oh, entschuldige…“
„Macht nichts. Aber… dein Brief…“, begann er.
„Vergiss den Brief einfach… Vergiss am besten einfach alles was war…“, meinte ich nur.
„Ich… ich weiss nicht, ob das geht…“, murmelte Tom, „Es ist einfach irgendwie… soviel passiert… Ich weiss nicht, ob ich das einfach so vergessen kann…“
Ich nickte nur.
„Versuchst du es wenigsten?“, flüsterte ich fast und sah ihm in die Augen. Er zögerte einen Moment, nickte dann aber leicht, was mich wieder leicht lächeln liess.
„Aber wir müssen auf jeden Fall nochmal reden…“, meinte Tom, und ich nickte zustimmend, „Aber vielleicht solltest du besser mal wieder nach vorne, wenn Villi zurückkommt und uns hier so vorfindet…“
„Oh, den hatte ich jetzt völlig vergessen…“, murmelte ich, was Tom grinsen liess. Ich löste meine Arme, welche noch immer um ihn lagen, und auch er liess mich wieder los. Sofort wurde mir wieder kalt, aber trotzdem legte ich ihm meine Jacke wieder hin.
„Behalt die.“, meinte ich. Tom nickte nur. Noch einmal sah ich ihm in die Augen und konnte mich nicht davon abhalten, ihm einen kleinen Kuss auf die Lippen zu drücken, bevor ich wieder ausstieg und mich nach vorne setzte. Gerade noch rechtzeitig, wie sich herausstellte.
Die restliche Heimfahrt konnte ich nicht aufhören, vor mich hin zu grinsen. Ich warf im Rückspiegel einen Blick zu Tom. Dieser hatte sich in seine und meine Jacke gekuschelt und lag auf der Rückbank, tief und fest schlafend, wobei er ebenfalls ein leichtes Lächeln auf den Lippen hatte.
Toms Sicht:
Etwas verwirrt öffnete ich die Augen, als ich ein Holpern spürte, und schaute direkt in Villis vor Anstrengung verzerrtes Gesicht.
„Du bist ganz schön schwer, weisst du das?“, keuchte dieser, doch ich ging nicht darauf ein, sondern drehte noch immer etwas verwirrt den Kopf, um rauszufinden, wo wir waren. Achso, unser Treppenhaus, in welchem mich Villi gerade die Treppe hochschleppte.
„Allerdings, wenn du eh schon wach bist, kannst du eigentlich selber gehen.“, meinte dieser und tat so, als ob er seinen Arm unter meinen Kniekehlen wegzog, woraufhin ich meine Hände um seinen Hals schlang und erschrocken aufquiekte. Villis Lachen hallte durchs Treppenhaus, während er mich die letzten Stufen bis zu unserer Wohnung trug.
„Wo ist eigentlich Kenny?“, murmelte ich, als er mich vor der Wohnungstür absetzte, um aufzuschliessen.
„Hab ich nach Hause gefahren.“, war die Knappe Antwort, kombiniert mit einem verständnislosen Blick.
Schliesslich betraten wir die Wohnung, und ich wollte mich schnurstracks in mein Zimmer verkrümeln, hatte die Rechnung jedoch ohne Villi gemacht. Denn dieser ging mir schlicht und einfach hinterher, setzte sich neben mich auf den Bettrand und meinte: „So, und jetzt erzählst du mir was eigentlich mit dir los ist.“ Ich seufzte tief.
„Können wir damit nicht bis morgen warten?“
„Nein“
„Aber Villi…“
„Nichts ‚aber Villi‘, jetzt sag schon. Ich seh nicht noch länger zu, wie du dich selber kaputt machst! Sag einfach was los ist!“
„Ich… Naja… Ich hatte was mit Kenny.“
„Hilde, ich meins ernst! Nun sag schon.“
„Das ist mein ernst!“
Schlagartig herrschte Stille im Zimmer, und ich starrte vor mich hin, spürte Villis Blicke auf mir.
„Ähm… echt jetzt?“, kam es schliesslich zögernd von ihm. Ich nickte nur.
„Aber… Seit wann bist du denn schw…“
„Bin ich gar nicht.“, unterbrach ich ihn energisch, „Also, zumindest nicht grundsätzlich. Ich steh nur auf Kenny…“
„Okay…“, kam es von Villi, welcher jedoch nicht sonderlich überzeugt klang, „Und wie ist es soweit gekommen?“
„Naja, er hat mich mal nach dem Training geküsst, und irgendwie haben wir dann öfters mal rumgemacht, und dann halt irgendwann Gefühle ins Spiel gekommen…“, meinte ich Schulterzuckend.
„Und was ist dann passiert, dass du nun so fertig bist?“
„Nun, ist ne längere Geschichte…“
„Ich hab Zeit…“
So begann ich also zögernd zu erzählen, und gegen meine Erwartungen kamen von Villi keine blöden Sprüche, und überhaupt unterbrach er mich höchstens, um kurz irgendwas nachzufragen, was ihm nicht ganz klar war. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich ihm schliesslich alles erzählt hatte, wobei ich mich immer wieder hatte zusammenreissen müssen, um nicht von meinen mit den Erinnerung verbundenen Gefühlen überrollt zu werden.
Daraufhin sassen wir wieder eine Weile schweigend nebeneinander, bis sich Villi irgendwann räusperte.
„Und… was hast du jetzt vor zu machen?“, wollte er wissen. Ich zuckte mit den Schultern.
„Erstmal mit Kenny reden. Und naja… ich hoffe schon dass wir das irgendwie hinkriegen, irgendwie bedeutet mir das Ganze schon ziemlich viel… Allerdings hat er mich auch ein paar Mal verletzt mit seinen Aktionen…“ Villi nickte verständnisvoll.
„Du musst auf dein Herz hören.“, meinte er dann, und ich war ziemlich überrascht, sowas aus seinem Mund zu hören, „Und wegen der Sache mit Mika: Lasst euch dadurch nicht kaputt machen – ich steh auf jeden Fall hinter euch falls es wieder was wird mit dir und Kenny. Und ich bin mir sicher, dass das auch die anderen so sehen werden.“ Er hatte kaum ausgeredet, als ich mich ihm auch schon an den Hals geworfen hatte.
„Ey, spar dir das für Kenny!“, murmelte er leicht verlegen zurück und stiess mich von sich, „Und jetzt komm, wir essen was; wie es scheint hast du diesbezüglich noch einiges nachzuholen…“
Kenneths Sicht:
Nervös wuselte ich in meiner Wohnung herum, während auf dem Herd mehrere Töpfe standen, deren Inhalt vor sich hin köchelte. Immer wieder schaute ich auf meine Uhr, doch die Zeit, bis Tom hier sein würde, wollte einfach nicht weniger werden… Ich hatte ihn am Vormittag kurz angesimst, ob er zum Essen – und zum Reden – vorbeikommen wolle, und zu meiner Freude hatte er zugesagt. Ich musste zugeben, dass ich ziemlich nervös war; immerhin war ja noch immer nicht klar wie das ganze enden würde… Obwohl unser kurzes… Gespräch gestern im Auto eigentlich relativ vielversprechend verlaufen war… Aber nun ja, abwarten… Obwohl ich nicht wusste wie ich reagieren würde wenn Tom es beenden würde… Denn momentan hing das Ganze nur von ihm ab… Klar, es wäre meine Schuld, immerhin hatte ich ja wirklich viel Mist gebaut in der letzten Zeit, und ich würde es irgendwie auch verstehen wenn er nun nichts mehr mit mir zu tun haben wollen würde, doch es blieb die Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde…
Ungefähr 10 Minuten vor der vereinbarten Zeit klingelte es an der Tür. Auf mein Gesicht schlich sich ein breites Grinsen, während ich zur Tür rannte und erst durch den Türspion schielte. Tatsächlich war es Tom, der draussen stand und verlegen auf seine Schuhe starrte. Ich versuchte, mir mein Grinsen zu verkneifen – immerhin war ja noch nichts entschieden – und öffnete dann die Tür.
„Hey…“, kam es etwas heiser über meine Lippen, woraufhin Tom den Kopf hob und leicht lächelte.
„Hey!“, antwortete er leise, und mir fiel erneut auf, wie dünn er in letzter Zeit geworden war, sein Gesicht war regelrecht eingefallen. Doch zumindest war ein Hauch des Glitzerns in seinen Augen wieder erkennbar, was mich schon mal ein Stück weit beruhigte.
„Komm rein!“, meinte ich nur und trat zur Seite, damit er eintreten konnte. Tom folgte meiner Aufforderung und ging langsam an mir vorbei.
„Tut mir Leid, dass ich zu früh bin, aber… Nun ja, ich bin schon fast ne halbe Stunde vor deinem Haus rumgelatscht und naja…“ Ich begann wieder zu grinsen, während er wieder verlegen auf seine Schuhe schaute.
„Kein Problem, das Essen dauert halt noch… Oh Scheisse!“ Blitzartig hatte ich mich umgedreht und war in die Küche gestürmt, aus welcher mir schon ein leichter Geruch nach Verbranntem entgegen schlug. Schnell zog ich die Pfanne mit dem Gemüse vom Herd und stellte die Pfanne direkt im Waschtrog ab, da der Inhalt nicht mehr wirklich erkennbar, sondern nur noch einheitlich schwarz war.
„OK, das Gemüse können wir also schon mal vergessen…“, meinte ich nur, während ich die Pfanne mit Wasser füllte, und hörte Tom glucksen, welcher in der Küchentür stehen geblieben war.
„Macht nichts.“, hörte ich ihn sagen, „Ich krieg momentan irgendwie sowieso kaum was runter…“
„Hmm..“, machte ich nur, während ich kurz die beiden anderen Töpfe kontrollierte und schliesslich vom Herd nahm. Ich schaute noch einmal kurz zu Tom, welchem die Sache relativ unangenehm zu sein schien. Ich beschloss, nicht näher auf das ganze einzugehen, sondern stellte einfach die Pfannen auf den bereits gedeckten Tisch und setzte mich, Tom dabei heran winkend.
Dieser liess sich auf den leeren Stuhl neben mir sinken und belud zögerlich seinen Teller.
„Ich hoffe, es ist essbar…“, meinte ich, während ich mir die erste Gabel voll in den Mund schob. Auch Tom begann zu essen, wenn auch für seine Verhältnisse viel zu langsam. Besorgt beobachtete ich ihn aus den Augenwinkeln, bis er schliesslich nach nicht mal der Hälfte sein Besteck auf den Teller legte und diesen von sich schob.
„Schmeckts nicht?“, fragte ich vorsichtshalber nach, doch er schüttelte sofort heftig den Kopf.
„Nein, es schmeckt gut. Ich hab nur nicht so wirklich Hunger…“, murmelte Tom und starrte vor sich hin. Ich schob mir die letzte Ladung in den Mund, bevor ich meinen Teller ebenfalls von mir schob.
„Schon OK.“, meinte ich – vielleicht hätten wir besser vor dem Essen geredet…
„Wollen wir ins Wohnzimmer?“, fragte ich dann, woraufhin Tom nickte und aufstand. Kurz half er mir, den Tisch abzuräumen, und dann machten wir es uns auf meinem Sofa bequem.
Für einige Zeit sassen wir einfach nur da und schwiegen uns an. Schliesslich ergriff Tom das Wort.
„Ich hab nachgedacht.“, meinte er leise und rutschte unruhig auf dem Sofa herum, woraufhin mich irgendwie ein ungutes Gefühl beschlich.
„Naja, es ist viel passiert in den letzten Monaten.“, fuhr er weiter, „Und vor allem hast du mich in letzter Zeit oft verletzt… Eigentlich hätte ich jeden Grund, um dich in die Wüste zu schicken…“ Mir rutschte das Herz in die Hose.
„Klar, sicher habe ich mich auch nicht immer perfekt verhalten… Aber naja…“, er rutschte ein Stück näher an mich heran, was ich im ersten Augenblick jedoch gar nicht realisierte, da ich solche Angst davor hatte, was nun als nächstes kommen würde. Ich zuckte erschrocken zusammen, als ich auf einmal seine Hand auf meinem Knie spürte.
„Aber ich finde, wir sollten es nochmal versuchen, quasi ganz von vorne anfangen… Ich hab es auch Villi erzählt, und naja, er steht auf jeden Fall hinter uns, falls Mika Terror machen würde… Und das restliche Team bestimmt auch…“
Ich sah ihn einen Moment lang ungläubig an, wobei mein Grinsen immer breiter wurde. Auch Tom lächelte mich – wenn auch noch etwas unsicher – an, und ich konnte schliesslich einfach nicht anders, als ihn in meine Arme zu ziehen und zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit wieder zu küssen.
Toms Sicht:
Ich war so glücklich wie schon lange nicht mehr, als ich Kennys Lippen endlich wieder auf meinen spürte und wehrte mich auch nicht, als er mich, ohne den Kuss zu lösen, sanft rückwärts runter aufs Sofa drückte, sodass er halb auf mir lag. Die Nähe fühlte sich einfach viel zu gut an, ich seufzte leise in den Kuss. Nun würde alles gut werden, hoffentlich… Zwar würde nun noch einiges auf uns zukommen, was das Einweihen der Teamkollegen und ähnliches betraf, doch um darüber nachzudenken würden wir später noch genug Zeit haben – nun wollte ich erstmal einfach nur geniessen. Ich versuchte, an gar nichts mehr zu denken und versuchte mich einzig und alleine auf den Kuss zu konzentrieren – als mein Magen auf einmal ein ziemlich lautes Knurren von sich gab. Kenny unterbrach unseren Kuss, sah mich erstmal überrascht an und lachte dann los, bis er schliesslich sanft über meinen Bauch strich.
„Da ist wohl einer der Meinung dass du doch noch nicht wirklich genug gegessen hast.“, meinte er noch immer breit grinsend. Ich wandte verlegen meinen Blick ab.
Daraufhin kletterte Kenny von mir runter, murmelte ein „Warte mal kurz…“ und wuselte aus dem Wohnzimmer, wobei ich ihm leicht verwirrt nachguckte. Ich hörte ihn in der Küche hantieren, und gleich darauf kam er auch schon wieder mit einer kleinen Schüssel in der Hand zurück. Damit kniete er sich grinsend wieder über mich und meinte nur: „Mund auf!“ Noch immer etwas irritiert folgte ich der Anweisung.
„Und jetzt Augen zu.“ Ich gehorchte, und gleich darauf fühlte ich etwas kühles an meinen Lippen, woraufhin sich der Geschmack von Schokopudding in meinem Mund breit machte. Ich fing an zu grinsen, öffnete die Augen und sperrte artig erneut den Mund auf, als ich Kenny sah. Dessen Grinsen wurde breiter, und natürlich folgte er meiner stummen Forderung. So ging das Spielchen weiter, viel zu schnell war die Schüssel leer, wir hatten einiges zu lachen und ein Teil des Inhalts war natürlich auch auf meinem T-Shirt gelandet. Kenny starrte auf die braunen Flecke und grinste dann.
„Das nächste Mal zieh ich dich wohl vor solchen Aktionen besser aus.“, meinte er.
„Darfst du auch jetzt noch…“, meinte ich nur und legte meine Hand in seinen Nacken, um ihn in einen Kuss zu ziehen.
Natürlich liess er sich das nicht zweimal sagen, und ich spürte, wie sich seine Hände langsam unter mein Shirt schlichen, während unser Kuss immer leidenschaftlicher wurde. Schon kurz darauf war ich mein Oberteil los, bald darauf auch meine Hose, und auch Kenny hatte schlussendlich nichts mehr an ausser seinen Boxershorts. Und auch diese waren schlussendlich recht schnell verschwunden, ebenso meine… Wir kamen uns so nahe wie schon lange nicht mehr, und irgendwie fühlte es sich einfach ganz anders an als zuvor; keine Angst, erwischt zu werden, kein Gefühl dass es irgendwie falsch war, was wir taten… Es war einfach nur perfekt. Noch lange lagen wir eng aneinander gekuschelt da, genossen einfach nur die Nähe zum jeweils anderen.
Irgendwann meldete sich dann diesmal Kennys Magen zu Wort, und so machten wir uns über die Reste des Mittagessens her. Zum ersten Mal seit langem hatte ich wieder so richtig Apetit, war jedoch dennoch vorsichtig, nicht dass mein Magen wieder rebellieren würde wie damals nach dem Springen…
Danach kuschelten wir uns wieder aufs Sofa und Kenny schaltete den Fernseher ein, doch ich bekam nicht wirklich mit, was lief, sondern hatte mein Gesicht in Kennys Halsbeuge vergraben und genoss seine Hände, welche sanft über meinen Rücken strichen. Irgendwann döste ich weg und wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis ich wieder aufwachte. Ich sah kurz zu Kenny, welcher gegen das Einschlafen ankämpfte und mich nur müde anlächelte.
„Bett?“, murmelte ich nur und richtete mich auf. Von Kenny kam nur ein zustimmendes Brummeln, woraufhin ich aufstand und seine Hand nahm. Ich zog ihn hoch, und wir schlurften in sein Schlafzimmer. Ich liess mich aufs Bett fallen und zog ihn dann zu mir. Sofort kuschelten wir uns wieder aneinander und schafften es gerade noch, irgendwie die Decke über uns zu wursteln, bevor wir einschliefen.
Als ich am nächsten Morgen langsam wach wurde, war das erste, was mir bewusst wurde, die Tatsache, dass ich mich einfach gerade nur absolut sicher und geborgen fühlte, eigentlich so gut wie noch nie. Mein Kopf ruhte auf Kennys Brust, welche sich langsam und regelmässig hob und senkte. Kurz richtete ich mich ein Stück auf, um ihn anzusehen. Er schlief noch immer, doch auch er wirkte absolut zufrieden und hatte ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Ich legte mich neben ihn, mein einer Arm über seinen Oberkörper gelegt, und stützte mit dem anderen meinen Kopf auf, um ihn noch ein wenig beim schlafen beobachten zu können. Dabei kam mir der Gedanke, dass ich am liebsten jeden Morgen in seinen Armen aufwachen würde; wer weiss, vielleicht würde das ja nun möglich sein… Eine leichte Berührung an meiner Wange holte mich wieder aus meinen Gedanken, und ich stellte fest, dass Kenny mittlerweile ebenfalls wach war.
„Hey! Na, gut geschlafen?“, murmelte er noch ziemlich verpennt und strich mir durch die Haare.
„So gut wie schon lange nicht mehr.“, antwortete ich nur lächelnd, bevor ich meinen Kopf erneut auf seine Brust sinken liess.
Epilog; Kennys Sicht:
Ich liess mich neben Tom in den freien Stuhl im Wartebereich des Flughafens fallen und griff nach seiner Hand.
„Ist dir kalt?“, fragte ich und sah ihn leicht besorgt an. Tom hatte die Augen geschlossen,seine Beine an den Körper und seine Jacke über sich gezogen. Auch seine Hand fühlte sich ziemlich kalt an. Doch er brummte nur kurz, öffnete seine Augen ein winziges Stück und liess dann seinen Kopf gegen meine Schulter sinken. Ich legte meinen Arm um ihn.
„Nur müde…“, murmelte er, und ein leichtes Grinsen legte sich auf seine Lippen, „Immerhin haben wir letzte Nacht ja nicht sonderlich viel Schlaf abbekommen.“ Nun musste auch ich grinsen, und Tom kuschelte sich noch etwas näher an mich heran, sofern es die doofe Armlehne zwischen uns zuliess, und seine Hände schlichen sich unter mein T-Shirt. Ich lehnte meinen Kopf vorsichtig gegen Toms und schloss meine Augen ebenfalls für einen Moment.
„Boah, ey, könnt ihr nicht wenigstens in der Öffentlichkeit mal eure Finger voneinander lassen?“
Ich öffnete widerwillig ein Auge und sah einen breit grinsenden Villi vor uns stehen.
„Ähm, nein?“, murmelte Tom neben mir nur und schloss seine Augen wieder.
„Naja, ich freu mich ja für euch und hab auch kein Problem damit, aber vielleicht sollte es ja trotzdem nicht gleich die ganze Welt mitkriegen, dass ihr zusammen seid…“, meinte Villi nur und zuckte dann mit den Schultern.
„Aber naja, ich hol mir dann mal nen Kaffee.“, meinte er nur, und beim Wort Kaffee meldete sich wie auf Kommando mein Magen. Fürs Frühstück hatte es heute früh mal wieder nicht mehr gereicht…
„Warte, ich komme mit!“, meinte ich nur, was mir einen leicht empörten Blick von Tom einbrachte, und stand dann auf, woraufhin ich kurz zu ihm sah. „Willst du auch was?“
Und obwohl Tom den Kopf schüttelte, beschloss ich, ihm trotzdem was mitzubringen. Zwar hatten wir die Sache mit dem Essen wieder mehr oder weniger im Griff, aber in gewissen Situationen musste er immer noch dazu überredet werden…
Mit wenigen Schritten hatte ich Villi eingeholt, der mich kurz angrinste.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals sagen würde, aber irgendwie… ihr seit echt süss zusammen!“ Ich antwortete nicht, grinste nur weiterhin vor mich hin.
„Als wir kurz darauf zurückkamen, war der Sitz, auf dem Tom zuvor gesessen hatte, leer. Ich liess mich wieder auf meinen Sitz von vorher fallen und stellte die beiden Kaffeebecher auf den leeren Stuhl, während ich mir mein Brötchen aus der Tüte angelte und dieses zu essen begann. Kurz darauf liess sich Mika auf Toms vorherigen Stuhl sinken und begann, mir irgendwas über das letzte Training zu erklären. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, denn in meinen Augenwinkeln sah ich, das Tom gerade wieder in unsere Richtung unterwegs war, und war gespannt, was nun passieren würde.
Tom blieb für einen Moment unschlüssig vor uns stehen, wobei Mika ihn noch nicht mal bemerkt zu haben schien. Schliesslich begann er zu grinsen, trat näher und setzte sich einfach seitwärts auf meinen Schoss, schlang seinen Arm um mich und griff nach meinem Kaffee, den ich auf der Armlehne abgestellt hatte. Mika verstummte abrupt und starrte uns leicht verwirrt und entsetzt an.
„Eyy, du hast deinen eigenen. Auf dem Boden!“, beschwerte ich mich und nahm ihm den Becher wieder aus der Hand, bevor er daraus trinken konnte, „Und in der Tüte ist noch n Brötchen für dich.“
„Danke!“ Tom drückte mir grinsend einen Kuss auf die Wange, bevor er sich bückte und nach den besagten Gegenständen griff.
„Ähm, ja, also… wir reden später.“, stammelte Mika schliesslich vor sich hin, stand auf und schien es mit einem Mal ziemlich eilig zu haben von uns weg zu kommen. Tom und ich schauten uns nur kurz an und lachten dann los.
Nach einer Weile hatten wir uns wieder beruhigt, und Tom nahm erstmal einen Schluck von seinem Kaffee, bevor er sich wieder an mich lehnte.
„Daran muss er sich wohl noch gewöhnten.“, meinte er dann, und ich nickte nur zustimmend.
„Japs, muss er.“, meinte ich nur und vergrub mein Gesicht kurz in seiner Halsbeuge.
„Aber denkst du, Villi hat recht?“, kam es schliesslich leicht unsicher von Tom, „Ich meine, dass wir vorsichtiger sein sollen in der Öffentlichkeit und so…“ Ich schüttelte den Kopf.
„Nein. Von mir aus kann es gerne die ganze Welt erfahren, dass ich dich liebe. Ist doch scheissegal.“ Tom grinste.
„Stimmt, scheissegal.“, grinste er, während sich seine Hand in meinen Nacken legte und mich dort leicht kraulte. Ich seufzte nur leise, bevor sich unsere Lippen zu einem langen Kuss trafen.