Jurij/Pero Teil 4

Plötzlich konnte ich Schritte hören, drehte mich jedoch nicht um. Atmete ein letztes mal tief durch, machte mich bereit.
“ Jurij? Hey, was machst du denn hier? Schön dich zu sehen! “ Cene, Peros kleiner Bruder, wie ich an der Stimme erkennen konnte. Doch ich antwortete nicht, lockerte meinem Griff um die Stange und rutschte ein wenig nach vorne. Gleich würde alles vorbei sein.
“ Was zur… Du willst doch nicht… Jurij, nein!“ Ich ignorierte Cenes panischen Worte, die schnell näher kommenden Schritte. Rutschte weiter nach vorne, umfasste erneut die Stange um mich besser abstoßen zu können. Gleich würde ich frei sein. Ich schloss meine Augen.
War bereit zum fliegen, ein allerletztes Mal.

***

Von irgendwo her konnte ich Stimmen hören. Mein Kopf dröhnte, ein schmerzvolles Stöhnen kam leise über meine Lippen. Die Stimmen um mich herum verstummen.
“ Er wacht auf! Jurij? Jurij, kannst du uns hören? “
Ich versuche meine Augen zu öffnen, doch das Licht war zu hell, sodass ich sie sogleich wieder zusammen kniff. Ich spürte eine Berührung an meinem Arm, jemand strich mir über die Wange.
„Jurij?“ Die Stimme meiner Mutter. Erneut startete ich einen versuch die Augen zu öffnen. Das gleißende Licht verschwand, ich konnte verschwommene Gestalten erkennen. Dann wurde es etwas schärfer. Offensichtlich war ich in einem Krankenhaus, und um mich herum saßen meine Mutter und meine Schwester. Mein Kopf schmerzte leicht.

“ Was… was ist passiert?“, wollte ich wissen und begann, meine Schläfen zu massieren. Vielleicht würde das meine Kopfschmerzen etwas lindern. Mama und Anja sahen sich kurz ernst an, Mama seufzte.
“ Du… Du wolltest dir das Leben nehmen… von der Schanze springen. Cene konnte dich im letzten Moment vom Geländer ziehen. Allerdings hat du dich dabei schwer am Kopf verletzt, wir wussten lange nicht ob du es schaffst.“ Mamas Blick richtete sich gegen die Wand, ich merke wie sie gegen die Tränen kämpfte. Ich drückte ihre Hand, die noch immer meine festhielt. So langsam kamen auch bei mir die Erinnerungen zurück.

„Wie lange hab ich geschlafen? „, wollte ich dann wissen.
“ Fast drei Monate.“, meinte Anja und ergriff nun meine andere Hand. Also musste es nun irgendwas kurz vor Weihnachten sein und der Weltcup somit in vollem Gange.
Plötzlich ging die Zimmertür auf und eine Krankenschwester betrat das Zimmer. Sie sah mich überrascht an, wandte sich dann an meine Mutter und stürmte gleich darauf wieder aus dem Zimmer, um dann in Begleitung eines Arztes und zwei weiteren Schwestern wiederzukommen.
“ Wie fühlen sie sich?“, wollte der Arzt wissen, während er mit einer Lampe in mein Auge leuchtete. Die Schwestern man unterdessen meinen Blutdruck, den Puls ab und untersuchten einige andere Dinge.

“ Müde, und ich hab Kopfschmerzen. „, antwortete ich. Konnten die mich nicht einfach weiter schlafen lassen? Am liebsten für immer… Denn so langsam kamen die Erinnerungen zurück. An Pero, an Urban, an Pero und Urban. Am Dinge, die ich am liebsten vergessen hätte. Die der Grund waren wieso ich nun überhaupt hier lag. Ich wandte meinen Kopf ab und starrte zum Fenster. Der Arzt und die Schwestern verließen das Zimmer wieder. Erneute ergriff meine Mutter meine Hand und drücke sie leicht.
“ Pero und Urban haben uns erzählt was passiert ist.“, meinte sie nur. Ich nickte nur. Ich reagierte nur noch knapp auf das, was Anja und Mama sagten, und schließlich lesen Sie mich in Ruhe. Auch wurde mein Wunsch, außer von meiner Familie keinen Besuch zu erhalten, zum Glück respektiert. Obwohl ich am liebsten gar niemanden gesehen hätte.

Nach einigen Tagen, in denen ich beobachtet und zig mal untersucht wurde, wurde ich schließlich in eine psychiatrische Klinik verlegt. Begeistert war ich nicht, aber vielleicht konnten sie mir ja wirklich helfen. Und tatsächlich war es gar nicht so schlecht. Vor allem die Antidepressiva, die ich nun nicht mehr verweigerte, erfüllten ihren Zweck. Meine Karriere konnte ich nun wohl sowieso endgültig vergessen. Und irgendwie empfand ich das mittlerweile als gar nicht mehr so schlimm. Ich dachte nach, führte viele gute Gespräche, und schließlich schmiedete ich Pläne. Erstmal mein Studium beenden, nen Job suchen, und nebenbei als Hobby weiterhin freizeitmässig Autorennen und Rallyes fahren. Von Skispringen wollte ich eher Abstand halten, auch zu den Leuten die ich dadurch kannte. Das würde wohl erstmal das Beste sein.

So fuhr ich nach einigen Wochen nach hause und war voller neuen Hoffnungen. Tatsächlich verlief auch alles nach Plan, zumindest anfangs. Ich ging zur Uni, fuhr Auto, brach den Kontakt zu den Skispringleuten mehr oder weniger ab und lebte vor mich hin. Es war nicht perfekt, aber okay. Meine Familie unterstütze mich so gut es ihnen möglich war. Und dennoch -es fehlte einfach irgendwie was. Ich versuchte es zu ignorieren, mich abzulenken,doch so richtig klappte es irgendwie nicht. Ich begann vom Skispringen zu träumen, versuchte es zu ignorieren, konnte jedoch irgendwann kaum noch an etwas anderes denken. Was sollte ich tun? Ich redete mit meiner Familie, die mir schließlich riet es doch einfach zu versuchen. Und so griff ich schließlich zum Telefon und rief Goran an.

***

So mache ich mich einige Tage später auf den Weg nach Planica. Ich würde mit einigen Nachwuchsspringern trainierten und gucken was überhaupt noch ging. Ich hoffte ich würde überhaupt noch in meinen Sprunganzug passen. In meinem Bauch fing es an zu kribbeln, als die Schanzen in Sichtweite kamen. Ich stellte meinen Wagen auf den Parkplatz, beobachtet von einer Gruppe Jungs, die auf ihren Trainer warteten. Darunter auch Peros Bruder Domen, sowie einige andere, die ich vom sehen kannte.
Sie wirken überrascht, als ich auf sie zu ging. Domen kam mir entgegen.
“ Was machst du denn hier?“, wollte er wissen und schien sich zu freuen mich zu sehen. Etwas überrumpelt erwiderte ich seine Umarmung.

Ich erklärte ihnen kurz was ich vorhatte. Die „Kleinen“ waren begeistert, vor allem Domen hörte gar nicht mehr auf zu strahlen und wich mir nicht von der Seite. Während meiner Beziehung mit Pero hatte ich viel Zeit bei ihm Zuhause verbracht und mich auch immer sehr gut mit seinen Brüdern und dem Rest der Familie verstanden.
Schließlich tauchte der Trainer auf, und wir machen uns auf den Weg zur Schanze. Schnell stelle ich fest, dass meine Kondition auch schon besser gewesen war. Ansonsten verlief es aber gut, und dann ging es endlich ans springen. Auch dies verlief erstaunlich gut, ich konnte problemlos mit dem Nachwuchs mithalten, wenn auch noch nicht ganz an meine früheren Leistungen anknüpfen. Aber das war ja auch nicht verwunderlich.

So beendete ich zufrieden das erste Training und unterhielt mich danach noch kurz mit dem Trainer. Ich würde nun erstmal mit ihnen trainieren und dann weiter schauen. So mache ich mich auf den Weg zurück zu meinem Auto. Und es überraschte mich nicht wirklich, dass dort Domen auf mich wartete. Er grinste mich an.
„Nimmst du mich mit bis nach Selca?“, fragte er uns sah mich verlegen an. Ich zögerte kurz. Es wäre zwar nicht mal ein Umweg, ihm nach hause zu fahren, doch vermutlich würde mich der Kleine unterwegs komplett ausquetschen, und ich wusste nicht ob ich mir das antun wollte.
“ Bitte!“ Domens Dackelblick ließ mich weich werden, ich schloss den Wagen auf und deutete auf die Beifahrertür.
“ Spring rein. “

Zufrieden stieg Domen in den Wagen, ich tat es ihm gleich, und wir fuhren vom Parkplatz. Die ersten Kilometer fuhren wir schweigend, bis Domen sich schließlich räusperte.
„Ich finds cool dass du wieder trainierst. Und schade dass das mit Pero und dir nichts mehr ist.“
Ich klammerte mich am Lenkrad fest.
„Denkst du das könnte nochmal was werden? Also zwischen euch? Ich würde mich echt freuen.“
Ich zuckte mit den Schultern, schüttelte dann aber den Kopf.
„Schade…“
„Ist Pero noch mit Urban zusammen?“,wollte ich dann wissen. Domen schüttelte den Kopf.
„Waren sie eigentlich auch nie… Er sagt dass das eigentlich nur ein Unfall war und nie hätte passieren sollen. Ich glaube er liebt immer noch dich…“

Ich starrte auf die Straße.
„Und Cene macht sich Vorwürfe weil du dich wegen ihm so schwer verletzt hat.“
„Das braucht er nicht. Immerhin hat et mir das Leben gerettet.“
Domen nickte.
„Das sagen wir ihm auch immer, aber es bringt nichts. Vielleicht solltest du es ihm selber sagen. Er ist Zuhause, er hat sich letztens das Knie verletzt.“
Ich nickte, eigentlich keine schlechte Idee. So gesehen hatte ich ihm ja viel zu verdanken. Domen wirkte zufrieden und ließ mich die restliche Fahrt zu ihm nach Hause in Ruhe. Ich wurde etwas nervös, als wir schließlich das Haus der Familie Prevc erreichten. Domen sprang aus dem Wagen, und ich folgte ihm zur Haustür. Etwas zögernd folgte ich ihm hinein.

“ Mama? Jurij ist da.“, verkündete er fröhlich, während wir Jacken und Schuhe auszogen. Julijana, seine Mutter, kam aus der Küche und schloss mich erstmal fröhlich in die Arme. Ich war überrascht wie freudig ich hier immer noch begrüßt wurde, obwohl die Zeit, in der ich hier ein und aus gegangen war doch schon eine Weile her war. Wir wechselten einige Worte, als ich Schritte und das Geräusch von Krücken auf dem Laminatboden hörte. Ich sah mich um und erkannte Cene, der in der Wohnzimmertür aufgetaucht war. Er wirkte unsicher und schien nicht zu wissen wie er reagieren soll.
Ich ging schließlich auf ihn zu und umarmte ihn. Cene erwiderte die Umarmung nach kurzem zögern. Dann deutete ich auf sein Knie.
“ Was hast du angestellt?“, wollte ich wissen.

Cene grinste verlegen, und hinter uns begann Domen zu lachen.
„Was ähnliches wie du damals in Klingenthal. Ich musste mich etwas beeilen und bin zum Lift gerannt und dann ausgerutscht. Knie verdreht, Aussenband angerissen.“
Nun musste auch ich lachen. Tatsächlich hatte ich damals einen ähnlichen Unfall. Dieser hatte schlussendlich auch dazu geführt das alles war wie es jetzt war.
Julijana, die wieder zurück in die Küche gegangen war, steckte ihren Kopf in den Flur.
“ Jurij, bleibst du zum Abendessen?“, wollte sie wissen.
“ Okay, gerne.“ Irgendwie war es schön mal wieder hier zu sein. Ich verzog mich mit Cene und Domen ins Wohnzimmer, während sie das Essen fertig kochte. Kurz darauf kam auch Papa Dare mit Ema und Nika, den beiden jüngsten, nach Hause, welche mich ebenso herzlich begrüßten wie Julijana und die Jungs.

Als ich einige Stunden später nach Hause fuhr, war ich so gut drauf wie schon lange nicht mehr. Es war schön wieder einmal Zeit mit der Familie Prevc zu verbringen, auch ohne Pero. Ich trainierte weiterhin in Domens Gruppe mit, obwohl ich schon bald zu gut dafür wurde. Aber ich war unsicher ob ich wirklich wieder Wettkämpfe springen wollte. Diese Saison noch einzusteigen hätte sowieso nicht viel Sinn gemacht. Es wurde zur Gewohnheit Domen nach dem Training nach Hause zu fahren, manchmal auch abzuholen, und nach einiger Zeit trainierte und fuhr auch Cene mit uns mit.
Eines Tages kamen wir Wie gewohnt nach Hause . Es war niemand da, und so starteten Domen und ich direkt ins Wohnzimmer durch uns machten es uns auf dem Sofa gemütlich, während Cene in der Küche verschwand um etwas zu trinken zu organisieren. Die beiden hatten irgend einen neuen Film, den sie mir unbedingt zeigen wollten.

Wir hatten gerade einige Minuten geschaut, als wir die Haustür hörten, uns jedoch nicht wirklich Gedanken darum machten. Als ich jedocheine mir wohl bekannte stimme hörte erstarrte ich. Und tatsächlich erschien gleich darauf Pero in der Wohnzimmertür. Er erstarrte als er mich sah. Ebenso unbeweglich erwiderte ich seinen Blick. Auch Domen und Cene, die scheinbar nicht gewusst hatten dass ihr Bruder zurückkommen würde, wirkten leicht schockiert. Erst Julijana, die ebenfalls ins Wohnzimmer kam und uns fröhlich begrüßte, durchbrach die angespannte Stimmung. Wie ein Roboter stand ich auf, murmelte dass ich nach Hause müsse und ging dann zur Tür, in welcher Pero immer noch stand. Als ich mich an ihm vorbei quetschen wollte packte er mich jedoch am Arm.

Ich fühlte mich völlig wehrlos, als er mich hinter sich her die Treppe hoch zog, in sein Zimmer bugsierte und die Tür hinter uns abschloss. Dann blieb er davor stehen, damit ich auf keinen Fall flüchten konnte. Ich starrte auf den Boden.
„Jurij…“ Ich schaue auf. Ich erschrak fast etwas wegen seiner Stimme und die Art wie er meinen Namen aussprach. Er trat auf mich zu und blieb direkt vor mir stehen. Ich betrachtete meine Schuhe, unsicher was mich nun erwarten würde.
„Ich… es tut mir leid. Ich weiß nicht wie das passieren konnte, mir Urban. Ich wollte ihn eigentlich nur zur Rede stellen, weil ich wusste dass er dich betrügt. Ich hatte ihn zuvor beim knutschen mit nen anderen Kerl erwischt.“

Ich schwankte, mir war als hätte mir jemand einen Schlag verpasst. Ich wusste das Pero die Wahrheit sagte, wieso auch immer…
„Und dann mach ich selber mit ihm rum, ich bin so bescheuert.“, murmelte er dann, „Dabei liebe ich doch immer noch dich…“ Ich sah auf, nun war er es, der auf seine Füße starrte. Ich trat auf ihn zu bis ich direkt vor ihm stand. Pero schielte hoch. Irgendwie musste ich grinsen, dann legte ich Pero meine Hand auf die Wange. Nun hob auch er grinsend den Kopf. Für einen Moment sahen wir uns einfach nur in die Augen, wartete ab dass der andere etwas tat. Schließlich überwand ich mich, machte den letzten Schritt auf ihn zu und legte meine Lippen auf seine.

Es fühlte sich an wie bei unserem ersten Kuss, in meinem Bauch kribbelte es wie blöd und wir konnten gar nicht mehr aufhören. Ich schlang meine Arme um Pero, presste mich so nahe wie möglich an ihn und war erleichtert, dass ich die Nähe zu ihm wieder zulassen und sogar wieder genießen konnte. Vielleicht war unsere „Beziehungspause“ so gesehen gar nicht so schlecht gewesen.
Als wir einige Zeit später Hand in Hand, mit verwuschelten Haaren und roten Wangen, aus dem Zimmer kamen, fanden wir davor Domen und Cene, welche verlegen zurück sprangen und beteuerten, sie wären nur zu meiner Sicherheit geblieben um zu verhindern dass Pero mir etwas antun würde. Natürlich bedankte ich mich erst mal lachend dafür.

Kurz darauf erfuhren wir, dass Urban gekündigt hatte um als Physiotherapeut nur noch bei seinen Kanu- und K ajakfahrern arbeiten zu können. Ich beschloss schließlich doch wieder mit dem A-Team zu trainieren und hoffte die kommende Saison unfallfrei zu überstehen. Vor allem aber machen Pero und ich alles, damit unsere Beziehung nicht nochmal zerbrach. Und es schien zu klappen. Wie redeten mehr als zuvor, über alles was uns beschäftigte und das zwischen uns gefährden könnte. Dieses mal wollten wir es uns nicht nochmal kaputt machen lassen. Und es funktionierte. Wir zogen schließlich wieder zusammen, und es klappte besser als jemals zuvor.
So zogen wir im folgenden Jahr wieder gemeinsam in den Weltcup, um sowohl miteinander für unsere Beziehung als auch gegeneinander um den Gesamtweweltcup zu kämpfen. Und in Zukunft alle Höhen und Tiefen gemeinsam zu überstehen.

Jurij/Pero Teil 3

Die Tür knallte ins Schloss, und ich liess mich seufzend auf die Bank zurücksinken. Kurz vergrub ich mein Gesich in den Händen, atmete tief durch und stand dann auf. Dann verliess ich die Umkleidekabine, aus welcher Pero wenige Sekunden vorher gestürmt war. So langsam verlor ich die Hoffnung daß es wieder so werden würde wie letzten Sommer. Wir konnten kaum noch miteinander reden ohne dass es aus irgend einem nichtigen Grund im Streit endete.v

Seit der Sache mit dem Physiotherapeuten fiel es mir schwer Nähe zuzulassen, obwohl das Ganze schon mehr als ein halbes Jahr her war. Die Psychologin half mir zwar das ganze im Kopf zu verarbeiten, doch gegen die Panik wenn mich irgendwer anfasste, leider auch bei Pero, konnte auch sie nichts machen… Logisch dass unser Liebesleben dadurch völlig eingeschlafen war… Küssen ging gerade noch so, auch durfte er mich mittlerweile wieder im Arm halten, doch alles was darüber hinaus ging klappte nicht. Ein paar mal hatte ich versucht es einfach über mich ergehen zu lassen, doch dabei kamen sofort Erinnerungen an da Geschehene zurück. Ich versuche zwar es auszuhalten, doch brach Pero das ganze dann ab weil es einfach keinen Sinn machte.

Und ich verstand natürlich daß diese Situation für ihn frustrierend war, doch tun konnte ich auch nichts dagegen. Ich merke daß er auch an sich zweifelte, auch wenn ich ihm noch so oft versicherte dass es nicht an ihm lag. Eigentlichüberraschte es mich fast dass wir überhaupt noch zusammen waren und er sich nicht schon länger jemanden anderes gesucht hatte. Andererseits war ich ihm mehr als dankbar dafür. Und ich hatte schreckliche Angst davor ihn zu verlieren. Doch so oft wie wir uns momentan stritten würde es wohl nicht mehr allzu lange dauern bis er doch genug von mir haben würde… was ich ja auch verstand. Trotzdem…

Als letzter betrat ich den Fitnessraum und schloss die Tür hinter mir so leise wie möglich. Bloss nicht auffallen. In letzter Zeit War es oft so dass ich mich am liebsten unsichtbar gemacht hätte. Ich fühle mich als ob mich alle anstarren würden, obwohl mir schon einige Leute versichert hatten dass ich mir das nur einbilde. Doch es half nichts, das komische Gefühl blieb. Hätte Pero mich nicht immer mitgeschleppt wär ich wohl kaum noch aus dem Haus gegangen… Auch das essen bereitete mit wieder Probleme, auch hier half mir Pero dass es nicht allzu schlimm wurde. Wie sollte es aber mit mir weiter gehen wenn er weg war…?

Da Training begann, wir sollten als erstes eine runde laufen gehen. So verließen wir das Gebäude und joggten los. Ich steckte mir meinen Ohrstöpsel ins Ohr und lief mit etwas Abstand hinter den anderen her. Diese hatten sich wohl bereits damit abgefunden dass ich lieber alleine war und versuchen gar nicht mehr wirklich Kontakt mit mir aufzunehmen. Natürlich wussten alle was passiert war, zum Glück fragte jedoch niemand danach. Ich wusste nicht ob Pero ihnen irgendetwas erzählt hatte; vermutlich schon…

Irgendwas war an diesem Tag seltsam, obwohl wir nur gemütlich vor uns hin joggten bekam ich kaum Luft, bekam Seitenstechen und fiel zurück. Irgendwann verlangsamte ich mein Tempo, versuche tief durch zu atmen und die Schmerzen durch dehnen weg zu bekommen, doch es half nicht. Mein Herz raste als ich einige Zeit nach dem restlichen Team am der Schanze ankam. Keiner schien wirklich bemerkt zu haben dass ich ein Problem hatte. Erst als mich unser Trainer besorgt musterte und fragte ob alles okay is, drehten sich einige Köpfe überrascht zu mir. Ich schüttelte nur den Kopf, eine Hand in die Seite gepresst und die Zähne zusammen gebissen.

Daraufhin wurde ich erst mal zu Urban geschickt. Etwas besorgt machte ich mich auf den Weg. Immerhin durfte mich nicht mal mein Freund wirklich anfassen, und unser Physiotherapeut würde wohl kaum drum herum kommen dies zu tun…Ich schlich geradezu zu seiner Praxis und zögerte, bevor ich anklopfte. Die Tür wurde geöffnet und Urban stand vor mir. Sein Grinsen verging ihm sogleich als er mich ansah.
„Komm rein, was ist passiert? „, wollte er wissen und ging zu seiner liege, auf welche er einladend klopfte. Noch immer zögernd betrat ich den Raum und setzte mich.

„Ich weiß nicht, wie waen joggen, und plötzlich hab ich Seitenstechen bekommen und konnte kaum noch atmen.“, erklärte ich leise und starrte auf meine Knie. Urban trat vor mich, ich fing an mich zu verkrampfen.
„Tut mir leid, da komme ich jetzt wohl nicht herum…“, murmelte er, bevor er vorsichtig seine Hände auf meine Seiten legte. Kurz zuckte ich zusammen, sah Urban jedoch gleich darauf überrascht an. Seltsamerweise machte mir seine Berührung überhaupt nichts aus, im Gegenteil, es begann sogar leicht zu kribbeln in meinem Bauch. Urban lächelte.

„Alles okay? „, wollte er wissen. Ich nickte nur leicht, zu sehr verwirrte mich diese Situation.
„Okay, das wird jetzt wohl kurz etwas weh tun.“, murmelte er. Gleich darauf biss ich erneut meine Zähne zusammen und warf meinen Kopf in den Nacken. Doch nach wenigen Sekunden war der Schmerz und mit ihm auch meine Atemprobleme und das Seitenstechen verschwunden. Urban strich kurz über meine Seiten, sah mich fragend an, ließ seine Hände dabei jedoch liegen.
„Es ist weg, oder?“, wollte er wissen. Ich nickte nur, noch immer etwas ungläubig. Auch Urban nickte.
„Hab ich mir gedacht. Das passiert manchmal, ist jedoch nicht schlimm, wenn auch schmerzhaft und nervig. Aber nichts dramatisches, sofern du es nicht öfter hast.“

„War das erste mal. „, murmelte ich nur. Er nickte.
„Okay, dann wars da eigentlich auch schon.“, meinte er, „Allerdings würde ich das Training heute ausfallen lassen. Und auch die nächsten Tage eher Schonprogram.“ Kurz ließ er seinen Blick über meinen Körper wanden.
„Und etwas mehr essen dürftest du auch wieder.“
Erwischt. Ich senkte meinen Blick, nickte dann und stand auf.
„Uns wenn das nochmal passiert komm einfach noch mal her.“
Ich nickte nur, bedanke mich und verließ dann noch immer verwirrt die Praxis.

Kurz ging ich zurück in den Fitnessraum, um meinem Trainer Bescheid zu sagen, und machte mich dann auf den Weg zu meinem Auto. Ich setze mich auf den Fahrersitz und schaltete den Radio ein. Nach hause fahren konnte ich zwar noch nicht, weil Pero noch mit mußte, doch hier war gerade der beste Platz um ungestört nachzudenken.
Wieso konnte Urban mich anfassen, ohne dass ich durchdrehte, aber Pero nicht? War es nur eine Art Schutzreaktion meines Körpers um mir die höchstwahrscheinliche Trennung von Pero zu vereinfachen? Oder hatte ich unbewusst irgendwelche Gefühle für Urban entwickelt? Eigentlich war ich mir ziemlich sicherdas ich Pero liebte – noch… Doch hatte dieser auch noch gefühlte für mich? Konnte ich mir vorstellen mit Urban zusammen zu kommen falls das zwischen Pero und mir zerbrach? Vielleicht wollte er ja gar nichts von mir…

Seufzend ließ ich mich in den Sitz sinken und schloss für einen Moment meine Augen. Vor meinem inneren Auge tauchte Peros Gesicht auf, was mich erstmal beruhigte. Vielleicht hatte es auch gar nichts mit Urban zu tun und ich konnte ganz allgemein wieder Körperkontakt zulassen. Ja, so würde das wohl sein. Für einen Moment döste ich ein. Irgendwann hörte ich im Halbschlaf, wie sich die Autotür öffnete.
„Jurij?“, hörte ich Peros Stimme und öffnete meine Augen. Ich blinzelte und drehte mich dann zu Pero, dermitleidig dem Beifahrersitz Platz genommen hatte. Er musterte mich etwas besorgt. Ich lächelte leicht.

„Hey“, murmelte ich, gähnte und versuche mich zu stecken, sofern es der geringe Platz in meinem Wagen zuließ. Ich rieb mir die Augen.
„Alles okay mit dir?, wollte Pero wissen. Ich nickte nur.
„Urbi konnte mir helfen. War nichts schlimmes, nur was eingeklemmt. Ich muß mich nun die nächsten Tage etwas schonen, aber sonst alles okay.“
Pero nickte und wirkte erleichtert. Dann griff er nach meiner Hand und drücke sie kurz.
„Tut mir übrigens Leid wegen vor dem Training. „, meinte er.
„Schon okay. „, ich lächelte ihn an. War ja immerhin auch meine Schuld gewesen. Pero grinste zurück, ich drücke kurz seine Hand, und dann startete ich den Wagen.
Ich war mit sicher dass nun alles wieder werden würde wie vorher.

Wir machten uns auf den Weg nach Hause, kauften unterwegs noch kurz ein und erreichten schließlich unsere Wohnung, welche wir seit einiger Zeit teilten.
Unterwegs redeten wir kaum, doch es war nicht unangenehm. Die Stimmung war eher so entspannt wie schon lange nicht mehr. Zu Hause finden wir an zu kochen. Während Pero am Herd stand saß ich am Küchentisch und schnippelte Gemüse. Irgendwann beschloss ich zu testen ob meine neue Erkenntnis was Körperkontakt betraf stimmte. Ich stand auf, stellte mich hinter Pero und legte meine Arme um ihn. Pero zuckte kurz zusammen und schielte über seine Schulter zurück.

Ich drückte mich etwas fester an seinen Rücken und vergrub mein Gesicht in seiner Halsbeuge. Kurz horchte ich in mich herein. Mein Herz klopfte, doch eher vor positiver Aufregung. Und in meinem Bauch kribbelte es angenehm. Pero war wie erstarrt. Ich liess meine Hände über seinen Oberkörper gleiten, bis sie den Bund seiner Jeans erreichten und sich am Gürtel zu schaffen machten. Nun drehte sich Pero ruckartig um, ein leichtes zittern ging durch seinen Körper, etwas unsicher sah er mir in die Augen. Ich lächelte nur, legte meine Lippen auf seine und war einfach nur erleichtert. Schließlich schob mich Pero leicht von sich, schaltete den Herd aus und zog mich an der Hand hinter sich her ins Schlafzimmer.

Doch dort folgte ziemlich schnell dir Ernüchterung. Es ging so lange gut bis Pero sich an meiner Hose zu schaffen machte. Und dann waren die Bilder in meinem Kopf wieder da. Ich erstarrte, begann zu zittern und schob Pero von mir. Dann drehte ich mich zur Seite und vergrub erstmal mein Gesicht im Kopfkissen. Tränen stiegen mir in die Augen.
“ Es tut mir leid, ich dachte wirklich es geht wieder. “ , flüsterte ich ohne Pero dabei anzusehen. Dieser strich über meinen Rücken.
“ Schon okay. „, meinte er, auch wenn ich hören konnte das es nicht wirklich okay war. Dann stand er auf, verließ das Zimmer und verschwand im Bad. Ich brauche einen Moment um mich zu beruhigen, stand dann auf und ging zurück in die Küche.

Ich schaltet den Herd wieder ein und setzte mich wie in Trance wieder an den Tisch um mein Gemüse weiter zu schneiden. Irgendwann hörte ich die Klospülung. Pero kam wieder in die Küche. Er wuschelte mir kurz durch die Haare und ging dann zurück zum Herd. Obwohl er sich nichts anmerken lassen wollte merke ich genau wie in die Situation von eben frustrierte. Und so beschloss ich anzusprechen, was mir schon so lange im Kopf herum schwirrte und ich bisher versucht hatte zu verdrängen.
“ Vielleicht ist es besser wenn wir da zwischen uns, zumindest für eine Weile, beenden…“

***

Einige Tage waren seither vergangen. Ich war erst mal vorübergehend zu meinen Eltern zurück gezogen, Pero blieb in der Wohnung. Im Gegensatz zu mir schaffte er es, sich kaum etwas anmerken zu lassen. Ich hingegen funktionierte einfach nur noch, verdrängte jegliche gefühlte. Ich trainierte, tat etwas für mein Studium, sogar das essen funktionierte fast automatisch. Ich zog mich zurück, reagierte kaum auf Versuche meiner Freunde, mit mir Kontakt aufzunehmen. Irgendwann ließen Sie mich schließlich in Ruhe. Das war zwar auch nicht wirklich was ich wollte, doch es fiel mir leichter als mich gezwungenermaßen mit ihnen zu unterhalten oder ähnliches.

Irgendwann machte mir mein Körper dann jedoch einen Strich durch die Rechnung. Nicht nur das Seitenstechen und die Atemprobleme kamen zurück, es kamen auch noch heftige Krämpfe in meinen Beinen dazu. So kam es, dass ich mich schließlich erneut auf Urbans Liege wiederfand. Dieser sah mich besorgt an und riet mir, besser mal zum Arzt zu gehen. Dann mache er sich an die Arbeit. Und wie schon beim letzten mal schienen mir seine Berührungen nichts auszumachen. Im Gegenteil. Anfangs unterhielten wir uns noch ein wenig, wobei er auch wissen wollte ob ich noch mit Pero zusammen wäre. Was ich verneinte. Irgendwann fielen mir schließlich die Augen zu.

Erst ein leichtes Rütteln an meiner Schulter und eine Stimme, die wie in weiter Entfernung meinen Namen sagte, ließ mich schließlich langsam wieder zu mir kommen. Ich blinzelte verwirrt. Urbans Gesicht war über mir, er grinste amüsiert.
“ Na, gut geschlafen? „, wollte er wissen. Ich konnte nicht antworten, viel zu sehr faszinierten mich seine Augen. Urbans grinsen wurde breitet.
“ Jurij? Alles okay? “
Ich nickte nur leicht. Wusste nicht was mich daraufhin ritt, als ich einfach meine Hand in seinen Nacken legte, in zu mir zog und meine Lippen auf seine legte. Zu meiner Überraschung erwiderte er den Kuss, und in meinem Bauch breitete sich ein angenehmes kribbeln aus.

Tatsächlich klappte mit Urban fast alles wieder, was mit Pero am Schluß nicht mehr funktioniert hatte. Ich konnte es mir selber nicht erklären woran es lag, es tat mir auch unheimlich leid wegen Pero. Dieser akzeptierte das ganze jedoch und versuche sich für mich zu freuen, auch wenn es ihm schwer fiel. Doch die Freude über mein neues Glück warstärker als das schlechte Gewissen. So langsam fing alles an, sich wieder normal anzufühlen, und irgendwann konnte ich mich auch wieder normal mit Pero unterhalten, wie es vor unserer Beziehung gewesen war. Urban war einfach ganz anders als er, viel geduldiger und einfühlsamer. Vermutlich war das genau das was es brauchte damit ich wieder „normal“ wurde.

Nur mein Körper wollte leider noch immer nicht so ganz wie ich. Die Krämpfe hielten an, auch der Arzt fand nicht wirklich einen Auslöser dafür. Sämtliche Bluttests und ähnliches waren ergebnislos. Urban schaffte es zwar jedes mal mir zu helfen, jedoch wäre es einfacher gewesen das ganze vorzubegen. Andererseits genoss ich es natürlich auch dadurch mehr zeit mit meinem neuen Freund verbringen zu können.
Leider litten unter dem ganzen meine Sprünge, und mir graute schon davor, dass ich zu Hause bleiben musste wärend Urban mit dem Team in die neue Saison startete. Zumal es dann schon die zweite Saison wäre die ich größtenteils verpassen würde. Und ob es danach nochmal klappen würde…

Mit diesen und ähnlichen Gedanken mache ich mich eines Abends nach dem Training auf den Heimweg. Urban hatte mich zuvor noch behandelt, auch mir ihm hatte ich wie so oft darüber geredet, und er hatte mir Mut gemacht. Doch so richtig half es nicht.
Er selber hatte noch einige andere Patienten zu behandeln und musste noch bleiben, während ich schon mal fuhr um das Abendessen vorzubereiten. Noch immer war ich in Gedanken versunken, als ich der Straße in Richtung Kranj folgte. Plötzlich fiel mir etwas ein. Hatte ich mein Handy eingepackt? Bei der nächsten Gelegenheit fuhr ich an dem Straßenrand und griff in meine Hosentasche. Leer. Also lag es wohl noch bei Urban in der Praxis.

Also nochmal zurück. Zwar hätte Urban es mir bestimmt mitgebracht, doch was wenn er es auch nicht bemerkte? Ich hielt es zwar durchaus eine Weile ohne mein Handy aus, doch mit war mir schon lieber… also wendete ich und fuhr zurück in Richtung Schanze. Zum Glück war ich noch nicht allzu weit weg. Ich stelle mein Auto zurück auf den Parkplatz und ging hinüber zu dem Gebäude, in welchem sich Urbans Praxis befand. Dessen Tür stand ein Stück weit offen, und es brannte Licht. Ich hob meine Hand um dennoch kurz anzuklopfen, falls er bereits am behandeln wäre. Doch das was ich im Innern des Zimmers erblicktehätte mich wohl umdrehen und die Flucht ergreifen lassen, wenn ich vor Schreck nicht völlig erstarrt wäre.

In der Praxis waren Urban und Pero, gerade in einen ziemlich leidenschaftlichen Kuss vertieft, ebenfalls befand sich Urbans Hand bereits in Peros geöffneter Hose. Offensichtlich hatte ich vor Schreck doch irgend ein Geräusch von mir gegeben, den nun lösten sie ihren Kuss und sahen mich ungefähr genauso erschrocken an wie ich sie. Urban stieß Pero nun von sich und trat auf mich zu.
„Jurij, ich kann das erklären…“, begann er. Ich schüttelte jedoch nur den Kopf, trat an ihm vorbei und griff nach meinem Handy, das auf einem Schrank lag. Mittlerweile hatte Pero seine Hose wieder geschlossen.

Dann verliess ich ohne ein weiteres Wort den Raum. Ich hörte Urban noch meinen Namen rufen, doch ignorierte es. Je nähert ich meinem Auto kam umso schneller lief ich. Dann sieh ich in mein Auto und fuhr davon, ohne noch einmal zurückschauen.
Erneut quartierte ich mich bei meinen Eltern ein. Dort verbarrikadiert ich mich erstmal in meinem Zimmer, reagierte weder auf klopfen noch auf einen der zahlreichen Anrufe von Urban und Pero. Noch immer befand ich mich in einer Art Schockstarre, starrte regungslos die Wand an, die Arme um meine Beine geschlungen. Irgendwann kippe ich in dieser Position schließlich zur Seite und schlief ein.

Auch die nächste Tage war ich nicht zu gebrauchen. Immerhin hatte ich mittlerweile meine Tür aufgeschlossen und einige Tröstbversuche von Anja und meiner Mutter über mich ergehen lassen. Da scheinbar sowohl Urban als auch Pero vor der Tür gestanden hatten um mit mir zu reden wussten sie nun was passiert war. Überhaupt schienen alle davon zu wissen, ich hatte einige Nachrichten erhalten ob es stimme was man sich erzählt. Ich antwortete jedoch nicht.
Ich tat überhaupt nichts, ging nicht ins Training, starrte hauptsächlich die Wand an und ließ mir gelegentlich einige Bissen Essen einflößen. Meine Gedanken kreisten um alles was passiert war, um Pero, um Urban…

Es verfolgte mich auch im Schlaf, ich schreckte mehrmals pro Nacht hoch und kam kaum noch zur Ruhe. So verging ungefähr eine Woche, bis ich es schließlich nicht mehr aushielt. Nun musste sich etwas ändern. Und so fasste ich schließlich einen Entschluss.
Meine Mutter sah mich erstaunt an, als ich eines morgens angezogen in die Küche kam, nachdem ich tagelang nur in Teainingshose und Shirt rumgesessen war.
„Wo willst du den hin? „, wollte sie wissen.
„Trainieren.“, antwortete ich nur, trank meine Kaffeetasse leer und verließ dann das Haus.

Ich war komplett ruhig und entspannt, als ich in Richtung Planica fuhr. Innerlich ging ich meinen Plan nochmal durch, ein leichtes lächeln legte sich auf meine Lippen. Schließlich erreichte ich die Schanzenanlage und stelle meinen Wagen auf den Parkplatz. Noch war wenig los, dass Training würde erst in etwa einer Stunde anfangen. Fröhlich pfeifend schloss ich meinen Wagen an und machte mich auf den Weg zu den Schanzen. Ich kam ordentlich ins schwitzen als ich die Treppe zur größten Schanze hinauf stieg. Oben angekommen ließ ich meinen Blick ein letztes mal über die ganze Anlage schweifen. Dann ging ich auf die andere Seite, auf welcher es ungefähr dreißig Meter senkrecht in die Tiefe ging. Nur ein niedriges Geländer war davor, auf dessen oberste Stange ich mich nun setzte.

Plötzlich konnte ich Schritte hören, drehte mich jedoch nicht um. Atmete ein letztes mal tief durch, machte mich bereit.
“ Jurij? Hey, was machst du denn hier? Schön dich zu sehen! “ Cene, Peros kleiner Bruder, wie ich an der Stimme erkennen konnte. Doch ich antwortete nicht, lockerte meinem Griff um die Stange und rutschte ein wenig nach vorne. Gleich würde alles vorbei sein.
“ Was zur… Du willst doch nicht… Jurij, nein!“ Ich ignorierte Cenes panischen Worte, die schnell näher kommenden Schritte. Rutschte weiter nach vorne, umfasste erneut die Stange um mich besser abstoßen zu können. Gleich würde ich frei sein. Ich schloss meine Augen.
War bereit zum fliegen, ein allerletztes mal.

Deathzone (Apocalyptica; Perttu/Mikko; P12-Slash

Wie aus grosser Entfernung hörte ich das Zuknallen einer Tür, was mich aus meinen Träumereien hochschrecken liess. Offensichtlich war ich eingedöst, hatte ich mich doch nur einige Minuten auf das Sofa im Bandraum setzen und verschnaufen wollen. Verwirrt sah ich mich im Proberaum um – offensichtlich waren die anderen bereits gegangen. War ihnen auch nicht zu verübeln, immerhin hatten wir die Probe ganz offiziell beendet. Doch langsam, als meine Gedanken wieder klarer wurden, überkam mich das ungute Gefühl, dass dieses Türknallen eben nichts Gutes zu bedeuten hatte.

Ich rieb mir kurz die Augen, streckte meine Arme aus und schüttelte meinen eingeschlafenen Fuss, in der Hoffnung, dadurch das nervige Kribbeln loszuwerden. Wieso musste ich mich auch immer so verknotet hinsetzen und –legen? Noch war das Gefühl in besagtem Fuss nicht ganz zurückgekehrt, sodass ich mehr zur Tür des Proberaums hinkte als wirklich ging. Ich verliess den eigentlichen Proberaum und folgte dem spärlich beleuchteten Flur zur Eingangstür. Probeweise drückte ich die Klinke hinunter.

Ein Fluch kam über meine Lippen, denn meine Befürchtung hatte sich bestätigt: Sie war abgeschlossen. Zum Schutz vor einigen aufdringlichen Fans hatten wir vor einiger Zeit ein Schloss einbauen lassen, welches die Tür von alleine abschloss wenn man sie zufallen liess. Natürlich besass jeder von uns einen Schlüssel, doch meiner lag natürlich – wie üblich – zu Hause. Bisher hatte es immer gepasst, dass ich genau mit einem der anderen hier war, weshalb ich es mir irgendwann abgewöhnt hatte, den Schlüssel mitzunehmen. Und dies schien mir hier gerade zum Verhängnis zu werden.

Noch immer vor mich hin fluchend rüttelte ich, auf ein Wunder hoffend, noch einige Male an der Tür. Natürlich ergebnislos. Wie sollte ich nun hier wieder rauskommen? Jemanden anrufen war auch keine Option, da sich unser Proberaum in einem super-schalldicht-isolierten Keller befand – Handyempfang gleich null… Natürlich hatten wir demnach auch keine Fenster… Vor meinem inneren Auge sah ich mich schon durch irgendwelche Lüftungsschächte klettern, als mich das Zufallen einer weiteren Tür heftig zusammenzucken liess.

Quietschend fuhr ich herum, um mir gleich darauf erleichtert die Hand aufs Herz zu legen. Vor der Klotür stand Mikko, welcher sich scheinbar nicht weniger erschrocken hatte als ich.
„Gott, hast du mich erschreckt!“, entfuhr es mir, „Ich wusste nicht, dass du auch noch hier bist.“ Mikko zuckte grinsend mit den Schultern.
„Jetzt weisst du es…“, meinte er nur und verschwand gleich darauf im Proberaum. Etwas beruhigter folgte ich ihm. Hoffentlich hatte er seinen Schlüssel dabei… Nichts gegen Mikko, aber es gab definitiv Leute, mit denen ich hier lieber festgesessen wäre, als mit ihm… Denn auch wenn ich ihn nun schon länger kannte, hatte ich doch irgendwie wenig mit ihm zu tun gehabt und wusste kaum etwas über ihn.

Noch einmal liess ich mich auf dem Sofa nieder und sah zu Mikko, welcher vor seinen Drums kniete und irgendwas daran rumschraubte. Kurz schielte er zu mir, bevor er sich wieder auf seine Arbeit konzentrierte. Ich räusperte mich.
„Du hast nicht zufällig deinen Schlüssel dabei, oder?“, wollte ich wissen und rutschte unruhig hin und her. Mikko hielt kurz inne, richtete sich auf und kramte in seiner Hosentasche.
„Nope.“, war seine knappe Antwort, bevor er sich wieder seinen Drums zuwandte – und gleich darauf wieder aufschreckte.

„Moment, du dann wohl auch nicht, oder…?“, schlussfolgerte er mit gerunzelter Stirn, „Und die Tür war eben zu… Ach du scheisse!“ Oh ja, definitiv. Mikko erhob sich und  ging aus dem Proberaum. Ich folgte ihm mit einigem Abstand. Vielleicht würde er ja das Wunder vollbringen können… Doch wie bei mir war sein Rütteln an der Tür erfolglos. Er zog sein Handy aus der Hosentasche, drückte einige Knöpfe.
„Fuck!“, entfuhr es ihm, wobei seine Faust gegen die Tür knallte, was mich ein weiteres Mal zusammenzucken liess.
„Und was jetzt?“, wollte ich vorsichtig wissen.
„Keine Ahnung, hier bleiben, nehm ich an. Im Kühlschrank sind bestimmt noch n paar Flaschen Bier. Wir könnten uns noch ne Pizza bestellen… Ach nee, geht ja gar nicht…“ Manchmal hasste ich seinen trockenen Humor. Er ging an mir vorbei, zurück in den Proberaum.
„Hoffen wir einfach mal dass sie uns rechtzeitig finden…“, meinte er und machte es sich auf dem Sofa gemütlich. Mit etwas Abstand und deutlich weniger entspannt als er, der mittlerweile seine Arme hinter dem Kopf verschränkt  und die Beine überschlagen hatte, setzte ich mich neben ihn.

***

So sassen wir da nun also. Und während ich meine Knie umklammerte, pfiff Mikko mittlerweile ein Liedchen vor sich hin, schaute sich die Raumdecke an und wechselte alle paar Minuten sein überschlagenes Bein. Dass er jedoch wohl nicht ganz so ruhig war wie er wirkte, bemerkte ich spätestens, als er ruckartig aufstand, zum Kühlschrank marschierte und diesen aufriss.
„Auch ein Bier?“, wollte er wissen, während er sich eine Dose griff. Ich schüttelte nur den Kopf.
„Ach, stimmt, du trinkst ja nichts, sorry…“, meinte er daraufhin nur und warf mir stattdessen eine Flasche Wasser zu, welche ich gerade so fangen konnte. Anschliessend warf er sich wieder neben mich aufs Sofa und öffnete sein Bier.

Wieder schwiegen wir uns an, vielleicht einige Minuten, vielleicht Stunden. Ich hatte längst jegliches Zeitgefühl verloren, nicht zuletzt durch fehlende natürliche Lichtquellen, welche mir die ungefähre Tageszeit mitgeteilt hätten. Irgendwann griff Mikko schliesslich noch einmal nach seinem Handy und irrte mit diesem in der Hand durch den Proberaum und den Flur, wohl auf der Suche nach Empfang. Ergebnislos, wie ihm anzusehen war, als er nach kurzer Zeit wieder zurückkam und sich wieder aufs Sofa setzte.
„Wartet eigentlich irgendjemand auf dich?“, wollte er schliesslich wissen. Ich schüttelte nur den Kopf.
„Und bei dir?“, fragte ich zurück, wobei mir mal wieder auffiel, wie wenig ich eigentlich über unseren Drummer wusste.

„Nö.“, kam es knapp zurück, „Doch, mein Abendessen wartet im Kühlschrank auf mich. Ich hab nen mordsmässigen Hunger.“ Wie zur Unterstützung knurrte in dem Moment sein Magen. Ich verkniff mir ein Grinsen.
„Demnach hast du momentan nichts am laufen? Keine Frauen?“, fragte er, und ich schüttelte den Kopf.
„Nein, keine Frauen.“, murmelte ich, erntete einen leicht irritierten Blick.
„Was dann, Männer?“ Mikko grinste. Ungewollt überzog ein leichter Rotschimmer meine Wangen.
„Wie jetzt, ernsthaft?!“, kam es überrascht von Mikko, der dies wohl bemerkt hatte.
„Dann stimmen die Gerüchte also, dass du… nun ja, für alles offen bist.“

Ich zuckte nur mit den Schultern, während ich mein Gesicht abwandte, um die stärker werdende Röte zu verstecken. Dann spürte ich eine Hand auf meiner Schulter.
„Hey, ist doch nichts schlimmes!“, meinte Mikko nur, „Ich hatte auch schon was mit nem Kerl, falls dich das beruhigt…“
„WAS?!“, entfuhr es mir, und um ein Haar wäre ich vom Sofa gefallen. Entgeistert starrte ich ihn an.
„Nun ja, nenne wir es Jugendsünde…“, meinte er nur und knetete seine Hände, „Ich war ziemlich betrunken und da waren einige Küsse. Nichts Wahnsinniges.“ Noch immer starrte ich ihn überrascht an.
„Das hätte ich jetzt nicht erwartet.“, meinte ich. Mikko grinste nur.

„Aber nein, zur Zeit wartet auch kein Mann auf mich.“, fügte ich schliesslich grinsend hinzu.
„Hmm…“, kam es nur von Mikko, während er sein Handy aus der Hosentasche holte und darauf herumzudrücken begann. Den Geräuschen nach zu schliessen, welche dieses von sich gab, spielte er irgendein Spiel. Mittlerweilen war mein ungutes Gefühl aufgrund der Situation mehr oder weniger verschwunden, woran wohl die vorangegangene Unterhaltung nicht ganz unschuldig war. Ich erhob mich vom Sofa, schnappte mir mein Cello und den Bogen und spielte ein wenig vor mich hin. Ich bildete mir zwar ein, Mikkos Blicke auf mir zu spüren, aber das musste definitiv Einbildung sein… Ich hielt meinen Kopf gesenkt und konzentrierte mich nur auf mein Instrument. Bis die Lichtröhre über unseren Köpfen plötzlich zu flackern begann. Gedämpft war von draussen ein Grummeln zu hören – offensichtlich war ein Gewitter im Anflug.

***

Obwohl das Licht mittlerweile wieder normal brannte, hielt ich inne und sah verunsichert zu Mikko, welcher mich ebenfalls ansah.
„Was war das?“, wollte er wissen.
„Nun ja, scheinbar ist draussen n Gewitter, und wir haben hier ziemlich schwache Stromleitungen, die bei solchem Wetter gerne mal etwas Wackelkontakt haben.“, erklärte ich, und wie zur Bestätigung flackerte das Licht in dem Moment erneut. In einem minimalen Anflug von Panik stellte ich mein Cello in seine Halterung zurück und setzte mich zurück aufs Sofa, diesmal mit deutlich weniger Abstand als zuvor.

„Kam es schon vor, dass der Strom komplett ausfiel?“, wollte Mikko wissen, und ich nickte.
„Ab und zu.“ Nur dass wir dann immer nen Schlüssel hatten, um den Raum in so einem Fall zu verlassen, auch weil sich der Sicherungskasten ausserhalb des Gebäudes befand… Schon alleine der Gedanke daran liess mich halb durchdrehen – hier auf unbestimmte Zeit in der Dunkelheit festzusitzen… Wann hatten wir nochmal die nächste Probe angesagt? Ich konnte mich nicht genau erinnern, jedenfalls fand sie definitiv NICHT am nächsten Tag statt… Dass Mikko noch hier war beruhigte mich nur minimal.
„Nun ja, hoffen wir einfach dass es dieses Mal nicht passiert.“ Wie konnte der Kerl eigentlich in so einer Situation so cool bleiben?

Schliesslich begann er zu grinsen, drückte erneut auf seinem Handy herum.
„Lass uns noch n Abschiedsfoto schiessen, falls sie uns wirklich erst finden wenn wir verrottet sind.“ Ich sah ihn entgeistert an, nickte dann aber. Vielleicht wirklich keine schlechte Idee. Leicht grinsend rutschte ich an ihn heran, er streckte sein iPhone vor uns weg.
„Und jetzt Cheese!“, meinte er grinsend, drückte auf den Auslöser – und zeitgleich mit dem Klickgeräusch des Handys wurde es stockdunkel im Raum. Während Mikko zu erstarren schien, sprang ich ihm kreischend regelrecht auf den Schoss. Und zu allem Überfluss durchzuckte nun auch noch der grelle Blitz der Handykamera die Dunkelheit, der die Szene für alle Ewigkeit festhielt…

Noch immer panisch umklammerte ich Mikkos Hals, bis mich dieser, aus seiner Schockstarre erwachend, leise lachend ein wenig von sich weg schob.
„Hey, Kleiner, nur weil ich mal mit nem Kerl rumgemacht habe heisst das noch lange nicht dass du mir gleich auf den Schoss springen musst!“ Ich spürte seinen Atem auf meiner Haut, während er redete. Und musste mir eingestehen, dass sich das ganze eigentlich gar nicht mal so schlecht anfühlte. Auch Mikko machte keine weiteren Anstalten, mich von sich runter zu schieben, stattdessen legte er leise seufzend seine Arme um mich.
„OK, n wenig Kuscheln wird wohl drin liegen, ist ja irgendwie auch saukalt hier drinn…“, meinte er schliesslich.

So sassen wir einige Minuten lang stumm da, bis ich irgendwann in einem Anflug von Leichtsinn meinen Kopf auf seine Schulter legte. Er wehrte sich nicht, und so schloss ich meine Augen – es war ja sowieso dunkel, also kam es nicht darauf an ob sie offen oder geschlossen waren… Ich wusste nicht, ob er es bewusst oder unbewusst tat, doch irgendwann hatte seine Hand angefangen, über meinen Rücken zu streicheln. Ich genoss es einfach nur. So nahe war ich unserem Drummer noch nie gewesen und war überrascht, wie wohl mich plötzlich bei, oder eher auf ihm fühlte…

Irgendwann begann er sich unter mir zu bewegen.
„Irgendwie müssen wir uns mal eben ne bequemere Position suchen…“, murmelte er, und mit einem Mal wurde ich gepackt und fand mich, ohne wirklich zu begreifen, was geschehen war, auf seiner Brust liegend wieder. Sein Handy hatte er auf der Rückenlehne des Sofas abgelegt, der Display leuchtete schwach vor sich hin, jedoch stark genug, um sein Gesicht ein wenig zu beleuchten. Er lächelte leicht vor sich hin, und ich konnte nicht anders als ihm in die Augen zu starren. Irgendwann verselbständigte sich irgendwie meine Hand und strich leicht über seine Wange.

Sein Grinsen wurde frecher, und plötzlich spürte ich seine Hand in meinem Nacken, welche mich näher an ihn heran zog, und gleich darauf seine Lippen auf meinen. Ich erstarrte, konnte erstmal nicht glauben, was gerade geschah. Als Mikko merkte, dass ich mich nicht wehrte, begann er seine Lippen leicht zu bewegen. Fühlte sich eigentlich gar nicht mal schlecht an. Also begann ich den Kuss vorsichtig zu erwidern, während von draussen noch immer gedämpftes Donnergrollen zu hören war. Doch besonders viel bekam ich davon nicht mehr mit, denn langsam intensivierte sich unser Kuss, unsere Zungen kamen ins Spiel und irgendwann schlich sich Mikkos Hand auf meinem Rücken unter mein Shirt, während meine dasselbe auf seinem Bauch tat.

Ein plötzliches Knarren und Quietschen liess uns schliesslich auseinander fahren, und gleich darauf glaubte ich zu erblinden, als mir ein sehr grelles Licht ins Gesicht zündete. Ich blinzelte einige Male, noch immer halb auf Mikko liegend, während sich der Lichtstrahl nun gegen die Decke richtete. Schliesslich erkannte ich Eicca, die Kapuze seiner Regenjacke hochgeklappt, tropfend und mit einer starken Taschenlampe, welche man durchaus auch als Mordwaffe hätte verwenden können, in der Hand. Sein Gesichtsausdruck zeigte eine Mischung aus Erschrockenheit, Überraschung und einem amüsierten Grinsen.

Mikko begann sich unter mir aufzurichten, schob mich vorsichtig von seinem Schoss.
„Ich störe wohl gerade!“, kam es von Eicca, mittlerweile breit grinsend, „Was macht ihr beiden überhaupt noch hier?“ Mikko war mittlerweile aufgestanden, streckte sich erstmal und griff dann nach seiner Lederjacke.
„Die Tür ist zugefallen, und wir hatten beide keinen Schlüssel dabei.“, meinte er nur, völlig cool und ohne dass man ihm anmerkte, ob ihm die Situation eben gerade irgendwie Peinlich war oder nicht, „Gut dass du gekommen bist, ich dachte schon, ich muss die ganze Nacht hier verbringen.“

Und mit diesen Worten verschwand er aus der Tür, während ich noch immer verdattert auf dem Sofa kniete. Hatte ich mir nur eingebildet, dass er mir eben noch kurz zu gezwinkert hatte? Eicca grinste immer noch breit vor sich hin, bevor er schliesslich zu einem kleinen Tisch hinüber ging und nach etwas griff.
„Hier bist du also.“, murmelte er nur und hielt schliesslich etwas hoch, was mich stöhnend meine Hand gegen meine Stirn klatschen liess. Im Licht der Taschenlampe glitzerte sein Schlüsselbund, an welchem sich neben seinem Hausschlüssel unter anderem – wie sollte es auch anders sein – natürlich auch der Schlüssel zum Proberaum befand. Hätten Mikko und ich uns nur ein wenig umgeschaut, hätten wir diesen bestimmt gefunden, denn daran baumelte ein fast unübersehbares pinkes Plüschtierchen.

„Na toll.“, murmelte ich nur und kletterte schliesslich vom Sofa. Eicca stand mittlerweile in der Tür.
„Was war das eben eigentlich?“, wollte er wissen. Ich zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung, ist einfach irgendwie… passiert…“, meinte ich nur, wobei der Gedanke an den Kuss eben mein Herz doch ziemlich stark klopfen liess. Gegen eine Wiederholung des Ganzen hatte ich definitiv nichts einzuwenden…
„Wie bist du eigentlich reingekommen, ohne Schlüssel?“, wechselte ich schliesslich schnell das Thema.
„Hab kurz bei Paavo vorbeigeschaut. Und jetzt komm, ich fahr dich nach Hause. Oder willst du die Nacht doch noch hier verbringen?“
„Nein, auf keine Fall!“ Ich drängelte mich an Eicca vorbei durch die Tür und stieg die Treppe hoch, erleichtert durchatmend.

Oben angekommen, drehte ich mich um und wartete auf Eicca, als ich mit einem Mal einen Pfiff hörte. Als ich mich umdrehte, sah ich Mikko, an seinen Wagen gelehnt und mit seinem Autoschlüssel herumspielend. Unterdessen war auch Eicca hochgekommen und blieb neben mir stehen.
„Nimmst du ihn mit? Ihr müsst ja sowieso in dieselbe Richtung.“, rief er Mikko schliesslich zu.
„Klar!“, antwortete dieser nur und öffnete die Fahrertür. Tzz, hatte ich da nicht auch noch ein Wörtchen mitzureden? Wobei ich nicht wirklich etwas dagegen hatte, mit Mikko zu fahren.
„OK, man sieht sich!“ Eicca klopfte mir auf die Schulter, bevor er sich ebenfalls auf den Weg zu seinem Wagen machte.

Ich machte mich auf den Weg zu Mikkos wagen und liess mich schliesslich auf den Beifahrersitz fallen. Schweigend startete Mikko den Motor, und wir fuhren vom Parkplatz. Ich schweifte gedanklich ab und sah aus dem Fenster und lauschte der Musik im Radio. Irgendwann zuckte ich heftig zusammen, als sich Mikkos Hand plötzlich auf meinen Oberschenkel legte. Ich sah zu ihm hinüber. Er grinste breit, schien sich jedoch noch immer auf die Strasse zu konzentrieren. Auf die Strasse, welche jedoch definitiv nicht in die Richtung führte, in die wir eigentlich mussten. Stattdessen hielt er auf einen kleinen Wald zu und fuhr schliesslich in die erstbeste Wegeinfahrt hinein, wo er den Wagen anhielt. Himmel, was sollte das den jetzt wieder werden? Im Auto, irgendwo im Wald?!

Aber mal ehrlich, war nicht alles besser als das schäbige Sofa in unserem Proberaum?


(c)Novy; 2012

Ohne Titel (Part 2) (Jurij Tepes/Peter Prevc, Slash)

Die Weltcupsaison stand irgendwie schon von Anfang an unter einem schlechten Stern. Es fing damit an, dass Pero und ich den Wecker überhörten und gerade noch so den Flug nach Deutschland erwischten. Natürlich gaben wir einander gegenseitig die Schuld daran, stritten uns auf der Fahrt zum Flughafen und hatten uns auch nach der Landung noch nicht wirklich versöhnt. Dazu kam, dass meine Skis irgendwo auf der Strecke geblieben waren und gerade noch so kurz vor der Quali wieder auftauchten. Als ob sie es geahnt hätten dass sie sowieso nicht mehr zum Einsatz kommen würden… Obwohl es an diesem Tag gar nicht so schlecht aussah, eigentlich.

Mittlerweile war zwischen Pero und mir wieder alles Ok, und obwohl ich beim Training nur hatte zuschauen können hatte ich recht gute Laune. Auch die kleineren Probleme wie zu Hause gebliebene Zahnbürsten und Handyladekabel hatte ich irgendwie lösen können. Und ich freute mich tierisch auf den ersten richtigen Wettkampf nach dem doch recht erfolgreichen Sommergrandprix. Aber Sprünge auf Schnee waren eben doch nochmal etwas völlig anderes, und meine bisherigen Trainingssprünge zu Hause waren vielversprechend gewesen.

Doch es sollte wohl nicht so sein. Im Nachhinein könnte man alles, was vorher passierte, wohl als schlechtes Omen sehen. Aber dass ich es nicht einmal mehr bis auf den Bakken schaffen würde… Ich war wie immer etwas spät dran und hetzte, Helm in der einen Hand, Skis auf der anderen Schulter, die Treppe hoch zum Lift. Peter, der von der letzten Saison her noch einigen Vorsprung auf mich hatte, war natürlich nicht ganz unschuldig an meiner Verspätung, konnte sich jedoch mehr Zeit lassen um nach oben zu kommen.

Die zweitoberste Treppenstufe wurde mir schliesslich zum Verhängnis. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern was passierte, ob ich auf der Schneeschicht ausrutschte, über meine Füsse stolperte oder einfach so mein Gleichgewicht verlor. Mir wurde erzählt, ich wäre einfach hinten über gekippt. Dabei drehte ich mich irgendwie und knallte mit Kopf und Rippen auf die Treppe. Die Skis, die ich noch immer umklammert hielt, zerschnitten mir die Handflächen, und während ich die restliche Treppe hinunterfiel verdrehte ich mir auch noch ziemlich böse das linke Knie.

Wäre jemand hinter mir gegangen, hätte ich ihn wohl sozusagen einfach überrollt, aber glücklicherweise war dies nicht der Fall. So fiel ich jedoch Peter vor die Füsse, der sich um einiges gemütlicher als ich gerade auf den Weg nach oben gemacht hatte. Ich blieb erstmal regungslos liegen und kam erst einige Zeit später im Sanitätszelt wieder zu mir, wo ich gerade für den Transport ins Krankenhaus vorbereitet wurde. Mein ganzer Körper, aber vor allem mein Kopf, schmerzte, und ich konnte mich erstmal nicht daran erinnern was passiert war. Die nächste richtige Erinnerung stammt erst wieder aus dem Krankenhauszimmer.

Dort lag ich schliesslich in meinem Bett, nachdem mein Kopf und meine Hand genäht, Knie und Rippen geröntgt und untersucht und ich mit Schmerzmitteln vollgepumpt worden war. Ansprechbar war ich noch immer nicht so wirklich, als einige Stunden später meine Teammitglieder und allen voran Pero das Zimmer stürmten.  Natürlich war ich die Lachnummer, der wohl erste Skispringer der sich das Knie schon vor dem Sprung schrottete. Von der Gehirnerschütterung und den gebrochenen Rippen reden wir gar nicht erst. Mir waren die dummen Sprüche jedoch erstmal völlig egal, ich klammerte mich an Peros Hand fest und wünschte mir, dass alle anderen verschwinden würden.

Doch kurz darauf wurden die Jungs von einer älteren Krankenschwester einfach aus dem Zimmer geschmissen. Eigentlich wäre ich gerne noch einige Minuten mit Pero alleine gewesen, doch ich war zu müde um mich mit der Dame anzulegen. Erst am nächsten Morgen erfuhr ich, dass ich ihn wohl für mehrere Wochen das letzte Mal gesehen hatte. Denn es war bereits alles für meine Heimreise vorbereitet worden. Ich wurde abgeholt und direkt vom Krankenhaus zum Flughafen gefahren. Da bereits ein Training lief hatte ich keine Möglichkeit mehr mich von meinen Teamkollegen zu verabschieden. Schmerzmitteln sei Dank verschlief ich den Flug grösstenteils, wurde in Ljubliana von meiner Mutter irgendwie ins Auto verfrachtet und nach Hause gefahren, wo ich auf dem Sofa den restlichen Tag verschlief.

Irgendwann landete ich in meinem Bett, kann mich jedoch nicht mehr daran erinnern wie und wann. Sogar mein Handy fand ich auf meinem Nachttisch, als ich am nächsten Morgen von Knieschmerzen geweckt wurde. Jedoch war weder eine neue Nachricht noch sonst irgendetwas Neues vorhanden – nicht einmal Pero hatte sich gemeldet. Dies versetze mir kurz einen Stich, der jedoch gleich grösstenteils von meinen Schmerzen überdeckt wurde. Zumal ich mein Handy trotzig in eine Ecke schmiss – ich würde Pero nun ganz bestimmt nicht schreiben, der sollte sich schön selber erkundigen wie es mir ging.

Ich versuchte noch etwas zu schlafen, doch so richtig wollte das nicht mehr klappen. Schliesslich begann mein Magen zu knurren, und so beschloss ich mich auf die Suche nach etwas essbarem und einer Schmerztablette zu machen. Ich angelte nach meinen Krücken und machte mich auf den Weg nach unten. Meine gebrochenen Rippen spürte ich bei jedem Schritt, doch ich kniff die Zähne zusammen und schaffte es irgendwie unfallfrei die Treppe hinunter. Unser Haus war wie ausgestorben, ich war wohl alleine zu Hause. Wenigstens lag die Tablettenschachtel auf dem Küchentisch, daneben einige frische Brötchen. Auf einem Bein hüpfend schaffte ich es auch irgendwie ein Glas und eine Flasche Wasser auf den Tisch zu befördern.

Die Brötchen erstmal ignorierend „frühstückte“ ich und hinkte dann aufs Wohnzimmer, wo ich es mir auf dem Sofa bequem machte und den Fernseher einschaltete. Die Tablette auf leeren Magen wirkte ziemlich schnell, sodass ich noch einmal eindöste. Irgendwann wachte ich auf weil mein Handy klingelte – oben auf meinem Nachttisch. Na ganz toll… Nicht nur dass es noch oben lag, ich würde es wohl auch nicht schnell genug hoch schaffen um den Anruf noch zu erwischen mit meinen Krücken. So blieb ich sitzen in der Hoffnung dass meine Mutter oder sonst jemand bald nach Hause kommen würde, damit sie es mir holen konnte. Doch bis dahin musste ich wohl noch etwas warten.

So zappte ich lustlos durch die Kanäle und döste immer mal wieder ein. Mittlerweile begann mein Magen zu rumoren, doch ich hatte keine Lust aufzustehen. Inzwischen hatte mein Handy ein zweites Mal geklingelt. Und irgendwann kam dann tatsächlich auch meine Mutter nach Hause. Nachdem sie mich dazu genötigt hatte ein Brötchen zu essen holte sie auch tatsächlich mein Handy. Zwei verpasste Anrufe von Pero. Doch als ich zurückrufen wollte, war sein Handy aus. Vermutlich waren sie bereits wieder an der Schanze oder sonst bei Training. Irgendwann fiel mir ein, dass ja heute ein Skispringwettkampf stattfand, und so schaltete ich irgendwann auf die entsprechende Übertragung.

Pero sprang schlecht, zumindest für seine Verhältnisse, und überhaupt merkte man – oder zumindest ich – dass ihn irgendwas beschäftigte. Schlussendlich schloss er auf Rang 8 ab und ärgerte sich sichtlich. Natürlich erwähnten die Moderatoren auch meinen Sturz und dass ich die restliche Saison nun wohl vergessen konnte.

Meine Laune stieg jedoch trotz Peros schlechtem Ergebnis während des Wettkampfs, denn nach dem ersten Sprung hatte er kurz die Innenseite seines Handschuhs in die Kamera gehalten, auf welchen er ein kleines Herz gekritzelt hatte. So grinste ich vor mich hin und hatte auch das erste Mal das Gefühl dass die Schmerztabletten etwas besser wirkten.

Etwas später schafften wir es dann tatsächlich noch, miteinander zu telefonieren. Pero war der Saisonauftakt irgendwie gründlich misslungen, was definitiv mit meinem Unfall zusammenhing, denn an seiner Form konnte es nicht liegen. Somit war er ziemlich deprimiert, auch weil wir uns nun wohl vor Weihnachten nicht mehr sehen würden. Ich schaffte es, ihn etwas aufzumuntern und versprach ihm, täglich mit ihm zu telefonieren und sonst in Kontakt zu bleiben sowie mir seine Springen im Fernsehen anzuschauen. Als wir irgendwann auflegten, hatte er tatsächlich schon etwas optimistischer geklungen. Und auch ich war glücklich, hatte gerade keine Schmerzen und legte mich schliesslich vor mich hin grinsend ins Bett, weil ich, obwohl ich den ganzen Tag nichts gemacht hatte, schon wieder todmüde war.

Am nächsten Tag ging es mir allgemein besser, ich krückte munter durchs Haus, schrieb den ganzen Tag mit Pero und fing irgendwann aus Langeweile an etwas für die Uni zu tun. Irgendwann klingelte mein Handy, es war ein Physiotherapeut, der seine Praxis in Kranj hatte und wohl von Goran oder sonst irgendwem informiert worden war. Er hatte früher mit den Skispringern zusammengearbeitet und wollte sich gerne mal mein Knie anschauen und sehen was sich machen lässt. So vereinbarten wir einen Termin. Als ich aufgelegt hatte, fiel mir jedoch ein, dass ich mit meinem kaputten Knie wohl schlecht Auto fahren konnte. Doch mir kam eine Idee, und ich fragte meine Mutter ob sie mit mir Auto tauschen würde. Sie fuhr seit einigen Jahren einen kleinen Automatikwagen, diesen würde ich auch nur mit dem rechten Fuss fahren können. Sie war zwar nicht glücklich darüber, stimmte dann jedoch zu. Lachend stand ich am Küchenfenster, als sie mit meinem Megane vom Hausplatz holperte und ihn immer wieder abwürgte, es dann aber doch irgendwie schaffte.

Einige Zeit später machte ich mich auf den Weg nach Kranj, auch ich musste mich umgewöhnen, fand es jedoch bald eher entspannend nicht ans Schalten denken zu müssen. Ich hatte lachen müssen als ich in den kleinen fuchsiafarbenen Citroen geklettert war.

„Schwulenfarbe!“, hatte ich damals gelästert, als Mama mit der Kiste angekommen war. Und nun hatte ich einen Freund. Auch wenn ich nicht sicher war ob mich andere Männer ausser Pero wirklich interessierten oder sich diese Neigung wirklich nur auf ihn bezog. Und eigentlich war es mir auch ziemlich egal, immerhin hatte ich ihn, alles andere würde ich möglicherweise noch herausfinden. Auch wenn ich eigentlich nicht hoffte dass es so weit kam.

Irgendwann erreichte ich die Praxis, parkte den Wagen so nahe wie möglich an der Tür des Gebäudes und stieg aus. Irgendwie hatte ich plötzlich aus dem Nichts ein ungutes Gefühl, wäre am liebsten wieder eingestiegen und nach Hause gefahren. Doch ich ignorierte es und krückte auf den Eingang zu. Noch immer hatte ich den Drang irgendwie zu flüchten, beachtete es jedoch nicht weiter als ich schliesslich an die Praxistür klopfte. Auch der Herr, der mir diese öffnete, war mir auf Anhieb unsympathisch. Doch vielleicht redete ich mir auch nur irgend nen Mist ein und er war ganz OK. Dennoch kletterte ich, nachdem ich ihm den Unfallhergang und die Folgen so gut wie möglich erklärt hatte, mit gemischten Gefühlen auf die Massageliege.

Und mein Gefühl sollte mich definitiv nicht täuschen.

Ich war wie in Trance, als ich etwa eine Stunde später fast fluchtartig die Praxis verliess. In meinem Kopf drehte sich alles, ich fiel mehrfach fast hin und erreichte schliesslich irgendwie den Wagen, woraufhin ich vom Parkplatz raste. Erst als vor meinen Augen alles anfing zu verschwimmen bremste ich ab und fuhr schliesslich in einen Waldweg, wo ich erstmal meine Arme auf dem Lenkrad verschränkte und meinen Kopf drauf legte. Ich atmete einige Male tief durch, während das eben geschehene sich noch einmal vor meinem inneren Auge abspielte. Nachdem ich mich auf die Liege gesetzt und meine Trainingshose ausgezogen hatte, hatte sich der Therapeut nur kurz mit meinem Knie befasst, bevor seine Hand langsam mein Bein hoch strich. Ich zuckte zusammen, doch er redete auf mich ein, dass ich es doch auch wollen würde und mir sowieso keiner glauben würde und ich mit meinen Verletzungen sowieso nicht fliehen konnte. Ich war wie erstarrt als er…

Ich riss die Fahrertür auf und stürzte mich ins nächstbeste Gebüsch, in welches ich mich übergab. Für die Krücken war keine Zeit geblieben, mein Knie dankte es mir mit einem stechenden Schmerz – von den Rippen reden wir gar nicht erst… Ich weiss nicht wie lange ich heulend im Busch hing, bevor ich mich zurück zum Auto schleppte. Als ich gerade wieder auf dem Fahrersitz sass erschrak ich heftig weil mein Handy auf dem Beifahrersitz klingelte. Peros Name wurde auf dem Display angezeigt. Dies trieb mir erneut die Tränen in die Augen. Ich konnte jetzt unmöglich mit ihm reden. Er würde sofort bemerken, dass etwas nicht stimmte. Aber es wird dir sowieso niemand glauben…

In Mamas Handschuhfach fand ich schliesslich einige Taschentücher, mit welchen ich versuchte die gröbsten Tränenspuren aus meinem Gesicht zu wischen. Dann machte ich mich auf en Nachhauseweg.

Zuhause angekommen, verschwand ich schnellstmöglich in meinem Zimmer, meine Mutter ignorierend, welche mir noch irgendwas hinterher rief. Von dort ging es weiter ins Bad, wo ich so lange unter der Dusche blieb bis kein warmes Wasser mehr übrig war. Meine Haut war krebsrot, und doch fühlte ich mich noch immer nicht sauber. Auf dem Rückweg in mein Zimmer begegnete ich auf dem Flur meiner Mutter.

„Alles in Ordnung?“, wollte sie wissen und musterte mich besorgt. Ich nickte nur und hinkte dann an ihr vorbei in mein Zimmer, wo ich die Tür abschloss und mich in mein Bett verkroch. Ich warf einen Blick auf mein Handy, mittlerweile waren es drei verpasste Anrufe von Pero.

Auch auf das Klopfen an der Tür und die Nachfrage meiner Mutter ob wirklich alles OK wäre ging ich nicht ein. Ich zog mir die Bettdecke über den Kopf und versuchte alles andere auszublenden. Jedoch schlief ich noch lange nicht ein, denn jedes Mal wenn ich meine Augen schloss spielten sich die Bilder des Geschehenen wieder vor meinem inneren Auge ab. Und wenn ich dann doch mal einnickte, schreckte ich kurz darauf wieder hoch.

Am nächsten Tag blieb ich im Bett bis ich das Gefühl hatte es nicht mehr ohne Schmerztablette auszuhalten. Ich versuchte das Passierte einfach zu verdrängen, doch so richtig wollte es nicht funktionieren. Ich schaffte es in die Küche, nahm die Tablette und ging dann zurück ins Bett. Nur kurz überlegte ich, wo wohl mein Handy abgeblieben war. Höchstwahrscheinlich lag es sogar noch im Auto. Aber eigentlich war es mir egal. Ich zog mir die Bettdecke über den Kopf und versuchte, noch einmal einzuschlafen und an nichts zu denken. Doch mit einem Mal flog meine Zimmertür auf und meine Mutter stürmte ins Zimmer. Während sie die Bettdecke wegriss, erklärte sie mir dass mein Physiotherapeut gerade angerufen habe, dass ich meinen Termin verpasst hätte und wir uns sofort auf den Weg nach Kranj machen müssten.

Ich zuckte zusammen, als das Wort Physiotherapeut fiel. Meine Mutter war mittlerweile zu meinem Schrank gestürmt und hatte mir Klamotten rausgesucht, die sie auf mein Bett legte.

„Ich fahr dich hin, du hast fünf Minuten!“, erklärte sie mir und stürmte dann aus dem Zimmer. Ich sass noch immer wie erstarrt da, begann dann aber mich anzuziehen. Was sollte ich denn sonst tun? Keiner wird es dir glauben… Schliesslich schleppte ich mich die Treppe hinunter. Meine Mutter wartete bereits im Auto. Tatsächlich fand ich auf dem Beifahrersitz auch mein Handy wieder. Natürlich hatte ich einige Anrufe in Abwesenheit und auch Nachrichten, vor allem von Pero, welcher etwas besorgt schien dass ich nicht antwortete.

Meine Mutter raste in Richtung Kranj, und ich hielt mich sicherheitshalber fest. Im Normalfall hätte ich mich wohl prächtig über ihren Fahrstil amüsiert, denn sonst war sie immer mehr als gemütlich unterwegs. Doch nun war die Angst vor dem Termin beim Physiotherapeuten zu gross, als dass ich darüber hätte lachen können. Ich schaffte es nicht mal Pero zu schreiben, starrte einfach nur schweigend vor mich hin. Hoffentlich gab es zwischen Šentvid und Kranj hundert Baustellen, rote Ampeln oder Unfälle, damit sich die Ankunft so lange wie möglich herauszögerte. Doch natürlich waren alle Strassen frei. Verhindern konnte ich die bevorstehende „Therapiesitzung“ sowieso nicht…

Meine Mutter fuhr mich vor die Praxistür und meinte dann, sie würde im Auto auf mich warten. Ich nickte nur, auch wenn ich sie am liebsten mit hinein gebeten hätte. Aber vermutlich hätte sie mich dan für völlig verrückt erklärt. In Zeitlupe hinkte ich in das Gebäude. Am liebsten hätte ich wieder umgedreht und wäre weggerannt. Schliesslich betrat ich den Raum, in welchem der Therapeut auf mich wartete. Bereits an seinem Blick erkannte ich, dass er wieder ganz andere Dinge im Kopf hatte als mein Knie zu behandeln…

Auf der Rückfahrt versuchte meine Mutter mehrfach, eine Unterhaltung mit mir anzufangen, doch ich war so sehr in Gedanken, dass ich es kaum mitbekam. Diese kreisten vor allem um meine Beziehung zu Pero – würde ich es nach dem, was gerade mit mir passierte noch auf die Reihe bekommen mit ihm zusammen zu sein?

Sollte ich es ihm sagen? Aber er würde es wohl sowieso nicht glauben, und auch niemand anderes. Ausserdem würde er danach sowieso nicht mehr mit mir zusammen sein wollen, ich ekelte mich ja schon selber vor mir…

Ich zuckte heftig zusammen, als sich eine Hand auf meine Schulter legte. Meine Mutter schaute mich besorgt an, während ich erleichtert aufatmete.

„Alles in Ordnung?“, wollte sie wissen. Ich nickte nur und versuchte so überzeugend wie möglich  zu wirken, was jedoch nicht so recht gelingen wollte. Erst jetzt bemerkte ich, dass wir bereits wieder zu Hause waren. Also stieg ich aus dem Wagen, angelte nach meinen Krücken und hinkte hinter meiner Mutter her zur Haustür.

Dort machte ich es mir auf dem Sofa gemütlich und starrte die Wohnzimmerdecke an. Später schrieb ich doch noch eine kurze Nachricht an Pero, dass alles OK wäre und ich nur mein Handy im Auto vergessen hatte. Irgendwann versuchte er mich anzurufen, doch ich ignorierte es einfach. Am Telefon hätte ich wohl nicht verheimlichen können dass irgendwas mit mir nicht stimmte. Doch vermutlich merkte er das schon alleine daran dass ich seine Anrufe einfach ignorierte. In fast jeder Nachricht fragte er mich ob alles OK wäre, was ich jedoch immer bejahte. Doch auch meiner Familie fiel auf, dass etwas nicht stimmte und es wohl nicht nur an meiner Verletzung lag. Ich ass kaum noch etwas, war gedanklich weit weg und kaum noch für irgendwas zu begeistern. Schliesslich fand mich Jon eines Tages heulend auf dem Sofa, ich hatte ihn nicht kommen gehört. Meine Mutter sprach mich später darauf an, und ich erklärte ihr dass es einfach an der Gesamtsituation lag und dass ich Pero vermisste. Sie hakte nicht weiter nach, auch wenn ich ihr ansah, dass sie mir nicht so ganz glaubte.

Irgendwann fiel ihr auch auf, dass mein Knie fast eher schlimmer wurde als besser, und das obwohl sie mich täglich höchst persönlich zur Physio fuhr. Immer wieder versuchte sie mit mir zu reden, mich zum essen zu bewegen oder sonst irgendwas mit mir zu unternehen. Ich hörte sie mehrfach völlig besorgt mit meinem Vater telefonieren, welcher ihr jedoch scheinbar auch nicht weiterhelfen konnte.

Schliesslich stand der Weltcup in Kranj bevor, und ich wusste, dass ich mich wohl nun nicht mehr länger vor Pero verstecken konnte. Da zuvor noch der Wettkampf in Nizhny Tagil stattfand, würden die Slowenen und auch alle anderen Springer erst am Vorabend der Quali mitten in der Nacht direkt anreisen. Somit verabredete ich mit Pero, dass wir uns dann direkt an der Schanze treffen würden. Pero schien sich riesig darauf zu freuen, ich hingegen hatte furchtbare Angst davor.

Dann kam der Tag, an dem ich mich mit Jon und meiner Mutter auf den Weg an die Schanze machte. Ich hatte in der Nacht zuvor noch schlechter geschlafen als sowieso schon, mich mal wieder erfolgreich geweigert etwas zu essen und war sowieso nicht wirklich ansprechbar. Hoffentlich würde unser Auto irgendwo auf dem Weg nach Kranj liegen bleiben… Aber das passierte natürlich nicht. Meine Mutter schmiss Jon und mich am Eingang des Schanzengeländes raus und machte sich auf die Suche nach einem Parkplatz. Noch war nichts los an der Schanze, nur einige wenige Fans, oder eher Familienangehörige der Springer. Mir war kotzübel, als ich auf das Gelände hinkte. Eigentlich hatte ich mit Pero ausgemacht, ihm zu schreiben wenn ich an der Schanze war. Doch nun wollte ich unsere Begegnung noch so lange wie möglich rauszögern.

Doch dann wurde auch schon mein Name quer über die Anlage geschrien. Ich sah mich um und sah dann Nejc und Jernej auf mich zu kommen. Ich hinkte ihnen ein Stück entgegen. Die beiden musterten mich kurz besorgt, gingen dann jedoch zum üblichen Smalltalk über und schleppten mich in Richtung Springerlager. Natürlich begegnete ich allen möglichen bekannten Gesichtern, welche mich begrüssten, nach meinem Befinden fragten und ähnliches. Gerade hatte mich wieder jemand angesprochen, als ich mitbekam, dass Pero gerade aus dem Slowenencontainer kam. Im selben Moment verabschiedete sich mein Gesprächspartner, und auch Nejc und Jernej machten sich aus dem Staub. Pero entdeckte mich, grinste und kam auf mich zu. Mein Herz raste noch mehr als zuvor, und es war, als hätte die Welt um mich herum den Ton ausgeschaltet.

Je näher Pero kam, umso mehr verschwand sein Lächeln und er wirkte besorgt. Obwohl ich mich völlig kraftlos fühlte, stolperte ich ihm einige Schritte entgegen. Ich hielt die Luft an, als Pero seine Arme ausbreitete, hatte Angst davor was gleich passieren könnte. Dann schloss er mich in seine Arme und drückte mich kurz an sich. Meine Gefühle fuhren Achterbahn. Ich wusste nicht ob ich wegrennen oder mich noch enger an Pero kuscheln wollte. Schliesslich löste er sich nach wenigen Sekunden wieder von mir – immerhin waren wir ja in der Öffentlichkeit – und sah mich besorgt an.

„Was ist los mit dir?“, wollte er dann wissen und liess seinen Blick über meinen Körper gleiten – ich war durch den schlechten Schlaf in der letzten Zeit total blass, hatte durch das Verweigern des Essens einiges an Gewicht verloren – „Und dein Knie scheint ja irgendwie fast schlimmer als am Anfang!“ Ich zuckte nur mit den Schultern, starrte auf meine Füsse.

„Komm mit!“ Pero ging auf den Container zu, und ich folgte ihm zögernd. Er hielt mir die Tür auf, und ich betrat den Raum, in welchem sich ausser uns nur Urban, unser Teamphysio befand. Dieser grinste mich an und kam auf mich zu, runzelte dann jedoch die Stirn als er mein Gehinke bemerkte.

„Das sieht aber gar nicht gut aus.“, meinte er nur, als er vor mir stehen blieb. Wieder senkte ich meinen Blick, starrte auf den Boden.

„Kannst du mal drauf gucken?“, kam es von Pero, der die Tür hinter uns schloss. Urban nickte nur und deutete auf eine Bank an der Wand. Ich liess mich darauf nieder, Pero setzte sich neben mich und Urban ging vor mir in die Knie. Bereits als er anfing meine Trainingshose hochzukrempeln zuckte ich heftigst zusammen, meine Hand krallte sich in die Bank. Pero sah mich besorgt an und legte den Arm um meine Schultern. Ich biss die Zähne zusammen. Mittlerweile hatte Urban mein Knie freigelegt. Schon die erste Berührung liess mich erneut zusammenzucken, ich schloss meine Augen, und sofort begann alles um mich herum zu verschwimmen.

Mit einem Mal befand ich mich nicht mehr im Container an der Schanze, sondern in der Praxis des anderen Physiotherapeuten. Mein ganzer Körper zitterte, unbewusst kam ein leises Wimmern über meine Lippen, ich war wie in Trance, und Tränen begannen über meine Wangen zu rinnen. Es war eine Art Schutzmechanismus, den ich mir in den letzten Wochen angewöhnt hatte und der sich auch jetzt nicht verhindern liess, obwohl sich Urban wirklich nur mit meinem Knie befasste. Irgendwann glaubte ich wie durch Nebel Peros Stimme zu hören. Und langsam kam ich auch wieder zu mir. Ich lag auf dem Boden des Containers, mein Kopf lag auf Peros Beinen, welcher mich besorgt ansah. Ruckartig setzte ich mich auf und strich mir durchs Gesicht, über welches noch immer Tränen liefen. Urban kniete neben mir und sah nicht weniger besorgt aus als Pero.

Irgendwie halfen mir die beiden zurück auf die Bank, auch wenn ich mich nicht daran erinnern konnte wie ich von dort auf den Boden gekommen war. Die Tränen versuchte ich gar nicht mehr zu unterdrücken, dafür war es nun eh zu spät. Dieses Mal war es Pero, der sich vor mich kniete und nach meinen Händen griff, während Urban sich neben mich setzte.

„Jurij… Was ist los mit dir? Was ist passiert?“, wollte Pero wissen und versuchte mir in die Augen zu schauen. Ich wandte den Blick ab.

„Es wird mir doch sowieso niemand glauben.“, kam es leise über meine Lippen, obwohl ich das eigentlich nur hatte denken wollen. Ich zuckte zusammen, als ich meine Stimme hörte, und fing wieder an zu zittern.

„Wir glauben dir!“, versicherte mir Pero, und Urban nickte zustimmend. Schliesslich setzte sich Pero wieder neben mich und zog mich in seine Arme. Ich zögerte kurz, bevor ich mich noch etwas näher an ihn kuschelte und leise anfing zu erzählen. Pero strich mir dabei beruhigend über den Rücken. Schliesslich hatte ich meine Erzählung beendet. Für einen Moment sassen wir schweigend dort, bis Pero plötzlich aufsprang. Ich zuckte zusammen und rutschte unbewusst ein Stück näher zu Urban. Pero raufte sich die Haare und ging im Container hin und her, trat einen Springschuh durch die Gegend, der ihm irgendwie in die Quere kam. Irgendwann blieb er stehen, dem Blick von uns abgewandt.

„Ich hab ja bemerkt dass irgendwas nicht stimmt.“, meinte er dann mit brüchiger Stimme, „Aber dass es gleich sowas ist…“

Irgendwann stand ich auf, hinkte auf ihn zu und legte von hinten meine Arme um ihn. Pero drehte sich um, auch ihm liefen Tränen übers Gesicht. Ich wischte einige davon weg, und Pero kuschelte sich in meine Hand. Schliesslich legte er seine Arme um mich, ich schmiegte mich an ihn und vergrub meinen Kopf in seiner Halsbeuge.

„Wieso hast du nicht schon früher was gesagt?“, wollte Pero wissen. Ohne mich von ihm zu lösen zuckte ich mit den Schultern.

„Ich hatte Angst… Dass mir keiner glaubt… Oder dass du mich eklig findest oder so… Dass es alles kaputt macht.“ Pero kam nicht mehr dazu irgendwas dazu zu sagen, denn die Containertür flog auf. Hinein kam ein vor Wut kochender Goran mit Handy am Ohr, gefolgt von Urban – wann hatte dieser eigentlich den Raum verlassen? Ich hatte zumindest nichts davon mitgekriegt…

Goran bellte einige letzte wütende Worte in sein Telefon, bevor er auflegte. Dann schien die Wut jedoch schlagartig von ihm abzufallen. Ich löste mich ein wenig von Pero, jedoch ohne ihn ganz loszulassen. Goran trat auf uns zu.

„Jurij, ich… es tut mir Leid, ich konnte ja nicht wissen…“, begann er und schien noch immer fassungslos, was sich jedoch gleich darauf zu ändern schien. Unser Trainer sah uns nun ernst an.

„OK, folgendermassen: Du -“ er sah zu Pero- „pfeifst heute auf die Quali, schnappst dir Jurij und ihr verschwindet irgendwo hin und rettet erstmal eure Beziehung. Aber ich will dich morgen auf dem Podest sehen.“ Pero nickte nur. Dann wandte sich unser Trainer an mich.

„Du erholst dich erstmal, lässt Urban morgen nochmal auf dein Knie gucken und für danach suchen wir dir einen fähigen Menschen hier in der Gegend. Unterdessen muss ich etwas telefonieren, und ich schwöre dir – ich gebe nicht auf bevor der Mistkerl hinter Gittern sitzt. Ich versuche dich bestmöglich rauszuhalten, kann aber für nichts garantieren. Und jetzt verschwindet.“ Bei den letzten Worten hatte Goran nun wieder leicht gegrinst und uns zugezwinkert, bevor er aus dem Container rauschte, das Handy bereits wieder am Ohr.

Pero und ich sahen uns kurz an, bevor er anfing seine Sachen zusammen zu packen und wir uns auf den Weg zu seinem Auto machten. Wir fuhren zu ihm nach Hause, wobei die Fahrt mehrheitlich schweigend verlief. Dann setzten wir uns in seinem Zimmer aufs Bett und begannen zu reden. Ich war beruhigt dass es mir leichter fiel als erwartet Nähe zu Pero zuzulassen, und zumindest für einen Moment war das Geschehene vergessen. Als wir alles besprochen hatten, blieben wir einfach im Bett liegen, kuschelten und sahen uns die Qualifikation im Fernseher an.

Natürlich dachte ich dabei auch über das Geschehene nach, doch Peros Anwesenheit machte es irgendwie erträglicher. Irgendwie schaffte er es sogar mich dazu zu bringen etwas zu essen.

Tatsächlich erfüllte Pero am nächsten Tag Gorans Forderung, aufs Podest zu springen, er gewann sogar beide Wettkämpfe auf seiner Heimschanze. Danach hiess es für uns auch schon wieder Abschied nehmen. Jedoch hatte ich das Gefühl dass unsere Bindung dadurch nur noch stärker geworden war.

So sehr Goran sich auch bemühte kam ich trotzdem nicht drum herum, das Passierte bei der Polizei noch einmal haarklein zu erzählen. Dies bescherte mir noch eine schlaflose Nacht, doch danach konnte der Täter endgültig hinter Gitter gesteckt werden. Mittlerweile waren sogar noch weitere ehemalige Patienten gefunden worden, an welchen er sich vergangen hatte.

Was mein Knie kam ich gerade noch so um eine Operation herum. Die ersten Behandlungen bei meiner Physiotherapeutin waren sehr schmerzhaft, doch mit der Zeit wurde es besser, ich brauchte die Krücken nicht mehr und konnte schon wieder anfangen leicht zu trainieren – vom Springen war ich allerdings noch ganz weit weg. Vermutlich würde ich aber bis zum Sommergrandprix wieder einsatzfähig sein.

Die Esserei war hingegen ein grösserer Kampf, und es kostete mich ziemlich viel Überwindung. Jedoch bekam ich auch hier von allen Seiten Unterstützung. Letztendlich begann ich sogar das Geschehene mit einer Psychologin aufzuarbeiten, was mir auch bei der Esserei irgendwie weiterhalf.

Alles in Allem nahm also alles ein gutes Ende. Pero und ich waren trotz der Krise noch immer zusammen und irgendwie hatte sich doch noch alles zum Guten gewendet. Zwar kann man nie wissen, was noch alles passieren wird, doch ich bin zuversichtlich dass Pero und ich auch in Zukunft alle Krisen erfolgreich meistern werden.

Ohne Titel (Part 1) (Skispringen, Jurij Tepeš/Peter Prevc, Slash)

„Jurij? Jurij! Hörst du überhaupt zu?“ Eine vor meinem Gesicht herum fuchtelnde Hand holte mich aus meinen Gedanken. Ich zuckte zusammen und sah direkt in Gorans verärgertes Gesicht. Meine Springerkollegen grinsten und konnten sich teilweise ein Kichern nicht verkneifen. Ich rief rot an, senkte meinen Blick auf den Boden und murmelte eine Entschuldigung.
„Ihr hattet lange genug Ferien, also reiss dich nun zusammen und konzentrier dich!“, herrschte unser Trainer mich an, bevor er sich wieder dem gesamten Team zuwandte und weiterredete. Doch so sehr ich es auch versuchte – ich bekam irgendwie nur die Hälfte davon mit, was er uns zu erklären versuchte. Die einzelnen Worte kamen zwar in meinem Hirn an, schienen jedoch keinen Sinn oder Zusammenhang mehr zu geben sobald sie in meinem Gehirn ankamen.

Es war das erste Training vor dem Sommer-Grand Prix. Das erste Mal dass ich nach einigen Wochen meine Teamkollegen wiedersah. Und einer von ihnen hatte eine Überraschung für uns gehabt: Peter Prevc hatte während der Pause seinen Kiefer operieren lassen, und irgendwie schien mich sein „neues Gesicht“ nun etwas aus der Bahn zu werfen.
Und dies bereitete mir irgendwie Sorgen. Klar sah er nun nach der OP um einiges besser aus als vorher. Schon allein weil er nun auch endlich diese hässliche Zahnspange los geworden war. Aber davon abgesehen, wieso beschäftigte mich das ganze so sehr?!

Gut, vermutlich war es einfach nur ungewohnt und würde vorbei gehen, wenn ich ihn einige Zeit jeden Tag sah. Dennoch war ich ziemlich verwirrt. Mit etwas Abstand schlurfte ich hinter den anderen her in den Fitnessraum. Goran wollte erst mal unsere allgemeine körperliche Verfassung prüfen, bevor er uns wieder auf die Schanze losliess. Die wenigsten von uns hatten während der Trainingspause weiterhin wirklich auf ihre Ernährung geachtet oder sich besonders oft sportlich betätigt – mich eingeschlossen. Wie die meisten anderen hatte ich mich mehrheitlich ausgeruht, von der anstrengenden Wintersaison erholt und einfach mal nichts gemacht…

Noch immer hatte ich den Kopf voller Chaos, als ich mich auf eines der Fahrräder schwang. Ich strampelte wie wild drauf los, bis ich vor lauter Anstrengung nicht mehr denken konnte. Nun bloss nicht aufhören… In meinen Ohren fing es an zu rauschen, und alles um mich herum schien im Nebel zu versinken. Ich kniff die Augen zusammen, wurde langsamer mit strampeln und liess meinen Kopf auf den kleinen Computer des Hometrainers sinken. Langsam versuchte ich, meinen Atem zu beruhigen, mein Herz raste. Wie aus weiter Entfernung hörte ich Stimmen. Als ich das Gefühl hatte, wieder gehen zu können, kletterte ich vom Fahrrad, mich mit einer Hand noch immer am Lenker festklammernd.

Meine Knie zitterten, erneut kniff ich meine Augen zusammen und versuchte einen Schritt zu gehen. Wieder vernahm ich weit entfernte Stimmen, spürte eine Berührung an meiner Schulter, bevor es schwarz um mich herum wurde und mir die Beine wegsackten.
Irgendwann schaffte ich es, die Augen wieder zu öffnen, und langsam klärte sich das erst verschwommene Bild. Ich schaute direkt in Roberts besorgtes Gesicht. Ich lag irgendwo auf dem Boden auf einer Gymnastikmatte. Vorsichtig setzte ich mich hin, mir war noch immer etwas schwindlig. Robbie hielt mir ein Glas mit einer dunklen Flüssigkeit, der Farbe nach zu schliessen Cola, hin.

Ein „Danke!“ murmelnd griff ich danach, in der Hoffnung der Zucker würde meinen immer noch etwas labilen Kreislauf wieder in Ordnung bringen. Robbie wirkte noch immer besorgt. „Geht’s wieder?“, wollte er wissen. Ich nickte nur, während ich langsam das Glas leerte. Langsam fühlte ich mich etwas besser, wenn auch noch nicht gut genug um aufzustehen. So blieb ich noch einige Minuten sitzen, während Robbie zurück in den Fitnessraum ging.
Was war das denn bitte gerade für eine Aktion?! Nicht nur dass mein Kopf nur Mist produzierte, jetzt machte auch noch mein Körper schlapp! Sicher hatte ich es möglicherweise etwas übertrieben auf dem Rad, doch so schlimm war das doch auch nicht! Aber irgendwie seltsam…

Dieser Meinung war auch Goran, der kurz darauf auftauchte, mich nach meinem Befinden fragte und mich direkt zu unserem Teamarzt schickte. Das fand ich zwar etwas überflüssig, machte mich dann aber auf den Weg. Mittlerweile war das Training beendet worden, als ich an die Tür der kleinen Praxis im Nebengebäude der Schanzenanlage klopfte. Wie erwartet konnte der Arzt nichts finden, er nahm mir jedoch sicherheitshalber etwas Blut ab, welches er untersuchen lassen wollte. Meinetwegen, vermutlich würde man auch dort nichts auffälliges finden… So machte ich mich schliesslich auf den Weg zu meinem Auto. Natürlich war ich der letzte. Umso besser, dann musste ich niemandem erklären was mit mir los war. Und auch demjenigen, dessen Gesicht immer noch ständig vor meinem inneren Auge auftauchte, würde ich nicht mehr über den Weg laufen. Zumindest bis morgen…

Leider hatte ich auf der Fahrt zurück nach Ljubljana viel zu viel Zeit um nachzudenken. Und mich über mich selber zu ärgern. Was faszinierte mich plötzlich so sehr an Pero? Immerhin kannte ich ihn mittlerweile schon ewig, wir waren zwar Freunde, oder eher Teamkollegen, aber eine „richtige“ Freundschaft hatte es nie zwischen uns gegeben. Und den Gedanken, dass es vielleicht eine andere Art von Gefühlen war, die ich für ihn empfand, liess ich gerade nicht zu. Ich, Jurij Tepes, war auf keinen Fall schwul! Niemals! Never! Ich stand zu 150% auf Frauen, und dafür gab es auch schon mehr als genug lebende Beweise. Den letzten hatte ich erst in der Woche davor verlassen, weil ich mal wieder festgestellt hatte, dass ich einfach nicht der Typ für feste Beziehungen war. Ob ich vielleicht deshalb so komisch drauf war?

Endlich zuhause angekommen, stellte ich nur kurz meine Tasche in mein Zimmer, schnappte mir meinen iPod und ging wieder nach draussen. Ich musste irgendwie meinen Kopf frei kriegen, und dafür war joggen gehen meine bevorzugte Art. Dass ich erst knappe zwei Stunden zuvor im Training einen Schwächeanfall erlitte hatte, verdrängte ich erfolgreich.
Ich schaltete meinen iPod ein und drehte die Musik so laut, dass meine Trommelfelle fast platzten und es mir kaum noch möglich war, an irgendwas zu denken. So rannte ich durch Sentvid, achtete auf nichts ausser darauf, irgendwie zu atmen und von keinem überfahren zu werden. Irgendwann landete ich schliesslich wieder vor meiner Haustür.

Beim Betreten des Hauses lief ich direkt meinem Vater in die Arme, welcher mich mit einer Mischung aus Besorgnis und Ärger ansah.
„Wo warst du denn noch?“, wollte er wissen.
„Joggen.“, antwortete ich nur, während ich das Kabel meiner Earphones um den iPod wickelte und mich an ihm vorbei drängeln wollte.
„Nachdem du im Training zusammengeklappt bist? Wolltest du dich umbringen?!“ War ja klar, dass Goran ihn schon angerufen hatte…
„Keine Sorge, ich bin OK. Sagte übrigens auch der Arzt.“ Ich drängte mich nun an ihm vorbei und lief die Treppe hoch. Ich brauchte nun unbedingt eine Dusche.
„Und was ist dann mit dir los?“, rief mir mein Vater hinterher, nun wieder besorgt klingend. Ich blieb stehen, ohne mich umzudrehen, dachte kurz nach.
„Gar nichts. Alles OK.“

War doch eigentlich auch so… Oder was hätte ich ihm erzählen sollen? „Pero hat sich den Kiefer operieren lassen und bringt mich nun irgendwie durcheinander“? Nee, auf gar keinen Fall! Das Verhältnis zu meinem Vater war sowieso schon nicht mehr das beste, seit meine Leistungen im Skispringen ohne erkennbaren Grund immer wie mehr abnahmen. Als ob seit meinem Sieg in Planica irgendwas blockiert war. Zwar gehörte ich immer noch zu den besseren meines Teams und wurde eingesetzt. Aber fragte sich nur wie lange noch – auch der Nachwuchs wurde immer stärker und würde wohl demnächst den einen oder anderen von uns aus dem Stammteam drängen – und ich hoffte dass ich noch keiner davon war. Allerdings wünschte ich es auch nicht Robbie, Jernej oder einem der anderen…

Sogleich verzog ich mich unter die Dusche, drehte das Wasser so heiss wie möglich auf und zuckte erst mal zusammen. Aber langsam gewöhnte ich mich an die Hitze, liess mich schliesslich an der Wand hinuntersinken und genoss, in der Dusche sitzend, das prasselnde Wasser. Tatsächlich schaffte ich es nun, einfach mal an nichts zu denken. Bis es schliesslich irgendwann an die Badezimmertür hämmerte.
„Jurij, lass noch etwas heisses Wasser übrig! Ich will auch noch duschen!“ Anja. Widerwillig erhob ich mich, stellte das Wasser ab und griff nach meinem Handtuch. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich keine sauberen Sachen mit ins Bad genommen hatte. Nun ja, egal. Also wickelte ich das Handtuch um meine Hüfte, nachdem ich mich notdürftig abgetrocknet hatte, packte meine getragenen Klamotten und öffnete die Tür. Anja stand im Bademantel davor und runzelte ihre Stirn.
„Alles klar mit dir?“, wollte sie wissen und sah mir hinterher, als ich meine Zimmertür ansteuerte.
„Klar, was soll sein?“, antwortete ich, bevor ich mein Zimmer betrat und die Tür hinter mir schloss.

Obwohl ich ziemlich schnell einschlief, konnte ich mich auch im Schlaf nicht wirklich erholen. Auch hier verfolgte mich Peters neues Gesicht, und nach ungefähr vier Stunden war ich schlagartig hellwach. Ungefähr eine Stunde wälzte ich mich herum und versuchte, wieder einzuschlafen. Doch es war hoffnungslos. Und mir fiel nichts bessers ein, als mich erneut in meine Laufklamotten zu werfen und loszuziehen. Als ich aus dem Haus trat, fiel mir auf, dass das Auto meiner Mutter nicht auf dem Parkplatz stand. Schon seit längerem kriselte es zwischen ihr und meinem Vater, und auch wenn sie versuchten, es vor uns Kindern zu verbergen, war es dennoch irgendwie unübersehbar. Ich vermutete, dass Mama offiziell mal wieder zu ihren Eltern gefahren war. Aber wo sie wirklich hinfuhr – ich wusste nicht ob ich das auch wirklich wissen wollte… Denn irgendwie war da immer noch die Hoffnung dass die beiden sich noch einmal berappelten und ihre Ehe retten konnten.

Ich joggte los, und erst nach einiger Zeit fiel mir auf dass ich meinen iPod gar nicht mitgenommen hatte. Doch nochmal zurück wollte ich auch nicht, also musste es ohne gehen. Im Wald angekommen realisierte ich die Geräusche der Nacht, und irgendwie mochte ich es. Ich lief kreuz und quer durch den Wald, genoss die Einsamkeit und dachte über alles Mögliche nach. Meine Familie, vor allem die Sache mit meinen Eltern, die Skispringerei, mein Kopfchaos und auch, was nach der Skispringerei mit mir passieren sollte.
Die Sache mit meinen Eltern würde vor allem Jon ziemlich mitnehmen, wie es schien war er auch der einzige der von der ganzen Sache noch nichts mitbekommen hatte. Anja und ich waren ja alt genug um einfach unsere Sachen zu packen und auszuziehen – wie wir das finanzieren würden war die andere Frage… Aber noch war das ja kein Thema.

Was die Sache mit Peter betraf, musste ich mir eingestehen, dass es ja eigentlich doch irgendwie gar nicht so schlimm wäre, sich in einen Jungen zu verlieben. Zumal ich mir ja auch überhaupt noch nicht sicher war, ob es wirklich Verliebtheit oder sonst irgendwas seltsames war. Und auch wenn es sowas wie Liebe wäre, wäre es sowieso hoffnungslos, denn die Chance, dass Pero etwas ähnliches fühlte wie ich, war sowieso gleich null… Vermutlich war es aber auch wirklich nur Gefühlschaos weil ich meine letzte Trennung noch nicht verkraftet hatte. Obwohl ich bisher gedacht hatte dass von meiner Seite her keine Gefühle dabei gewesen waren. Aber vielleicht hatte sich da ja unterbewusst irgendwas entwickelt… Vielleicht sollte ich sie einfach anrufen und noch einmal mit ihr reden…

Was das Skispringen betraf machte ich mir da schon eher Sorgen… Meine Ergebnisse waren in letzter Zeit mehr schlecht als recht, wer weiss wie lange Goran das noch mitmachen würde… Zumal ich ja nicht wusste woher genau es kam… Doch was würde danach kommen? Das Skispringen war so gesehen mein Leben, schon seit Jahren, ich konnte mir einfach nicht vorstellen irgendwas anderes zu machen, schon gar nicht den ganzen Tag irgend in einem Büro zu sitzen oder so. Klar, ich konnte auch nach meinem Karriereende weiter Skispringen, hobbymässig, doch mal ehrlich – das war doch nicht das selbe… Doch scheinbar war es wirklich Zeit mir so langsam Gedanken darüber zu machen, denn um mich einfach zurückzulehnen und nichts mehr zu machen hatte ich in meiner Skispringzeit definitiv zu wenig Geld verdient…

Am Horizont war bereits ein heller Streifen zu erkennen, als ich wieder bei unserem Haus ankam. Im Haus war jedoch noch alles ruhig und dunkel. So schlich ich mich zurück in mein Zimmer. Immerhin hatte die nächtliche Rennerei ihren Zweck erfüllt: Ich fühlte mich wieder müde genug um noch einige Stunden zu schlafen. Andererseits machte sich nun mein Magen bemerkbar. Das letzte Mal hatte ich am Mittag vor dem Training etwas gegessen, aus Zeitgründen nur ein Brot, bevor ich los musste. Ich war erst kurz davor aufgestanden, aus diesem Grund hatte es für mich auch kein Frühstück gegeben. Und nach dem Training und meiner ersten Joggingrunde hatte ich auch nichts mehr gegessen… Vielleicht sollte ich diesbezüglich etwas nachholen… Und so quälte ich mich, noch immer in vollständiger Joggingkluft samt Schuhen, wieder aus dem Bett und ging hinunter in die Küche.

Ich öffnete den Kühlschrank und holte alles heraus, was halbwegs essbar aussah. Schlussendlich war der halbe Tisch vollgestellt, und irgendwie endete das ganze in einer regelrechten Fressorgie. Ich stopfte alles wild durcheinander in mich hinein, konnte gar nicht mehr aufhören, und als die Sachen aus dem Kühlschrank aufgegessen waren, durchsuchte ich noch die Küchenschränke. Mein Bauch schmerzte bereits, doch ich bekam es kaum mit. Auch dass meine Fressorgie wohl nicht gerade leise ablief, bemerkte ich nicht. Allerdings schien ich damit bisher keinen Aufgeweckt zu haben. Als ich jedoch gerade dabei war, das dreckige Geschirr in die Abwaschmaschine einzuräumen, überkam mich schlagartig Übelkeit. Ich presste mir die Hand vor den Mund und schaffte es gerade noch die Treppe hoch ins Bad, wo ich vor der Kloschüssel auf die Knie fiel und das gesamte eben Gegessene in diese beförderte.

Irgendwann schob sich ein Glas mit Wasser in mein Blickfeld, und als ich mich umdrehte stand Anja neben mir. Sie sah mich besorgt an.
„Geht’s wieder?“, wollte sie wissen. Ich nickte nur, nahm ihr das Glas aus der Hand und spülte mir kurz mit einem Schluck den Mund aus, bevor ich es in einem Zug leerte. Ich lehnte meinen Kopf gegen die kühlen Fliesen, noch immer ausser Atem. Meine Schwester nahm mir das Glas ab, füllte es erneut und hielt es mir wieder hin. Erneut leerte ich es in einem Zug, sah sie dann dankbar an.
„Und nun zurück ins Bett!“, meinte sie nur und streckte mir ihre Hand hin. Ich griff danach, liess mich von ihr hochziehen und blieb dann schwankend stehen. Ich fühlte mich unheimlich schwach. Offensichtlich wirkte ich auch so, denn Anja schlang sicherheitshalber einen Arm um meine Hüfte und geleitete mich zurück in mein Bett.

Während ich mich inzwischen frierend unter meine Decke kuschelte, verschwand Anja kurz aus dem Zimmer, um gleich darauf mit einem Glas und einer Flasche Cola wiederzukommen. Sie setzte sich auf den Bettrand und wuschelte mir kurz durch die Haare.
„Mum ist schon wieder nicht da, oder?“, wollte sie wissen. Ich schüttelte nur den Kopf. Sie seufzte, hob dann die Bettdecke an und legte sich neben mich. Als Kinder hatten wir uns öfters ein Bett geteilt, aber das letzte Mal war nun wohl fast zwanzig Jahre her. Ich war erst überrascht, rutschte dann aber zu ihr. Anja griff nach dem Schalter der Nachttischlampe.
„Gute Nacht!“, murmelte sie nur, bevor sie die Lampe ausschaltete. Ich murmelte bereits im Halbschlaf irgendeine Antwort, kuschelte mich noch etwas näher an sie heran und schlief dann ein.

Als ich aufwachte, war Anja verschwunden. Die Sonne schien in mein Zimmer. Ich fühlte mich einigermassen erholt, zumindest geschlafen hatte ich die letzten Stunden ziemlich gut. Als ich aufstand, überkam mich jedoch leichter Schwindel, zudem schmerzte mein ganzer Körper. Ich schleppte mich erst mal ins Bad und stellte mich unter die Dusche. Das half, danach fühlte ich mich um einiges besser. Ich schankte zurück in mein Zimmer, wo mir ein Blick auf den Wecker sagte, dass ich schon fast wieder spät dran war, um rechtzeitig ins Training zu kommen. So zog ich mich an, schnappte mir meine noch vom Vortag gepackte Tasche und ging hinunter in die Küche.

Zu meiner Überraschung stand meine Mutter am Spülbecken und wusch gerade die geschirrlichen Überreste meiner nächtlichen Fressorgie. Sie Wünschte mir lächelnd einen guten Morgen, als ich durch die Tür trat, runzelte dann aber besorgt die Stirn.
„Alles in Ordnung? Du bist so blass.“, wollte sie wissen. Ich nickte nur und murmelte etwas von schlecht geschlafen. War ja auch nicht mal wirklich gelogen… Ich liess meine Tasche neben der Tür stehen und ging zur Kaffeemaschine, wo ich mir eine Tasse füllte, mir eine Scheibe Brot abschnitt und mich dann an den Küchentisch setzte. Mama hatte sich wieder dem Abwasch zugewandt, und die Art wie sie lächelte und vor sich hin summte war für mich fast schlimmer als ihre traurigen Augen in den Wochen zuvor.

Obwohl mir der Apetit vergangen war, sofern er überhaupt irgrndwann vorhanden war, würgte ich mein Brot hinunter, kippte den heissen Kaffee hinterher und sprang dann auf.
„Ich muss los.“, murmelte ich und flüchtete regelrecht aus der Küche. Ich schnappte mir meine Tasche, angelte meinen Autoschlüssel vom Schlüsselbrett und verliess das Haus. Nun war ich zwar sogar ein ganzes Stück zu früh dran, aber ich hätte es keine Sekunde länger mehr drinnen ausgehalten. So warf ich meine Tasche in den Kofferraum und setzte mich ins Auto. Während der Fahrt zur Schanze drehten sich meine Gedanken um alles mögliche, ich konzentrierte mich kaum auf die Strasse und hatte wohl Glück, dass gerade kaum Verkehr war. Schliesslich erreichte ich mein Ziel, wo ich erstmal meinen Kopf aufs Lenkrad sinken liess und die Augen schloss.

Irgendwann liess mich ein Klopfen an der Autoscheibe zusammenzucken. Als ich den Kopf hob, presste Nejc sein Gesicht dagegen und zog eine Grimasse. Ich rieb mir kurz die Augen, zog den Zündschlüssel aus dem Schloss und öffnete dann die Tür. Nejc sprang zur Seite.
„Du siehst scheisse aus!“, stellte er dann fest. Ich zuckte nur mit den Schultern, stand auf und wankte dann, kurz mit meinem Gleichgewicht kämpfend, in Richtung Kofferraum.
„Er hat Recht. Bist du sicher, dass du so wirklich springen willst?“ Ich erstarrte einen Moment, als ich Peters Stimme erkannte. Scheinbar stand er schon die ganze Zeit in der Nähe und ich hatte es nicht mal bemerkt.
„Wird schon irgendwie gehen.“, meinte ich, wobei meine Stimme beinahe versagte.

Noch immer sahen mich die beiden besorgt an, als ich meine Tasche aus dem Kofferraum holte. Wir machten uns auf den Weg in Richtung Umkleidekabine, vor welcher schon Goran und die anderen auf uns warteten. Auch dieser sah mich besorgt an, sagte jedoch nichts und schloss uns die Tür auf. Wir stürmten hinein, und ich liess mich auf der Bank nieder und versank wieder in Gedanken, während sich die anderen lachend und redend umzogen. Irgendwie schaffte auch ich es dabei, in meinen Anzug zu schlüpfen, liess mich dann aber wieder auf der Bank nieder.

Irgendwann spürte ich eine Hand auf meiner Schulter, sah auf – und direkt in Peters noch immer besorgtes Gesicht. Aus der Nähe sah er sogar noch besser aus, obwohl noch gewisse Spuren von der OP zu erkennen waren. Das wäre der perfekte Moment um ihn zu küssen!, schoss es mir durch den Kopf und hätte mich für den Gedanken am liebsten selber georfeigt. Ich senkte meinen Blick, was sich jedoch ebenfalls als schlechte Idee erwies, denn so kam nun Peters nackter Oberkörper in mein Sichtfeld.
„Irgendwas stimmt doch nicht mit dir!“, meinte Peter, und er ging in die Knie, um mir wieder in die Augen sehen zu können, „Was ist los, Stress mit deiner Freundin?“

„Welche Freundin?“, murmelte ich nur, stand auf und ging an ihm vorbei aus der Garderobe. Ich hörte ihn seufzen. Er ging einige Meter hinter mir, als wir das Gebäude verliessen, uns unterwegs unsere Skis aus dem Materialcontainer holten und dann die Treppe zur Schanze hoch kletterten. Dort warteten Goran und die anderen bereits auf uns. Wir waren spät dran, doch Goran wirkte nicht wütend, sondern immer noch besorgt. Schliesslich erklärte er uns das Ziel des heutigen Trainings, bevor er uns weiter hinauf auf die Schanze schickte. Als ich den anderen folgen wollte, hielt er mich jedoch kurz an der Schulter fest. Ich rollte mit den Augen.
„Du bist sicher dass du das packst?“, wollte er wissen, „Ich will deiner Familie nicht erklären müssen wieso du mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus liegst – oder schlimmeres…“

„Ich komme klar!“, versicherte ich ihm und versuchte dabei so überzeugend wie möglich zu klingen. Goran schien mir nicht so recht zu glauben, liess mich dann aber gehen.
Tatsächlich verlief das Training sogar ziemlich gut, und ich erntete ein anerkennendes Nicken für meinen ersten Sprung. Beim zweiten kam ich bei der Landung zwar etwas ins trudeln, jedoch war die Weite mehr als annehmbar. Auch der dritte Sprung war OK, wenn auch nicht ganz so gut wie die ersten beiden. Möglicherweise hing das auch damit zusammen, dass mich noch während des Sprungs ein leichter Schwindelanfall überkam und mein Sichtfeld bei der Landung etwas verschwamm. Eigentlich war es sogar fast ein Wunder, dass ich noch einen Telemark hinbekam.

Bevor ich meine Skis abschnallte, blieb ich einen Moment in der Hocke und wartete dass der Schwindel verflog, bevor ich den Auslauf verliess. Ich ignorierte die besorgen Blicke meiner Teamkollegen, als ich wieder die Treppe hinauf stieg und dabei stärker als sonst ins Schnaufen kam. Kurz blieb ich stehen um wieder zu Atem zu kommen. Als ich weiter ging, wartete oben an der Treppe Goran auf mich.
„Genug für heute, Jurij.“, meinte er nur, „Du bist gut gesprungen, fahr jetzt nach Hause und erhol dich. Bald geht der Sommetgrandprix los, dafür musst du fit sein!“

Im Normalfall hätte ich ihm widersprochen und auf weitere Sprünge bestanden, doch heute nickte ich nur und ging wieder nach unten, froh dass das Training vorbei war. Mein Magen rumorte, und ich konnte nicht genau sagen ob es Hunger war oder etwas anderes Schuld an der Übelkeit war. Ich stellte meine Skis zurück und ging zurück in die Garderobe. Beim umziehen vertrödelte ich irgendwie so viel Zeit, dass ich noch nicht fertig war, als die anderen Springer ihr Training beendet hatten und herein kamen.

Schliesslich schnappte ich mir meine Sachen und machte mich auf den Weg zu meinem Auto. Noch immer fühlte ich mich seltsam – hoffentlich würde ich die Fahrt nach Hause heil überstehen… Ich verfrachtete meine Tasche in den Kofferraum, setzte mich auf den Fahrersitz und wollte den Wagen starten. Dieser jedoch gab keinen Mucks von sich. Irritiert zog ich den Schlüssel noch einmal raus und versuchte es erneut. Doch wieder – keine Reaktion. Ein Blick aufs Armaturenbrett verriet mir, dass ich noch genug Benzin hatte und auch sonst kein Kontrollämpchen oder irgendetwas anderes darauf hinwies, wieso mein Auto nicht ansprang.

Ich fluchte und zuckte daraufhin heftigst zusammen, als ich einen Schatten am Fenster erkannte. Dann erkannte ich Peter, der vor der Tür stand. Hinter ihm erkannte ich, dass der Parkplatz, abgesehen von seinem und meinem Auto, leer war.
„Springt nicht an.“, murmelte ich, als ich ausstieg und nach vorne ging, wo ich die Kühlerhaube öffnete. Zwar kannte ich mich ein wenig mit Autos aus, konnte jedoch beim besten Willen nichts erkennen, was anders war.
„Vermutlich ist die Batterie am Arsch.“, sprach Peter meinen Gedanken aus, der sich neben mich gestellt hatte und sich nun ebenfalls hilflos das Innenleben meines Wagens ansah.

„Ich fahr dich nach Hause.“, meinte er daraufhin. Ich sah ihn ungläubig an.
„Du musst doch in ne komplett andere Richtung, das macht doch keinen Sinn!“, antwortete ich, doch Peter winkte ab.
„Und was willst du sonst machen? Hier übernachten? Ausser mir ist keiner mehr hier. Ich lass dich ganz bestimmt nicht alleine hier stehen, schon gar nicht in deinem Zustand!“ Meinem Zustand? Was wollte er mir denn jetzt damit sagen? Doch ich zuckte nur mit den Schultern und folgte Peter zu seinem Auto. Wir stiegen ein, und Peter setzt seine Sonnenbrille auf, bevor er den Wagen startete und vom Parkplatz fuhr.

Der Radio dudelte vor sich hin, und Peter klopfte auf dem Lenkrad den Takt des Liedes mit. Ich beobachtete ihn unauffällig, während ich in meinem Sitz hing und eine leichte Übelkeit in mir aufstieg. Schliesslich kamen einige Kurven, die Übelkeit wurde stärker und dann schlagartig so heftig, dass ich mir die Hand vor den Mund presste.
„Halt an!“, meinte ich nur. Ein Blick zu mir genügte, und Peter lenkte den Wagen in den nächstbesten Waldweg. Ich stürzte hinaus, fiel auf die Knie und erbrach mein spärliches Frühstück ins Gebüsch. Noch immer rebellierte mein mittlerweile leerer Magen, ich würgte und hatte plötzlich Angst zu ersticken.

Schliesslich tauchte eine offene Wasserflasche vor meinem Gesicht auf, und eine Hand strich über meinen Rücken. Dankbar ergriff ich die Flasche und nahm einige Schlucke, mit deren Hilfe ich schliesslich auch das letzte meinen Magen reizende Stückchen in die Büsche beförderte. Mittlerweile liefen mit Tränen übers Gesicht, und ich liess mich einfach gegen Peter sinken, fühlte mich zu schwach um mich jemals wieder zu bewegen. Zu meiner Überraschung zog er mich an sich und hielt mich fest, während ich heulte, irgendwann begann er wieder sanft über meinen Rücken zu streichen.

Obwohl mein Magen schmerzte und ich nicht aufhören konnte zu heulen, wünschte ich mir, dass es für immer so bleiben würde; dass ich in Peters Armen lag und er über meinen Rücken strich. Doch dann löste ich mich nach einer Weile widerwillig von ihm, stand schwankend auf. Peter folgte meiner Bewegung, bereit mich aufzufangen falls ich das Gleichgewicht verlieren sollte. Ich spülte mir den Mund aus und trank dann vorsichtig einige Schlucke Wasser, bevor ich mir die Tränen aus dem Gesicht wischte.
„Gehts wieder?“, wollte Peter wissen. Ich nickte nur und ging langsam zurück zum Wagen, wobei Peter hinter mir blieb und wartete, bis ich sass. Erst dann ging er zur Fahrertür und stieg ebenfalls ein, machte jedoch keine Anstalten den Wagen zu starten.

„OK, und nun erzähl mir mal was mit dir los ist!“, forderte er daraufhin und schaute mich eindringlich an. Ich zögerte einen Moment, und dann sprudelte alles aus mir heraus. Nun ja, fast alles, denn die Sache was das Gefühlschaos ihm gegenüber betraf wollte ich ihm dann doch nicht unter die Nase reiben. Aber vor allem die Sache mit meinen Eltern erzählte ich ihm, und kurz schnitt ich auch meine Zukunftsängste was das Skispringen betrifft an. Irgendwie half es mir, mir mal alles von der Seele zu reden, auch wenn schlussendlich wieder die Tränen flossen, ohne dass ich es wirklich wollte.

Auch jetzt strich Peter wieder über meinen Rücken, er hatte sich meine Erzählung schweigend angehört.
„Klingt ja nicht besonders gut, das ganze!“, meinte er daraufhin. Ich nickte nur und rieb mir die Augen.
„Jedenfalls, du kannst jederzeit zu mir kommen wenn was ist, OK?“ Ich sah überrascht auf.
„Okay, Danke!“, murmelte ich nur. Peter grinste nur, was meinen Bauch kurz kribbeln liess. Dann startete er seinen Wagen, und wir setzten unsere Heimfahrt fort. Irgendwann erreichten wir das Haus meiner Eltern.
„Danke… Für alles!“, meinte ich nur, als ich ausstieg.
„Kein Thema. Und wie gesagt, meld dich falls ich irgendwas für dich tun kann!“

Ich ging zur Haustür, und Peter fuhr davon. Als ich in die Küche trat, erwartete mich eine Situation, die ich nicht erwartet hatte: Meine gesamte Familie sas gemeinsam am Abendbrottisch, als ob zwischen meinen Eltern nie irgendwas passiert wäre. Ich blieb in der Küchentür stehen und konnte es kaum glauben. Jon erzählte gerade irgendwas, ansonsten klapperte nur das Besteck, und keiner schien mich bisher bemerkt zu haben. Irgenwann sah meine Mutter schliesslich auf und entdeckte mich. Sie lächelte.
„Hallo Jurij, willst du auch was essen?“ Ich zuckte zusammen, schüttelte dann den Kopf.
„Ich fühle mich nicht so gut, ich glaub ich leg mich gleich hin.“

Mit diesen Worten drehte ich mich um und ging zur Treppe. Ich hörte, wie meine Mutter mir noch irgend etwas hinterher rief, doch ich ignorierte es. Dann stieg ich die Treppe hoch, ging in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir ab. Dann setzte ich mich auf mein Bett, mein Körper fühlte sich unglaublich schwer an, und mein Kopf drohte zu platzen. Ich schälte mich aus meinen Klamotten und kroch unter die Decke. Dann schnappte ich mir meinen iPod vom Nachttisch und steckte mir die Stöpsel in die Ohren. Erst war die Musik leise, doch irgendwann klopfte es an die Tür und von draussen rief meine Mutter meinen Namen, woraufhin ich sie lauter drehte. Dennoch bekam ich mit, dass es später noch einmal klopfte. Auch das ignorierte ich. Irgendwann fielen mir schliesslich die Augen zu.

Als ich wieder aufwachte, war es mitten in der Nacht. Mir war ein wenig schwindlig, mein Kopf tat noch immer etwas weh, und ich musste aufs Klo. Also stand ich auf. Als ich die Tür öffnete, stolperte ich beinahe über ein Tablett mit einer Kanne Tee, einer Tasse und einem Schälchen mit Suppe. Zudem befanden sich darauf noch einige Scheiben Brot. Ich machte einen grossen Schritt darüber und ging dem Flur entlang in Richtung Bad. Dabei musste ich an der Schlafzimmertür meiner Eltern vorbei, welche einen Spalt offen stand. Kurz stellte ich mich davor und schielte hinein. Im schwachen Licht, das durchs Fenster drang, konnte ich meine Eltern erkennen, welche eng umschlungen im Bett lagen.

Ich stolperte zurück und hätte mich beinahe auf den Hosenboden gesetzt, konnte mich jedoch gerade noch fangen. Was sollte das denn jetzt? Erst sprachen sie monatelang kaum miteinander, ausser wenn sie sich gerade stritten, und nun machten sie wieder einen auf grosse Liebe?! Ich ballte meine Hände zu Fäusten und stürmte zurück in mein Zimmer. Eigentlich hätte ich mich ja freuen sollen dass sich meine Eltern wieder versöhnt hatten, doch irgendwie war ich einfach nur sauer. Wie in Trance fing ich an, mich anzuziehen und ging dann die Treppe hinunter. Als ich vor der Tür stand, fiel mir ein dass ich ja gar kein Auto hatte. Egal, ich musste hier weg. Also nahm ich mir den Schlüssel von Anjas Auto und verliess damit das Haus.

Ich stieg ein und fuhr vom Parkplatz, noch immer schien mein Körper einfach zu funktionieren, während mein Kopf wie leergefegt war. Und scheinbar ohne dass ich es irgendwie kontrollieren konnte fand ich mich irgendwann vor Peters Haus wieder. Ausgerechnet! So wörtlich hatte er das mit dem „Du kannst jederzeit zu mir kommen!“ wohl auch nicht gemeint… Einen Moment überlegte ich, einfach wieder weg zu fahren, doch in einem Zimmer im oberen Stock war das Licht angegangen. Man hatte meine Ankunft also vermutlich bereits bemerkt. Was nun?

Kurz darauf ging auch schon die Haustür auf, in welcher ein verpennter Peter in Shirt und Boxershorts erschien. Mir gedanklich die Hand gegen die Stirn klatschend öffnete ich schliesslich die Autotür und stieg aus.
„Was machst du denn mitten in der Nacht hier?“, rief Peter leise über den Parkplatz. Ich zuckte nur mir den Schultern, schloss so leise wie möglich die Autotür und ging dann auf ihn zu, ohne ihn dabei anzuschauen.
„Ich bin einfach losgefahren und… Naja, plötzlich war ich hier…“, versuchte ich zu erklären und schielte hoch. Peter lächelte nur.
„Na, dann komm mal rein!“

Ich folgte ihm die Treppe hinauf in sein Zimmer. Dort angekommen, schloss ich die Tür hinter uns, während sich Peter bereits auf den Bettrand gesetzt hatte. Nach kurzem zögern setzte ich mich schliesslich mit etwas Abstand neben mir, mit einem Mal überkam mich bleierne Müdigkeit, ich unterdrückte ein Gähnen und rieb mir die Augen. Peter grinste, wirkte jedoch nicht viel wacher als ich mich fühlte.
„Falls du noch über irgendwas reden willst mach das besser jetzt, sonst fallen mir die Augen zu.“, meinte er. Ich schüttelte den Kopf.
„Meinetwegen können wir schlafen. Ich habs zu Hause nur nicht mehr ausgehalten.“, erklärte ich.

Peter nickte nur und krabbelte ins Bett, klopfte neben sich auf die Matratze. Ich befreite mich von Schuhen und Jeans, liess sie einfach auf dem Boden liegen und legte mich neben ihn. Peter gab mir ein Stück seiner Bettdecke ab und löschte dann das Licht. So lagen wir dann im dunkeln nebeneinander, lauschten dem Atem des jeweils anderen. Irgendwie beruhigte mich das, und schon nach kurzer Zeit schlief ich tief und fest.
Als ich wieder aufwachte, spürte ich etwas auf meiner Brust und war im ersten Moment irritiert. Ich öffnete meine Augen und sah, dass sich Peter im Schlaf an mich gekuschelt und mich zu seinem Kopfkissen zweckentfremdet hatte.

Eine Hand hatte er dabei in den Stoff meines Shirts gekrallt. Er schien noch tief und fest zu schlafen. Ein Kribbeln stieg in meinem Bauch auf, und vorsichtig strich ich durch seine völlig verwuschelten Haare. Er seufzte im schlaf und kuschelte sich noch etwas näher an mich. Ich lächelte, während meine Finger immer noch mit seinen Haaren spielten, und genoss einfach nur die Nähe zu ihm. Sowas würde es in wachem Zustand wohl nicht mehr geben… Doch schon nach viel zu kurzer Zeit grummelte Peter, drehte sich und blieb, alle viere von sich gestreckt, auf dem Rücken neben mir liegen. Im Schlaf lächelte er leicht.

Ich drehte mich auf die Seite und stützte meinen Kopf auf die Hand, um ihn besser beim schlafen zusehen zu können. Meine Finger strichen dabei leicht durch sein Gesicht. Über Stirn, Wangen, schliesslich vorsichtig über seine Lippen. Ich wusste nicht genau, was mich plötzlich ritt, als ich meinen Kopf seinem näherte und vorsichtig meine Lippen auf seine legte. Ein Feuerwerk schien in meinem Kopf zu explodieren, ich schloss meine Augen und genoss es einfach nur. Und bekam dadurch nicht mit, wie Peter mit einem Mal entsetzt seine Augen aufriss.

Erst als seine Händen meine Schultern berührten und mich energisch von sich weg stiessen, zuckte ich zusammen und liess von ihm ab. Beide ungefähr gleich erschrocken starrten wir uns an, ich war einen Moment lang unfähig mich zu bewegen. Dann sprang ich hektisch auf, zog mich an, nahm den Autoschlüssel vom Nachttisch und stürmte aus dem Zimmer.
„Jurij, ich… Warte!“, rief Peter mir hinterher, doch ich ignorierte es. Vorbei an den irritierten Blicken seiner Familie, welche in der Küche beim Frühstück sass, rannte ich aus dem Haus.

Ich sprang in Anjas Auto, startete es und raste rückwärts aus der Einfahrt. Kurz sah ich Peter noch in der Haustür auftauchen, dann raste ich davon. Ich fuhr viel zu schnell, irrte Ziellos durch die Gegend und hätte mich selber dafür erschlagen können für das was eben passiert war. Wie war ich bloss auf die hirnrissige Idee gekommen ihn zu küssen?! Ich hatte doch eigentlich gewusst dass er nichts von mir will! Ich fluchte vor mich hin.
Kurz darauf fuhr ich viel zu schnell in eine enge Kurve und verlor einen Moment die Kontrolle über den Wagen. Zum bremsen war es zu spät, und ich fuhr in die Wiese neben der Strasse. Der Wagen hatte keinen Kratzer, doch mein Kopf knallte unsanft gegen das Lenkrad, und alles wurde schwarz um mich herum.

Als ich wieder zu mir kam, hörte ich leise Stimmen, und mein Kopf dröhnte. Ich öffnete meine Augen und kniff sie gleich wieder zusammen. Vorsichtig versuchte ich es erneut, mir dieses Mal sicherheitshalber die Hand vor die Augen haltend. Ich befand mich in einem Raum, den ich sogleich als Krankenhauszimmer idendifizierte, und schlagartig waren auch die Erinnerungen wieder da. Am liebsten wäre ich einfach wieder eingeschlafen und hätte nicht mehr daran gedacht. Doch scheinbar war mein Aufwachen bereits bemerkt worden, denn gleich darauf stand Anja an meinem Bett und sah mich böse an.

„Du verdammter Idiot! Erst klaust du mir mein Auto und dann fährst du es noch beinahe zu Schrott!“, herrschte sie mich an. Dann jedoch beugte sie sich zu mir hinunter, umarmte mich und murmelte: „Ich bin froh dass dir nichts schlimmeres passiert ist!“ Ich erwiderte die Umarmung und versuchte dann, mich aufzusetzen. Anja machte es sich auf der Bettkante gemütlich.
„Wieso bist du denn abgehauen? Und wo ist überhaupt dein Auto?“ Ich seufzte und wollte gerade angefangen alles zu erklären, als es an die Zimmertür klopfte.

Gleich darauf steckte Peter den Kopf ins Zimmer, und ich erschrak. Anja jedoch grinste nur wissend und stand auf.
„Ich lass eich dann mal alleine.“, meinte sie nur, zwinkerte mir zu und ging aus dem Zimmer. Ich sah ihr hinterher und flehte sie gedanklich an hier zu bleiben. Doch die Tür fiel hinter ihr ins Schloss und war mit ihm alleine im Zimmer. Ich richtete meinen Blick aufs Fenster, während ich Peters langsamen Schritten lauschte, die sich meinem Bett näherten. Und irgendwie konnte ich regelrecht spüren, wie er näher kam.

Schliesslich blieb er stehen, ich versuchte immer noch ihn zu ignorieren, doch mein Herz raste. Und dann zuckte ich leicht zusammen, als ich eine Berührung an meiner Stirn spürte, auf welcher ein Pflaster klebte.
„Tut das weh?“, wollte er wissen, ohne seine Hand wieder weg zu nehmen.
„Nicht mehr als der restliche Kopf.“, murmelte ich nur und versuchte, die Berührung zu geniessen. Peter lachte und nahm dann zu meiner Enttäuschung seine Hand wieder weg.

„Wegen heute morgen…“, begann er dann, doch ich unterbrach ihn, schüttelte den Kopf.
„Es tut mir Leid, ich… Keine Ahnung was mich da geritten hat… Aber du hast ja auch mitgekriegt wie ich in den letzten Tagen drauf war. War wohl irgrndwie alles etwas viel für mich… Und dann deine OP… Irgendwas… fasziniert mich seither…“ Ich schielte zu Peter, der nur seinerseits etwas verlegen aussah.
„Weisst du… Eigentlich hab ich ja nicht mal was dagegen wenn du mich küsst… Zumindest wenn ich wach bin…“ Ich sah ihn überrascht an, während er sich abwandte, und in meinem Kopf wirbelten die Gedanken wild durcheinander.

Für einen Moment sassen wir einfach nur schweigend da, bis ich irgendwann zögernd nach seiner Hand griff. Peter begann zu grinsen und drückte leicht meine Hand. Auch ich lächelte nur. Doch dann wurde er wieder ernst.
„Denkst du denn, dass du… Wirklich Gefühle für mich hast, oder glaubst du dass es nur irgendwie… Verwirrtheit oder sowas ist?“, wollte er wissen. Ich zucke mit den Schultern.
„Also irgendwie fühlt es sich schon ziemlich… echt an.“, meinte ich, „Ich könnte mir schon irgendwie vorstellen, dass da… mehr draus wird.“

Nun lächelte Peter wieder.
„Ich auch.“, meinte er. Wir sahen uns an und begannen zu grinsen. Dann legte sich Peters Hand auf meine Wange, er beugte sich zu mir runter – und kurz bevor sich unsere Lippen trafen flog die Zimmertür schwungvoll auf, und eine bilderbuchmässige ältere Krankenschwester betrat das Zimmer. Wir fuhren auseinander. Hinter der Schwester betrat Anja das Zimmer, welche die Situation richtig intepretiert hatte, breit grinste und uns ihren hochgestreckten Daumen zeigte.

Peter trat zurück, und die Krankenschwester begann an meinem Kopf rumzuwerkeln. Sie entfernte das Pflaster auf meiner Stirn, versorgte die Wunde und verpflasterte sie neu. Währenddessen durfte ich mir anhören, was für ein Idiot ich bin und dass ich Glück gehabt hätte dass ich mir nur die Wunde und eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen habe. Anja war mittlerweile neben Peter getreten, und die beiden betrachteten die Szene amüsiert, während ich ziemlich gequält vor mich hin starrte. Schliesslich war die Prozedur endlich beendet, und die Schwester rauschte wieder aus dem Zimmer.

Peter und Anja traten wieder zu mir, und Anja liess sich schwungvoll auf die Bettkante plumpsen.
„Und, habt ihr geredet?“, wollte sie wissen und sah uns erwartungsvoll an. Etwas irritiert sah ich von ihr zu Peter. Wusste sie irgendwas?
„Pero hat mir von dem Kuss erzählt.“, klärte Anja mich auf, „Und nun sagt schon!“
„Nun ja… Ja, wir haben geredet.“, meinte ich nur grinsend. Peter grinste und nickte nur. Anja rollte genervt mit den Augen, grinste dann aber ebenfalls.
„Dann nehme ich mal an dass das Ganze ein gutes Ende nimmt?“, wollte sie wissen. Wieder sah ich zu Peter, welcher grinste und nur meinte: „Joa, kann man wohl so sagen.“
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Und tatsächlich ging die ganze Sache gut weiter, denn von einem Ende konnte man noch lange nicht reden. Das mit Peter und mir schien tatsächlich etwas ernstes zu sein, und er half mir unheimlich die Krise, in der ich gerade steckte, zu überwinden. Sogar mit der Skispringerei schien es langsam wieder zu klappen, die ersten Sommerspringen verliefen für uns beide vielversprechend, und ich hoffte dass es auch im Winter für mich gut laufen würde – bei Peter machte ich mir darum nicht wirklich Sorgen.

Auch Zuhause beruhigte sich die Situation. Offensichtlich hatte mein Unfall einiges ins Rollen gebracht. Zwar hatten meine Eltern als dieser passierte den grössten Teil ihrer Ehekrise bereits überwunden, doch hatte die Sorge um mich den Prozess des wieder Zusammenfindens um einiges verschnellert. Auch sprachen sie endlich offen mit uns, was die ganze Familie wieder enger zusammenschweisste. Und dadurch und auch dank Peter verschwanden auch meine gesundheitlichen Probleme quasi von einem Tag auf den anderen.
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„Wo bist du denn schon wieder mit deinen Gedanken?“

Peters Stimme liess mich aufblicken. Wir waren die letzten in unserem Container, und er stand bereits in der Tür, bereit fürs Training vor dem Sommerspringen, welches gleich stattfinden würde. Ich schüttelte nur den Kopf, lächelte und stand auf. In wenigen Schritten war ich bei ihm, und bevor wir den Container verliessen, zog ich Peter noch einmal in die Arme und vergrub mein Gesicht in seiner Halsbeuge. Er schlang ebenfalls seine Arme um mich, legte seinen Kopf auf meine Schulter.

Für einen Moment blieben wir so stehen, bis mich Peter schliesslich widerwillig sanft von sich schob.
„Wir müssen los.“, meinte er nur, und ich nickte grummelnd. Doch Peter grinste schon wieder. Mit einer Hand öffnete er die Tür, die andere streckte er mir hin. Ich ergriff sie grinsend, und gemeinsam machten wir uns auf den Weg zur Schanze.

Trying not to love you… (Skispringen, Wellinger/Geiger, Slash)

Prolog

 

Für einen Moment entglitten ihm seine Gesichtszüge, als er bemerkte, was ihm die Suchfunktion da genau ausgespuckt hatte. Nicht wissend, ob er schockiert sein oder einfach laut loslachen sollte, starrte er auf die Zeilen auf dem Bildschirm.

 

Wellinger/Geiger: Die Weltcup-Saison hat begonnen, und die beiden neuen deutschen Hoffnungsträger Andreas Wellinger und Karl Geiger teilen sich nachts ein Hotelzimmer. Doch Karls Gefühle gehen je länger je mehr über Freundschaft hinaus. Wird Andreas seine Gefühle erwidern?

 

Andreas zuckte heftig zusammen, als er mit einem Mal aus dem Augenwinkel einen Schatten war nahm und den Atem einer anderen Person an seiner Wange spürte. Karl hatte sich hinter seinen Stuhl gestellt, seinen Kopf mittlerweile auf Wellis Schulter platziert und starrte konzentriert auf den Bildschirm des Laptops. Gleich darauf breitete sich eine Mischung aus Entsetzen und eines Grinsens auf seinem Gesicht aus.

 

„Wie krank ist das denn bitte?!“, lachte er daraufhin laut los, klopfte Welli auf die Schulter und trat einen Schritt zurück, „Liest du diese Scheisse etwa?“ Andreas schüttelte nur den Kopf, während Karl sich noch immer lachend umgedreht hatte und sich auf das grosse Doppelbett fallen liess.

„Was haben wir bloss für seltsame Fans, wenn man das überhaupt so nennen kann!“

Noch längere Zeit konnte man den Älteren kichern hören. Welli hingegen starrte noch immer wie erstarrt auf den Bildschirm.

 

Lange zögerte er, warf sicherheitshalber noch einen Blick über die Schulter, und klickte schliesslich auf die FanFiction, deren Kurzbeschreibung er mittlerweile seit einer geschlagenen halben Stunde angestarrt hatte.

 

 

1

 

„Es war einer dieser Abende, an denen Karl wie so oft nicht einschlafen konnte. Nicht, dass er nicht müde war – eher im Gegenteil. Doch alleine die Tatsache, dass Andreas Wellinger mit weniger als einem halben Meter Abstand neben ihm im Bett lag und tief und fest schlief, reichte aus, um ihn wach zu halten. Seufzend drehte Karl sich auf die Seite. Das Mondlicht, welches durch das Fenster schien, erhellte das Gesicht des Jüngeren. Zögernd streckte Karl seine Hand aus, stoppte jedoch wenige Millimeter vor Andreas‘ Gesicht und zog sie schliesslich zurück. Wie Welli wohl reagieren würde, wenn Karl ihm seine wahren Gefühle offenbaren würde…?“

 

„Liest du etwa immer noch diesen Schund?“

 

Vor Schreck wäre Welli beinahe vom Stuhl gefallen, als er Karls Stimme mit einem Mal wieder ziemlich nahe an seinem Ohr hörte. Schnell klickte er die Seite weg.

„Quatsch, ich… Ich habe nur geguckt ob ich noch mehr komisches Zeug finde.“, stammelte er wenig überzeugend und senkte seinen Blick, um die Röte in seinem Gesicht vor Karl zu verbergen. Seltsamerweise schien sich sein Kumpel mit dieser Antwort zufrieden zu geben. Er wuschelte dem Jüngeren nur durch die Haare und meinte: „Verschieb das besser auf später, wir müssen zum Training.“ Mit diesen Worten ging Karl zur Zimmertür. Und Welli ertappte sich selber erschrocken dabei, wie er seinem Zimmergenossen auf den Hintern starrte. Schnell schüttelte der den Kopf. Vielleicht sollte er diese dummen Geschichten wirklich Geschichten sein lassen…

 

***

 

Etwas mehr als eine Stunde später stand Welli im Hotelzimmer unter der Dusche und liess sich das warme Wasser auf den Körper prasseln. Das Training war alles andere als gut verlaufen, weil ihn der Gedanke an diese blöde Geschichte einfach nicht mehr losliess. Wie kamen diese Fans überhaupt auf solche Ideen? Er und Karle?! Wie schwachsinnig… Kam er möglicherweise tatsächlich irgendwie rüber als ob er schwul wäre? Doch wie konnte er etwas daran ändern?

 

Ein Klopfen an der Badezimmertür holte ihn aus seinen Gedanken.

„Ey, lass mir auch noch etwas warmes Wasser übrig!“, kam Karls Stimme gedämpft durch die Tür. Andreas stellte das Wasser ab und griff nach seinem Handtuch. Er trocknete sich ab, rubbelte ein wenig seine Haare trocken und wickelte es sich daraufhin um die Hüfte. Er konnte gerade so die Tür öffnen, als Karl auch schon ins Bad gestürmt kam, ebenfalls nur mit einem Handtuch bekleidet. Wie automatisch wanderten Wellis Augen über seinen Körper, jedoch wendete er sogleich seinen Blick ab, als er es bemerkte. Er lief knallrot an und stürmte ins Zimmer. Karl schien glücklicherweise nichts bemerkt zu haben, denn er schloss einfach die Tür hinter sich. Gleich darauf war sein fröhliches Pfeifen und das Rauschen des Wassers zu hören.

 

Welli liess sich mit dem Gesicht nach unten aufs Bett fallen. Wie konnte ihn diese doofe Story derart aus dem Konzept bringen? Er kannte Karle nun schon so lange, sie waren Freunde, und er hatte den Älteren auch noch nie als etwas anderes als einen Kumpel betrachtet. Überhaupt noch nie irgendein männliches Wesen… Er stand doch auf Frauen! Es verwirrte ihn zutiefst.

Als er hörte, dass Karl das Wasser abstellte, erhob er sich schnell und zog sich die nächstbesten Klamotten an, welche er fand. Dann griff er nach seinem Laptop. Etwas Ablenkung würde ihm bestimmt gut tun… Doch als er den Bildschirm entsperrt hatte, stellte er fest, dass er noch immer die FanFiction geöffnet hatte.

 

Er setzte den Zeiger seiner Maus auf das kleine rote Kreuz oben in der Ecke, doch mit einem Mal war sein Zeigefinger wie gelähmt, als er die Seite schliessen wollte. Stattdessen liess er seinen Blick noch einmal über die Zeilen wandern. Sofort fand er die Stelle, an der er verblieben war, und las einfach weiter. In der Hoffnung, es irgendwie zu schaffen das Ganze nur als Scherz anzusehen und darüber lachen zu können…

 

Karls lautes Lachen liess ihn schliesslich zusammenzucken. Mittlerweile hatte er sich mehrere Kapitel durchgelesen und er fieberte regelrecht mit.

„Ich fass es nicht! Du liest das tatsächlich immer noch!“, hörte er seinen Zimmergenossen sagen.

„Ich will doch nur wissen ob wir zusammenkommen!“, entfuhr es ihm, was Karle jedoch nur noch lauter lachen liess. Doch Welli war bereits wieder in die FanFiction vertieft. Auch Karl schnappte sich sein Laptop und machte es sich auf dem Bett gemütlich.

 

Irgendwann war Andreas am Ende des vorerst letzten Kapitels angekommen, ihm schwirrte der Kopf. In der Geschichte waren sich Andreas und Karl schon etwas näher gekommen, und irgendwie fand er die Vorstellung mittlerweile gar nicht mehr so abwegig. Jedenfalls war er sehr gespannt auf das nächste Kapitel. Er speicherte die Seite in seinen Favoriten und klappte dann den Laptop zu. Zögernd warf er einen Blick zum Bett. Karl tippte munter auf seiner Tastatur herum und wirkte sehr konzentriert. Dennoch schoss Welli die Röte ins Gesicht. Seine Fantasie ging wohl gerade mit ihm durch, denn irgendwie kam es ihm gerade gar nicht mehr so abwegig vor, das gelesene in die Tat umzusetzen…

 

Nein, halt, Stopp! Das ging nun definitiv zu weit! Er war einfach nur müde, die ganze Reiserei stresste ihn, immerhin war das auch sein erster Weltcup… Kein Wunder dass er da ein wenig Verrückt spielte… Aber ernst zu nehmen war das ganze definitiv nicht… Er rieb sich die Schläfen und erhob sich dann von seinem Stuhl. Um sich gleich darauf wieder hinzusetzen mit dem Plan, die Story wieder aus den Favoriten zu löschen. Doch als er die Seite erneut öffnete, zögerte er. Denn ein kleiner Pfeil verriet, dass wohl soeben ein weiteres Kapitel online gestellt worden war.

 

2

 

Zu Wellis Entsetzen ging es im neusten Kapitel ordentlich zur Sache, doch er schaffte es einfach nicht, wegzuklicken – geschweige denn, einfach mit dem Lesen aufzuhören. Zu allem Überfluss begann auch sein Körper auf das Geschriebene zu reagieren… Wie durch Nebel hörte er Karl irgendetwas sagen. In seinem tranceartigen Zustand hatte er völlig vergessen, dass dieser sich noch immer im Raum befand… Und mittlerweile waren die Folgen der Fanfiction kaum noch zu übersehen. Sofort sprang er auf, stürzte ans andere Ende des Zimmers und verbarrikadierte sich im Bad, wo er sich an der geschlossenen Tür hinuntersinken liess. Sein Herz raste und er zwang sich, erst mal tief durchzuatmen.

 

Von draussen klopfte Karl gegen die Tür.

„Welli, bist du OK?“, drang es gedämpft durch die Tür. Der angesprochene nickte nur und realisierte erst, dass Karl das natürlich nicht sehen konnte, als dieser von aussen erneut an die Tür klopfte.

„A… alles klar.“, meinte er deshalb gerade laut genug dass es Karl draussen verstand.

„Wirklich?“ Karls Stimme klang misstrauisch. Andreas Schwieg. Und als ob die Situation nicht so schon peinlich genug war, füllten sich seine Augen auch noch mit Tränen, welche er nicht zurückhalten konnte. 

 

Obwohl er seine Hände gegen sein Gesicht presste, entfuhr ihm ein auch für Karl auf der anderen Seite der Tür hörbares Schluchzen. Dieser runzelte besorgt die Stirn.

„Kleiner, mach doch die Tür auf!“ Erneut klopfte er leicht. Zu seinem Erstaunen war daraufhin tatsächlich das Umdrehen eines Schlüssels zu hören. Vorsichtig drückte er die Türklinke hinunter und schob die Tür, soweit wie es der noch immer dahinter sitzende Welli zuliess, einen Spalt auf. Es reichte gerade so, um sich hindurch zu quetschen. Andreas hatte die Beine an seinen Körper gezogen und sein Gesicht in seinen Armen vergraben. Karl ging vor ihm in die Knie.

 

„Hey…“, murmelte er und legte seine Hand auf Wellis Arm. Dieser hob den Kopf. Sein Gesicht war vom Weinen ganz rot, und noch immer liefen Tränen über seine Wangen. Karl setzte sich neben seinen Kumpel, legte seinen Arm um ihn und zog ihn vorsichtig an sich. Dieser verkrampfte sich im ersten Moment, lehnte sich dann aber an den Älteren und liess seinen Kopf auf dessen Schulter sinken.

„Krise, hm?“, murmelte Karle und strich über Wellis Arm, „Keine Sorge, das geht jedem mal so… Das geht vorbei.“

Oder auch nicht…, dachte Andreas, nickte aber trotzdem leicht. Irgendwie fühlte es sich gerade zu gut an, so an Karl gekuschelt im Bad zu sitzen…

 

Doch nach einiger Zeit stand Karl ächzend auf, streckte sich und steckte Welli seine Hand hin.

„Los, komm, lass uns Fernsehen. Oder sonst irgendwas machen, was dich ablenkt. Heimweh geht vorbei…“, meinte er.

Heimweh… Wenn es nur das wäre…, dachte sich Welli, griff jedoch trotzdem nach Karls Hand und liess sich auf die Beine helfen. Er folgte ihm ins Zimmer und liess sich neben ihm aufs Bett fallen. Karl hatte sich unterdessen die Fernbedienung gegriffen und zappte wahllos durch das Programm. Irgendwann blieb er an einer Serie hängen, während Andreas gedanklich schon wieder ganz weit weg war.

 

Aus den Augenwinkeln beobachtete er den Älteren, welcher konzentriert auf den Fernseher starrte. Zwischendurch hallte immer mal wieder sein Lachen durchs Zimmer. Wieder erinnerte er sich an gewisse Szenen aus der FanFiction. Doch bevor das Ganze wieder Überhand nehmen konnte, schüttelte er heftig den Kopf, um die unerwünschten Gedanken zu vertreiben. Karle hatte recht, er musste sich ablenken. Und er wusste auch schon wie… Gleichzeitig würde ihm diese Idee auch weiterhelfen, rauszufinden, wie es um ihn stand…

 

Er stand auf und holte sich sein Laptop vom Tisch. Damit machte er sich auf den Weg zurück zum Bett, wo er sich die Ohrstöpsel seines iPods vom Nachttisch griff. Schnell waren diese ins Laptop gestöpselt, doch vorerst würden sie noch nicht gebraucht werden. Schnell hatte er eine Internetseite geöffnet, auf deren Startseite sich bereits wenig bis gar nicht bekleidete Damen tummelten. Und zu seiner Erleichterung reagierte sein Körper darauf. Gott sei Dank!

Neben ihm hatte Karl mittlerweile den Fernseher ausgeschaltet und sich von ihm weg gedreht in seine Bettdecke gekuschelt.

 

Schnell steckte sich Welli die Ohrstöpsel in die Ohren und klickte eine weitere Homepage an. Nun waren es nicht mehr nur Bilder, sondern Videos und natürlich auch die dazu gehörende Geräuschkulisse. Und auch dieses Mal reagierte sein Körper wie erhofft. Er warf einen Seitenblick zum mittlerweile schlafenden Karl, bevor sich seine Hand ihren Weg in seine Hose suchte. Bereits jetzt musste er seine Zähne zusammenbeissen, um nicht laut zu werden. Doch schon bald war er völlig ins Video versunken und schaffte es gerade noch so seinen Mund zu halten. Umso erschrockener war er, als er mit einem Mal eine zweite Hand in seiner Hose spürte.

 

Karls Hand.

 

 

3

 

Erschrocken schaute Andreas neben sich. Karl war ganz an ihn heran gerutscht, sein Blick auf den Laptopbildschirm gerichtet, und ihm war definitiv anzusehen, was das Video bei ihm auslöste. Eine Hand war in seiner eigenen Hose verschwunden, die andere in Wellis. Dieser schluckte schwer, denn nach dem anfänglichen Schrecken musste er sich eingestehen, dass ihn die Situation durchaus anmachte. Kurz zögerte er, bevor er seine Hand aus seiner Hose zog und sie zielstrebig in Karles verschwinden liess. Dieser grinste ihn nur kurz frech an, bevor er sich wieder auf das Video konzentrierte. Die Ohrstöpsel wurden aus dem Laptop gezogen, und nicht nur aufgrund der Geräuschkulisse vergassen die beiden gleich darauf wieder alles um sich herum.

 

Nur kurze Zeit später war alles vorbei. Noch immer raste Wellis Atem, er hatte sich zurückgelehnt und starrte ins leere. Karl neben ihm lag an ihn gelehnt daneben. Doch so langsam klarten Andreas‘ vernebelte Gedanken wieder auf, er begann sich zu verkrampfen.

Eigentlich hatte er sich mit der Sache doch nur klar machen wollen, dass er NICHT auf Männer stand, und nun hatte es damit geendet, dass er mit seinem Kumpel rumgemacht hatte… Und ebendieser Kumpel, wohl bereits im Halbschlaf, kuschelte sich gerade noch näher an ihn und umarmte ihn…

 

Schluss. Ende. Er musste hier weg. Innert Zehntelsekunden war Welli aufgesprungen. Irritiert sah Karl ihn an. Doch er war bereits in seine Turnschuhe geschlüpft, sah sich unsicher um und stürmte dann auf die Zimmertür zu.

„Welli!“, hörte er Karl noch rufen, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Zielstrebig und doch ohne klares Ziel stapfte er den Hotelflur entlang, stieg die drei Treppen hinunter und verliess das Hotel. Als die Schneeflocken seine nackten Arme berührten, fiel ihm auf, dass er nur T-Shirt und Trainingshose trug. Egal, nur weg hier.

 

Mit der Zeit fühlten sich seine Arme taub an, seine Schuhe waren durchgeweicht, und er hatte definitiv die Orientierung verloren. Der Schneefall war stärker geworden, er konnte kaum noch etwas erkennen. Die Häuser um ihn herum wurden weniger, offensichtlich kam er langsam aus dem Dorf heraus. Dennoch stapfte er weiter – vermutlich würde er das Hotel sowieso nicht wiederfinden… Irgendwann stellte er fest, dass ihn seine Beine ohne dass er es wollte zur Schanze getragen hatten. Seufzend blieb er stehen und sah daran hoch.

 

Natürlich war der kleine Gondellift ausgeschaltet, also kletterte er am Rande der Schanze nach oben und stieg schliesslich die Treppe hoch bis ganz oben. Dort setzte er sich hin. Durch den Schneefall waren die Häuser und Lichter des Dorfes nur schwach zu erkennen. Er zog die Beine an den Körper und rieb sich mit den kalten Händen die ebenso kalten Oberarme, was jedoch nicht gerade von Erfolg gekrönt war. Mittlerweile fand er die Idee, hier zu sitzen, nicht mehr ganz so toll – doch wo sollte er hin?

 

Hätte er doch seine Jacke mitgenommen… Oder wäre gar nicht erst losgerannt… Seinen Ursprünglichen Plan, sich wieder im Bad einzuschliessen, ausgeführt… Das hatte er nun davon… Er wusste nicht, wie kalt es genau war, aber definitiv mehrere Grad unter null. Ob er wohl erfrieren würde wenn er die ganze Nacht hier sass? Vielleicht sollte er doch versuchen, das Hotel wiederzufinden… Doch eigentlich fühlten sich seine Glieder schon viel zu starr an um aufzustehen… Er legte seinen Kopf in seine Arme. Die Schneeflocken, die auf seine Haut fielen, nahm er schon gar nicht mehr wirklich war.

 

Irgendwann – er wusste nicht mehr ob er erst Minuten oder schon Stunden dort sass, glaubte er, Schritte und Stimmen zu hören. Fing er nun schon an zu halluzinieren? Doch nun schien wieder irgendjemand seinen Namen zu rufen. Die Schritte kamen näher. Und dann zuckte er zusammen, als etwas um seine Schultern gelegt wurde und er gleich in die Arme von irgendjemandem gezogen wurde.

„Mensch, du kleiner Idiot, willst du dich umbringen?“ Es fiel Andreas unglaublich schwer, doch irgendwie schaffte er es, die Augen zu öffnen. Es war Karl, dessen Jacke er nun trug, der nun selber nur noch im Pulli neben ihm im Schnee kniete und ihn umarmte. Er glaubte, weitere Schatten und Stimmen um sich herum wahr zu nehmen, konnte sie jedoch nicht zuordnen. Also schloss er die Augen wieder. Er war unglaublich müde. Und gleich darauf wurde alles schwarz um ihn herum.

 

 

4

 

Das nächste, was Andreas wahr nahm, war, dass die Kälte um ihn herum verschwunden war. Wieder hörte er Stimmen in seiner Nähe, und er versuchte die Augen zu öffnen. Gleich darauf kniff er sie wieder zusammen. Es war wohl mittlerweile Tag geworden, denn die Sonne schien ihm direkt ins Gesicht. Ob er tot war?

Doch die Stimmen wurden deutlicher, eine davon gehörte definitiv zu seinem Trainer, die andere, weibliche, war ihm unbekannt. Vermutlich wäre der Tod die bessere Alternative gewesen… Wie sollte er denn nun diese Aktion den anderen erklären?

 

„…er ist nur ein wenig unterkühlt. Vermutlich hat er sich noch eine ordentliche Erkältung eingefangen, aber ansonsten wird er in Kürze wieder einsatzfähig sein. Gönnen sie ihm einige Tage frei, danach sollte alles wieder OK sein. Die Sache hätte auch schlimmer ausgehen können…“, hörte der die Stimme der Dame sagen. Noch einmal startete er einen Versuch, seine Augen zu öffnen. Langsam gewöhnte er sich an das Licht.

 

„Na, endlich ausgeschlafen?“

Welli zuckte zusammen, er schaute an und sah Werner Schuster direkt neben seinem Bett stehen. Er starrte auf seine Bettdecke, biss sich auf die Unterlippe und traute sich kaum, den Trainer anzusehen.

„Ich, es…“, begann er, doch sein Trainer winkte ab.

„Du brauchst mir nichts zu erklären, Karl hat mir schon alles erzählt.“ Ach du scheisse…

„Aber wenn er dich das nächste Mal ärgert, darfst du auch gerne bei mir anklopfen anstatt planlos in die Nacht hinaus zu rennen. Wer weiss was passiert wäre, wenn wir dich nicht gefunden hätte… Zum Glück kam irgendwer auf die Idee, an der Schanze nachzusehen…“

 

Häh? Was hatte Karle ihm erzählt? Doch hoffentlich nicht die Wahrheit…? Doch was war überhaupt die Wahrheit? Etwas unsicher schaute er den Trainer an, auf dessen Gesicht sich mittlerweile ein warmes Lächeln ausgebreitet hatte.

„Jedenfalls fährst du nun erstmal n paar Tage nach Hause und erholst dich. Sapporo wird halt für dich ausfallen, aber das ist ja nicht weiter schlimm… Und danach müssen wir die Hotelzimmerverteilung wohl nochmal überdenken… Ich denke ja nicht dass du weiterhin eins mit Karle teilen willst, oder?“

 

Welli zuckte nur mit den Schultern, nicht wissend was er darauf nun anworten sollte.

„Wir können das auch spontan entscheiden…“, fuhr Schuster fort, „Jedenfalls kannst du dich dann mal umziehen, ich hab dir n paar frische – warme – Sachen mitgebracht. Danach fahren wir erstmal ins Hotel zurück und dort wirst du dann abgeholt für die Heimreise. Ich warte draussen.“

Der Skispringer konnte nur nicken. Er wartete, bis sein Trainer das Zimmer verlassen hatte, und griff dann nach dem Rucksack, den dieser am Bettende abgestellt hatte.

 

Nur wenige Minuten später war er fertig und sprang auf. Erst mal musste er sich noch einmal hinsetzen, weil ihm leicht schwindlig war, doch der zweite Versuch klappte. Dennoch bewegte er sich recht vorsichtig zur Zimmertür und in den Flur hinaus. Werner Schuster, der sich auf einen Stuhl im Flur gesetzt hatte und eine Zeitung las, sah auf.

„Können wir?“, wollte er wissen. Welli nickte nur.

 

Die Fahrt zurück zum Hotel war kurz. Er hoffte, dass er Karl nicht mehr begegnen würde, als er den Flur entlang ging. Er öffnete die Tür. Doch das Schicksal war nicht auf seiner Seite, denn Karl lag auf dem Bett, neben ihm Wellis gepackte Reisetasche. Er sah auf, als der Jüngere das Zimmer betrat. Schon war er aufgesprungen und in wenigen Schritten bei Welli, den er sofort in die Arme schloss.

„Mensch Kleiner, es tut mir so leid!“, murmelte er. Andreas reagierte nicht darauf, musste sich jedoch eingestehen, dass es sich gar nicht so schlecht anfühlte, so an seinen Kumpel gekuschelt da zu stehen.

 

„Wenn ich gewusst hätte, was ich mit der Scheiss FanFiction auslösen würde…“, meinte Karl. Welli erstarrte, löste sich aus der Umarmung und trat einen Schritt zurück.

„Du?!“, entfuhr es ihm. Karl senkte seinen Blick und nickte leicht. Welli war sprachlos, seine Gedanken fuhren Achterbahn. Glücklicherweise klopfte es im selben Moment an die Zimmertür.

 

„Andreas? Bist du soweit? Wir müssen zum Flughafen…“

 

5

 

Ohne Karl noch eines Blickes zu würdigen, schnappte sich Welli seine Tasche und verliess das Zimmer. Bereits auf der Fahrt zum Flughafen begann sein Hals zu kratzen, die Nase lief und als er schliesslich in sein Flugzeug stieg, waren leichte Kopfschmerzen dazu gekommen. Er verschlief den grössten Teil des Flugs. Wieder gelandet, fühlte er sich definitiv krank und wurde zu Hause von seiner Mutter sogleich ins Bett gepackt. Das Positive daran war, dass er dadurch wenigstens mal nicht an Karl denken musste…

 

Erst beinahe 24 Stunden später wachte er wieder auf. Sein Magen knurrte, doch noch war ihm zu schwindelig um aufzustehen und sich etwas zu essen zu holen. Also liess er seinen Blick durch sein Zimmer schweifen. Es war irgendwie schon verdammt lange her, dass er das letzte Mal hier gewesen war. Irgendwie hatte er es vermisst. Andererseits wollte er auch die Erlebnisse mit dem Team nicht missen… Und nun kehrten auch die Sache mit Karl in seine Gedanken zurück…

 

Schnell griff er nach der Fernbedienung auf seinem Nachttisch und schaltete den Fernseher ein, doch auch dieser schaffte es irgendwie nicht so wirklich ihn abzulenken. Seufzend setzte er sich auf den Bettrand. Vorsichtig stand er auf, ging noch leicht schwankend zur Tür und dann die Treppe hinunter in die Küche. Dort machte er sich einige Brote, nahm sich etwas zu trinken und ging dann wieder nach oben. Unterwegs musste er einmal stehen bleiben und tief durchatmen, als der Schwindel zurückkam. Wieder oben angekommen, zappte er durchs Programm, fand jedoch nichts, was ihn interessierte.

 

Also griff er nach seiner Tasche, welche noch immer unausgepackt im Zimmer stand. Auf der Suche nach seinem Laptop fiel ihm sein Handy in die Hände. Er hatte einige neue Nachrichten, die meisten von seinen Teamkollegen, welche ihm eine gute Besserung wünschten. Auch Karl hatte geschrieben. Doch nach einigem Zögern legte Welli sein Handy wieder weg, ohne seine Nachricht gelesen zu haben. Gleich darauf fand er auch sein Laptop und startete es auf.

 

Nachdem er ein wenig herumgesurft hatte, fiel ihm Karls Geschichte wieder ein. Er zögerte kurz, dann klickte er den noch immer abgespeicherten Link an. Tatsächlich hatte Karle noch weiter geschrieben. Auch in der Geschichte hatten sich Karl und Andreas gestritten. Karl machte sich daraufhin ziemliche Vorwürfe, es ging ihm ziemlich schlecht, und er hatte Angst, dass Welli ihm nicht verzeihen würde. Tatsächlich schien es darauf hinauszulaufen. Das Kapitel endete damit, dass Karl darüber nachdachte, sich etwas anzutun.

 

Panik machte sich in Wellli breit. Wie ernst konnte er das ganze nehmen, wie ähnlich waren die Gedanken und Gefühle vom Karl in der Geschichte mit denen des echten Karls? Er griff nach seinem Handy und suchte die noch ungelesene Nachricht.

Bitte hass mich nicht! Ich konnte ja nicht ahnen, dass du das jemals lesen würdest… Ich kann doch auch nichts für meine Gefühle… Vergiss es einfach, OK? Vergiss alles, was passiert ist… K.

Fast dieselben Worte hatte der Karl in der FanFiction in seinem Abschiedsbrief verwendet…

 

Seine Hände zitterten, als er auf seinem Handy Karls Nummer suchte und versuchte ihn anzurufen. Er liess es gefühlte hundert Male klingeln, doch er ging nicht ran. Gleich darauf versuchte er, irgendjemanden anderes aus dem Team zu erwischen. Doch irgendwie ging keiner an sein Handy. Er zögerte, bevor er schliesslich Werner Schusters Nummer wählte. Es klingelte drei, vier Male, bevor der Trainer schliesslich ran ging.

„Andreas! Na, bist du wieder fit?“ Welli liess ihn kaum ausreden.

 

„Ist Karl in deiner Nähe?! Bitte, ich muss es wissen! Ist er OK?“, sprudelte es ohne irgendeine Begrüssung aus ihm heraus.

„Er fühlte sich heute nicht besonders gut und ist deshalb nicht im Training… Er müsste in seinem Hotelzimmer sein…¨, antwortete der Trainer.

„Kannst du bitte nachschauen? Ich erreiche ihn nicht, ich mach mir irgendwie Sorgen…¨

„Welli, ich denke nicht…“, begann Schuster, wurde jedoch sogleich wieder unterbrochen.

„Bitte!“

 

Tatsächlich hatte er den Trainer überreden können, nachzusehen. Dieser hatte ihm versprochen, ihn gleich darauf zurückzurufen. Nervös tigerte Welli in seinem Zimmer auf und ab, das Handy in der Hand. Es kam ihm vor, als hätte er seit Stunden gewartet, als dieses endlich wieder klingelte.

 

„Welli? Es ist alles in Ordnung! Er hat nur geschlafen. Ich hab ihm gesagt, er soll dich anrufen. Aber was ist eigentlich los mit euch beiden?“

Eine ganze Steinlawine fiel Welli vom Herzen, erleichtert setzte er sich auf den Bettrand.

„Gar nichts, alles OK. Ich dachte nur… Ach, egal. Danke dass du nachgeschaut hast.“

 

 

6

 

Natürlich rief Karl nicht an. Andreas hatte auch nichts anderes erwartet. Und genau genommen war es ihm auch lieber. Denn wie er sich eingestehen konnte, herrschte in ihm das totale Gefühlschaos. Was empfand er für Karl? Liebte er ihn? Oder hatte ihn diese dumme Geschichte einfach nur verwirrt, dass er nun so durchdrehte? Doch, was wenn er nun herausfinden würde, dass er Karl nicht liebte, dieser aber ihn? Oder umgekehrt, dass die Geschichte nur ein dummer Scherz war, er aber nichts für Welli empfand? Wie würden sie in einer solchen Situation miteinander umgehen?

 

Er war froh, dass er nun einige Tage frei hatte und darüber nachdenken konnte. Sogar im Traum verfolgten ihn die verschiedenen Situationen, wobei sich diese mit den positiven Ausgängen allerdings häuften. Ob das ein Zeichen war? Irgendwann wurde ihm allerdings klar, dass er wohl keine Entscheidungen treffen konnte, ohne mit Karl geredet oder ihn zumindest gesehen zu haben. Schliesslich kam der Tag, an dem er seine Sachen packte um zum Team zurück zu kehren. Er sah dem Ganzen mit gemischten Gefühlen entgegen.

 

Schliesslich fuhr sein Zug am Zielbahnhof ein. Ihm war etwas mulmig, als er auf den Bahnsteig hinaus trat und sich umsah. Glücklicherweise war nur einer der Betreuer zu erkennen, welcher auf ihn wartete. Auf dem Weg zum Hotel wurde nur wenig gesprochen, und zu Wellis Erleichterung war sein Team gerade beim Training, sodass er in Ruhe sein Hotelzimmer beziehen konnte. Vorerst sollte er es erstmal wieder mit Karl teilen, jedoch konnte er nach Aussage des Betreuers nur Bescheid sagen, falls es nicht funktionieren würde…

 

Nachdem er seinen Kram verstaut hatte, setzte er sich erstmal aufs Bett und sah sich im Zimmer um. Karl hatte sich bereits eingerichtet, überall lagen seine Sachen herum, sein Laptop stand auf der einen Bettseite, und auch im Bad hatte er sein Dusch- und anderes Kosmetikzeug bereits verteilt. Welli musste grinsen, obwohl das Zimmer wohl auch nicht ordentlicher ausgesehen hätte, wenn er alleine oder sie beide zusammen hier gewesen wären. Schliesslich stand er auf und ging zum Fenster. Dabei fiel sein Blick auf einen schwarzen Pullover, der an einem Stuhl hing.

 

Kurz zögerte er, bevor er nach dem Kleidungsstück griff und sein Gesicht in dem weichen Stoff vergrub. Der leichte Geruch nach Waschmittel, Deo und Duschgel – eben einfach nach Karl – stieg ihm in die Nase. Kurz schloss er die Augen, stellte sich den Älteren vor. Und im selben Moment wurde hinter ihm die Zimmertür geöffnet. Den Pulli noch immer an sich gedrückt, starrte er erschrocken zur Tür. Karl, der in der Tür stand, schaute ihn überrascht an. Welli merkte, wie sein Gesicht knallrot wurde. Schliesslich begannen Karls Mundwinkel zu zucken, bevor er laut loslachte. Und auch Welli konnte sich daraufhin ein Grinsen nicht mehr verkneifen. Die Situation war einfach irgendwie zu absurd.

 

Schliesslich durchquerte Karl mit wenigen Schritten das Zimmer, bis er vor Welli stand. Er zögerte kurz, bevor er sich einfach runterbeugte und den jüngeren umarmte. Wie sie es eigentlich immer zur Begrüssung machten. Nur dass Karl ihn dieses Mal länger als sonst festhielt.

„Ich freu mich dass du wieder da bist!“, murmelte der Ältere. Welli, der bisher noch wie erstarrt dagesessen hatte, liess schliesslich den Pulli fallen und legte ebenfalls vorsichtig die Arme um seinen Kumpel.

 

Erleichtert stellte Andreas fest, dass sich die beiden noch immer wie normal unterhalten und auch rumalbern konnten. Dennoch war er etwas unsicher und wusste, dass er die Sache mit der Geschichte und was diese alles so bewirkt hatte, unbedingt noch ansprechen musste. Schliesslich kam ihm Karl jedoch zuvor. Es war einige Stunden später, als die beiden auf dem Bett lagen. Der Fernseher lief, jedoch waren beide in ihre Gedanken vertieft, sodass sie nicht wirklich mitbekamen, was lief. Irgendwann räusperte sich Karl schliesslich.

 

„Welli?“, murmelte er schliesslich und drehte sich auf die Seite.

„Hmm?“, antwortete dieser, wobei er bereits ahnte, was nun kommen würde.

„Du bist doch nicht mehr sauer wegen der Sache mit der FanFiction, oder? Irgendwie hab ich damit so viel kaputt gemacht…“

„Ich war doch nie sauer…“, antwortete Welli, ohne den anderen anzuschauen, „Es hat mich nur irgendwie… verwirrt… Ich wusste nicht mehr, was ich denken – und vor allem fühlen sollte… Wir waren immer nur Freunde, aber jetzt… Irgendwie weiss ich gar nicht mehr, was wir jetzt sind…“

 

„Würdest du denn etwas anderes als Freundschaft wollen?“, kam es von Karl, der auf seine Bettdecke starrte und mit dem Finger die Muster von dieser nachzeichnete. Andreas zuckte mit den Schultern.

„Nun ja, ich könnte mir irgendwie schon… mehr vorstellen“, murmelte er, in der Hoffnung, nichts damit kaputt zu machen, „Aber ich weiss ja nicht, wie es dir geht und ob die Story vielleicht nur ein Scherz war, und überhaupt…“

„War es nicht!“, kam es sofort von Karl. Welli schielte zu seinem Kumpel, der noch immer eingehend die Bettdecke betrachtete, „Ich wusste halt irgendwie nicht… wohin mit meinen Gefühlen… Deshalb hab ich irgendwann angefangen das zu schreiben… Ich konnte ja nicht ahnen dass du das lesen würdest…“

 

„Wieso hast du denn nicht einfach was gesagt?“, fragte Welli, konnte sich die Antwort jedoch schon selber denken, „Dann hätte ich gar nicht wegrennen müssen und überhaupt…“

„Naja, wärst du denn ohne die Geschichte überhaupt mal auf die Idee gekommen, dass… Naja, du weisst schon…“, murmelte Karl. Ehrlich schüttelte Andreas den Kopf.

„Eben…“, meinte Karl nur.

„Und was jetzt?“, fragte Welli.

„Keine Ahnung…“, gestand Karl, „Würdest du es denn versuchen wollen? Mit mir? Ich meine… Wir müssen ja nicht gleich händchenhaltend durch die Gegend rennen… Und überhaupt… Wir können es ja auch… langsam angehen lassen… Nun ja…“

 

Andreas zögerte, dachte lange nach, was er nun antworte sollte, und als Karl schon fast nicht mehr damit rechnete, meinte er schliesslich: „Okay…“

Auf Karls Gesicht breitete sich ein Lächeln aus.

„Dann sind wir jetzt… zusammen?“, fragte er sicherheitshalber nach. Welli zuckte mit den Schultern, nickte dann aber und begann ebenfalls zu grinsen.

 

Ungefähr eine Stunde später lagen die beiden nebeneinander im Bett. Licht und Fernseher waren bereits aus, nur der Mond schien ins Zimmer. Noch immer strahlte Welli vor sich hin, irgendwie war er überhaupt nicht müde, und einschlafen würde er sowieso nicht können. Neben ihm wälzte sich Karl von einer Seite auf die andere, und sein Atem verriet ihm, dass sein Freund wohl auch noch nicht schlief. Er zögerte kurz, bevor seine Hand sich zu ihm hinüber tastete, unter die Decke schlich und schliesslich Karls Hand fand. Er hörte den älteren leise kichern, bevor seine Hand gedrückt wurde. Für einige Minuten lagen sie so reglos da. Bis Karl sich schliesslich auf die Seite drehte, hinüber zu Welli rutschte und sich an diesen kuschelte. Dieser drehte sich nun ebenfalls auf die Seite. Plötzlich überkam ihn die Müdigkeit. Mit Karls warmer Hand auf seinem Bauch und dessen ruhigem Atem im Nacken fand er schliesslich innert kürzester Zeit den Weg ins Land der Träume.

Ohne Titel (Skispringen, Tom Hilde/Kenneth Gangnes, Slash, 2010)

Toms Sicht:

Während wir im Team langsam den Flur entlang in Richtung Umkleidekabinen schlenderten, warf ich immer wieder Seitenblicke zu meinem Nebenmann. Wir gingen nahe nebeneinander, jedoch nicht nahe genug, dass es auffallen würden, und gelegentlich stiessen unsere Hände beim Laufen aneinander. Kenny hatte ein breites Grinsen im Gesicht, und auch ich konnte meine gute Laune kaum verbergen. Wir gingen hinter den anderen her, und aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie Kennys Grinsen breiter wurden, je näher wir der Tür des Männerklos kamen. Oh-oh, der Kerl plante was, da war ich mir sicher… Und tatsächlich…

Auf der Höhe der Tür wurde ich auf einmal am Arm gepackt und ins Klo gezogen. Ehe ich mich versah, fand ich mich auch schon an die geflieste Wand gedrückt wieder, Kennys Nase nur wenige Millimeter von meiner eigenen entfernt. Er hatte noch immer ein breites Grinsen im Gesicht. Auch ich konnte mir ein Grinsen nun nicht mehr verkneifen, während meine Hand ihren Weg in seine blonden Haare fand und diese leicht durchwuschelte. Auch seine eine Hand, welche mich bisher sanft gegen die Wand gedrückt hatte, wanderte nun in meinen Nacken und begann diesen zu kraulen, bevor er seine Lippen sanft auf meine legte.

Mit einem fast unhörbaren Seufzen begann ich den Kuss zu erwidern, noch immer durch seine Haare streichelnd, während seine eigenen sich langsam ihren Weg über meine Oberkörper bahnten. Ich liess meine nun über seinen Rücken gleiten, und während seine Lippen langsam an meinem Hals entlang wanderten, fiel mein Blick wieder auf die Tür, durch die wir soeben gekommen waren, und etwas erschrocken umfasste ich Kennys Handgelenke und schob ihn von mir weg. Irritiert sah er mich an.

„Was… wenn jemand reinkommt?“, meinte ich noch immer atemlos vom Kuss. Wieder legte sich ein Spitzbübisches Grinsen auf sein Gesicht, ich wurde erneut an den Schultern gepackt und in eine der Klokabinen gezerrt, wo ich mich erneut mit dem Rücken zur Wand vor fand und sogleich wieder die Lippen meines Freundes auf meinen spürte.

„Warte, aber…Hmpf.“ Bevor ich meinen Satz beenden konnte, befand ich Kennys Hand auf meinem Mund. Er sah mir direkt in die Augen, und während ich diesen Blick erwiderte, vergass ich für einen Moment, was ich hatte sagen wollen. Mein Gegenüber lächelte.

„Du denkst zu viel, eindeutig!“, nuschelte er, bevor er seine Lippen erneut auf meine legte. Wieder vergass ich für einen Moment alles um mich herum, bevor ich den jüngeren erneut von mir schob.

„Wir müssen…“, begann ich, doch seine Lippen brachten mich erneut zum Schweigen. Seine eine Hand hielt meine Handgelenke fest und pinnte sie über meinem Kopf an die Wand, während sich die andere erneut ihren Weg über meinen Oberkörper suchte und mich leise in den Kuss seufzen liess. Dennoch schwirrten die Gedanken an das bevorstehende Training noch immer in meinem Hinterkopf herum, drängten sich langsam wieder in den Vordergrund. Erneut startete ich einen Versuch, Kenny von mir zu drücken, doch im selben Moment rutschte seine Hand unter mein T-Shirt und strich über meinen Bauch, was meine Sinne noch einmal völlig vernebelte.

Gerade als seine Hand dabei war, unter den Bund meiner Hose zu rutschen, hörte ich, wie sich die Tür zur Männertoilette öffnete, und bevor ich auch nur darüber nachdenken konnte, hatte ich Kenny unsanft an die gegenüberliegende Wand befördert. Ich hielt die Luft an, was sich jedoch aufgrund der vorherigen Küsse gar nicht so einfach gestaltete.

„Tom? Kenny? Seit ihr hier?“, fragte eine Stimme leise. Ich atmete auf – es war nur Bardal, der als einziger, wenn auch unbeabsichtigt, von der Sache wusste. Dennoch war ich unfähig, ihm zu antworten, und auch Kenny wirkte noch immer ziemlich erschrocken und gab keinen Ton von sich.

„Jedenfalls – wir sollten in drei Minuten auf der Schanze sein, beeilt euch!“ Die Toilettentür fiel mit einem quietschen ins Schloss, und ich riss erschrocken meine Augen auf.

„Scheisse.“, meinte auch Kenny, und nach einem kurzen Blickwechsel stürmten wir aus dem Klo. Wie erwartet war die Umkleidekabine bereits leer, und wir zwängten uns so schnell wie möglich in unsere Trainingsklamotten, was sich in der Eile nicht gerade als einfach erwies. Zu allem Übel klemmte ich auch noch ein Stück Stoff beim Reissverschluss meiner Jacke ein, sodass sich dieser keinen Millimeter mehr bewegen liess. Ich zog und zerrte daran rum, jedoch erfolglos. Bis schliesslich zwei Hände meine Handgelenke umfassten, diese vom Reissverschluss wegzogen und es schliesslich schafften, diesen innerhalb einiger Sekunde wieder zu lösen. Ich blickte auf und schaute direkt in Kenneths breit grinsendes Gesicht. Für einige Augenblicke blieben wir so stehen, jeweils in die Augen des Gegenübers versunken, bevor Kenny einen leichten Kuss auf meine Lippen hauchte und dann aus der Garderobentür verschwand.

Kenneths Sicht:

Ich rannte die Treppe zur Schanze hoch und war völlig ausser Atem, als ich oben ankam. Doch mein Plan schien aufgegangen zu sein – unser Trainer hatte nichts davon mitbekommen, dass ich erst jetzt hier war. Ich versuchte, so schnell wie möglich meine Atmung zu normalisieren, nicht dass mein zu spät kommen doch noch auffallen würde… Kurz warf ich einen möglichst unauffälligen Blick zurück und sah, wie sich auch Tom, wenn auch einiges langsamer als ich zuvor, die Treppe hoch kämpfte. Schnell wandte ich meinen Blick jedoch wieder nach vorne, nicht dass es auffällig würde… Ich versuchte mich wieder auf den Trainer zu konzentrieren, bis ich einige Zeit später eine leichte Berührung an meiner Hand spürte. Kurz drehte ich meinen Kopf und sah Tom neben mir stehen, mit hochrotem Kopf und verzweifelt versuchend, seine Atmung unter Kontrollen zu bekommen.

Vor mich hin grinsend wandte ich mich wieder von ihm ab, während ich gedanklich einige Tage zurück schweifte. Damals hätte ich mir noch nicht vorstellen können, dass das zwischen mir und Tom gerade eben irgendwann wirklich passieren würde. Er hatte mich schon seit einiger Zeit fasziniert (ich hatte mich damals strickte geweigert, mir einzugestehen, dass ich in ihn verliebt war), doch irgendwie begann diese Faszination mit der Zeit abnormale Formen anzunehmen. Ich bekam kein Wort mehr raus ohne zu stottern, wenn er in der Nähe war, blamierte mich in einer Tour und vergeigte zudem sämtliche Sprünge, wenn er zusah. So auch an jenem Tag…

Ich hatte mal wieder jeden Sprung des Trainings verbockt, und ich sah Mika an dass er langsam nicht mehr wusste, was er mit mir machen sollte. Er hatte mich bereits mehrmals auf meine momentane Verfassung angesprochen, doch ich hatte jeweils abgeblockt – was sollte ich ihm auch sagen?

So kam es, dass er mich nach dem Training noch auf der Schanze behielt – zusammen mit Tom, der an diesem Tag mit Abstand die besten Sprünge gezeigt hatte und mir nun dabei helfen sollte, ebenso gut zu werden. So standen der Trainer und ich also oben und sahen zu, wie Tom sprang, während mir Mika dabei einiges erklärte, doch davon bekam ich kaum etwas mit, war zu sehr damit beschäftigt, Tom einfach nur anzustarren, bis er für einen Moment aus meinem Blickfeld verschwand und kurz darauf unten im Auslauf wieder auftauchte.

„Jetzt du!“, forderte mich Mika auf, und schon allein die Tatsache, dass Tom nun unten auf mich wartete, liess meine Knie zittern, während ich meine Skier befestigte und auf den Balken stieg. Trotz allen Versuchen liessen sich meine Gedanken nicht ausschalten, was bei mir für einen Sprung so dringend nötig wäre, und so schaffte ich wieder nur ein paar Meter, bevor ich wieder Boden unter den Füssen hatte.

Natürlich musste ich nochmal springen, natürlich ging Tom als gutes Vorbild heran, und natürlich versuchte Mika erneut, mir zu erklären was ich falsch machte. Und natürlich ging der Sprung erneut schief… Erneuter Versuch, selbes Ergebnis. Schliesslich kam der vierte Sprung. Ich war langsam aber sicher am Ende meiner Kräfte. Ich fuhr die Rampe hinunter, vermasselte den Absprung und bemerkte bereits während des Flugs, dass die Landung vermutlich schief gehen würde. Tatsächlich berührte lediglich mein rechter Ski kurz den Boden, und dann drehte sich auch schon alles um mich herum. Mit der Schulter zuerst kam ich auf dem harten Schnee auf, als nächstes fühlte ich einen Schlag gegen den Kopf und bekam dann für einen Moment gar nichts mehr mit. Erst als ich bemerkte, dass meine Rutschpartie scheinbar ein Ende hatte, öffnete ich vorsichtig die Augen, setzte mich auf und blieb erstmal belämmert sitzen, wo ich war. Irgendwann hatten sich offensichtlich auch meine Skis verabschiedet. Ich war völlig fertig, mein Körper schmerzte, und ich umklammerte meine Beine und starrte ins Nichts, während sich meine Augen langsam mit Tränen füllten.

Erst, als sich Arme um mich legten, nahm ich wieder irgendwas wahr. Ich blickte auf und sah direkt in Toms besorgtes Gesicht, dessen Hand nun angefangen hatte meinen Rücken auf und ab zu streicheln.

„Alles OK?“, wollte er wissen, und während ich nickte, verschwamm alles vor meinen Augen und die ersten Tränen bahnten sich ihren Weg über meine Wangen.

„Hey…“, hörte ich Tom murmeln, während er mich vorsichtig an sich zog und weiterhin meinen Rücken streichelte. Ich liess meinen Kopf vorsichtig gegen seine Schulter sinken und liess meinen Tränen freien Lauf, während Tom irgendwelche für mich unverständliche, aber beruhigende Wörter murmelte. Ich weiss nicht, wie lange wir so dort sassen, bis schliesslich Mika auf uns zugerannt kam.

„Bist du OK?“, wollte er ausser Atem wissen, woraufhin ich nickte.

„OK, wir machen Schluss für heute. Wir sehen uns morgen.“ Und mit diesen Worten drehte sich unser Trainer um und ging davon.

Ich merkte, wie Toms Arme um meinen Körper verschwanden, er stand auf und streckte mir dann seine Hände hin. Ich ergriff sie und liess mich von ihm auf die Beine ziehen. Erst jetzt bemerkte ich einen leichten Schmerz im rechten Knöchel beim auftreten. Auch Tom schien mein leichtes zusammenzucken bemerkt zu haben, legte seinen Arm um mich und stützte mich, während ich langsam zu den Kabinen zurück hinkte. Ich liess mich auf die Bank sinken, während Tom sich vor mich kniete und vorsichtig damit begann, meine Skischuhe zu öffnen. Dennoch brachten wir das ganze nicht ganz schmerzlos hinter uns. Als alle Schnallen geöffnet waren und er mir den Schuh vorsichtig vom schmerzenden Fuss gezogen hatte, stand er wieder auf und schaute noch immer leicht besorgt auf mich runter. Ich weiss nicht genau, was mich überkam, als ich meine Hand mit einem Mal in seinen Nacken legte, sein Gesicht näher zu mir zog und meine Lippen sanft auf seine legte.

Toms Sicht:

Noch immer bekam ich kaum Luft, als ich bereits einige Minuten oben stand und mich eigentlich hätte auf Mikas Worte konzentrieren sollen. Doch neben dem um Luft ringen war ich verzweifelt damit beschäftigt, mich dazu zu zwingen, nicht ständig Kenny anzugucken oder meine Hand leicht gegen seine schwingen zu lassen. Und ich vermutete, dass es ihm nicht viel anders ging… Erst eine Woche war es her, seit er mich damals in der Umkleidekabine einfach geküsst hatte. Irgendwie hatte sich das ganze damals so richtig angefühlt, dass ich den Kuss ohne zu überlegen einfach erwidert hatte. Und als er mich danach völlig geschockt über sich selber angeschaut hatte, konnte ich einfach irgendwie nicht anders als ihn nochmals zu küssen… Dies brachte dann endlich auch den Glanz in Kennys Augen zurück, welche in der letzten Zeit ziemlich trüb gewesen waren…

Irgendwie hatten wir nie wirklich darüber geredet, was damals nach dem Training passiert war – dennoch passierte es immer wieder, dass wir uns plötzlich knutschend auf irgend nem Klo oder sonstwo wiederfanden, ohne dass wir wirklich etwas dagegen tun konnten. Zuvor hatte ich eigentlich nie besonders viel mit Kenny gemacht, er war einfach nur ein Teamkollege, den ich im Training sah. Wobei sich, wenn ich so darüber nachdenke, auch jetzt nicht viel daran verändert hatten – nur dass wir nun eben des öfteren mal rumknutschten und so… Dieser Gedankengang liess mich grinsen. Hätte mir irgendjemand vorher gesagt, dass ich mal was mit Kenneth Gangnes anfangen würde, hätte ich dieser Person wohl völlig schockiert den Vogel gezeigt…

Eigentlich hatte ich noch nie darüber nachgedacht, was das zwischen uns eigentlich genau war, welche Art von Gefühlen dabei im Spiel waren – wenn überhaupt. Es stimmte einfach irgendwie… Dieses unglaubliche Kribbeln, wenn er mich küsste oder berührte, hatte ich noch nie bei irgendjemandem zuvor gespürt, und ich konnte einfach nicht genug davon bekommen… Aus den Augenwinkeln schielte ich kurz zu ihm rüber, bevor ich nach seiner Hand griff, diese kurz drückte, wenige Sekunden festhielt und dann losliess, als ob nichts gewesen wäre. Wieder schielte ich kurz zu ihm, bemerkte, wie er angefangen hatte selig zu grinsen. Im selben Moment klatschte unser Trainer auffordernd in die Hände, was mich kurz zusammenzucken liess. Irgendwie hatte ich überhaupt nichts davon mitgekriegt, was er uns soeben erzählt hatte, und schaute mich etwas hilflos um, während langsam Bewegung in meine Freunde kam.

Ich warf einen kurzen Blick zu Kenny, welcher ebenso ahnungslos aussah wie ich. Wir zuckten mit den Schultern und schlossen uns dann einfach unseren Teamkollegen an, welche die Treppe langsam wieder hinunterstiegen. Ich bemerke, dass wir uns langsam wieder in Richtung Umkleidekabinen bewegen, und wie erwartet begann Kenny neben mir wieder zu grinsen. Auch meine Mundwinkel fingen an zu zucken. Kurz blieb er stehen, warf einen Blick von der Klotür zu mir und zog vielsagend die Augenbrauen hoch. Schnell nickte ich, und als die anderen vor uns um die Ecke verschwunden waren, huschten wir schnell hinein. Ich wurde am Ärmel gepackt und fand mich gleich darauf auch schon wieder an eine Klotrennwand gedrückt wieder. Kenny grinste mich triumphierend an, während er seine Hände über meinem Kopf festpinnte. Oh nein, so nicht, mein Kleiner!

Ehe er sich versah, hatte ich uns auch schon umgedreht, und nun war er es, der mit dem Rücken zur Wand stand und mich etwas überrascht ansah. Ich grinste nur, stupste mit meiner Nase kurz gegen seine und wandte mich dann seinem Hals zu, welchen ich mit sanften Küssen bedeckte und mich schliesslich kurz festsaugte. Ein unterdrücktes Stöhnen kam über Kennys Lippen, welches einen Schauer über meinen Körper jagte, und er legte seinen Kopf in den Nacken. Mich noch immer mit seinem Hals beschäftigend schielte ich kurz nach oben und sah, dass er seine Augen geniesserisch geschlossen hatte, sich völlig fallen liess und mir scheinbar voll vertraute. Ein warmes Gefühl flammte in meinem Bauch auf, während ich meine Hände von seinen Handgelenken löste und sie über seinen Oberkörper streicheln liess.

Ich bemerkte, wie sein Atem schneller wurde, als ich den Bund seines Shirts ertastete und meine Finger darunter gleiten liess. Langsam suchten sie sich ihren weg weiter nach oben, und erneut entlockte ich ihm ein leises Keuchen, als sie seine Brustwarzen erreichten. Ich grinste gegen seinen Hals, bevor ich mehrmals sanft zubiss, mich gegen seinen schon leicht bebenden Körper drückte und das Spiel meiner Finger etwas intensivierte. Kennys Arme schlangen sich um mich, strichen langsam meinen Rücken hinab und verweilten kurz auf meiner Hüfte. Gleich darauf rutschen sie zu meinem Hintern zu und drücken mich noch etwas fester an sich, was uns beiden ein leises Stöhnen entlockte. Meine Lippen liessen von seinem Hals ab, legten sich auf seine, und sofort verwickelten sich unsere Zungen in einen heissen Kampf. Auch meine Hände liessen nun von seinen Nippeln ab, rutschte zum Bund seiner Hose und spielten mit diesem. Ich löste mich kurz von ihm, grinste ihn dreckig an und liess meine rechte Hand endgültig in seiner Hose verschwinden. 

Kennys Sicht:

Das Tropfen eines Wasserhahns was das erste, was von der Realität langsam wieder zu mir durchdrang. Noch wehrte ich mich dagegen, diese Störung zuzulassen, und kniff meine Augen zusammen. Ich drehte leicht meinen Kopf und vergrub meine Nase in Toms Haaren, konzentrierte mich voll und ganz auf seinen warmen Körper, der sich an mich schmiegte. An meinem Rücken nahm ich irgendwas kaltes wahr, was mich nun doch leicht verwirrt die Augen öffnen liess. Etwas Orientierungslos blickte ich mich um, während Tom in meinen Armen leise seufzte und sich noch etwas näher an mich kuschelte. Ich hauchte ihm einen Kuss auf den Kopf und versuchte, mich langsam wieder daran zu erinnern, wo wir waren und wie wir hierhin gekommen waren… Und gleich darauf machte sich leichte Panik in mir breit. Wir hatten doch eigentlich Training!

„Tom?“ Vorsichtig stupste ich ihn an, was er jedoch nur mit einem unwilligen Brummeln quittierte und sich noch etwas näher an mich kuschelte.

„Tohom, wir müssten zu Training!“, quengelte ich und schüttelte ihn leicht, wovon er sich jedoch wieder nicht beirren liess und seine Nase nur noch tiefer in meinem Shirt vergrub.

„VERFRLUCHTE SCHEISSE TOM! WIR HÄTTEN SEIT 20 MINUTEN TRAINING!“, entfuhr es mir, was ihn zumindest mal dazu brachte, seinen Kopf zu heben.

„Was ist los?“, murmelte er verwirrt und sah sich genauso Orientierungslos um wie ich mich einige Minuten zuvor. Mittlerweile kurz vor der Krise verdrehte ich nur die Augen. Und endlich schien auch Tom die Situation zu realisieren, sein Gesicht wurde kurz ernst, dann jedoch grinste er wieder und zog seine Hose wieder hoch.

Ich tat es ihm völlig hektisch nach und stürmte aus der Klokabine.

„Jetzt warte doch mal!“, hörte ich Tom hinter mir rufen. Entnervt blieb ich stehen.

„Beeil dich!“, meinte ich und wunderte mich, wie er in dieser Situation so ruhig bleiben konnte, immerhin würden wir vermutlich gleich so richtig Ärger kriegen. Er grinste vor sich hin und kam nach einer gefühlten Ewigkeit endlich aus dem Klo. Ich wollte gerade auf den Flur rennen, als ich am Arm zurückgehalten wurde. Kurz blieb ich stehen und sah Tom fragend an. Als er Anstalten machte, mich an sich zu ziehen, stiess ich ihn energisch von mir.

„Nicht jetzt! Los, wir müssen in die verdammte Turnhalle!“ Ich packte ihn am Handgelenk und zerrte ihn hinter mir her. Tausende Gedanken schwirrten durch meinen Kopf, während wir schnellen Schrittes durch das Gebäude marschierten.

Bei der Turnhallentür angekommen, hielt mich Tom zurück. Er sah mich kurz prüfend an.

„OK, überlass das Reden einfach mir, OK? Blass bist du schon, jetzt versuch noch ein wenig so zu gucken als ob du jeden Moment sterben würdest.“ Ich sah ihn völlig entgeistert an, woraufhin ich nur ein zustimmendes Nicken erntete.

„Genau so! Und nun langsam.“  Er griff erneut nach meinem Arm und öffnete die Hallentür, sodass ich hinter ihm hineinstolperte. Natürlich zog unser Auftauchen sofort Mikas Aufmerksamkeit auf sich, während die anderen Springer in ein Fussballspiel vertieft waren. Seinem Blick nach zu schliessen war er alles andere als erfreut darüber, dass wir erst so spät auftauchten. Meine Knie begannen leicht zu zittern, während er sich langsam in unsere Richtung bewegte. Hilfesuchend sah ich kurz zu Tom, welcher jedoch nur leicht grinste und mir aufmunternd zuzwinkerte.

Kurz darauf war Mika bei uns angekommen, verschränkte seine Arme und zog auffordernd seine Augenbraue hoch. Reflexartig richtete sich mein Blick auf den Boden und ich überliess, wie befohlen, Tom das erklären. Und dies liess auch nicht lange auf sich warten. Kurz schielte ich zu ihm rüber und bemerkte, wie ernst sein Gesicht mit einem Mal geworden war.

„Kenny hat sich eben auf dem Klo die Seele aus dem Leib gekotzt. Ich glaub das wird heute nichts mehr mit trainieren. Ich glaub, ich fahr ihn nach Hause, wenn das okay ist…“, erklärte er, und ich musste zugeben, dass es durchaus glaubwürdig rüberkam. Kurz spürte ich Mikas prüfenden Blick auf mir.

„Hmm, du siehst wirklich nicht besonders gut aus.“, murmelte er und wandte sich dann an Tom.

„OK, du kannst ihn nach Hause fahren. Und sorg dafür, dass er sich gleich hinlegt, damit er morgen wieder fit ist.“

„Geht klar.“, hörte ich Tom sagen und wunderte mich, wie er immer noch so sachlich bleiben konnte, während ich bereits mit einem aufsteigenden Lachanfall kämpfte. Gleich darauf fühlte ich seine Hand auf meinem Rücken, und wir gingen wieder zur Hallentür. Ich starrte zwanghaft auf den Boden – ein Blick zu Tom hätte genügt, um mich in lautes Lachen ausbrechen zu lassen. Die zehn Meter bis zur Hallentür kamen mir regelrecht endlos vor. Schliesslich hatten wir endlich die dicke blaue Tür hinter uns geschlossen, lehnten uns kurz dagegen und sahen uns an. Toms Mundwinkel begannen zu zucken, und auch ich konnte meinen Lachanfall nicht mehr länger zurückhalten. Ich presste mir die Hand vor den Mund, damit man drinnen nicht doch noch etwas hörte, während Tom vor lauter Lachen Träne über die Wangen liefen. Nur langsam beruhigten wir uns wieder, und Tom sah mich grinsend an.

„Soo, dann aber los, mein armer kranker Spatz. Schwester Tom wird sich nun wohl darum kümmern müssen dass du bald wieder auf den Beinen bist“, meinte Tom grinsend, packte meinen Ärmel und schleifte mich daran zurück in die Umkleidekabine.

Toms Sicht:

 „Soll ich dich wirklich nach Hause fahren?“, wollte ich grinsend wissen, als wir ungefähr eine Viertelstunde später in meinem Auto sassen und ich gerade dabei war, auszuparken. Natürlich war die Umziehaktion eben nicht ohne eine weitere Knutscherei von Statten gegangen… Kenny grinste nur breit und schüttelte leicht den Kopf.

„Okay…“, grinste ich nur und fuhr vom Parkplatz. Eigentlich hatte ich keine wirkliche Ahnung, wo wir nun hin sollten, und so nahm ich wahllos irgendwelche Abzweigungen, fuhr kreuz und quer durch Lillehammer und landete schliesslich irgendwann an einem Waldrand. Noch immer grinste ich vor mich hin, woran jedoch Kennys Hand, welche auf meinem Oberschenkel umher wanderte, nicht ganz unschuldig war. Schliesslich bog ich irgendwann in einen Waldweg ab, folgte diesem bis nach der ersten Kurve und hielt dort an.

Ohne Kennys leicht irriterten Blick zu beachten, löste ich meinen Sicherheitsgurt, packte seine nun regungslos auf meinem Bein liegende Hand mit meiner einen und legte meine andere Hand in seinen Nacken, um ihn zu einem ziemlich wilden Kuss heranzuziehen. Dieser wurde nach dem ersten Überraschungsmoment auch sogleich erwidert, und ich liess nun meinerseits meine Hände über Kennys Oberkörper und seine Beine wandern. Er legte seine Hände auf meine Schultern und schob mich langsam in meinem Sitz zurück, ohne unseren Kuss zu lösen. Kurz öffnete er seinen Sicherheitsgurt, drehte sich ein wenig und kniete sich auf seinen Sitz, um daraufhin über die Mittelkonsole zu klettern und sich über mich zu knien. Kurz sah ich etwas in seinen Augen aufblitzen, bevor er neben meinem Sitz vorbeifasste, sich von mir löste, und ich kurz darauf, begleitet von einem überraschten aufquieken, samt der Lehne des Sitzes nach hinten kippte.

Noch immer etwas überrumpelt von dieser Aktion schaute ich zu ihm hoch. Er grinste dreckig vor sich hin, und dem Glitzern in seinen Augen nach schien es ihm zu gefallen, die „Macht“ über mich zu haben. Für einige Sekunden sahen wir uns nur an, bevor sich Kenny schliesslich wieder zu mir hinunter beugte und mich leidenschaftlich küsste. Meine Hände legten sich auf seinen Rücken und rutschten unter sein Shirt, während seine langsam meinen Oberkörper hinunter strichen und sich irgendwann am Knopf meiner Hose zu schaffen machten. Seine Lippen liessen unterdessen von meinen ab und wandten sich meinem Hals zu, knabberten leicht daran rum, begleitet von einigen etwas festeren Bissen. Ich keuchte leise auf, als seine Hand in meine Boxershorts rutschte, schloss meine Augen und streichelte eher automatisch als gewollt weiterhin leicht seinen Rücken.

Eigentlich war ich ziemlich überrascht, dass Kenny mit einem mal so ranging, bisher war irgendwie immer alles von mir aus gekommen. Doch nun genoss ich es, mich einfach zurücklehnen und geniessen zu können. Mittlerweile beschäftigte sich Kennys einen Hand intensiv mit meiner Erregung, während die andere mein T-Shirt nach oben schob und sich dort zu schaffen machte. Noch immer waren seine Lippen an meinem Hals, suchten jedoch gelegentlich meine Lippen und wandten sich schliesslich meinen Brustwarzen zu.

Meine Hand legte sich in seinen Nacken und kraulten diesen leicht, während er auch schon wieder von meinen Nippeln abliess und sich langsam meinen Oberkörper hinunter küsste, soweit es aus seiner Position heraus möglich war.

Irgendwann fasste ich nicht gerade sanft in seine Haare und zog ihn zu mir hoch.

„Nicht hier… nach hinten… zu eng“, keuchte ich abgehackt zwischen einigen Küssen, doch Kenny verstand sofort und öffnete grinsend die Tür. Ich musste mich erstmal sammeln, bevor ich die Rückenlehne wieder in ihre Ursprungsposition brachte und mit zitternden Knien ebenfalls aus dem Auto stieg. Kenneth stand bereits grinsend bei der hinteren Tür und öffnete diese, nachdem ich ihn noch einmal für einen Kuss an mich gezogen hatte. Noch immer grinsend versetzte er mir einen Stoss, sodass ich auf den Rücksitz fiel und daraufhin noch ein Stück nach hinten krabbelte. Kenny sah mich, noch immer draussen stehend, mit glänzenden Augen an, bevor er ebenfalls in den Wagen kletterte und die Tür hinter sich schloss.

Ehe ich mich versah, war ich auch schon mein T-Shirt los. Kenny presste erneut seine Lippen auf meine, während er mir meine Jeans von der Hüfte schob. Auch ich befreite ihn von seinem Oberteil und machte mich an seiner Hose zu schaffen, während wir uns immer noch leidenschaftlich küssten.  Kenny liess sich langsam auf meinen Schoss sinken, was uns beide synchron aufstöhnen liess. Wieder zog ich ihn zu einem Kuss heran, während er anfing, auf mir herumzurutschen, was uns beide immer wieder leise aufkeuchen liess. Meine Hände strichen über seinen Rücken und rutschten in seine Boxershorts, drückten ihn noch etwas stärker an mich. Wir waren völlig darin vertieft, als etwas die Stimmung schlagartig zertstörte – das Klingeln meines Handys.

Kennys Sicht:

 Entnervt verdrehte ich die Augen, als Tom mich plötzlich leicht von sich schob und wie erstarrt dalag.

„Lass es doch einfach klingeln“, murmelte ich und begann wieder, seinen Hals zu küssen. Ich bemerkte, wie er sich kurz wieder entspannte, mich dann jedoch doch wieder aufhielt

„Vielleicht ist es wichtig…“, meinte er und richtete sich auf, während ich seufzend zurückrutschte und mein T-Shirt vom Boden angelte. Tom quetschte sich unterdessen zwischen den Vordersitzen durch und angelte nach seinem Handy. Sobald er dieses erwischt hatte, liess er sich wieder auf den Rücksitz fallen. Stirnrunzelnd schaute er auf den Handydisplay, bevor er dieses aufklappte und sich ans Ohr hielt.

„Wehe es ist nicht wichtig!“, hörte ich ihn ins Telefon grummeln. Ich verkniff mir ein grinsen und rutschte an ihn heran, woraufhin sich meine Hand auf seinen Oberschenkel legte und diesen langsam hinaufstrich. Toms genervter Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein Grinsen, und er zwinkerte mir kurz zu, bevor er sich wieder auf das Telefonat konzentrierte – oder es zumindest versuchte. Denn meine Hand hatte sich unterdessen in seine Boxershorts geschlichen, und ich sah ihm an, wie er um Fassung rang. Schliesslich griff er nach meinem Handgelenk und hielt es kurz fest, während er den Anrufer abwimmelte, sein Handy wieder zuklappte und dieses nach vorne auf den Beifahrersitz warf.

„Und, wars wichtig?“, wollte ich wissen, während ich meine Hände an Toms Seiten legte und daran leicht auf und ab strich. Schon spürte ich Toms Hand in meinem Nacken und gleich darauf seine Lippen auf meinen.

„Nicht wichtig genug.“, nuschelte er, küsste mich erneut und drückte mich vorsichtig nach hinten auf die Rückbank. Grinsend schob er mein Shirt hoch.

„Wieso hast du dich eigentlich wieder angezogen? Ist es so toll, von mir ausgezogen zu werden?“, fragte er, bevor er seine Lippen auf meinen Oberkörper senkte und anfing, diesen mit federleichten Küssen zu bedecken. Meine Hand krallte sich in seine Haare und ich schloss die Augen, ohne auf seine Frage einzugehen. 

 ***

Ich wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, als Tom den Wagen wendete und auf dem Waldweg wieder zurück zur Strasse fuhr. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, doch im Grunde genommen war es mir auch total egal. Tom hatte den Radio aufgedreht und klopfte auf dem Lenkrad mit den Fingern den Tackt mit, während seine rechte Hand auf meinem Oberschenkel ruhte. Wir hatten beide ein breites Grinsen im Gesicht, waren einfach nur glücklich, und wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir noch ewig einfach so durch die Gegend fahren können. Viel zu schnell kamen wir schliesslich auch schon bei mir zuhause an, woraufhin das Grinsen aus meinem Gesicht verschwand. Tom setzte den Blinker und hielt vor unserem Wohnblock. Kurz quiekte ich auf, als er mich plötzlich in die Seite kniff.

„Jetzt guck doch nicht so! Wir sehen uns morgen im Training wieder, die paar Stunden wirst du doch wohl ohne mich aushalten!“, meinte er grinsend, und ich starrte leicht verlegen auf meine Knie. Seine Hand legte sich auf meine Schulter, wanderte in meinen Nacken und zog mich näher an sich heran. Ich genoss den Kuss in vollen Zügen und hätte mich am liebsten gar nicht mehr von Tom gelöst. Er war es schliesslich auch, der den Kuss beendete und mich aufmunternd anlächelte.

„Dann bis Morgen Kleiner, und träum was schönes.“, meinte er, wobei sein Grinsen bei den letzten Worten noch etwas breiter wurde. Auch ich begann nun zu grinsen, denn ich wusste genau was er mit „was schönes“ meinte. 

Ich widerstand dem Drang, ihn noch einmal an mich zu ziehen, und löste meinen Sicherheitsgurt.

„Bis morgen, und gleichfalls.“, antwortete ich grinsend und öffnete dann die Autotür. Schliesslich kletterte ich aus dem Wagen und wollte die Tür gerade wieder schliessen, als Tom anfing rumzufuchteln. So zog ich die Tür also nochmal auf und sah ihn fragend an.

„Das Training beginnt morgen eine Stunde später, soll ich dir ausrichten. Und liebe Grüsse und gute Besserung von Bardal.“ Ein fettes Grinsen schlich sich auf meine Lippen, während ich ein „Okay.“ von mir gab und dann die Beifahrertür schloss. Tom hob zum Abschied kurz die Hand, bevor er den Blinker setzte und vom Parkplatz fuhr. Ich sah seinem Wagen hinterher, bis er um die nächste Kurve verschwunden war, und machte mich dann auf den Weg in meine Wohnung.

Toms Sicht:

Schon als ich morgens aufgestanden war, hatte ich das dumpfe Gefühl, dass an diesem Tag noch irgendwas passieren würde, und auch als ich mich am Nachmittag auf den Weg zum Training machte, war es noch immer so. Irgendwas würde schief gehen, ich wusste nur noch nicht genau wann und was… Mir war etwas mulmig, als ich, bei der Schanze angekommen, aus meinem Wagen stieg und langsam in Richtung Schanze schlenderte. Vor der Tür hatten sich bereits einige meiner Teamkollegen versammelt, doch Kenny war noch nicht aufgetaucht. Wieder beschlich mich dieses ungute Gefühl, doch kurz darauf kam er auch schon um die Ecke, woraufhin mir ein Stein vom Herzen fiel und das doofe Gefühl etwas schwächer wurde. Ich zwinkerte ihm nur kurz zu, was ein breites Lächeln auf sein Gesicht zauberte.

Kurz darauf tauchte auch schon Mika auf, und wir machten uns auf den Weg zu den Umkleideräumen. Heute war Sprungtraining angesagt, was mein mulmiges Gefühl wieder etwas stärker werden liess. Kurz fing ich Kennys Blick auf, als wir uns den Klotüren näherten, schüttelte jedoch nur den Kopf als ich seine Absichten erkannte. Heute nicht… Ich bemerkte, wie sich sein Blick etwas verwirrt dem Boden zuwandte. Später würde ich es ihm erklären, aber ob er es verstehen würde… Gut möglich dass dieses ungute Gefühl mit uns zusammenhing… Lieber nichts unnötiges riskieren. Endlich erreichten wir die Umkleidekabine, und ich zog mich so schnell wie möglich um und machte mich auf den Weg auf die Schanze. Vermutlich verstand Kenny die Welt nun überhaupt nicht mehr…

Nach und nach trudelten auch meine Teamkollegen auf der Schanze ein, und wir begannen mit dem Trainig. Wieder wurde mein seltsames Gefühl stärker, ich konnte mich kaum auf meine Sprünge konzentrieren und beobachtete die von Kenny voller Sorgen. Bei ihm ging jedoch alles gut, und auch ich brachte meine Sprünge zwar unfallfrei, jedoch nicht besonders erfolgreich hinter mich. Natürlich war ich mit meiner Leistung nicht zufrieden und erntete auch einige besorgte Blicke von den anderen Springern und vor allem von Kenny.

„Schluss für heute!“, kam schliesslich endlich der erlösende Satz von Mika, und erleichtert machte ich mich mit den anderen auf den Weg zurück in die Umkleidekabinen. Im Gegensatz zu vor dem Training liess ich mir nun richtig schön Zeit mit dem Umziehend, Kenny immer wieder heimliche Blicke zuwerfend.

Dieser schien zu verstehen, sodass wir tatsächlich nach einer Weile die beiden letzten waren, die sich noch in der Umkleidekabine sassen. Noch immer wirkte der Kleine verwirrt und starrte vor sich hin. Lautlos seufzend stand ich schliesslich auf und liess mich neben ihn auf die Bank fallen. Kenny hob den Kopf und sah mich kurz unsicher an, woraufhin ich ihn liebevoll anlächelte und meinen Arm um ihn legte.

„Tut mir Leid dass ich so komisch war… Aber irgendwie… Ich hatte einfach das Gefühl, dass irgendwas schief gehen würde und wollte nichts riskieren, verstehst du?“, versuchte ich zu erklären, und nach einigen Augenblicken nickte Kenny leicht, starrte jedoch noch immer auf den Boden.

„Ach, komm her!“, murmelte ich, schlang meinen zweiten Arm auch noch um ihn und zog ihn an mich. Kenny liess seinen Kopf auf meine Schultern sinken, und nach kurzem legte sich wieder ein Lächeln auf seine Lippen.

Ich hauchte einige kleine Küsse auf seine Wange, woraufhin er seinen Kopf zu mir drehte und sich unsere Lippen nach einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder trafen. Ich löste meine Umarmung und legte meine Hände an Kennys Schultern, um ihn vorsichtig rückwärts auf die Bank hinunter zu drücken, wobei er mich mit sich zog. Sofort fanden unsere Lippen wieder zueinander, wollten sich gar nicht mehr voneinander lösen, und meine Hände spielten mit dem Bund seines T-Shirts, bevor sie darunter rutschten und über seinen Bauch strichen. Kennys Hände strichen über meinen Rücken, landeten auf meinem Hintern und drückten mich noch etwas fester an sich, was uns beide leise in den Kuss keuchen liess. Langsam schob ich sein T-Shirt nach oben, begann seine Brustwarzen zu necken, während sich unsere Lippen immer wieder trafen.

Mittlerweile achteten wir nicht mehr darauf, wie laut wir waren, liessen unseren Gefühlen freien lauf und bekamen dadurch auch nicht mit, wie die Türklinke langsam runtergedrückt wurde und die Tür aufschwang. Ich hatte mich mittlerweile Kennys Hals zugewandt, welchen ich mit vielen kleinen Küssen bedeckte, als ich bemerkte, wie dieser plötzlich unter mir erstarrte. Leicht verwirrt liess ich von ihm ab, sah erst ihn fragend an und dann zur Tür, zu welcher er starrte. Und gleich darauf hatte ich das Gefühl, dass sich alles um mich herum drehte, und für einen Augenblick wurde mir schwarz vor Augen. Sofort stieg ich von Kenny runter und setzte mich noch immer völlig unter Schock stehend neben ihn auf die Bank, während er sich ebenfalls hinsetzte, sein T-Shirt richtete, und wir daraufhin beide leicht Panisch zu Mika starrten, der in der Tür stand und den Eindruck machte, als ob er uns am liebsten jeden Moment die Köpfe abreissen würde.

Kennys Sicht:

 Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, während ich meinen Blick auf den Boden richtete und meine Hände am Saum meines Shirts rumspielten. Am liebsten hätte ich Toms Hand ergriffen, doch ich fürchtete, dass dies Mika endgültig zum Explodieren gebracht hätte – okay, das würde vermutlich sowieso in den nächsten Minuten passieren, aber ihn noch unnötig dazu anstacheln musste nun doch nicht sein…

„Könnt ihr mir mal erklären, was das eben gerade war?“, donnerte er im nächsten Augenblick auch schon los, und Tom und ich zuckten synchron zusammen.

‚Wonach sah es denn aus?‘, ging es mir durch den Kopf, doch natürlich wagte ich es nicht, es auszusprechen. Stattdessen krallten sich meine Hände noch etwas tiefer in mein Shirt.

Kurz schiele ich zu Tom, welcher ebenfalls schweigend vor sich hin starrt, während Mikas Atem immer schneller wird und schon fast den Geräuschen einer Dampflock ähnelt.

„Ich warte! Was läuft da zwischen euch?“, wollte er gereizt wissen, was mich erneut zusammenzucken liess. Ja, was war das zwischen uns? Waren da irgendwelche Gefühle im Spiel? Liebte ich Tom? Ich musste ehrlich zugeben, dass ich es in dem Moment nicht wusste, mir jedoch bisher auch nie Gedanken darüber gemacht hatte… Es war irgendwie einfach passiert, und ich musste zugeben, dass es sich nicht gerade schlecht anfühlte…

„Wie lange läuft das überhaupt schon?“, hörte ich Mika fragen, wobei er jedoch etwas ruhiger wirkte als zuvor.

„Keine Ahnung, paar Wochen…“, hörte ich Tom neben mir murmeln, welcher auf der Bank rumrutschte. Ihm war die Situation sichtlich unangenehm und er kaute auf seiner Lippe herum.

„Ihr müsst es beenden.“, meinte Mika bestimmt, „Ganz egal was es ist und warum, aber es geht nicht. Ihr springt beide im Weltcup; stellt euch mal vor, was passieren würde wenn die Presse davon erfahren würde! Ihr könntet eure Karrieren vergessen!“ Von Tom und mir kam keine Reaktion.

„Ich meine, das ist alles Spielerei, oder? Es sind keine Gefühle im Spiel, oder doch?“, meinte Mika, wobei er den letzten Satz in einem Tonfall ausstiess, der keine Widerrede zuliess. Wieder sagte keiner von uns ein Wort.

„Oder, Tom?“, wandte er sich direkt an diesen, welcher zusammenzuckte, für einen Moment erstarrte und dann ein leises „N…nein“ über die Lippen brachte. Auch wenn ich mit der Antwort gerechnet hatte, hatte ich dennoch das Gefühl, dass in meinem Inneren etwas zerbrach. Mir stiegen Tränen in die Augen, doch ich versuchte so schnell wie möglich, sie wegzublinzeln.

„Kenny?“, hörte ich Mika in noch immer strengem Tonfall sagen. Auch ich zögerte kurz und schüttelte dann, auf meine Füsse starrend, leicht den Kopf, wobei meine Augen zu brennen begannen. Ich kniff sie zusammen, um meine Tränen zu unterdrücken. Nach einer Weile schielte ich zu Mika, welcher mit verschränkten Armen vor uns stand und anerkennen nickte.

„Gut so. Glaubt mir, es ist das Beste so. Immerhin wollt ihr ja wirklich nicht eure Karrieren aufs Spiel setzen, oder?“, wollte er wissen, woraufhin Tom und ich synchron den Kopf schüttelten. Ein leichtes Lächeln legte sich auf Mikas Lippen.

„Und jetzt ab mit euch, verschwindet. Kenny, ich fahr dich nach Hause – sicher ist sicher. Und wenn ich euch noch einmal bei sowas erwische…“, meinte er und klang beim letzten Teil so drohend, dass ich gar nicht wissen wollte, wie der Satz ausgehen würde. Für eine Weile sassen wir regungslos da, bevor Tom schliesslich aufsprang, sich seine Tasche schnappte und fast fluchtartig aus der Umkleidekabine stürmte.

Ich starrte noch immer vor mich hin, konnte meine Tränen kaum noch zurückhalten. Meine Hände fingen an zu zittern, während ich mir auf die Lippen biss und die Augen zusammenkniff. Ich zuckte heftigst zusammen, als ich mit einem Mal Mikas Hand auf meiner Schulter spürte. Zögernd sah ich auf, konnte dabei nicht verhindern dass mir eine Träne über die Wange rollte.

„Nimm es dir nicht so zu Herzen. Es ist wirklich das beste, vor allem für dich! Du weisst ja wie Tom zu Beziehungen steht – Treue ist für ihn ein Fremdwort und überhaupt… Er hat ja selber zugegeben, dass ihm das Ganze nichts bedeutet hat.“, meinte er, nun in eher liebevollem Tonfall, und ich nickte nur und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Mika lächelte mich warm an.

„Und nun komm, ich fahr dich nach Hause.“

Er drehte sich um und ging langsam zur Tür, woraufhin ich mich ebenfalls erhob, nach meiner Tasche griff und ihm zögerlich folgte. Vor meinem inneren Auge tauchten Bilder auf von all den Dingen, die Tom und ich in der letzten Zeit zusammen angestellt hatten, und alles verschwamm vor meinen Augen. Ich stolperte hinter ihm die Treppe hinunter und liess mich, bei seinem Wagen angekommen, kraftlos auf den Beifahrersitz fallen. Die ganze Fahrt lang wagte ich es nicht, Mika anzuschauen, starrte entweder auf meine Knie oder aus dem Fenster, auch, damit er meine Tränen nicht sah, welche ich nun endgültig nicht mehr zurückhalten konnte. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, bis er endlich vor meinem Wohnblock anhielt. Wortlos griff ich nach meiner Tasche und flüchtete regelrecht aus dem Wagen.

Toms Sicht:

 Meine Hände zitterten so sehr, dass es kaum schaffte, den Autoschlüssel ins Schloss zu stecken. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte ich es dennoch irgendwie, stieg ein, schloss die Tür und liess erstmal meinen Kopf auf das Lenkrad sinken. Ich atmete einige male tief ein, bevor ich mich wieder hinsetzte, mir die Augen rieb und dann meinen Wagen startete. Das eben erlebte geisterte noch immer in meinem Kopf herum, doch ich versuchte verzweifelt, es erstmal in den Hintergrund zu verdrängen. Noch immer zitternden meine Hände leicht, woraufhin ich sie etwas fester um das Lenkrad schloss. Mit viel zu hoher Geschwindigkeit raste ich durch Lillehammer, wollte einfach nur noch nach Hause. In ungefähr der Hälfte der Zeit, die ich normalerweise dafür brauchte, hatte ich den Wohnblock auch schon erreicht.

Ohne wirklich darauf zu achten, wie und wo, stellte ich meinen Wagen irgendwo ab und stieg aus. Meine Knie drohten nachzugeben, und erst als ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht streichen wollte, bemerkte ich, dass mir Tränen über die Wangen liefen. Mit noch immer zitternden Knien schaffte ich es irgendwie ins Haus, die Treppe hoch und in meine Wohnung, wo ich mich erstmal gegen die Wohnungstür lehnte und mich schliesslich, die Hände vors Gesicht pressend, daran runterrutschen liess. Mit einem Mal drang die verdängte Situation von eben schlagartig wieder in mein Bewusstsein, ich begann am ganzen Körper zu zittern und versuchte verzweifelt, nicht einfach loszuheulen.

Wieder spielte sich die Szene von eben vor meinem inneren Auge ab. Sofort schwenkten meine Gedanken zu Kenny ab. Ob es ihm wohl gerade genauso scheisse ging wie mir? Reflexartig holte ich mein Handy aus der Jackentasche und war schon fast dabei, ihn anzurufen, liess das Telefon dann jedoch wieder sinken und neben mir auf den Boden fallen. Was würde es jetzt noch bringen? Immerhin hatte Mika eben sowieso schon alles zerstört – und ich hatte keine Zweifel daran, dass er seine – wenn auch nicht ausgesprochenen – Drohungen durchaus wahr machen würde… Ich versuchte, mir einzureden, dass es die Wahrheit gewesen war, als ich gesagt hatte, dass mir die ganze Sache mit Kenny nichts bedeutet hatte. Dass mein Herz eine andere Geschichte erzählte, versuchte ich konsequent zu ignorieren.

Irgendwann, ich wusste nicht, wie lange ich so dagesessen hatte, schaffte ich es, mich aufzurappeln und mich zumindest bis ins Wohnzimmer zu schleppen. Mit einem Mal war mir schrecklich kalt, und alles schien zu drehen. Ich wickelte mich in eine Wolldecke und liess mich aufs Sofa sinken, wo ich meine Augen schloss und in eine Art Dämmerzustand verfiel.

Irgendwann fühlte ich, wie mich etwas anstupste und öffnete meine Augen, was mir ungewohnt schwer fiel. Langsam wurde das verschwommene Bild vor meinen Augen klarer, und ich sah direkt in das belustigte Gesicht meines Mitbewohners. Ich grummelte nur irgendwas, was Villis Grinsen noch etwas breiter werden liess.

„Naa, hast dus nicht mehr bis ins Bett geschafft?“, fragte er, doch gleich darauf schlich sich ein Hauch von Besorgnis in sein Gesicht.

„Hast du geheult?“, wollte er wissen und sah mich prüfend an.

„Quatsch!“, murmelte ich nur und zuckte erschrocken zusammen, als er seine eiskalte Hand auf meine Stirn klatschte und gleich darauf die Stirn runzelte.

„Du hast Fieber!“, stellte er fachmännisch fest, und ich verkroch mich noch ein Stück tiefer unter der Decke.

„Ach was, ich bin nur mü…“, begann ich, wurde dann jedoch von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt, welcher mich beinahe vom Sofa warf, hätte Villi nicht nicht rechtzeitig reagiert und mich gerade noch festgehalten.

„Nur müde.“, meinte er und sah mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an, „Ich glaube eher, das ist ne fette Grippe im Anzug.“

Wieder murmelte ich nur irgendwas, das ich selber nicht verstand, und schloss meine Augen. Doch gleich darauf wurde ich von ihm leicht geschüttelt.

„OK, ich versteh ja dass du pennen willst, aber ist wohl doch besser wenn du das in deinem Bett machst.“, hörte ich ihn sagen, doch ich kniff meine Augen nur noch etwas fester zusammen.

„Ich kann mich nicht mehr bewegen.“, murmelte ich nur und zog mir die Decke über den Kopf. Villi seufzte genervt auf und packte mich an den Schultern.

„Los jetzt.“, meinte er energisch, und tatsächlich schaffte ich es mit seiner Hilfe, mich aufzurichten. Kurz darauf machten wir uns auch schon auf den Weg in mein Zimmer, wobei er mich jedoch mehr schleppte als dass ich selber ging. Im Zimmer angekommen, liess ich mich sofort auf mein Bett fallen.

„Ausziehen musst du dich dann allerdings schon selber.“, hörte ich Villi sagen. Ich grummelte wieder nur irgendwas und streifte mir die Schuhe von den Füssen.

„Nja, ich bin dann mal wieder weg… Wenn was ist, schrei einfach, OK?“, meinte Villi, und ich nickte nur leicht. Gleich darauf fiel die Tür hinter ihm ins Schloss, und ich fühlte mich wie ein neunzigjähriger Opa, als ich mich vorsichtig aufrichtete, um mich von meinen restlichen Klamotten zu befreien. Gleich darauf krabbelte ich unter meine Bettdecke, rollte mich zusammen und versuchte zu schlafen. Doch trotz aller Müdigkeit schaffte ich es aufgrund der Gedanken, die noch immer in meinem Kopf Achterbahn fuhren, erst nach einigen Stunden endlich einzuschlafen.

Kenneths Sicht:

Ich merkte, wie meine Schritte immer kleiner wurden, je näher ich der Schanze kam. Die Nacht zuvor hatte ich kaum ein Auge zugekriegt und fühlte mich nun dementsprechend schlapp. Vor der Schanze sah ich bereits einige meiner Teamkollegen stehen, wobei mein Herz wild zu klopfen begann. Doch als ich bei ihnen angekommen war, stellte ich fest, dass Tom noch nicht da war – und wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht. Immer wieder schaute ich mich unsicher um, ob er vielleicht gerade um die Ecke kam, doch Fehlanzeige. Langsam beschlich mich ein ungutes Gefühl, als Mika auftauchte und uns die Tür aufschloss. Während wir hinter ihm her in Richtung Umkleidekabinen trotteten, fing ich langsam an, mir Sorgen zu machen wo Tom abblieb. Doch ich traute mich nicht, nach allem, was gestern passiert war, Mika danach zu fragen.

Auch als wir uns umgezogen hatten und uns auf den Weg auf die Schanze machten, war Tom noch nicht aufgetaucht, und ich begann unruhig von einem Bein aufs andere zu treten.

„Wo ist eigentlich Tom?“, hörte ich Johan mit einem Mal fragen, scheinbar war ich also nicht der einzige, der sich darum Gedanken gemacht hatte.

„Krank.“, kam es nur knapp von Mika, wobei er in meine Richtung schielte, woraufhin ich meinen Blick zu Boden senkte und anfing, auf meiner Lippe rumzukauen. Gestern hatte er doch eigentlich noch ganz gesund gewirkt, ob ihm wohl die ganze Sache, die passiert war, auf den Magen geschlagen hatte? Andererseits hatte er ja selber gesagt, dass ihm das Ganze nichts bedeutet hatte… In meinem Bauch bildete sich ein Kloss, der mich auch während des Trainings immer wieder an seine Worte erinnerte.

Meine Sprünge verliefen dementsprechend schlecht, doch erstaunlicherweise schien Mika gar nicht sonderlich unglücklich darüber zu sein.

„Du trainierst ab sofort wieder mit dem COC-Team.“, meinte er zu mir, und erst jetzt wurde mir klar, dass er die ganze Sache vermutlich geplant hatte, damit Tom und ich uns nur noch so wenig wie möglich über den Weg liefen. Ich ballte meine Faust, während sich Wut und Enttäuschung in mir breit machten. Ohne irgendwas dazu zu sagen, drehte ich mich um, schulterte meine Skier und stieg die Treppe hinunter.

„Ey, Kenny, warte mal!“, hörte ich Bardal hinter mir rufen, als ich schon fast unten an der Treppe angekommen war. Ich reagierte jedoch nicht darauf, bis ich seine Hand auf meiner Schulter spürte und ich mich ruckartig umdrehte, wobei er gerade noch so seinen Kopf einziehen konnte, um nicht von meinen Skis erschlagen zu werden.

„Vorsicht!“, grinste er, wurde jedoch gleich wieder ernst und zog mich ein wenig von der Tür weg ins Abseits.

„Was ist denn los mit dir; gabs Ärger mit Tom?“, wollte er schliesslich wissen, woraufhin ich meinen Blick auf den Boden richtete und mit meinem Springschuh im Schnee rumscharrte. Anders drückte mein Schulter ein wenig.

„Nun komm schon, was ist los?“, fragte er.

„Ich…“, begann ich zögernd und noch immer ohne aufzublicken, „Mika hat uns erwischt.“ Sofort hatte ich wieder die Bilder des Vortages vor Augen.

„Oh nein, wie konnte das denn passieren?“, fragte Anders mit dem Anflug eines Schmunzelns, wurde dann jedoch wieder ernst.

„Naja, eigentlich wars dieselbe Situation wie damals, als du es mitgekriegt hast…“, murmelte ich, „Wir waren in der Garderobe am… rummachen und er ist reingekommen… Wollte wohl nachschauen ob noch irgendjemand drinn ist, bevor er unten abschliesst…“ Bardal nickte nur.

„Und er hat es nicht gut aufgenommen, nehme ich an?“

„Nein. Er hat uns… gezwungen, das Ganze zu beenden, weil es nur unsere Karrieren kaputt machen würde, und überhaupt, es würde uns ja sowieso nichts bedeuten und wäre nur eine Spielerei…“ Ich fühlte Tränen aufsteigen und biss die Zähne zusammen, um sie zurückzuhalten.

„Ist das denn so?“, wollte Bardal wissen und musterte mich prüfend an. Ich überlegte einen Moment, zuckte dann aber hilflos mit den Schultern und konnte nun die aufsteigenden Tränen nun kaum noch zurüchalten.

„Hey… Komm her!“ Bardal trat einen Schritt auf mich zu und zog mich in seine Arme, was ich einfach geschehen liess und meinen Kopf gegen seine Schulter sinken.

Doch schon nach kurzem befreite ich mich wieder aus seinen Armen und wischte mit die Tränen weg.

„Wenn Mika das sieht…“, murmelte ich nur, schenkte Bardal dann aber einen dankbaren Blick.

„Hey, lasst euch von Mika nicht kaputt machen! Es ist euer Leben, OK?“

„Und was wenn er recht hat? Wenn es unsere Karriere kaputt macht, weil irgendjemand es rausfindet und schliesslich die ganze Welt davon erfährt? Und ausserdem hat Tom ja gesagt, dass es ihm nichts bedeutet hat.“, schrie ich schon fast, woraufhin Bardal abwehrend die Hände hob und einen Schritt zurücktrat.

„Hey, ganz ruhig, Kenny!“, meinte er beschwichtigend, „Wie gesagt, es ist dein Leben und deine Entscheidung, und wenn du denkst, dass Mika recht hat und es so okay für dich ist, dann ist es ja gut… Allerdings denke ich nicht, dass Tom es ernst gemeint hat, als er sagte, dass es ihm nichts bedeutet.“ Und mit diesen Worten zwinkerte er mir kurz zu, drehte sich um und verschwand in Richtung Umkleidekabinen.

Toms Sicht:

 Am nächsten Morgen – oder eher Mittag, denn es war bereits nach 13.00 Uhr, als ich aufwachte, fühlte ich mich noch immer nicht viel besser als am Vorabend. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er gleich platzen, mein Hals brannte wie Feuer, und ich hatte das Gefühl als würde ich jeden Moment erfrieren. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, aufzustehen und mir eine Wärmeflasche und nen Tee zu machen, doch als sich alles anfing zu drehen, als ich versuchte, mich aufzurichten, verwarf ich diese Idee sogleich wieder und kroch stattdessen etwas tiefer unter die Decke. Natürlich wurde mir dadurch nicht wirklich wärmer als vorher, aber sicher war sicher… Ich schloss meine Augen und versuchte noch einmal einzuschlafen. Doch sobald ich meine Augen schloss, hatte ich Kenny vor Augen, und die verdrängten Erinnerungen an den Vorabend drängten sich langsam wieder in mein Bewusstsein, was ich jedoch sofort zu verhindern versuchte.

Trotz Schwindel und Schmerzen beschloss ich nun doch, mich auf den Weg in die Küche zu machen. Vorsichtig setzte ich mich auf den Bettrand, wobei meine Knie schon heftig zitterten, und stand langsam auf. Alles drehte sich, als ich schliesslich stand, und langsam wankte ich in Richtung Tür, klammerte mich an der Falle fest und öffnete diese, um gleich darauf auf den Flur hinaus zu torkeln. Ich versuchte mich irgendwie an der Wand festzuhalten, was gerade so funktionierte, und tastete mich daran zur Küche. In dieser angekommen, stütze ich mich kurz am Tisch ab und schloss meine Augen, um tief durchzuatmen, bevor ich mich wieder aufrichtete und zum Waschbecken rüber ging. Mir war noch immer total kalt, obwohl mich diesen paar Meter zwischen Bett und Küche völlig ausser Atem gebracht hatten. Noch immer war mir total schwindlig, als ich nach dem Wasserkocher angelte und diesen anfing, mit Wasser zu füllen.

Villi betrat die Küche, und als ich kurz den Kopf in seine Richtung drehte, rutschte ich mit den Händen von der Küchenkombination ab und verlor das Gleichgewicht. Nur ein beherzter Schritt seinerseits verhinderte, dass ich nicht auf den Boden knallte, sondern stattdessen in seinen Armen landete.

„Mein Retter!“, versuchte ich heiser zu scherzen, doch Villi musterte mich nur vielsagend.

„Du siehst absolut scheisse aus!“, stellte er fest und verfrachtete mich vorsichtig auf den nächstbesten Stuhl. Daraufhin schaltete der den Wasserhahn aus und schüttete etwas Wasser des mittlerweile überlaufenden Wasserkochers ab, bevor er diesen auf die Station stellte und einschaltete. Ich hatte mittlerweile meine Arme um mich geschlungen und sah ihm mit klappernden Zähnen zu.

„Ohje, dich hats ja richtig erwischt…“, meinte Villi und flitzte aus der Küche.

Kurz darauf kam er mit einer Wärmeflasche zurück und füllte diese mit dem mittlerweile kochenden Wasser aus dem Wasserkocher, woraufhin er sie mir in die Hand drückte.

„Wolltest du noch Tee oder so?“, fragte er daraufhin. Mein Hals protestierte schon, als ich nur den Mund öffnete, und so beliess ich es bei einem Nicken und schloss gleich darauf kurz die Augen, um den Schwindel zu vertreiben. Ich hörte Villi herumklappern.

„So, und nun mal zurück ins Bett mit dir!“, meinte er schliesslich, und ich öffnete schwerfällig die Augen. In der einen Hand meinen Tee haltend, packte mich Villi mit der anderen am Oberarm, und ich stand vorsichtig auf. Langsam torkelten wir zu meinem Zimmer zurück, wobei er immer direkt hinter mir her ging, um mich notfalls auffangen zu können, falls ich das Gleichgewicht verlieren sollte.

Doch wir erreichten mein Zimmer ohne Zwischenfall (von einigen Teeflecken auf dem Flurteppich mal abgesehen), und ich liess mich sofort darauf sinken und verkroch mich, die Wärmeflasche fest an mich gepresst, wieder unter die Decke. Villi stellte meine Tasse auf dem Nachttisch ab.

„Und das nächste Mal schreist du, wenn du irgendwas brauchst.“, meinte er, was ich nur mit einem Grummeln kommentierte. Ich hörte seine Schritte und gleich darauf, wie meine Zimmertür quietschend zugezogen wurde. Ich zog mir die Decke unter den Kopf und schob die Wärmeflasche unter mein T-Shirt, um möglichst viel der Wärme abzubekommen. Trotzdem fror ich noch immer an den Stellen, an denen sie nicht auflag.

‚Wenn jetzt irgendjemand hier wäre, der mich noch zusätzlich wärmen könnte…‘, schoss es mir durch den Kopf, und natürlich hatte ich dabei sogleich jemanden bestimmtes vor Augen.

‚Nicht daran denken!‘, befahl ich mir und versuchte, mich beinahe um die Wärmeflasche zu wickeln, was jedoch nicht so richtig funktionieren wollte. Seufzend zog ich mir die Decke vom Kopf und griff kurz nach meiner Teetasse. Beim ersten Schluck verbrannte ich mir erstmal die Zunge, und das Schlucken gestaltete sich als ziemlich schmerzhaft, doch zumindest zeigte die Wärme des Getränks seine Wirkung und ein klein wenig wärme bereitete sich in meinem Körper aus. So schüttete ich auch den Rest in mich hinein und verkroch mich dann wieder unter die Decke. Wieder kuschelte ich mich an die Wärmeflasche und in mir wuchs der Wunsch, dass mich ein menschlicher Körper zusätzlich wärmen würde. Und dieses Mal liess ich den Gedanken zu – etwas Träumen würde ja wohl noch erlaubt sein… Und so schloss ich meine Augen und schlummerte langsam ein, während ich mir vorstellte, dass Kenny hinter mir lag, sich an mich gekuschelt hatte und mir immer mal wieder sanft über den Bauch strich.

Kenneths Sicht:

Ich blieb noch einige Augenblicke stehen und dachte über Bardals Worte nach, während dieser schon längst im inneren des Gebäudes verschwunden war. Ob er recht hatte? Hatte Tom wirklich nur gesagt, dass es ihm nichts bedeutet hatte, weil Mika ihn quasi dazu gezwungen hatte? Immerhin hatte ich dasselbe gesagt, auch aus diesem Grund. Und so schnell wie Tom danach verschwunden war… Klar, vielleicht war ihm die Situation einfach nur peinlich, aber dass er mich dabei nicht einmal mehr angesehen hatte, fand ich doch irgendwie seltsam. Aber wieso hatte er sich dann nicht mehr bei mir gemeldet? OK, klar, Mikas Worte waren ziemlich hart gewesen, aber von sowas hatte sich Tom bisher nie beeindrucken lassen…Und dass er wirklich krank war, und dazu noch so todkrank, dass er nicht einmal mehr eine SMS getippt bekam, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen…

Ich seufzte und trottete langsam in Richtung Umkleidekabinen. Als ich diese erreichte, waren die meisten meiner Teamkollegen bereits gegangen. Schnell zog ich mich um, packte meinen Kram und verliess das Gebäude. Eigentlich hatte Mika mir wieder angeboten, mich mitzunehmen, doch diesmal hatte ich diesen Vorschlag abgelehnt. Ich brauchte dringend noch ein wenig frische Luft, und so lief ich langsam die Strasse hinunter. Immerhin hatte ich schon am Vortag den ganzen Abend in meinem Zimmer gesessen, während das Geschehene durch meinen Kopf gespukt war. Zumal es mich überhaupt nicht reizte, nun alleine zu Hause rumzusitzen, jedoch auch keinen Bedarf hatte, irgendwen einzuladen – wen auch? Der einzige Mensch, den ich im Moment gerne gesehen hätte, war… Schnell schüttelte ich meinen Kopf, um gar nicht an ihn zu denken. So irrte ich weiterhin ziellos durch Lillehammer.

Ich wusste nicht genau, wie das passieren konnte, doch nach einiger Zeit – oder auch Stunden, denn ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren – fand ich mich plötzlich vor Toms Wohnblock wieder. Für einen Moment blieb ich davor stehen, und plötzlich wurde ich unheimlich wütend. Dieser verdammte Feigling! Selbst wenn das ganze nur Spass oder was auch immer für ihn war, hätte er sich doch trotzdem bei mir melden können, mir das wenigstens sagen können und sich nicht heute einfach mit irgend einer dummen Ausrede vor dem Training drücken müssen. Ohne dass ich es kontrollieren konnte, trugen mich meine Beine zum Hauseingang, die Treppe hoch in den dritten Stock, wo ich mich vor Toms Wohnungstür wiederfand und bereits meine Hand ausgestreckt hatte, um zu klingeln. Doch sogleich verliess mich der Mut auch schon wieder. Was, wenn er mir nun sagen würde, dass es wirklich nichts für ihn war? Würde ich das verkraften?

Ich wollte mich gerade wieder umdrehen, als plötzlich die Wohnungstür geöffnet wurde und mit einem Mal Villi vor mir stand. Wir sahen uns beide für einen Moment perplex an, bevor Villi zu grinsen begann.

„Hey! Wolltest du zu uns?“, fragte er und sah mich an, während ich auf den Boden starrte und auf meiner Lippe herumkaute.

„Ich… also… ähm… eigentlich… schon.“, stammelte ich hilflos vor mich hin, was Villi nur noch breiter grinsen liess, „Ich wollte eigentlich… zu Tom.“ Villi nickte nur, wieder ernst geworden, und für einen Moment kam mir der Gedanke, ob Tom ihm vielleicht von der ganzen Sache erzählt hatte.

„Der liegt im Bett, es geht ihm ziemlich mies. Eben hat er noch geschlafen, aber ich denke, du kannst ruhig zu ihm.“, meinte er dann und fing wieder an zu grinsen, „Ich glaube, eben hat er sogar mal deinen Namen gemurmelt im Schlaf, als ich nach ihm geguckt hab. Aber ich muss jetzt los, steck dich bloss nicht an!“

Ich sah ihn leicht schockiert an, während alles in mir zu kribbeln begann. Er hatte im Schlaf meinen Namen gesagt?

Und schon drängte sich Villi an mir vorbei und flitzte die Treppe hinunter, während ich noch kurz stehen blieb und dann zögernd die Wohnung betrat. Ich war schon öfters hier gewesen und näherte mich nun langsam Toms Zimmertür. In der Wohnung war es absolut still, die ganze Situation hatte irgendwie etwas unheimliches, und ich kam mir ein wenig vor wie ein Einbrecher, als ich vorsichtig Toms Tür aufschob. Zögerlich ging ich aufs Bett zu, auf welchem deutlich eine Person zu erkennen war, die sich vollständig unter der Decke verkrochen hatte. Vorsichtig setzte ich mich auf die Bettkante und musste leicht lächeln, als von Tom nur ein Büschel Haare zu erkennen waren, während alles andere unter der Bettdecke verborgen war. Vorsichtig zog ich die Decke etwas zurück, damit ich wenigstens sein Gesicht sehen konnte, sofern das durch das spärliche vom Flur ins Zimmer einfallende Licht möglich war. Tom war totenblass, sein Wangen jedoch knallrot, und das Atmen schien ihm schwer zu fallen.

Vorsichtig streckte ich meine Hand aus und strich ihm über die Stirn, welche regelrecht zu glühen schien, und legte sie daraufhin in seinen Nacken, um diesen leicht zu kraulen, was ihm ein leises Seufzen entlockte. Mittlerweile tat es mir Leid, ihm unterstellt zu haben, dass er nur hatte das Training schwänzen wollen, als ich nun sah wie schlecht es ihm wirklich ging. Ob es ihn wohl wirklich nur wegen der Sache mit Mika nun so schlecht ging?

Ich nahm eine leichte Bewegung war, und als ich Tom wieder ansah, bemerkte ich, dass er seine Augen geöffnet hatte.

„K…Kenny?“, kam es heiser über seine Lippen, was sogleich einen Hustenanfall auslöste. Ich nickte nur leicht und griff nach seiner Hand.

„Hey!“, meinte ich mit einem leichten lächeln und drückte seine Hand leicht. Er umklammerte meine daraufhin mit beiden Händen und zog sie an seine Brust. Ich befreite mich so gut es ging von meiner Jacke und liess mich zur Seite kippen, da es sonst etwas unbequem geworden wäre. Tom rutschte näher an mich heran, bis seine Stirn an meiner Brust anlehnte. Ich strich mit meiner anderen Hand leicht über seinen Rücken.

„Geh nicht weg, OK?“, hörte ich ihn fast flehend flüstern, während er sich noch etwas näher an mich ran kuschelte und mir sein ruhiger Atem kurz darauf verriet, dass er vermutlich wieder eingeschlafen war.

Kenneths Sicht:

Während sich Tom im Schlaf noch etwas näher an mich ran kuschelte, blieb ich mit offenen Augen liegen und starrte in die Dunkelheit. Ich hatte eigentlich nicht vor, einzuschlafen – was, wenn Villi nach Hause kommen würde und uns hier so aneinander gekuschelt vorfinden würde… So wie ich ihn kannte würde er das bestimmt nicht für sich behalten können, und bald würde das gesamte Team davon wissen – und dadurch auch Mika… Der Gedanke an diesen liess mich leise seufzen. Vielleicht hatte Anders ja wirklich recht gehabt mit dem was er gesagt hatte… Toms Verhalten und dass er im Schlaf meinen Namen geflüstert hatte, sprach definitiv dafür, dass es ihm zumindest nicht gar nichts bedeutet hatte… Aber sollten wir es wirklich riskieren, unsere… Beziehung, oder als was auch immer man das bezeichnen wollte, heimlich weiterzuführen, auf die Gefahr hin dass es unsere Karrieren kaputt machen würde – oder besser gesagt dass wir damit seinen Zorn auf uns zogen…?

Überhaupt, was bedeutete mir das ganze überhaupt? Liebte ich Tom? Liebte er mich? Ich wusste zwar, dass ich noch nie solche Gefühle für einen anderen Menschen gespürt hatte, aber konnte man dabei schon von Liebe reden? Konnte es vielleicht sein, dass ich mich einfach in irgendwas verrannt hatte, weil ich einfach endlich eine Beziehung wollte? Aber wieso hatte ich dann ausgerechnet mit Tom sowas angefangen? Was, wenn er vielleicht sogar mehr für mich empfand als ich für ihn? Denn auch wenn er äusserlich immer nur der kleine dauerfröhliche Frechdachs war, wusste ich, dass er dennoch ziemlich sensibel war und sich manche Dinge sehr zu Herzen nahm, die ihn daraufhin noch lange beschäftigten… Wollte ich ihm wirklich so weh tun? Nein, ich musste dem ganzen ein Ende setzen; Mika hatte wohl doch Recht gehabt…

Und so löste ich meine Hand vorsichtig aus Toms Umklammerung, wenn möglich ohne ihn dabei aufzuwecken. Zwar grummelte Tom im Schlaf etwas, schien jedoch noch immer zu schlafen. Vorsichtig setzte ich mich auf den Bettrand, angelte nach meiner Jacke, stand auf und ging zur Tür. Dort angekommen, schaute ich noch einmal zurück. Toms Schlaf war unruhig geworden, er wälzte sich hin und her und grummelte vor sich hin. Der Anblick liess mich leicht Lächeln und gleichzeitig den Kopf schütteln. Nein, ich konnte ihm unmöglich noch mehr wehtun, ich musste es beenden. Besser jetzt, als wenn wir dort noch tiefer reingerutscht waren und er sich nur unnötige Hoffnungen machte… Schnell wendete ich meinen Blick ab, schloss die Zimmertür hinter mir und verliess fast fluchtartig die Wohnung.

Noch einmal irrte ich einige Zeit ziellos durch Lillehammer, bevor ich mich schliesslich auf den Heimweg machte. Mittlerweile war es schon ziemlich spät – oder eher früh, auch wenn ich mich noch nicht wirklich müde fühlte. Doch immerhin würde es noch eine Weile dauern, bis ich meine Wohnung erreichen würde… So stapfte ich fast zwei Stunden durch die Dunkelheit und Kälte, doch viel schien es nicht zu bringen, denn ich fühlte mich immer noch viel zu wach, um zu schlafen. Und da ich bereits in wenigen Stunden wieder hätte aufstehen müssen, beschloss ich, mich gar nicht mehr hinzulegen und setzte mich stattdessen im Wohnzimmer vor den Fernseher. Wahllos zappte ich durch die Programme, wanderte zwischendurch zu meinem Kühlschrank oder aufs Klo und schlug so irgendwie die Zeit tot.

Als ich mich schliesslich auf den Weg ins Training machte, machte sich mein fehlender Schlaf langsam bemerkbar. Jedoch hatte es den Vorteil, dass ich mich so sehr auf alles konzentrieren musste, was ich machte, – und war es auch nur geradeaus zu gehen – dass ich keine Gelegenheit mehr dazu hatte über die ganze Sache mit Tom nachzudenken. So brachte ich schliesslich auch irgendwie das Training hinter mich, wenn auch mit mässigem Erfolg. Mir fielen mit der Zeit immer öfters für kurze Zeit die Augen zu und ich gähnte im Minutentakt. Gelegentlich versuchten einige Teamkollegen, mich in Gespräche zu verwickeln, gaben es jedoch sogleich wieder auf, da ich es nicht hinkriegte, dem Gespräch zu folgen und irgendwelche Zusammenhänge zu begreifen. Mittlerweile wollte ich einfach nur noch schlafen, alles andere war mir egal.

So schlurfte ich nach dem Training nach Hause, meine Beine schienen mit jedem Schritt schwerer zu werden, und bei jeder Parkbank, an der ich vorbeikam, überlegte ich mir, ob ich mich nicht einfach auf dieser hinlegen und schlafen könnte. Doch irgendwie schaffte ich es nach Hause. Während mir schon fast die Augen zufielen, schälte ich mich noch kurz aus Jacke und Schuhen, bevor ich ins Wohnzimmer schlurfte, mich aufs Sofa fallen liess und fast augenblicklich einschlief.

Toms Sicht:

Ein Klirren und ein darauf folgendes Fluchen waren das erste, was am nächsten Morgen zu mir durchdrang. Grummelnd drehte ich mich noch einmal um und tastete reflexartig die Matratze neben mir ab, konnte jedoch nichts fühlen. Etwas verwirrt schlug ich meine Augen auf und blickte mich verwirrt im Zimmer um. Dunkel tauchte ein Bild von Kenny auf, welcher neben mir im Bett lag. Ob ich mir das nur eingebildet hatte? Fieberbedingte Halluzunationen? Zumindest momentan schien alles dafür zu sprechen… Kurz vergrub ich mein Gesicht im Kopfkissen, bevor ich mich vorsichtig an den Bettrand setzte. Noch immer fühlte ich mich schlapp, doch ansonsten schien es mir, von einem leichten Druck hinter der Stirn abgesehen, wieder gut zu gehen. Kurz packte mich ein Anflug von Schwindel, als ich aufstand, welcher jedoch genauso schnell wieder verschwand, als ich langsam zur Zimmertür tapste.

Ich trat auf den Flur hinaus, dabei herzhaft gähnend, und erreichte kurz darauf die Küchentür, in welcher ich stehen blieb und mit einer hochgezogenen Augenbraue Villi zusah, welcher, sein Hinterteil mir zugewandt, mit Schaufel und Besen bewaffnet auf dem Boden rumkroch. Noch immer fluchte er dabei leise vor sich hin und bemerkte mich erst, als er zufällig einmal in Richtung Küchentür schaute.

„Hey! Na, wieder unter den Lebenden?“, meinte er grinsend, während er sich erhob und sich den Staub von seiner Jeans klopfte.

„Mehr oder weniger.“, murmelte ich leise und betrat, vorsichtig auf den Boden achtend, nachdem ich auf der Schaufel die Einzelteile von Villis Lieblingstasse erkannt hatte, die Küche. Ich liess mich auf einen Stuhl fallen und zog die Beine an meinen Körper.

„Siehst jedenfalls schon um einiges besser aus als gestern.“, bemerkte er und nahm sich eine neue Tasse aus dem Schrank, „Auch nen Kaffee? Ach, übrigens, Kenny war gestern Abend noch hier, wollte eigentlich zu dir, keine Ahnung ob du was davon mitgekriegt hast.“  Ich zuckte leicht zusammen, als der Name fiel, und war froh, dass Villi gerade mit dem Rücken zu mir stand, sonst hätte es nun bestimmt einige unangenehme Fragen gegeben, worauf ich eigentlich nicht gerade scharf war.

„Hat er… gesagt, was er wollte?“ Mit einem Mal hörte sich meine Stimme wieder heiser an. Also war das ganze doch kein Traum gewesen?

„Nur, dass er zu dir wollte“, meinte Villi und stellte mir meinen Kaffee vor die Nase, welche ich sofort ergriff, „Übrigens hast du im Schlaf zuvor mal seinen Namen gemurmelt.“

Im Nu war mir die Tasse aus der Hand gerutscht, kippte um und ihr Inhalt verteilte sich auf dem  Küchentisch und tropfte auf der anderen Seite auf den Boden. Villi gluckste.

„Wohl noch etwas schwach, Herr Hilde?“, grinste er, während er nach einem Lappen griff und die Überschwemmung zu stoppen versuchte.

„Scheint so.“, murmelte ich nur und stellte meine noch immer auf dem Tisch liegende Tasse wieder hin.

„Vielleicht sollten wir das mit dem Kaffee zukünftig besser lassen.“, meinte Villi immer noch kichernd, als er den Lappen auswusch, „Ab sofort gibts zum Frühstück nur noch Wasser, das gibt keine Sauerei – und am besten nur noch aus Plastikbechern.“

Ich nickte nur abwesend und starrte meine Tasse an.

„Soo, ich bin dann jedenfalls mal weg. Wir sehen uns heute Abend.“ In einem Zug leerte Villi seine Tasse, nahm seine Jacke von der Stuhllehne und verliess die Küche. Gleich darauf fiel die Wohungstür ins Schloss.

Ich starrte noch immer vor mich hin, während meine Gedanken um das kreisten, was mir Villi eben erzählt hatte. Was hatte Kenny hier gewollt? Und vor allem, wieso war er dann einfach wieder abgehauen? Ich musste unbedingt mit ihm reden! Mein Herz begann wie wild zu klopfen, als ich daran dachte, wie er letzte Nacht an mich gekuschelt hatte. Ob vielleicht doch noch ein Funke Hoffnung bestand für das, was zwischen uns war? Selbst wenn wir uns nur heimlich treffen konnten und noch vorsichtiger sein mussten als zuvor…

Kurzentschlossen stand ich auf und stellte meine Tasse in den Spültrog, um gleich darauf in mein Zimmer zu verschwinden und mit einem Stapel frischer Klamotten und Handtüchern wiederzukommen. Damit verbarrikadierte ich mich fast eine ganze Stunde im Bad und fühlte mich wie neu geboren, als ich daraufhin wieder rauskam. Kurz warf ich einen Blick auf die Uhr. Vermutlich würde ich kurz vor dem Trainingsende bei der Schanze ankommen – zum mittrainieren fühlte ich mich sowieso noch nicht fit genug. Und dagegen, dass ich zuschauen wollte, konnte Mika ja eigentlich nichts einwenden… Voller Vorfreude schlüpfte ich in meine Jacke, holte mein Handy und verliess dann fröhlich vor mich hin pfeifend die Wohnung. 

Toms Sicht:

 Je näher ich der Schanze kam, umso grösser wurde meine Vorfreude, und ich musste mich zwingen, nicht zu rennen. Ich würde mich anfangs einfach nur neben die Schanze setzen und abwarten, und mich nach dem Training dann irgendwie unauffällig mit Kenny absprechen und ihn treffen. Ich sehnte mich danach, ihn endlich wieder in meine Arme schliessen zu können und seine Lippen auf meinen zu spüren… Schon allein der Gedanke daran liess mich breit grinsen, und mein Herz begann ein wenig schneller zu schlagen. Ich war zuvor eigentlich noch nie verliebt gewesen, doch dieses Mal war ich mir sicher, dass ich es war…

Endlich hatte ich die Schanze erreicht, sah mich kurz um und schlich mich dann möglichst unauffällig neben die Schanze. Obwohl, eigentlich konnte es Mika und den anderen ja egal sein, wenn ich mich hier rumtrieb…

So sass ich also neben dem Auslauf der Schanze und wechselte ab und zu ein paar Worte mit meinen Teamkumpels, welche an mir vorbeigingen, doch irgendwann begann das ganze mir komisch vorzukommen. Mittlerweile waren bestimmt alle Springer an mir vorbeigekommen, einige sogar schon zwei Mal, doch Kenny war bisher nicht aufgetaucht. Etwas verwirrt blieb ich noch sitzen, doch tatsächlich tauchten nur immer wieder dieselben Jungs auf, aber kein Kenny. Ob er wohl krank war? Vielleicht hatte ich ihn ja angesteckt… Also beschloss ich, Bardal das nächste Mal danach zu fragen, wenn er an mir vorbeikam, und winkte ihn heran.

„Naa, wieder fit?“, wollte er wissen, und ich nickte nur schnell, um ihm gleich darauf meine Frage zu stellen.

„Weisst du wo Kenny ist? Ist er krank oder so?“, wollte ich wissen und rutschte dabei auf der Bank herum, auf der ich es mir bequem gemacht hatte.

„Ach, du hast das ja noch gar nicht mitgekriegt…“, meinte Bardal und zupfte an seiner Jacke herum, „Mika hat nach dem letzten Training beschlossen, dass er nun wieder mit den COC-Leuten trainieren soll, nicht mehr mit dem Weltcupteam. Vermutlich, damit ihr euch möglichst wenig begegnet.“ Ich schluckte hart, diese Worte waren wie ein Schlag in die Magengrube für mich.

„O…okay.“, stammelte ich und stand schnell von der Bank auf. Bardal sah mich leicht besorgt an.

„Habt ihr eigentlich schon miteinander geredet?“, wollte er dann wissen, woraufhin ich nur den Kopf schüttelte.

„Ich hab gar nicht mehr mit ihm geredet, seit uns Mika damals erwischt hat…“, nuschelte ich und starrte auf meine Füsse, „Er war letzte Nacht zwar bei mir als ich krank war, aber als ich aufgewacht bin war er schon wieder weg.“

„Er war bei dir?“, hakte Bardal noch einmal nach und grinste, als ich ihm das, woran ich mich noch erinnern konnte, erzählte.

„Dann besteht also doch noch Hoffnung.“, meinte er nur, „Vielleicht solltest du mal zu ihm nach Hause und dich mit ihm aussprechen; wie es scheint bedeutet euch das ganze doch mehr als ihr zugeben wollt…“ Ich nickte nur heftig und strahlte ihn an.

„OK, dann mach ich mich mal auf den Weg!“, meinte ich nur und grinste ihn noch einmal an, „Danke!“ Und mit diesen Worten drehte ich mich um und verliess genauso kribbelig die Schanze wie ich zuvor hergekommen war, wenn ich mich nicht sogar noch etwas mehr beeilte. Immerhin hatte ich dieses Mal nichts zu befürchten, keine Teamkollegen oder Trainer, vor denen wir uns verstecken mussten.

Wieder musste ich mich dazu zwingen, nicht loszurennen, dennoch ging ich ziemlich schnell, und die Strecke bis zu Kennys Haus kam mir endlos lang vor. Schliesslich war ich endlich angekommen, öffnete die Haustür, welche nur angelehnt war, und stieg beinahe hüpfend die Treppe hoch zu Kennys Wohnung. Vor der Tür atmete ich kurz tief durch, bevor ich auf die Klingel drückte. Drinnen war nach einigen Sekunden ein Poltern zu hören, und wieder einige Zeit später wurde schliesslich endlich die Tür geöffnet, und ein völlig verwuschelter und verpennter Kenny stand vor mir, offensichtlich nicht gerade begeistert über meinen Besuch. Dennoch hätte ich am liebsten losgequietscht und ihn geknuddelt, weil er einfach zu knuffig aussah.

„Hey!“, meinte ich begeistert, während mich Kenny nur weiterhin ernst anstarrte.

„Was willst du denn hier?“, kam es überraschend kühl über seine Lippen, woraufhin sich mein Magen kurz zusammenzog und ich ihn leicht irritiert ansah. „Ähm…“, begann ich, durch seine abweisende Reaktion etwas aus der Fassung gebracht, „Mit dir reden?“

„Und worüber?“, kam es immer noch im selben Tonfall zurück, was meine Zuversicht langsam schwinden liess.

„Naja, über das, was war… über uns…“, stammelte ich und fühlte mich immer unwohler in meiner Haut. Kenny atmete kurz tief durch und sah mich dann an.

„Tom, es gibt kein uns.“, begann er sachlich, und ich sah ihn leicht irritiert an, „Weisst du, ich glaube, Mika hatte recht. Wir sollten uns hier nicht in irgendwas verrennen, wenn keine Gefühle im Spiel sind. Mir ist meine Karriere zu wichtig, um sie für sowas aufs Spiel zu setzen. Und jetzt ist es wohl besser, wenn du gehst.“ Ich starrte ihn nur völlig schockiert an, war nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.

„Wir sehen uns beim Training.“, meinte Kenny nur und verschwand wieder in seiner Wohnung, vor deren Tür ich noch immer völlig perplex stehen blieb.

Kenneths Sicht:

 Kaum war die Wohnungstür hinter mir zugefallen, liess ich mich dagegen sinken und schloss für einige Sekunden meine Augen, versuchte angestrengt, das Gemisch zwischen Wut auf mich selber und Trauer darüber, dass es nun wohl endgültig vorbei war, zu verdrängen. Ich hätte mich für das, was ich gerade getan hatte, am liebsten erschlagen, redete mir jedoch immer wieder ein, dass es das Richtige gewesen war, vor allem für Tom. Das mein Herz hingegen schrie, dass ich die Tür wieder aufreissen, Tom um Verzeihung beten und mich in seine Arme werfen solle, ignorierte ich soweit möglich. Für einen Moment blieb ich noch an der Tür stehen und lauschte angestrengt, ob noch irgendwas von Tom zu hören war, was jedoch – leider? – nicht der Fall war.

Irgendwann ging ich zurück ins Wohnzimmer, wo ich mich aufs Sofa setzte und erstmal einfach gar nichts tat, ausser jegliche Gedanken in Richtung Tom und dem, was zwischen uns gewesen war, zu verdrängen. Doch ich befürchtete, dass dies nicht den ganzen Abend funktionieren würde; ich musste irgendwas unternehmen. Und so erhob ich mich irgendwann vom Sofa und stapfte in mein Zimmer. Für längere Zeit stand ich unschlüssig vor meinem Kleiderschrank, bevor ich schliesslich einfach irgendwas nahm und mich umzog. Kurz verschwand ich im Bad, und gleich darauf schnappte ich mir auch schon Handy und Geld und verliess meine Wohnung.

Die kalte Nachtluft schlug mir entgegen, und ich ging zügig vorwärts, wenn auch ohne wirkliches Ziel. Schliesslich zog es mich in den erstbesten, nicht allzu schlimm wirkenden Nachtclub, wo ich es mir irgendwo mit einem Bier bequem machte und mich nach einem geeigneten… Ablenkungsobjekt umsah. Doch irgendwie liess sich nichts passendes finden, und erst da fiel mir auf, dass ich im Grunde genommen eine Kopie von Tom suchte, welche jedoch natürlich nicht zu finden war… Und natürlich ärgerte ich mich bei dieser Feststellung wieder mal über mich selber. Ich musste diese ganze Sache endlich hinter mir lassen… Zum Glück schien das Schicksal derselben Meinung zu sein, denn im selben Moment tippte mir jemand auf die Schulter.

Überrascht fuhr ich herum und sah direkt in das strahlende Gesicht eines dunkelhaarigen Mädchens, welches ungefähr in meinem Alter sein musste. Mein Kopf sagte mir, dass sie theoretisch genau in mein Beuteschema passte – oder es zumindest vor Tom getan hatte –, doch mein Körper zeigte keinerlei Interesse. Kein Kribbeln im Bauch, kein Herzklopfen, gar nichts. Und das, obwohl die Kleine wirklich sehr hübsch war…

„Hey!“, meinte sie lächelnd und liess sich auf den freien Stuhl neben mir sinken.

„Hey!“, antwortete ich und versuchte, zumindest ein wenig interessiert zu wirken. Wenn ich meine Augen etwas zusammenkniff, hatte sie sogar ein wenig Ähnlichkeit mit Tom – und einige weitere Biere, nachdem mein erstes geleert war, halfen mir, diese Ansicht zu verstärken.

Irgendwann fand ich mich in eine heftige Knutscherei verwickelt halb auf ihren Oberschenkeln sitzend wieder und stellte zufrieden fest, dass zumindest mein Körper nun auf sie reagierte, auch wenn mein Kopf sich noch immer nicht eingestehen wollte dass ich sie toll fand. Aber darüber konnte ich ja auch später noch nachdenken – denn in dem Moment war mein Gehirn sowieso zu vernebelt als dass ich mich noch auf etwas anderes als die Knutscherei hätte konzentrieren können… Meine Hände begaben sich auf Wanderschaft, erkundeten ihren Körper – und mit einem Mal wurde ich plötzlich von ihr weggerissen. Ärgerlich fuhr ich herum und wollte protestieren, wobei ich in Bardals Gesicht sah, welches eine Mischung aus Wut, Enttäuschung und Verständnislosigkeit widerspiegelte.

Ohne dass ich mich wirklich dagegen wehrte liess ich mich von ihm quer durch das Lokal und hinaus auf den Gehsteig zerren, wo mich die Kälte erstmal zusammenzucken liess. Etwas unsanft stiess mich Bardal mit dem Rücken gegen die Wand, wo ich erstmal mit gesenktem Blick stehen blieb. Es war, als wäre ich durch die frische Luft schlagartig nüchtern geworden, und ein regelrechtes Gefühlschaos brach in mir los.

„Sag mal, hast du jetzt nen Vollknall? Ich dachte, du hättest mit Tom geredet, und nun knutschst du hier mit irgend so ner Tussi rum?!“, schimpfte Bardal los, wobei ich bei jedem Wort aufs neue zusammenzuckte und mir langsam Tränen in die Augen stiegen. Mein gefasster Entschluss begann langsam zu bröckeln, und in dem Moment wünschte ich mich gerade nirgendwo anders hin als in Toms Arme… Ohne dass ich es verhindern konnte schniefte ich los, und mir liefen Tränen über die Wangen.

„Hey…“, hörte ich Bardal murmeln und fühlte, wie er seinen Arm um mich legte, „Jetzt erzähl mir erstmal, was du hier machst und was überhaupt passiert ist.“ Ich nickte nur und versuchte ihm, in Kurzfassung meine Gedankengänge und gefassten Entschlüsse zu erklären, wobei mich Bardal ab und zu ansah, als ob ich nicht ganz dicht wäre oder den Kopf schüttelte. Schliesslich hatte ich ihm alles erzählt und erklärt und stand noch immer tränenüberströmt neben ihm. Ein leichtes Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er mich kurz an sich drückte.

„Du bist ein echter Chaot, weisst du das?“, meinte er grinsend, woraufhin ich ebenfalls leicht lächeln musste und nickte.

„So, und nun fahr ich dich erstmal nach Hause. Und morgen gehst du zu Tom und erklärst ihm das, OK?“

„OK.“, murmelte ich nur, während wir uns langsam auf den Weg zu seinem Auto machten.

Toms Sicht:

 Für einen Moment blieb ich noch stehen und starrte die geschlossene Tür an. Erst als das Licht im Hausflur ausging, schien ich aus meiner Starre zu erwachen und drehte mich wie mechanisch um, um im Dunkeln die Treppe hinunter zu steigen und das Haus zu verlassen. Irgendwie drang das Geschehene gerade gar nicht richtig zu mir durch, und ich stapfte durch die Strassen Lillehammers, bis ich mich mit einem Mal vor meinem Wohnblock wiederfand. Erst dort erwachte ich halbwegs aus meiner Trance, versuchte das ganze jedoch noch so gut wie möglich in den Hintergrund zu drängen, während ich die Treppe hochstieg. Erst als ich versuchte, die Tür aufzuschliessen, bemerkte ich, wie stark ich eigentlich zitterte, sodass es eine Weile dauerte, bis ich endlich das Schlüsselloch traf. Ich ging hinein, liess die Tür hinter mir zufallen und stapfte ins Wohnzimmer, wo ich mich aufs Sofa warf, während Kennys Worte in meinem Kopf herum schwirrten.

Ich war so in meinen Gedanken gefangen, dass ich gar nicht bemerkte, dass Villi nach Hause gekommen war und nun, mich dabei irritiert und besorgt anschauend, vor dem Sofa stand. Irgendwann stupste er mich leicht an der Schulter an, was mich heftig zusammenzucken liess. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich noch immer Jacke, Mütze und Schuhe anhatte. Ich setzte mich hin und begann, mit noch immer zitternden Fingern den Reissverschluss meiner Jacke zu öffnen. Noch immer stand Villi vor mir und beobachtete mich.

„Mit dir stimmt doch irgendwas nicht…“, meinte er und zog eine Augenbraue hoch. Ich zuckte nur mit den Schultern und beugte mich dann vor, um meine Schuhe zu öffnen. Villi liess sich neben mich sinken und sah mir aufmerksam zu.

„So, und nun erzählst du mir was los ist, Hilde.“, meinte er schliesslich in einem Tonfall, der keine Widerrede zuliess. Doch ich reagierte nicht darauf, zog mir die Mütze vom Kopf und machte mich dann wieder auf den Weg in den Flur, um meinen Kram zu verstauen. Villi folgte mir und blieb mit verschränkten Armen im Türrahmen stehen.

„Nun sag schon!“, drängte er, doch ich quetschte mich nur, ein „Nein“ murmelnd, an ihm vorbei und verzog mich in mein Zimmer. Ich warf mich auf mein Bett und vergrub mein Gesicht in einem meiner Kopfkissen, zuckte jedoch dann leicht zusammen, als ich mir zumindest einbildetet, dass dieses ganz leicht nach Kenny roch. Ohne dass ich irgendwas dagegen tun konnte, liefen mir nun Tränen übers Gesicht und ich drückte mein Gesicht wieder ins Kissen, während ich versuchte mich wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Denn wie erwartet wurde kurz darauf auch schon meine Zimmertür aufgerissen und Villi polterte ins Zimmer.

„Ohje…“, hörte ich ihn murmeln und fühlte kurz darauf, wie sich die Matratze neben mir leicht senkte. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte er mich noch nie weinen gesehen, und überhaupt – wann hatte ich eigentlich das letzte Mal geweint? Das musste Jahre her sein… Und damals bestimmt nicht wegen… sowas… Allerdings hatte mir bisher auch noch nie irgend eine Beziehung, oder wie man das, was ich zuvor mit einigen Mädels gehabt hatte, auch immer bezeichnen wollte, so viel – oder überhaupt etwas – bedeutet… Er war wohl sowas wie meine erste grosse Liebe, auch wenn ich diesen Gedanken nun so schnell wie möglich wieder aus meinem Kopf verdrängen wollte… Es machte ja nun sowieso keinen Sinn mehr…

Ich fühlte Villis Hand auf meinem Rücken, welche zögerlich auf und ab strich.

„Komm schon, was ist passiert?…“, hörte ich ihn fragen, und nun klang seine Stimme wirklich besorgt. Wieder schüttelte ich nur den Kopf, ohne aufzublicken. Ich wusste ja nicht, wie Villi reagieren würde… Und überhaupt, was sollte ich ihm überhaupt sagen? „Ach weisst du, ich bin schwul und hatte was mit Gangnes, und nun hat er Schluss gemacht, deshalb heul ich mir hier gerade die Augen aus dem Kopf…“ Ganz toll! Zumal ich ja eigentlich gar nicht schwul war, sondern einfach nur Kenny toll fand, als Menschen und überhaupt… Aber egal, Villi würde es sowieso nicht verstehen…

Also reagierte ich nicht auf seine Frage, sondern blieb einfach nur liegen. Und auch er hakte nicht mehr weiter nach, sondern streichelte weiterhin über meinen Rücken, was irgendwie etwas beruhigend auf mich wirkte. Nach einiger Zeit versiegten meine Tränen endlich, ich setzte mich – von Villi abgewandt – hin und fuhr mir erstmal durchs Gesicht.

„Ich… es ist wirklich alles OK.“, fing ich an, wobei meine Stimme von der Heulerei noch etwas heiser klang, „Ich war grad einfach irgendwie etwas fertig, keine Ahnung wieso.“

„Okay…“, meinte Villi, wobei er nicht unbedingt klang, als ob er mir glauben würde. Schliesslich stand er auf und blieb vor meinem Bett stehen.

„Na ja, jedenfalls – wie wärs mit nem DVD-Abend oder so?“, wollte er wissen und grinste mich an. Dies liess mich nun ebenfalls wieder lächeln – er hatte sofort erkannt, dass etwas Ablenkung wohl nicht schlecht wäre.

„OK!“, meinte ich also. Villi strahlte mich an und verschwand dann mit einem „OK, ich bin dann mal Popcorn machen…“ aus meinem Zimmer.

Kenneths Sicht:

 Ich sitze schweigend auf dem Beifahrersitz, während Bardal durch die Strassen Lillehammers kurvte. Zum Glück hatte er den Radio eingeschaltet, sodass die Tatsache, dass wir uns anschwiegen, nicht allzu bedrückend wirkte. Mittlerweile hatte ich mich wieder halbwegs gefasst und versuchte, das eben passierte zu analysieren. OK, es war also definitiv so, dass meine Gefühle für Tom stärker waren als ich mir gedacht hatte – oder als ich mir einreden wollte, dass sie sind. Aber wenn mich das ganze jetzt schon so fertig machte, wie würde es dann erst werden, falls das ganze mal zerbrechen würde? Würde ich das verkraften? Irgendwie musste ich das ganze beenden, aber nicht einfach so… Ich musste irgendwie damit abschliessen können, dann würde sicher auch Tom besser damit klarkommen… Und dann kam mir eine Idee.

„Kannst du mich auch direkt zu Tom fahren?“, wandte ich mich schliesslich an Bardal.

 „Klar…“, kam es überrascht von ihm, und mit einem leicht misstrauischen Blick schaute er mich an, doch ich setzte nur mein Pokerface auf und schaute weiterhin aus dem Fenster.

„Du planst was.“, hörte ich Bardal murmeln, doch ich reagierte nicht darauf. Je näher wir Toms Wohnblock kamen, umso unruhiger wurde ich und begann auf dem Sitz herumzurutschen. Schliesslich setzte Bardal den Blinker und fuhr auf den Parkplatz.

„Danke.“, murmelte ich und löste meinen Sicherheitsgurt.

„Kein Thema.“, meinte Bardal, „Aber versaus diesmal nicht wieder! Ich will euch beide endlich mal wieder lachen sehen!“ Ich erstarrte für einen Moment, bevor ich die Tür öffnete.

„Geht klar.“, murmelte ich und rutschte schnell aus dem Wagen, da ich wusste, dass das wohl gerade nicht besonders überzeugend rübergekommen war…

Zielstrebig stapfte ich auf den Hauseingang zu und ging die Treppe hoch. Vor Toms Wohnungstür blieb ich einen Moment lang zögernd stehen, bevor ich schliesslich die Hand ausstreckte und klingelte. Nur kurze Zeit später wurde die Tür geöffnet und Villi stand vor mir, der mich etwas verwundert musterte und dann kurz einen Blick auf seine Uhr warf. Ich sah ihn nur kurz entschuldigend an.

„Ähm… ist Tom da?“, wollte ich dann wissen, woraufhin Villi nickte und mich reinwinkte.

„Wir gucken gerade DVDs, komm ruhig rein.“, meinte er, und ich trat in den Flur hinein. Kurz schlüpfte ich aus Schuhen und Jacke und folgte ihm dann leicht zögerlich. In der Wohnzimmertür angekommen, musste ich bei dem Anblick, der sich mir bot, erstmal grinsen. Tom sass mit angezogenen Beinen auf dem Sofa, hatte sich in eine Decke gewickelt und hielt eine Schüssel mit Popcorn umklammert. Dabei starrte er auf den Fernsehbildschirm und schien davon völlig gefesselt zu sein. Wie mechanisch steckte er sich immer mal wieder ein Popcorn in den Mund, ohne seinen Blick vom Fernseher zu lösen.

Villi liess sich neben ihn fallen und stupste ihn leicht an, woraufhin Tom widerwillig zu ihm sah.

„Besuch für dich!“, meinte Villi nur und nickte zur Tür, in der ich stehen geblieben war. Tom sah kurz zu mir, und für einen Moment erstarrte sein Gesicht, als er mich im Türrahmen stehen sah. Schnell drückte er sein Popcorn Villi in die Hand, befreite sich aus seiner Decke und kam dann völlig verunsichert auf mich zu getapst. Ich trat einen Schritt zurück und liess ihn an mir vorbei, woraufhin ich ihm dann in sein Zimmer folgte, wo er sich mit gesenktem Blick auf den Bettrand setzte. Ich schloss die Zimmertür hinter mir und liess mich dann mit etwas Abstand neben ihn fallen. Für einige Zeit sassen wir einfach nur dort und schwiegen uns an, bis ich schliesslich irgendann anfing, Stückchen für Stückchen näher an ihn heran zu rutschen. Irgendwann stiess mein Knie leicht gegen seines, was ihn leicht zusammenzucken liess. Noch immer etwas verschüchtert sah er auf, wobei sich unsere Blicke trafen.

Ich bemerkte, wie mein Herz schneller zu klopfen begann und vermutete, dass es Tom genauso ging. Schliesslich fasste ich den Mut, meine Hand in seinen Nacken zu legen und ihn für einen Kuss an mich zu ziehen. Tom wehrte sich nicht dagegen, begann den Kuss schliesslich sogar zu erwidern.  In mir begann alles zu kribbeln, unser Kuss wurde immer leidenschaftlicher, und irgendwann legten sich meine Hände auf Toms Schultern und drückten ihn vorsichtig rückwärts runter aufs Bett. Schliesslich legte ich mich halb auf ihn, während meine Hände an seinen Seiten entlang streichelten. Nach einigen Augenblicken schlangen sich schliesslich auch Toms Arme um mich, drückten mich fest an sich und strichen leicht über meinen Rücken. Ich schaffte es endlich, an gar nichts mehr zu denken, es zählte nur noch der Moment, Tom und ich, nichts anderes. Auch die Tatsache, dass es das letzte Mal war dass wir uns so nahe kamen, konnte ich in diesem Moment völlig ausblenden.

Erst einige Stunden später kehrten diese Gedanken wieder zurück. Toms Kopf ruhte auf meinem nackten Oberkörper, er schlief bereits, und ich strich leicht durch seine Haare. Ich selber fand keinen Schlaf, wollte es eigentlich auch gar nicht. Doch ich war froh, dass er schlief, denn so sah er nicht, wie ich gegen die Tränen kämpfte. Auch wenn es mir unheimlich schwer fiel, gerade in diesem Moment – ich wollte meinen Plan durchziehen. Und so hob ich Tom vorsichtig von mir runter. Er murrte leicht, wachte jedoch nicht auf. So leise wie möglich kletterte ich aus dem Bett und zog mich erstmal wieder an, bevor ich mich durch seine Schreibtischschubladen wühlte und nach einem Stift und einem Blatt Papier suchte. Ich überlegte lange, was ich schreiben sollte, und nun liefen mit die Tränen endgültig über die Wangen. Es tat weh, doch es war das Beste… Als der Brief fertig war, ging ich noch einmal kurz zum Bett. Strich Tom noch einmal durch die Haare und hauchte ihm einen leichten Kuss auf die Stirn, bevor ich den Brief neben ihn aufs Kopfkissen legte und mich leise aus der Wohnung schlich.

Toms Sicht:

 „Jetzt komm schon!“ Muffi wedelte mit einem Croissant vor meinem Gesicht herum, doch ich wandte mich nur ab und schüttelte den Kopf.

„Tom!“, kam es leicht vorwurfsvoll, doch ich reagierte nicht, starrte nur auf den Tisch vor mir und griff schliesslich nach meiner Tasse, um einen Schluck Kaffee zu trinken.

„Was ist nur los mit dir…“, hörte ich meinen Kumpel murmeln, doch ich starrte weiterhin vor mich hin. Mal wieder spürte ich die besorgten Blicke meiner Teamkollegen auf mir, wie schon so oft in den letzten beiden Wochen. Aber irgendwie bekam ich einfach kaum noch etwas essbares runter, seit – nein, ich wollte gar nicht mehr daran denken. Schnell schüttelte ich den Kopf, um den Gedanken daran zu vertreiben. Ich spürte, dass mir die unerwünschte Erinnerung mal wieder Tränen in die Augen trieb, und schnell leerte ich meine Tasse, stand auf und verliess fast fluchtartig den Speisesaal. Wie schon so oft in den letzten Wochen.

Anfangs hatten meine Kumpels noch versucht, mich aufzuhalten, doch mittlerweile hatten sie scheinbar bemerkt, dass es keinen Sinn machte. Ab und zu konnten sie mich dazu zwingen, etwas zu essen, und ohne sie wäre ich möglicherweise schon längst irgendwo zusammengeklappt. Immer wieder versuchten sie rauszufinden, was mit mir los war, wollten mit mir reden oder mich irgendwie ablenken, doch ich blockte alles soweit möglich ab. Natürlich liess es sich nicht verhindern, dass sie ab und zu etwas mitbekamen, vor allem wenn ich nachts im Hotelzimmer, das ich mit Muffi teilte, mal wieder einen Heulkrampf bekam. Zwar versuchte ich mich in solchen Momenten noch schnell ins Bad zu verziehen, doch vermutlich hatte er dennoch ab und zu mal etwas mitbekommen, seinen besorgten Blicken nach zu urteilen…

So schnell wie möglich lief ich die Treppe hoch, musste unterwegs einmal kurz stehen bleiben, weil mir so schwindlig wurde, und legte dann schnell die letzten Stufen zurück. Endlich im Zimmer angekommen, warf ich mich aufs Bett und vergrub erstmal mein Gesicht in meinen Armen.

Nun liess ich meinen Tränen freien lauf und bemerkte gar nicht, dass sich die Zimmertür öffnete und Muffi rein kam. Erst als ich eine Hand auf meinem Rücken spürte, zuckte ich erschrocken zusammen und sah ihn mit meinem verheulten Gesicht an. Muffis Stirn legte sich in Falten, und ehe ich reagieren konnte, hatte er mich auch schon an den Schultern gepackt und mich wie ein kleines Kind auf seine Oberschenkel gezogen. Ich liess es geschehen, legte meinen Kopf auf seine Schulter und schloss meine Augen, während mir die Tränen noch immer über die Wangen liefen und Muffi leicht über meinen Rücken streichelte.

„Willst du mir nicht endlich mal erzählen was lost ist, hm?“, hörte ich meinen Kumpel murmeln, „Es kann doch nicht sein, dass du dich hier so kaputt machst und dir nicht von uns helfen lässt. Wir sind doch Freunde, oder?“  Ich nickte nur leicht.

„Ihr könnt mir nicht helfen.“, meinte ich nur mit erstickter Stimme.

„Und wieso bist du dir da so sicher?“, wollte Muffi wissen, „Du versuchst es ja nichtmal…“ Ich zuckte nur mit den Schultern und stand auf, um meine restlichen Sachen zusammenzupacken.

Die Fahrt zum nächsten Springen verbrachte ich damit, schweigend aus dem Fenster zu starren und mit meinem iPod Musik zu hören. Die Stimmung im Team war allgemein ein wenig bedrückt, offensichtlich hatte meine Stimmung auf die anderen abgefärbt. Eigentlich wollte ich nicht, dass sie sich Sorgen machten, doch so tun als ob nichts wäre war für mich in dem Moment auch nicht wirklich möglich… Und seit der Essenssache war sowieso allen aufgefallen, dass irgendwas nicht stimmte… Der Einzige, der sich scheinbar darüber freute, dass ich keinen Appetit mehr hatte, war Mika, denn natürlich hatte ich dadurch einiges an Gewicht verloren. Ironischerweise waren dadurch, dass es mir gerade nicht gut ging, meine Sprünge um einiges besser geworden und ich hatte schon einige Springen gewonnen seither. Auch wenn ich mich nicht so richtig darüber freuen konnte…

Überhaupt gab es im Moment nichts, worüber ich mich wirklich freute, ich versuchte einfach irgendwie die Tage hinter mich zu bringen. Konnte mich für nichts mehr wirklich begeistern und lag oft einfach nur in meinem Hotelbett rum, während die anderen noch um die Häuser zogen und Party machten. Oft fühlte ich mich sowieso zu schwach dazu, konnte mich dennoch nicht dazu aufraffen, irgendwas zu essen… Eigentlich schaffte ich es momentan nur in den wenigen Sekunden, in denen ich durch die Luft flog, für einige Sekunden alles zu vergessen.

Ich bemerkte, wie mich jemand anstupste und löste meinen Blick kurz vom Fenster; im Grunde genommen hatte ich sowieso nicht mehr erkannt, was draussen war und ins Leere gestarrt. Kurz drehte ich meinen Kopf und sah in Muffis Gesicht, welcher mir bittendem Gesichtsausdruck die Hälfte eines Sandwichs hinhielt. Ich zögerte kurz, bevor ich, dabei ein „Danke“ murmelnd, danach griff und etwas zögerlich anfing, daran rumzuknabbern. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass wir an einer Raststätte angehalten hatte. Nach und nach trudelten auch die anderen Springer wieder ein, und die Fahrt ging weiter. Mein Blick wandte sich wieder nach draussen, während ich eher lustlos an dem Sandwich rumknabberte, bis wir schliesslich die Schanze erreichten.

Kenneths Sicht:

Schon als ich mich vom Balken abstiess, wusste ich, dass dieser Sprung schiefgehen würde. Wie eigentlich so ziemlich jeder in den letzten Wochen… Tatsächlich verpasste ich mal wieder den Absprung und schaffte nur ein paar Meter, wobei ich bei der Landung auch noch das Gleichgewicht verlor und mich gerade noch so wieder fangen konnte, um nicht auf dem Bauch durch den Auslauf zu schlittern. Ich warf nur einen kurzen Blick zum Trainer, welcher jedoch nur den Kopf schüttelte. Es war, als ob ich das Springen verlernt hatte… Verärgert über mich selber schulterte ich meine Skier und verliess den Auslauf. Eigentlich hätte ich nochmal springen sollen, doch das kam mir gerade so sinnlos vor, dass ich mich direkt auf den Weg zu den Umkleideräumen machte. Wütend schmiss ich meine Sachen in eine Ecke, bevor ich mich vor mich hin grummelnd auf die Bank setzte und mich daran machte, meine Springklamotten auszuziehen.

Daraufhin schulterte ich meine Tasche und verliess schnellen Schrittes das Schanzengelände. Noch immer war ich total wütend auf mich selber, rannte schon fast durch Lillehammer und versuchte, mich abzureagieren, indem ich sämtliche Mülltonnen, Bäume und andere Dinge attackierte, welchen ich begegnete. Zum Glück beobachtete mich keiner dabei…

Schliesslich erreichte ich endlich meine Wohnung, knallte die Tür hinter mir zu und verteilte meine Tasche, Jacke und Schuhe irgendwo zwischen Flur und Wohnzimmer, wo ich mich schliesslich aufs Sofa warf. Blind griff ich nach der Fernbedienung, schaltete die Flimmerkiste ein und zappte wahllos durchs Programm. Schliesslich blieb ich an einer Skispringübertragung hängen, schaute jedoch nicht wirklich hin. Bis schliesslich mit einem Mal Toms Name fiel, was mich aufblicken liess.

Wie automatisch sprang ich auf und ging näher an den Fernseher ran, ging direkt vor dem Bildschirm in die Knie. Ich starrte Tom an, welcher auf dem Balken sass, kurz vor dem Sprung. Bildete ich es mir nur ein oder war er um einiges dünner geworden in den letzten Wochen? Kurz blickte Tom direkt in die Kamera, und ich erschrak regelrecht. Seine Augen wirkten unglaublich leer und trüb, der freche Schimmer von früher war daraus verschwunden, und überhaupt wirkte sein Gesicht einfach nur völlig ausdruckslos. Auch seine Begeisterung für das Springen schien völlig verschwunden zu sein, er machte den Eindruck, als wollte er es einfach nur noch hinter sich bringen.

Ich betrachtete seinen Sprung genau, es verlief alles perfekt, wie aus dem Lehrbuch, aber dennoch, ohne Begeisterung, gar nichts. Doch er setzte sich dennoch erstmal an die Spitze. Doch wieder – keine Begeisterung. Ein gestelltes Lächeln, ein müdes Winken in die Kamera. Was war aus dem Tom, den ich kennen gelernt hatte – meinem Tom – geworden?

Die in den letzten Wochen verdrängten Erinnerungen an das, was zwischen Tom und mir gewesen war, drängten sich langsam wieder in mein Bewusstsein. Ich setzte mich dort, wo ich war, auf den Boden und bekam langsam aber sicher ein schlechtes Gewissen. War ich schuld daran, dass aus Tom so ein… Wrack geworden war? Mein Herz schien sich regelrecht zusammen zu ziehen. Und langsam dämmerte mir, dass ich wohl mit allem, was ich getan hatte, ein riesiger Fehler war… Wieso hatten wir eigentlich nicht darum gekämpft, wieso hatte ich alles einfach so hingeworfen? Wieso musste es erst soweit kommen, bis mir klar wurde, wie ernst das ganze wirklich gewesen war? Würde es jetzt noch was bringen, zu versuchen das ganze zu retten, oder war schon alles verloren?

Ich blickte nur kurz auf und erkannte, dass wohl mittlerweile der zweite Durchgang angefangen hatte.

Ich versuchte, mich so halbwegs darauf zu konzentrieren, doch im Grunde genommen wartete ich nur darauf, dass Tom springen würde. Er war als einer der letzten an der Reihe, und wieder bestätigte sich mir, was ich schon vorher erkannt hatte – er wirkte völlig fertig, desinteressiert und es schien, als wollte er das ganze einfach nur hinter sich bringen… Und irgendwie kam er mir noch etwas blasser vor als beim ersten Sprung. Irgendwie hatte ich ein ungutes Gefühl.

Wieder beobachtete ich ihn genau, während er los fuhr, und noch wirkte alles normal. Er sprang wieder genau zum richtigen Zeitpunkt ab und segelte durch die Luft. Doch mit einem Mal schien sämtliche Spannung aus seinem Körper zu weichen, er erschlaffte regelrecht und kippte geradezu vorne über, ohne noch irgendwas dagegen tun zu können. Noch einmal verdrehte er sich in der Luft, kippte zur Seite und schlug schliesslich hart auf der Schanze auf. Sofort lösten sich seine Skibindungen, und wie ein nasser Sack rutschte er in den Auslauf hinunter, wo er regungslos liegen blieb.

Ich hatte das Gefühl, dass mein Herz stehen bleiben würde, als Tom dort regungslos liegen blieb.

„Steh auf, bitte steh auf!“, flehte ich ihn leise an, obwohl ich wusste, dass er mich nicht hören konnte. Doch nichts geschah. Mittlerweile kamen von allen Seiten Leute angerannt, Sanitäter,  unsere Teamkollegen inklusive Mika und einige andere. Noch immer zeigte Tom keine Reaktion auf irgendwas, und ich musste zusehen, wie sie seinen leblosen Körper aus dem Auslauf trugen. Nun konnte ich nicht mehr ruhig bleiben, ich sprang auf und ging im Zimmer auf und ab, während der Wettkampf weiterging als ob nichts gewesen wäre.

Schliesslich rannte ich in den Flur und holte mein Handy aus meiner Jacke, zögerte dann jedoch, irgendeinen von meinen Teamkollegen anzurufen. Und so rannte ich, nun mit dem Handy in der Hand, weiterhin im Wohnzimmer auf und ab, konnte mich jedoch nicht mehr auf den restlichen Wettkampf, der noch immer lief, konzentrieren. Hoffentlich war Tom okay… Was hatte ich da nur angerichtet?

Toms Sicht:

Das erste was ich mitbekam war ein Schmerz in meinem Rücken, während das verschwommene Bild vor meinen Augen langsam deutlicher wurde. Ich konnte mich nicht mehr wirklich daran erinnern, was passiert war, wo ich war und wie ich hierher gekommen war. Ich erkannte schliesslich Muffi, welcher sich über mich beugte und mich besorgt musterte. Wie ich nun feststellte, befand ich mich wohl in einer Art Zelt oder so. Ach stimmt, wir hatte ja einen Wettkampf… Aber…

„Was ist passiert?“, murmelte ich verwirrt und sah Muffi fragend an, während der Schmerz in meinem Rücken vor sich hin pochte.

„Du hast während des Flugs das Bewusstsein verloren und bist voll auf den Rücken geknallt.“, erklärte dieser mir, „Der Arzt meinte, dass dein Kreislauf schlapp gemacht hat weil du in letzter Zeit so wenig gegessen hast. Du bist soweit OK, aber dein Rücken ist stark geprellt und du musst wohl die nächsten paar Springen ausfallen lassen…“

Ich nickte nur und wandte meinen Blick ab. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass ich mir wohl am besten das Genick gebrochen hätte, dann hätte diese Scheisse endlich ein Ende, doch schnell schüttelte ich den Kopf, um diese Gedanken zu verdrängen, denn eigentlich war sowas überhaupt nicht meine Art… Aber was war in den letzten Wochen schon noch normal an mir gewesen…? Ich seufzte leicht und setzte mich dann vorsichtig auf, wobei mein Rücken protestierte, was mich jedoch nicht aufhalten konnte.

„Fahren wir bald zurück ins Hotel?“, wollte ich wissen, woraufhin Muffi nur nickte.

„Voraussichtlich.“, meinte er nur und packte meinen Arm, als ich aufgestanden war und nun leicht schwankend mitten im Zelt stand, „Warte, ich helf dir!“ Ich nickte nur mit verzogenem Gesicht, denn nun spürte ich den Schmerz erst so richtig und konnte mir nur mühevoll ein leises Aufstöhnen verkneifen.

Mit Muffis Hilfe schafften wir es irgendwie in unseren Bereich, wo ich mich aus dem Sprunganzug quälte und in meine normalen Klamotten schlüpfte. Mittlerweile spürte ich nicht mehr nur den Schmerz, sondern mir war auch total kalt geworden und wieder ein wenig schwindlig. Nicht mal der warme Tee, den mir Muffi daraufhin holte, konnte mir dabei richtig helfen. Irgendwer drückte mir schliesslich irgendwann ein Stück Schokolade in die Hand, welche ich regelrecht verschlang.

„Habt ihr noch mehr?“, wollte ich daraufhin wissen, in mir hatte sich ein regelrechter Heisshunger breit gemacht. Meine Teamkollegen begannen zu grinsen, und gleich darauf bekam ich von allen Seiten her Schokolade und anderes Zeug zugesteckt, das ich in mich hereinstopfte. Als alles verputzt war, machte sich Übelkeit in mir breit, mein Magen begann zu rebellieren, doch ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Am liebsten hätte ich den ganze Kram gleich wieder ausgekotzt, doch meine Kumpels schienen sich so sehr darüber zu freuen, dass ich mal wieder ass, dass ich angestrengt versuchte, mich zurückzuhalten.

Schliesslich machten wir uns endlich auf den Weg zurück zu unserem Bus, wobei mir jemand meinen Kram abgenommen hatte, da ich mit meinem schmerzenden Rücken – und meinem Magen – schon genug zu kämpfen hatte… Ich liess mich schliesslich ein Stück zurückfallen und beförderte meinen Mageninhalt hinter den nächstbesten Busch. Danach wurde mir wieder ziemlich schwindlig,  als ich das letzte Stück zum Bus wankte und hineinklettertre.

„Ist alles OK?“, wollte Muffi wissen, als ich mich neben ihn auf den Sitz sinken liess. Ich nickte nur, während mir schon wieder übel wurde und ich meinen Kopf gegen die kühle Fensterscheibe sinken liess. Muffi hielt mir eine kleine Flasche Cola hin.

„Hier, trink was!“, meinte er, während ich zögerlich danach griff, „Dir ist übel, oder?“ Ich nickte nur, woraufhin er irgendwas von Gehirnerschütterung murmelte. Ich schloss meine Augen und versuchte, mich irgendwie von meiner Übelkeit abzulenken, was jedoch nicht so wirklich funktionieren wollte.

Irgendwann drehte sich mir schliesslich erneut der Magen um, und ich konnte mir gerade noch die Hand vor den Mund pressen.

„Ohje…“, hörte ich Muffi nur murmeln, bevor er nach vorne rief, dass wir anhalten müssen. Ich konnte gerade noch so die Tür aufreissen und heraus springen, bevor sich mein Körper erneut heftigst gegen die Nahrungsmittel in meinem Bauch wehrte. Muffi war mir gefolgt und hielt mich fest, damit ich nicht einfach vorne über kippte. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis sich mein Körper endlich wieder beruhigte.

„Gehts wieder?“, wollte Muffi wissen, und ich nickte nur kraftlos, währen er mich wieder zurück in den Wagen schleppte und auf meinen Platz bugsierte. Die restliche Fahrt zum Hotel hing ich in den Gurten, mein Schwindel war noch einmal stärker geworden, und nun kamen starke Kopfschmerzen dazu. Irgendwie bugsierten mich meine Teamkollegen ins Hotelzimmer, wo ich in eine Art Dämmerzustand verfiel. Irgendwann wachte ich auf und sah Mika über mir stehen und au mir runter schauend.

„Du brauchst definitiv ne Pause.“, meinte er besorgt, „Ich werde dafür sorge, dass du morgen zurückfährst.“

Kenneths Sicht:

 Nach einer Weile hielt ich es nicht mehr länger aus und klappte mein Handy auf. Kurz sah ich mir mein Telefonbuch durch, war mir jedoch nicht sicher, wem ich am besten schreiben sollte. Bardal ganz bestimmt nicht – der wusste vermutlich schon längst Bescheid und würde wohl nicht gerade gut auf mich zu sprechen sein… Schliesslich beschloss ich, erst mal die Nachricht zu schreiben und mich dann zu entscheiden, wem ich schreiben sollte. Ich fing an zu tippen, löschten den Text jedoch noch ungefähr drei Mal wieder, bevor ich schlicht und einfach „Ist Tom OK?“ tippte und es kurz entschlossen an Muffi schickte. Auf eine Antwort wartend, ging ich wieder im Wohnzimmer auf und ab, doch es tat sich nichts. Ob nun wohl mittlerweile das ganze Team wusste, was zwischen Tom und mir vorgefallen war? Seufzend liess ich mich aufs Sofa sinken, um gleich darauf wieder aufzuspringen und in die Küche zu gehen.

Dort angekommen, wusste ich jedoch schon nicht mehr, was ich dort eigentlich wollte, und stapfte wieder zurück ins Wohnzimmer, wo ich seufzend mitten im Raum stehen blieb. Ich musste mich ablenken, und zwar dringend. Schliesslich schnappte ich mir meine Jacke und zog meine Schuhe an. Mein Handy liess ich auf dem Küchentisch zurück, da ich sonst sowieso alle paar Minuten draufgeguckt hätte… Schliesslich verliess ich meine Wohnung, schloss ab und ging schnellen Schrittes – man konnte es schon fast als Rennen bezeichnen – durch Lillehammer. Wieder wurden einige Bäume und Mülltonnen attackiert, weil ich mich mal wieder über mich selber aufregte, wenn auch nun aus anderen Gründen. Was, wenn sich Tom nun meinetwegen – und ich vermutete, dass ich an der ganzen Sache Schuld war – schwer verletzt hatte? Was, wenn er möglicherweise sogar… nein, daran wollte ich gar nicht denken.

Ständig fühlte ich den Drang, umzukehren und nachzugucken, ob Muffi schon geantwortet hatte, kämpfte jedoch dagegen an. Schliesslich waren beinahe drei Stunden vergangen, als ich wieder vor meinem Wohnhaus stand und schliesslich die Treppe hoch rannte. Es brauchte mehrere Anläufe, bis ich den Wohnungsschlüssel fluchend ins Schloss bekam, wo ich ihn auch stecken liess und weiter in die Küche hetzte. Tatsächlich, eine neue Nachricht. Wieder griff ich einige Male daneben, bis ich die SMS schliesslich geöffnet hatte. Während des Lesens liess ich mich auf einen Küchenstuhl sinken.

Hat sich den Rücken geprellt, ansonsten unverletzt. Es geht ihm aber z.Z. allgemein Scheisse, er kommt morgen zurück.

Ich atmete erstmal auf und schmiss mein Handy wieder auf den Tisch. Wenigstens war ihm nichts allzu schlimmes passiert – nun ja, schlimm genug, dass es überhaupt so weit hatte kommen müssen…

Das Knurren meines Magens machte mich darauf aufmerksam, dass ich noch kaum etwas gegessen hatte, und so begab ich mich erstmal zum Kühlschrank und holte eine Pizza aus dem Gefrierfach. Für mehr fehlte mir zur Zeit gerade der Nerv, und so schmiss ich den Backofen an und machte mich dann wieder auf den Weg ins Wohnzimmer. Tom würde also morgen zurückkommen. Wie es ihm bis dahin wohl gehen würde? Ob er mich wohl sehen wollte? Wie würde er wohl reagieren, wenn ich plötzlich vor seiner Tür stehen würde? Vermutlich würde er mich gleich wieder rausschmeissen… Immerhin hatte ich ihm im Brief damals geschrieben, dass es keine Hoffnung mehr gab für eine Beziehung oder ähnliches, da das ganze einfach zu kompliziert werden würde… Doch mittlerweile wären mir alle möglichen Lösungen eingefallen und das ganze wirkte total einfach… Ob er mir verzeihen würde, der Sache noch eine Chance geben? Zwar würde es möglicherweise Probleme mit Mika geben, aber ich war mir sicher, dass die anderen Springer hinter uns stehen würden.

Ich beschloss, es zu versuchen. Vielleicht nicht gerade morgen, er würde wohl erst mal nach Hause kommen müssen – falls ich es aushielt, zu wissen dass er wieder in Lillehammer war und NICHT zu ihm zu gehen… Aber was sollte ich sagen? Vermutlich würde er es mir nicht so einfach machen wie die letzten Male, ich hatte ihn wohl nun zu oft enttäuscht… Aber was hatte ich schon zu verlieren? Noch schlimmer als es jetzt schon war konnte es sowieso kaum mehr werden… Aber vielleicht gab es ja wirklich noch irgendwo ein Fünkchen Hoffnung…

Dennoch waren meine Gefühle noch immer gemischt, als ich einige Zeit später meine Pizza aus dem Ofen holte und diese verspeiste. Auch als ich mich einige Zeit später ins Bett verkroch, stellte ich mir noch immer alle möglichen Arten vor, wie Tom reagieren könnte. Aber das würde ich wohl noch früh genug erfahren… Dennoch dauerte es noch ziemlich lange, bis ich endlich in einen unruhigen Schlaf fiel.

Toms Sicht:

Die Nacht war sowohl für mich als auch für Muffi nicht sonderlich erholsam. Immer wieder wurde mir aufs neue schlecht und ich schaffte es gerade noch so zum Klo, war danach jedoch zu schwach um wieder zurück ins Bett zu kommen. Muffi, der dann jeweils ebenfalls aufwachte, half mir daraufhin, gab mir etwas zu trinken, versuchte mich zu beruhigen und schleppte mich zurück ins Bett. Erst als es bereits dämmerte, schlief ich schliesslich für kurze Zeit ein, wurde jedoch wach, als Muffis Wecker klingelte und er anfing, im Zimmer rumzuwuseln. Mir war mittlerweile nicht mehr schlecht, nur noch schwindlig, ich fühlte mich im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich ausgekotzt und mein Rücken pochte vor sich hin. Grummelnd drehte ich mich vorsichtig um und zog mir die Decke über den Kopf.

„Ich bin dann mal unten, frühstücken. Bleib einfach liegen, ich hab deinen Kram auch schon zusammengepackt.“, hörte ich nach einer Weile Muffis Stimme, „Ich bring dir dann was zu essen und nen Tee hoch.“ Ich brummte nur zustimmend, obwohl ich nicht wusste, ob essen so eine gute Idee war; möglicherweise würde das Zeug dann gleich fliegend wieder den Rückweg antreten…

Ich döste noch einmal kurz weg, doch nach gefühlten zwei Minuten kam Muffi auch schon wieder ins Zimmer gepoltert und stellte scheppernd ein Tablett auf dem Nachttisch ab. Gleich darauf wurde mir auch die Decke vom Kopf gezogen, was mich aufmurren liess.

„Versuch, was zu essen.“, hörte ich Muffi sagen, „Ich pack so lange noch den restlichen Kram zusammen.“ Widerwillig setzte ich mich langsam im Bett auf und besah mir das Brötchen und den Tee, den er mir mitgebracht hatte. Trotz allem gab mein Magen bei dem Anblick ein leises Knurren von sich, sodass ich schliesslich zögernd nach dem Brötchen griff und anfing, daran rumzuknabbern. Nach den ersten Bissen wartete ich kurz ab, um rauszufinden, ob mein Magen vielleicht doch noch rebellieren wollte. Dies schien jedoch nicht der Fall zu sein, und so ass ich vorsichtig weiter. Auch der Tee hatte inzwischen eine trinkbare Temperatur, und als ich ihn ausgetrunken hatte, machte sich ein recht angenehmes Gefühl in meinem Magen breit. Nun fühlte ich mich schon um einiges besser als zuvor, wenn auch noch nicht so, dass ich es als „gut“ bezeichnet hätte.

Vorsichtig stand ich auf und wankte dann erst mal langsam ins Bad, wo ich mich kurz unter die Dusche stellte. Daraufhin ging ich zurück ins Zimmer und holte möglichst bequeme Klamotten aus meinem Koffer. Immerhin hatte Mika gesagt, dass er mich heute zurückschicken würde, und ich wusste nicht genau, wie lange diese Reise dauern würde. Auch nicht, wie ich überhaupt zurückkommen würde. Vermutlich fliegen.

Diese Vermutung bestätigte sich kurz darauf, als ich mit Mika und dem restlichen Team unten in der Hotellobby traf. Sie würden mich auf dem Weg zur nächsten Schanze am Flughafen absetzen, von wo ich dann zurück nach Norwegen fliegen würde. In Oslo würde mich Villi dann abholen. Und dann wäre ich diesem wohl endgültig eine Erklärung schuldig… „Mir gehts nur grad nicht so gut“ würde er mir wohl nicht mehr ohne Grund abnehmen… Obwohl ich noch immer ziemliche Angst vor seiner Reaktion hatte… Doch mit viel Glück würde er mich heute mit seiner Fragerei noch in Ruhe lassen… Hoffentlich.

Am Flughafen angekommen, begleitete mich Mika sicherheitshalber noch bis ins Flughafengebäude, um zumindest halbwegs vorzubeugen, dass ich nicht in den falschen Flieger stieg. Wenigstens hatte ich kaum Gepäck mitzuschleppen, dieses ging mit dem Team vorerst noch etwas auf Reise. Immerhin hatte ich noch genug Klamotten zu Hause…

Mittlerweile war mir wieder ziemlich schwindlig, und ich war froh, mich im Wartebereich etwas hinsetzen zu können, bis ich schliesslich endlich mein Flugzeug besteigen konnte.

Den Flug verschlief ich mehrheitlich, auch wenn es nicht gerade bequem war und ich ziemlich froh war, als wir endlich landeten und ich kurz darauf wieder festen Boden unter den Füssen hatte. Mir war wieder ziemlich schwindlig, und der Gedanke, nun noch 4 Stunden Autofahrt vor mir zu haben, war alles andere als erfreulich. Hoffentlich würde ich diese Fahrt auch wieder verschlafen…

Sofort kam Villi auf mich zu gerannt, als ich aus dem Landebereich kam, und nahm mir erstmal meinen Rucksack ab, bevor er mich kurz an sich drückte. Sein Gesicht war voller Sorge.

„Mann, was machst du denn für Sachen?“, murmelte er, woraufhin ich nur mit den Schultern zuckte. Und gleich darauf zusammenzuckte, als ich einige Meter hinter Villi Kenny stehen sah, welcher in dem Getümmel etwas verloren wirkte und verlegen zu Boden starrte. Er versuchte sich an einem Lächeln und kam näher, wobei ein leises „Hey!“ über seine Lippen kam.

„Hey.“, erwiderte ich fast tonlos, ich hatte mich völlig verkrampft und spürte, wie wieder leichte Übelkeit in mir aufsteigen. Was wollte er – ausgerechnet er – hier? Mir einfach nur wehtun? Oder wieso sollte er sonst mit Villi hergefahren sein? Dachte er wirklich, ich wäre schon über die ganze Sache weg?

„Ich… können wir losfahren?“, wandte ich mich an Villi, Kenny dabei soweit möglich ignorierend, woraufhin Villi nickte und wir uns langsam auf den Weg zum Auto machten.

Kenneths Sicht:

Tom hatte sich auf dem Rücksitz zusammengerollt, während ich vorne auf dem Beifahrersitz sass und ihn im Rückspiegel beobachtete. Villi konzentrierte sich unterdessen auf die Strasse, und keiner vor uns sagte ein Wort. Tom tat so, als würde er schlafen, doch ich sah, dass er immer mal wieder die Augen öffnete und die Vordersitze anstarrte. Er hatte sich in seine Jacke gewickelt und war ziemlich blass, und tatsächlich hatte ich mich nicht getäuscht, dass er ziemlich abgemagert war.

Schliesslich bemerkte ich, wie Villi den Blinker setzte und zur nächsten Raststätte abbog.

„Ich hol mir mal was zu essen, wollt ihr auch was?“, wollte er wissen, während er seinen Sicherheitsgurt löste, und sah mich fragend an.

„Nur was zu trinken, wenn das OK ist…“, meinte ich. Villi nickte und drehte sich dann nach hinten.

„Tom?“ Dieser schüttelte nur den Kopf.

„Ich bring dir trotzdem was.“, meinte Villi und stieg aus dem Auto.

Tom und ich blieben schweigend im Auto zurück. Ich starrte vor mich hin, er vermutlich auch, und mit einem Mal begann es hinter mir zu rascheln. Kurz drehte ich den Kopf und sah, wie Tom sich, sichtlich frierend, noch etwas fester in seine Jacke kuschelte.

„Ist dir kalt?“, fragte ich und kam mir dabei etwas blöd vor. Tom nickte nur, und wie automatisch lösten meine Hände den Sicherheitsgurt.

„Du kannst meine Jacke auch noch haben…“, meinte ich nur und begann, diese auszuziehen.

„Geht schon…“, murmelte Tom, doch ich liess mich nicht aufhalten. Und anstelle sie ihm einfach nach hinten zu reichen, öffnete ich die Beifahrertür, stieg aus und hinten wieder ein, wo ich sie gleich persönlich über ihn ausbreitete. Dabei berührten sich kurz Toms und meine Hand, was sich anfühlte wie ein Stromschlag. Ich zuckte zurück, er ebenfalls, doch am liebsten hätte ich ihn in diesem Moment gepackt, an mich gezogen und ihm ins Ohr gemurmelt, dass nun alles wieder gut werden würde.

Doch stattdessen blieb ich nur wie erstarrt sitzen, während Tom ein „Danke“ murmelte.

„Kein Thema.“, murmelte ich, begann nun jedenfalls meinerseits etwas zu frösteln, da Villi beim Rausgehen die Heizung nicht hatte laufen lassen. Ich zog meine Beine an den Körper und schlang die Arme darum.

„Jetzt ist dir aber kalt.“, hörte ich Tom leise sagen, woraufhin er sich hinsetzte, an mich rutschte und mir meine Jacke wieder über die Schultern legte. Wieder hatte ich das Gefühl, dass mich ein Stromschlag durchzuckte, als er mich berührte, doch diesmal zuckte ich nicht zurück, und auch er liess seinen Arm einfach um meine Schulter liegen. Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung, und für einige Minuten schauten wir uns einfach nur in die Augen. Schliesslich legte ich meine Arme um Tom und zog ihn an mich. Er lehnte seinen Kopf auf meine Schulter, und ich hielt ihn einfach nur fest. Seine Stirn lag an meiner Wange und schien regelrecht zu glühen.

„Du bist heiss!“, kam es mir über die Lippen, was Tom Glucksen liess.

„Äh, also, ich meine, deine Stirn…“, stammelte ich und schielte nach unten, wobei ich feststellte, dass Tom noch immer vor sich hin grinste. Dies liess nun auch mich kurz lächeln, doch gleich darauf wurde ich wieder ernst.

„Ich hab Mist gebaut.“, meinte ich schliesslich und spürte, wie sich Tom neben mir bewegte.

„Ja, hast du.“, meinte er nur, blieb jedoch an mich gekuschelt sitzen.

„Ich… Denkst du, da lässt sich noch irgendwas retten?“, nuschelte ich, während meine Hand leicht über Toms Rücken strich, welcher daraufhin leicht zusammenzuckte, „Oh, entschuldige…“

„Macht nichts. Aber… dein Brief…“, begann er.

„Vergiss den Brief einfach… Vergiss am besten einfach alles was war…“, meinte ich nur.

„Ich… ich weiss nicht, ob das geht…“, murmelte Tom, „Es ist einfach irgendwie… soviel passiert… Ich weiss nicht, ob ich das einfach so vergessen kann…“

Ich nickte nur.

„Versuchst du es wenigsten?“, flüsterte ich fast und sah ihm in die Augen. Er zögerte einen Moment, nickte dann aber leicht, was mich wieder leicht lächeln liess.

„Aber wir müssen auf jeden Fall nochmal reden…“, meinte Tom, und ich nickte zustimmend, „Aber vielleicht solltest du besser mal wieder nach vorne, wenn Villi zurückkommt und uns hier so vorfindet…“

„Oh, den hatte ich jetzt völlig vergessen…“, murmelte ich, was Tom grinsen liess. Ich löste meine Arme, welche noch immer um ihn lagen, und auch er liess mich wieder los. Sofort wurde mir wieder kalt, aber trotzdem legte ich ihm meine Jacke wieder hin.

„Behalt die.“, meinte ich. Tom nickte nur. Noch einmal sah ich ihm in die Augen und konnte mich nicht davon abhalten, ihm einen kleinen Kuss auf die Lippen zu drücken, bevor ich wieder ausstieg und mich nach vorne setzte. Gerade noch rechtzeitig, wie sich herausstellte.

Die restliche Heimfahrt konnte ich nicht aufhören, vor mich hin zu grinsen. Ich warf im Rückspiegel einen Blick zu Tom. Dieser hatte sich in seine und meine Jacke gekuschelt und lag auf der Rückbank, tief und fest schlafend, wobei er ebenfalls ein leichtes Lächeln auf den Lippen hatte.  

Toms Sicht:

Etwas verwirrt öffnete ich die Augen, als ich ein Holpern spürte, und schaute direkt in Villis vor Anstrengung verzerrtes Gesicht.

„Du bist ganz schön schwer, weisst du das?“, keuchte dieser, doch ich ging nicht darauf ein, sondern drehte noch immer etwas verwirrt den Kopf, um rauszufinden, wo wir waren. Achso, unser Treppenhaus, in welchem mich Villi gerade die Treppe hochschleppte.

„Allerdings, wenn du eh schon wach bist, kannst du eigentlich selber gehen.“, meinte dieser und tat so, als ob er seinen Arm unter meinen Kniekehlen wegzog, woraufhin ich meine Hände um seinen Hals schlang und erschrocken aufquiekte. Villis Lachen hallte durchs Treppenhaus, während er mich die letzten Stufen bis zu unserer Wohnung trug.

„Wo ist eigentlich Kenny?“, murmelte ich, als er mich vor der Wohnungstür absetzte, um aufzuschliessen.

„Hab ich nach Hause gefahren.“, war die Knappe Antwort, kombiniert mit einem verständnislosen Blick.

Schliesslich betraten wir die Wohnung, und ich wollte mich schnurstracks in mein Zimmer verkrümeln, hatte die Rechnung jedoch ohne Villi gemacht. Denn dieser ging mir schlicht und einfach hinterher, setzte sich neben mich auf den Bettrand und meinte: „So, und jetzt erzählst du mir was eigentlich mit dir los ist.“ Ich seufzte tief.

„Können wir damit nicht bis morgen warten?“

„Nein“

„Aber Villi…“

„Nichts ‚aber Villi‘, jetzt sag schon. Ich seh nicht noch länger zu, wie du dich selber kaputt machst! Sag einfach was los ist!“

„Ich… Naja… Ich hatte was mit Kenny.“

„Hilde, ich meins ernst! Nun sag schon.“

„Das ist mein ernst!“

Schlagartig herrschte Stille im Zimmer, und ich starrte vor mich hin, spürte Villis Blicke auf mir.

„Ähm… echt jetzt?“, kam es schliesslich zögernd von ihm. Ich nickte nur.

„Aber… Seit wann bist du denn schw…“

„Bin ich gar nicht.“, unterbrach ich ihn energisch, „Also, zumindest nicht grundsätzlich. Ich steh nur auf Kenny…“

„Okay…“, kam es von Villi, welcher jedoch nicht sonderlich überzeugt klang, „Und wie ist es soweit gekommen?“

„Naja, er hat mich mal nach dem Training geküsst, und irgendwie haben wir dann öfters mal rumgemacht, und dann halt irgendwann Gefühle ins Spiel gekommen…“, meinte ich Schulterzuckend.

„Und was ist dann passiert, dass du nun so fertig bist?“

„Nun, ist ne längere Geschichte…“

„Ich hab Zeit…“

So begann ich also zögernd zu erzählen, und gegen meine Erwartungen kamen von Villi keine blöden Sprüche, und überhaupt unterbrach er mich höchstens, um kurz irgendwas nachzufragen, was ihm nicht ganz klar war. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich ihm schliesslich alles erzählt hatte, wobei ich mich immer wieder hatte zusammenreissen müssen, um nicht von meinen mit den Erinnerung verbundenen Gefühlen überrollt zu werden.

Daraufhin sassen wir wieder eine Weile schweigend nebeneinander, bis sich Villi irgendwann räusperte.

„Und… was hast du jetzt vor zu machen?“, wollte er wissen. Ich zuckte mit den Schultern.

„Erstmal mit Kenny reden. Und naja… ich hoffe schon dass wir das irgendwie hinkriegen, irgendwie bedeutet mir das Ganze schon ziemlich viel… Allerdings hat er mich auch ein paar Mal verletzt mit seinen Aktionen…“ Villi nickte verständnisvoll.

„Du musst auf dein Herz hören.“, meinte er dann, und ich war ziemlich überrascht, sowas aus seinem Mund zu hören, „Und wegen der Sache mit Mika: Lasst euch dadurch nicht kaputt machen – ich steh auf jeden Fall hinter euch falls es wieder was wird mit dir und Kenny. Und ich bin mir sicher, dass das auch die anderen so sehen werden.“ Er hatte kaum ausgeredet, als ich mich ihm auch schon an den Hals geworfen hatte.

„Ey, spar dir das für Kenny!“, murmelte er leicht verlegen zurück und stiess mich von sich, „Und jetzt komm, wir essen was; wie es scheint hast du diesbezüglich noch einiges nachzuholen…“

Kenneths Sicht:

Nervös wuselte ich in meiner Wohnung herum, während auf dem Herd mehrere Töpfe standen, deren Inhalt vor sich hin köchelte. Immer wieder schaute ich auf meine Uhr, doch die Zeit, bis Tom hier sein würde, wollte einfach nicht weniger werden… Ich hatte ihn am Vormittag kurz angesimst, ob er zum Essen – und zum Reden – vorbeikommen wolle, und zu meiner Freude hatte er zugesagt. Ich musste zugeben, dass ich ziemlich nervös war; immerhin war ja noch immer nicht klar wie das ganze enden würde… Obwohl unser kurzes… Gespräch gestern im Auto eigentlich relativ vielversprechend verlaufen war… Aber nun ja, abwarten… Obwohl ich nicht wusste wie ich reagieren würde wenn Tom es beenden würde… Denn momentan hing das Ganze nur von ihm ab… Klar, es wäre meine Schuld, immerhin hatte ich ja wirklich viel Mist gebaut in der letzten Zeit, und ich würde es irgendwie auch verstehen wenn er nun nichts mehr mit mir zu tun haben wollen würde, doch es blieb die Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde…

Ungefähr 10 Minuten vor der vereinbarten Zeit klingelte es an der Tür. Auf mein Gesicht schlich sich ein breites Grinsen, während ich zur Tür rannte und erst durch den Türspion schielte. Tatsächlich war es Tom, der draussen stand und verlegen auf seine Schuhe starrte. Ich versuchte, mir mein Grinsen zu verkneifen – immerhin war ja noch nichts entschieden – und öffnete dann die Tür.

„Hey…“, kam es etwas heiser über meine Lippen, woraufhin Tom den Kopf hob und leicht lächelte.

„Hey!“, antwortete er leise, und mir fiel erneut auf, wie dünn er in letzter Zeit geworden war, sein Gesicht war regelrecht eingefallen. Doch zumindest war ein Hauch des Glitzerns in seinen Augen wieder erkennbar, was mich schon mal ein Stück weit beruhigte.

„Komm rein!“, meinte ich nur und trat zur Seite, damit er eintreten konnte. Tom folgte meiner Aufforderung und ging langsam an mir vorbei.

„Tut mir Leid, dass ich zu früh bin, aber… Nun ja, ich bin schon fast ne halbe Stunde vor deinem Haus rumgelatscht und naja…“ Ich begann wieder zu grinsen, während er wieder verlegen auf seine Schuhe schaute.

„Kein Problem, das Essen dauert halt noch… Oh Scheisse!“ Blitzartig hatte ich mich umgedreht und war in die Küche gestürmt, aus welcher mir schon ein leichter Geruch nach Verbranntem entgegen schlug. Schnell zog ich die Pfanne mit dem Gemüse vom Herd und stellte die Pfanne direkt im Waschtrog ab, da der Inhalt nicht mehr wirklich erkennbar, sondern nur noch einheitlich schwarz war.

„OK, das Gemüse können wir also schon mal vergessen…“, meinte ich nur, während ich die Pfanne mit Wasser füllte, und hörte Tom glucksen, welcher in der Küchentür stehen geblieben war.

„Macht nichts.“, hörte ich ihn sagen, „Ich krieg momentan irgendwie sowieso kaum was runter…“

„Hmm..“, machte ich nur, während ich kurz die beiden anderen Töpfe kontrollierte und schliesslich vom Herd nahm. Ich schaute noch einmal kurz zu Tom, welchem die Sache relativ unangenehm zu sein schien. Ich beschloss, nicht näher auf das ganze einzugehen, sondern stellte einfach die Pfannen auf den bereits gedeckten Tisch und setzte mich, Tom dabei heran winkend.

Dieser liess sich auf den leeren Stuhl neben mir sinken und belud zögerlich seinen Teller.

„Ich hoffe, es ist essbar…“, meinte ich, während ich mir die erste Gabel voll in den Mund schob. Auch Tom begann zu essen, wenn auch für seine Verhältnisse viel zu langsam. Besorgt beobachtete ich ihn aus den Augenwinkeln, bis er schliesslich nach nicht mal der Hälfte sein Besteck auf den Teller legte und diesen von sich schob.

„Schmeckts nicht?“, fragte ich vorsichtshalber nach, doch er schüttelte sofort heftig den Kopf.

„Nein, es schmeckt gut. Ich hab nur nicht so wirklich Hunger…“, murmelte Tom und starrte vor sich hin. Ich schob mir die letzte Ladung in den Mund, bevor ich meinen Teller ebenfalls von mir schob.

„Schon OK.“, meinte ich – vielleicht hätten wir besser vor dem Essen geredet…

„Wollen wir ins Wohnzimmer?“, fragte ich dann, woraufhin Tom nickte und aufstand. Kurz half er mir, den Tisch abzuräumen, und dann machten wir es uns auf meinem Sofa bequem.

Für einige Zeit sassen wir einfach nur da und schwiegen uns an. Schliesslich ergriff Tom das Wort.

„Ich hab nachgedacht.“, meinte er leise und rutschte unruhig auf dem Sofa herum, woraufhin mich irgendwie ein ungutes Gefühl beschlich.

„Naja, es ist viel passiert in den letzten Monaten.“, fuhr er weiter, „Und vor allem hast du mich in letzter Zeit oft verletzt… Eigentlich hätte ich jeden Grund, um dich in die Wüste zu schicken…“ Mir rutschte das Herz in die Hose.

„Klar, sicher habe ich mich auch nicht immer perfekt verhalten… Aber naja…“, er rutschte ein Stück näher an mich heran, was ich im ersten Augenblick jedoch gar nicht realisierte, da ich solche Angst davor hatte, was nun als nächstes kommen würde. Ich zuckte erschrocken zusammen, als ich auf einmal seine Hand auf meinem Knie spürte.

„Aber ich finde, wir sollten es nochmal versuchen, quasi ganz von vorne anfangen… Ich hab es auch Villi erzählt, und naja, er steht auf jeden Fall hinter uns, falls Mika Terror machen würde… Und das restliche Team bestimmt auch…“

Ich sah ihn einen Moment lang ungläubig an, wobei mein Grinsen immer breiter wurde. Auch Tom lächelte mich – wenn auch noch etwas unsicher – an, und ich konnte schliesslich einfach nicht anders, als ihn in meine Arme zu ziehen und zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit wieder zu küssen.

Toms Sicht:

Ich war so glücklich wie schon lange nicht mehr, als ich Kennys Lippen endlich wieder auf meinen spürte und wehrte mich auch nicht, als er mich, ohne den Kuss zu lösen, sanft rückwärts runter aufs Sofa drückte, sodass er halb auf mir lag. Die Nähe fühlte sich einfach viel zu gut an, ich seufzte leise in den Kuss. Nun würde alles gut werden, hoffentlich… Zwar würde nun noch einiges auf uns zukommen, was das Einweihen der Teamkollegen und ähnliches betraf, doch um darüber nachzudenken würden wir später noch genug Zeit haben – nun wollte ich erstmal einfach nur geniessen. Ich versuchte, an gar nichts mehr zu denken und versuchte mich einzig und alleine auf den Kuss zu konzentrieren – als mein Magen auf einmal ein ziemlich lautes Knurren von sich gab. Kenny unterbrach unseren Kuss, sah mich erstmal überrascht an und lachte dann los, bis er schliesslich sanft über meinen Bauch strich.

„Da ist wohl einer der Meinung dass du doch noch nicht wirklich genug gegessen hast.“, meinte er noch immer breit grinsend. Ich wandte verlegen meinen Blick ab.

Daraufhin kletterte Kenny von mir runter, murmelte ein „Warte mal kurz…“ und wuselte aus dem Wohnzimmer, wobei ich ihm leicht verwirrt nachguckte. Ich hörte ihn in der Küche hantieren, und gleich darauf kam er auch schon wieder mit einer kleinen Schüssel in der Hand zurück. Damit kniete er sich grinsend wieder über mich und meinte nur: „Mund auf!“ Noch immer etwas irritiert folgte ich der Anweisung.

„Und jetzt Augen zu.“ Ich gehorchte, und gleich darauf fühlte ich etwas kühles an meinen Lippen, woraufhin sich der Geschmack von Schokopudding in meinem Mund breit machte. Ich fing an zu grinsen, öffnete die Augen und sperrte artig erneut den Mund auf, als ich Kenny sah. Dessen Grinsen wurde breiter, und natürlich folgte er meiner stummen Forderung. So ging das Spielchen weiter, viel zu schnell war die Schüssel leer, wir hatten einiges zu lachen und ein Teil des Inhalts war natürlich auch auf meinem T-Shirt gelandet. Kenny starrte auf die braunen Flecke und grinste dann.

„Das nächste Mal zieh ich dich wohl vor solchen Aktionen besser aus.“, meinte er.

„Darfst du auch jetzt noch…“, meinte ich nur und legte meine Hand in seinen Nacken, um ihn in einen Kuss zu ziehen.

Natürlich liess er sich das nicht zweimal sagen, und ich spürte, wie sich seine Hände langsam unter mein Shirt schlichen, während unser Kuss immer leidenschaftlicher wurde. Schon kurz darauf war ich mein Oberteil los, bald darauf auch meine Hose, und auch Kenny hatte schlussendlich nichts mehr an ausser seinen Boxershorts. Und auch diese waren schlussendlich recht schnell verschwunden, ebenso meine… Wir kamen uns so nahe wie schon lange nicht mehr, und irgendwie fühlte es sich einfach ganz anders an als zuvor; keine Angst, erwischt zu werden, kein Gefühl dass es irgendwie falsch war, was wir taten… Es war einfach nur perfekt. Noch lange lagen wir eng aneinander gekuschelt da, genossen einfach nur die Nähe zum jeweils anderen.

Irgendwann meldete sich dann diesmal Kennys Magen zu Wort, und so machten wir uns über die Reste des Mittagessens her. Zum ersten Mal seit langem hatte ich wieder so richtig Apetit, war jedoch dennoch vorsichtig, nicht dass mein Magen wieder rebellieren würde wie damals nach dem Springen…

Danach kuschelten wir uns wieder aufs Sofa und Kenny schaltete den Fernseher ein, doch ich bekam nicht wirklich mit, was lief, sondern hatte mein Gesicht in Kennys Halsbeuge vergraben und genoss seine Hände, welche sanft über meinen Rücken strichen. Irgendwann döste ich weg und wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis ich wieder aufwachte. Ich sah kurz zu Kenny, welcher gegen das Einschlafen ankämpfte und mich nur müde anlächelte.

„Bett?“, murmelte ich nur und richtete mich auf. Von Kenny kam nur ein zustimmendes Brummeln, woraufhin ich aufstand und seine Hand nahm. Ich zog ihn hoch, und wir schlurften in sein Schlafzimmer. Ich liess mich aufs Bett fallen und zog ihn dann zu mir. Sofort kuschelten wir uns wieder aneinander und schafften es gerade noch, irgendwie die Decke über uns zu wursteln, bevor wir einschliefen.

Als ich am nächsten Morgen langsam wach wurde, war das erste, was mir bewusst wurde, die Tatsache, dass ich mich einfach gerade nur absolut sicher und geborgen fühlte, eigentlich so gut wie noch nie. Mein Kopf ruhte auf Kennys Brust, welche sich langsam und regelmässig hob und senkte. Kurz richtete ich mich ein Stück auf, um ihn anzusehen. Er schlief noch immer, doch auch er wirkte absolut zufrieden und hatte ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Ich legte mich neben ihn, mein einer Arm über seinen Oberkörper gelegt, und stützte mit dem anderen meinen Kopf auf, um ihn noch ein wenig beim schlafen beobachten zu können. Dabei kam mir der Gedanke, dass ich am liebsten jeden Morgen in seinen Armen aufwachen würde; wer weiss, vielleicht würde das ja nun möglich sein… Eine leichte Berührung an meiner Wange holte mich wieder aus meinen Gedanken, und ich stellte fest, dass Kenny mittlerweile ebenfalls wach war.

„Hey! Na, gut geschlafen?“, murmelte er noch ziemlich verpennt und strich mir durch die Haare.

„So gut wie schon lange nicht mehr.“, antwortete ich nur lächelnd, bevor ich meinen Kopf erneut auf seine Brust sinken liess.

Epilog; Kennys Sicht:

 Ich liess mich neben Tom in den freien Stuhl im Wartebereich des Flughafens fallen und griff nach seiner Hand.

„Ist dir kalt?“, fragte ich und sah ihn leicht besorgt an. Tom hatte die Augen geschlossen,seine Beine an den Körper und seine Jacke über sich gezogen. Auch seine Hand fühlte sich ziemlich kalt an. Doch er brummte nur kurz, öffnete seine Augen ein winziges Stück und liess dann seinen Kopf gegen meine Schulter sinken. Ich legte meinen Arm um ihn.

„Nur müde…“, murmelte er, und ein leichtes Grinsen legte sich auf seine Lippen, „Immerhin haben wir letzte Nacht ja nicht sonderlich viel Schlaf abbekommen.“ Nun musste auch ich grinsen, und Tom kuschelte sich noch etwas näher an mich heran, sofern es die doofe Armlehne zwischen uns zuliess, und seine Hände schlichen sich unter mein T-Shirt. Ich lehnte meinen Kopf vorsichtig gegen Toms und schloss meine Augen ebenfalls für einen Moment.

„Boah, ey, könnt ihr nicht wenigstens in der Öffentlichkeit mal eure Finger voneinander lassen?“

Ich öffnete widerwillig ein Auge und sah einen breit grinsenden Villi vor uns stehen.

„Ähm, nein?“, murmelte Tom neben mir nur und schloss seine Augen wieder.

„Naja, ich freu mich ja für euch und hab auch kein Problem damit, aber vielleicht sollte es ja trotzdem nicht gleich die ganze Welt mitkriegen, dass ihr zusammen seid…“, meinte Villi nur und zuckte dann mit den Schultern.

„Aber naja, ich hol mir dann mal nen Kaffee.“, meinte er nur, und beim Wort Kaffee meldete sich wie auf Kommando mein Magen. Fürs Frühstück hatte es heute früh mal wieder nicht mehr gereicht…

„Warte, ich komme mit!“, meinte ich nur, was mir einen leicht empörten Blick von Tom einbrachte, und stand dann auf, woraufhin ich kurz zu ihm sah. „Willst du auch was?“

Und obwohl Tom den Kopf schüttelte, beschloss ich, ihm trotzdem was mitzubringen. Zwar hatten wir die Sache mit dem Essen wieder mehr oder weniger im Griff, aber in gewissen Situationen musste er immer noch dazu überredet werden…

Mit wenigen Schritten hatte ich Villi eingeholt, der mich kurz angrinste.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals sagen würde, aber irgendwie… ihr seit echt süss zusammen!“ Ich antwortete nicht, grinste nur weiterhin vor mich hin.

„Als wir kurz darauf zurückkamen, war der Sitz, auf dem Tom zuvor gesessen hatte, leer. Ich liess mich wieder auf meinen Sitz von vorher fallen und stellte die beiden Kaffeebecher auf den leeren Stuhl, während ich mir mein Brötchen aus der Tüte angelte und dieses zu essen begann. Kurz darauf liess sich Mika auf Toms vorherigen Stuhl sinken und begann, mir irgendwas über das letzte Training zu erklären. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, denn in meinen Augenwinkeln sah ich, das Tom gerade wieder in unsere Richtung unterwegs war, und war gespannt, was nun passieren würde.

Tom blieb für einen Moment unschlüssig vor uns stehen, wobei Mika ihn noch nicht mal bemerkt zu haben schien. Schliesslich begann er zu grinsen, trat näher und setzte sich einfach seitwärts auf meinen Schoss, schlang seinen Arm um mich und griff nach meinem Kaffee, den ich auf der Armlehne abgestellt hatte. Mika verstummte abrupt und starrte uns leicht verwirrt und entsetzt an.

„Eyy, du hast deinen eigenen. Auf dem Boden!“, beschwerte ich mich und nahm ihm den Becher wieder aus der Hand, bevor er daraus trinken konnte, „Und in der Tüte ist noch n Brötchen für dich.“

„Danke!“ Tom drückte mir grinsend einen Kuss auf die Wange, bevor er sich bückte und nach den besagten Gegenständen griff.

„Ähm, ja, also… wir reden später.“, stammelte Mika schliesslich vor sich hin, stand auf und schien es mit einem Mal ziemlich eilig zu haben von uns weg zu kommen. Tom und ich schauten uns nur kurz an und lachten dann los.

Nach einer Weile hatten wir uns wieder beruhigt, und Tom nahm erstmal einen Schluck von seinem Kaffee, bevor er sich wieder an mich lehnte.

„Daran muss er sich wohl noch gewöhnten.“, meinte er dann, und ich nickte nur zustimmend.

„Japs, muss er.“, meinte ich nur und vergrub mein Gesicht kurz in seiner Halsbeuge.

„Aber denkst du, Villi hat recht?“, kam es schliesslich leicht unsicher von Tom, „Ich meine, dass wir vorsichtiger sein sollen in der Öffentlichkeit und so…“ Ich schüttelte den Kopf.

„Nein. Von mir aus kann es gerne die ganze Welt erfahren, dass ich dich liebe. Ist doch scheissegal.“ Tom grinste.

„Stimmt, scheissegal.“, grinste er, während sich seine Hand in meinen Nacken legte und mich dort leicht kraulte. Ich seufzte nur leise, bevor sich unsere Lippen zu einem langen Kuss trafen.

HADH 5 (Tokio Hotel; Slash, 2008)

Untitled
Autor: Novy
Art der Story: Romanze, bisschen Drama ^^
Rating: PG 12-Slash
Hauptpersonen: Bill & Georg…
Warnungen: –
Disclaimer: Keine der vorkommenden Personen gehört mir. Die gesamte Story ist frei erfunden, und ich verdiene kein Geld damit.

Ein kühler Herbstwind wehte durch den Park, und Bill Kaulitz versuchte mit der linken Hand den Reißverschluss seiner Jacke noch etwas weiter hoch zu ziehen, während er in der rechten die Leine hielt, an der er von seinem Labradormischling Scotty durch die Schotterwege des Parks gezogen wurde. Es dämmerte bereits um ihn herum, doch in wenigen Minuten würde er sein Ziel erreichen; einen Teil des Parks, der extra für das freie Laufen lassen der Hunde vorgesehen war. Endlich kam das betreffende Schild in Sichtweite, und Bill brachte seinen Hund mit einem kurzen Ruck an der Leine zum Stehen. Freudig wedelte Scotty mit dem Schwanz, während Bill im Dunklen nach dem Karabiner der Leine tastete und Scotty frei liess.
„Los mein Junge, lauf schon!“, meinte er lächelnd, woraufhin der Mischling davon schoss.

Bills Lächeln verschwand zusehends, während er langsam auf eine Bank am Rande der Wiese zuging und sich mit einem Seufzen darauf niederließ. Ein leises Seufzen kam über seine Lippen, während er sich zurück lehnte und in den Sternenhimmel starrte. Eine Woche war es nun her, dass er und seine Freunde aus Spanien zurückgekommen waren, wo sie zehn Tage Strandurlaub verbracht hatten. Es hatte alles super begonnen, und er hatte es auch total Genossen, besonders auch die Nähe zu seinem Freund Georg, mit dem er erst kurz vor dem Urlaub zusammen gekommen war.

Doch dann kam der Tag, an dem er aufwachte und seinen Freund nicht neben sich vorfand. Im ersten Moment hatte er sich keine Gedanken darüber gemacht; vielleicht war Georg ja nur kurz im Bad oder auf dem Balkon. Lächelnd hatte er sich noch einmal ins Kissen zurück sinken lassen und an die Geschehnisse der letzten Nacht gedacht, in der Georg und er sich näher gekommen waren als jemals zuvor, wenn auch noch nicht aufs ganze gegangen waren. Nachdem er noch kurze Zeit gedöst hatte und noch immer kein Lebenszeichen von Georg zu erkennen gewesen war, quälte er sich aus dem Bett. Vielleicht hatte Georg auch nur Hunger bekommen und war bereits frühstücken gegangen, hatte Bill noch schlafen lassen wollen, denn nichts deutete darauf hin, dass sein Freund sich noch im Zimmer befand.

Also hatte er sich angezogen, sich zum ersten Mal in dieser Woche leicht geschminkt und war runter in den Speisesaal gegangen. Tatsächlich hatten sich sein Bruder Tom, Georg und ihr Kumpel Gustav bereits an ihren Stammtisch gesetzt und waren bei Brötchen und Kaffee dabei, rumzualbern und zu lachen. Überrascht hatte Bill die Stirn gerunzelt, als er feststellte, dass an seinem üblichen Platz neben Georg Tom saß und somit nur noch der Stuhl neben Gustav frei war. Schulter zuckend war er näher ran gegangen; immerhin waren Tom und Georg so was wie beste Freunde und es war verständlich, dass sich die beiden auch mal nebeneinander setzen wollten… Freundlich hatte er seine Kumpel begrüßt und sich neben Gustav fallen lassen, wobei ihm das erste Mal aufgefallen war, dass Georg seinen Blicken auswich. Diese Tatsache hatte ihn dann doch ein wenig verwirrt, und er hatte sich vorgenommen, Georg nach dem Frühstück darauf anzusprechen.

Doch auch dazu kam es nicht mehr, da Tom plötzlich unbedingt zum Strand und Georg ihn unbedingt begleiten wollte, natürlich wieder ohne Bill eines Blickes zu würdigen… „Ich dachte, wir wollen uns heute die Stadt ansehen.“, hatte Bill noch vor sich hin gemurmelt, und Gustav hatte nur mit den Schultern gezuckt. Schließlich war Gustav Tom und Georg an den Strand gefolgt, und Bill hatte sich alleine auf den Weg in die Stadt gemacht… Gemütlich war er durch die Stadt geschlendert, hatte sich Zeit gelassen, um sich alles anzusehen und ausgiebig zu shoppen, wobei sich seine Gedanken natürlich ständig um Georgs plötzliches abweisendes Verhalten gedreht hatten. Als er kurz vor acht wieder zurück ins Hotel gekommen war und in sein Zimmer kam, hatte anstelle seines Freundes Gustav auf Georgs Bett gesessen und ihm erklärt, dass Georg nun lieber bei Tom im Zimmer schlafen wollen würde. Tapfer hatte Bill nur genickt, hatte versucht, sich nichts von seiner Verletztheit anmerken zu lassen…

Den restlichen Urlaub war Georg ihm aus dem Weg gegangen, war nie ohne Tom angetroffen worden, welcher offensichtlich sogar ganz glücklich zu sein schien, dass sein bester Freund nicht mehr so oft mit seinem Zwilling abhing.
Nun waren die vier bereits drei Tage wieder zu Hause, und noch immer herrschte zwischen Bill und Georg Funkstille. Und da Georg offenbar nicht vorgesehen hatte, mit Bill zu reden, wieso er sich nun so seltsam verhielt, suchte Bill nach Ablenkung. Seine Mutter war aus dem Staunen nicht mehr raus gekommen, als Bill sich plötzlich freiwillig an erboten hatte, im Haushalt mitzuhelfen und sogar freiwillig mit Scotty spazieren ging, dessen Pflege in letzter Zeit immer mehr an ihr hängen geblieben war.

Bill zog seine Jacke etwas enger um sich, sah sich kurz auf der Wiese um, auf der Scotty gerade etwas am rumschnuppern war, und legte sich dann auf die Bank. Erneut seufzte er leise und starrte in den Nachthimmel. Was hatte er eigentlich falsch gemacht, dass sich Georg plötzlich überhaupt nicht mehr für ihn zu interessieren schien? Hatte er zu viel von ihm verlangt, war er zu aufdringlich geworden? Oder lag es schlussendlich gar nicht an ihm? Je mehr er darüber nachdachte, umso schwerer wurden seine Augenlider, und ohne, dass er es wirklich wollte oder bemerkte, fielen sie schließlich ganz zu.
Scotty hatte mittlerweile aufgehört zu schnüffeln und kam zurück zu seinem Herrchen, welches regungslos auf der Bank lag und leise vor sich hin schnarchte. Nachdem er einige Sekunden erwartungsvoll vor der Bank gesessen und gewartet hatte, wurde es ihm schließlich langweilig, und er machte sich selbstständig auf den Weg nach Hause.

~*~

Tom hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht. Chips essend verfolgte er gespannt den Krimi, der gerade im Fernsehen lief, als sein Blick zufällig auf die Wanduhr fiel und ihn die Stirn runzeln ließ. Bill war bereits vor über einer Stunde mit Scotty losgegangen und noch immer nicht zurück. Im selben Moment vernahm er ein leises Kratzen an der Tür und erhob sich noch immer leicht besorgt drein blickend. Er schlurfte zur Tür und öffnete sie, woraufhin ihm sein Labradormischling freudig entgegen sprang. Leicht lächelnd strich er Scotty über den Kopf und trat vor die Tür, um nach seinem Bruder Ausschau zu halten. Doch er konnte Bill nirgendwo entdecken. Ob ihm Scotty wohl abgehauen war und er ihn nun suchte? Tom ging ins Haus zurück und holte das Telefon, um auf Bills Handy anzurufen und ihm zu sagen, dass der Hund zu Hause war. Doch es meldete sich nur die Combox – entweder war der Akku leer oder das Gerät ausgeschaltet…

Einen Moment überlegte Tom, was er nun tun sollte, bevor er als erstes sein Handy holte und seinen beiden besten Freunden eine SMS schrieb, ob Bill möglicherweise bei ihnen wäre, auch wenn ihm diese Möglichkeit ziemlich unmöglich schien; schon alleine weil Scotty alleine nach Hause gekommen war… Nur kurze Zeit später kamen auch schon die Antworten; Bill war weder bei Georg noch bei Gustav, wie erwartet. Dennoch erklärten sich die beiden auf Nachfrage sofort bereit, Tom bei der Suche zu helfen. Er wurde den Gedanken nicht los, dass Bill irgendetwas zugestoßen sein könnte… Er machte sich auf die Suche nach einer Taschenlampe und sich daraufhin auf den Weg zum Eingang des Parks, wo er sich mit seinen beiden Freunden treffen wollte.

~*~

Nur kurz, nachdem Scotty verschwunden war, wurde Bill durch den Schrei eines Nachtvogels aus seinen Träumen gerissen. Erschrocken fuhr er hoch, hatte im ersten Moment keine Ahnung, wo er war. Doch langsam kam die Erinnerung zurück, und er schaute sich um, wo Scotty abgeblieben war. Doch er konnte diesen nirgendwo mehr entdecken. Er stand auf und schaute sich noch einmal um, rief den Namen des Hundes, doch nichts deutete darauf hin, dass dieser noch in der Nähe sein könnte. Was, wenn Scotty nun irgend einer Katze oder einem Eichhörnchen nachgerannt war, möglicherweise direkt vor oder in ein Auto? Besorgt ging Bill in die Richtung, in der er vermutete, dass Scotty gerannt war, dabei immer wieder dessen Namen rufend. Daran, das Scotty ganz einfach nach Hause gerannt sein könnte, dachte er keine Sekunde.

Schließlich hatte er das andere Ende des Parks erreicht und stand nur am Rand einer Nebenstraße, die den Park vom Wald abtrennte. Einen Moment lang zögerte Bill, bevor er der Straße ein Stück weit folgte und in den nächsten Waldweg abbog. Nun herrschte um ihn völlige Dunkelheit, und das Rascheln und Knacken im Gebüsch sorgte für eine ziemlich unheimliche Stimmung. Schließlich nahm Bill einige Meter von ihm entfernt im Wald eine Bewegung war. „Scotty?“, rief er leise, und erneut war das laute Rascheln zu hören. Bill verließ den Weg, um nachzuschauen, ob es sich bei dessen Verursacher wirklich um seinen Hund handelte. Dummerweise hatte er keine Taschenlampe oder sonst irgendwas, mit dem er für eine bessere Sicht hätte sorgen können, dabei. Erneut war das Rascheln zu hören.

„Scotty?“, rief Bill noch einmal in die Dunkelheit, woraufhin das Rascheln abrupt verstummte. Dann waren die Geräusche eines sich im Unterholz schnell entfernenden Tieres zu hören, welches sich jedoch kaum nach Hund anhörte. Also hatte sich Bill getäuscht, und nun musste er wieder irgendwie auf den Weg zurückkommen… Er ging in die Richtung, in der er ihn vermutete, als der Boden unter seinem linken Fuß unerwartet nachgab, er nach vorne fiel und mit einem Schmerzensschrei auf dem Boden aufkam. Bei dem Sturz hatte er sich ziemlich übel den Fuß verdreht. Aufstehversuche scheiterten; er konnte den verletzten Fuß nicht mehr belasten. Auf allen Vieren kroch er weiter in Richtung Weg, Dornen zerkratzten ihm Gesicht und Hände, zerrissen seine Hose, was ihm zusätzliche Schmerzen bescherte und ihm die Tränen in die Augen trieb.

Tatsächlich fühlte er nach ungefähr zehn Minuten wieder Kies unter seinen Händen; er hatte also einen Weg erreicht, auch wenn er sich nicht sicher war, ob es derselbe war, den er zuvor verlassen hatte. Erschöpft lehnte er sich an einen Baum am Wegrand. Ausgerechnet heute hatte er sein Handy liegen lassen, welches ihn ansonsten überall hin begleitete, für Notfälle wie diesen… Und die Chance, dass um diese Uhrzeit noch irgend ein Spaziergänger hier vorbeikommen würde, war vermutlich gleich Null… Er vergrub sein Gesicht in den von den Dornen brennenden Händen und schluchzte leise. Musste momentan denn alles schief gehen? Nicht nur, dass seine Beziehung zu Georg offensichtlich am Ende war, jetzt hatte er auch noch Toms Hund verloren und saß verletzt irgendwo im Wald…

Doch mit einem Mal horchte er auf – hatte er es sich gerade eingebildet, oder hatte er tatsächlich Stimmen gehört? Doch erneut rief eine Stimme etwas, was sich stark nach Bills Namen anhörte. In der Ferne war ein Licht zu erkennen, welches langsam näher kam.
„Ich bin hier.“, flüsterte Bill, war kaum noch in der Lage, lauter zu reden. Knirschende Schritte waren auf dem Kies zu hören, und das Licht einer Taschenlampe blendete ihn so stark, dass er sich die Hand vor Augen halten musste.
„Bill! Gott sei dank…“, war eine erleichterte Stimme zu hören, und ein Schauer durchfuhr Bill, als er erkannte, dass diese zu Georg gehörte. Dieser kniete sich zu ihm auf den Boden und schloss ihn erstmal in die Arme.

Erleichtert liess sich Bill in die starken Arme seines Freundes sinken, für einen Moment waren die Probleme mit diesem vergessen, und er war einfach nur froh, dass ihn jemand gefunden hatte. Georgs Hand strich durch seine Haare, in welchen sich durch die Aus-dem-Wald-kriech-Aktion einige Blätter und kleine Äste verfangen hatten, die sein Freund nun vorsichtig herauslöste.
„Was ist denn passiert, bist du verletzt?“, wollte Georg wissen. Bill nickte leicht.
„Bin umgeknickt, mein Fuss… Ich kann nicht mehr auftreten.“, erklärte er leise. Georg nickte und holte sein Handy aus der Hosentasche.
„Ich sag eben Tom bescheid, dass ich dich gefunden habe.“, erklärte er, „Scotty ist übrigens nach Hause gerannt.“

Bill atmete auf, nahm dann aber sanft Georgs Hand, in der er das Handy hielt, und sah ihn an.
„Ich… können wir noch kurz reden, bevor du ihn anrufst?“, fragte er leise. Georgs Gesicht wurde ernst, er senkte den Kopf.
„Okay…“, meinte er.
„Was war los? Wieso warst du plötzlich so Abweisend zu mir? Hab ich irgendwas falsch gemacht?“, sprudelte es aus Bill heraus. Georg atmete tief durch und schüttelte den Kopf. Er griff nach Bills Händen und streichelte diese leicht.
„Also erstens: Nein, du hast nichts falsch gemacht. Es lag auch nicht an dir. Es ist nur… ach, ich weiss auch nicht… Die ganze Situation hat mich irgendwie verwirrt… Irgendwie hatte ich plötzilch das Gefühl, dass es doch nicht sein kann, dass ich mich einfach so… in dich verliebt habe…“ Er sah auf.
„Es tut mir total Leid, dass ich so Scheisse zu dir war… Ich wollte dich nicht verletzen… Denn gerade heute ist mir wieder klar geworden… dass ich dich wirklich liebe…“ Selbst im schwachen Licht der Taschenlampe konnte Bill erkennen, wie ein leichter rosafarbener Hauch Georgs Gesicht überzog.

„Und was nun?“, wollte Bill leise wissen. Es beruhigte ihn zwar, zu wissen, dass Georg ihn noch immer liebte, aber es war ja trotzdem möglich, dass er nun keine Beziehung mehr mit ihm haben wollte… Georg zuckte mit den Schultern.
„Ich… willst du mich denn nach all dem überhaupt noch?“, fragte er unsicher und traute sich kaum, Bill anzuschauen. Dieser begann leicht zu lächeln und streckte seine Hand aus, um über Georgs Wange zu streicheln.
„Klar will ich dich noch! Ich glaube, ich habe noch nie jemanden so sehr geliebt wie dich, und es wäre doch schade, das einfach so wegzuschmeissen…“ Erleichtert hob Georg den Kopf und erwiderte Bills leichtes Lächeln. Er beugte sich zu ihm rüber und legte vorsichtig seine Lippen auf Bills. Für beide war es, als würde ein kleines Feuerwerk in ihnen explodieren, als sich ihre Lippen nach fast einer Woche endlich wieder trafen.

Als sie sich nach einer Ewigkeit wieder voneinander lösten, griff Georg nach seinem Handy und suchte Toms Nummer.
„Tom? Ich habe ihn gefunden. – Naja, er hat sich den Fuss verdreht, ist umgeknickt. – Ja, wir kommen zurück zum Park. Bis später.“, sagte er in das Telefon und legte dann auf. Dann wandte er sich an Bill.
„Denkst du, du schaffst es, mit meiner Hilfe auf die Beine zu kommen und dann auf meinen Rücken zu klettern?“, wollte er wissen, und Bill nickte sofort. Also half Georg ihm kurz auf die Beine, und während Bill sich an einem Baum festhielt, drehte er sich um und ging in die Knie, damit sich Bill über seinen Rücken lehnen und sich an ihm festhalten konnte. Vorsichtig umfasste Georg Bills Beine, und lschweigend gingen sie den Waldweg entlang und zurück in den Park.

Erleichtert atmete Tom auf, als er Georg mit seinem Bruder auf dem Rücken auf sich zukommen sah, und ging den Beiden entgegen. Gustav folgte ihm mit einigem Abstand. Georg ging leicht in die Knie, damit Bill, dessen Fuss inzwischen schon nicht mehr so schlimm schmerzte, von seinem Rücken rutschen konnte. Bill stellte sich vor seinen Bruder und umarmte diesen erstmal.
„Mann, ich bin froh dass wir dich gefunden haben… Was war denn los? Ist Scotty dir abgehauen oder was?“, wollte er wissen. Bill nickte nur.
„Ich hab ihn laufen lassen und mich auf ne Bank gesetzt um nachzudenken, bin dann eingepennt und als ich wieder aufgewacht bin, war er weg… Und als ich ihn gesucht hab bin ich dann umgeknickt…“, erzählte Bill, und die anderen nickten verständnisvoll.

Bill schlang seine Arme um seinen Körper, langsam begann er zu frieren, was er zuvor im Wald vor lauter Panik kaum bemerkt hatte.
„Wir sollten nach Hause gehen…“, meinte Tom nur, und die anderen nickten. Georg sah fragend zu Bill.
„Denkst du, du kannst wieder alleine gehen?“, wollte er wissen. Bill nickte.
„Ist nicht mehr so schlimm.“, meinte er und ging demonstrativ, wenn auch noch etwas hinkend, vor seinen Freunden auf und ab.
„OK, dann los!“, meinte Tom, die Erleichterung war ihn noch immer anzuhören. Es schien ihn nicht mal mehr zu stören, dass Georg neben Bill ging und seinen Arm um dessen Schulter gelegt hatte.

Unterwegs verabschiedete sich Gustav von den restlichen dreien um nach Hause zu fahren. Georg begleitete die Zwillinge noch nach Hause. Scotty kam den dreien freudig entgegengehüpft.
„Na, du kleiner Ausreisser?“, begrüsste Bill den Hund tadelnd, aber leicht lächelnd. Der Labradormix zog den Schwanz ein und schaute ihn unsicher an. Lachend ging Bill in die Knie und strich ihm über den Kopf. Der Mischling leckte ihm über die Wange, und ein leichtes Brennen machte ihn wieder auf die Kratzer aufmerksam. Er stand auf und schaute an sich herunter. Seine Hose war teilweise zerrissen, und einige Blutflecken waren zu erkennen. Auch seine Hände waren mit Kratzern und Schnitten übersäht. Er fuhr sich durch die Haare und bemerkte, dass sich darin jede Menge kleine Ästchen und Blätter verfangen hatten.

Auch Tom und Georg erkannten nun erst im Licht der Lampe, wie mitgenommen und lädiert Bill aussah.
„Setz dich mal aufs Sofa und zieh die Hose aus, ich hol eben Verbandszeug. Nicht das du dir noch ne Blutvergiftung holst.“, meinte Tom und rannte die Treppe hinauf. Georg geleitete seinen Freund ins Wohnzimmer. Bill liess sich auf das Sofa sinken und lehnte sich erleichtert zurück. Georg ging vor ihm in die Knie und half ihm, die zerrissene Jeans loszuwerden, woraufhin er sich neben ihn setzte. Kurz darauf kam auch schon Tom mit dem Verbandskasten in der Hand zurück. Beim Anblick von Bills zerkratzten und Blutverschmierten Beinen runzelte er die Stirn.
„Sieht ja heftig aus!“, murmelte er und holte einige desinfizierenden Tücher aus dem Verbandskasten. Vorsichtig begann er, damit Bills Beine abzuwischen, während Georg dasselbe mit Bills Gesicht machte.

Anschliessend begannen die beiden, zusätzlich eine Wundsalbe auf die Wunden aufzutragen.
„Soo, fertig.“, meinte Tom schliesslich nach einiger Zeit und schraubte den Deckel auf die Tube. Er packte die Verbandssachen wieder in die Kiste zurück. dann stand er auf, um die Kiste wieder nach oben zu bringen. Georg hatte unterdessen begonnen, die Ästchen und Blätter aus Bills Haaren zu klauben. Bill gähnte.
„Müde?“, wollte Georg wissen und zog Bill etwas näher an sich. Dieser nickte und kuschelte sich an Georgs Brust.
„Bleibst du heute Nacht bei mir?“, wollte er wissen. Georg nickte und strich durch Bills Haare.
„Muss nur noch eben meiner Mum bescheid sagen.“, meinte er und holte sein Handy aus der Hosentasche. Bill nickte und schloss die Augen, während Georg eine SMS tippte.

„Ist OK, ich kann hier bleiben.“, holte ihn Georgs Stimme nach einer Weile aus dem Halbschlaf, „wollen wir nach oben?“ Bill gähnte, nickte und stand dann auf. Die beiden stiegen die Treppe hoch und gingen in Bills Zimmer. Bill zog sich sein Shirt über den Kopf, warf es in irgend eine Ecke und liess sich aufs Bett fallen, ein erleichtertes, aber müdes Lächeln auf den Lippen. Georg schälte sich ebenfalls bis auf die Boxershorts aus seinen Klamotten, setzte sich dann auf den Bettrand und strich über Bills Rücken. Dieser drehte sich auf den Rücken und kuschelte sich an seinen Freund.

„Ich bin froh, dass das zwischen uns wieder OK ist…“, murmelte er, und Georg nickte.
„Ich auch, Kleiner, ich auch…“, antwortete er ebenso leise. Leise seufzend schloss Bill seine Augen, und Georg griff nach der Decke, um sie über sich und Bill auszubreiten. Er drückte Bill, welcher bereits eingschlafen war, einen kleinen Kuss auf die Stirn, bevor er sich ebenfalls ins Kissen kuschelte und ebenfalls einschlief.
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HADH 3 – Krank (Tokio Hotel, Slash, 2008)

Krank

 

Autor: Novy

Art der Story:

Rating: PG 12-Slash

Hauptpersonen: Bill & Georg 

Warnungen:

Disclaimer: Keine der vorkommenden Personen gehört mir. Die gesamte Story ist frei erfunden, und ich verdiene kein Geld damit.

„Bill?“

Vorsichtig öffnete Tom die Tür und trat ins Zimmer seines Bruders. Ob Bill wohl vergessen hatte, daß in knapp einer halben Stunde Gustav und Georg vor der Tür stehen würden, um den bevorstehenden Urlaub zu planen? Tom tastete nach dem Lichtschalter neben der Tür und machte dann einige Schritte auf das Bett seines Bruders zu. Von Bill war nur ein Büschel schwarzer Haare zu erkennen, alles andere wurde von der Bettdecke verdeckt.

„Hey Bill, aufstehen! Gusti und Georg kommen gleich!“ Von Bill jedoch war nur ein leises Murmeln zu hören. Tom runzelte die Stirn und ging etwas näher, zog vorsichtig die Decke von Bills Kopf.

Sofort kniff Bill die Augen zusammen, geblendet vom hellen Licht der Lampe, bevor er Tom mit gequältem Gesichtsausdruck anschaute. Seine Augen glänzten fiebrig, und er war noch bleicher als sonst, zudem zitterte er leicht.

„Hey, was ist denn mit dir?“, fragte Tom besorgt.

„Halsschmerzen.“, kam es heiser und kaum hörbar von Bill, und nun kullerten einige Tränen über seine Wangen. Tom strich über Bills Stirn.

„Ich glaub du hast Fieber.“, stellte er besorgt fest, „Am besten du bleibst erstmal liegen, OK?“ Bill nickte und zog sich wieder die Decke über den Kopf, während Tom wieder aus dem Zimmer ging und einige Minuten später mit einer Tasse dampfendem Tee zurückkam.

Er stellte die Tasse auf Bills Nachttisch und setzte sich dann wieder neben seinen Bruder.

„Ich hab dir Tee gemacht.“, erklärte er und stand dann wieder auf, um zum Fenster zu gehen. Er öffnete die Rolläden und riß eines der Fenster auf, damit etwas frische Luft ins Zimmer kam.

„Mach zu. Es ist saukalt.“, kam es weinerlich von Bill, und er verkroch sich noch tiefer unter seiner Decke.

„Ja, gleich.“, meinte Tom und setzte sich wieder zu Bill ans Bett, „Brauchst du noch irgendwas?“ Bill schüttelte den Kopf, und Tom stand wieder auf.

„OK. Ruf mich einfach, wenn was ist. Ich bin unten.“ Bill nickte und zog sich die Decke wieder über den Kopf.

Zehn Minuten später standen schließlich Gustav und Georg vor der Tür, und sie machten es sich im Wohnzimmer bequem.

„Wo bleibt denn Bill?“, wollte Georg schließlich wissen, als Tom mit einem Tablett mit Keksen und Cola aus der Küche zurückkam.

„Er ist krank.“, erklärte Tom, seine Stimme klang leicht besorgt, „Hat Fieber und Halsschmerzen. Er liegt oben und schläft.“ Georg runzelte die Stirn und griff schließlich nach einem Glas mit Cola, während Tom einen Stapel Reiseprospekte auf den Tisch legte.

„Was habt ihr euch eigentlich so vorgestellt, wo wir hin könnten?“, wollte Tom wissen, nachdem sich jeder einen Reisekatalog geschnappt hatte und diesen mehr oder weniger interessiert durchblätterte.

„Irgendwo ans Meer.“, meinte Gustav, „Aber wenn möglich nicht allzu weit weg, Spanien wäre toll.“ Tom nickte.

„Jap, da kann man auch so richtig schön Party machen.“, meinte er und grinste. Dann fiel sein Blick auf Georg, welcher scheinbar in Gedanken versunken auf dem Sofa saß uns ins leere starrte.

„Georg, alles OK?“, wollte er wissen. Dieser hob den Kopf, nickte und legte seinen Katalog zur Seite.

„Klar, alles in Ordnung.“, meinte er und stand auf, „Ich schau mal eben nach wie es Bill geht.“ Er ging aus dem Wohnzimmer, und gleich darauf waren seine Schritte auf der Treppe zu hören.

Tom sah seinem Kumpel mit gerunzelter Stirn hinterher, wandte sich dann aber wieder Gustav zu.

„OK, Spanien also. Dann laß uns mal ein geeignetes Hotel suchen.“, meinte er. Gustav nickte, sie schnappten sich beide einen Katalog und begannen zu suchen.

Georg öffnete vorsichtig Bills Zimmertür und blieb einen Augenblick stehen. Im Zimmer herrschte Stille. So leise wie möglich schloß er die Tür hinter sich und trat einige Schritte auf Bills Bett zu, wo er erneut stehen blieb und lauschte. Er konnte ein leises Husten vernehmen und vermutete deshalb, daß Bill wach war.

„Bill?“, fragte er leise und trat etwas näher ans Bett.  Er bemerkte, wie sich unter der Bettdecke etwas bewegte, und gleich darauf erschien Bills Kopf. Seine Haare waren total verwuschelt, und seine Augen glänzten noch immer fiebrig. Er hustete noch einmal leise und versuchte dann, zu lächeln, was allerdings nicht so wirklich gelingen wollte.

„Hey!“, brachte er leise über die Lippen und wurde von einem erneuten Hustenanfall geschüttelt. Georg runzelte die Stirn und setzte sich zu seinem Kumpel ans Bett.

„Dich hats ja ziemlich übel erwischt.“, stellte er fest und musterte Bill besorgt. Dieser nickte und schlang seine Arme um sich, da er wieder leicht zu zittern angefangen hatte.

„Ist dir kalt?“, wollte Georg wissen und strich kurz über Bills Haare, welcher nickte und sich tiefer unter seiner Bettdecke verkroch.

„Irgendwo in meinem Schrank wär ne Wärmflasche.“, meinte er leise und zog seine Decke enger um sich. Georg nickte, stand auf und ging zu Bills Schrank. Tatsächlich fand er zwischen Bills nicht gerade wenigen Klamotten eine rosafarbene, herzförmige Wärmflasche und machte sich damit auf den Weg ins Bad, um sie mit heißem Wasser zu füllen.

Einige Minuten später kam Georg zurück und gab Bill die Wärmflasche, welche dieser sofort an sich zog.

„Danke!“, murmelte er.

„Kein Thema. Brauchst du sonst noch irgendwas?“, wollte Georg wissen. Bill nickte zaghaft und deutete auf die inzwischen leere Teetasse auf seinem Nachttisch.

„Kannst du mir… Pfefferminztee machen?“, fragte er leise und wurde erneut von einem Hustenanfall geschüttelt, woraufhin ihm einige Tränen über die Wangen liefen. Georg nickte, strich Bill die Tränen aus dem Gesicht und machte sich dann mit der leeren Tasse auf den Weg nach unten in die Küche. 

„Mir ist immer noch kalt!“, beklagte sich Bill leise, als Georg kurz darauf mit einer dampfenden Tasse Tee zurückkam. Dieser stellte die Tasse auf dem Nachttisch ab und setzte sich wieder zu Bill ans Bett und strich vorsichtig über dessen Wange.

„Habt ihr noch irgendwo Decken?“, fragte er schließlich. Bill zuckte mit den Schultern.

Georg überlegte einen Moment, grinste leicht und schlüpfte schließlich aus seinen Sneakers.

„Wie wärs mit etwas menschlicher Wärme?“, schlug er vor und grinste Bill frech an. Dieser riß erstmal überrascht die Augen auf, wurde dann knallrot und nickte mit gesenktem Blick. Lächelnd schlug Georg Bills Bettdecke ein Stück zurück, legte sich neben Bill und zog schließlich die Decke wieder über sie beide. 

Bill verkrampfte sich im ersten Moment völlig, erst recht, als Georg schließlich seine Arme um ihn legte und sanft über seinen Rücken streichelte. Aber allmählich begann er sich zu entspannen. Er seufzte leise, schloß seine Augen und rutschte etwas näher zu seiner „menschlichen Wärmflasche“. Georg grinste leicht und strich weiterhin über Bills Rücken, dessen Atem sich mehr und mehr beruhigte. Als er schließlich glaubte, daß Bill eingeschlafen war, beugte er sich leicht vor und küßte vorsichtig Bills Stirn.

„Wenn du nur wüßtest, wie viel du mir bedeutest…“, murmelte er und strich eine Haarsträhne aus Bills Gesicht, „Aber vermutlich würdest du mich hassen, wenn ich es dir sagen würde…“

Doch gegen Georgs Erwartung war Bill noch immer wach und hatte jedes einzelne Wort Georgs verstanden. Sein Herz begann wie wild zu klopfen, und er öffnete langsam seine Augen.

„Ich glaube, ich könnte dich nicht hassen.“, sagte er leise. Georg riß seine Augen auf und rutschte ein Stück von Bill weg. Er wollte irgend eine Ausrede murmeln, wurde aber von Bills Zeigefinger, der sich auf seine Lippen legte, davon abgehalten.

„Dafür liebe ich dich viel zu sehr.“, flüsterte Bill lächelnd und näherte sich mit seinem Gesicht langsam Georg, auf dessen Gesicht sich ein Lächeln gebildet hatte.

„Wirklich?“, kam es ungläubig von ihm. Bill nickte nur lächelnd und verschloß Georgs Lippen mit seinen.

Erst zögerlich, dann aber immer sicherer erwiderte Georg den Kuß. Er spürte ein unbeschreibliches Glücksgefühl in sich und fühlte, daß es Bill genauso ging. Nach einer Weile lösten sie einen Kuß, da Bill fühlte, daß gleich ein neuer Hustenanfall folgen würde und sein Gesicht im Kissen vergrub. Georg klopfte ihm vorsichtig auf den Rücken. Endlich beruhigte sich Bill wieder und kuschelte sich an seinen Freund.

„Vielleicht solltest du dich wirklich noch ein wenig ausruhen.“, meinte Georg besorgt und zog Bill vorsichtig in seine Arme. Dieser nickte und vergrub sein Gesicht in Georgs Shirt.

„Bleibst du hier?“, wollte er wissen.

„Klar!“, antwortete Georg lächelnd und küßte Bill kurz auf die Stirn, bevor er sich ebenfalls wieder hinlegte.

Tom und Gustav hatten sich unterdessen durch die letzten Ferienkataloge gekämpft und saßen nun Cola trinkend und Kekse essend auf dem Sofa.

„Wo Georg wohl bleibt? Er wollte doch nur eben nach Bill sehen, und jetzt ist er schon über ne halbe Stunde weg.“, meinte Tom und sah Gustav fragend an. Dieser grinste nur.

„Ich kann mir vorstellen, daß das noch ne Weile dauern könnte bis der wieder hier unten auftaucht.“, meinte er.

„Wieso denn das?“, wollte Tom wissen und rutschte ans vorderste Ende des Sofas.

„Ist dir nicht aufgefallen, wie sich Bill und Georg in letzter Zeit immer angeschaut haben?“, meinte Gustav.

Tom riß seine Augen auf.

„Du meinst wirklich, die beiden…“, brachte er gerade noch hervor und schüttelte ungläubig den Kopf. Gustav zuckte mit den Schultern.

„Möglich wärs ja…“ Tom sprang auf.

„Komm, laß uns nachsehen! Ich kann mir das irgendwie überhaupt nicht vorstellen.“, meinte er. Gustav nickte, und so gingen die beiden die Treppe hinauf und blieben vor Bills Tür stehen. Tom drückte sein Ohr gegen die Tür.

„Alles still.“, stellte er fest und drückte vorsichtig die Türfalle hinunter.

Mit einem leisen Quietschen schwang die Tür auf, und die beiden schlichen sich in Bills Zimmer.

„Du hattest Recht!“, stellte Tom fest, als er Bill und Georg, eng aneinander gekuschelt und beide tief schlafend in Bills Bett liegen sah.

„Wusst ichs doch!“, kam es triumphierend von Gustav.

„Und was jetzt?“, kam es verwirrt von Tom, noch immer hatte er nicht so richtig realisiert, was er gerade gesehen hatte.

„Na ja, ich denke, daß wir unseren Urlaub nun alleine planen müssen!“, kam es grinsend von Gustav, und er schob Tom wieder aus dem Zimmer.   

Hör auf dein Herz – der DVD-Abend (Teil 1; Tokio Hotel, Slash, 2007)

Der DVD-Abend

Autor: Novy

Art der Story: angedeuteter Slash, *grübl* Angst 😉

Rating: PG…6?

Warnungen:

Disclaimer: Keine der vorkommenden Personen gehört mir, ebenfalls nicht die Horrorfilme. Die gesamte Story ist frei erfunden, und ich verdiene kein Geld damit.

„Bill?“, hallte die Stimme von Tom Kaulitz durch das Haus. Mit einem Stapel DVDs- hauptsächlich Horrorfilme, stand er unten an der Treppe und sah nach oben.

„Was?“, ertönte die Stimme seines Zwillings von oben.

„Hast du irgend ne Ahnung, wem wir Nightmare on Elm Street ausgeliehen haben?“, rief Tom. Sein Bruder erschien oben an der Treppe. Er hatte die Stirn gerunzelt und schien ernsthaft zu überlegen.

„Keine Ahnung… Kann es sein, dass Andi den noch hat?“ Tom überlegte ebenfalls.

„Jep, schon möglich. Ich werd ihn mal anrufen und fragen.“ Und schon war er durch die nächste Tür, welche ins Wohnzimmer führte, verschwunden.

„OK.“, meinte Bill und ging wieder zurück ins Bad, um sich seine Haare zu glätten. Er war erst vor wenigen Minuten aus der Dusche gestiegen, hatte sich abgetrocknet, angezogen und sich die Haare geföhnt. Inzwischen war das Glätteeisen genügend aufgeheizt, und Bill war gerade dabei, seine schwarzen Haare Strähne für Strähne durch das Eisen zu ziehen, als Toms erneut seinen Namen rief. Bill wollte das Eisen schon wieder weglegen, als er Schritte auf der Treppe hörte und gleich darauf sein Bruder in der Badezimmertür erschien.

„Du hattest recht.“, erklärte dieser leicht ausser Atem, „Andi hat ihn wirklich noch. Ich schau eben bei ihm vorbei und hol ihn.“ „Okay.“, meinte Bill und glättete sich eine weitere Haarsträhne, „Dann kannst du ja unterwegs noch etwas Knabberzeug holen.“

Tom nickte, und kurz darauf konnte Bill hören, wie sein Bruder die Treppe wieder hinunter rannte. Er glättete seine restlichen Haare und nahm daraufhin den Kajal von der Ablage und umrandete damit seine Augen. Dann nahm er eine Dose mit Haarwachs, öffnete diese und begann, seine Haare zu stylen. Nachdem er noch eine halbe Dose Haarspray über seiner „Frisur“ versprüht hatte, war er mit dem Ergebnis zufrieden. Zwar sah er dann aus „wie wenn du in eine Steckdose gefasst hättest“, wie seine Mutter einmal gesagt hatte, doch Bill gefielen seine Haare so. Er und Tom hatten an diesem Abend zwei Freunde, Gustav und Georg, zu einer Horrorfilmnacht eingeladen.

Die vier kannten sich schon ewig. Bereits als kleine Jungs hatten sie bereits miteinander gespielt und waren durch die Strassen ihres Dorfes getollt. Dass Gustav ein und Georg sogar zwei Jahre älter war als die inzwischen 16-jährigen Zwillinge, störte keinen der Vier. Sie vertrauten einander nahezu blind. Dennoch war es in letzter Zeit oft so gewesen, dass jeweils Georg und Gustav und die Twins alleine etwas unternommen hatten. Das hatte zwar nichts an der Freundschaft zwischen den Vieren geändert, doch nun hatten Bill und Tom beschlossen, mal wieder etwas mit ihren beiden Freunden zu unternehmen, und deshalb den DVD-Abend organisiert.

Nachdem sich Bill fertig gestylt hatte, warf er einen Blick auf die Uhr. Es war kurz nach sechs- hatte er wirklich so lange gebraucht, um sich zu stylen? Gerade hörte er, wie unten die Haustür ins Schloss fiel- vermutlich war Tom zurückgekommen. In ungefähr einer halben Stunde würden Gustav und Georg auftauchen. So machte er sich auf den Weg nach Unten, wo Tom gerade dabei war, Chips und anderes Knabberzeug in kleine Schälchen abzufüllen. Er drehte seinen Kopf zu Bill, als dieser zur Tür rein kam.

„Kannst du schon mal Cola und so hoch holen und ins Wohnzimmer bringen?“, bat er seinen Bruder. Dieser nickte und machte sich auf den Weg in den Keller.

Bill stieg die hölzerne Kellertreppe hinunter, welche unter seinen Schritten ziemlich stark knarrte. Er trat durch den Raum, in dem er und Tom Matratzen ausgelegt hatten, um nach dem Horrorfilme schauen hier unten zu übernachten, und öffnete dann die nächste Tür, hinter der sich ein kleines Vorratslager befand. Er nahm ein Sechserpack Cola und machte sich damit wieder auf den Weg nach oben. Tom sass im Wohnzimmer vor dem DVD-Player auf dem Boden und sortierte seine Filme. Die Schälchen mit dem Knabberzeug hatte er auf den kleinen Tisch vor den Sofas gestellt.

„Wie spät ist es?“, wollte Bill wissen. Tom warf einen Blick auf die Leuchtanzeige am DVD-Player.

„Kurz nach halb sieben- sie werden bestimmt jeden Moment hier sein.“, meinte er und widmete sich weiterhin seinen DVDs.

Bill nickte und setzte sich aufs Sofa, als es tatsächlich auch schon an der Haustür klingelte. Bill und Tom warfen sich einen kurzen Blick zu, sprangen auf und rannten zur Tür, um ihre besten Freunde zu begrüssen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht öffnete Tom die Tür, und gleich darauf traten Gustav und Georg ins Haus. Die beiden begrüssten die Zwillinge freundlich und machten sich dann auf den Weg ins Wohnzimmer, um den ersten Film auszuwählen.

„Ich hab auch noch einige Filme mitgebracht.“, erklärte Georg und gab Tom, eine Tüte mit DVDs, welche dieser grinsend zu seiner Sammlung legte.

Er kniete sich erneut vor de DVD-Player, packte Georgs Tüte aus und wählte sich zwei Filme aus, welche er unbedingt anschauen wollte.

„Ist es OK, wenn wir mit The Ring anfangen? Zum aufwärmen sozusagen.“, schlug er vor und hielt die entsprechende DVD hoch. Die drei anderen nickten, und so legte Tom den Film ein und pflanzte sich zu Gustav und Georg aufs Sofa. Bill hatte es sich in einem Sessel bequem gemacht und schaute nun gespannt auf den Bildschirm. Zwar hatten die vier den Film schon mehrmals gesehen, aber so zum anfangen war er einfach immer wieder gut.

Knapp 1 ½ Stunden später, die Colaflaschen und Schälchen mit den Knabberzeug wurden langsam leerer und leerer, war The Ring zu Ende.

„Und was jetzt?“, fragte Tom.

„Nightmare?“, schlug Bill vor; einer seiner Lieblingsfilme. Tom zuckte mit den Schultern und sah zu den beiden G’s.

„Irgendwer nen anderen Vorschlag?“, wollte er wissen. Gustav und Georg schüttelten den Kopf. Bill warf einen kurzen Blick zu Georg, welcher ihm zulächelte. Bill runzelte kurz die Stirn- wieso war ihm bisher nie aufgefallen, was Georg für ein warmes Lächeln hatte?

Tom legte den nächsten Film ein, und während dieser lief, ertappte sich Bill dabei, wie er immer wieder zu Georg sah und diesen beobachtete. Glücklicherweise schien Georg davon nichts mitzukriegen, zu sehr war er auf den Fernseher konzentriert. Nur ab und zu drehte er seinen Kopf kurz in Bills Richtung, woraufhin Bill schnell auf den Bildschirm starrte, damit Georg nichts von seinen- eigentlich ja ungewollten- Beobachtungsanfällen mitbekam.

Schliesslich war auch Bills Lieblingsfilm zu Ende, und während Tom in den Keller ging, um noch mal ein Pack Cola nach Oben zu holen, ging Bill mit den inzwischen Leeren Schälchen in die Küche, um das Knabberzeug nachzufüllen.

„Kann ich dir irgendwie helfen?“

Erschrocken drehte sich Bill um und sah Georg in der Küchentür stehen. Sein Herz begann wie wild zu klopfen.

„Nein, geht schon.“, meinte er und versuchte, nicht allzu nervös zu klingen.

„OK.“, meinte Georg und lächelte Bill noch einmal zu, bevor er ins Wohnzimmer zurück ging.

Mit leicht zitternden Händen und noch immer stark klopfendem Herzen füllte Bill das letzte Schälchen und machte sich dann wider auf den Weg zurück ins Wohnzimmer, darauf bedacht, möglichst nicht zu Georg zu schauen.

Auch Tom war inzwischen wieder oben und hatte die neuen Colaflaschen neben den Tisch gestellt. Bill kuschelte sich wieder in seinen Sessel, und Tom, der sich wieder vor den DVD-Player gekniet hatte, zog eine DVD aus Georgs Tüte. Er begann zu grinsen und präsentierte sie den drei anderen.

„Ich hab gehört, der soll gut sein.“, meinte er und sah fragend zu Georg, welcher mit den Schultern zuckte. „Ich hab ihn noch nicht gesehen, gerade erst gekauft… Aber wir können ihn ja schauen.“, schlug er vor. Die drei anderen nickten, und so legte Tom die DVD ein.

Bereits der Anfang des Filmes war ziemlich brutal und blutig, und Bill fragte sich, ob es überhaupt noch möglich war, dass der Film noch schlimmer werden würde. Das war sehr wohl möglich, und Bill verkroch sich unter einer Wolldecke, zog sie sich bis ins Gesicht, so dass er gerade noch oben drüber schauen konnte, um etwas vom Film mitzukommen. Doch mit der Zeit zog er sich die Decke ganz über den Kopf und versuchte, sich die Ohren zuzuhalten- alleine die Geräusche des Films reichten aus, um ihn in Panik zu versetzen. Ansonsten machten ihm solche Filme so gut wie gar nichts aus, doch dieser Film versetzte ihn total in Panik.

So kam es, dass Bill erschrocken zusammenzuckte und leise wimmerte, als er plötzlich eine Berührung spürte. Hätte er sich nicht die Hand vor den Mund gepresst, hätte er vermutlich das ganze Haus zusammengeschrieen vor Schreck.

„Bill? Hey, keine Angst! Es war doch nur ein Film!“, hörte er leise Georgs Stimme sagen, was ihn etwas beruhigte.

„Wir gehen übrigens jetzt nach unten, pennen. Kommst du auch?“

Bill zog sich die Decke vom Kopf und nickte. Er kletterte vom Sessel, warf die Decke darauf und ging dann neben Georg her zur Kellertür.

Panisch schaute er sich in alle Richtungen um, während Georg bereits einige Treppenstufen hinuntergegangen war und sich dann umdrehte.

„Kommst du?“, fragte er. Bill warf noch einen Blick zurück, schloss die Tür hinter sich und folgte Georg dann. Als er beinahe unten war, begann eine Treppenstufe unter seinem Gewicht fürchterlich zu knarren. Bill schrie erschrocken auf, sprang nach vorne- und landete direkt in Georgs Armen, welcher seinem Kumpel beruhigend über den Rücken strich.

„Hey, keine Angst! Dir kann nichts passieren! Ich bin ja da!“, murmelte er und zog den vor sich hin wimmernden Bill vorsichtig in den Raum, in dem sie schlafen würden, wo er ihn wieder losliess.

Bill war das reinste Nervenbündel, als er sich bis auf Shirt und Boxershorts auszog, sich auf seine Matratze legte und sich die Bettdecke über den Kopf lag. Mit Armen und Beinen an den Körper gezogen lauschte er angstvoll den Geräuschen um sich herum. Er hörte, wie sich sein Bruder und seine Freunde noch einen Moment unterhielten, dann das Geräusch des Lichtschalters, und schliesslich herrschte- abgesehen vom ruhigen Atem seiner Freunde- stille. Bills Herz raste noch immer, und er rechnete damit, dass jeden Moment irgendwas passieren würde. Und es geschah tatsächlich etwas- wenn auch nicht ganz das, was er sich vorgestellt hatte…

„Bill?“, hörte er Georg plötzlich nahe an seinem Ohr flüstern. Bill hob den Kopf und streckte ihn unter der Bettdecke hervor. Georg kniete neben dem Kopfende seiner Matratze und hielt eine kleine Taschenlampe in der Hand, mit der er neben Bill auf die Matratze leuchtete.

„Du bist ja noch immer total in Panik!“, stellte er fest, und Bill nickte, die Decke krampfhaft umklammert. Georg setzte sich neben ihn auf die Matratze und zog den leicht zitternden Bill vorsichtig in seine Arme.

„Du brauchst keine Angst zu haben, ich pass schon auf dich auf!“, murmelte er und strich dem jüngeren vorsichtig über den Rücken.

Bill schmiegte sich an Georg. Auch wenn sein Herz wieder wie verrückt klopfte, war seine Panik fast schlagartig verflogen, als er seinen Kopf an Georgs Oberkörper schmiegte und dessen ruhigen Herzschlag hörte. Georgs Duft liess ihn schläfrig werden, er liess die Bettdecke los und seine Arme legten sich locker um Georg. Er fiel in eine Art Dämmerzustand, war nicht mehr wirklich wach, schlief aber auch nicht.

Georg lächelte.

„Rutsch mal ein wenig!“, meinte er leise, und Bill rutschte ein wenig zur Seite. Georg legte sich neben ihn auf die Matratze und zog die Decke über sich und Bill. Seine Hände streichelten weiterhin sanft über Bills Rücken.

Bill kuschelte sich so nahe es nur ging an Georg, fühlte weiterhin, wie dessen Hände sanft über seinen Rücken streichelten. Er genoss die Nähe zu seinem Freund, es beruhigte ihn total, ihn bei sich zu haben. Auch sein Herzschlag hatte sich inzwischen wieder beruhigt, er hatte das Gefühl, als schlage es mit Georgs im selben Rhythmus. Auf einmal fühlte er eine sanfte Berührung an seiner Stirn- waren es wirklich Georgs Lippen, die er da gerade gespürt hatte? Doch er hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Er seufzte leise, kuschelte sich noch ein wenig näher an Georg und war im nächsten Moment eingeschlafen.